30. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Unter Ausbeutern · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , ,

„Da darf man natürlich nichts dagegen sagen“, meint der Kollege von der Lokalzeitung, als wir das Schauspielhaus verlassen. Weil da nämlich Laien auf der Bühne standen, Sechzehnjährige und Sechzigjährige, die Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“ und Larry Clarks Film „Kids“ aufeinander prallen ließen, unter der Regie des inoffiziellen Schauspielhaus-Jugendbeauftragten Daniel Wahl. Und Laien, an die stellt man nicht Ansprüche, die man an Profi-Theater stellen würde, nein? Zumal die jungen und alten Menschen ihre Sache toll machten, zumal sie sich mit Haut und Haaren in den Exhibitionismus der Vorlagen stürzten, zumal, ach.

Und man will ihnen ja auch nicht an den Karren fahren. Man muss nur die Frage stellen: Was wollte Wahl eigentlich erzählen? Und wem? Und warum? Geht es darum, dass die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen ein Sprachlosigkeit auf beiden Seiten ist? Chapeau!, da wäre wir nicht von alleine drauf gekommen. Geht es darum, dass Pubertät schon immer eine schlimme Sache war? Oder geht es schlicht darum, dass die Dramaturgie auf den Erfolg bei Kritikern und Publikum schielt, weil: „Da darf man natürlich nichts deagegen sagen.“ Und vor lauter Schielen auf den Erfolg ist ihnen ganz egal, was mit den hochmotivierten Laienschauspielern ist? Wenn es nämlich so wäre, dann müsste man eben doch sagen, dass die erste Premiere der Saison richtig scheiße ist. Weil sie nämlich Ausbeutung ist, Ausbeutung hochmotivierter Schauspieler, die sich nicht wehren können, weil sich niemand traut, ihnen zu sagen, was für ein Spiel man da mit ihnen spielt.

27. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Kein Glanz, kein Herzklopfen · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

Wenn mich jemand fragt, warum ich ins Theater gehe, dann antworte ich: weil das, was da verhandelt wird, etwas mit mir zu tun hat. Weil eine Armlänge von mir entfernt Menschen stehen und sich mit Dingen beschäftigen, die mich ebenfalls beschäftigen: Macht meine Arbeit Sinn? Will ich eigentlich Kinder? Geht das jetzt immer so weiter, die nächsten zehn, zwanzig, fünfzig Jahre? Wenn Theater gut ist, dann bekomme ich zwar keine Antworten auf diese Fragen, aber dann spüre ich, dass diese Fragen auch von anderen gestellt werden. Bei gutem Theater klappt das auch bei Hamlet, bei schlechtem Theater klappt das nicht einmal bei Brecht.

Beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel hat die New Yorker Gruppe Nature Theatre of Oklahoma eine Art Musical gezeigt: „Life and Times, Episode one“. Das Stück ist eine Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater, also Establishment, wie es etablierter nicht geht, inklusive Einladung zum Berliner Theatertreffen. Gleichzeitig ist es armes Theater, das auf minimalste Mittel setzt: ein Orchester, bestehend aus gerade mal Ukulele, Bass, Keyboard und Flöte, drei Schauspielerinnen, ein Bühnenbild, das einzig durch zurückhaltende Lichtwechsel den Raum akzentuiert. „Life and Times“ ist ein Musical, also wird gesungen, aber wie? Nicht immer wird der Ton getroffen, die Musik ist die ständige Wiederholung eines immergleichen Countryrhythmus, mal lauter, mal schneller, mal langsamer, mal leiser. Un der Inhalt? Die ersten zehn Lebensjahre eines Mädchens in der US-amerikanischen Suburbia, erzählt ohne Punkt und Komma am Telefon, inklusive „Eh“ und „Umm“ und „I don’t think that this is actually interesting“. Understatement as understatement can.

„Life and Times“ ist damit das Gegenbeispiel zu einem Theater des hohen Tons. Dieses Musical verhandelt nichts von Bedeutung, ist in seiner Form so schmucklos wie im Inhalt. Der Dramatiker Botho Strauß meint wahrscheinlich genau solche Stücke, wenn er in seiner in der FAZ abgedruckten Laudatio auf Schauspielerin Jutta Lampe ein negatives Bild des zeitgenössischen Theaters zeichnet: „Wo ist der Glanz? Wo bleibt das Herzklopfen? Wo die Feier? Wo bleibt das Beben des Schweigens, des Entsetzens?“ Beim Nature Theatre of Oklahoma ist es nicht, augenscheinlich.
Ich verstehe Botho Strauß ein wenig. Strauß will schwärmen. Wenn man das Theater transformiert in die Metapher einer Geliebten, dann trauert Strauß einer Frau nach, die ein teures Abendkleid trägt und kunstvoll geschminkt ist. Glanz, Herzklopfen, Feier. Dem darf er nachtrauern, sicher, nur darf ich auch sagen, dass Frauen in Abendkleidern wenig mit meinem konkreten Leben zu tun haben. In meinem Leben tragen die Frauen Chucks statt High Heels, einen leicht verrutschten Kurzhaarschnitt, und wenn sie überhaupt geschminkt sind, dann sehr, sehr zurückhaltend. Und „Life and Times“ zeigt sehr viel von diesen, meinen Geliebten.

Das Musical des Nature Theatre of Oklahoma ist ganz zweifellos in den USA verortet, schon die Beschreibungen des Bildungssystems (die im Leben einer Zehnjährigen naturgemäß einen recht großen Raum einnehmen) lassen sich nicht ohne weiteres auf bundesrepublikanische Verhältnisse übertragen. Und doch bin ich überzeugt: Würde ein Theatermacher mich anrufen und mich bitten, ihm meine Lebensjahre eins bis zehn nach bestem Wissen zu beschreiben, es würde kaum anders klingen. „Life and Times“ war eine der beglückendsten Theatererfahrungen, die ich seit langem gemacht habe: weil ich mich in dem Stück wieder erkannt habe.

Und natürlich sah ich noch weitere Stücke, Philipp Quesnes „Big Bang“ etwa, das im wunderbar leichten Ton die Entstehung der Welt nachzeichnet und mir doch fern blieb, keine Ahnung, weshalb. Oder „The sleep“ von The Big Art Group, das das genaue Gegenteil zeigt, die Apokalypse, und über das ich wenig sagen möchte, weil ich der Produktion nahe bin, zu nahe. Nichts aber berührte mich so wie „Life and Times“.

Als Schlusstwist: Natürlich muss es nicht immer nur darum gehen, mein Leben auf der Bühne zu zeigen. Natürlich kann und muss Theater auch das ganz Ferne zeigen, das Unbekannte. Hier kommt Botho Strauß zu seinem Recht: Wo Strauß Glanz und Herzklopfen einfordert, formuliert er eine Sehnsucht, ein Begehren. Er begehrt etwas, das unerreichbar ist, und er wünscht sich vom Theater eine Ahnung dieses Unerreichbaren. Das ist legitim. Theater ist nämlich auch: ein Wunschbild, eine Lüge, und pure Vernunft darf niemals siegen. In den Stücken, die ich über alle Maßen lobe, geht es nicht um Unerreichbares; das was da eine Armlänge von mir entfernt verhandelt wird, ist das, was heute Nacht ohnehin in meinen Armen liegt.

Foto: Nature Theatre of Oklahoma, „Life and Times, Episode One“, Copyright Reinhard Werner

Und dann ich so: Das klingt ja schön, was da gerade läuft.
Und dann er so: Das gefällt dir? Das ist doch voll kommerziell, das könnte fast im Radio laufen.
Ich so: Ich habe ja nichts dagegen, wenn etwas im Radio laufen könnte, ich habe nur etwas dagegen, wenn etwas im Radio läuft.
Er so: ???
Ich so: Jean-Luc Godard, sinngemäß: „Es geht nicht darum, politische Kunst zu machen, es geht darum, politisch Kunst zu machen.“ Mir gefällt es, wenn jemand aus den richtigen Zusammenhängen kommt. Wenn eine Band aus antikapitalistischen, antisexistischen und antiimperialistischen Zusammenhängen kommt, dann würde ich die auch noch hören, wenn sie traditionellen Bluesrock macht.
Und dann er so: Dann sag mir mal, welche traditionelle Bluesrockband du so hörst.

Und jetzt? Was antworte ich? Gibt es da was?

20. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Haut · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , ,

Franziska Finkenstein hat für jetzt.de, die Online-Überreste von Jugendlichkeit der Süddeutschen Zeitung, einen Essay über Musikvideos geschrieben. Titel: „Nacktheit, Sex und Blut. Über die Verrohung des Musikvideos“. Dieser Essay hat mich ein wenig geärgert, und um sagen, weswegen, muss ich ein wenig weiter ausholen.

Musikvideos entstanden in den 1960er Jahren, kurze Filme zu einzelnen Songs beispielsweise der Beatles, die im Fernsehen gezeigt wurden. Ihre Hochzeit hatte diese Mischform aus Musik, Film und Werbung in den 80ern, spätestens seit 1981 der US-amerikanische Fernsehsender MTV auf Sendung ging, der zunächst ausschließlich Musikvideos spielte. Was für die Form von Musikvideos prägend war: MTV war ein amerikanischer Sender und stand für eine typisch amerikanische Ästhetik (Gewalt konnte nur in Maßen gezeigt werden, Sex gar nicht), Videos, die nicht auf MTV gezeigt wurden, existierten praktisch nicht. Das änderte sich auch nicht, als mit Viva 1993 eine deutsche MTV-Kopie an den Start ging, gespielt wurden zwar anders als beim US-Original auch deutschsprachige Songs, die Bildästhetik aber blieb gleich: kein Sex, kaum Gewalt, praktisch keine Politik. Werbefernsehen.
Mittlerweile haben wir 2010, die (längst unter einem Dach firmierenden) Fernsehsender MTV und Viva haben sich in Trash-Boulevard-Resterampen ohne nennenswerten Musikvideo-Anteil gewandelt, der Werbeeffekt von Musikclips geht gegen Null, und die Plattenindustrie befindet sich ohnehin in der Krise. Was nicht heißt, dass es keine Musikvideos mehr gibt: Im Kunstkontext entstehen noch welche, quersubventioniert beispielsweise über den MuVi-Preis der Kurzfilmtage Oberhausen. An Filmhochschulen. Als Fingerübung. Oder als DIY-Spielerei. Im TV läuft sowas natürlich nicht mehr, dafür im Internet. Youtube mag als erste Anlaufstelle für Musikvideos im 21. Jahrhundert gelten, allerdings hängt Youtube immer noch der US-Moral nach und zensiert fröhlich alles, was nach nackter Haut aussieht. Außerdem sperrt das Unternehmen immer mehr Videos aus urheberrechtlichen Gründen, was die Clipsuche mitunter recht mühsam macht. Mehr Spaß bietet hingegen Vimeo: Auch Vimeo ist ein US-amerikanisches Unternehmen, allerdings mit Kunsthintergrund, und in der Kunst darf vieles sein, was in der Unterhaltung verboten ist. Nicht zuletzt Sex.

Und hier setzt Finkenstein an. Sie schreibt:

(…) Die Fluktuation dort (auf youtube et al., F.S.) und im gesamten Netz ist groß. Das bedeutet, dass es für Musiker immer schwieriger wird, mit ihren Clips gesehen zu werden. Man muss auffallen. Dieser Zwang scheint die Bildsprache zu ändern. Zunehmend versuchen die Regisseure und Produzenten, mit extremer Bildsprache, mit Provokationen und Schockeffekten die Aufmerksamkeit der Webnutzer zu bekommen.

Ist das so? Tatsächlich gibt es auf Vimeo Sex. Angefangen von „Plug me in“ (2000) von Add N to (X). Hier sehen wir noch ganz klassische Pornografie, allerdings mit einem Zug ins Spielerische.

[vimeo 12855566]

Ebenfalls gibt es Prodigys „Smack my Bitch up“ von 1997. Auch hier zwar Provokation, aber keine nennenswerte Verschiebung der Körperpolitik – wenn man vom hübsch überraschenden Gendertrouble-Moment in der letzten Minute absieht.

[vimeo 11895383]

Schließlich Rammsteins „Pussy“ (bei dem mir sicher niemand böse ist, wenn ich es hier nur verlinke aber nicht einbette): alles da. Und alles tolle Belege für Finkensteins These. Nur nennt sie diese Beispiele nicht. Sie nennt dagegen „Gobbledigook“ (2008) von Sigur Rós, ein charmant-sinnliches Peace-and-Love-Filmchen.

[vimeo 9298382]

Moment mal? Extreme Bildsprache, Provokationen, Schockeffekte? Bei spielenden Nackten im Park? Die Autorin geht weiter, zu „Kids in Love“ (2010) von Mayday Parade:

[vimeo 13954506]

Jugendliche ziehen sich aus, rangeln, vögeln. Extreme Bildsprache? An keiner Stelle, stattdessen friedliches, ein wenig langweiliges Glück. Kein Vergleich zu den gestählten Hardbodies, die US-kompatibel Sexualität andeuten, in den Mainstreamvideos von Pink, Christina Aguilera, Britney Spears. Nur benennt Finkenstein diesen Unterschied nicht, weil er ihr nicht in die These passt. Wäre ja auch blöde, zuzugeben, dass die Sexualität in den Videos von Mayday Parade und Sigur Rós nicht etwa provokant und pornographisch ist, sondern vielmehr das Gegenteil der zensierten Sexualität im Mainstream. Dass die Freiheit von Zensur auch eine Freiheit der Sexualität bedeuten könnte.

Ich schließe mit einem Video, das Finkenstein gar nicht erwähnt, vielleicht, weil es für den US-Geschmack verpixelt ist: „Lessons learned“ (2009) von Matt and Kim. Weil auch hier eine sexuelle Befreiung zumindest angedeutet wird – und weil der durchaus verstörende Schluss diese Befreiung gleich wieder in Frage stellt. Das können Musikvideos nämlich, im Gegensatz zur Pornografie: Fragen stellen (und die ansonsten sehr geschätzte Frau Neudecker hat die Sache vor über einem Jahr ein bisschen falsch verstanden).

[vimeo 6334633]

Edit: Dass gerade mal zehn Minuten nach Onlinestellen dieses Textes schon zwei Suchanfragen „Kids Porno“ hier aufgeschlagen sind, ist natürlich widerlich.

Was? Dockville 2010, 13.-15. 8. 2010, HH-Wilhelmsburg, Reiherstieg

Verpasst? Klaxons, interessierten mich eigentlich noch nie, außerdem spielten Frittenbude parallel.
Jan Delay, weil man wissen muss, wann gut ist.
Bonaparte, weil die Sterne parallel spielten. Gute Entscheidung, wegen Sternen, aber schade wars trotzdem.
Therapy?, weil ich nicht mehr 20 bin, echt.
K.I.Z., weil ich nicht mehr 12 bin.
Slime, weil ich zwar um die historischen Verdienste dieser Band weiß, weil ich aber auch weiß, dass Punkrock in den letzten 30 Jahren inhaltlich wie ästhetisch eine Entwicklung gemacht hat, bei der Slime einfach nicht mehr dabei sind.
The Drums, weil ich schon mit Delphic ein ausreichendes Maß an gehypten Britbands um die Ohren hatte. Ja, ich weiß, dass die Drums aus den USA kommen. Trotzdem.
War ich eigentlich überhaupt mal an der Hauptbühne?

Schönster Konzertmoment? Als Wir sind Helden „Bring mich nach Hause“ spielten und ich mit einem Schlag ergriffen war, trotz festen Vorsatzes, so kommerziellen Kram nicht gut finden zu können.

Überraschendster Konzertmoment? Zu realisieren, dass Gustav schwanger ist. Weil ich mit meiner ganz tollen Textinterpretationssicherheit immer davon ausgegangenen war, dass die Frau Jantschitsch doch eigentlich lesbisch sein müsste. Ja, ich weiß, dass eine Schwangerschaft auch dann möglich wäre, Danke für die Aufklärung.

Und die Kunst? Schien mir besser ins Festivalkonzept integriert als noch vergangenes Jahr. Eigentlich stolperte man immer wieder über Kunst, Thomas Judischs „Nur drei Schritte ins Paradies“ etwa wurde tatsächlich zur Schlammschlacht genutzt, und „Ein kleiner Regen dämpft das große Gewitter“ vom Institut für wahre Kunst im Anschluss dankbar angenommen, um die Schlammspuren zumindest halbwegs abzuwaschen.

Und jetzt? Wirds erstmal Herbst.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=bhZACPqnXQY]

13. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Hüpfen! · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Foto: Jürgen Wittner

Ich kenne diese Installation schon. Das „White Bouncy Castle“ von William Forsythe, Dana Caspersen und Joel Ryan tourt schon seit Jahren durch Europa, 1999 stand es im Bockenheimer Depot in Frankfurt, damals flog ich erstmals durch die überdimensionale Hüpfburg. Ein Wunder. Unbeschreiblich. Sobald man einen ersten Schritt macht, vom festen Boden aufs nachgiebige Luftkissen, durchströmt einen ein Glücksgefühl, anders kann man es nicht sagen.

Seit gestern steht die Hüpfburg in den Hamburger Deichtorhallen, bis Mitte September. Und gestern eröffnete in der Hüpfburg das Internationale Sommerfestival, ein uneingeschränkt empehlenswertes Theater-, Musik- und Politikfestival. Also, die Hüpfburg, wie in Frankfurt, eigentlich: Die gesamten Senatsempfangsanzugträger, die Canapé-Junkies, die Redenschwinger standen aggressiv und muffig im Eingang zur Burg, warteten darauf, dass die Security endlich den Zugang freigab. Und waren glücklich, vom ersten Moment auf dem Luftkissen an, hüpften, hüpften, flogen.

(Am späteren Abend zeigten noch die großartigen Nature Theatre of Oklahoma ihr Stück „Life and Times“. Vielleicht schreibe ich darüber ja auch nochmal was. Wenn ich vor lauter Festivalstress dazu komme, dieses Wochenende ist ja auch Dockville. Und nächste Woche gibt die New Yorker Big Art Group ihr sehr schönes Stück „The Sleep“, zu dem am Donnerstag im Anschluss ein Publikumsgespräch stattfindet. Moderiert von, äh, mir.)

10. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Beruhige dich, es ist nur ein Geist · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , ,

Das Beunruhigende an der Kunst Cosima von Bonins ist, dass man sie eigentlich nicht versteht. Dass von Bonin Zitatebene um Zitatebene einzieht, hier ein Comic, dort eine Stickerei, da ein Soundfile, die man erkennen muss und irgendwann decodieren kann. Nur: Sobald man sie endgültig decodiert hat, macht diese Kunst keinen Spaß mehr. Cosima von Bonins Kunst funktioniert, solange man etwas erahnt, einen feministischen Bezug, ein queeren Hintergrund, einen Link zur Popkultur; als klares Zeichensystem aber ist sie trivial. Cosima von Bonins Kunst ist ein Geist, dessen kalter Atem einen kurz schaudern macht, ohne dass man genau wüsste, was man da gerade in Wahrheit spürt: „Relax, it’s only a ghost“ hat sie ihre Rauminstallation auf der documenta 13 nach einem Phantom/Ghost-Song benannt.

Bis zum 3. Oktober bespielt von Bonin das Kunsthaus Bregenz. Und weil Worte nichts helfen, gibt es statt einem Ausstellungsbericht ein paar fotografische Eindrücke.


Was bleibt? Nichts.


Die zusammengenähten Fotos „Poodle or not“ gab es als Edition zu kaufen, plus ein von der Künstlerin selbst gestaltetes rosa T-Shirt, für 180 Euro. Fast hätte ich zugeschlagen, aber mir steht Rosa so schlecht.


Hat der müde Vogel Blut gespuckt? Oder wurde er erschossen? Man weiß so wenig.


Der Kiosk steht schräg vor dem Kunsthaus und hat eigentlich rein gar nichts mit der Ausstellung zu tun (obwohl er so aussieht). Allerdings ist er einer der fünf letzten noch existierenden Pilzkioske weltweit – der in Bregenz nennt sich „Milchpilz“, was eklig klingt, sich allerdings auf die leckeren Milchprodukte bezieht, die man hier erwerben kann.

Edit: Was ich ebenfalls aus Bregenz mitgebracht habe, ist ein neues Titelbild für dieses Blog. Es zeigt die Rauminstallation „Bye bye Utopia“ von raumlaborberlin.

05. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Lieber Ulf Poschardt, · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , ,

ihre Meinung sei Ihnen unbenommen, natürlich darf man finden, dass Deregulierung, Neoliberalismus und FDP-Wählen die eigentlichen Bestimmungen des subkulturellen Trendsetters seien. Man muss dann halt damit leben, dass der Rest der Menschheit einen für ein wenig komisch hält, aber gut, ist Ihre Meinung, dürfen Sie finden, sicher.

In der Welt haben Sie, Ulf Poschardt, nun einen Artikel geschrieben, in dem Sie bekennen, die US-amerikanische Fernsehserie „Dr. House“ zu mögen. Das mag gerechtfertigt sein, ich kenne „Dr. House“ nicht, aber ich habe schon viel Gutes von dieser Serie gehört, aus verschiedensten Richtungen, weswegen ich denke, dass die Geschichte durchaus überdurchschnittlich sein mag. Nur geht es Ihnen in Wahrheit gar nicht darum, was Sie an „Dr. House“ mögen. Es geht Ihnen darum, dem deutschen öffentlich-rechtlichen TV ans Bein zu pinkeln. Sie schreiben (übers ZDF, aber Sie meinen auch die ARD):

Intellektuell und ästhetisch kann das Gros des Angebots bestenfalls enttäuschen (…). Es ist die Mediokrität eines Beamtensenders, der sich oft genug unter dem direkten Einfluss der Politik entlang eines interessengeleiteten Konsens entwickelt. Nur selten auf der Höhe der Zeit verkörpern die öffentlich-rechtlichen Anstalten eine Brutstätte jener brühwarmen Pointenlosigkeit, die im Nachkriegsdeutschland ihre Funktion hatte: als Harmlosigkeit, die kaum verdrängte Abgründe der Barbarei überdeckte. 65 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur erscheint dies unnötig.

Natürlich sind Sie, Ulf Poschardt, mit solch schlichter Welt-Sicht beim Springer-Blatt genau richtig. Dort wo der doitsche Blockwart die Kultur- und Medienszene immer schon unterwandert sieht von Alt-68ern, die ihm sagen, was er doch zu gut weiß: dass er ein strunzdummer Spießer ist. Dort, wo der doitsche Blockwart sich grün und blau ärgert, dass er dieses angeblich linke Pack auch noch zwangsweise bezahlt, mit seinem GEZ-Beitrag. Glauben Sie nicht? So wird Ihr Beitrag kommentiert, ein klein wenig weiter unten:

In USA können die Anstalten es sich nicht leisten, am Zuschauer vorbei irgendeine Shice zu produzieren und die auch noch zu senden. Bis auf die Tagesschau bin ich resistent gegen die Öffentlichen. So einen Mist einem vorzusetzen. Außerdem ist es ein nobles Versorgungsinstitut für abgehalfterte Jounalisten, Vergnügungsreisen zu den Brennpunkten der Welt usw. Der doofe Konsument darf zahlen.

Ist ja auch alles nicht so schlimm, Poschardt. Sie dürfen das finden: „Große Kunst entsteht staatsfern.“ Sie dürfen damit beweisen, dass Sie stolz darauf sind, seit Jahrzehnten nicht mehr im Staatstheater gewesen zu sein, dass Sie stolz darauf sind, seit Jahrzehnten keine Ausstellung in der Staatsgalerie mehr gesehen zu haben. Wir sind tolerant, auch Ignoranten haben ihr Recht auf eine eigene Meinung, ich bin ja froh, dass ich Theater nicht neben Typen wie Ihnen sitzen muss, und ich will Sie sicher nicht zwingen, sich einmal die wunderbar sarkastische ARD-Serie Mord mit Aussicht anzuschauen. Was sollten Sie denn auch mit der?

Was ich Ihnen aber wirklich übel nehme: Dass Sie mir mit Ihrer blöden Polemik „Dr. House“ madig gemacht haben, noch bevor ich die Serie auch nur einmal gesehen habe. Hätten Sie nicht einfach so vor sich hin blöken können? Inhaltlich wäre es doch aufs Gleiche rausgekommen.

03. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Insel! · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , ,

Aufs Dockville-Festival vom 13. bis 15. August freue ich mich schon ein halbes Jahr. Besonders schön für die Vorfreude: dass die Kunst auf dem Dockville schon seit einer Woche öffentlich ist. Bis zum kommenden Sonntag, und dann beim eigentlichen Festival am Wochenende drauf. Und auf umagazine.de gibts einen hübschen Kunstrundgang. Von, hüstel, mir.