Falk Schreiber, Kulturjournalismus

Falk Schreiber

Kulturjournalismus

Titelfoto: Das Tanzstück Manoeuvres / Groove Space von Sebastian Matthias, Foto: Laurent Burst

Im Grenzbereich

Die Kunst der Ratlosigkeit: Ersan Mondtag inszeniert am Hamburger Thalia Orhan Pamuks „Schnee“, Stefan Pucher Samuel Becketts „Warten auf Godot“.

(...) Bis auf weiteres sind die beiden Inszenierungen von Ersan Mondtag und Stefan Pucher also vor allem Studien zur Frage: Wie nahe kann man einer politischen Analyse im Theater überhaupt kommen? Mondtag geht von vornherein davon aus, dass eine allzu klare Festlegung fatal wäre und rettet sich in berührendes wenn auch eigenartig haltungsloses Kunsttheater, Pucher behauptet trotzig die Fähigkeit zur Positionierung und stolpert am Ende über seine eigene Kunstfertigkeit. Ein Trost: Besser als in diesen beiden extrem unterschiedlichen Inszenierungen kann politische Ratlosigkeit im Theater wohl kaum aussehen.

Aus: Theater heute 04/2016

 

Ich bin ein schlechter Mensch

Warum nicht ein bisschen die engen Maschen des geordneten Lebens dehnen? Falk Schreiber gerät auf die schiefe Bahn.

Wer mir noch unsymathischer ist als der regelmäßige Autofahrer, ist der Raser. Das muss doch nicht sein, schneller als mit der (meist ohnehin lächerlich hohen) Geschwindigkeitsbegrenzung durch die Pampa zu heizen, der Gesetzgeber wird sich ja wohl was dabei gedacht haben, dass zum Beispiel innerorts Tempo 50 vorgeschrieben ist. Ich bin für hohe Strafen für Raser, Fahrverbot, öffentliche Demütigung, Stockhiebe, alles gerechtfertigt. MAN MUSS NICHT 92 FAHREN, WO 80 ERLAUBT IST. So.

An der Ortsumfahrung Rostock wird man von 100 auf 80 Stundenkilometer runtergebremst. Und als ich an Rostock vorbeifahre, blitzt es, ich fahre 92. Kein Ding, habe ich verdient. Gebt mir meine Strafe, ich bin ein schlechter Mensch. (...)

Aus: kulturnews 02/2016 (nicht online)

 

Transitstädte

Wir hatten alle unser Gießen, unsere Stadt, in die wir zogen, als wir unsere Geburtststadt verließen, unsere Geburtsstadt, die selbst keine Metropole war, weswegen wir es gemächlich angehen ließen und uns fürs Flüggewerden eine Transitstadt aussuchten, und der wir hofften, uns zurechtzufinden. Heidelberg, Münster, Marburg, Göttingen. Oder Gießen. Hauptsache übersichtlich, Hauptsache große Uni. Natürlich fanden wir uns trotzdem nicht zurecht, wie denn auch, es war ja alles neu, wir verliefen uns unter 80 000 Einwohnern, wir begannen, Gefallen zu finden am Verlaufen, es war nicht mehr wichtig, in welcher Stadt wir waren, wichtig war die Stadt an sich. (...)

Weiterlesen: Les Flâneurs 12. 2. 2016

 

Das Kreuz fällt

Unterwerfung – Karin Beiers Houellebecq-Uraufführung ist eine atemberaubende Soloperformance für Edgar Selge und bleibt dabei diskursive Leerstelle

(...) Ja, wir erleben tiefgreifende Veränderungen, als 2022 eine islamistische Partei die Macht in Frankreich übernimmt, aber im Grunde wären die Veränderungen bei einer Rückbesinnung auf den Katholizismus oder einem Durchmarsch der Rechten ähnlich. Zumal die laizistische Republik eindeutig abgewirtschaftet hat, die Umwälzungen sind unausweichlich. Das Problem dabei: Wir erleben diese Umwälzungen aus der Perspektive von François, und der ist eine typische Houellebecq-Figur, larmoyant, lustlos, lebensmüde. Wenn einem so jemand sagt, dass die Zukunft gar nicht so schlimm sein wird – sollte man dann nicht annehmen, dass es ganz besonders schlimm wird? (...)

Weiterlesen: Nachtkritik, 6. 2. 2016

 

Die Schmerzensmutter

Der Hamburger Choreograf John Neumeier analysiert tänzerisch das Schauspiel der Eleonora Duse

Ein Kino. Febo Maris „Cenere“ (1916) wird gezeigt, der einzige Film mit dem italienischen Theaterstar Eleonora Duse (1858-1924). Und mehrere Minuten dieses Films eröffnen John Neumeiers Ballett „Duse“, stumm, in eine Ecke der Bühne verbannt, eine beeindruckende szenische Lösung, aber auch ein bisschen verschenkt. Denn um den heute nur schwer erhältlichen Film geht es nicht, es geht um die Tänzerin Alessandra Ferri, die hier im Kinosessel sitzt und als Eleonora Duse sich selbst auf der Leinwand beobachtet. Und es geht, tatsächlich, auch um den Kinosessel. Der nämlich wird die folgenden 100 Minuten bis zur Pause auf der Bühne stehen, und abseits von Neumeiers neoklassischem Tanz, abseits von der atemberaubenden Performance der 52-jährigen Ferri, abseits auch von der metaphernsatten Biografie, die hier erzählt wird. Weil der Kinosessel das Motivs des Zuschauens verdeutlicht, wird klar, dass es in „Duse“ um den Blick auf die Bühne geht. Es geht um Schauspiel. (...)

Weiterlesen: Theater heute 02/2016

 

Jenseits des Regenbogens

Früchte des Zorns – Luk Perceval inszeniert John Steinbecks Roman am Hamburger Thalia Theater als Migrationsgeschichte

(...) Immer wieder jedoch steht dem hehren Anliegen der Inszenierung ihre eigene Kunstfertigkeit im Weg. Im Eröffnungsbild, als der Sturm durch einen dunklen Unort zu heulen scheint, bis man merkt, dass dieses kreatürliche Heulen kein Wind ist, sondern der Kehle Nick Monus' entspringt. In Annette Kurz' minimalistischer Ausstattung, die nicht viel mehr braucht als einen laubbedeckten Boden und eine große, verschlissene Plane, um ein Lager zu skizzieren, einen Lastwagen, ein verdorrtes Feld, sogar eine Nabelschnur. Und in der Musik, die sich an Standards reibt, "Summertime", "My Baby just cares for me", "Somewhere over the rainbow": "Somewhere over the rainbow / way up high / there's a land that I heard of / once in a lullaby". Ach, was ist das doch für eine schöne, traurige Sehnsucht, auf Wanderschaft, auf Migration! (...)

Weiterlesen: Nachtkritik, 23. 1. 2016

 

Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so

Hamburger Ökonomie: Signa schaffen im Auftrag des Schauspielhauses mit „Söhne & Söhne“ neue Arbeitsplätze, Jette Steckel verwaltet am Thalia mit „Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen“ die Arbeitslosigkeit

(...) Immerhin, die Wut auf die Zustände, die diese Inszenierung prägt, trägt ein gewisses utopisches Potenzial in sich. „Der Mensch wär' gut anstatt so roh / Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!“ Brechts „Dreigroschenoper“ (mit der Antú Romero Nunes die Thalia-Spielzeit eröffnete und die man unbedingt mit diesem Horváth-Abend als Kombination sehen sollte) sagt ja auch: Wenn man die Verhältnisse ändert, dann ändert man auch das Dasein des Menschen im Jammertal der entfremdeten Arbeit. Zumindest Kreibichs Kasimir hat sich bei allem enervierenden Selbstmitleid ein gewisses Klassenbewusstsein bewahrt, da geht also noch was. Allerdings sagt Steckel nicht, ob die Systemveränderungsbereitschaft bei dem kleinen Jammerlappen womöglich irgendwann dazu führen könnte, dass er bei Pegida mitläuft. Zuzutrauen wäre es ihm. (...)

Weiterlesen: Theater heute, 01/2016

 

Wie spricht die Angst?

Der Islam flutet des Abendland, und Kleinkinder werden auf sexuelle Abwege geführt? Theatermacher Falk Richter weiß die Antwort auf Pegida-Projektionen.

kulturnews: Falk Richter, Ein älteres Stück von Ihnen, „Small Town Boy“, zeigte Figuren, die mit unkonventioneller Sexualität und ungewöhnlichen Familienstrukturen einen Umgang gesucht und teilweise gefunden haben. Und parallel demonstrierten „Besorgte Eltern“ gegen die Gleichstellung Homosexueller. Woher dieses plötzliche Interesse an Ehe und Familie, warum wird heute immer noch um die Definitionsmacht gekämpft?

Falk Richter: Das ist ein enormer Backlash von rechtskonservativen Kräften, die versuchen, Einfluss auf die öffentliche Meinung zu gewinnen. Es gibt einen Verein zur Rechristianisierung Europas, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die CDU, die als zu links und unchristlich wahrgenommen wird, zu korrigieren und auf den rechten Weg zu bringen. Ich kann das nur verstehen als Reaktion auf eine komplexer werdende, globalisierte Gesellschaft. Dass Menschen wieder ganz einfache Strukturen wollen: ein Vater, der sagt, wo es lang geht, eine Mutter, die zu Hause bleibt. Das ist Angst vor der Vielfalt des Lebens und vor dem Gewimmel, bei dem man nicht mehr durchsteigt, das chaotisch wird, das keine klaren Strukturen mehr hat. (...)

Aus: kulturnews 11/2015 (nicht online)