Kurz vor der schlimmsten Jahreszeit für den Kulturjournalisten, der Saure-Gurken-Zeit, drehe ich noch einmal auf. Und veröffentliche auf einen Schlag Text um Text … Wobei ihr längst verstanden habt: So etwas heißt nicht, dass mich plötzlich die Arbeitswut gepackt hat, so etwas heißt nur, dass sich eine ganze Reihe Artikel auf Halde angesammelt hat. Wie ein aufgestauter See – irgendwann brechen eben die Dämme.

Für die Nachtkritik habe ich das Live Art Festival auf Kampnagel besucht. Also, ich habe mich dem Exzess hingegeben – “Excess yourself” lautete das Thema. Für meinen Festivalbericht besuchte ich unter anderem Arbeiten von HGich.T, Neal Medlyn und Ariel Efraim Ashbel.

Exzess ist eine gefährliche Sache. An der Bar in der Kampnagel Music Hall hängt jedenfalls ein Ausschnitt aus einer Klatschzeitschrift mit der Überschrift “Beauty-Killer Alkohol”, was einem exzessives Verhalten schon im Vorfeld vermiesen soll. Andererseits sind Beauty, Würde, Struktur ohnehin Konzepte, die man mal hinterfragen sollte, und das “Ja!” zum Exzess ist wohl der erste Schritt zu diesem Hinterfragen.

Es gab noch mehr Festivals, vergangenen Monat, darunter das Körber Studio Junge Regie in der Gaußstraße, über das ich in der Theater heute einen längeren Text veröffentlichte (der, wie immer bei diesem Medium, online nur für Abonnenten zugänglich ist):

Elf Jahre existiert das Körber Studio Junge Regie am Hamburger Thalia in der Gaußstraße als Leistungsschau der deutschsprachigen Regieschulen. Elf Jahre, in denen die unterschiedlichen Schulen ihre Profile schärfen konnten, elf Jahre, in denen sich aber auch Vorurteile verfestigten. Zum Beispiel: Die Unis Hildesheim und Gießen stehen für Postdramatik, die Hamburger Theaterakademie für gut abgehangene Ironie und die Berliner Ernst Busch Schule für Exzess und körperliche Entgrenzung. Und wie meist sind solche Vorurteile eine self-fulfilling prophecy: Wer es darauf anlegt, in Hildesheim Postdramatik zu finden, der findet sie dann auch.

Ebenfalls in der Theater heute schrieb ich noch eine Doppelkritik über zwei Abende am Theater Bremen: “Die zehn Gebote” in der Regie Dušan David Pařízeks und “Lost”, inszeniert von Alexander Giesche.

Was diese „Zehn Gebote“ ganz und gar nicht sind, ist – religiös. Gut, das ist auch die Vorlage von Kieślowski und Piesiewicz nur in dem Sinne, dass hier auf ein biblisches Regelwerk Bezug genommen wird, aber die Konsequenz, mit der Pařízek allgemeine menschliche Verhaltensregeln ohne jeglichen Rückgriff auf eine höhere Macht durchdekliniert, irritiert dann doch. Zumal wenig später ein weiterer Fernsehstoff am Bremer Theater zur Aufführung kommt, der im Grunde nichts anderes macht als eben eine solche Macht zu umkreisen: Alexander Giesches „Lost“ nach Motiven aus der gleichnamigen TV-Serie.

Für das uMag habe ich Ebba Durstewitz interviewt – die kennt man hauptsächlich als Musikerin bei JaKönigJa, sie ist aber auch Literaturwissenschaftlerin. Und Künstlerische Leiterin des Dockville-Satellitenfestivals Scienceville.

uMag: Ebba Durstewitz, ich kann mir etwas unter dem Dockville als Musikfestival vorstellen. Das Artville als Kunstfestival geht auch. Und auch das Lüttville als Kinderfreizeit. Aber Scienceville?
Ebba Durstewitz: Die Vorgabe war “Kunst und Wissenschaft”, und mir war ziemlich schnell klar, was ich nicht machen möchte: ein Festival, wie es sie in Science Centern oder Museen gibt, bei dem es darum geht, was Kunst und Wissenschaft überhaupt miteinander zu tun haben. Das Thema ist ziemlich abgefrühstückt. Unser erstes Anliegen ist, wissenschaftliche Themen aus der Uni rauszuholen, und da passt das Motto “Nichtwissen, Nichtverstehen” ganz gut. Die Lehre vom Nichtwissen nennt sich Agnotologie, die Lehre vom Nichtverstehen nennt sich negative Hermeneutik – das ist einfach ein Perspektivenwechsel, der gerade in den Wissenschaften stattfindet, der aber noch nicht durch alle Feuilletons genudelt wurde.

Außerdem im uMag: ein Fragebogen mit der wunderbaren Electroclash-Gendertrouble-Heldin Peaches:

uMag: Deine Botschaft an die Frauenhasser dieser Welt?
Peaches: Seid keine!

Und ein Überblick über die großen und kleinen Theaterfestivals diesen Sommer. Kann man ja immer brauchen.

Sommer heißt: Theater machen Spielzeitpause. Und Spielzeitpause heißt: Festivalzeit! Was schade ist um den Sommerurlaub der Theatermacher, aber schön für uns.

Und schließlich schrieb ich auch noch ein rauchschwangeres Hohelied auf meine Wunschheimat, das Ruhrgebiet.

Das Ruhrgebiet ist natürlich Provinz, da braucht man nichts zu beschönigen. Trotz eines urbanen Raums mit fünf Milionen Einwohnern, trotz einer tollen Hochschullandschaft, trotz atemberaubender Industriearchitektur und trotz großartiger Theater, Museen und Fußballvereine. Das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist ein Stadtkonglomerat, das aus der Zeit gefallen scheint, irgendwann seit Mitte der Neunziger. Da fing man an, das Ruhrgebiet zu übersehen, da zogen die Coolen alle weg, nach Berlin oder ins Ausland, und die Zielstrebigen zogen nach München und nach Hamburg. Im Ruhrgebiet blieben die, die sanft den Tag wegkifften, mit Blick auf das Dortmunder Stadtentwicklungsquartier Phoenix West. Im Sonnenuntergang.

Im Kino war ich auch, nur geht es hier ebenfalls um Theater. Mainstream-Regisseur Joss Whedon neuverfilmte “Viel Lärm um nichts” – die Kritik steht in der kulturnews.

“Viel Lärm um nichts” mag die Arthouse-Fingerübung eines Blockbustermachers sein, aber in seiner Beweisführung der Heutigkeit von Shakespeares Versen ist der Film durchaus beeindruckend. Zumal Whedon ein wunderbar aufgelegtes Ensemble zur Verfügung hat, das den zwar konventionell, aber in edlem Schwarzweiß gedrehten Film ohne Durchhänger spielt.

Ächz. Kommenden Monat setzt diese hübsche Rubrik aus, Sommerloch, ihr wisst ja. Bis dahin: viel Spaß beim Lesen.

Sie planen jetzt also eine Seilbahn. Über die Elbe. Ach, wer bin ich, dass ich den Leuten den Spaß verderbe, sollen sie ihre Seilbahn bauen, sie wird hässlich aussehen, aber was sieht nicht alles hässlich aus in dieser Stadt? Würde es nach mir gehen, würde die Seilbahn nicht gebaut, aber ich bin auch nur einer von 289876 Einwohnern in Hamburg-Mitte, viel zu sagen habe ich nicht, vergleichsweise. Ich werde beim Volksentscheid im August meine Stimme abgeben, gegen die Seilbahn, das ist meine demokratische Pflicht.

Was ich aber nicht aufhören werde, ist: mich darüber zu ärgern, für wie blöde einen die Seilbahn-Befürworter halten, die Musicalbumsbetreiber Stage Entertainment am südlichen Elbufer. Behaupten, dass die Seilbahn doch ein Geschenk sei, ganz uneigennützig, für die Bürger der Stadt. Und diesen Ärger habe ich vorgestern auf Twitter formuliert. So:

 

Und auf diesen Tweet hat sich dann ein Befürworter der Seilbahn gemeldet. Ich habe mir länger überlegt, ob ich den Tweetdialog öffentlich machen sollte, aber, mal ehrlich, das ist Twitter, nicht Facebook oder Mail, das ist öffentlich! Als ob man auf einer Bühne stehen würde, um lautstark zu streiten! Deswegen muss der Herr B. jetzt auch damit leben, dass ich seine irrsinnige Argumentation in die Helligkeit dieses Blogs zerre – er hat das Ganze ja schon exponiert, indem er mir geantwortet hat. Außerdem bette ich seine Zitate nur ein, sollte ihm also plötzlich peinlich sein, was für einen Blödsinn er verzapft hat, kann er sie auf Twitter einfach löschen, dann verschwinden sie auch hier. Falls er kapiert, wie das geht. Seilbahn-Fans, kapiert ihr das?

 

 

Oh, also wird schon davon ausgegangen, dass das Ganze vielleicht doch kein Geschenk ist?

Oh ja, Hamburg ist natürlich eine ganz schlimme Stadt, die den Touristen rein gar nichts bietet. Nicht einmal einen begehbaren Fernsehturm. Und außer Fernsehtürmen und Seilbahnen gibt es ja gar keinen Grund, eine Stadt zu besuchen.

Das ist der Moment, an dem man merkt: Herr B. hat keinen Bock mehr, weiter zu twittern. Jetzt schimpft er nur noch.

… und kurz darauf bricht er die Diskussion auch ab. Nicht ohne mir noch einen mitzugeben: Ich argumentiere kleinbürgerlich. (In der Bezirksversammlung haben sich übrigens CDU und AfD in trauter Einigkeit für die Seilbahn ausgesprochen, SPD, Grüne und Linke sind dagegen. Soviel zu “Kleinbürger”.)

Ein paar Stimmen mit weniger Schaum vor dem Mund: Erik Hauth begründet in der Zeit seine Ablehnung des Vorhabens. Hamburg-Mittendrin stellt die Meinungen von Befürwortern und Gegnern einander gegenüber. Die Planer haben eine schicke Pro-Propaganda-Seite gebaut. Und auch die Gegner sind online.

15. Juni 2014 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Daddeln · Tags: , , ,

Vorbemerkung

Ihr habt schon gemerkt: Hier passiert gerade wenig. Weil alle spannenden Themen abwanderrn, dorthin, wo ich Geld für Texte bekomme. Oder zu den Flâneuren, wo wir kollektive Formen ausprobieren können. Hier hingegen gibt es manchmal Wegweiser zu ebendiesen Texten woanders und meistens gar nichts. Was auf lange Sicht auch keine Lösung ist. Also: ein neues Format muss her, ein Format, das woanders keinen Platz hat. Zum Beispiel Mens sana in corpore sano, Mensa. Restaurantkritiken aus Banausensicht. Das lässt sich noch verbessern, sicher, zum Beispiel: mit Fotos, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Mache ich beim nächsten Mal, so es ein nächstes Mal geben sollte. Die Bandschublade: ein Foodblog. Guten Hunger.

Drumherum

Das Tschebull bezeichnet sich selbst als “Beisl, Restaurant, Bar”, das klingt unprätentiös, weil eine “Beisl” im Österreichischen das ist, was in Bayern die “Boazn” ist und in der schwäbischen Heimat die “Beiz”: ein Wirtshaus. Aber das Tschebull steht nicht in Österreich, es steht in Hamburg, im Levantehaus. Welches sich in der Mönckebergstraße befindet, der uncoolen Schickirennstrecke zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, und, ja, als wir das Tschebull besuchen, sitzt am Nachbartisch ein Junggesellinnenabschied. Gesittet zwar, aber, trotzdem: Wo Junggesellinnen sich verabschieden, sollte man sich fernhalten.

Davon ab, ist das Tschebull vor allem ein sanft hochpreisiger Laden, der tatsächlich angenehm wenig Wert auf Förmlichkeiten legt. Das zeigt sich schon in der Einrichtung: Alpenländisches wird zitiert, aber sehr zurückhaltend, mit leicht spöttischem Humor, ansonsten herrscht holzgeprägte Coolness vor (der Humor wird allerdings auf den Toiletten überstrapaziert, wo man zunächst ein angedeutetes Plumsklo besucht, und am Waschbecken sein Handtuch in eine Milchkanne fallen lässt. Aber das hier soll ja eine Restaurantkritik sein und keine Toilettenkritik). Alles in allem: ein Lokal, in dem Nasen wie wir uns durchaus wohlfühlen. Sanft hochpreisig, das heißt: Die Hauptgerichte beginnen bei 19 Euro (Tafelspitz) und enden bei 28 Euro (Rücken vom Klosterschwein). Will sagen, puh. Wir nahmen das Gourmet-Menü, das von Rindchens Weinkontor angeboten wird, 59 Euro für fünf Gänge inclusive korrespondierender Weine, Wasser und Kaffee, das ist fair. Sehr fair.

Vorspeise: Tomaten-Auberginentatar mit Burratastreifen und Brunnenkressepesto

Als Gruß aus der Küche gab es Brot mit Erdäpfelcreme, für mich ein wenig zu schwer, aber okay. Die Vorspeise dann aber sehr lecker, frisch und überraschend rauchig: ein Salätchen. Dazu ein Welschriesling vom burgenländischen Weingut Strehn, lecker, ein wenig arg unspektakulär vielleicht.

Erster Gang: Weißer Spargel in der Folie geschmort mit Bärlauchtascherln, Bröselschmelze und Tiroler Schinken

Wir sind ja Banausen, Spargel gehört bei uns gekocht und mit zerlassener Butter serviert. Aber auch Banausen lassen sich gerne mal was Neues zeigen. Beispielsweise diese sehr zurückhaltende Variante, die sich sehr, sehr, sehr auf die ursprüngliche Geschmacksfarbe konzentriert. Der schönen, klugen Frau war es ein wenig zu intensiver Spargelgeschmack, ich war eber ganz angetan. Begeistert waren wir alle vom Rotgipfler (Rotgipfler! Noch nie gehört! Und dass das ein Weißwein ist, überrascht gleich nochmal) vom Johanneshof Reinisch aus der Thermenregion, geschmacklich intensiv mit überraschend starken Karamellnoten im Abgang.

Fischgang: Dorade Royal mit Kohlrabi-Erbsengemüse, Rahmdalken und Petersiliensafterl

Holla! Sensationeller Fisch, leckeres, noch knackiges Gemüse, optisch toll angerichtet. Was “Rahmdalken” sind, habe ich nicht wirklich verstanden, die nette, etwas wuschige Kellnerin meinte, in Frankreich nenne man sie Blinis, aber ich kenne Blinis eher aus Osteuropa, und die sehen ganz anders aus, egal. Dazu einen sehr feinen Pinot Blanc vom niederösterreichischen Weingut Maurer.

Hauptgang: Warm geräuchertes Ochsenbeiried mit gebratenen Romanaherzen, Zwiebelmarmelade, Süßkartoffelpommes und Sauce Bearnaise

Die schöne, kluge Frau ist skeptisch: rotes Fleisch! Aber die rote Färbung kommt vom Räuchern, und das ist wirklich sehr, sehr gut. Das Beiried (ich wusste nicht einmal, was das eigentlich ist, anscheinend ist es ein Teil des Rückens) bekommt so einen ganz interessanten Schinkengeschmack, großartig. Frau D. hingegen bemängelt die Süßkartoffelpommes, die sind ihr zu süß, und sie hätte “lieber Kroketten” gehabt, aber gemeinsam mit der mir eigentlich zu pappigen Sauce Bernaise ergibt das eine raffinierte Kombi. Dazu: Blaufränkisch, wieder vom Weingut Strehn, schwer aber nicht zu schwer, ein toller Übergang von weiß zu rot.

Dessert: Waldmeister-Champagnercreme mit frischen Erdbeeren und Caipirinhasorbet

Die Erdbeeren hätten nicht sein gemusst, die sind sauer und bäh. Der schönen, klugen Frau missfällt auch die Waldmeister-Champagnercreme, sie findet, die sei zu bitter, weswegen Frau D. und ich uns ihre Portion mit viel Freude teilen, das Sorbet überzeugt alle. Der dazu gereichte Moscato d’Asti von der piemontesischen Cascina Fonda (der einzige nicht-österreichische Wein des Abends, btw) ist interessant, mir allerdings viel zu süß. Ja, ich weiß, Dessertwein, schon klar. Aber der hier ist eigentlich gar kein Wein mehr, sondern eine Süßspeise.

Fazit

Ja, ein großartiges Menü. Ja, eine interessante Weinzusammenstellung praktisch ohne Durchhänger (dass ich mit Süßweinen nicht so gut kann, liegt an mir, nicht am angebotenen Moscato d’Asti). Ja, ein etwas trubeliges Ambiente mit halbwegs zweifelhaften weiteren Gästen. Und ein Service, der grundsympathisch daherkommt, bei Fragen allerdings schnell ins Schwimmen gerät (“Wo befindet sich in Österreich denn die Thermenregion?” “Öh. Im Südosten?”). Und der, das ist vielleicht wirklich ein echter Minuspunkt, sehr sparsam ausschenkt. Fünf Gläser sind schon eine ganze Menge, viel mehr hätte ich unter Genussgesichtspunkten auch nicht vertragen, aber: Wir waren auch schon bei Menüs, bei denen uns ein Nachschenken angeboten worden war. Immer wieder. Hier: nichts.

Disclaimer: Dieser Restaurantbericht ist rein privat. Es gab keinerlei Zuwendungen, weder finanzieller noch anderer Art, nicht von Rindchens Weinkontor, nicht vom Restaurant Tschebull, nicht von den genannten Winzern. Die Verlinkungen sind zur Information gedacht, nicht als Werbung.

Igitt.

Igitt.

Sie haben es wieder getan. Die Bild, jenes Tageszeitungssurrogat für unausgelastete Rechtspopulisten, hat wieder eine Gratisausgabe (die nicht gratis ist, weil wir alle sie über die Anzeigenkunden refinanzieren) produziert, diesmal anlässlich der Fußball-WM (was ein ziemlich bezeichnendes Licht darauf wirft, auf welche Zielgruppe dieses Event abzielt). Und wie schon hier und hier möchte ich die Inhalte dieser sogenannten Zeitung keines Blicks würdigen, sondern einfach mal schauen, wer in dieser Ausgabe inseriert hat. Damit ich weiß, durch welches Kaufverhalten ich zukünftig den springerschen Hass finanziere. Beziehungsweise: Damit mir klar ist, durch welches Kaufverhalten ich ebendas nicht mehr mache.

WhatsApp beziehungsweise Preis24.de

Die Deutsche Bank (bei der ich schon lange kein Konto mehr habe. Ich weiß, mein kleines Gespare ist ein Tropfen auf dem heißen Stein)

BMW

Vodafone (Dieser Blogpost wird über einen bestimmten Provider ins Netz gestellt, und dieser Provider heißt … Vodafone. Mist)

Lidl beziehungsweise deren Eigenmarke Cien

Media Markt

Sky (Okay, das passt wenigstens zum Thema)

Deutsche Post (Gleich zwei Anzeigen. Kann man die eigentlich irgendwie umgehen?)

Rewe (Ist hier leider Gottes der nächste Supermarkt)

Das wars dann schon. Immerhin: Weniger als zuletzt.

Das Sommerloch erhebt schon im Mai sein hässliches Haupt, zudem ist da das Theatertreffen, das dafür sorgt, dass recht wenig los ist. Ulkigerweise bin ich trotzdem immer gestresst und komme kaum zum Bloggen, weder hier noch drüben bei den Flâneuren. Tja.

Für die Nachtkritik habe ich vergangenen Monat nur einen einzigen Text geschrieben. Und der ist nicht einmal eine Kritik im klassischen Sinne sondern ein Bericht vom Besuch auf einem Straßenfest, also, bei “New Hamburg“, der Außenproduktion des Schauspielhauses.

Für das Schauspielhaus haben Björn Bicker, Malte Jelden und Michael Graessner auf der Veddel den Themenkomplex “New Hamburg” entwickelt, eine Mischung aus Sozialarbeit, Stadterkundung und auch Theater, das vom 3. bis 25. Oktober in ein Festival münden soll. Bicker, Jelden und Graessner haben ähnliche Projekte schon für die Münchner Kammerspiele (“Bunnyhill”) und das Theater Neumarkt in Zürich (“Arrivals”) realisiert, Ende Juni planen sie Vergleichbares in Stuttgart – als mäkeliger Kritiker hat man so schnell das Bild eines Künstler-Jetsets vor Augen, der aus der Brennpunkt-Recherche ein einträgliches Geschäftsmodell entwickelt. Man kann aber auch anerkennen, dass man es hier mit Profis zu tun hat, mit Leuten, die wissen, was sie tun, die wissen, dass es erst einmal nicht darum geht, große Kunst zu machen, sondern darum, Vertrauen herzustellen in einem theaterfremden Umfeld – die Kunst mag dann später kommen.

Auch in der Theater heute habe ich was geschrieben, eine Kritik zu Armin Chodzinskis “Allegorie der Unsterblichkeit” auf Kampnagel (die wie bei diesem Medium üblich online nur für Abonnenten verfügbar ist, ihr kennt das).

Chodzinski trägt eine Kastenbrille, einen leidlich sitzenden Anzug, einen Seitenscheitel. Die perfekte Mischung aus Spießertum und St. Pauli-Grandezza. Und er singt: Brechts „Solidaritätslied“, Vorwärts!, immer weiter, Wachstumszuversicht ist kein originär rechtes Thema. Singen, Tanzen, Brüllen, Predigen.

Im uMag habe ich mich mit den “Menschen da draußen” auseinandergesetzt. Ja, mit den Menschen, die AfD wählen. Oder so denken wie AfD-Wähler. Kein schönes Thema.

Die Menschen da draußen haben Angst. Vor Gender Mainstreaming. Vor dem Islam. Vor Homosexualität. Die Menschen da draußen halten Wladimir Putin für einen tollen Politiker und die EU für ein sozialistisches Zwangssystem. Die Menschen da draußen haben was gegen Politiker, gegen Medien und gegen Akademiker. Die Menschen da draußen wirken, alles in allem, ziemlich freudlos, umzingelt von Institutionen, die ihnen Böses wollen.

Außerdem habe ich gemeinsam mit meiner Praktikantin Lena Schütte einen Fragebogen für die Performancegruppe/Band HGich.T entworfen.

uMag: Was erträgt man leichter: schlechte Musik oder schlechtes Theater?
Paul Geisler: Schlechtes Theater sieht man zu 99 Prozent gar nicht. Schlechte Musik läuft überall. Das ist natürlich Geschmackssache, aber wenn der Geschmack genervt ist, ist man total ohnmächtig.

Außerdem habe ich noch einen kurzen Text geschrieben über Dietmar Daths neuen Roman. Ein Irrsinn.

Ein Beispiel aus dem “Roman der letzten Künste” “Feldeváye” (Suhrkamp Nova)? “Die Rengi im Raum larkten schockiert. Der Storarier keuchte leise, das Wilfern hatte ihn viel Sauerstoff gekostet.” 800 Seiten lang, ohne eine Erklärung, was “Larken” oder “Wilfern” eigentlich sein sollen. Dafür feiert Dath eine diebische Freude am Schichten von kaum decodierbarem Gelaber, eine Freude, die “Feldeváye” auf die Dauer nahezu sinnliche Qualität verschafft.

An Kritiken gibt es in der kulturnews eine über die fast uneingeschränkt empfehlenswerte Graphic Novel “Kinderland” des großartigen Mawil:

“Kinderland” ist wie so häufig bei Mawil die Erinnerung an Schule, erste Liebe, Versagensängste. Allerdings ist die Geschichte diesmal im Gegensatz zu “Die Band” (2004) und “Wir können ja Freunde bleiben” (2003) politisch aufgeladen: Wir befinden uns im Sommer 1989, die Erlebnisse des 13-jährigen Helden vollziehen sich vor dem Hintergrund der kollabierenden DDR. Das letztgültige Buch zur Wiedervereinigung ist “Kinderland” dabei aber trotzdem nicht geworden – es geht weiterhin mehr um pubertäres Suchen als um Politik, und das im typischen Mawil-Stil. Jetzt eben auf ernst.

Im Kino war ich auch. Und habe Götz Spielmanns “Oktober November” besprochen.

In strengen Szenenanordnungen treibt der 52-jährige Übervater des aktuellen österreichischen Filmbooms jedes Sentiment aus der Vorlage, er dreht kalt, elegant, theaternah, im Verzicht auf jedes überflüssige Element. Details stellt er in den Vordergrund, auf den ersten Blick wichtige Szenen handelt er kurz ab, behandelt Nebensächliches dafür ausführlich. Das gibt Raum für die bis in kleinste Rollen höchst motivierten Darsteller, allen voran Ursula Strauss und Nora von Waldstätten als Schwesternpaar. Kein Figur wird denunziert, beide dürfen ihre Schwächen, Stärken und Geheimnisse behalten und schaffen am Ende einen unspektakulären, stillen Film, dessen Verwerfungen sich abseits der Leinwand vollziehen.

Und jetzt: Sommer. Ja?

Der Liebster-Award ist ein Projekt, das nicht so bekannte Blogs vernetzen soll. Na, Dankeschön, liebes Wortstroh, dass ich da zu gezählt werde. Andererseits, so wahnsinnig falsch ist das ja nicht. Also beantworte ich brav die Fragen, die mitgeliefert wurden, auf Stöckchen kann ich ja ohnehin immer.

1. Hast du eine typische Redewendung, die du ständig verwendest?

“Im Grunde.” Aber eigentlich ist es so, dass ich, wenn ich sowas merke, mich bemühe, das abzustellen. Im Grunde mache ich das.

2. Arbeitest du am besten/liebsten allein und abgeschottet oder mit anderen Leuten um dich herum?

Ich arbeite am liebsten allein. Für den kreativen Prozess der Arbeit habe ich aber gerne Leute in meinem Umfeld. Tja.

3. Auf einer Skala von Scooby-Doo bis GrumpyCat – wie kontaktfreudig bist du?

Maximilian Buddenbohm würde mich ohne mit der Wimper zu zucken als Grumpy Cat bezeichnen. Ich sehe mich ja eher als so eine Art Inspektor Canardo, also, nicht wahnsinnig kontaktfreudig, aber cool, mit Schlag bei Frauen, über den Dingen stehend und gleichzeitig melancholisch, weil, zuviel Coolness macht auch einsam. Aber das ist ja so eine Sache, mit Fremd- und Selbstwahrnehmung.

4. Würdest du für ein tolles Jobangebot ins Ausland oder ans andere Ende von Deutschland ziehen?

Hey, ich bin für ein tolles Jobangebot ans andere Ende von Deutschland gezogen! Also, würd’ ich nicht nochmal machen – dann wäre ich ja wieder zurück, dort, wo ich hergekommen bin. Und das will doch niemand.

5. Fährst du lieber Auto oder lieber Bahn?

“Isch ‘abe gar kein Auto.” Manchmal sitze ich allerdings in einem Mietwagen, und da macht mir das Fahren durchaus Spaß. Was aber auch damit zu tun haben könnte, dass das meist im Urlaubskontext passiert, und da macht mir eigentlich alles Spaß.

6. Würde es dir schwer fallen, eine Woche komplett auf Internet zu verzichten?

Ja.

7. Würdest du jemanden anlügen, um ihm eine unangenehme Wahrheit zu ersparen?

Lügen, also: So richtig, ins Gesicht schauen und “Schatz, nein, natürlich habe ich im Hotel übernachtet, ich weiß gar nicht, von welcher Frau du sprichst!” sagen? Mit einem Lächeln im Gesicht? Würde ich nicht. Aber etwas nicht direkt auf den Tisch legen, das würde ich schon. Hilft ja niemandem, wenn man das Gegenüber verletzt.

8. Dein Traumurlaub?

Egal wo, nur mit der schönen, klugen Frau sollte es sein. Mit der wird sogar Bremerhaven ein lohnendes Reiseziel.

9. Du sitzt bei einem Essen mit wichtigen Leuten (aktueller oder zukünfiger Chef, Schwiegereltern des/r Partners/in, wichtiger Geschäftspartner) und dein Gegenüber benimmt sich daneben oder äußert sich (für dich) indiskutabel über etwas. Was machst du?

Was genau macht das Gegenüber? Erzählt schwulenfeindliche Witze? Bekundet seine Sympathie für die AfD? Dann würde ich mich fragen, wie es überhaupt soweit kommen konnte, mit solchen Leuten am gleichen Tisch zu sitzen.

10. Wenn dein Leben ein Film oder eine Serie wäre – welcher Song liefe in den Opening Credits?

Als großer Freund von Thomas Arslan, Ulrich Köhler, Christian Petzlod und anderen Berliner-Schule-Regisseuren, würde ich mir einen Film wünschen, bei dem die Opening Credits ohne Musikuntermalung laufen. Danke.

Und jetzt soll ich dieses Stöckchen an zehn weitere Blogger schicken? Och nö, ich finde sowas ja immer ein wenig übergriffig, so kettenbriefmäßig. Wer Lust hat, möge sich folgende Fragen nehmen und selbstständig beantworten, wer nicht, lässt es bleiben. Ja?

1. In welcher Stadt möchtest du nicht leben?

2. Was war deine letzte Lüge?

3. Eine vollkommen irrationale Angst, die dich nicht loslässt?

4. Wann bist du glücklich?

5. Ein Film, den du nicht bis zum Ende geschaut hast?

6. Bei welcher Sprache findest du es schade, dass du sie nicht beherrschst?

7. Was passiert nach dem Tod?

8. Ein immer wiederkehrender Traum?

9. Welches Kleidungsstück ist absolut überbewertet?

10. Was isst du nicht?

Auf den ersten Blick mache ich gerade: wenig. Auf den zweiten: doch so. Ich habe viel geschrieben, im April, nur eben einiges für die Halde. Entsprechend sieht das so aus wie: Boah, war Falk faul! War er nicht, versprochen.

Im uMag zum Beispiel habe ich über die Stadt geschrieben, die ich gleichzeitig von Herzen verachte und doch irgendwie mag: München.

München ist eine Stadt, in der die Stadtmenschen am Stadtrand leben müssen. Wenn es wenigstens schöner Stadtrand wäre, so wie in Hamburg das Alte Land oder in Berlin Brandenburg. In München heißt die Gegend “Münchner Schotterebene”, das klingt nicht nur wie ein Parkplatz, das sieht auch so aus.

Außerdem habe ich im gleichen Heft ein wenig nachgedacht über Cédric Klapischs Film “Beziehungsweise New York” (nicht online). Den ich (im Gegensatz zu den meisten Kritikerkollegen) ziemlich gut fand und auch für die kulturnews rezensiert habe.

Die Figuren sind älter geworden, sind an Ehen, Kindern und Jobs mehr oder weniger gescheitert, und über verschiedene Wirrungen treffen sie sie sich in New York wieder. “Wieso wollt ihr alle leben wie vor 20 Jahren?” fragt Xavier (Duris) entnervt, als sich erste WG-Strukturen wieder auszubilden beginnen. Aber seine Freunde haben etwas kapiert, was er noch nicht verinnerlicht hat: dass die Zeit in Barcelona die beste Zeit ihres Lebens war, dass ihnen keine Türen offenstehen, und dass die coole Großstadt sie nur deswegen nicht sofort wieder ausspuckt, weil sie ziemlich uncool die Einwanderungsbehörden austricksen.

Theaterkritiken gab es auch. Und zwar auf der Nachtkritik. Die erste zu Herbert Fritschs “Die Schule der Frauen” am Hamburger Schauspielhaus:

Das hier ist kein Klamauk, das ist auch nicht die ans Musiktheater angelehnte Abstraktion, zu der Fritsch manchmal, in seinen besten Arbeiten, neigt, das ist eine Geschichte von Unterdrückung und Manipulation, eine Geschichte, in der es zur Sache geht, eine Geschichte, deren Hauptfigur Arnolphe am Ende gebrochen ist. Zu Recht ist er gebrochen, aber man leidet dennoch mit ihm mit, wie er in seiner zynischen Abgeklärtheit einsam wird und von der Einsamkeit in den Wahnsinn abgleitet. Schon wegen der Radikalität, mit der Meyerhoff solche Einsamkeit unter Fritschs Anleitung spielt, lohnt diese “Schule der Frauen”.

Und dann auch noch eine zweite, zu “Ende einer Liebe” von Pascal Rambert im Thalia in der Gaußstraße:

Und nach und nach wächst in einem die Erkenntnis: Gezeigt wird zwar das Ende einer Liebe, dieses Ende ist aber in erster Linie das Nachdenken über Anfang und Alltag der Liebe. Die Träume vom gemeinsamen Altern, der Kinderwunsch, das Ejakulat im Rachen. Schön.

Das wars. Das wars? Fast. Ich habe nämlich noch einmal die Rollen getauscht und ein Interview gegeben. Für das wunderbare Projekt “Was machen die da?” (Note: Ich sollte mal wieder die Blogroll aktualisieren) von Isabel Bogdan und Maximilian Buddenbohm. Und worum ging es? Darum, was ich hier eigentlich mache.

Ich habe eine sehr hohe Meinung von Künstlern, und zwar unabhängig davon, dass das, was sie machen, dann auch blöd sein kann. Aber mir macht es großen Spaß, mich mit dem zu beschäftigen, was ein Künstler tut. Wahrscheinlich gilt das für jede Kunstform, wobei es schon so ist, dass ich vom Theater und mit Einschränkung von bildender Kunst am meisten verstehe. Das heißt, da ist mir der Zugang am leichtesten. Tanz vielleicht auch noch.

Ich bekam ein Blogstöckchen an den Hinterkopf geschmissen, von Johanna. Ich finde so was ja toll, Stöckchen, das ist noch toller als gutes Essen, noch toller als über die Welt als solche herzuziehen. Aber, ach!, es ist ein Literaturstöckchen!

Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein. Danach tagge 8 weitere Blogger und informiere diese darüber.

Dabei lese ich doch kaum noch! Ich gehe nur noch ins Theater und ins Kino, und manchmal gehe ich auf ein Konzert, ansonsten gucke ich Fernsehserien mit zwei Jahren Verspätung. Für Lesen ist da keine Zeit, tut mir leid. Andererseits, fünf Bücher, die ich gerne lesen würde, doch, da fällt mir schon was ein.

  • Saša Stanišić, Vor dem Fest. Ich habe noch gar kein ganzes Buch von Stanišić gelesen, auch das berühmte „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ nicht. Aber vor ein paar Jahren schrieb er mal eine monatliche Kolumne im uMag, und die fand ich immer ganz großartig (auch, ach was, gerade weil ich den Eindruck hatte, dass Stanišić mich immer eher doof fand). Und „Vor dem Fest“ klingt zumindest bezüglich des Inhalts, als ob mich das interessieren würde.
  • Thomas Meinecke, Jungfrau. Meinecke ist seit „Tomboy“ einer meiner liebsten Autoren. „Jungfrau“ habe ich 2008 irgendwie verpasst, und es jetzt noch nachzuholen, naja, ich lese ja kaum, entsprechend, wie soll ich das denn machen? Wird wohl noch lange auf meiner Wunschliste stehen.
  • Thomas Mann, Doktor Faustus. Yeah, Konvention! Ich stehe ja ziemlich auf Thomas Mann, in „Der Zauberberg“ etwa habe ich mich ein wenig in Clawdia Chauchat verliebt, so etwas passiert mir bei Literatur eher … selten. „Doktor Faustus“ ist so ein ewiger Wunsch, seit ich Teenager bin: Immer wieder angefangen, zu lesen, immer wieder toll gefunden, immer wieder abgebrochen, nach vierhundert, nach fünfhundert Seiten. Ich werde ihn nie zu Ende lesen.
  • Fjodor M. Dostojewski, Böse Geister. Ähnlich wie bei „Doktor Faustus“: Mir fehlt der lange Atem. Ich sah Ende der Neunziger Castorfs überbordende „Dämonen“-Inszenierung an der Volksbühne und war gesflasht, wurde in diese Familien-Welt-Erzählung eingesogen. Kurz darauf kaufte ich mir Swetlana Geiers 98er-Neuübersetzung von Dostojewskis Romanvorlage und las mich fest, hunderte Seiten lang. Bis ich den Roman beiseite legte. Schade.
  • Andreas Eikenroth, Die Schönheit des Scheiterns. Eine Graphic Novel, die in der Kulturszene meiner früheren Wahlheimat Gießen spielt. Die Wohngemeinschaften. Der Bahndamm. Der Neue Gießener Kunstverein. Die Licher Straße. Die schönen Kunststudentinnen. Die verlebten Typen. Das Stadttheater. Alles, was ich vorab aus dem Band gesehen habe, sagt mir: Falk, irgendwo in diesem Buch, bist auch du versteckt. Ich muss das lesen.

(Ich habe tatsächlich ausschließlich Männer genannt. Was sagt das jetzt über mich aus?)

Und jetzt soll ich noch acht weitere Blogger taggen? Och nö. Möge mir der Himmel auf den Kopf fallen, aber: Wenn wer diese Fragen beantworten möchte, dann – gerne.

Endlich! Endlich! Endlich habe ich ein Interview mit Karin Beier geführt, der gar nicht mehr so neuen Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. Für die Kultur//Hamburg, die nicht im Netz verfügbar ist, aber dafür kann man sie kaufen. Ohnehin empfehlenswert: Mir sichert das die Butter auf dem Brot.

Kultur//Hamburg: Ihr Vorgänger Friedrich Schirmer hat in seiner ersten Pressekonferenz einen ganz anderen Zugriff versucht, indem er einen Delfin als Logo vorgestellt hat. Das war als Setzung etwas sehr Poetisches, Schirmer hatte zwar auch politische Themen im Spielplan, aber diese Setzung war erstmal unpolitisch. So gesehen ist Ihre Setzung eine ganz andere – verkümmert das Theater da ein bisschen?
Beier: Das kommt immer darauf an, wie man es macht. Das ist eine Frage, die man sich auch jeden Tag neu stellen muss, kann und soll: Wie man politisches Theater überhaupt machen kann. Ich schließe nicht aus, dass ein politischer Abend auch ein poetischer Abend sein kann, dass der auch süffig sein kann, dass der saftig sein kann, dass der opulent sein kann … Aber der kann auch spröde sein, das schließt sich nicht aus. (…)

Vom größten deutschen Sprechtheater ganz weit raus aufs platte Land: Für die Theater heute habe ich mal so geschaut, was in Schleswig so geht, mit dem dortigen Landestheater. Man muss wohl befürchten: In Zukunft geht da nicht mehr viel, und das liegt nicht am Theater, sondern an der lokalen Politik.

Das Landestheater spielt bis Mitte 2016 in einer Ersatzspielstätte, außerdem werden Transfers zu Aufführungen nach Rendsburg und Flensburg organisiert. Aber auf lange Sicht macht sich Intendant Grisebach keine Illusionen: „Wenn Schleswig als Produktionsstandort und Gesellschafter nicht durch eine andere Kommune ersetzt werden kann, bedeutet es in der Tat das Ende der größten Landesbühne Deutschlands.“ Das allerdings wäre so monströs, man kann sich nicht vorstellen, dass das Votum von 13 Stadtverordneten tatsächlich die Theaterversorgung eines ganzen Bundeslandes in Frage stellen sollte. Entsprechend dürfte das Land diese Versorgung weiterhin sichern, irgendwie. Nur eben ohne Beteiligung Schleswigs.

Ebenfalls für Theater heute bin ich mal wieder nach Bremen gefahren und habe mir die Dramatisierung von Oskar Roehlers “Herkunft” angeschaut. Von der ich allerdings enttäuscht war.

Die Nazivergangenheit der Großeltern schlägt auf die schwer neurotischen Eltern durch, weswegen aus der Folgegeneration nichts werden konnte. 68er-Bashing, das nicht besser dadurch wird, dass sich „Herkunft“ als Schlüsselroman lesen lässt: Der hauptsächlich als Filmregisseur bekannte Roehler ist Sohn des Schriftstellerpaars Gisela Elsner und Klaus Roehler, in fast jeder Figur des Romans lässt sich das reale Pendant dechiffrieren, Nora ist Elsner, Robert ist Oskar, und so weiter.

Auch in Hamburg wurde Theater gespielt, nämlich am Thalia. Luk Perceval inszenierte hier eine Erster-Weltkriegs-Installation namens “FRONT”, die ich für die Nachtkritik besucht habe:

Perceval macht viel richtig mit dieser musikalisch-textlichen Installation. Er umschifft die im Antikriegsgenre lauernden Klippen der indirekten Heroisierung, indem er seine Figuren mit respektvoller Distanz führt. Selbst den eigentümlichen Themenstrang um eine Krankenschwester (Oana Solomon), der auf eine Art libidinöses Verhältnis zum Krieg hinweist, lässt er nicht ausspielen, sondern deutet nur an, dass es da etwas gibt, das sich nicht so einfach begreifen lässt.

Im uMag schrieb ich über politischen Europa-Überdruss und über die Anti-Einwanderungsinitiative der Schweiz:

Man versprach uns, dass uns die Welt offen stehen würde, und wir glaubten es. Wir nahmen es als Selbstverständlichkeit, dass H. aus Bielefeld heute in Paris lebt und arbeitet, dass M. aus Barcelona heute in Frankfurt lebt und arbeitet, dass T. aus Braunschweig heute in Arhus lebt und arbeitet. Und dass S. aus Berlin heute in Zürich lebt und arbeitet, das nahmen wir auch als Selbstverständlichkeit. Oh, Zürich, Moment.

Und schließlich schrieb ich zwei Filmkritiken in der kulturnews. Einmal über “Deutschboden”, André Schäfers Verfilmung von Moritz von Uslars Reportage:

Am ehesten ist das ein Bilderbogen zur Reportage, bevölkert von den Figuren aus Uslars Text. Das ist am Ende genauso träumerisch, denunzierend, verkünstelt und unrealistisch wie die Vorlage – aber es ist auch böse und lustig. “So war abseits der Großstadt eine neue Sorte Männlichkeit entstanden: der gefährliche, aber ziemlich schmuck und schwul aussehende Superproll”, murmelt der Autor angesichts gewaxter, muskulöser, tätowierter Glatzenträger. Irre.

Und dann noch über den französischen Film “Molière auf dem Fahrrad”:

Ja, Philippe Le Guays “Molière auf dem Fahrrad” ist absolut vorhersehbar. Ja, das Theaterverständnis des Films ist eines von vorvorgestern, Serge und Gauthier schlagen Schlachten, die längst als Scheingefechte bekannt sind. Und, ja, die eingeschobenen burlesken Elemente wirken deplatziert. Aber abseits dieser Mängel bekommt man einen Film, der vor allem als Fest von zwei überaus sicher agierenden Schauspielern durchaus funktioniert.

Erstmal machte ich auf jeden Fall etwas, das dafür sorgt, dass diese Rubrik erst am 11. 3., also erst Mitte März online steht: Ich fuhr in Urlaub. Muss aber auch mal sein. Ansonsten schrieb ich, Überraschung!, mal wieder eine Reihe Presseartikel und, das ist neu, einen Katalogbeitrag.

Für die Nachktkritik war ich zweimal im Hamburger Schauspielhaus. Zum einen in “Schuld”, inszeniert von Karin Henkel:

Eigentlich war der frühe Roman “Schuld und Sühne” geplant, aber nachdem die Hauptbühne wegen eines Unfalls wochenlang unbespielbar war, lag die gesamte Spielzeitplanung in Trümmern. Henkel zog mit ihrer Produktion in die Nebenbühne Malersaal um und halbierte die Inszenierung: Erstmal wird das Schuldigwerden des gescheiterten Jurastudenten Raskolnikow gezeigt, gut zwei Stunden lang, bis zum echten Mord. Die “Sühne” aber lässt bis kommende Spielzeit auf sich warten – dann will das gleiche Team den zweiten, umfangreicheren Teil des Romans präsentieren. Entsprechend ist nicht ganz klar, was man unter dem Titel “Schuld” zu sehen bekommt: eine eigenständige Inszenierung? Oder nur den Auftakt zu etwas, das sich erst in einem Jahr endgültig erfüllt?

Und dann in Christoph Marthalers “Heimweh und Verbrechen”:

Ein wenig scheint der Abend erstarrt zwischen performativer Installation, Musiktheater und fröhlichen Schrägheiten, und dieses Gefühl der Erstarrung sorgt dafür, dass einem die etwas mehr als zwei Stunden zwischendurch gehörig lang werden. Ja, “Heimweh & Verbrechen” ist ganz wunderbares Nicht-Theater, aber dieses Nicht-Theater ist mittlerweile auch sehr der eigenen Konvention verpflichtet.

Und noch ein dritter Text steht auf der Nachtkritik, zu Wilfried Minks’ Inszenierung von “Waisen” am von mir selten besuchten St. Pauli Theater:

Judith Rosmair spielt Helen als Manipulatorin, die keine Sekunde zögert, Sex als Waffe einzusetzen, Johann von Bülow Danny als Duckmäuser, dem die Gelegenheit, seinen Hang zur Gewalttätigkeit auszuleben, mehr oder weniger in den Schoß fällt. Und nicht zuletzt gibt Uwe Bohm Helens Bruder Liam, der blutüberströmt in den romantischen Pärchenabend platzt, aggressiv, intelligent, mit blitzendem Wahnsinn in den Augen. Darstellerisch holpert der Einstieg noch ein wenig, wirkt Kellys Kunstsprache ausgestellt, spätestens in der zweiten Szene hat sich das Trio aber eingespielt, und dann funktioniert der zurückhaltende, weniger auf Effekte als auf Figurenbeziehungen setzende Abend.

Ebenfalls über Theater schreibe ich in Theater heute (Artikel online wie immer nur für Abonnenten verfügbar). Und zwar über die Inszenierung von Hauptmanns “Die Ratten” am Thalia Theater durch Jette Steckel:

„Theater bildet nicht die Wirklichkeit ab!“ Regisseurin Jette Steckel hat diesen Satz ins Zentrum ihrer Interpretation von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ am Hamburger Thalia gestellt, und weil sie denkt, dass dem Publikum diese Erkenntnis nicht ganz klar ist, wiederholt sie sie immer wieder. Praktisch die gesamte Inszenierung dreht sich um das Spiel mit „echt“ und „künstlich“, und dieses Spiel spielt Steckel als ihrer Mittel bewusste Künstlerin durchaus gekonnt. Das geht so weit, dass Catrin Striebeck als ehemaliger Theaterstar Sidonie Knobbe aus dem Publikum heraus agieren darf: „Ich habe auch einmal hier gespielt!“, kräht sie. „Eigentlich ist das mein Haus!“ Was vor allem deswegen ein gelungener Witz ist, weil die Schauspielerin Striebeck zwar nie am Thalia engagiert war, ihr Vater aber das Haus in den 1980ern leitete, und der Satz „Eigentlich ist das mein Haus“ entsprechend wirklich eine Wahrheit transportiert.

Ein zweiter Text in Theater heute handelt überraschenderweise von Kino. Na gut, von einer Theaterdokumentation, Milo Raus “Die Moskauer Prozesse”:

„Die Moskauer Prozesse“, das sind drei Gerichtsprozesse, die Rau vergangenes Jahr im Sacharow-Zentrum der russischen Hauptstadt nachstellte: gegen die Organisatoren der Ausstellungen „Vorsicht! Religion“ (2003) und „Verbotene Kunst“ (2006) sowie gegen die Punkband Pussy Riot, die vor zwei Jahren eine Mischung aus Polithappening und Minikonzert in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale veranstaltete und so den Zorn von Orthodoxie und Staatsmacht auf sich zog. In der Realität waren die drei Verhandlungen Schauprozesse, die Schuld der Angeklagten stand von vornherein fest.

Über den gleichen Film habe ich auch eine kurze Kritik in der kulturnews geschrieben:

Raus Film “Die Moskauer Prozesse” dokumentiert nun diese dreitägige Inszenierung: eine Filmdokumentation über Dokumentartheater, das sich seinerseits auf einen Gerichtsprozess, also die juristische Nachbereitung einer Kunstaktion bezieht – Metakino. Besonders weit treibt der Film die Interpretation nicht, im Grunde sehen wir den Zusammenschnitt einzelner Sequenzen der Moskauer Aufführung, einzig kurze Interviews mit der Verteidigerin Anna Stavickaja oder dem Ankläger, dem Journalisten Maxim Schwetschenko, führen übers Theater hinaus.

Außerdem erschien dort auch eine Filmkritik zu “Westen” von Christian Schwochow:

Frank Lamms Kamera quetscht sich durch die speckigen Gänge, versucht immer wieder hilflose Ausbrüche und stürzt dann doch wieder zurück auf den tristen Boden. Sieht man allerdings von der meisterlichen Kameraarbeit und von den großartigen Schauspielerleistungen ab, hat Christian Schwochow Julia Francks Roman “Lagerfeuer” recht brav verfilmt und die vielstimmige Handlung auf Nellys Leidensgeschichte verdichtet.

An Büchern besprach ich hier zum einen Roman Grafs Roman “Niedergang”:

Die Bergwanderung, die André und seine Freundin Louise unternehmen, zunächst durch verregnete Zivilisation, dann über sonnenbeschienene Weiden mit unvermitteltem Sex auf der Almwiese, dann durch Fels und Eis, ist eine Analogie auf ein Paar, das eigentlich kein Paar ist. Louise will: Urlaub, Erholung. André will: Grenzerfahrung, den Neandertaler in sich niederringen. Louise will an den See, André auf den Berg, das kann nicht gutgehen.

Außerdem Jacques Tardis Comic “Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B”:

Tardi, bekannt für surrealistisch aufgeladene Kriminalgeschichten, legt den Bericht als Gespräch zwischen Vater und Sohn an, der Sohn spaziert zeichnend mit dem Vater durch die Szenarien der Gefangenschaft und schafft dadurch einerseits eine Unmittelbarkeit, andererseits eine Distanzierung, die die Einordnung des Gesehenen erleichtert.

Fürs uMag machte ich diesen Monat wenig. Ich schrieb über Münster, in erster Linie, um zu Beweisen, dass man unterhaltsame Texte über etwas schreiben kann, von dem man rein gar nichts versteht. Ob mir das gelungen ist?

Man soll eine Stadt nicht danach beurteilen, wie sie im “Tatort” auftaucht, das ist so ähnlich als ob man behaupten würde, man kenne den Wilden Westen, weil, man habe ja mal Karl May gelesen. Nur hilft diese Erkenntnis nichts, das Land ist zu groß, zu unübersichtlich, wie soll man sich zurecht finden in den Weiten der Provinz, wenn nicht über den “Tatort”? Wer war denn schonmal in, zum Beispiel, Saarbrücken? Oder in Münster? Der “Tatort” zeigt uns, wie es dort zugeht, wie die Menschen dort ticken.

Und schließlich machte ich etwas, das ich bisher noch nie gemacht habe: Ich schrieb einen Katalogbeitrag. Für die Tanzplattform Deutschland, die Ende Februar/Anfang März auf Kampnagel stattfand, über die geschätzten Theatermacher Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen:

Seit einem Jahr sind Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen Choreographer in Residence bei der Tanzsparte des Theaters Bremen. Und seit einer Spielzeit unterlaufen sie die Strukturen eines Vierspartenhauses mit subversiver Nonchalance: Ja, es wird getanzt, es wird abstrakt der Raum erkundet. Aber gleichzeitig wird auch erzählt, narrativ gearbeitet, Musik gemacht und ins Publikum hinein agitiert. Das (Tanz-)Theater von Gintersdorfer/Klaßen ist nicht gemacht für die Grenzen einer bestimmten Sparte, es ist grenzenlos.