27. Juli 2010 · Kommentare deaktiviert für Steffen · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , ,

Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss
ist alle Wiederkehr,
die Zukunft liegt in Finsternis
und macht das Herz uns schwer.

(Pfadfinderabschiedslied, Text von Claus Ludwig Laue,
Melodie nach dem schottischen Volkslied „Auld Lang Sine“)

„Zahnwart?“ Keine Ahnung, wer der Mann ist, der mir hinterherruft, auf dem kurzen Weg vom Bahnhof, beim Heimatbesuch in der kleinen schwäbischen Stadt. „Kennsch mich nimmer?“ Ich habe ihn nicht verdrängt, ich weiß wirklich nicht, wer mir da gegenüber steht. „Steffen.“ Steffen. Natürlich kenne ich Steffen noch, klar, er ist ein wenig breiter geworden, er trägt keinen Bart mehr, die Kassenbrille wurde ersetzt durch ein modisches Modell. „Wo hats dich hinverschlagen?“ Hamburg, murmle ich, es ist mir peinlich, dass ich ihn nicht erkannt habe.

Steffen heißt nicht Steffen. So wie niemand in diesem Text seinen wahren Namen trägt, auch „Zahnwart“ kannte damals noch keiner. Niemand soll sich auf die Füße getreten fühlen, von zuviel schmerzlicher Realität.

Steffen war ein Netter, vielleicht war Steffen sogar der einzige wirklich nette Pfadfinderleiter, damals, in den Achtzigern, beim katholischen Pfadfinderstamm in der kleinen schwäbischen Stadt. Rund 20 Jahre älter als wir, demnach Anfang, Mitte Dreißig, kurz vor dem Einstieg ins Berufsleben, richtig erwachsen, aus der Perspektive eines Zwölfjährigen. Lustig, wenn er wollte, streng, wenn er musste, locker, wenn er durfte. Der perfekte Betreuer. Der mehr oder weniger seine gesamte Freizeit für die Pfadfinderei opferte, Steffen lebte alleine, besonders viele Freunde schien er nicht zu haben, also, Freunde, die keine Pfadfinder waren. Wir mochten ihn, eigentlich mochten ihn alle.
Irgendwann tauchte das Gerücht auf, dass Steffen schwul sei. Keine Ahnung, was da dran war, könnte gestimmt haben, könnte aus den Fingern gesaugt sein, könnte auch eine perfide Intrige gewesen sein. Auf jeden Fall war Steffens Karriere bei den Pfadfindern damit an ihrem Endpunkt angelangt, welche katholische Kleinstadtmutter würde ihre Kinder guten Gewissens mit so jemandem ins Zeltlager fahren lassen? Mich berührte das Thema weniger, ich hatte innerlich schon mit den Pfadfindern abgeschlossen, bald darauf auch formal meinen Austritt aus dem Stamm erklärt. Dass es mir um Steffen leid tat, war mir damals noch nicht klar.

Je mehr ich darüber nachdenke, umso sicherer bin ich mir, dass Steffens mögliche Homosexualität kein doofes Jugendlichengetratsche war. Das waren bewusst gestreute Gerüchte, und ich gehe davon aus, dass diese Gerüchte von Achim gestreut wurden. Achim, der Patriarch des Stammes, Vorsitzender, Gruppenleiter. Streng, selbstsüchtig. Voll Hass auf alles, was sein Selbstbild in Frage stellte: Frauen. Linke. Schwule. Künstler. Achim war damals um die Sechzig, alles lief darauf hinaus, dass über kurz oder lang sein Sohn Norbert die zentralen Positionen im Stamm übernehmen würde, bloß: Norbert war unbeliebt. Beliebt war Steffen. Der unverheiratete Steffen, der Steffen, der so gut mit den Jungs konnte. Der Steffen, der so einfach kaltzustellen war.

Jahre später erzählten mir meine Eltern, es habe diese Staffelübergabe tatsächlich gegeben, Norbert war Stammesvorsitzender, ein paar Monate lang, dann sei es zum Skandal gekommen. Große Mengen Geld seien veruntreut worden, im Zusammenhang mit der Insolvenz von Norberts Firma habe die Staatsanwaltschaft auch die Räume der Pfadfinder durchsucht, Norbert habe sich mit seinem Vater überworfen, der daraufhin die Macht wieder an sich gerissen habe. Achim leitet den Stamm immer noch, um die Achtzig dürfte er heute sein, er lebt zusammen mit einer ehemaligen Wölflingsleiterin, die seine Enkelin sein könnte, er ist unantastbar. Von Achim habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sich ein Netzwerk aus bedingungslos solidarischen Jasagern aufzubauen. Bei den Pfadfindern habe ich gelernt, wie wichtig es ist, kritische Geister rücksichtslos wegzubeißen. Wenn man von Diktatoren spricht, die Macht abgeben und dennoch alle Fäden in den Händen behalten, dann spreche ich von Achim. Wenn man von Wladimir Putin spricht, dann spreche ich von Achim.

Zur Diskussion um Missbrauch in christlichen Jugendgruppen: Typen wie Steffen habe ich nie als irgendwie unangenehm empfunden. Was ich aber von Achim gelernt habe, das war Missbrauch. Wenn auch ohne jede strafrechtliche Relevanz.

„Bisch du noch häufig in der Stadt?“ fragt Steffen. Kaum, antworte ich. Ich will weiter, es ist mir unangenehm, mich zu erinnern, aber Steffen kommt ins Plaudern. „Ich hab ein kleines Häusle gekauft, droben, ganz in der Nähe vom Pfadfinderheim. Komm mal vorbei, wenn du magschd. Haschd du noch Kontakt zu den Leuten ausm Schdamm? Nächschdes Jahr ham mir Jubiläum. Haschd du Internet? Ich schreib dir mal die Adresse auf, da sind Fodos.“

Auf den Fotos ist Achim zu sehen, im Mittelpunkt. Grau ist er geworden, ansonsten sieht er aber immer noch so aus wie vor 25 Jahren. Auf einem erkennt man auch Steffen, halb abgeschnitten. Er lacht.

25. Juli 2010 · Kommentare deaktiviert für Das Ende des Pop · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , ,

Auch ich bin in Arkadien geboren. (Novalis)

Auch ich bin auf der Loveparade gewesen. 1998 in Berlin, die Veranstaltung war gerade am Kippen, im Vorjahr hatten sie eine Million Raver geknackt, die Berichterstattung konzentrierte sich auf den Wirtschaftsfaktor Parade, auf die Kosten für die Reinigung des Tiergartens, auf die zunehmende Kommerzialisiserung. Die Berliner CDU hatte einen Wagen, die Jungen Liberalen, Gotthilf Fischer dirigierte einen Chor, das Publikum bestand zu gefühlt 90 Prozent aus hessischen Bundeswehrsoldaten ohne echten Technohintergrund, und RTL 2 zeigte sechs Stunden am Stück, wie angebliche Raverinnen ihre T-Shirts lüfteten. Der Coolnessfaktor lag knapp über Ballermann und knapp unter Kölner Karneval, mir egal, ich wollte da hin.

Kurz zuvor war ich nach Berlin gezogen und mitten im kulturellen Sommerloch gelandet, da erschien mir die Parade ein Highlight, und überhaupt: Lauter Technoenthusiasten fuhren von weither, um hier dabei zu sein, ich aber mochte erstens Techno und war zweitens ohnehin in der Stadt, da war ein Besuch doch alternativlos. Nur wusste ich nicht, wohin. Die Parade ging damals durch den Tiergarten an der Siegessäule vorbei, das müsste ich doch finden, war ja eine Großveranstaltung, und laut war es auch.

Es war unglaublich öde.

Truck an Truck schob sich über die Straße des 17. Juni, es lief ödester Kirmestechno, es war heiß, die Raver hingen zerschossen am Straßenrand, es waren nicht einmal viele (also, „viele“ im Sinne von: Es ging nicht mehr vor noch zurück). Eine halbnackte Frau herrschte mich an: „Los, freu dich endlich!“ Ich freute mich nicht. Am Himmel zog ein Gewitter auf, ich schwang mich aufs Rad und fuhr nach Hause, gefrustet.

In der Nacht vibrierte die Stadt. Ich war bis spät im Prater, hinterher noch im Prenzlauer Berg, dann radelte ich durch die Friedrichsstraße nach Hause, immer versprengten Ravern ausweichend. Ich hatte keine Ahnung, wohin, ich war nicht in der Szene drin, aber es war egal. Irgendwo auf Höhe des alten E-Werk legte jemand auf einem Parkplatz auf, ich stieg vom Rad, blieb eine, zwei Stunden. Monotoner, harter Techno, ein paar Tänzer, sehr laut, sehr dunkel. Mir gefiel das alles nicht, aber ich stand damals sehr auf die emotionslose Kälte des Punk, inhaltlich hatte ich hier einen Andockpunkt gefunden. Ein wenig tanzte ich, das heißt, ich bewegte mich ein wenig zu den Beats, ich dachte: „Cool, du bist auf der Loveparade!“ Dann wurde mir langweilig, und ich ging ins Bett.

1999 überschritt die Loveparade ihren kommerziellen Zenit, eineinhalb Millionen Besucher, die mit Techno fast gar nichts mehr zu tun hatten. In den Folgejahren schrumpfte die Parade wieder zu einer Nischenveranstaltung, 2003 hüpften gerade mal 500000 durch Berlin, dann wurde sie abgesagt. Um 2006 wieder aufzuerstehen, größer denn je, erst in Berlin, dann im Ruhrgebiet. Essen, Dortmund, 1,2 Millionen, 1,6 Millionen. Spätestens mit dem Umzug in den Pott ging es nicht mehr um Techno, es ging um Pop: mehr, mehr, mehr. Und dann die Enttäuschung, als Bochum 2009 die Veranstaltung absagte: Man sei in der verhältnismäßig kleinen Stadt nicht auf solche Besuchermassen eingestellt, hieß es. Aber jetzt, 2010, wollte es Duisburg besser machen, nicht so skrupulös wie die Bochumer, postiv, nach vorne schauend, unter dem Motte „The Art of Love“. Tschaka!

Katastrophe, Desaster, das Ende.

Das Ende der Loveparade. Das Ende der Zwangsfreude. Das Ende von Pop als positivem System.

Los, freu dich endlich!

24. Juli 2010 · Kommentare deaktiviert für 28 38 · Kategorien: Cat Content · Tags: ,

Ulkig: Man selbst wird immer älter. Aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass vor allem das Umfeld sich radikal verändert. Dass einem der Bürgermeister wegbricht und die Kultursenatorin und vor allem das Interesse an diesen Geschichten. Während man selbst doch der Alte bleibt, komme, was wolle. I’m still, I’m still Jenny from the block.

Das funktioniert so natürlich nicht. Natürlich.

Foto: Michael Schmidt, aus der Serie „Frauen“ (1997–99), Copyright Michael Schmidt, Courtesy Galerie Nordenhake (Berlin)

Überall in Berlin hängen diese Fotos: Schwarzweißaufnahmen junger Frauen, meist ungeschminkt, meist kurzhaarig, meist in Bewegung. Nichts weiter, kein Bildhintergrund, keine Requisiten, kein Text. „Frauen“ heißt die Fotoserie, sie stammt von Michael Schmidt, und sie ist so etwas wie das zentrale Kunstwerk der diesjährigen Berlin Biennale. Kunst, die von einer provozierenden Unkünstlichkeit lebt. Und Kunst, die rausgeht aus dem Museum, auf Plakatwände, Websites, Zeitschriften. Für Schmidt repräsentieren die Porträtierten „eine Generation von jungen Frauen, die für einen Umbruch und ein neues weibliches Selbstbewusstsein stehen.“ Was aus dem Mund eines 1945 geborenen Fotografen ein bisschen unangenehm an eine schwiemelige Männerfantasie erinnert, dennoch: Diese Bilder zeigen tatsächlich eine neue Form von Weiblichkeit, sie zeigen einen Frauentypus, wie er sich um die Jahrtausendwende in Berlin breit gemacht hat, unbekümmert desillusioniert, ungezwungen erotisch, im Bewusstsein, dass die Multioptionalität der Gegenwart erstens eine Zumutung darstellt und dass man zweitens aus dieser Zumutung das Beste machen sollte. Wenn man so will, hat Schmidt für „Frauen“ einen Augenblick der Realität eingefangen, so gut das Kunst eben kann.

Darum geht es in dieser Ausstellung: einen Zugang zu realistischer Kunst zu finden, trotz aller Berechtigten Zweifel am künstlerischen Realismuskonzept. „Die in der Ausstellung versammelten künstlerischen Positionen verbindet ihr Blick auf die Wirklichkeit. (…) Das Ziel der Ausstellung ist dabei nicht die Verwechslung der Welt mit dem Ausstellungsraum; ihr Ziel ist es, den Betrachter zurück auf die Welt zu verweisen, auf das, was draußen wartet“, schreibt Kuratorin Kathrin Rhomberg im Katalog. In der Praxis sieht das dann so aus: In den Kunst-Werken ist ein Stockwerk in grelles Licht getaucht, ein riesiger, leerer, weiß getünchter Raum ohne jedes Kunstwerk. Nur in einer Ecke gibt es ein Fenster, das den Blick in den Nachbarraum erlaubt. Und dort sehen wir die riesige Installation „The places I’m looking for, my dear, are utopian places, they are boring and I don’t know how to make them real“ (2010) von Petrit Halilaj: die Holzverschalung eines Hauses, das der Künstler in seiner Heimatstadt Pristina baut. Der Blick geht aus dem White Cube hinaus auf ein Kunstwerk, das seinerseits den Blick weiter leitet in die soziale Realität des Kosovo, so funktioniert die Theorie dieser Biennale.

Oft hat die hier gezeigte Kunst eine dokumentarische Anmutung, so etwa wenn Bernard Bazile Demonstrationen in Paris filmt, wenn Mark Boulos Rituale nigerianischer Terroristen in einer Zweikanalinstallation mit der kollektiven Exstase einer Termingeschäftsbörse koppelt, wenn Renzo Martens mit Haut und Haar eine nüchterne Bestandsaufnahme der ökonomischen Ungerechtigkeiten zwischen erster und dritter Welt torpediert und so eine Art Michael Moore für den Kunstbetrieb wird. Sehr selten spürt man einen sinnlichen Reiz, manchmal aber schleicht sich ein stiller Humor in die Schau: Wenn Ron Tran zwei Reihen von Parkbänken fast unbemerkt verrückt, wenn Anna Witt in einem Video ihre eigene Geburt nachstellt. Und eine Arbeit rührt einen dann doch an, von Herzen: Ferhat Özgürs Video „I can sing“ (2008), in dem verschleierte Frauen zwischen Ankaraer Baustellen, Brachflächen und Moscheen singen. Beziehungsweise: die Lippen zu Jeff Buckleys Version von Leonard Cohens „Hallelujah“ bewegen.
Neben Özgür gibt es noch eine weitere Künstlerin aus der Türkei: Nilbar Güres. Ihre Fotoserie „Circir“ (2010) ist härter als der melancholische Religions-Clash Özgürs, sie zeigt die Bewohnerinnen eines Istanbuler Vororts und damit eine durchmischung von Generationen, Lebensstilen, sozialen und sexuellen Identitäten. Das Stadtviertel wird zum Körper, und Güres dokumentiert die Veränderungen dieses Körpers – wobei die finale Veränderung nur in zwei, drei Fotos spürbar ist: Das Viertel wird über kurz oder lang einem Tunnelbau weichen.

So wird der Blick ins Freie wieder eröffnet, der Realismus, den die Berlin Biennale einfordert. Und so kommt eben auch ein unangenehmer Aspekt dieser Ausstellung zur Sprache: Was bedeutet es eigentlich fürs soziale Umfeld, wenn die Kunst einfällt? Die Berlin Biennale bespielt neben den Kunst-Werken auch verschiedene Orte in Kreuzberg, zentral ein leerstehendes Kaufhaus am Oranienplatz. Allerdings stieß die Bespielung dieses Ortes nicht auf ungeteilte Begeisterung, in Kreuzberg befürchtet man mit dem Einmarsch der Kunst einen ersten Schritt zur Gentrifizierung des Viertels (Andrej Holm hat Verständnis für diese Befürchtungen, Harald Jähner in der Berliner Zeitung eher weniger).
Ganz falsch ist diese Annahme sicher nicht. In Mitte, im Dreieck Auguststraße-Gipsstraße-Sophienstraße, hat es die Kunstszene geschafft, ein funktionirendes Nebeneinander aus Wohnen, Arbeiten und Ausgehen innerhalb von zehn Jahren zur hochpreisigen Luxusmeile zu verschandeln. Ironischerweise auf eigene Kosten: Immer mehr Galerien kehren Mitte den Rücken, was bleibt sind Boutiquen, schlechte aber teure Restaurants und unbezahlbare Wohnungen. Nur ist die Berlin Biennale nicht der erste Adressat für solche Vorwürfe: Die Biennale ist keine Galerienschau, es geht bei ihr nicht um einen Kunstmarkt, es geht ihr um Theorie. Tatsächlich werden wohl an kaum einem Ort soziale Verschiebungen so klar und selbstkritisch reflektiert wie hier – man denke nur an Güres‘ Video. Ted Gaier, Rocko Schamoni, Melissa Logan und andere Hamburger Künstler haben diese selbstkritische Reflexion durch das Manifest Not in our Name, Marke Hamburg sehr klug formuliert: dass sie selbst gleichzeitig Opfer von Gentrifizierung wie auch Gentrifizierer sind.

Wir kommen aus besetzten Häusern, aus muffigen Proberaumbunkern, wir haben Clubs in feuchten Souterrains gemacht und in leerstehenden Kaufhäusern, unsere Ateliers lagen in aufgegebenen Verwaltungsgebäuden und wir zogen den unsanierten dem sanierten Altbau vor, weil die Miete billiger war. Wir haben in dieser Stadt immer Orte aufgesucht, die zeitweilig aus dem Markt gefallen waren – weil wir dort freier, autonomer, unabhängiger sein konnten. Wir wollen jetzt nicht helfen, sie in Wert zu setzen.

„Not in our Name, Marke Hamburg“ hat die Janusköpfigkeit von Kunst und Gentrifizierung recht gut verstanden, soweit ich den Berliner Diskurs überblicke, ist man dort noch nicht ganz so weit. Was der Protest gegen die Biennale aber auf jeden Fall gebracht hat: Der Anspruch der Ausstellung, den Zusammenstoß mit der Realität zu wagen, hat wohl sich radikaler erfüllt, als es die Ausstellungsmacher erwartet haben. Die Kunst ist in die Realität eingebrochen, hat versucht, die Realität zu reflektieren – und derweil hat sich die Realität selbst in den Diskurs eingemischt. Hat darauf hingewiesen, dass das alles gar nicht so toll ist, wie es hier abläuft. „Was draußen wartet“ war das Motto der Biennale – dass das, was draußen wartet, nicht unbedingt freundlich gesinnt ist, ist eine hübsche Volte dieses Gedankens.

16. Juli 2010 · Kommentare deaktiviert für One Hit Wonder · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte

Könnte es sein, dass man ziemlich sicher einen Besucherhit landet, wenn man möglichst folgende Elemente in den Tags unterbringt: a) den Namen eines Promis b) das Wort „Sex“ und c) unter Umständen das Wort „schwul“?

(Und könnte es sein, dass solche Besucher gar nicht die Leser sind, die man mit seinem Blog eigentlich erreichen möchte? Weil es zwar, wie der Titel sagt, „um alles“ geht – um Gossip aber doch am allerwenigsten?)

Ach, hin und wieder macht es doch noch Freude, den Spiegel zu lesen. Zum Beispiel, wenn Alexander Osang einen Artikel schreibt. Aktuell einen Text über die Veränderungen im deutschen Selbstbild während der Fußball-WM, „Neue Deutsche Männer“, ein toller Text. Auch wenn ich nicht ganz Osangs Meinung bin, er konstruiert da ein positives Deutschland, das sich während der Weltmeisterschaft herausgebildet habe, ein spielerisches, ironisches, lustvolles Deutschland, und von dort ist es meiner Meinung nach nicht weit zum Gutfinden schwarzrotgoldener Besoffenheitsgefühle. Und dass ich damit, trotz Spiel und Ironie und Lust ein Problem habe, ist bekannt.

Osangs Text ist aus anderen Gründen großartig. Weil Osang genau hinschaut, weil er weiß, wann ein unwichtig erscheinendes Detail wichtig ist, weil er weiß, wie welche Aussage einzuordnen ist. An einer Stelle in „Neue Deutsche Männer“ beschreibt er Michael Becker, den Manager von Michael Ballack, dem Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, der verletzungsbedingt nicht mit zur WM fuhr und mittlerweile als Musterbeispiel für eine gottlob überwundene Fußballästhetik gilt. Auf jeden Fall lästert Becker gegenüber Osang anscheinend freimütig über die seiner Meinung nach von schwulen Seilschaften durchzogene Nationalmannschaft:

Als ich ihn fragte, ob denn ein Spieler, der etwas überraschend nominiert worden war, seiner Meinung nach auch schwul sei, sagte Becker nur: „Der ist halbschwul“, und ich begriff, dass das alles ein Synonym war für etwas, was Becker nicht mehr verstand. Irgendetwas Leichtes, Unideologisches, Tänzerisches, Schönes, Freudvolles, in dem man sich verirren konnte, wenn man sich bislang an Hackordnungen und Hierarchien orientiert hatte.

Als ich diesen Satz las, blieb mir der Mund offen stehen. Nicht, weil Osang hier ganz elegant die Karriere eines Fußballspielers beendet – der zitierte Satz macht die Runde, dass Michael Ballack später noch irgendwo etwas reißen dürfte, ist fraglich, was vor allem deswegen fies ist, weil es hier um eine Aussage geht, die ja nicht einmal von Ballack selbst kommt. Aber eigentlich ist das auch egal, ob und wo Ballck in Zukunft auf Bälle tritt, interessiert mich herzlich wenig. Weswegen mir der Mund offen steht, weswegen ich Osang für seinen Artikel umarmen möchte, das ist ein Halbsatz: Osang hat erkannt, dass Leute wie Michael Becker „schwul“ nicht als Beschreibung einer sexuellen Präferenz sehen, sondern als Beschreibung von Leichtigkeit, von etwas Freudvollem. Von etwas, in dem man sich verirren kann. Verrückt. Dass ausgerechnet ein Artikel über Fußball kommen muss, damit ich verstehe, weswegen ich alte Hete mich so sehr für schwule Kultur interessiere: weil es gar nicht um „schwul“ im Sinne von Homosexualität geht. Wer wann was mit welchem Körperteil macht, ist eigentlich von meiner Warte aus … eher langweilig. Was wichtig ist, ist: alles nicht so bierernst zu nehmen. Freude daran haben, sich zu verirren. Leicht zu werden. Auf dem Schulhof und auf dem Fußballplatz nennt man das anscheinend: schwul.

Muss ich das auch so nennen? Ich finde ja, Osangs Beschreibung hat viel von Judith Butlers Queernessbegriff, mit dem ich mich viel eher anfreunden kann (ja, ich kenne Antje Schrupps kluge Argumentation gegen Butler, dank Kommander Kaufmann. Ich teile auch vieles, was Schrupp sagt, glaube aber, dass ihre Ablehnung stark mit der Person Judith Butler zu tun hat, Queerness ist damit aber noch längst nicht diskreditiert). Im Endeffekt sind wir damit aber auf der Terminologie-Ebene angelangt, auch Queerness hat ihren Ursprung in der Sexualität und wurde später erst in die Alltagskultur erweitert, wer lieber „schwul“ zu bestimmten Verhaltensweisen sagen möchte, der soll es doch. Wichtig ist nur, dass man diese Verhaltensweisen mal benennt: ob unter negativen Vorzeichen (wie Michael Becker) oder unter positiven (wie ich).

Nur die Deutschlandbegeisterung, die möchte ich weiterhin scheiße finden dürfen. Und das wäre dann auch gut so.

11. Juli 2010 · Kommentare deaktiviert für Sylt · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , ,

Und jeder Satz fängt an mit
„eigentlich“ und
endet nicht.

Kettcar, Graceland (2008)

09. Juli 2010 · Kommentare deaktiviert für Ich bin das Volk · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , , ,

Ich habe gewählt. Beziehungsweise: Ich habe mich entschieden, beim Volksentscheid zur Hamburger Schulreform, ich bin also das Volk. Und ich hätte nicht gedacht, dass mir diese Entscheidung so schwer fällt.

Erstens: Ich habe immer noch nicht so recht verstanden, was ich da eigentlich entschieden habe. Weil aber die offiziellen Informationen der Stadt so wolkig und ungenau sind, habe ich den Verdacht, dass es hier eher um gezielte Desinformation geht, also um Propaganda. Und da wird mir dann entsprechend mulmig.
Zweitens: stehe ich den Gegnern der Schulreform ebenfalls nicht leidenschaftslos gegenüber. Das ist nämlich genau die unsympathische Melange aus Wohlstandschauvinisten, Spießbürgern und ultrarechtem CDU-Rand, den man hier erwartet. Mit so jemandem möchte ich partout nicht auf der gleichen Seite der Barrikade stehen. Ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich mir diese Reformgegner anschaue und dann das Interview mit Bürgermeister Ole von Beust (CDU) in der Süddeutschen lese, in dem dieser betont, dass die Gegner vor allem Wert darauf legen, dass ihre Kinder nicht mit Migrantenkindern in die Schule gehen, dann muss ich sagen: Da ist wohl was dran.
Drittens: Wer bin ich denn überhaupt, dass ich mir hier eine Meinung erlaube? Wer bin ich denn, dass ich hier mit abstimme? Als Kinderlosen betrifft mich die Reform doch höchstens mittelbar. Und: Ist es nicht so, dass mein Abstimmungsverhalten womöglich Wasser auf die Mühlen der Reformgegner ist? Die nämlich sagen: Für die Reform sind eigentlich nur die, die sie nichts angeht, die Großstädter ohne Kinder, die die Nacht durchtanzen, am späten Vormittag erstmal einen Latte trinken gehen und ihre gesellschaftliche Verantwortung einfach ignorieren. Leute wie Zahnwart.
Und Viertens: Ist diese Reform eigentlich überhaupt eine Reform, für die sich zu stimmen lohnen würde? Ist sie nicht eher ein fauler Kompromiss, müsste sie nicht viel, viel weiter gehen um auch nur halbwegs wirksam zu sein?

Am Ende habe ich dann aber doch abgestimmt. Ich bin für eine Schulreform, nicht, weil sie mich so wahnsinnig betrifft, sondern weil die Erfahrung zeigt: Das deutsche, vielgliedrige Schulsystem ist nicht wettbewerbsfähig (Einwurf: Schon da dreht sich mir der Magen wieder um. Sind Kinder ein Wettbewerbsfaktor? Ist Wettbewerb überhaupt eine Kategorie, in der ich denken möchte? Ach!). Wenn nach und nach alle Nachbarländer ihr System reformieren, dann scheint da was dran zu sein, denke ich wenigstens. Den Ausschlag aber gab wahrscheinlich das unsympathische Auftreten der Reformgegner, tut mir leid, ich bin da leicht beeinflussbar, gebe ich zu.
Ich habe abgestimmt. Ich bin keine radikale Opposition, ich habe für einen Antrag der Regierung gestimmt. Einer Regierung, die von der CDU geführt wird. Das ist das Bemerkenswerteste an diesem Volksentscheid: Dass ich das Gefühl hatte, ich müsste die konservative Regierung vor der rechten Bevölkerung schützen. Politische Geopgraphie ist auch nicht mehr das, was sie mal war.

06. Juli 2010 · Kommentare deaktiviert für Eifelzombies · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , ,

Ich schaue ja so gut wie nie fern. Okay, bisschen Tatort mal, bisschen Fußball, bisschen Jauch. Wenn halt nichts anderes zu machen ist. Aber sonst, nee.

Doch.

Mord mit Aussicht, Dienstags, ARD: eine, wie nennt man sowas?, Krimiserie mit humoristischem Einschlag. Der Inhalt: hanebüchen. Eine Kölner Kriminalkommissarin wird strafversetzt (ich habe verdrängt, weswegen, es ist auch nicht wichtig, wichtig ist nur, dass sie aus ihrer Abneigung gegen das Landleben keinen Hehl macht), in ein Eifelkaff namens „Hengasch“ (man pflegt hier liebevoll den doofen Kalauer, der zuständige Landkreis nennt sich „Liebernich“), muss sich mit der phlegmatischen Besatzung der örtlichen Polizeistation arrangieren und würde doch viel lieber Mordfälle lösen. Und, doch, es passieren Morde in Hengasch. Und nicht nur einer: Je länger die Serie voran schreitet (momentan sind wir bei Staffel 2), desto heftiger geht’s zur Sache. Nachdem man in der heutigen Folge sah, wie sich zwei kryptoreligiöse alte Jungfern zombiehaft durch die Eifel meucheln, bekommt man echt ein wenig Angst, wie das in den nächsten Wochen weitergehen mag.
So doof der Inhalt, so großartig die Umsetzung. Diese Schauspieler: Burgtheaterstar Caroline Peters als Kommissarin, „Stromberg“-Sidekick Bjarne Mädel als Wachtmeister und DT-Ensemblemitglied Meike Droste als Polizeianwärterin machen aus der familiengerechten Vorlage das Beste und drehen sie in Richtung heftigster Comedy. Während die Drehbuchautoren Marie Reiners und Sylke Lorenz den überdrehten Spaß wieder erden, also das fiktive Hengasch als echten dörflichen Mikrokosmos vor uns ausbreiten, inklusive zerstrittener Nachbarn, dichter sozialer Kontrolle und Zerstreuungen zwischen alkoholseligen Schützenfesten und trostlosester Promiskuität. Und zwar immer mit dem Hintergrundwissen: Das gibt es alles. Und wir müssen das nicht gut finden, hier.

Man könnte noch weiter loben. Die detailverliebte Regie von Torsten Wacker und Joseph Orr. Die Gastauftritte von A-Klasse-Schauspielern wie Sophie Rois. Man kann allerdings auch nur vor sich hinkichern, in Gedenken der Zeit als man selbst aufs Land strafversetzt wurde. Ein wenig irr klingt dieses Kichern.

Flohschanze, 3.7., 8 Uhr. Der Herr spielt „Get back“ auf einem Ton.
Flohschanze, 3.7., 8 Uhr 30. Der Herr spielt „Beinhart“ auf einem Ton.
Flohschanze, 3.7., 9 Uhr. Der Herr spielt „Hey Jude“ auf einem Ton.
Flohschanze, 3.7., 9 Uhr 30. Der Herr macht Pause.
Flohschanze, 3.7., 10 Uhr. Der Herr spielt „Paint it black“ auf einem Ton.
Flohschanze, 3.7., 10 Uhr 30. Der Herr spielt „Yellow Submarine“ auf einem Ton.

Jeder eingenommene Euro enthält 0,39 Euro Schmerzensgeld.