Falk Schreiber, Kulturjournalismus


Falk Schreiber

Kulturjournalismus


Auf engstem Raum

Der in Hongkong lebende Fotograf Michael Wolf zeigt in den Hamburger Deichtorhallen wie es aussieht, wenn Millionen Menschen zusammenleben

„Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten.“ Das ist so ein Satz, der vieles und nichts aussagt. Weil nicht klar ist, was mit Städten gemeint sein soll, das über den „urbanen Verdichtungsraum“ hinausgeht, weil „Stadt“ von Land zu Land unterschiedlich definiert ist, und nicht zuletzt, weil nicht gesagt wird, was es für das Zusammenleben der Menschen bedeutet, wenn sie mehrheitlich in Städten leben. Aber egal, „Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten“, das steht als Statement über „Life in Cities“, der Ausstellung des Fotografen Michael Wolf in den Hamburger Deichtorhallen, und zumindest klingt das schön weltläufig und urban. (...)

Aus: taz – die tageszeitung, 11. 12. 2018

 

Fucking identity politics

Salome – Ersan Mondtag inszeniert am Maxim Gorki Theater Berlin eine Wilde-Bearbeitung von Thomaspeter Goergen

(…) Da macht Claessens aus dem als erotisches Highlight erwarteten Schleiertanz ein abgründiges, müde kicherndes Wackeln im Leibchen. Da bekommt Salome endlich ihren Wunsch erfüllt, den abgeschlagenen Prophetenkopf zu küssen, aber was dann im Schoß einer überlebensgroßen Claessens-Statue liegt, ist dem Kopf des Salome-Darstellers selbst nachgebildet. Wurscht, das grausige Requisit wird ersatzweise geküsst, in einer autoerotischen Wendung. Eine Selbstzerstörung, die dieser zunehmend in die hochkreative Wirrnis driftenden Inszenierung immerhin ein angemessenes Finale ermöglicht. Der fünffache Johannes nämlich bekommt eine cheesy Shownummer zugestanden: "Rettet das Universum, schafft uns Menschen ab!", singt er das Publikum in eine suizidale Stimmung. Um dann sardonisch lächelnd "Endlösung kriegt jetzt endlich 'nen neuen Sinn" zu enden. Einen neuen Sinn. Endlösung. Wahnsinn.

Aus: Nachtkritik, 2. 12. 2018

 

Blutiges Dämmern

Shakespeares Tyrannen: Thorleifur Örn Arnarsson inszeniert «Macbeth» in Hannover, Karin Beier «König Lear» in Hamburg

(...) Es kommt nicht von ungefähr, dass Kent bei Krause ziemlich schnell in ein aggressiv gebelltes Sächsisch verfällt, dass er sein Lear-Loblied „Großer König, steig hernieder …“ zu Hanns Eislers Melodie der DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ singt, dass er Regan und Goneril nicht in erster Linie ihre Grausamkeit vorwirft, sondern ihre geschlechtliche Uneindeutigkeit: Eine „Herrschaft der Perversion und der Unnatur“ hätten sie etabliert, und wo die Kostüme im Laufe des Abends immer mehr zum Camp tendieren, ist klar, dass diese Perversion weniger mit Gewalt zu tun hat als mit einem Negieren klarer Familien- und Geschlechterrollen. Krauses Kent ist, das muss man so sagen, ein ausgemachter Reaktionär mit Pegida-Sympathien. Da kann Edgar noch so hoffnungsfroh in die Zukunft blicken, „Die Episode der Sesshaftigkeit mit ihren Staaten und Grenzen liegt hinter uns!“, er merkt nicht einmal, dass diese Open-Borders-Begeisterung sich zu einem neuen Konflikt entwickeln wird, zu einem Konflikt mit dem Staaten und Grenzen verehrenden Kent. (...)

Aus: Theater heute, 12/18

 

Knochensplitter über zwei Etagen

Wimmelbilder des Horrors: „As if“, die feingliedrigen Zeichnungen Ralf Ziervogels, zeigt die Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg

(...) Bald stellt sich eine Ermüdung ein, die nicht nur wegen des Sujets an eine Überdosis Pornografie erinnert: Der 15. Arschfick in Folge ist einfach nicht mehr besonders spannend, gerade wenn man ahnt, dass da ästhetisch mehr dahinterstecken könnte, als man sieht. Nur dass der Arschfick leider andere Bilder überstrahlt: Naturmotive wie das fein gearbeitete „fcknature“ (2011), in dem Ziervogels Tuschelinien zu durch die Luft jagenden Samen mutieren, die Blütenstände mehr beschießen als bestäuben. (...)

Aus: taz – die tageszeitung, 20. 11. 2018

 

„Die sind schon längst runtergefahren“

Frankenstein / Homo Deus – Am Hamburger Thalia diskutiert Jan Bosse, inspiriert von Mary Shelley und Yuval Noah Harari, das Thema Künstliche Intelligenz

(...) Der Abend ächzt unter seinem theoretischen Überbau – nicht nur, dass "Frankenstein / Homo Deus" inspiriert wurde von der britischen Gruselautorin Mary Shelleyund den Künstliche-Intelligenz-Theorien des israelischen Historikers Yuval Noah Harari, laut Programmheft spielen auch Motive von Isaac Asimov, Fischli/Weiss, Michel Houellebecq, Aldous Huxley, Monthy Python und vielen anderen mit rein in die Frage, was eigentlich aus der Menschheit wird, wenn die Biotechnologie in der Lage ist, Wesen zu erschaffen, die praktisch alles besser beherrschen als der Mensch. Und damit das vielstimmige Nachdenken über diese Frage angemessen abgebildet wird, gibt es auch viele (naja: fünf) unterschiedliche szenische Konzepte. Auf der Bühne den Grusel, im Mittelrangfoyer eine halbwegs lustige Kabarettnummer mit der gnadenlos unterforderten Karin Neuhäuser, im Parkett einen kurzen Horrorfilm von Jan Speckenbach, und so weiter. (...)

Aus: Nachtkritik, 19. 11. 2018

 

Rausch der Sinne

Jette Steckels Zweipersonen-Inszenierung „Medea“ wird am Thalia Theater bejubelt. Bezüge zur Gegenwart sind offensichtlich

(...) André Szymanski mag seinen Jason klug anlegen, als rationalen Einerseits-andererseits-Abwäger, der seine durchaus vorhandene Egozentrik mit einem souverän getragenen Menjou-Bärtchen überspielt, ausrichten kann er nichts gegen Maja Schönes Medea. Denn die ist ein Ereignis und würde das ohnehin auf zwei Personen (sowie einen „Chor der Kinder“ und zwei Livemusiker) eingedampfte Drama im Zweifel auch allein stemmen, wütend, liebend, rasend. Schöne prägt die Inszenierung, sie treibt die Handlung konsequent in Richtung Abgrund, sie buhlt um Mitgefühl, wenn sie heult und sich krümmt, sie stellt klar, dass die Medea zugeschriebenen Zauberkräfte vor allem aus offensiver Sexualität bestehen. Nein, da mag der Titel behaupten, was er will: Gespielt wird hier „Medea“. (...)

Aus: Hamburger Abendblatt, 21.10.2018

 

Identitäts-Migration

Außer sich – Am Berliner Gorki Theater fragmentiert Sebastian Nübling Sasha Marianna Salzmanns Romandebüt

(...) Ein interessantes Spiel mit Identitäten entspinnt sich hier also, ein Spiel, hinter dem die pflichtschuldig abgehakte zweite Ebene des Romans ein wenig verblasst. Die Zugfahrt der Familie aus Russland in die Bundesrepublik mag von Seck mit Verve performt werden, sie bleibt aber ebenso wie Anastasia Gubarevas in diesem Kontext überraschend konventionelle Darstellung der Mutter Rampenrede, Prosa. Und dass gegen Ende tatsächlich noch eine Anton-Figur auftritt, ist sogar ein Verschenken der Qualität von Schauspieler Mehmet Ateşçi, der hier ein Inzest-Motiv explizit macht, das als unscharf beunruhigende Sexualität hinter dem Dazwischen-Spiel der Istanbul-Erzählung eigentlich viel stärker war. (...)

Aus: Nachtkritik, 12. 10. 2018

 

Erfahrene Tresensteher

Das Internationale Sommerfestival Hamburg zwischen Mainstream und Avantgarde

(...) Überhaupt erweist sich Festivalleiter András Siebold in seinem sechsten Festival als treuer Geist: Viele Künstler wurden schon mehrfach nach Hamburg eingeladen und bilden nach und nach eine Art virtuelles Sommerfestival-Ensemble. So Gisèle Vienne, die ihre (zuvor schon bei den Wiener Festwochen und in der Berliner Volksbühne präsentierte) Rave-Choreografie „Crowd“ zeigt, so Rimini Protokoll, deren (in angepassten Versionen schon in Berlin und im Ruhrgebiet präsentierte) theatrale Stadtrundfahrt „Dos & Don’ts“ zwar inhaltlich schwächelt, formal aber die Hinterhöfe und Ausfallstraßen Hamburgs in reizvolle Readymade-Bühnen verwandelt und so eine im während der vergangenen Jahre fast vollständig auf Kampnagel gezeigten Gesamtwerk der Gruppe eher zweitrangige Produktion doch noch sehenswert macht. (...)

Aus: Theater heute 10/2018

 

„Sperrt eure Töchter ein!“

Das Theater ist mehr als weiß, heterosexuell, männlich? Die neue Spielzeit sendet gemischte Signale.

(...) Ja, Trump, Brexit, AfD, alles schlimm – aber gleichzeitig regiert in Frankreich mit Emmanuel Macron ein überzeugter Europäer. Jede Bewegung beinhaltet auch eine Gegenbewegung. Womöglich auch im Theater: Ende Oktober übernimmt der Niederländer Johan Simons die Intendanz am Bochumer Schauspielhaus. Und etabliert dort ein Ensemble, das die multikulturelle Vielfalt des Ruhrgebiets abbildet und keinen klassischen Bildungskanon, mit Schauspielern wie Mercy Dorcas Otieno, Jing Xian, William Bartley Cooper, Sandra Hüller und Mourad Baaiz. Bunt. Anders. Queer. (...)

Aus: kulturnews, 09/2018 (nicht online, PDF auf Anfrage)

 

Stürme, Feuer, Erdbeben

Der Mensch im Spiel der Elementargewalten: Die Hamburger Kunsthalle zeigt die Schau „Entfesselte Natur“

(...) Tatsächlich verweigert „Entfesselte Natur“ jede politische Einordnung. Selbst in den letzten Räumen, die sich zeitgenössisch mit Endzeitszenarien auseinandersetzen, fehlt jeder Hinweis auf eine menschliche Verantwortung für die Katastrophe. Im Grunde ist diese Präsentation die Chronologie künstlerischer Moden, hier die die holländischen „Brandjes“ des 17. Jahrhunderts, dort die Welle von Sintfluten 100 Jahre früher, drüben Schiffsunglück um Schiffsunglück. Kann man Josef Carl Berthold Püttners „Untergang des Auswandererschiffes Austria am 13. September 1858“ (1858) betrachten, ohne an Migranten zu denken, die heute auf überladenen Schiffen krepieren? Kann man die Katastrophe denken, ohne an Politik zu denken? Hamburg schwitzt.

Aus: Stuttgarter Zeitung, 6. 8. 2018 (nicht online, PDF auf Anfrage)

 

Hamburgs schönster Abenteuerspielplatz

Die vierten Hallo Festspiele im ehemaligen Kraftwerk Bille in Hammerbrook eroberten den Fluss als öffentlichen Raum zurück.

(...) Es gibt in der Darstellenden Kunst eine lange Tradition des nackten Körpers. Wobei Nacktheit hier fast immer heißt, dass die Darsteller nackt sind, das Publikum bleibt bedeckt. In „Litany for a naked audience“ von Frauke Aulbert und Ann-Kathrin Quednau aber ist diese Trennung aufgehoben, gemeinsam wird eine mobile Sauna besucht, in der die beiden Performerinnen singen: „Voice Piece“ von Joan la Barbara, ein minimalistisches Stück, das weitgehend aus langgezogenen Obertönen besteht und das die Sängerinnen im Extremklima der Sauna an ihre Grenzen führt: die Stimmen brechen, die Töne zittern, das Publikum schwitzt. (...)

Aus: Hamburger Abendblatt, 5. 8. 2018

 

Eine Fassade ohne Haus

Auch Queerness ist bloß eine Kategorie. Aber Tucké Royale ist nicht so leicht zu fassen – ein Porträt

(...) Als Royale fünf war, fiel die Mauer, war die DDR wichtig für ihn? Überraschung: Ja. „Ich war kein Pionier mehr, ich war auch zu jung, dass das ein Thema für mich gewesen wäre“, erzählt er. „Aber auf einer ästhetischen Ebene haben sich diese ,Peter im Tierpark‘-Szenarien eingeprägt. Eine gewisse Melancholie, mit der ich lebe, wurde durch die sehr gefordert. Mir stellt sich durchaus die Frage, wer ich wäre, wenn die Farben und die Kohlegerüche aus den ersten Jahren nicht gewesen wären.“ Eine erste Spur: „Peter im Tierpark“ ist ein Gemälde Harald Hakenbecks aus dem Jahr 1961, das sechs Jahre später als Briefmarke gedruckt wurde und in der DDR insbesondere durch Nachdruck in Schulbüchern enorm populär war. Und vielleicht versteht man die Ästhetik Royales über dieses Bild tatsächlich etwas besser, über die matten Farben, über die realistische Darstellung eines Kindes in einer winterlichen Zoolandschaft. (...)

Aus: Theater heute 07/2018

 

Wasr ein Frauenbild ...

Wegweisende Arbeiten der Künstlerin Astrid Klein sind in der Harburger Sammlung Falckenberg zu sehen

„Die fünf schlimmsten Krankheiten des weiblichen Geistes sind Aufsässigkeit, Unzufriedenheit, Geschwätzigkeit, Eifersucht und Dummheit“, weiß der japanische Philosoph Kaibara Ekiken (1630–1714). Riesiger Blödsinn, natürlich, aber das Zitat des Neo-Konfuzianers in Astrid Kleins Collage „Untitled (Die fünf schlimmsten Krankheiten)“ von 1979 stammt aus einer Zeitung, scheint also Ende der Siebziger noch eine gewisse Deutungsmacht besessen zu haben. Neben dem Zitat ist eine junge, leicht poröse Frau zu sehen, tief dekolletiert, ungeordnete Locken, leicht geöffneter Mund: „Aufsässigkeit, Unzufriedenheit, Geschwätzigkeit, Eifersucht und Dummheit“.

Aus: Hamburger Abendblatt, 3. 4. 2018

 

„Merkt ihr, wie es bröckelt?

Die Intendantin und Regisseurin Karin Beier unterzieht Shakespeare einer gnadenlosen Selbstbefragung: „Der Kaufmann von Venedig“ im Hamburger Schauspielhaus mit Joachim Meyerhoff in der Titelrolle.

(...) Zwar ist die Inszenierung ein textgenaues Hinterfragen von Shakespeares Vorlage, aber irgendwann kann auch sie sich bei aller intellektuellen Kälte dem Wissen nicht mehr verschließen, dass die Beziehung zwischen Europa und dem Judentum vor allem eine Gewaltbeziehung ist. Also schlagen die Bürger von Venedig in einer Po­gromszene Johannes Schütz’ Bühne kurz und klein. Und Jessica sitzt alleine an der Rampe, während weit hinten das von Meyerhoff angeführte Ensemble Shakespeares verlogenes Happy End spielt. (...)

Aus: Stuttgarter Zeitung, 29. 1. 2018