Falk Schreiber, Kulturjournalismus

 

Falk Schreiber

Kulturjournalismus

Eine Fassade ohne Haus

Auch Queerness ist bloß eine Kategorie. Aber Tucké Royale ist nicht so leicht zu fassen – ein Porträt

(...) Als Royale fünf war, fiel die Mauer, war die DDR wichtig für ihn? Überraschung: Ja. „Ich war kein Pionier mehr, ich war auch zu jung, dass das ein Thema für mich gewesen wäre“, erzählt er. „Aber auf einer ästhetischen Ebene haben sich diese ,Peter im Tierpark‘-Szenarien eingeprägt. Eine gewisse Melancholie, mit der ich lebe, wurde durch die sehr gefordert. Mir stellt sich durchaus die Frage, wer ich wäre, wenn die Farben und die Kohlegerüche aus den ersten Jahren nicht gewesen wären.“ Eine erste Spur: „Peter im Tierpark“ ist ein Gemälde Harald Hakenbecks aus dem Jahr 1961, das sechs Jahre später als Briefmarke gedruckt wurde und in der DDR insbesondere durch Nachdruck in Schulbüchern enorm populär war. Und vielleicht versteht man die Ästhetik Royales über dieses Bild tatsächlich etwas besser, über die matten Farben, über die realistische Darstellung eines Kindes in einer winterlichen Zoolandschaft. (...)

Aus: Theater heute 07/2018

 

Doppel Whopper, Sahnetorte

Hänsel & Gretel – Am Hamburger Thalia Theater machen Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo das Grimmsche Märchen zum Schockmusical.

(...) Nach zwei Stunden ist die Hexe gegrillt, und auf die Orgie folgt der Kater. Die Inszenierung schleppt sich noch über 30 Minuten weiter durch Märchenmotive, mit dröhnendem, drogenvernebeltem Kopf: Es ist nicht falsch, dass Semper und Ojasoo ihr bis dahin mitklatschseliges Schockmusical ausbremsen, dem massentauglichen Charakter des Vorangegangenen einen kleinen, ziellosen Albtraum entgegenstellen. Es ist nur leider auch ein wenig langweilig, den nackten Hänsel (Kristof van Boven, okay, er trägt einen Fatsuit) zu beobachten, wie er durch verschneite Wälder irrt und von einem gehäuteten Mäuschen (Rafael Stachowiak) zugetextet wird. Irgendwie findet Hänsel nicht mehr nach Hause, und die Inszenierung findet nicht so richtig zu einem Schluss, auch wenn er schon in Sichtweite ist. (...)

Aus: Nachtkritik, 14. 4. 2018

 

Was für ein Frauenbild ...

Wegweisende Arbeiten der Künstlerin Astrid Klein sind in der Harburger Sammlung Falckenberg zu sehen

„Die fünf schlimmsten Krankheiten des weiblichen Geistes sind Aufsässigkeit, Unzufriedenheit, Geschwätzigkeit, Eifersucht und Dummheit“, weiß der japanische Philosoph Kaibara Ekiken (1630–1714). Riesiger Blödsinn, natürlich, aber das Zitat des Neo-Konfuzianers in Astrid Kleins Collage „Untitled (Die fünf schlimmsten Krankheiten)“ von 1979 stammt aus einer Zeitung, scheint also Ende der Siebziger noch eine gewisse Deutungsmacht besessen zu haben. Neben dem Zitat ist eine junge, leicht poröse Frau zu sehen, tief dekolletiert, ungeordnete Locken, leicht geöffneter Mund: „Aufsässigkeit, Unzufriedenheit, Geschwätzigkeit, Eifersucht und Dummheit“.

Aus: Hamburger Abendblatt, 3. 4. 2018

 

„Merkt ihr, wie es bröckelt?

Die Intendantin und Regisseurin Karin Beier unterzieht Shakespeare einer gnadenlosen Selbstbefragung: „Der Kaufmann von Venedig“ im Hamburger Schauspielhaus mit Joachim Meyerhoff in der Titelrolle.

(...) Zwar ist die Inszenierung ein textgenaues Hinterfragen von Shakespeares Vorlage, aber irgendwann kann auch sie sich bei aller intellektuellen Kälte dem Wissen nicht mehr verschließen, dass die Beziehung zwischen Europa und dem Judentum vor allem eine Gewaltbeziehung ist. Also schlagen die Bürger von Venedig in einer Po­gromszene Johannes Schütz’ Bühne kurz und klein. Und Jessica sitzt alleine an der Rampe, während weit hinten das von Meyerhoff angeführte Ensemble Shakespeares verlogenes Happy End spielt. (...)

Aus: Stuttgarter Zeitung, 29. 1. 2018

 

Im Hafen einer globalen Ästhetik

Das Festival Theater der Welt vereint Thalia Theater und Kampnagel in einer Hamburg umspannenden Feier

(...) Ob der Sklavenhandel, moderne Containerwirtschaft und Detroit Techno zusammendenkende Diskursraum „Die Stillgestellten oder: Salle des Pas Perdus“ von Hanna Hurzig oder die hochironische Race- und Gendertrouble-Geschichtsstunde „The Underground Railroad Game“ vom New Yorker Off-Off-Broadway-Theater Ars Nova: Das ist alles diskursiv, formal und nicht zuletzt in Bezug auf die Bühnenwirkung absoluter State of the Art. So sehr State of the Art, dass man sich schon freut, wenn sich die Hamburger Gruppe Hajusom in „Silmandé“ gemeinsam mit dem Neue-Musik-Orchester Ensemble Resonanz und dem burkinischen Jardin Silmandé dem Erwartbaren verweigert und ihre Mischung aus Beats, Streicherklängen, Tanz und Performance ins Chaos einer Schaumparty kippen lässt, die als kapitalismuskritische Apokalyse vielleicht ein wenig unterkomplex bleibt, dafür aber kein Auge beziehungsweise kein Kleidungsstück trocken lässt.

Aus: Theater heute 08/2017