Ich bin immer nur in Städte gezogenen, in denen ich ein Jobangebot hatte. Ich habe mir nie Arbeitgeber ausgesucht, die Arbeitgeber haben sich immer mich ausgesucht. “Gehe dorthin, wo du dich wohlfühlst!” ist eine Lüge, ist die Illusion, es würde einen echten Wettbewerb geben, Arbeitgeber und Arbeitnehmer würden sich auf Augenhöhe gegenüber stehen. Das ist aber nicht so.
Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind Goliath und David, sind ungleiche Gegner. Arbeitgeber sind in der Lage, Arbeitnehmer zu zwingen: “Du! Ziehst nach München! ” “Du! Neubrandenburg!” “Und für dich haben wir überhaupt keine Verwendung mehr!” Wenn jemand glaubt, er könne nur in Berlin leben, dann zeigen ihm die Arbeitgeber sehr schnell, dass das nicht stimmt. Zu sagen: “Nö, mach’ ich nicht, sucht euch jemand anders, der nach Rottweil zieht”, ist faktisch unmöglich. Und das wissen die Arbeitgeber.
Solidarische Grüße an die Lokführergewerkschaft GDL. Es ist richtig, aufzumucken, immer mal wieder.

Liebe Leute da draußen, liebe Promoter, liebe womöglich wirklich von eurem Produkt überzeugten Onlinemarketingmenschen, die ihr diesen Text ja ohnehin nicht lesen werdet und die mich demnach immer weiter mit ranwanzenden Mails belastet … Ich erkläre mal, weswegen ich euch nicht mag.

So sieht eine typische Mail aus, wie sie die Bandschublade immer wieder erhält:

Hey Falk, (Wir kennen uns nicht. Weswegen ranzen Sie mich also an als ob wir alle zwei Wochen nackt im Whirlpool Champagner trinken würden?)
es gibt wieder Neuigkeiten von Dödeldüm (Nein, ich tue Ihnen nicht den Gefallen, einen Markennamen hier zu nennen). Endlich kann man den (den?) Beanie online gestalten! Entweder bestellt man seine Instagrams als Wechselbild oder lädt bei uns ein Bild hoch (Ich verstehe nicht einmal in Ansätzen, um was es hier geht). Wenn man darauf keine Lust hat, kann man die Wechsel-Designs wie gehabt (wie gehabt, ja, schon klar) aus der Community aussuchen – immer passend zum Outfit oder dem Anlass.

Hättest du vielleicht Lust einen Beanie bei “Bandschublade” vorzustellen? (In diesem Satz fehlt ein Komma. Egal, alles egal.)

Hier kannst du es selbst ausprobieren: Beanie gestalten
Die Seite ist noch beta (Sie dienen mir hier halbfertigen Schrott an, ja?) – nächste Woche kommt ein großes Update, bei dem Performance und Usability noch mal stark optimiert wird!

Was mich an dieser Sache so wahnsinnig nervt, ist gar nicht mal das schnöde Geduze, das unreflektierte Um-sich-Werfen mit Buzzwords wie “Community” und “Usability”, es ist auch nicht die Tatsache, dass der Absender der Mail sich nicht einmal die Mühe gemaht hat, zu schauen, ob das, was er will, überhaupt auf dieses kleine, sympathische Hinterhofblog Bandschublade passen würde.

Nein, was mich nervt, ist, dass da jemand in einem Büro sitzt und glaubt, ein Blogger würde sich tatsächlich über so eine Mail freuen. Jemand, der glaubt, Konsum und Werbung hätte etwas zu tun mit Lust, mit Spaß. Jemand, der den dreckigen Kapitalismus schon so verinnerlicht hat, dass er denkt, ja, hey, ist doch cool, so ein Beanie, kann man doch mal ausprobieren, mal vorstellen. Hey Falk, es gibt wieder Neuigkeiten. Das macht mich so unglaublich traurig, solch ein Leben, das nicht einmal weiß, in welchen Zwängen es steckt, in welchen Gewaltverhältnissen. Ich möchte heulen, weil ich mir vorstelle, wie M. gerade am Computer sitzt und sich einen drauf runterholt, weil, ist ja geil, so ein Beanie.

Und weil ihr mich traurig macht, tieftraurig, deswegen mag ich euch nicht. Das ist ein Schutzverhalten, ich lasse diese Traurigkeit einfach nicht an mich ran.

Am 9. November 1989 rief ich “Wir sind das Volk!” Was pathetischer klingt als es war: Am 9. November 1989 hatte die Oper “Dantons Tod” von Gottfried von Einem nach Georg Büchner Premiere am Ulmer Theater, und ich stand als Statist auf der Bühne. Ich durfte revoltieren, “Wir sind das Volk!”, und zwei Stunden später durfte ich jubeln, als die Guillotine Dantons Kopf abtrennte, die Revolution hatte ihre Kinder gefressen.

Die Wiedervereinigung hingegen war mir egal, nein, sie war mir unsympathisch, mir war damals schon klar, dass das alles ein Aufwallen nationaler Besoffenheit zur Folge haben würde, und, ja, das hatte es dann ja auch: Hoyerswerda, Lichtenhagen. Als ich ein Jahr später auf Sprachaufenthalt in Irland war, wurde ich im Landeskundeunterricht nach der Wiedervereinigung gefragt, und ich erzählte, dass das eine üble Geschichte sei, die in Deutschland niemand wolle. Kinder, glaubt keiner Oral History.

Mittlerweile habe ich meinen Frieden gemacht, mit dem größeren Deutschland, das mir im Grunde den Buckel runterrutschen kann, ich bin kein Deutscher, ich bin, wahrscheinlich, Nordeuropäer, so. Ich finde es schön, in kurzer Zeit von Hamburg aus in Mecklenburg zu sein, ich mag die menschenleere Landschaft, ich mag die Ostsee, ach, ich habe ja sogar auf dem Darß geheiratet, ohne Wiedervereinigung hätte das nicht funktioniert, also, ist alles gut. Ich hätte wahrscheinlich Katrin nicht kennengelernt, die aus Brandenburg nach Hamburg zog, es ist gut. Feiert schön, ich freue mich mit für euch.

Aber das Volk bin ich nicht.

Seit Jahren mal wieder Trickys “Maxinquaye” gehört. Schon irre, wie unerhört diese 20 Jahre alte Musik immer noch klingt, diese schlurfende, kalte, beunruhigende Musik, diese hochsexualisierte Musik. Dabei festgestellt, dass Tricky damals ein Modell für Sexualität anbot, das heute vollkommen in Vergessenheit geraten ist. Heute ist Sexualität eigentlich nur noch: so ein Ausschließlichkeitsmodell, vulgo Ehe, Treue, Dings. Oder aber etwas, das in der Nachbarschaft zu Fitness und Sport steht, vulgo Rumgeficke. “Maxinequaye” war anders. Auf “Maxinquaye” war Sex vor allem eine Strategie, die Zumutungen des Kapitalismus auszuhalten, hier ein paar Küsse, dort ein paar Berührungen, schon ist einem nicht mehr ganz so kalt.

Der Sex auf “Maxinquaye” war traurig, ich meine, es ist ja klar, dass diese Wärme nicht hält, andererseits, andere nehmen Drogen, und auch Drogennutzer wissen, dass das Runterkommen schlimm werden wird. Aber wenn die einzige Alternative ist, die Welt ohne Drogen aushalten zu müssen, dann nimmt man den Horror des Runterkommens in Kauf. Oder eben Sex, statt Drogen. Sex, den manchmal jemand mit einem teilt, nicht aus Eigennutz, nicht aus Liebe, sondern aus Solidarität. Jemandem zu helfen, die Unerträglichkeit ein wenig auszuhalten.

Mir gefällt dieses Modell, immer noch. Und dass es praktisch kaum noch gelebt wird, das hat, fürchte ich, etwas damit zu tun, dass Solidarität überhaupt derzeit nicht den besten Ruf hat. I drink till I’m drunk and I smoke till I’m senseless.

Ein Traum.

Ich erzähle, dass es damals die richtige Entscheidung war, nach Hamburg zu gehen. Ich erzähle, wie schwer ich mit dieser Stadt getan habe, jahrelang, aber dass ich mich mittlerweile hier wohl fühle, dass ich gerade das Gefühl habe: Nirgendwo passe ich besser hin als hierher. Ich erzähle, dass mir Berlin zu nahe kam, dass ich Abstand brauchte, dass mich Berlin wahrscheinlich über kurz oder lang aufgefressen hätte. Und dass mir immer noch das Herz aufgeht, wenn ich in Berlin bin.

Und sie nimmt mich in den Arm, zuerst denke ich, sie stimmt mir zu, aber dann merke ich, dass ihr Gesicht nass ist von Tränen. Sie schluchzt, dass sie sich freue, weil ich alles richtig gemacht hätte. Sie hält mich im Arm, lange, zu lange eigentlich, ich merke langsam, dass das hier ein Abschied ist. Ich weiß, wir werden beobachtet, ich weiß, dass uns ihr Mann beobachtet. Ich fühle, dass das jetzt ein Problem ist, ich fühle etwas Unangenehmes, aber all das, um das es hier geht, ist irgendwie unangenehm, ein Stich, eine Verletzung. Ich lasse es zu, beobachtet zu werden.

Der Traum bewegt sich in eine eigenartige Richtung.

25. Oktober 2014 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , ,

In dem schraddeligen, kleinen Punk- und Ska-Laden, in dem ich mir neulich eine Ben-Sherman-Reisetasche gekauft habe und mich hinterher fragte, ob ich mit sowas womöglich Nazis unterstützt habe (habe ich nicht, ergaben meine Recherchen), in diesem Laden ist jetzt ein Frisör. “Wunderkopf” heißt er, er ist stilvoll minimalistisch eingerichtet, ein sehr schöner Herr und eine ebenso schöne Dame umschwirren einen Kunden, was machen sie? Richten sie ihm die Haare, oder geben sie ihm nur das Gefühl, angenehm umschwirrt zu sein?

Ich will nichts dagegen sagen. Die beiden sehen toll aus, gerade in Bezug auf ihre Haare, und es ist gut, wenn Frisöre selbst schöne Frisuren haben, das ist so ein Vertrauensding. So toll würde ich auch gerne aussehen, vielleicht würde es klappen, könnte ich mir einen Besuch bei “Wunderkopf” leisten, wer weiß, vielleicht könnte ich es mir leisten. Ich finde es ein wenig schade, eigentlich wollte ich mir vor dem Herbst noch ein paar neue Doc Martens kaufen, das geht jetzt nicht mehr, zumindest hier nicht. Ist aber im Grunde auch egal.

Nur die Skinheads, die zuvor im Punkladen rumhingen, für die ist der “Wunderkopf” sicher nichts mehr.

24. Oktober 2014 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Cat Content

Vor ein paar Tagen wurde mir geraten, ich solle in meiner Facebook-Freundesliste Ordnung schaffen. Leute einzuteilen in “Enge Freunde”, “Bekannte” und “Persona non grata” würde die Timeline deutlich interessanter gestalten. Und ich mache ja, was mir aus berufenem Munde gesagt wird. Ich durchforste meine Freundesliste. Schiebe den einen zu “Enge Freunde”, die andere zu “Bekannte”, gut fühle ich mich nicht dabei, weil sowas ja heißt, dass ich eine Hierarchie unter meinen Freunden aufbauen würde, und Hierarchien fand ich noch nie besonders toll. Aber wat mutt, dat mutt, wie man hier sagt, also bilde ich Hierarchien.

Und dann stoße ich auf jemanden, der eigentlich unter “Enge Freunde” fallen müsste, ach was, unter “Engste Freundin”, jeden Post von ihr würde ich lesen wollen. Obwohl sie nichts postet, im Grunde wäre es egal, in welche Schublade ich sie schöbe. Aber etwas sperrt sich dagegen, hier einen Klick zu machen, “enge Freundin”, das passt irgendwie nicht.

Weil sie tot ist. Seit ein paar Jahren.

Ich kann hier nicht weiter machen, ich kann hier nicht weiter kategorisieren. Ich kann nur feststellen, dass ich gerade sehr häufig an sie denke, dass mir durch den Kopf schießt: Ach, Mensch, ich rufe sie an und erzähle ihr dies und das. Und dann fällt mir wieder ein, dass das nicht geht. Im Schrank aber steht noch eine Flasche teurer Wodka, den wir einmal zu trinken angefangen haben, und dann tranken wir irgendwann nicht mehr weiter, und vielleicht mache ich den jetzt auf, vielleicht schmeckt er mir ja.

Und nichts wird gut. Und meine Freundesliste wird halbgeordnet bleiben.

Ich schreibe zu wenig. Genauer: Ich blogge zu wenig. Ich war im Urlaub in Schottland, das ergibt in der Regel immer ein paar interessante Blogbetrachtungen, aber diesmal habe ich nichts geschrieben. Keine Lust. Ich verbrachte ein paar schöne Tage in der alten Heimat Ulm, ich habe spannende Ausstellungen gesehen, vielleicht hätte ich da was drüber schreiben können, aber, ach, ich konnte es auch bleiben lassen. Die Serie „Was mache ich hier eigentlich?“, in der ich meine Lohnarbeit dokumentiere und verlinke, habe ich ausgesetzt, Sommerloch, verständlich, aber mittlerweile haben wir Oktober, das Sommerloch ist geschlossen, längst sind umfangreiche, neue Artikel von mir erschienen, und ich habe trotzdem nichts dazu geschrieben. Gibt ja torial, da findet man den ganzen Kram auch.

Ich habe den Blogblues.

Vielleicht schreibe ich gerade beruflich ausreichend. Vielleicht erlebe ich gerade soviel im eigentlich längst abgeschriebenen Real Life, dass ich die Bandschublade stiefmütterlichst behandle. Vielleicht bin ich an eine Grenze gestoßen, vielleicht ist das Bloggen, das ich hier betreibe, auch nicht mehr als das, was ich im Hauptberuf mache: klassischer Kulturjournalismus plus Links. vielleicht brauche ich neue Formen, sowas, wie wir es manchmal auf Les Flâneurs ausprobieren: kollektiv verfasste Artikel. Vielleicht mache ich was neues, vielleicht ein Fotoblog, vielleicht lasse ich einen Tumblr hier reinlaufen. So wie es zuletzt war: interessiert es mich gerade leider gar nicht.

Diese Seite wird nicht sterben, sie legt sich nur mal ein wenig schlafen. Klar, ich zahle jährlich für das Webhosting, aber natürlich ist falkschreiber.com eine schicke Adresse, wenn man Falk Schreiber heißt, die gebe ich so schnell nicht auf, und so teuer sind die Gebühren auch nicht. Vielleicht finde ich ja mal eine Verwendung für die Seite, vielleicht passiert hier demnächst was ganz neues. Vielleicht werde ich erwachsen, und falkschreiber.com wird eine klassische Präsentationsseite, mit Foto im Anzug und so. Vielleicht überkommt es mich auch wieder, und ich mache so weiter wie bisher. Bis dahin: Lasst euch nicht nerven, wenn es hier so öde zugeht wie während der vergangenen Monate. Ihr müsst nicht täglich vorbeischauen, ihr könnt mir auf Twitter folgen oder mich (falls wir uns persönlich kennen) auf Facebook befreunden, dann erfahrt ihr, was abgeht.

Ansonsten: Erstmal Danke fürs Interesse.

Kurz vor der schlimmsten Jahreszeit für den Kulturjournalisten, der Saure-Gurken-Zeit, drehe ich noch einmal auf. Und veröffentliche auf einen Schlag Text um Text … Wobei ihr längst verstanden habt: So etwas heißt nicht, dass mich plötzlich die Arbeitswut gepackt hat, so etwas heißt nur, dass sich eine ganze Reihe Artikel auf Halde angesammelt hat. Wie ein aufgestauter See – irgendwann brechen eben die Dämme.

Für die Nachtkritik habe ich das Live Art Festival auf Kampnagel besucht. Also, ich habe mich dem Exzess hingegeben – “Excess yourself” lautete das Thema. Für meinen Festivalbericht besuchte ich unter anderem Arbeiten von HGich.T, Neal Medlyn und Ariel Efraim Ashbel.

Exzess ist eine gefährliche Sache. An der Bar in der Kampnagel Music Hall hängt jedenfalls ein Ausschnitt aus einer Klatschzeitschrift mit der Überschrift “Beauty-Killer Alkohol”, was einem exzessives Verhalten schon im Vorfeld vermiesen soll. Andererseits sind Beauty, Würde, Struktur ohnehin Konzepte, die man mal hinterfragen sollte, und das “Ja!” zum Exzess ist wohl der erste Schritt zu diesem Hinterfragen.

Es gab noch mehr Festivals, vergangenen Monat, darunter das Körber Studio Junge Regie in der Gaußstraße, über das ich in der Theater heute einen längeren Text veröffentlichte (der, wie immer bei diesem Medium, online nur für Abonnenten zugänglich ist):

Elf Jahre existiert das Körber Studio Junge Regie am Hamburger Thalia in der Gaußstraße als Leistungsschau der deutschsprachigen Regieschulen. Elf Jahre, in denen die unterschiedlichen Schulen ihre Profile schärfen konnten, elf Jahre, in denen sich aber auch Vorurteile verfestigten. Zum Beispiel: Die Unis Hildesheim und Gießen stehen für Postdramatik, die Hamburger Theaterakademie für gut abgehangene Ironie und die Berliner Ernst Busch Schule für Exzess und körperliche Entgrenzung. Und wie meist sind solche Vorurteile eine self-fulfilling prophecy: Wer es darauf anlegt, in Hildesheim Postdramatik zu finden, der findet sie dann auch.

Ebenfalls in der Theater heute schrieb ich noch eine Doppelkritik über zwei Abende am Theater Bremen: “Die zehn Gebote” in der Regie Dušan David Pařízeks und “Lost”, inszeniert von Alexander Giesche.

Was diese „Zehn Gebote“ ganz und gar nicht sind, ist – religiös. Gut, das ist auch die Vorlage von Kieślowski und Piesiewicz nur in dem Sinne, dass hier auf ein biblisches Regelwerk Bezug genommen wird, aber die Konsequenz, mit der Pařízek allgemeine menschliche Verhaltensregeln ohne jeglichen Rückgriff auf eine höhere Macht durchdekliniert, irritiert dann doch. Zumal wenig später ein weiterer Fernsehstoff am Bremer Theater zur Aufführung kommt, der im Grunde nichts anderes macht als eben eine solche Macht zu umkreisen: Alexander Giesches „Lost“ nach Motiven aus der gleichnamigen TV-Serie.

Für das uMag habe ich Ebba Durstewitz interviewt – die kennt man hauptsächlich als Musikerin bei JaKönigJa, sie ist aber auch Literaturwissenschaftlerin. Und Künstlerische Leiterin des Dockville-Satellitenfestivals Scienceville.

uMag: Ebba Durstewitz, ich kann mir etwas unter dem Dockville als Musikfestival vorstellen. Das Artville als Kunstfestival geht auch. Und auch das Lüttville als Kinderfreizeit. Aber Scienceville?
Ebba Durstewitz: Die Vorgabe war “Kunst und Wissenschaft”, und mir war ziemlich schnell klar, was ich nicht machen möchte: ein Festival, wie es sie in Science Centern oder Museen gibt, bei dem es darum geht, was Kunst und Wissenschaft überhaupt miteinander zu tun haben. Das Thema ist ziemlich abgefrühstückt. Unser erstes Anliegen ist, wissenschaftliche Themen aus der Uni rauszuholen, und da passt das Motto “Nichtwissen, Nichtverstehen” ganz gut. Die Lehre vom Nichtwissen nennt sich Agnotologie, die Lehre vom Nichtverstehen nennt sich negative Hermeneutik – das ist einfach ein Perspektivenwechsel, der gerade in den Wissenschaften stattfindet, der aber noch nicht durch alle Feuilletons genudelt wurde.

Außerdem im uMag: ein Fragebogen mit der wunderbaren Electroclash-Gendertrouble-Heldin Peaches:

uMag: Deine Botschaft an die Frauenhasser dieser Welt?
Peaches: Seid keine!

Und ein Überblick über die großen und kleinen Theaterfestivals diesen Sommer. Kann man ja immer brauchen.

Sommer heißt: Theater machen Spielzeitpause. Und Spielzeitpause heißt: Festivalzeit! Was schade ist um den Sommerurlaub der Theatermacher, aber schön für uns.

Und schließlich schrieb ich auch noch ein rauchschwangeres Hohelied auf meine Wunschheimat, das Ruhrgebiet.

Das Ruhrgebiet ist natürlich Provinz, da braucht man nichts zu beschönigen. Trotz eines urbanen Raums mit fünf Milionen Einwohnern, trotz einer tollen Hochschullandschaft, trotz atemberaubender Industriearchitektur und trotz großartiger Theater, Museen und Fußballvereine. Das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist ein Stadtkonglomerat, das aus der Zeit gefallen scheint, irgendwann seit Mitte der Neunziger. Da fing man an, das Ruhrgebiet zu übersehen, da zogen die Coolen alle weg, nach Berlin oder ins Ausland, und die Zielstrebigen zogen nach München und nach Hamburg. Im Ruhrgebiet blieben die, die sanft den Tag wegkifften, mit Blick auf das Dortmunder Stadtentwicklungsquartier Phoenix West. Im Sonnenuntergang.

Im Kino war ich auch, nur geht es hier ebenfalls um Theater. Mainstream-Regisseur Joss Whedon neuverfilmte “Viel Lärm um nichts” – die Kritik steht in der kulturnews.

“Viel Lärm um nichts” mag die Arthouse-Fingerübung eines Blockbustermachers sein, aber in seiner Beweisführung der Heutigkeit von Shakespeares Versen ist der Film durchaus beeindruckend. Zumal Whedon ein wunderbar aufgelegtes Ensemble zur Verfügung hat, das den zwar konventionell, aber in edlem Schwarzweiß gedrehten Film ohne Durchhänger spielt.

Ächz. Kommenden Monat setzt diese hübsche Rubrik aus, Sommerloch, ihr wisst ja. Bis dahin: viel Spaß beim Lesen.

Sie planen jetzt also eine Seilbahn. Über die Elbe. Ach, wer bin ich, dass ich den Leuten den Spaß verderbe, sollen sie ihre Seilbahn bauen, sie wird hässlich aussehen, aber was sieht nicht alles hässlich aus in dieser Stadt? Würde es nach mir gehen, würde die Seilbahn nicht gebaut, aber ich bin auch nur einer von 289876 Einwohnern in Hamburg-Mitte, viel zu sagen habe ich nicht, vergleichsweise. Ich werde beim Volksentscheid im August meine Stimme abgeben, gegen die Seilbahn, das ist meine demokratische Pflicht.

Was ich aber nicht aufhören werde, ist: mich darüber zu ärgern, für wie blöde einen die Seilbahn-Befürworter halten, die Musicalbumsbetreiber Stage Entertainment am südlichen Elbufer. Behaupten, dass die Seilbahn doch ein Geschenk sei, ganz uneigennützig, für die Bürger der Stadt. Und diesen Ärger habe ich vorgestern auf Twitter formuliert. So:

 

Und auf diesen Tweet hat sich dann ein Befürworter der Seilbahn gemeldet. Ich habe mir länger überlegt, ob ich den Tweetdialog öffentlich machen sollte, aber, mal ehrlich, das ist Twitter, nicht Facebook oder Mail, das ist öffentlich! Als ob man auf einer Bühne stehen würde, um lautstark zu streiten! Deswegen muss der Herr B. jetzt auch damit leben, dass ich seine irrsinnige Argumentation in die Helligkeit dieses Blogs zerre – er hat das Ganze ja schon exponiert, indem er mir geantwortet hat. Außerdem bette ich seine Zitate nur ein, sollte ihm also plötzlich peinlich sein, was für einen Blödsinn er verzapft hat, kann er sie auf Twitter einfach löschen, dann verschwinden sie auch hier. Falls er kapiert, wie das geht. Seilbahn-Fans, kapiert ihr das?

 

 

Oh, also wird schon davon ausgegangen, dass das Ganze vielleicht doch kein Geschenk ist?

Oh ja, Hamburg ist natürlich eine ganz schlimme Stadt, die den Touristen rein gar nichts bietet. Nicht einmal einen begehbaren Fernsehturm. Und außer Fernsehtürmen und Seilbahnen gibt es ja gar keinen Grund, eine Stadt zu besuchen.

Das ist der Moment, an dem man merkt: Herr B. hat keinen Bock mehr, weiter zu twittern. Jetzt schimpft er nur noch.

… und kurz darauf bricht er die Diskussion auch ab. Nicht ohne mir noch einen mitzugeben: Ich argumentiere kleinbürgerlich. (In der Bezirksversammlung haben sich übrigens CDU und AfD in trauter Einigkeit für die Seilbahn ausgesprochen, SPD, Grüne und Linke sind dagegen. Soviel zu “Kleinbürger”.)

Ein paar Stimmen mit weniger Schaum vor dem Mund: Erik Hauth begründet in der Zeit seine Ablehnung des Vorhabens. Hamburg-Mittendrin stellt die Meinungen von Befürwortern und Gegnern einander gegenüber. Die Planer haben eine schicke Pro-Propaganda-Seite gebaut. Und auch die Gegner sind online.