Pro “True Detective”, pro Nature Theatre of Oklahoma, kontra Republikanische Partei.
Proamerikanisch: im Sinne von pro Ironie, pro freundliche Distanz.
Pro Islam, kontra Religion überhaupt.
Pro Israel, kontra Netanjahu, pro Iran, kontra Ahmadinedschad.
Kontra Deutschland, kontra Antideutsch.
Pro Sexualität. Kontra Sport.
Pro Redefreiheit, kontra Geschwätz.
Pro Marx, schon, kontra Dogma. Wie gesagt, kontra Religion.
Pro Heterogenität, kontra Uniform. Pro multikulturelles Durcheinander, pro pro pro.
Pro Hedonismus, kontra Egoismus.
Tanzen.

Gutes Abi, Studium halbwegs interessiert durchgezogen, Hörner abgestoßen. Und dann ein ordentlicher Job, früh geheiratet, früh möglichst viele Kinder bekommen. Gebaut, was kleines, eher weiter draußen, im suburbanen Raum. Zwei Autos, Kombi und Kleinwagen, für die Frau. Am Wochenende dann doch Fußball, einmal die Woche Kumpels treffen. Nach und nach aufgeben: Stil und Geschmack nicht mehr als Arbeit verstehen, nicht mehr als etwas, mit dem man sich beschäftigen sollte. Die größten Hits der Achtziger, der Neunziger und das Beste von heute. Irgendwann dann untreu werden, uninteressiert. Die Augenhöhe verlassen. Die Sache jetzt durchziehen.

(Irgendwann verstanden, dass man es mit dem Lebenslauf hinbekommen hat, nicht in die typischen Fallen zu treten. Irgendwann verstanden, dass das wohl auch nicht mehr passieren wird. Irgendwann verstanden, dass das auch keine Lösung ist.)

Wir finden es spannend,
eine Geschichte dazu zu erzählen.

Wenn man selbst es doch so toll findet!
Dauernd kommt jemand rein und hat eine Flasche Sekt dabei oder bringt mir etwas zu essen oder holt den Hund ab und geht mit ihm spazieren.
Das war für mich mit ein Grund zu sagen:
ich möchte am Tagesende einfach etwas Schönes sehen.

Als Kind habe ich gar nicht fernsehen dürfen, ich hatte da irgendwie gar keinen großen Bezug.
Ich verkaufe hier Bücher. Sozusagen.

Ich möchte am Tagesende einfach etwas Schönes sehen.

Avocado, Krabbensalat, Tomate, was weiß ich.
Aber es ist natürlich alles überhaupt nicht optimal.
Ich werde mich aber nicht zwischendurch in den Zug setzen und nach Hause fahren oder so,
ich will das schon durchhalten.

Ich bin also davon ausgegangen, dass ich hier keine Zukunft habe.
Wollt Ihr das fotografieren?

Ich möchte am Tagesende einfach etwas Schönes sehen.

Ich mache auch sehr viel anderes.
Das Interesse am Lindy-Hop wächst immer noch,
seit Jahren geht es nur bergauf.

Sowas wie Augsburg oder Ulm, so Orte, wo man normalerweise nicht unbedingt hinfährt.
Erfolgreich ist was anderes, aber ich bin angekommen. Wenn auch eher unelegant.
Und das ist auch richtig so.

Ich möchte am Tagesende einfach etwas Schönes sehen.

Es ist wirklich das Extreme, das Krasse,
das kommt bei den Leuten am besten an.

Das hier ist ein Drohn. Man erkennt sie an den riesigen Augen.
Ich und ein Internetshop und mein Fahrrad.
Wir machen Paramente.
Schön ist natürlich, wenn bei jemandem alles kaputt ist, wenn also, salopp gesagt, alles vergammelt ist und schlimm aussieht,
dann kann man das komplett wiederherstellen.

Frag drei Leute, und du bekommst fünf Antworten.

Ich möchte am Tagesende einfach etwas Schönes sehen.

(Saxofonsolo)

Es war ganz schlimm.

Was kannst du, wo hast du Bock drauf?
Die Frage ist,
wie ich sie zusammenschlage.

Alter Wall, Bankenviertel.
Das muss man erstmal reinkriegen, man muss es üben.
Der Job an sich ist meistens ziemlich routiniert.
Ich bin Bibliothekarin, und ich segle.
Bloß, weil er schwarz ist.
Da waren wir am Anfang, oder auch teilweise bis heute, das einzige Männerpaar.
Hamburg, Berlin, Frankfurt, Stuttgart, Freiburg und München.

Ich möchte am Tagesende einfach etwas Schönes sehen.

Wir bieten diesen Menschen eine Plattform, auf der sie ihr Leben erzählen können.

Isabel Bogdan und Maximilian Buddenbohm geben mit ihrem wunderbaren Projekt Wasmachendieda? Menschen ein Podium für Leidenschaft und Lebensziele. Einmal, vergangenen April, übrigens auch mir.

… ist das Gatekeepertum. Sind die Fragen von Künstlern, die ich teilweise wirklich mag, menschlich, künstlerisch, die fragen, ob ich nicht was zu ihrer nächsten Ausstellung, zu ihrer nächsten Premiere schreiben würde. Ich rede nicht von Promotern, deren Bettelmails von wegen „Wir suchen regelmäßig nach niveauvollen Lifestyleblogs und wollten einen Linktausch mit deiner tollen Seite anregen“ ich mittlerweile nicht einmal ignoriere, die landen ungelesen im Spamordner, und ich gehe davon aus, dass sich die Vetreter dieses verachtenswerten Berufsstandes dessen auch bewusst sind. Nein, ich rede von den Künstlern, die mir persönliche Mails schreiben und von ihrem neuen Projekt schwärmen, und denen ich dann sagen muss, dass ich trotzdem nichts drüber schreibe. Weil es nicht ins Profil passt. Weil ich da gar keinen Einfluss drauf habe, worüber was geschrieben wird und worüber nicht. Weil ich grundsätzlich nicht über Leute schreibe, die ich persönlich kenne, also, „Kennen“ im Sinne von „mehr als mal Hallo sagen und auf Facebook befreundet sein“. Weil ich es nicht berichtenswert finde, das auch.

Ich habe meinen Beruf immer als einen beschreibenden verstanden, als: Ich schreibe auf, was ist. Seit einiger Zeit wird mir klar, dass das nicht funktioniert, ich beschreibe nicht, was ist, ich treffe eine ziemlich harte Auswahl, was ich überhaupt besuche, und dann mache ich nochmal eine Auswahl, über was ich dann schreibe. Das ist nicht immer fair, das ist mir auch klar.

Mittlerweile schreiben mir Künstler per Post. An meine private Adresse, wenn man tief genug in der Bandschublade nach dem Impressum sucht, dann findet man die. Ich möchte das nicht. Ich möchte keine Kataloge von irgendwelchen Malern ungefragt zugeschickt bekommen, mit der Aufforderung, sie zu besprechen. Es vergrößert die Chancen auf eine Besprechung nicht, wenn man möglichst penetrant agiert.

Und dann die Enttäuschung. Und dann die Wut, die auf die Enttäuschung folgt. Der Kollege Till Briegleb bekam sie zu spüren, als er auf Deutschlandradio Kultur sagte, dass zum Theatertreffen immer nur die großen Bühnen aus Wien, Berlin, Hamburg eingeladen würden, weil dort eben das „bemerkenswerte“ Theater produziert würde, dort, nicht in Kassel, Augsburg, Magdeburg. Falls Briegleb demnächst in Kassel, Augsburg, Magdeburg vorbeischauen sollte, dann wird er wahrscheinlich von beleidigten Dramaturgen gelyncht, aber in Wahrheit sagte er nur, was eigentlich klar ist: Man kann sich nicht alles anschauen. Man ist ein Gatekeeper, zwangsweise, und vor einem stehen noch weitere Gatekeeper: Die FAZ hat was über die Kunsthalle Emden geschrieben, also schau’ ich mir die auch mal an. Falk Schreiber hat was übers Theater Oldenburg geschrieben, also fahr’ ich mal nach Oldenburg.

Mir gefällt das nicht. Eine Lösung habe ich nicht.

Ninia La Grande bat mich zur Beichte. Erst dachte ich: Beichten, och nö, ich bin ja ehemaliger Katholik, ich habe Erfahrungen mit dieser Praxis gemacht, die möchte ich niemandem zumuten. Dann dachte ich: Ach, warum nicht, kann ja Spaß machen, so stöckchenlike. Also schrieb ich eine erste Beichte: Ich esse gerne Saures. Saures Obst, saure Gummibärchen, dazu trinke ich einen trockenen Weißwein. Das schrieb ich, und dann dachte ich: Ist das blöde! Das interessiert doch keinen! Ein bisschen mehr ans Eingemachte darf es schon gehen! Nun gut: sieben Sünden.

Ungeduld Ich bin ungeduldig. Mit Menschen, die mir etwas bedeuten. Die beobachte ich, dann sehe ich bestimmte soziale Muster, und die werfe ich ihnen dann subtil vor. Das gefällt mir nicht an mir, das ist wahrscheinlich meine schlechteste Charaktereigenschaft überhaupt, da muss ich an mir arbeiten.

Unkeusche Gedanken Habe ich. Also, nicht, dass das was Schlimmes wäre, aber manchmal sind da Gedanken dabei, die meinem Selbstbild als linker, emanzipatorischer Mann entgegenstehen. Andererseits: Sexualität ist ein Spiel, und im Spielerischen ist da sehr viel erlaubt. Nö, da stehe ich durchaus zu.

Kunst Ich mag die Musik von Death in June, manchmal. Ja, Death in June sind Nazis, aber es sind Nazis, die leider sehr gute Musik machen. Und jetzt? Es wäre einfacher, wären es Frei.Wild oder Onkelz, da fiele es leicht zu sagen: Den Schrott höre ich jetzt nicht mehr. Aber so? In der Kunst gefällt mir übrigens Neo Rauch, in der Literatur Ernst Jünger, in der Architektur Sachen aus der Schublade Einschüchterungsarchitektur, Brutalismus, sozialistischer Klassizismus. Ich komme da nicht raus.

Essen Ich esse Fleisch. Ich weiß, dass Massentierhaltung moralisch, ökonomisch, gesundheitlich ein Problem ist, ich weiß, dass das Töten eines Lebewesens durch nichts zu rechtfertigen ist. Und ich mache es trotzdem.

Diskussionsverhalten Ich mag nicht so wirken, aber ich bin in Diskussionen ein Macho. Ich lasse mein Gegenüber oft nicht ausreden, ich setze Körpersignale der Überlegenheit ein, ich verstehe eine Diskussion weniger als Austausch von Argumenten denn als Durchsetzen meiner Position. Auch hier sollte ich an mir arbeiten.

Loslassen Ich kann oft nicht richtig genießen, ich kann mich oft nicht fallenlassen. Ich bekomme den Gedanken nur schwer aus dem Kopf: Was könnte jetzt alles Schlimmes passieren? Der Leidtragende dessen bin nicht nur ich selbst, sondern auch meine Umgebung, das tut mir leid.

Tratschen Seit es das Internet gibt, schreibe ich da Persönliches rein. Ich bin eine Tratschtante geworden, und weil ich über mein Leben tratsche, tratsche ich auch über die Menschen, die in meinem Leben auftauchen. Das geht gar nicht.

Ich gebe den Auftrag zur Beichte nicht weiter. Wer mitteilungsbedürftig ist, möge den Beichtstuhl betreten, gefordert sind sieben Sünden. Aber: Sündigen ist alles, was wir noch haben, das sollten wir nicht so leichtfertig aufgeben.

2014 war das Jahr, in dem ein paar Halbstarke sich die Worte “Sharia-Police” auf die hässlichen Jacken schrieben, so durch Wuppertal zogen und Betrunkene, unverschleierte Frauen und andere unislamisch aussehende Menschen anpöbelten. 2014 war das Jahr, in dem die Medien das zum Anlass nahmen, über die angebliche Islamisierung in bergischen Provinzstädten zu berichten. 2014 war das Jahr, in dem weit weniger prominent berichtet wurde, dass sich alle Islamverbände in deutlichen Worten von dem Geschehen distanzierten. 2014 war das Jahr, in dem niemand auf die Idee kam, zu erwähnen, dass Halbstarke schon immer Leute anpöbelten, das ist nicht schön, aber anscheinend hat es was mit dem Alter zu tun.
2014 war das Jahr, in dem Lann Hornscheidt an der Berliner Humboldt-Uni über Gender als soziale Konstruktion forschte, zu dem Schluss kam, dass Kategorien wie männlich oder weiblich IN DIESEM PERSÖNLICHEN FALL untauglich seien und darum BAT, künftig nicht mehr als Professor oder Professorin sondern als Professx Hornscheidt angesprochen zu werden. Woraufhin sich ein Shitstorm über Hornscheidt ergoss, von Leuten, die die Prinzipien “Bitte” und “Vorschlag” nicht verstanden haben und behaupteten, ihnen werde verboten “Professor” zu sagen.
2014 war das Jahr, in dem sich Matthias Matussek in der Welt als homophob outen durfte. 2014 war das Jahr, in dem Homophobie, Überheblichkeit und Menschenverachtung als legitime Stimmen im Konzert der Meinungen rehabilitiert wurden und nicht mehr als das, was sie jahrzehntelang zu Recht waren: verachtenswerte Dummheit.
2014 war das Jahr, in dem Linke wie Dieter Dehm und Sarah Wagenknecht auf angeblichen Friedensdemos und Montagsmahnwachen neben Rechtsradikalen wie Jürgen Elsässer und Ken Jebsen standen. Eine Querfront unter dem Banner der Solidarität mit Putins Russland.
2014 war das Jahr, in dem in Berlin angeblich der Weihnachtsmarkt verboten wurde, weil “die Muslime” das so verlangt hätten. 2014 war das Jahr, in dem das dumme Deutschland nicht hören wollte, dass “die Muslime” rein gar nichts verlangt hatten, sondern dass der Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain schlicht keine religiösen Veranstaltungen mehr ausrichten wollte, namentlich kein offizielles Fastenbrechen.
2014 war das Jahr, in dem der alles in allem eher unlustige (was hier aber nicht das Thema sein soll) Kabarettist Dieter Nuhr von einem Osnabrücker Fitnessstudiobetreiber wegen “Beleidigung des Islams” verklagt wurde, was Nuhr Gelegenheit gab, einen Angriff auf die Kunstfreiheit zu behaupten. Was Nuhr nicht sagte: dass das Angezeigtwerden zum täglichen Job eines guten Kabarettisten gehört (aber von gutem Kabarett weiß Nuhr ja ohnehin wenig, schon klar). Was Nuhr auch nicht sagte: dass das zuständige Gericht das einzig richtige machte und die Anzeige als offensichtlich unbegründet zurückwieß.
2014 war das Jahr, in dem in Sachsen und anderswo das wohlgesittete Bürgertum die zivilisierte Maske fallen ließ und sich als das entpuppte, was es schon immer war: hässlicher, dumpfer, ressentimentgeladener Faschismus, Hass auf alles, was anders ist, Hass auf Schwule, Muslime, Intellektuelle, Künstler, Hass auf Berlin, auf Ironie, auf Vielschichtigkeit und Uneindeutigkeit. 2014 war das Jahr, in dem SPD-Chef Siegmar Gabriel sagte, man müsse den Dialog suchen, man müsse die Ängste ernstnehmen, die Ängste der “Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes”, man müsse, kurz gesagt, Pegida auf Augenhöhe begegnen.

2014 war, um ehrlich zu sein, ein Jahr, bei dem ich froh bin, wenn es endlich vorbei ist. Wobei, es gibt eigentlich keinen Grund zur Annahme, dass 2015 besser wird.

21. Dezember 2014 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , ,

Bald ist Weihnachten, und, nein, ich habe nicht wirklich was gegen Weihnachten. An Weihnachten trifft man Familie wieder, Menschen, die man schon länger nicht mehr gesehen hat, das ist schön. An Weihnachten isst man gut, und mit gutem Essen bekommt man mich ohnehin leicht. Und an Weihnachten schenkt man sich was, ich mag Geschenke, ich freue mich, zu sehen, dass da jemand an mich gedacht hat, und ich freue mich, wenn derjenige, an den ich gedacht habe, sich freut. Alles gut.
Aber Weihnachten ist auch was anderes. Weihnachten ist die christliche Adaption eines heidnischen Winterfestes, wir feiern: die Geburt des Heilandes, einen Grundmythos einer Religion. Mit der ich allerdings so meine Probleme habe. Nur mal zur Erinnerung, aus den aktuellen Nachrichten:

– Die Horrorgestalten, die gerade in Dresden als Pegida demonstrieren, bezeichnen sich explizit als “christlich”, auch wenn andere Christen empört sagen würden, dass die hier praktizierte Aufkündigung jeglicher Nächstenliebe ja wohl alles andere als christlich sei.
– Auch der politische Arm von Pegida, die AfD, ist zutiefst christlich geprägt. Parteigründer Bernd Lucke ist tiefgläubig, Rechtsaußen Frauke Petry ist sogar mit einem Pastor verheiratet.
– Das Christentum unterscheidet sich inhaltlich nur in Details von Islamismus und radikalem Judentum, gemein ist allen drei monotheistischen Weltanschauungen: Lustfeindlichkeit, Antiintellektualimus, Homogenitätsstreben, Ablehnung von allem Devianten, insbesondere im Bereich der Sexualität.
– Wer sind noch einmal die Leute, die in Baden-Württemberg gegen eine angebliche “Frühsexualisierung” der Jugend auf die Straße gehen? Christen, Christen, Christen.
– Übrigens: Das Copyright auf strukturellen Kindesmissbrauch liegt immer noch bei der katholischen Kirche, nicht etwa bei Grünen oder Sexualreformern.
– Das Copyright für Glaubenskriege auch.

Ich meine ja nur. Feiert ruhig, ich feiere ja auch. Aber denkt doch mal darüber nach, mit wem ihr da im Chor singt, bei der Mitternachtsmesse.

17. Dezember 2014 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: ,

Und irgendwann muss sich die CDU dann schon fragen, warum sie damals mit Schill ins Bett stieg, warum sie sich im apokalyptischen Ton auf ihr christliches Wertesystem berief, warum sie einen Mike Mohring in ihren Reihen duldete, mit seinen “guten Kontakten” zur AfD.
Und irgendwann müssen sich die Grünen fragen, waum sie immer wieder gemeinsame Sache machten mit dieser CDU, in Hamburg als Nachfolger Schills, im Saarland, in Hessen, irgendwann wahrscheinlich in Baden-Württemberg.
Und irgendwann muss sich die SPD fragen, weswegen sie glaubte, dass ein Thilo Sarrazin in ihren Reihen zu Hause sein könne. Und weswegen sie jahrelang die strukturellen linken Mehrheiten nicht nutzen wollte.
Und die FDP muss sich dann fragen, weswegen sie mit ihrem andauernden Gewäsch von der “Sozialdemokratisierung der Union” die Tore nach rechts weit aufgerissen hat.
Und schließlich muss dich die Linke fragen, ob Montagsdemos und Lustfeindlichkeit und Putinbegeisterung tatsächlich linke Tugenden sind, Dieter Dehm, Sarah Wagenknecht.

Das muss man irgendwann schon fragen.

Ich wurde angefragt. Von Christiane Frohmann, ob ich mich an der Anthologie “Tausend Tode schreiben” beteiligen wolle: einen kurzen Text für ein E-Book hergeben, einen Text über den Tod. Die Erlöse gingen an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin, mit so etwas kriegt man mich, ich finde Hospize eine gute Sache. Außerdem, der Tod, das ist ein Thema, mit dem ich mich mehrfach beschäftigt habe, viel nachdenken muss ich nicht, Frau Frohmann kriegt mich. Jedenfalls: Jetzt ist “Tausend Tode schreiben” erschienen, mit Beiträgen von geschätzten Autorinnen und Autoren wie Zoe Beck, Isabel Bogdan, Gesa Füßle, Rafael Horzon, Sarah Khan. Und von mir. Man kann sich das E-Book downloaden, zum Beispiel bei Minimore, wie gesagt: Es ist für eine gute Sache, meine Güüte, ich machte eine Textspende für eine gute Sache, ich machte Charity, wie Campino, do they know it’s christmas, ach, egal. Ich finde es schön, ich bin ein Stück weit stolz, hier dabei zu sein. Mit folgendem Text, aber, wie gesagt, kauft euch das Buch, es ist ja nicht für mich.

Rosenmontag

Am Sonntagabend dann der Anruf. Sie frage nach mir, ob ich kommen könne. Und, ja, natürlich kann ich kommen, das heißt, eigentlich kann ich nicht kommen, eigentlich habe ich Montag Termin auf Termin, aber das wird schon gehen, sicher komme ich, morgen, am späten Vormittag. Den restlichen Abend verbringe ich mit Telefonaten, Terminverschiebungen, Onlinestellen zu bearbeitender Artikel. Das geht alles. Abfahrt 8 Uhr 32, ICE 279, Berlin-Kassel, zur Weiterfahrt über Frankfurt nach Mainz.

Montag ist Rosenmontag. Das kennt man in Berlin nicht, aber in Mainz ist Rosenmontag Ausnahmezustand. Auch in Berlin wohnen Menschen, die sich diesen Ausnahmezustand herbeisehnen. Einige Jahre lang versuchten sie, Rosenmontagszüge Unter den Linden zu organisieren. Rosenmontagszüge, die allerdings keinen interessierten, und ohne öffentliches Interesse gibt es keinen Ausnahmezustand. Also fahren sie nach Mainz. Im ICE 279. Sie trinken, frühmorgens, Trinken muss sein, ohne Trinken ist es kein Ausnahmezustand. Sie haben einen Ghettoblaster dabei. Sie sitzen im Großraumabteil, Wagen 7, zweite Klasse, fünf Stuhlreihen hinter mir. Ich versuche, einen Artikel fertigzustellen, meine Gefühle fahren Achterbahn, mir war klar, dass dieser Anruf über kurz oder lang kommen würde, „Sie fragt nach dir“, ich konnte mich auf die Situation vorbereiten, das wird schon gehen. Nichts geht.

Es geht aber auch deswegen nicht, weil es scheppert und grölt, fünf Reihen hinter mir. Warum ist es am Rhein so schön. Zieh dich aus, kleine Maus, mach dich nackig. In München steht ein Hofbräuhaus, warum auch immer. Wir bauen eine U-Bahn, von Frankfurt bis nach Auschwitz, meine Güte. Hinter Braunschweig platzt mein Kopf. Ich drehe mich um, brülle den erstbesten Karnevalisten an, „Könnt ihr vielleicht mal still sein? Ich versuche, zu arbeiten!“ Ein Fehler: von diesem Moment an haben sie mich auf dem Kieker. „Och, der Arme, er muss arbeiten!“, „Seid doch mal still, da vorne muss einer arbeiten!“ Ein paar Karnevalisten wanken nach vorn, um mir über die Schulter auf den Bildschirm zu linsen. Zuerst denke ich, dass sie mir gleich eine reinhauen, wäre mir egal, aber sie drehen gleich wieder um. Wahrscheinlich haben sie gesehen, dass mir die Tränen übers Gesicht laufen, wahrscheinlich haben sie kapiert: Das ist jetzt ernst. Von nun an lassen sie mich in Frieden, was nicht heißt, dass sie still sind, sie singen und saufen und grölen weiter, aber sie ignorieren mich dabei. Irgendwann übergibt sich einer, irgendwann fangen zwei einen Streit an. Ich liege in Watte.

Hildesheim. Göttingen. Kassel-Wilhelmshöhe. Raus, ich habe nichts gearbeitet. Hinter mir noch ein paar einsame Rufer: „Viel Spaß beim Arbeiten!“ Viel Spaß. Ich will, dass sie, ach, nein, ich will eigentlich gar nichts. Nur weil ich einen schlechten Tag habe, muss ich ihnen nicht auch den Tag verderben. Auf Gleis 2 zurückbleiben bitte, Ihr Zug fährt jetzt ab. Straßenbahn, Krankenhaus. Kannst du kommen?

Rechts und Links geben sich die Hand. Sie finden nicht fair, dass der Westen auf Putin einprügelt: Putin, das ist doch ein Guter, einer, der auf den Tisch haut, bei dem Frauen noch Frauen sind, der dem ganzen Gesocks, den Schwulen und den Muslimen, nicht alles durchgehen lässt, so sagen die Rechten. Putin wird vom Westen unfair behandelt, so sagen die Linken, und das hatten wir ja schonmal, dass Russland beziehungsweise die Sowjetunion das Reich des Bösen war. Und dann geben sich Rechts und Links die Hand und organisieren eine Montagsdemonstration.
Ich bin anfällig. Ich finde auch, dass Putin unrecht getan wird, ich meine, mir fehlt ein Stück weit der Überblick, aber wenn in Kiew ein Bürgermeister Klitschko gemeinsame Sache macht mit der Swoboda-Partei, deren Programm im Grunde einen Genozid an der russischen Minderheit in der Ukraine vorsieht, dann kann man nicht guten Gewissens sagen, dass es in der Ukraine-Krise einen eindeutigen Schuldigen gebe, und der hieße Putin. Außerdem, ja, der unkritischen Westorientierung der Bundesrepublik stehe ich auch kritisch gegenüber.
Aber.
Ich bewege mich hauptsächlich in einem Umfeld, das Kultur heißt. Und in der Kultur bringt diese Westorientierung ziemlich viel Gutes mit sich: britische Popmusik. Französisches Kino. US-amerikanische Fernsehserien. Belgisches Tanztheater. Die Westorientierung ermöglicht sogar noch mehr, ostasiatische Actionfilme, westafrikanischen HipHop, arabische Küche, japanische Pornografie, es ist alles da, und ich möchte nichts davon missen. Den rechten wie linken Russlandfans ist das hingegen völlig egal, die wollen ihre klar hierarchisch strukturierte Welt, und gut ist.
Es ist okay, den Westen kritisch zu sehen. Es ist okay, zu sagen, dass Russland nicht das Reich des Bösen ist. Es ist vor allem auch okay, wirtschaftliche Alternativlosigkeiten zu hinterfragen. Aber nicht an der Seite der rechtslinken Querfrontler, nicht an der Seite von Elsässer, Jebsen, nicht an der Seite von Muslimfeinden und Israelhassern und selbsternannten Querdenkern. An denen nichts wirklich links ist und fast alles dafür stockrechts.