Ich bekam ein Blogstöckchen an den Hinterkopf geschmissen, von Johanna. Ich finde so was ja toll, Stöckchen, das ist noch toller als gutes Essen, noch toller als über die Welt als solche herzuziehen. Aber, ach!, es ist ein Literaturstöckchen!

Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein. Danach tagge 8 weitere Blogger und informiere diese darüber.

Dabei lese ich doch kaum noch! Ich gehe nur noch ins Theater und ins Kino, und manchmal gehe ich auf ein Konzert, ansonsten gucke ich Fernsehserien mit zwei Jahren Verspätung. Für Lesen ist da keine Zeit, tut mir leid. Andererseits, fünf Bücher, die ich gerne lesen würde, doch, da fällt mir schon was ein.

  • Saša Stanišić, Vor dem Fest. Ich habe noch gar kein ganzes Buch von Stanišić gelesen, auch das berühmte „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ nicht. Aber vor ein paar Jahren schrieb er mal eine monatliche Kolumne im uMag, und die fand ich immer ganz großartig (auch, ach was, gerade weil ich den Eindruck hatte, dass Stanišić mich immer eher doof fand). Und „Vor dem Fest“ klingt zumindest bezüglich des Inhalts, als ob mich das interessieren würde.
  • Thomas Meinecke, Jungfrau. Meinecke ist seit „Tomboy“ einer meiner liebsten Autoren. „Jungfrau“ habe ich 2008 irgendwie verpasst, und es jetzt noch nachzuholen, naja, ich lese ja kaum, entsprechend, wie soll ich das denn machen? Wird wohl noch lange auf meiner Wunschliste stehen.
  • Thomas Mann, Doktor Faustus. Yeah, Konvention! Ich stehe ja ziemlich auf Thomas Mann, in „Der Zauberberg“ etwa habe ich mich ein wenig in Clawdia Chauchat verliebt, so etwas passiert mir bei Literatur eher … selten. „Doktor Faustus“ ist so ein ewiger Wunsch, seit ich Teenager bin: Immer wieder angefangen, zu lesen, immer wieder toll gefunden, immer wieder abgebrochen, nach vierhundert, nach fünfhundert Seiten. Ich werde ihn nie zu Ende lesen.
  • Fjodor M. Dostojewski, Böse Geister. Ähnlich wie bei „Doktor Faustus“: Mir fehlt der lange Atem. Ich sah Ende der Neunziger Castorfs überbordende „Dämonen“-Inszenierung an der Volksbühne und war gesflasht, wurde in diese Familien-Welt-Erzählung eingesogen. Kurz darauf kaufte ich mir Swetlana Geiers 98er-Neuübersetzung von Dostojewskis Romanvorlage und las mich fest, hunderte Seiten lang. Bis ich den Roman beiseite legte. Schade.
  • Andreas Eikenroth, Die Schönheit des Scheiterns. Eine Graphic Novel, die in der Kulturszene meiner früheren Wahlheimat Gießen spielt. Die Wohngemeinschaften. Der Bahndamm. Der Neue Gießener Kunstverein. Die Licher Straße. Die schönen Kunststudentinnen. Die verlebten Typen. Das Stadttheater. Alles, was ich vorab aus dem Band gesehen habe, sagt mir: Falk, irgendwo in diesem Buch, bist auch du versteckt. Ich muss das lesen.

(Ich habe tatsächlich ausschließlich Männer genannt. Was sagt das jetzt über mich aus?)

Und jetzt soll ich noch acht weitere Blogger taggen? Och nö. Möge mir der Himmel auf den Kopf fallen, aber: Wenn wer diese Fragen beantworten möchte, dann – gerne.

Endlich! Endlich! Endlich habe ich ein Interview mit Karin Beier geführt, der gar nicht mehr so neuen Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. Für die Kultur//Hamburg, die nicht im Netz verfügbar ist, aber dafür kann man sie kaufen. Ohnehin empfehlenswert: Mir sichert das die Butter auf dem Brot.

Kultur//Hamburg: Ihr Vorgänger Friedrich Schirmer hat in seiner ersten Pressekonferenz einen ganz anderen Zugriff versucht, indem er einen Delfin als Logo vorgestellt hat. Das war als Setzung etwas sehr Poetisches, Schirmer hatte zwar auch politische Themen im Spielplan, aber diese Setzung war erstmal unpolitisch. So gesehen ist Ihre Setzung eine ganz andere – verkümmert das Theater da ein bisschen?
Beier: Das kommt immer darauf an, wie man es macht. Das ist eine Frage, die man sich auch jeden Tag neu stellen muss, kann und soll: Wie man politisches Theater überhaupt machen kann. Ich schließe nicht aus, dass ein politischer Abend auch ein poetischer Abend sein kann, dass der auch süffig sein kann, dass der saftig sein kann, dass der opulent sein kann … Aber der kann auch spröde sein, das schließt sich nicht aus. (…)

Vom größten deutschen Sprechtheater ganz weit raus aufs platte Land: Für die Theater heute habe ich mal so geschaut, was in Schleswig so geht, mit dem dortigen Landestheater. Man muss wohl befürchten: In Zukunft geht da nicht mehr viel, und das liegt nicht am Theater, sondern an der lokalen Politik.

Das Landestheater spielt bis Mitte 2016 in einer Ersatzspielstätte, außerdem werden Transfers zu Aufführungen nach Rendsburg und Flensburg organisiert. Aber auf lange Sicht macht sich Intendant Grisebach keine Illusionen: „Wenn Schleswig als Produktionsstandort und Gesellschafter nicht durch eine andere Kommune ersetzt werden kann, bedeutet es in der Tat das Ende der größten Landesbühne Deutschlands.“ Das allerdings wäre so monströs, man kann sich nicht vorstellen, dass das Votum von 13 Stadtverordneten tatsächlich die Theaterversorgung eines ganzen Bundeslandes in Frage stellen sollte. Entsprechend dürfte das Land diese Versorgung weiterhin sichern, irgendwie. Nur eben ohne Beteiligung Schleswigs.

Ebenfalls für Theater heute bin ich mal wieder nach Bremen gefahren und habe mir die Dramatisierung von Oskar Roehlers “Herkunft” angeschaut. Von der ich allerdings enttäuscht war.

Die Nazivergangenheit der Großeltern schlägt auf die schwer neurotischen Eltern durch, weswegen aus der Folgegeneration nichts werden konnte. 68er-Bashing, das nicht besser dadurch wird, dass sich „Herkunft“ als Schlüsselroman lesen lässt: Der hauptsächlich als Filmregisseur bekannte Roehler ist Sohn des Schriftstellerpaars Gisela Elsner und Klaus Roehler, in fast jeder Figur des Romans lässt sich das reale Pendant dechiffrieren, Nora ist Elsner, Robert ist Oskar, und so weiter.

Auch in Hamburg wurde Theater gespielt, nämlich am Thalia. Luk Perceval inszenierte hier eine Erster-Weltkriegs-Installation namens “FRONT”, die ich für die Nachtkritik besucht habe:

Perceval macht viel richtig mit dieser musikalisch-textlichen Installation. Er umschifft die im Antikriegsgenre lauernden Klippen der indirekten Heroisierung, indem er seine Figuren mit respektvoller Distanz führt. Selbst den eigentümlichen Themenstrang um eine Krankenschwester (Oana Solomon), der auf eine Art libidinöses Verhältnis zum Krieg hinweist, lässt er nicht ausspielen, sondern deutet nur an, dass es da etwas gibt, das sich nicht so einfach begreifen lässt.

Im uMag schrieb ich über politischen Europa-Überdruss und über die Anti-Einwanderungsinitiative der Schweiz:

Man versprach uns, dass uns die Welt offen stehen würde, und wir glaubten es. Wir nahmen es als Selbstverständlichkeit, dass H. aus Bielefeld heute in Paris lebt und arbeitet, dass M. aus Barcelona heute in Frankfurt lebt und arbeitet, dass T. aus Braunschweig heute in Arhus lebt und arbeitet. Und dass S. aus Berlin heute in Zürich lebt und arbeitet, das nahmen wir auch als Selbstverständlichkeit. Oh, Zürich, Moment.

Und schließlich schrieb ich zwei Filmkritiken in der kulturnews. Einmal über “Deutschboden”, André Schäfers Verfilmung von Moritz von Uslars Reportage:

Am ehesten ist das ein Bilderbogen zur Reportage, bevölkert von den Figuren aus Uslars Text. Das ist am Ende genauso träumerisch, denunzierend, verkünstelt und unrealistisch wie die Vorlage – aber es ist auch böse und lustig. “So war abseits der Großstadt eine neue Sorte Männlichkeit entstanden: der gefährliche, aber ziemlich schmuck und schwul aussehende Superproll”, murmelt der Autor angesichts gewaxter, muskulöser, tätowierter Glatzenträger. Irre.

Und dann noch über den französischen Film “Molière auf dem Fahrrad”:

Ja, Philippe Le Guays “Molière auf dem Fahrrad” ist absolut vorhersehbar. Ja, das Theaterverständnis des Films ist eines von vorvorgestern, Serge und Gauthier schlagen Schlachten, die längst als Scheingefechte bekannt sind. Und, ja, die eingeschobenen burlesken Elemente wirken deplatziert. Aber abseits dieser Mängel bekommt man einen Film, der vor allem als Fest von zwei überaus sicher agierenden Schauspielern durchaus funktioniert.

Erstmal machte ich auf jeden Fall etwas, das dafür sorgt, dass diese Rubrik erst am 11. 3., also erst Mitte März online steht: Ich fuhr in Urlaub. Muss aber auch mal sein. Ansonsten schrieb ich, Überraschung!, mal wieder eine Reihe Presseartikel und, das ist neu, einen Katalogbeitrag.

Für die Nachktkritik war ich zweimal im Hamburger Schauspielhaus. Zum einen in “Schuld”, inszeniert von Karin Henkel:

Eigentlich war der frühe Roman “Schuld und Sühne” geplant, aber nachdem die Hauptbühne wegen eines Unfalls wochenlang unbespielbar war, lag die gesamte Spielzeitplanung in Trümmern. Henkel zog mit ihrer Produktion in die Nebenbühne Malersaal um und halbierte die Inszenierung: Erstmal wird das Schuldigwerden des gescheiterten Jurastudenten Raskolnikow gezeigt, gut zwei Stunden lang, bis zum echten Mord. Die “Sühne” aber lässt bis kommende Spielzeit auf sich warten – dann will das gleiche Team den zweiten, umfangreicheren Teil des Romans präsentieren. Entsprechend ist nicht ganz klar, was man unter dem Titel “Schuld” zu sehen bekommt: eine eigenständige Inszenierung? Oder nur den Auftakt zu etwas, das sich erst in einem Jahr endgültig erfüllt?

Und dann in Christoph Marthalers “Heimweh und Verbrechen”:

Ein wenig scheint der Abend erstarrt zwischen performativer Installation, Musiktheater und fröhlichen Schrägheiten, und dieses Gefühl der Erstarrung sorgt dafür, dass einem die etwas mehr als zwei Stunden zwischendurch gehörig lang werden. Ja, “Heimweh & Verbrechen” ist ganz wunderbares Nicht-Theater, aber dieses Nicht-Theater ist mittlerweile auch sehr der eigenen Konvention verpflichtet.

Und noch ein dritter Text steht auf der Nachtkritik, zu Wilfried Minks’ Inszenierung von “Waisen” am von mir selten besuchten St. Pauli Theater:

Judith Rosmair spielt Helen als Manipulatorin, die keine Sekunde zögert, Sex als Waffe einzusetzen, Johann von Bülow Danny als Duckmäuser, dem die Gelegenheit, seinen Hang zur Gewalttätigkeit auszuleben, mehr oder weniger in den Schoß fällt. Und nicht zuletzt gibt Uwe Bohm Helens Bruder Liam, der blutüberströmt in den romantischen Pärchenabend platzt, aggressiv, intelligent, mit blitzendem Wahnsinn in den Augen. Darstellerisch holpert der Einstieg noch ein wenig, wirkt Kellys Kunstsprache ausgestellt, spätestens in der zweiten Szene hat sich das Trio aber eingespielt, und dann funktioniert der zurückhaltende, weniger auf Effekte als auf Figurenbeziehungen setzende Abend.

Ebenfalls über Theater schreibe ich in Theater heute (Artikel online wie immer nur für Abonnenten verfügbar). Und zwar über die Inszenierung von Hauptmanns “Die Ratten” am Thalia Theater durch Jette Steckel:

„Theater bildet nicht die Wirklichkeit ab!“ Regisseurin Jette Steckel hat diesen Satz ins Zentrum ihrer Interpretation von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ am Hamburger Thalia gestellt, und weil sie denkt, dass dem Publikum diese Erkenntnis nicht ganz klar ist, wiederholt sie sie immer wieder. Praktisch die gesamte Inszenierung dreht sich um das Spiel mit „echt“ und „künstlich“, und dieses Spiel spielt Steckel als ihrer Mittel bewusste Künstlerin durchaus gekonnt. Das geht so weit, dass Catrin Striebeck als ehemaliger Theaterstar Sidonie Knobbe aus dem Publikum heraus agieren darf: „Ich habe auch einmal hier gespielt!“, kräht sie. „Eigentlich ist das mein Haus!“ Was vor allem deswegen ein gelungener Witz ist, weil die Schauspielerin Striebeck zwar nie am Thalia engagiert war, ihr Vater aber das Haus in den 1980ern leitete, und der Satz „Eigentlich ist das mein Haus“ entsprechend wirklich eine Wahrheit transportiert.

Ein zweiter Text in Theater heute handelt überraschenderweise von Kino. Na gut, von einer Theaterdokumentation, Milo Raus “Die Moskauer Prozesse”:

„Die Moskauer Prozesse“, das sind drei Gerichtsprozesse, die Rau vergangenes Jahr im Sacharow-Zentrum der russischen Hauptstadt nachstellte: gegen die Organisatoren der Ausstellungen „Vorsicht! Religion“ (2003) und „Verbotene Kunst“ (2006) sowie gegen die Punkband Pussy Riot, die vor zwei Jahren eine Mischung aus Polithappening und Minikonzert in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale veranstaltete und so den Zorn von Orthodoxie und Staatsmacht auf sich zog. In der Realität waren die drei Verhandlungen Schauprozesse, die Schuld der Angeklagten stand von vornherein fest.

Über den gleichen Film habe ich auch eine kurze Kritik in der kulturnews geschrieben:

Raus Film “Die Moskauer Prozesse” dokumentiert nun diese dreitägige Inszenierung: eine Filmdokumentation über Dokumentartheater, das sich seinerseits auf einen Gerichtsprozess, also die juristische Nachbereitung einer Kunstaktion bezieht – Metakino. Besonders weit treibt der Film die Interpretation nicht, im Grunde sehen wir den Zusammenschnitt einzelner Sequenzen der Moskauer Aufführung, einzig kurze Interviews mit der Verteidigerin Anna Stavickaja oder dem Ankläger, dem Journalisten Maxim Schwetschenko, führen übers Theater hinaus.

Außerdem erschien dort auch eine Filmkritik zu “Westen” von Christian Schwochow:

Frank Lamms Kamera quetscht sich durch die speckigen Gänge, versucht immer wieder hilflose Ausbrüche und stürzt dann doch wieder zurück auf den tristen Boden. Sieht man allerdings von der meisterlichen Kameraarbeit und von den großartigen Schauspielerleistungen ab, hat Christian Schwochow Julia Francks Roman “Lagerfeuer” recht brav verfilmt und die vielstimmige Handlung auf Nellys Leidensgeschichte verdichtet.

An Büchern besprach ich hier zum einen Roman Grafs Roman “Niedergang”:

Die Bergwanderung, die André und seine Freundin Louise unternehmen, zunächst durch verregnete Zivilisation, dann über sonnenbeschienene Weiden mit unvermitteltem Sex auf der Almwiese, dann durch Fels und Eis, ist eine Analogie auf ein Paar, das eigentlich kein Paar ist. Louise will: Urlaub, Erholung. André will: Grenzerfahrung, den Neandertaler in sich niederringen. Louise will an den See, André auf den Berg, das kann nicht gutgehen.

Außerdem Jacques Tardis Comic “Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B”:

Tardi, bekannt für surrealistisch aufgeladene Kriminalgeschichten, legt den Bericht als Gespräch zwischen Vater und Sohn an, der Sohn spaziert zeichnend mit dem Vater durch die Szenarien der Gefangenschaft und schafft dadurch einerseits eine Unmittelbarkeit, andererseits eine Distanzierung, die die Einordnung des Gesehenen erleichtert.

Fürs uMag machte ich diesen Monat wenig. Ich schrieb über Münster, in erster Linie, um zu Beweisen, dass man unterhaltsame Texte über etwas schreiben kann, von dem man rein gar nichts versteht. Ob mir das gelungen ist?

Man soll eine Stadt nicht danach beurteilen, wie sie im “Tatort” auftaucht, das ist so ähnlich als ob man behaupten würde, man kenne den Wilden Westen, weil, man habe ja mal Karl May gelesen. Nur hilft diese Erkenntnis nichts, das Land ist zu groß, zu unübersichtlich, wie soll man sich zurecht finden in den Weiten der Provinz, wenn nicht über den “Tatort”? Wer war denn schonmal in, zum Beispiel, Saarbrücken? Oder in Münster? Der “Tatort” zeigt uns, wie es dort zugeht, wie die Menschen dort ticken.

Und schließlich machte ich etwas, das ich bisher noch nie gemacht habe: Ich schrieb einen Katalogbeitrag. Für die Tanzplattform Deutschland, die Ende Februar/Anfang März auf Kampnagel stattfand, über die geschätzten Theatermacher Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen:

Seit einem Jahr sind Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen Choreographer in Residence bei der Tanzsparte des Theaters Bremen. Und seit einer Spielzeit unterlaufen sie die Strukturen eines Vierspartenhauses mit subversiver Nonchalance: Ja, es wird getanzt, es wird abstrakt der Raum erkundet. Aber gleichzeitig wird auch erzählt, narrativ gearbeitet, Musik gemacht und ins Publikum hinein agitiert. Das (Tanz-)Theater von Gintersdorfer/Klaßen ist nicht gemacht für die Grenzen einer bestimmten Sparte, es ist grenzenlos.

Der Januar war wieder so ein Monat, bei dem man denken könnte, ich schriebe im Akkord (während im Dezember so wenig los war, dass ich überhaupt keinen “Was mache ich hier eigentlich”-Betrag geschrieben habe). Was natürlich Blödsinn ist, die meisten der im Januar erschienenen Texte sind im November und Dezember geschrieben, einige sind sogar noch viel älter und liegen schon einige Zeit auf Halde. Zum Beispiel die Beschreibung des Theaterstücks “Bye Bye Hamburg” von Christopher Rüping und Anne Rietschel in der Februar-Theater heute (Link nur für Abonnenten zugänglich):

Es gibt zurzeit einen kleinen Trend, Migration nicht von außen als Immigration zu erzählen, sondern von innen, als Emigration. Thomas Arslan machte das im Kino mit seinem Berliner-Schule-Western „Gold“, Karin Beier plant für Januar im Hamburger Schauspielhaus ein Stück namens „Pfeffersäcke im Zuckerland“ über die deutsche Kolonie „Dona Francisca“ in Brasilien. Und Christopher Rüping hat sich gemeinsam mit der Dramaturgin Anne Rietschel die deutsche Auswanderung nach Amerika vorgenommen, eine Recherche über unterschiedliche Emigrantenbiografien.

Im gleichen Heft erschien noch eine weitere Kritik, zu “Mobutu choreografiert” von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen (dito: nur für Abonnenten):

Das Stück berichtet von Mobutus Rede auf der UN-Vollversammlung 1973, einem aus verschiedenen panafrikanischen und sozialreformerischen Motiven zusammenkopierten Konglomerat, das den 1970 in Zaire umbenannten Staat recht unverblümt dem Westen als Bündnispartner im Kalten Krieg andiente. Eine unoriginelle Rede, die ihren Reiz aus dem Performativen schöpfte: „Alles geklaut“, konstatiert der Schauspieler Hauke Heumann, „aber irgendwie auch cool, mit dem Leopardenhut und so.“ Ja, das hatte was, wie der Diktator alleine mit seinem Outfit afrikanisches Selbstbewusstsein vor der Weltgemeinschaft demonstrierte, bloß: Darf Heumann überhaupt Wertungen vornehmen?

Aber macht das überhaupt Sinn, über Theater zu schreiben, während vor der Tür die Gentrifizierung ganze Stadtviertel auffrisst? Fürs uMag habe ich ein wenig über die unguten Entwicklungen auf St. Pauli nachgedacht:

Großstadt ist dort, wo Reich und Arm, naja, nicht wirklich zusammenleben, es aber irgendwie schaffen, sich miteinander zu arrangieren. Großstadt ist ein Provisorium, Großstadt ist ein Balkon, der nicht mehr betreten werden kann, weil er mit Stützbalken vollgestellt ist. Großstadt ist der lärmende Punkladen genauso wie der Schicki-Club, Großstadt ist der Edelitaliener genauso wie die Tankstelle, an der sich die Kiezgänger mit Sprit eindecken, und Großstadt ist der Luxusappartementbewohner ebenso wie das alte Mütterchen, das seinen Rollator fluchend durch die Treppenhäuser wuchtet, weil sich im Fahrstuhl jemand übergeben hat. Und vor allem ist die Großstadt die Lebensform, die es schafft, all das nicht in die Vororte zu verbannen, die die Schichten nicht säuberlich trennt, sondern die Bewohner der innerstädtischen Glaspaläste zum Blick auf die Nachbarschaft zwingt. Wenn sie diesen Blick aushalten, dann ist das Leben in der Großstadt eine Schule in Toleranz.

Ansonsten bin ich aber auch in dieser Zeitschrift schwer auf der Kunstschiene unterwegs. Zum Beispiel mit einem Porträt der Autorin Naomi Schenck, die über Wohnungen schreibt, Kunststück, im Hauptberuf ist die gute Frau Szenenbildnerin:

Wenn man jemanden in seine Wohnung lässt, dann öffnet man sich ihm auf eine intime Weise, der Schritt von “Ich lasse dich an meine Möbel” zu “Ich lasse dich an meinen Körper” ist kein besonders weiter. Die Wohnung ist für Schenck eine “dritte Haut”: “Man kann die Wohnung lesen wie das Gesicht des Gegenübers, wie seinen Kleidungsstil. Egal, was man für Klamotten trägt, es sagt immer etwas über einen aus, auch wenn man versucht, sich so uniformiert wie möglich zu kleiden.” Unabhängig von der Kleidung: Das Gegenüber ist dann nackt.

Gemeinsam mit meiner Praktikantin Larissa Schwedes habe ich auch noch ein Interview geführt, mit Lisa Hagmeister, einer meiner großen Schauspielheldinnen:

uMag: Manche sagen über Hamburg, dass es gut sei, als Künstler in dieser Stadt zu arbeiten. Aber dass es noch viel, viel wichtiger sei, sie auch wieder zu verlassen.
Hagmeister: Vielleicht muss ich das auch irgendwann mal wieder machen, wer weiß. Es ist wahnsinnig schön, hier als Künstler zu leben, deswegen verpasst man vielleicht irgendwann den Absprung, um weiterzuziehen, was auch wichtig sein kann. Aber man muss gucken, wie man das privat und beruflich zusammen bekommt.

Aber ich habe auch aktuell gearbeitet! Erstens so halbaktuell, im Tageszeitungsbereich. Für die junge Welt habe ich “Die Rasenden” besprochen, Karin Beiers lang erwartete Eröffnungsinszenierung des Hamburger Schauspielhauses:

»Die Rasenden« ist eine Materialschlacht, wobei Material nicht nur die Ausstattung meint (Bühnenbildner Thomas Dreißigacker zieht alle Register, vom intimen Spiel auf der Vorbühne über exzessive Lebensmittelsauereien bis zum mehrperspektivischen Videoeinsatz), sondern auch das spielende Personal: Insgesamt 17 Schauspieler sind im Einsatz, dazu kommen drei Solomusiker, ein 26köpfiges Streichorchester und mehrere Chöre. Ein Irrsinn! Joachim Meyerhoff und Gustav Peter Wöhler werden als satirischer Chor, na ja, nicht gerade verheizt, aber doch weit unter Wert verkauft. Birgit Minichmayr darf als Elektra nicht einmal eine Stunde glänzen, davon einen Großteil versteckt in der Unterbühne.

Und dann natürlich das ganz schnelle Internet. Für die Nachtkritik habe ich Anne Lenks Inszenierung von Martin Crimps “In der Republik des Glücks” am Thalia in der Gaußstraße besucht:

“Ich mache gerne meine Beine breit!” flötet Oda Thormeyer, was nicht sexuell konnotiert ist, sondern sicherheitsfanatisch – man will zeigen, dass man nichts zu verbergen hat, also macht man eben die Beine breit und zupft zwischen denselben eine Perlenkette hervor: alles unter Kontrolle! Zwischendurch wird gesungen, melancholisch-ironischer Indierock, und Tilo Werner spielt Gitarre: “You’re so full of shit!” Soll niemand behaupten, dass das nicht unterhaltsam sei.

Und an den Hamburger Kammerspielen gab es die Premiere von Sibylle Bergs “Die Damen warten” in der Regie des Filmregisseurs Kai Wessel. Bin ich da die Zielgruppe? Egal, ich war da:

Nina Petri gibt die Pathologin Frau Grau mit kalter Arroganz, Julia Jäger die Maklerin Frau Töss als sehnsuchtszerfressene Dauergeliebte, dazu kommen Marion Martienzen als naive Hausfrau Merz-Dulschmann und Hildegard Schroedter mit proletarischer Direktheit als alleinerziehende Mutter Frau Luhmann. Und obwohl dieses Quartett bis auf Martienzen mehr Fernseh- als Theaterruhm aufzuweisen hat, meistert es die Aufgabe recht ordentlich – indem die Darstellerinnen gar nicht erst versuchen, ihre Figuren über thesenstarke Abziehbilder hinaus zu entwickeln.

Kurzkritiken habe ich diesen Monat nur im Kinobereich geschrieben. In der kulturnews zum Beispiel über Marvin Krens “Blutgletscher”:

“Blutgletscher” will eine Art Neuauflage von John Carpenters Genreklassiker “Das Ding” unter Klimawandelbedingungen sein – die ökologische Botschaft verschwindet allerdings hinter den im Laufe des Films immer unmotivierter eingestreuten Schockmomenten.

Außerdem – und da schließt sich der Kreis zum Lisa-Hagmeister-Interview oben – über Lars Kraumes “Meine Schwestern”:

Lars Kraume macht in “Meine Schwestern” nicht viel, er lässt die Handlung laufen, die sich aus der klassischen Geschichte von der letzten Reise ergibt, er zeigt Spannungen zwischen den Geschwistern, Vertrautheiten, Ängste. Und weil er neben seinem Frauentrio Jördis Triebel, Nina Kunzendorf und Lisa Hagmeister auch in kleinsten Nebenrollen eine hochkarätigste Besetzung zur Verfügung hat, von Marc Hosemann über Angela Winkler bis zur großen Béatrice Dalle, funktioniert das auch ausnehmend gut.

Und nächsten Monat wird es dann wieder weniger. Versprochen.

Ich ging in Baden-Württemberg zur Schule. Baden-Württemberg, Lothar-Späth-Land. Baden-Württemberg, dem Land, in dem ein Gerhard Mayer-Vorfelder Kultusminister sein durfte. Baden-Württemberg, dem Land, das sich einen rechtsoffenen Think Tank namens Studienzentrum Weikersheim leistet. Baden-Württemberg, dem Land, in dem eine Annette Schavan nicht fürs Amt der Ministerpräsidentin kandidieren durfte, nicht, weil schon damals Zweifel an Schavans Doktorarbeit aufgekommen wären, sondern weil es da ungeklärte Familienverhältnisse gab, und so jemanden könne man vielleicht dem Stuttgarter Bildungsbürgertum zumuten, nicht aber „dem durchschnittlichen Schwarzwaldbauer“.

Vielleicht ist letzteres aber auch gar nicht so schlecht. Weil Schavan zurückstecken musste, wurde nämlich Stefan Mappus nächster Ministerpräsident, und der benahm sich so unmöglich, dass erstmals seit 1949 eine CDU-Regierung in Baden-Württemberg in die Opposition gewählt wurde. Die neue grün-rote Regierung ist zwar so ultrabürgerlich, dass es mich schon wieder schüttelt, aber immerhin hat sie einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, in dem gefordert wird, die Aufklärung über sexuelle Vielfalt im Schulunterricht zu verankern. Einen Gesetzentwurf, der von konservativer und religiöser Seite pawlowsch angegriffen wird: Die herausgehobene Stellung von Ehe und Familie werde hier untergraben, man müsse sich heutzutage ja schämen, wenn man heterosexuell sei, und überhaupt habe man ja nichts gegen Schwule, aber. (Ich habe bei den Flâneuren schon einmal etwas über diese Argumentationsketten geschrieben.)

Ich weiß, was für einen Unterricht die Gegner des Gesetzentwurfs wollen, ich habe ihn mitgemacht. Ich saß im Biologieunterricht, als das Thema „Abtreibung“ (es wurde immer nur von „Abtreibung“ gesprochen, die Formulierung „Schwangerschaftsabbruch“ tauchte nicht auf) lautete, ich saß da, als die technischen Details einer Ausschabung besprochen wurden, ohne ein Wort über den sozialen Hintergrund, ich saß da, als die Lehrerin Flugblätter austeilte, mit Fotos von abgetriebenen Föten, „ich zeig’ euch das ohne Kommentar, damit ihr das mal gesehen habt“, Splatter für Fünfzehnjährige. Und ich saß im Religionsunterricht, als Filme über „das Wunder der Sexualität“ gezeigt wurden, Filme, die klarstellten, dass dieses Wunder nur innerhalb der Ehe stattzufinden habe: Ein junges Mädchen war da zu sehen, das einen Freund hatte, aber mehr als Knutschen war nicht, und als er doch mehr wollte, wies die Heldin ihn zurück, worauf er sich von ihr trennte. Traurig, erstmal. Auf lange Sicht wurde das Mädchen aber glücklich, mit einem neuen Freund, der warten wollte, während der stürmische Typ am Ende Drogen nahm. (Wir mochten solche Filme, weil es in ihnen zumindest angedeutet Brüste zu sehen gab.) Was ich im Unterricht nicht erfuhr: dass es Homosexualität gab. Das Thema tauchte nicht auf, man wusste zwar, dass es Männer gab, die sich nachts am Rosengarten, oberhalb des Donauufers, trafen, aber das war nur eine düstere Subkultur, nichts, das mit unserer Welt zu tun hatte.

Ich verachte diese Schule. Ich verachte diesen Unterricht. Ich verachte die Lehrer, die damals für uns verantwortlich waren, ich verachte Sie, Frau Walther, ich verachte Sie, Herr Neher. Und ich verachte die Menschen, die heute die Petition „Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ unterschreiben.

Jahrelang habe ich Ende eines Jahres zurückgeschaut. In Tabellenform: Was war gut, was war schlecht, passierte irgendwas Außergewöhnliches? Diese tabellarische Rückschau habe ich so exzessiv betrieben, dass Mark auch angesteckt wurde, aktuell sagt er sogar, dass ich ihn motiviert hätte, was mich natürlich unter Zugzwang setzt, ebenfalls den Rückblick in Angriff zu nehmen.

Das Problem dabei ist aber: Ich habe überhaupt keine Lust.

Mir gefallen diese Tabellen nicht mehr, ich meine, es gibt etwas Tabellenartiges, drüben, bei Les Flâneurs, aber das ist etwas anderes, das ist kollektiv, da macht die Form durchaus Sinn. Für ein persönliches Blog gefällt mir aber besser, wie Isabel das Thema anging: Quasi wie ein Brief, man erzählt zum Abschied des Jahres ein bisschen, was so war, und hinterher sagt man Tschüss. Ich aber habe nicht wirklich was zu erzählen.

Das frustrierte mich ein bisschen an 2013: Es war ein Jahr, in dem mit meinem Leben nicht wirklich was passierte. Beruflich etwa: 2012 begann ich, neben dem Job frei zu arbeiten, das hatte ein bisschen den Zauber eines Nauanfangs, das war phasenweise großartig. 2013 hingegen konsolidierte ich diese Nebenjobs, ich veröffentlichte recht viel, einiges auch auf einem Niveau, auf das ich durchaus stolz bin, aber es passierte einfach nichts groß anders mehr. (Ich hatte auch keine Zeit, anderes passieren zu lassen.) Immerhin verdiente ich recht ordentlich. Und, okay: Ich begann, ehrenamtlich in einer Jury zu sitzen, das war doch noch was neues, das mir zudem bis heute großen Spaß macht.

Es gab Reisen, mit der schönen, klugen Frau. Wir konnten uns mit Madrid eine Großstadt erlaufen, die uns bislang vollkommen unbekannt war. Wir konnten feststellen, dass ein absolut unspektakuläres Urlaubsziel wie die Rhön der schönste Ort überhaupt sein kann, wenn Stimmung und Wetter und Herz mitmachen. Wir konnten ein verlängertes Wochenende ans Ende der Welt fahren, in ein Gutshaus an einem mecklenburgischen See. Wir konnten auf den letzten Metern des Jahres noch ein frühlingshaftes Weihnachten erleben, im Allgäu, mit Bergwanderung und echten Bergen, die das sind, was mir hier in Norddeutschland zutiefst fehlt: Abwechslung am Horizont.

Immer wieder Kultur, klar, das ist mein Beruf. Spannendes Theater: “Swamp Club” von Philippe Quesne. Oder “Schwarze Augen, Maria” von Signa (das ich für die Nachtkritik rezensiert habe). Ein guter Kinojahrgang, mit Filmen wie Noah Baumbachs großartigem “Frances Ha”, mit Jacques Audiards “De rouille et d’os”, mit Jan-Ole Gersters “Ohboy” (die beiden letzten Filme sind schon von 2012, ich habe sie aber erst 2013 gesehen, für mich sind es 13er-Filme), mit Abdellatif Kechiches “La vie d’Adéle”. Außerdem habe ich die wunderbare Fernsehserie “Girls” für mich entdeckt, die vorletzte Staffel “Breaking Bad” war atemberaubend, “True Blood” schwächelte ein wenig, egal.

Gelesen habe ich auch. Comics: Gabrielle Bells “Die Voyeure” war toll, ebenso “Die große Odaliske” von Bastien Vivès, Florent Ruppert und Jerome Mulot. Bücher hingegen … Ach. Ich und Bücher. Genauso: Ich und Musik, das wird nichts mehr. Ich hatte schöne Konzerterlebnisse, ja. Janelle Monáe im Mojo, Miss Li auf dem Dockville, Tocotronic im Thalia Theater, Gustav im Pudel, das war beglückend, aber mit Musikhören habe ich es irgendwie nicht mehr so, Musik höre ich in der Bahn, damit die Fahrt vorbei geht. Tut mir leid, das war mal anders.

Ich finde es toll, dass wir es geschafft haben, Les Flâneurs auf den Weg zu bringen. Ich finde es toll, da mit anderen Menschen gemeinsam etwas entstehen zu lassen, und ich weiß, dass darunter vor allem die Bandschublade leidet: Gute Blogposts landen, wenn es passt, einfach erstmal bei den Flâneuren.

Ich weiß, dass 2013 kein schlechtes Jahr war. Es war einfach nur ein Jahr, das, ach, ich weiß nicht. Es war das Jahr, in dem ich meinen Frieden mit Hamburg gemacht habe, meinen Frieden auch irgendwie mit der Welt, es war ein Jahr, mit dem man in all seiner Ereignislosigkeit schon zufrieden sein konnte. Ich wurde alt, 2013.

(Wirklich schön: das Kind, das Kollegin K. Anfang des Jahres bekam. Und das so niedlich ist, ich würde am liebsten ohne Unterbrechung Instagram mit Babyfotos zuschütten, aber K. hat es mir verboten.)

Es gibt so Tage, an denen schäme ich mich richtig für meinen Beruf.

Tage, an denen sich in Wolgograd zwei schlimme Bombenanschläge ereignen, 31 Tote, in einer politisch aufgeladenen Situation, in einem Staat, dessen Führung jede Gelegenheit wahrnehmen dürfte, die Daumenschrauben anzuziehen. Da ereignen sich dann also zwei solche Anschläge, und der verantwortliche Redakteur der wichtigsten Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen bestimmt: “Lass mal, Wolgograd machen wir unter ferner liefen, die Startmeldung wird sein, dass ein deutscher Promi nach einem Skiunfall in Frankreich im Koma liegt. Er liegt im Koma, die Ärzte können nichts sagen, egal, wir machen einen Fünf-Minuten-Bericht, fünf von fünfzehn Minuten füllen wir mit der Nachricht, dass es keine Nachricht gibt. Und dann machen wir Wolgograd.”

Michael Schumacher liegt also im Koma. Michael Schumacher, 44 Jahre alt, Autorennfahrer. Ein Mensch, dessen Lebensleistung darin bestand, mit einem Rennwagen im Kreis zu fahren. Ein Mensch, der mit einer zutiefst umweltschädlichen, zutiefst sinnlosen Beschäftigung ein obszön großes Vermögen verdient hat. Ein Mensch, der fern der Piste durch die Alpen jagte, ein Mensch, der ausschließlich durch eigenes Verschulden, durch eigenes Fehlverhalten einen schlimmen Unfall erlitt. Ein Mensch, dessen widerwärtiges Verhalten die Tagesschau, ja, die wichtigste Nachrichtensendung des deutschen Fernsehens, die Sendung für die ich meine “Demokratieabgabe” eigentlich gerne zahle, rührselig verniedlicht: “Michael Schumacher liebte es, abseits der Piste zu fahren.”

Besteht die Möglichkeit, dass es unter den 31 Toten in Wolgograd jemanden gibt, bei dem Mitleid angebrachter wäre als bei so einem Typen?

Mit dem großen Interesse an einer Person des Zeitgeschehens argumentieren die Verantwortlichen. Und dafür verachte ich euch, Tagesschau-Redaktion: dass ihr euch nicht gegen dieses Interesse stellt. Dass ihr nicht sagt: Ja, es ist schlimm, wenn ein Mensch ins Koma fällt, aber 31 Tote in einer politisch aufgeheizten Situation sind objektiv schlimmer, wir melden den Unfall Schumachers da wo er hingehört: ohne Filmbeitrag, kurz vor dem Wetterbericht. Wir bedienen die Führersehnsucht des deutschen Fernsehzuschauers nicht, sondern wir lenken den Blick auf das, was wirklich wichtig ist. Und wenn dann noch Platz ist, machen wir einen Bericht über die Gefahren verantwortungslosen Skifahrens.

Aber okay, Michael Schumacher, Schumi, halt durch. Ich wünsche niemandem, dass er im Koma liegt, echt nicht.

Was ich definitiv nicht mache: mir den neuen Lars-von-Trier-Gesamtkunstwerksüberkandideltschocker “Nymphomaniac” anschauen. Weil heute nämlich die Pressevorführung ist, ich aber erkältet im Bett liege. Kann ja alte DVDs gucken, mrpf. Oder mich erinnern, was ich im Vormonat so geschrieben habe.

Zum Beispiel für Theater heute. Eine Besprechung von “Die Eingeschlossenen” der Hamburger Gruppe Ligna auf Kampnagel (online wie immer nur für Abonnenten zugänglich):

Die Zuschauer verlassen das Parkett, betreten die Bühne, sanft angeleitet von den Stimmen im Kopfhörer (Edith Dane, Katja Danowski, Hans Löw und Samuel Weiß). Jetzt: Verteilen im Raum. Jetzt: einen Kreis bilden. Jetzt: möglichst langsam im Kreis schreiten. Oder doch nicht? Die Inszenierung baut Störungen ein, anscheinend sind nicht auf allen Kopfhörern die gleichen Anweisungen zu hören, die einen schreiten, die anderen rennen.

Ligna, das klingt wie Signa, und auch die dänische Gruppe Signa zeigte ein Stück in Hamburg: “Schwarze Augen, Maria”, die unfreiwillige Eröffnung des Hamburger Schauspielhauses, die ich für die Nachtkritik besprochen habe:

Eigentlich hätte “Schwarze Augen, Maria” im Eröffnungswochenende der Karin-Beier-Intendanz am Hamburger Schauspielhaus die installative Flanke abdecken sollen, nach Beiers eigener Inszenierung “Die Rasenden” am Freitag und vor Friederike Hellers “Nach Europa” am Sonntag. Nachdem “Die Rasenden” aber wegen eines Unfalls auf der Hauptbühne in den Januar verschoben wurde, rutschten Signa unfreiwillig in die Rolle, die zentrale Eröffnungspremiere stemmen zu müssen – eine Rolle, die “Schwarze Augen, Maria” nicht ausfüllen kann, auch nicht will. Am Ende bleibt das Bild eines abgründigen Laientheaters: “Ihr lieben Leute, habt gut acht / Was wir an Finstrem mitgebracht.”

Ein weiterer Text für die Nachtkritik war “Fatzer/Krieg” auf Kampnagel, Benjamin van Bebbers (vom Cobratheater.Cobra) Diplominszenierung, die ich, naja, ein wenig trocken aber durchaus beeindruckend fand:

“Fatzer/Krieg” ist die Abschlussinszenierung van Bebbers im Studiengang Musiktheaterregie an der Theaterakademie Hamburg, das erklärt den etwas akademischen Charakter der Arbeit. Die Inszenierung zeigt aber auch exemplarisch, welchen Weg van Bebber sowie sein mehr oder weniger enges Theaternetzwerk “cobratheater.cobra” gehen: hin zu einem Theater, das einerseits die radikale Form sucht, andererseits die Strukturen traditioneller Theaterproduktion beibehält. Es wird in Hierarchien gearbeitet, es gibt Regie, Dramaturgie, es gibt Darsteller, die sehr wohl Rollen ausfüllen, auch wenn beispielsweise Martón Nagy ein Johann Fatzer ist, der nur noch die äußere Hülle einer Figur ist. Es gibt vor allem auch Texte, die überaus ernst genommen werden, die mehr sind als bloßes Material – zuletzt inszenierte van Bebber Büchners “Lenz” und Purcells “Dido und Aeneas”.

Weniger beeindruckend fand ich hingegen “Oldboy” Spike Lees Hollywood-Remake von Park Chan-wooks zehn  Jahre alter Gewaltorgie. Warum, steht in den kulturnews.

Nur in ein paar Ausstattungsdetails blitzt die politische Schärfe von Lees Frühwerk auf, ansonsten ist der Film härtere Genreware von der Stange. Die Schauspieler machen, was sie können, insbesondere Josh Brolin gibt den leidenden Protagonisten mit berückender Kaputtheit, gegen die uninsprierte Regie kommt aber auch er nicht an. Selbst die ausufernde Brutalität wirkt hier eigenartig blutleer, trotz ein paar fieser Folterszenen – wo Park ein furios-blutiges Gewaltballett inszeniert, gibt es bei Lee eben eine Keilerei.

Ein gutes Stück besser kommt der Animationsfilm “Alois Nebel” am gleichen Ort weg:

Lunák steht in der langen Tradition tschechischer Trickfilme, wo man auf die heute üblichen Animationen verzichtet und stattdessen das aufwändige Rotoskopieverfahren einsetzt. Das Ergebnis sind statische, düstere Bilder, die von harten Schwarzweiß-Kontrasten leben. “Alois Nebel” ist eine Mischung aus gezeichnetem Geschichtspessimismus, Kriminalhandlung und Sozialmelodram – wenn Aki Kaurismäki Trickfilmer wäre, dann sähen seine Filme so aus.

Im uMag habe ich schließlich einen längeren Text über Christoph Schlingensief geschrieben, anlässlich seiner aktuellen Ausstellung in den KW Institute for contemporary art in Berlin:

Schlingensief inszenierte Starschauspieler, Laien, Obdachlose, Menschen mit Behinderung, er überforderte seine Darsteller, so wie er sich überforderte. Häufig gab es Vorwürfe, er nutze Menschen aus, die sich nicht wehren könnten Ein wenig war da auch etwas dran, aber es war auch so, dass Schlingensief sich selbst ebenso ausnutzte. Er machte sich selbst nackt und zeigte in seinen besten Arbeiten ein rohes, unfertiges Scheitern.

Und jetzt geh’ ich verrotzen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Da waren doch diese Typen in der Schule, gegen die eigentlich niemand wirklich was hatte, die aber auch niemand wirklich mochte. Typen mit randloser Brille, Aktentasche und Opel Corsa zum 18. Geburtstag, nie waren sie betrunken, nie gingen sie abends irgendwohin mit, und geküsst wurden sie auch nie. Ihr Abischnitt war überdurchschnittlich, dann verlor man sie aus den Augen. Irgendwer erzählte später noch einmal von ihnen, sie gingen zum Bund oder machten Zivi, später studierten sie an Provinzhochschulen Maschinenbau oder Bauingenieurswesen, Aufbaustudium in den USA. Mit spätestens 30 begannen sie zu bauen, ein Haus, irgendwo in der Nähe ihres Heimatortes. Sie interessieren heute so wenig wie sie damals interessierten.

Aber es gibt sie. Und sie treffen sich in den Kommentarspalten auf Welt Online, auf Spiegel Online, auf Süddeutsche.de. Dort lassen sie dann all ihren Frust raus, all ihre Aggression, die man gar nicht von ihnen erwartet hatte: Das waren doch immer ruhige Typen, ein wenig langweilig vielleicht, aber ganz sicher nicht aggressiv. Man hat sich nicht für sie interessiert, jetzt antworten sie mit Hass: Sobald von einem Architekten die Rede ist, schimpfen sie über die Architekten, die doch nichts wären ohne die Bauingenieure. Sobald von einem Beamten, Lehrer, Künstler die Rede ist, schimpfen sie über die Leute, die noch nie richtig gearbeitet hätten, und Arbeit, das ist für sie: Ingenieurshandwerk. Sobald von Homosexualität die Rede ist, schimpfen sie, dass langsam mal gut sein müsse mit der Gleichberechtigung, gegen Diskriminierung: gut und schön, aber eine Ehe sei doch eine Verbindung zwischen Mann und Frau, und heute sei es doch so, dass man sich schämen müsse, wenn man heterosexuell verheiratet, zwei Kinder, sei. Richter, öffentlich-rechtliches Fernsehen, Intellektuelle, Wissenschaftler: alles linksgrün durchsetzte Sesselfurzer. Ausländer, Muslime gar: sollen bleiben, wo sie herkommen, der Islam gehört nicht zu Deutschland. Frauen: Ziehen einen in ihrer hinterhältigen Art ins Bett, nur um später Alimente zu kassieren. Mein nettes, kleines Internet läuft über vor Hass.

Und ich habe wirklich Angst. Dass mir einer dieser Typen, an die ich mich doch nicht erinnere und die mir eigentlich wirklich egal sind, begegnet, spätabends. Dass er in diesem Moment denkt, dass ihm sein Leben selbst nicht passt. Und dass er aus irgendwelchen wirren Gründen plötzlich denkt: Der Typ da, mit der Brille, der Mütze und den engen Hosen, der ist glücklicher als ich. Und dann haut er mir eine rein. Wenn ich dem glauben kann, was er im Internet schreibt, würde ich sagen: Ich traue es ihm zu.

26. November 2013 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: ,

Ich habe ja nicht gedient. War mir immer zuwider, die Vorstellung: einen Finger krumm zu machen für diesen Staat, für das Schweinesystem, für diese Bundesrepublik Deutschland.

I got a letter from the government, the other day / I opened and read it, it said they were suckers / they wanted me for their army or whatever / Picture me givin’ a damn / I said ‘never!”

Public Enemy, Black Steel in the Hour of Chaos

Damals gab es noch Systemalternativen, wenn auch in Auflösung begriffen, ich denke aber nicht, dass mir der Kampf für diese Alternativen sympathischer gewesen wäre als der Kampf für Marktwirtschaft und Westen. Hätte mich jemand gefragt, ob ich bewaffnet gegen das System der Bundesrepublik kämpfen würde, ich hätte wohl ebenso ablehnend reagiert. Ich mochte einfach keine Soldaten. Was meine einzige Rettung vor dem Argument war, dass die Bundeswehr sicherstellen würde, dass jemand, der diesen Staat ablehnt, das auch sagen dürfe. (Es war diskurstheoretisch ziemlich fies, solche Argumenten Sechzehnjährigen an den Kopf zu schmeißen, damals im Germeinschaftkundeunterricht. Ein Staat, der es nötig hat, Sechzehnjährige mit Diskursen zu überfahren, mit denen sie intellektuell noch gar nicht umgehen können, ist nicht schützenswert, das hätte man damals dem Lehrer an den Kopf schmeißen sollen. Niemand schmiss ihm irgendetwas an den Kopf, stattdessen ging ungefähr die Hälfte meines Jahrgangs nach dem Abitur zum Bund, und die andere Hälfte diente als Zivi, so sah es aus.) Ich aber mochte einfach keine Soldaten, das schützte mich, das schützt mich heute nicht mehr, wenn ich sage: Eigentlich war es historisch gesehen schon ganz gut, dass die Rote Armee Soldaten hatte, als die Wehrmacht vor Stalingrad stand. Meine Argumente stehen auf tönernen Füßen, aber ich kann mich ja auch nicht in jemanden verwandeln, der ich gar nicht bin.

Rückblick. Irgendwann Anfang der Achtziger, eine Kaserne auf der Schwäbischen Alb. Tag der offenen Tür: Mein Vater nimmt mich mit, mein Vater, der vor Jahren seinen Wehrdienst abgeleistet hatte, damals war das ja noch nicht so einfach mit der Verweigerung, und immer wieder betonte, wie doof, wie verschenkt er diese Zeit fand. Keine Ahnung, weswegen wir diese Kaserne besuchten, vielleicht war uns einfach langweilig. Vor der Kaserne: Pazifisten, die gegen diese Feier des Militarismus Flugblätter verteilen. In der Kaserne: Panzer, Sanitätsfahrzeuge, frisch geduschte Rekruten, die alles geduldig erklären. Und der kleine Falk, der auf einem Panzer rumklettert. Der im Panzer rumklettert. Der auf einem gläsernen oder porzellanenen Gerät rumklettert. Und der plötzlich von einem Uniformierten weggerissen wird. “Pass doch auf!”, brüllt der Soldat. “Jetzt ist das Ding da kaputt!” Ich sehe nicht, was kaputt ist, anscheinend ist das gläserne Instrument im Panzer etwas extrem Sensibles, etwas, das in Stücke geht, sobald ein Zehnjähriger drauftritt. “Weißt du, was sowas kostet?”, brüllt er, anscheinend habe ich tatsächlich etwas kaputtgemacht.

Ich habe einen Panzer kaputtgemacht.

Ich glaube, mein Vater streitet später noch mit dem Uniformierten. Wahrscheinlich kommt der ihm gerade recht, ein Soldat, so ein Typ, der meinen Vater während des Wehrdienstes anbrüllte, und jetzt brüllt mein Vater eben zurück, aber stimmt ja auch: Wenn dieser Panzer so sensibel ist, weswegen lässt man ihn dann offen stehen? Weswegen darf ich da überhaupt ran, unbeaufsichtigt? Und andererseits: Wenn Zehnjährige in der Lage sind, Panzer kaputtzumachen, wie sollen diese Panzer unseren westdeutschen Wohlstand beschützen, vor den Russen? Mein Besuch bei der Bundeswehr endet in Geschrei, wer weiß, wahrscheinlich ist das näher am Kasernenalltag als das Frischgeduschte dieses Tags der offenen Tür, ich jedenfalls will da nicht nochmal hin, und ich gehe da auch nicht nochmal hin. Einmal noch zur Musterung.

Und dann nie wieder.