Und irgendwann muss sich die CDU dann schon fragen, warum sie damals mit Schill ins Bett stieg, warum sie sich im apokalyptischen Ton auf ihr christliches Wertesystem berief, warum sie einen Mike Mohring in ihren Reihen duldete, mit seinen “guten Kontakten” zur AfD.
Und irgendwann müssen sich die Grünen fragen, waum sie immer wieder gemeinsame Sache machten mit dieser CDU, in Hamburg als Nachfolger Schills, im Saarland, in Hessen, irgendwann wahrscheinlich in Baden-Württemberg.
Und irgendwann muss sich die SPD fragen, weswegen sie glaubte, dass ein Thilo Sarrazin in ihren Reihen zu Hause sein könne. Und weswegen sie jahrelang die strukturellen linken Mehrheiten nicht nutzen wollte.
Und die FDP muss sich dann fragen, weswegen sie mit ihrem andauernden Gewäsch von der “Sozialdemokratisierung der Union” die Tore nach rechts weit aufgerissen hat.
Und schließlich muss dich die Linke fragen, ob Montagsdemos und Lustfeindlichkeit und Putinbegeisterung tatsächlich linke Tugenden sind, Dieter Dehm, Sarah Wagenknecht.

Das muss man irgendwann schon fragen.

Ich wurde angefragt. Von Christiane Frohmann, ob ich mich an der Anthologie “Tausend Tode schreiben” beteiligen wolle: einen kurzen Text für ein E-Book hergeben, einen Text über den Tod. Die Erlöse gingen an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin, mit so etwas kriegt man mich, ich finde Hospize eine gute Sache. Außerdem, der Tod, das ist ein Thema, mit dem ich mich mehrfach beschäftigt habe, viel nachdenken muss ich nicht, Frau Frohmann kriegt mich. Jedenfalls: Jetzt ist “Tausend Tode schreiben” erschienen, mit Beiträgen von geschätzten Autorinnen und Autoren wie Zoe Beck, Isabel Bogdan, Gesa Füßle, Rafael Horzon, Sarah Khan. Und von mir. Man kann sich das E-Book downloaden, zum Beispiel bei Minimore, wie gesagt: Es ist für eine gute Sache, meine Güüte, ich machte eine Textspende für eine gute Sache, ich machte Charity, wie Campino, do they know it’s christmas, ach, egal. Ich finde es schön, ich bin ein Stück weit stolz, hier dabei zu sein. Mit folgendem Text, aber, wie gesagt, kauft euch das Buch, es ist ja nicht für mich.

Rosenmontag

Am Sonntagabend dann der Anruf. Sie frage nach mir, ob ich kommen könne. Und, ja, natürlich kann ich kommen, das heißt, eigentlich kann ich nicht kommen, eigentlich habe ich Montag Termin auf Termin, aber das wird schon gehen, sicher komme ich, morgen, am späten Vormittag. Den restlichen Abend verbringe ich mit Telefonaten, Terminverschiebungen, Onlinestellen zu bearbeitender Artikel. Das geht alles. Abfahrt 8 Uhr 32, ICE 279, Berlin-Kassel, zur Weiterfahrt über Frankfurt nach Mainz.

Montag ist Rosenmontag. Das kennt man in Berlin nicht, aber in Mainz ist Rosenmontag Ausnahmezustand. Auch in Berlin wohnen Menschen, die sich diesen Ausnahmezustand herbeisehnen. Einige Jahre lang versuchten sie, Rosenmontagszüge Unter den Linden zu organisieren. Rosenmontagszüge, die allerdings keinen interessierten, und ohne öffentliches Interesse gibt es keinen Ausnahmezustand. Also fahren sie nach Mainz. Im ICE 279. Sie trinken, frühmorgens, Trinken muss sein, ohne Trinken ist es kein Ausnahmezustand. Sie haben einen Ghettoblaster dabei. Sie sitzen im Großraumabteil, Wagen 7, zweite Klasse, fünf Stuhlreihen hinter mir. Ich versuche, einen Artikel fertigzustellen, meine Gefühle fahren Achterbahn, mir war klar, dass dieser Anruf über kurz oder lang kommen würde, „Sie fragt nach dir“, ich konnte mich auf die Situation vorbereiten, das wird schon gehen. Nichts geht.

Es geht aber auch deswegen nicht, weil es scheppert und grölt, fünf Reihen hinter mir. Warum ist es am Rhein so schön. Zieh dich aus, kleine Maus, mach dich nackig. In München steht ein Hofbräuhaus, warum auch immer. Wir bauen eine U-Bahn, von Frankfurt bis nach Auschwitz, meine Güte. Hinter Braunschweig platzt mein Kopf. Ich drehe mich um, brülle den erstbesten Karnevalisten an, „Könnt ihr vielleicht mal still sein? Ich versuche, zu arbeiten!“ Ein Fehler: von diesem Moment an haben sie mich auf dem Kieker. „Och, der Arme, er muss arbeiten!“, „Seid doch mal still, da vorne muss einer arbeiten!“ Ein paar Karnevalisten wanken nach vorn, um mir über die Schulter auf den Bildschirm zu linsen. Zuerst denke ich, dass sie mir gleich eine reinhauen, wäre mir egal, aber sie drehen gleich wieder um. Wahrscheinlich haben sie gesehen, dass mir die Tränen übers Gesicht laufen, wahrscheinlich haben sie kapiert: Das ist jetzt ernst. Von nun an lassen sie mich in Frieden, was nicht heißt, dass sie still sind, sie singen und saufen und grölen weiter, aber sie ignorieren mich dabei. Irgendwann übergibt sich einer, irgendwann fangen zwei einen Streit an. Ich liege in Watte.

Hildesheim. Göttingen. Kassel-Wilhelmshöhe. Raus, ich habe nichts gearbeitet. Hinter mir noch ein paar einsame Rufer: „Viel Spaß beim Arbeiten!“ Viel Spaß. Ich will, dass sie, ach, nein, ich will eigentlich gar nichts. Nur weil ich einen schlechten Tag habe, muss ich ihnen nicht auch den Tag verderben. Auf Gleis 2 zurückbleiben bitte, Ihr Zug fährt jetzt ab. Straßenbahn, Krankenhaus. Kannst du kommen?

Rechts und Links geben sich die Hand. Sie finden nicht fair, dass der Westen auf Putin einprügelt: Putin, das ist doch ein Guter, einer, der auf den Tisch haut, bei dem Frauen noch Frauen sind, der dem ganzen Gesocks, den Schwulen und den Muslimen, nicht alles durchgehen lässt, so sagen die Rechten. Putin wird vom Westen unfair behandelt, so sagen die Linken, und das hatten wir ja schonmal, dass Russland beziehungsweise die Sowjetunion das Reich des Bösen war. Und dann geben sich Rechts und Links die Hand und organisieren eine Montagsdemonstration.
Ich bin anfällig. Ich finde auch, dass Putin unrecht getan wird, ich meine, mir fehlt ein Stück weit der Überblick, aber wenn in Kiew ein Bürgermeister Klitschko gemeinsame Sache macht mit der Swoboda-Partei, deren Programm im Grunde einen Genozid an der russischen Minderheit in der Ukraine vorsieht, dann kann man nicht guten Gewissens sagen, dass es in der Ukraine-Krise einen eindeutigen Schuldigen gebe, und der hieße Putin. Außerdem, ja, der unkritischen Westorientierung der Bundesrepublik stehe ich auch kritisch gegenüber.
Aber.
Ich bewege mich hauptsächlich in einem Umfeld, das Kultur heißt. Und in der Kultur bringt diese Westorientierung ziemlich viel Gutes mit sich: britische Popmusik. Französisches Kino. US-amerikanische Fernsehserien. Belgisches Tanztheater. Die Westorientierung ermöglicht sogar noch mehr, ostasiatische Actionfilme, westafrikanischen HipHop, arabische Küche, japanische Pornografie, es ist alles da, und ich möchte nichts davon missen. Den rechten wie linken Russlandfans ist das hingegen völlig egal, die wollen ihre klar hierarchisch strukturierte Welt, und gut ist.
Es ist okay, den Westen kritisch zu sehen. Es ist okay, zu sagen, dass Russland nicht das Reich des Bösen ist. Es ist vor allem auch okay, wirtschaftliche Alternativlosigkeiten zu hinterfragen. Aber nicht an der Seite der rechtslinken Querfrontler, nicht an der Seite von Elsässer, Jebsen, nicht an der Seite von Muslimfeinden und Israelhassern und selbsternannten Querdenkern. An denen nichts wirklich links ist und fast alles dafür stockrechts.

Ich bin immer nur in Städte gezogenen, in denen ich ein Jobangebot hatte. Ich habe mir nie Arbeitgeber ausgesucht, die Arbeitgeber haben sich immer mich ausgesucht. “Gehe dorthin, wo du dich wohlfühlst!” ist eine Lüge, ist die Illusion, es würde einen echten Wettbewerb geben, Arbeitgeber und Arbeitnehmer würden sich auf Augenhöhe gegenüber stehen. Das ist aber nicht so.
Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind Goliath und David, sind ungleiche Gegner. Arbeitgeber sind in der Lage, Arbeitnehmer zu zwingen: “Du! Ziehst nach München! ” “Du! Neubrandenburg!” “Und für dich haben wir überhaupt keine Verwendung mehr!” Wenn jemand glaubt, er könne nur in Berlin leben, dann zeigen ihm die Arbeitgeber sehr schnell, dass das nicht stimmt. Zu sagen: “Nö, mach’ ich nicht, sucht euch jemand anders, der nach Rottweil zieht”, ist faktisch unmöglich. Und das wissen die Arbeitgeber.
Solidarische Grüße an die Lokführergewerkschaft GDL. Es ist richtig, aufzumucken, immer mal wieder.

14. November 2014 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Aus der Produktion

Liebe Leute da draußen, liebe Promoter, liebe womöglich wirklich von eurem Produkt überzeugten Onlinemarketingmenschen, die ihr diesen Text ja ohnehin nicht lesen werdet und die mich demnach immer weiter mit ranwanzenden Mails belastet … Ich erkläre mal, weswegen ich euch nicht mag.

So sieht eine typische Mail aus, wie sie die Bandschublade immer wieder erhält:

Hey Falk, (Wir kennen uns nicht. Weswegen ranzen Sie mich also an als ob wir alle zwei Wochen nackt im Whirlpool Champagner trinken würden?)
es gibt wieder Neuigkeiten von Dödeldüm (Nein, ich tue Ihnen nicht den Gefallen, einen Markennamen hier zu nennen). Endlich kann man den (den?) Beanie online gestalten! Entweder bestellt man seine Instagrams als Wechselbild oder lädt bei uns ein Bild hoch (Ich verstehe nicht einmal in Ansätzen, um was es hier geht). Wenn man darauf keine Lust hat, kann man die Wechsel-Designs wie gehabt (wie gehabt, ja, schon klar) aus der Community aussuchen – immer passend zum Outfit oder dem Anlass.

Hättest du vielleicht Lust einen Beanie bei “Bandschublade” vorzustellen? (In diesem Satz fehlt ein Komma. Egal, alles egal.)

Hier kannst du es selbst ausprobieren: Beanie gestalten
Die Seite ist noch beta (Sie dienen mir hier halbfertigen Schrott an, ja?) – nächste Woche kommt ein großes Update, bei dem Performance und Usability noch mal stark optimiert wird!

Was mich an dieser Sache so wahnsinnig nervt, ist gar nicht mal das schnöde Geduze, das unreflektierte Um-sich-Werfen mit Buzzwords wie “Community” und “Usability”, es ist auch nicht die Tatsache, dass der Absender der Mail sich nicht einmal die Mühe gemaht hat, zu schauen, ob das, was er will, überhaupt auf dieses kleine, sympathische Hinterhofblog Bandschublade passen würde.

Nein, was mich nervt, ist, dass da jemand in einem Büro sitzt und glaubt, ein Blogger würde sich tatsächlich über so eine Mail freuen. Jemand, der glaubt, Konsum und Werbung hätte etwas zu tun mit Lust, mit Spaß. Jemand, der den dreckigen Kapitalismus schon so verinnerlicht hat, dass er denkt, ja, hey, ist doch cool, so ein Beanie, kann man doch mal ausprobieren, mal vorstellen. Hey Falk, es gibt wieder Neuigkeiten. Das macht mich so unglaublich traurig, solch ein Leben, das nicht einmal weiß, in welchen Zwängen es steckt, in welchen Gewaltverhältnissen. Ich möchte heulen, weil ich mir vorstelle, wie M. gerade am Computer sitzt und sich einen drauf runterholt, weil, ist ja geil, so ein Beanie.

Und weil ihr mich traurig macht, tieftraurig, deswegen mag ich euch nicht. Das ist ein Schutzverhalten, ich lasse diese Traurigkeit einfach nicht an mich ran.

08. November 2014 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Cat Content · Tags: , , ,

Am 9. November 1989 rief ich “Wir sind das Volk!” Was pathetischer klingt als es war: Am 9. November 1989 hatte die Oper “Dantons Tod” von Gottfried von Einem nach Georg Büchner Premiere am Ulmer Theater, und ich stand als Statist auf der Bühne. Ich durfte revoltieren, “Wir sind das Volk!”, und zwei Stunden später durfte ich jubeln, als die Guillotine Dantons Kopf abtrennte, die Revolution hatte ihre Kinder gefressen.

Die Wiedervereinigung hingegen war mir egal, nein, sie war mir unsympathisch, mir war damals schon klar, dass das alles ein Aufwallen nationaler Besoffenheit zur Folge haben würde, und, ja, das hatte es dann ja auch: Hoyerswerda, Lichtenhagen. Als ich ein Jahr später auf Sprachaufenthalt in Irland war, wurde ich im Landeskundeunterricht nach der Wiedervereinigung gefragt, und ich erzählte, dass das eine üble Geschichte sei, die in Deutschland niemand wolle. Kinder, glaubt keiner Oral History.

Mittlerweile habe ich meinen Frieden gemacht, mit dem größeren Deutschland, das mir im Grunde den Buckel runterrutschen kann, ich bin kein Deutscher, ich bin, wahrscheinlich, Nordeuropäer, so. Ich finde es schön, in kurzer Zeit von Hamburg aus in Mecklenburg zu sein, ich mag die menschenleere Landschaft, ich mag die Ostsee, ach, ich habe ja sogar auf dem Darß geheiratet, ohne Wiedervereinigung hätte das nicht funktioniert, also, ist alles gut. Ich hätte wahrscheinlich Katrin nicht kennengelernt, die aus Brandenburg nach Hamburg zog, es ist gut. Feiert schön, ich freue mich mit für euch.

Aber das Volk bin ich nicht.

02. November 2014 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Cat Content · Tags: , , ,

Seit Jahren mal wieder Trickys “Maxinquaye” gehört. Schon irre, wie unerhört diese 20 Jahre alte Musik immer noch klingt, diese schlurfende, kalte, beunruhigende Musik, diese hochsexualisierte Musik. Dabei festgestellt, dass Tricky damals ein Modell für Sexualität anbot, das heute vollkommen in Vergessenheit geraten ist. Heute ist Sexualität eigentlich nur noch: so ein Ausschließlichkeitsmodell, vulgo Ehe, Treue, Dings. Oder aber etwas, das in der Nachbarschaft zu Fitness und Sport steht, vulgo Rumgeficke. “Maxinequaye” war anders. Auf “Maxinquaye” war Sex vor allem eine Strategie, die Zumutungen des Kapitalismus auszuhalten, hier ein paar Küsse, dort ein paar Berührungen, schon ist einem nicht mehr ganz so kalt.

Der Sex auf “Maxinquaye” war traurig, ich meine, es ist ja klar, dass diese Wärme nicht hält, andererseits, andere nehmen Drogen, und auch Drogennutzer wissen, dass das Runterkommen schlimm werden wird. Aber wenn die einzige Alternative ist, die Welt ohne Drogen aushalten zu müssen, dann nimmt man den Horror des Runterkommens in Kauf. Oder eben Sex, statt Drogen. Sex, den manchmal jemand mit einem teilt, nicht aus Eigennutz, nicht aus Liebe, sondern aus Solidarität. Jemandem zu helfen, die Unerträglichkeit ein wenig auszuhalten.

Mir gefällt dieses Modell, immer noch. Und dass es praktisch kaum noch gelebt wird, das hat, fürchte ich, etwas damit zu tun, dass Solidarität überhaupt derzeit nicht den besten Ruf hat. I drink till I’m drunk and I smoke till I’m senseless.

28. Oktober 2014 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Cat Content · Tags: , ,

Ein Traum.

Ich erzähle, dass es damals die richtige Entscheidung war, nach Hamburg zu gehen. Ich erzähle, wie schwer ich mit dieser Stadt getan habe, jahrelang, aber dass ich mich mittlerweile hier wohl fühle, dass ich gerade das Gefühl habe: Nirgendwo passe ich besser hin als hierher. Ich erzähle, dass mir Berlin zu nahe kam, dass ich Abstand brauchte, dass mich Berlin wahrscheinlich über kurz oder lang aufgefressen hätte. Und dass mir immer noch das Herz aufgeht, wenn ich in Berlin bin.

Und sie nimmt mich in den Arm, zuerst denke ich, sie stimmt mir zu, aber dann merke ich, dass ihr Gesicht nass ist von Tränen. Sie schluchzt, dass sie sich freue, weil ich alles richtig gemacht hätte. Sie hält mich im Arm, lange, zu lange eigentlich, ich merke langsam, dass das hier ein Abschied ist. Ich weiß, wir werden beobachtet, ich weiß, dass uns ihr Mann beobachtet. Ich fühle, dass das jetzt ein Problem ist, ich fühle etwas Unangenehmes, aber all das, um das es hier geht, ist irgendwie unangenehm, ein Stich, eine Verletzung. Ich lasse es zu, beobachtet zu werden.

Der Traum bewegt sich in eine eigenartige Richtung.

25. Oktober 2014 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , ,

In dem schraddeligen, kleinen Punk- und Ska-Laden, in dem ich mir neulich eine Ben-Sherman-Reisetasche gekauft habe und mich hinterher fragte, ob ich mit sowas womöglich Nazis unterstützt habe (habe ich nicht, ergaben meine Recherchen), in diesem Laden ist jetzt ein Frisör. “Wunderkopf” heißt er, er ist stilvoll minimalistisch eingerichtet, ein sehr schöner Herr und eine ebenso schöne Dame umschwirren einen Kunden, was machen sie? Richten sie ihm die Haare, oder geben sie ihm nur das Gefühl, angenehm umschwirrt zu sein?

Ich will nichts dagegen sagen. Die beiden sehen toll aus, gerade in Bezug auf ihre Haare, und es ist gut, wenn Frisöre selbst schöne Frisuren haben, das ist so ein Vertrauensding. So toll würde ich auch gerne aussehen, vielleicht würde es klappen, könnte ich mir einen Besuch bei “Wunderkopf” leisten, wer weiß, vielleicht könnte ich es mir leisten. Ich finde es ein wenig schade, eigentlich wollte ich mir vor dem Herbst noch ein paar neue Doc Martens kaufen, das geht jetzt nicht mehr, zumindest hier nicht. Ist aber im Grunde auch egal.

Nur die Skinheads, die zuvor im Punkladen rumhingen, für die ist der “Wunderkopf” sicher nichts mehr.

24. Oktober 2014 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Cat Content

Vor ein paar Tagen wurde mir geraten, ich solle in meiner Facebook-Freundesliste Ordnung schaffen. Leute einzuteilen in “Enge Freunde”, “Bekannte” und “Persona non grata” würde die Timeline deutlich interessanter gestalten. Und ich mache ja, was mir aus berufenem Munde gesagt wird. Ich durchforste meine Freundesliste. Schiebe den einen zu “Enge Freunde”, die andere zu “Bekannte”, gut fühle ich mich nicht dabei, weil sowas ja heißt, dass ich eine Hierarchie unter meinen Freunden aufbauen würde, und Hierarchien fand ich noch nie besonders toll. Aber wat mutt, dat mutt, wie man hier sagt, also bilde ich Hierarchien.

Und dann stoße ich auf jemanden, der eigentlich unter “Enge Freunde” fallen müsste, ach was, unter “Engste Freundin”, jeden Post von ihr würde ich lesen wollen. Obwohl sie nichts postet, im Grunde wäre es egal, in welche Schublade ich sie schöbe. Aber etwas sperrt sich dagegen, hier einen Klick zu machen, “enge Freundin”, das passt irgendwie nicht.

Weil sie tot ist. Seit ein paar Jahren.

Ich kann hier nicht weiter machen, ich kann hier nicht weiter kategorisieren. Ich kann nur feststellen, dass ich gerade sehr häufig an sie denke, dass mir durch den Kopf schießt: Ach, Mensch, ich rufe sie an und erzähle ihr dies und das. Und dann fällt mir wieder ein, dass das nicht geht. Im Schrank aber steht noch eine Flasche teurer Wodka, den wir einmal zu trinken angefangen haben, und dann tranken wir irgendwann nicht mehr weiter, und vielleicht mache ich den jetzt auf, vielleicht schmeckt er mir ja.

Und nichts wird gut. Und meine Freundesliste wird halbgeordnet bleiben.