Im Kulturbereich hält man sich ja gerne fern von Parteipolitik. Man ist zwar irgendwie links, will aber mit der parlamentarischen Linken wenig zu tun haben, SPD, Linke und mit Abstrichen auch die Grünen bekommen den Ruf der Arbeiter-Funktionsparteien einfach nicht los. Gleichzeitig pflegt man den etwas diffusen Mythos, dass Konservative zwar grundsätzlich indiskutable politische Ansichten vertreten, in der Kulturpolitik aber die bessere Alternative darstellen. Da schlägt noch die Vorstellung von Kultur als Hort bürgerlichen Bildungsguts durch, das in christdemokratischen Händen in der Regel am Besten aufgehoben ist. Logische Folge: Sobald die CDU an einer Regierungskoalition beteiligt ist, bekommt das für Kultur zuständige Ministerium ein Christdemokrat oder, noch besser, ein Parteiloser. Die taz nannte schwarz-grüne Koalitionen einmal „Koalition der Operngänger“, ein griffiger Slogan, hinter dem steckt, dass man CDU und Grünen am ehesten noch einen Sinn für die Spezifika von Kunst und Kultur zutraut.
Nur: Ist an diesen Vorschusslorbeeren überhaupt irgend etwas dran? Ein Blick auf die Regierungen von Millionenstädten, die ein überregional bedeutendes Kulturleben haben: München wird von einer Koalition aus SPD, Grünen und Rosa Liste regiert, Oberbürgermeister ist Christian Ude (SPD), Kulturreferent Hans-Georg Küppers (parteilos). Berlin wird von SPD und Linken regiert, für die Kultur zuständig ist Oberbürgermeister Klaus Wowereit (SPD), flankiert von Staatssekretär André Schmitz (SPD). Wien wird absolut von der SPÖ regiert, Oberbürgermeister ist Michael Häupl (SPÖ), Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ). Köln wird rot-grün regiert, Oberbürgermeister ist Jürgen Roters (SPD), Kulturbeigeordneter Georg Quander (parteilos). All diese Kulturreferenten sind nicht unumstritten, aber man muss festhalten, dass sie anscheinend Bedingungen ermöglichen, in denen sich ein reges Kulturleben entwickeln kann.
Und Hamburg? Hat eine schwarz-grüne Regierung, das heißt, als einzige Millionenstadt im deutschsprachigen Raum einen konservativen Regierungschef (Christoph Ahlhaus), und dazu noch einen Koalitionspartner, dem man traditionell Kompetenz in diesem Bereich zutraut, Kultursenator ist Reinhard Stuth (CDU). Und der macht zurzeit falsch, was sich falsch machen lässt: unreflektierte Kürzungspläne bei Schauspielhaus diversen Museen, Denkmalschutz und öffentlichen Bibliotheken, Kostenexplosion bei der Elbphilharmonie, ein massiv gesunkenes Vertrauensverhältnis, sowohl in der Szene als auch in der Verwaltung (weswegen Stuth vor seinem überraschenden Comeback als Senator schon einmal als Staatsrat entlassen wurde). Dabei ist Stuth nur der jüngste von drei extrem glücklos agierenden Kulturverantwortlichen in der Hansestadt: Zuvor scheiterten schon die Witzfigur Dana Horáková und die geachtete aber überforderte Karin von Welck (beide parteilos). Genauer: Eigentlich scheiterten alle Hamburger Kultursenatoren, seit die CDU in der Stadtregierung ist. Tragisch, dass zumindest Stuth gewillt scheint, die Kultur der Hansestadt mit in den Abgrund zu reißen.
Und da gibt es einiges zu reißen: Hamburg spielte zumindest im Popmusik-, Literatur- und Theaterbereich immer mit bei den großen Metropolen des Kontinents, einzig bei der Bildenden Kunst lag man schon immer ein wenig zurück. Die Behauptung, dass im Norden eben nur Pfeffersäcke lebten, die lieber Geld zählten als sich für Kunst und Kultur zu interessieren, ist so nicht haltbar. Entsetzt schildert die ehemalige Kultursenatorin Christina Weiss in der FAZ den Niedergang des hanseatischen Kulturlebens:

„Warum wehrt ihr euch nicht?“ fragte Christina Weiss jetzt immer wieder die Sammler und Galeristen aus ihrer alten Heimat, die sie auf dem Art Forum in Berlin traf. Der Grundton sei Empörung, aber zur Rebellion sei niemand bereit, so ihr Eindruck. (…) „Die Stadt hat ihre Power verloren, ihre Neugierde – sie hat etwas Provinzielles bekommen“, stellt sie fest – und wer sie kennt, weiß, dass ihr diese Worte nicht leichtfallen. Sie selbst blieb nach ihrem Ausscheiden aus der Politik natürlich in Berlin. Warum sollte sie auch in eine Stadt zurückkehren, die jeden kulturellen Ehrgeiz aufgegeben hat, die nur zwei Prozent ihres Haushalts für Kultur ausgibt (Leipzig erlaubt sich 15 Prozent, Berlin hat seinen Kulturetat 2010 wieder um 16,5 Millionen erhöht) (…).

Natürlich, Weiss ist Sozialdemokratin, man muss ihre Aussage relativieren. Aber: Weiss war auch einmal begeisterte Hamburgerin, unter anderem Leiterin des Literaturhauses. So jemand lästert nicht grundlos über seine ehemalige Wirkungsstätte, so jemand ist ehrlich entsetzt darüber, wie sehr die Bürgerlichen, zunächst als CDU-Schill-FDP-Koalition, dann mit absoluter Mehrheit, schließlich mit den Grünen, einen wichtigen Aspekt des urbanen Lebens an die Wand gefahren haben.
Zum Abschluss kann man Guido Westerwelle zitieren, der seinen kraftmeierischen Spruch allerdings einst auf die rot-grüne Bundesregierung gemünzt hatte: „Die können es nicht!“ Und irgendwie fragt man sich, wie man je glauben konnte, dass Bürgerliche es können würden, das mit der Kultur.

Ich würde ganz gerne ein paar Aufgeregtheiten aus der Diskussion um Zuwanderung und Islamismus und Integration und Verweigerung derselben nehmen. Ich würde gerne in Zukunft nicht mehr über geifernde Kleinbürger sprechen, nicht mehr über Sarrazzin und Wilders und darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört und das Christentum zur Türkei, von mir aus. Ich möchte anmerken: Ja, mag sein, dass es hier und da Probleme mit muslimischen Zuwandererjugendlichen gibt, es gibt ja häufig Probleme mit Jugendlichen, warum also nicht mit muslimischen. Mag alles sein, ich möchte nichts beschönigen, dass in muslimisch geprägten Sozialsystemen durchaus zu problematisierende Ansichten zu Frauenemanzipation, Homosexualität und intellektueller Selbstbestimmung vorkommen. Das mag ja sein.

Aber: Ich lebe in einem zentralen Großstadtviertel mit überdurchschnittlich hohem Migrantenanteil. Ja, an den Ecken hängen sie manchmal rum, die Arschlochjungs, und starren einen böse an, das ist nicht schön. Nur echte Probleme, die hatte ich noch nie, mit den Arschlochjungs, tut mir leid. Das ist nur meine persönliche Erfahrung, aber mir haben die noch nie etwas getan.

Im Gegensatz zu den Christen.

Nunja, keine Werbung, sondern eine Kaufempfehlung: Der geschätzte Berliner Fotograf Christian Reister hat seine Fotoserie „Alex“ in Buchform gebracht, und „Alex – The Book“ ist wirklich sehr, sehr kaufenswert. Weil seine Fotos vom Alexanderplatz originell sind, hintergründig, humorvoll, alltäglich, künstlerisch, abschreckend, liebenswert, ästhetisch durchkomponiert und aus der Hüfte geschossen. Erhältlich über Reisters Website sowie bei der ebenfalls uneingeschränkt besuchenswerten Berliner Buchhandlung 25books.

(Und dass ich für „Alex“ den begleitenden Aufsatz geschrieben habe, hat echt nichts mit dieser Empfehlung zu tun. Ich finde Reisters Arbeit wirklich ganz, ganz klasse.)

20. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für The Geek shall inherit the Earth · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , , , , ,

Ein Klassenfoto.

Ich bin der, der da in der Ecke steht. Ein bisschen rundlich, mit den dicken Brillengläsern und der Zahnspange. Ich bin der, bei dem man nicht so recht weiß, ob er wirklich dazu gehört, der Unsichere, der, der nicht selbstgewiss den Fotografen angrinst. Ich bin der Geek.
Spätestens ab dem Studium störte mich das nicht mehr. Spätestens ab 19 war mir klar, dass mein Leben interessanter werden würde als das der Mittelpunktjungs, spätestens ab 19 wohnte ich in den interessanteren Städten, beschäftigte ich mich mit den interessanteren Dingen und, ja, spätestens ab 19 küssten mich auch die interessanteren Menschen. Die Mittelpunktjungs, das zeichnete sich da schon ab, studierten Maschinenbau oder Wirtschaft und hingen ab 25 im Umfeld der Heimatstadt fest, mit Frau und Kind und Bausparvertrag. (Ich komme aus Schwaben, da trifft das Klischee durchaus zu, tut mir leid.) Ein wenig kultivierte ich mein Geektum, und irgendwie sah es so aus, als ob andere, manchmal tatsächlich überaus coole und spannende, Menschen da mitziehen würden. Das ist jetzt vorbei. Keine Geeks mehr, plötzlich wieder: Alphatierchen, die zum Workout rennen und sich fit machen, das Gegenüber wegzubeißen.

Machs gut, Alphamann. Hallo, Alphamann.

Nur kurz zur Erinnerung, in welchem Bereich ich mich beruflich bewege: Journalismus. Und dann eine kurze Überlegung, wer eigentlich die wirklich wichtigen Journalisten dieses Landes sind, gehen wir doch einfach mal die Chefredakteure einiger Medien (was keine Aussage über deren Qualität sein soll, natürlich) durch: Thomas Osterkorn und Andreas Petzold (Stern), Hans Werner Kilz (Süddeutsche), Claus Strunz (Hamburger Abendblatt), Matthias Müller von Blumencron und Georg Mascolo (Spiegel), Jan-Eric Peters (Die Welt), Kai Diekmann (Bild, wird hier nicht verlinkt), Giovanni di Lorenzo (Die Zeit), Joachim Frank und Rouven Schellenberger (Frankfurter Rundschau), Sven Gösmann (Rheinische Post), Uwe Vorkötter (Berliner Zeitung) … Ermüdet? Ja, weil das eigentlich immer das gleiche ist (und so auch ewig weiter gehen könnte): In den Chefsesseln sitzen Männer. Fast ausschließlich: Einzig die taz leistet sich mit Ines Pohl eine Chefin, die kleine, gute taz. Ansonsten sind die großen, überregionalen Printmedien dieses Landes in fester Männerhand.
Ds ist ja nicht schlimm, ich bin kein Sexist, gleiche Chancen für alle, und wenn der Zufall eben gerade lauter Männer in bestimmte Positionen spült, dann bin ich der letzte, der eine Quote fordert, um da was dran zu ändern. Auch glaube ich nicht, dass Frauen bessere Menschen/Chefs/Journalisten als Männer sind, so. Ich glaube aber, dass weibliche (oder besser: als weiblich konnotierte) Prinzipien durchaus hin und wieder nicht schaden könnten, beispielsweise in der Wirtschaftswelt, beispielsweise im Journalismus: dass man immer wieder an sich selbst zweifelt, dass man kein Platzhirsch ist, dass man eher still urteilt, dass man um die eigene Fehleranfälligkeit weiß und das auch thematisiert. Die oben aufgezählten Chefredakteure aber sind keine Männer, die diese weiblichen Prinzipien kultivieren, es sind durch die Bank Alphatiere: selbstgewiss, autoritär, vor Testosteron strotzend (bei Vorkötter und di Lorenzo würde ich da eine Ausnahme machen, vielleicht). Möglicherweise braucht man das, um in strengen Hierarchien nach oben zu kommen, bloß: Es ist noch gar nicht lange her, da wurde behauptet, dass strenge Hierarchien auf dem freien Markt ein Wettbewerbsnachteil seien. Das scheint vorbei zu sein.
Es ist eigenartig: Gerade in einer Zeit, in der die explizite Männlichkeit im öffentlichen Diskurs an Bedeutung verloren hat, als wir eine Frau als Kanzlerin haben und einen verheirateten, durchaus effeminierten Schwulen als Außenminister, drängt sich das explizite Männlichkeitsgehabe durch die Hintertür wieder in die Diskussion. Vielleicht ist es ja so, dass die genannten Politiker sich so unmöglich benehmen, dass man sich von ihnen deutlich abgrenzen möchte? Danke auch.
Man könnte das Spiel von oben nochmal spielen: Welche wichtigen deutschsprachigen Theater werden eigentlich von Frauen geleitet? Schauspiel Köln (von Karin Beier) und Schauspiel Zürich (von Barbara Frey), gut, aber sonst? Sonst sitzen überall die begnadeten Netzwerker, Ulrich Khuon am DT Berlin, Oliver Reese in Frankfurt, Hasko Weber in Stuttgart, Typen, die genau wissen, wem man bei der Premierenfeier wie lange die Hand schütteln sollte (und die, das sollte man auch nicht verschweigen, mit diesem Händeschütteln teilweise ganz großartiges Theater ermöglichen). Dazu kommen noch die klassischen Testosteronschleuder-Künstler, Claus Peymann am Berliner Ensemble oder Thomas Ostermeier an der Schaubühne, vor deren Alphatiergehabe man ohnehin sofort in Deckung gehen möchte.
Ein einziger Theatermacher fällt mir ein, der nicht in dieses maskulin geprägte Schema passt: Friedrich Schirmer. Der allerdings am Hamburger Schauspielhaus vor kurzem aus unterschiedlichen Gründen scheiterte. Schirmer war ein stiller, zurückhaltender Mensch, einer, dem man ansah, wie unangenehm es ihm war, den Mitarbeitern vor der Premiere „Toi toi toi“ zu wünschen. Und den das Spiel um Macht und Kontaktpflege nach und nach kaputt machte: Im aktuellen Spiegel (leider nicht online verfügbar) steht ein langes Interview, in dem Schirmer recht eindeutig darlegt, wie ihn die Arbeit am Schauspielhaus konsequent in die Depression führte. Schirmer war, allem Anschein nach, zu weich.

Gendertrouble.

Über kurz oder lang landen wir immer wieder bei Judith Butler, und, ja, ich weiß, dass die US-amerikanische Feministin nicht unumstritten ist, egal. Es war auf jeden Fall einmal ein Fortschritt, zu erkennen, dass das soziale Geschlecht etwas performativ beeinflussbares ist und dass es Spaß macht, damit zu spielen. Es war ein Fortschritt, dass Frauen sich als Butch in Lesbenbars rumtreiben und trotzdem mit Männern schlafen konnten, es war ein Fortschritt, dass heterosexuelle Männer sich schminken konnten, und es war ein Fortschritt, dass nicht jeder Schwule die effeminierte Dramaqueen geben musste. Es war ein Fortschritt, dass die Grenzen zwischen Mann und Frau, und homo- und heterosexuell sich aufzulösen begannen. Ich fürchte, das ist vorbei.
In Tom Tykwers Film „3“ (ab Weihnachten im Kino) verliebt sich ein Paar (Sophie Rois und Sebastian Schipper) gleichzeitig in denselben Mann (Devid Striesow), und in einigen Dialogen macht der Film recht hübsch klar, dass es hier nicht um Homo-, Hetero- oder Bisexualität geht. Nur sind die Orte bezeichnend, an denen das Objekt der Begierde zuerst Kontakt mit seinen Affären aufnimt: Die Frau trifft er im Theater, den Mann aber im Schwimmbad, also beim Sport, sie schwimmen um die Wette, und hinterher wird der Sieger masturbiert.

Und irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass alle Geschlechtergrenzen, die zuvor niedergerissen wurden, durch dieses doofe Wettschwimmen gleich wieder aufgerichtet werden.

Als Kind, also, so mit 14, 15 war ich ein ziemlicher Fan von Salvador Dalí. Guilty pleasures, okay, später hörte ich begeistert Tracy Chapman, schaute Filme von Jean-Jacques Beineix und las Bücher von Irene Dische, das war zu der Zeit vollkommen in Ordnung, und ich habe kein Problem damit, festzustellen, dass mich heute anderes mehr interessiert. Bei Dalí ist das anders, ich gebe ungern zu, dass mein Jugendzimmer gepflastert war mit Drucken von brennenden Giraffen und langbeinigen Elefanten, und gleichzeitig tut es mir weh, dass brennende Giraffen heute kaum noch etwas mit meinem Leben zu tun haben. Dalí ist kein peinlichstes Liebeslied, Dalí ist eher so etwas wie eine Ex-Freundin, für die man nichts mehr empfindet, über die man aber auch nicht vom hohen Ross urteilen mag, weil: Man hat sie irgendwann einmal aufrichtig gemocht.

Das hat, sicher, damit zu tun, dass Dalí Allgemeingut ist. Ästhetische Urteile sind elitär, die will man nicht mit Krethi und Plethi teilen, Dalí aber ist offen für jeden. Das Bild links zeigt den Souvenirshop im Schloss des Künstlers im katalanischen Púbol, Kunstwerke für den Hausgebrauch. Mae Wests Lippen als Knautschkissen, Tassen mit Künstlerbärtchen und, am allerschlimmsten, Dalís Alptraumwesen als Kuscheltiere (nicht im Bild): Surrealismus-Nippes. So heftig kommerziell wurde kein Picasso vermarktet, kein Warhol, und auch kein Koons (wobei die Vermarktungsstrategien dieser Popart jüngeren Datums ohnehin in eine andere Richtung gehen, die eher an Subversion durch Affirmation erinnert). Kunst, die voraussetzungslos jedem zugänglich ist. (Und damit, das gestehe ich mir aber nur hinter vorgehaltener Hand ein, eben auch einem schwäbischen Provinzjugendlichen von 14 Jahren keine Interpretationsprobleme bereitet.)
Auf der anderen Seite hat sich bei mir ein inhaltliches Problem mit Dalí entwickelt: Der Künstler war ein verkappter Fan von Francos Faschismus, soviel kapiert man auch als Teenager, wenn man ein paar Biografien liest und die mit Geschichtsbüchern abgleicht. Seine Motive nervten, auf lange Sicht, auch: Das ständige Abfeiern des Beziehungsglücks zu seiner Frau Gala war bei Licht betrachtet nicht gerade das, was einen spannenden Künstler ausmachte. Und schließlich die Form: Dalí war im klassischen Sinne ein Meister. Das heißt, Dalí konnte technisch einiges, der beherrschte barocke Malerei ebenso aus dem Effeff wie ironische Zitatspielereien und Anleihen bei Pop, Collage und Comic. In einer Zeit, in der ich den Charme des Unfertigen zu schätzen lernte, in einer Zeit, in der mir handwerkliches Können plötzlich als reaktionäre Kategorie erschien, begann ich, mich für meine Dalí-Verehrung schämen zu müssen.

Damit wurde ich Dalí untreu. Ich hängte die Drucke ab, ersetzte sie durch Jackson Pollock, durch Nobuyoshi Araki, schließlich durch einen Filmstill von Daria Martin, hier bin ich mehr zu Hause, zweifellos.
Und damit in der Lage, langsam wieder zu meiner Beigeisterung für diesen Künstler zu stehen: Von Dalí in Erinnerung bleiben soll nicht das Bild eines Museumsshops, in Erinnerung bleiben soll der Blick aus dem riesigen, wunderschönen (und leider auch unglaublich überlaufenen) Museum in Dalís Geburtsstadt Figueres. Der Blick aus einem malerischen Innenhof über eine surrealistische Statue bis zum Kirchturm. Und von dort aus in den blauen, katalanischen Himmel. Wenn man diese Verbindung, Musenort-Surrealismus-Religion-Kathalonien, verstanden hat, dann hat man viel mehr verstanden, als wenn man eine brennde Giraffe als Stofftier, billig in China zusammengenäht, im Arm hält. Dann hat man allerdings auch viel mehr verstanden, als wenn man sich über jemanden mit solch einem Stofftier beömmelt. Dann kann man, endlich, sagen: Irgendwo war er auch wirklich gut, der Dalí.

06. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für Angewandte Sozialpolitik · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , ,

Im Hamburger Abendblatt finde ich ein langes Gespräch mit Susanne Lothar zur Krise am Deutschen Schauspielhaus. Und so gerne ich Frau Lothar mag, ganz einleuchten will mir nicht, warum ausgerechnet sie hier als Spezialistin befragt wird (okay, sie hat mal am Schauspielhaus gespielt, aber es würde Hunderte anderer Künstler geben, die da ebenfalls kompetent wären). Naja, Journalismus funktioniert ja viel stärker nach den prosaischen Gesetzen des Alltags, Lothar wird wohl gerade greifbar gewesen sein, außerdem ist sie hinreichend prominent und muss den Abendblatt-Lesern nicht erst noch vermittelt werden.

Auf jeden Fall spricht Lothar an einer Stelle über den Wert von Kultur:

Kurt Körber, der große Hamburger Mäzen, hat so viel in die Hamburger Kultur investiert, weil er wusste, dass seine Fachleute, seine tollen Ingenieure nicht in Hamburg geblieben wären, wenn sie kulturell keine guten Angebote vorgefunden hätten. Wenn die Stadt weniger Geld für die Kultur ausgibt, verarmt nicht nur die Kulturlandschaft, sondern die Stadt insgesamt, dagegen möchte ich mich als gebürtige Hamburgerin und Hamburg-Liebhaberin wehren. Wenn man will, dass die Menschen hier gerne wohnen bleiben, muss man ihnen etwas bieten.

Und an dieser Stelle wird mir zum Heulen. Weil nämlich, wenn Lothar hier recht hätte, ich sofort dafür plädieren müsste, alle Subventionen zu streichen. Meine Steuergelder werden also dafür gebraucht, eine Abendbespaßung für die „tollen Ingenieure“ des Pfeffersacks Körber zu finanzieren? Können die denn ihre Unterhaltung nicht selbst bezahlen? Das ist genau das Denken übers Theater, das in den meisten Köpfen vorherrscht und das sich dann in strunzdummen, selbstgerechten und verletzenden Leserbriefen wie dem von „Dr. Gunter Alfke“ Bahn bricht:

Hamburg sollte es als Fügung und Chance sehen, dass Herr Schirmer seinen Platz räumt. Als Chance, wieder Theater für Erwachsene zu machen, dem Wort und dem geistreichen Wortwitz wieder die erste Stelle auf der Bühne einzuräumen, statt Banalitäten und „Action“ zu servieren. Zwischen Johann Wolfgang von Goethe und Curt Goetz ist da viel Platz. Klassische Stücke klassisch inszeniert servieren.

Oder, direkt daneben, ein Erguss von „Hans Martin Kölle“, der Alfke an Dumpfbackigkeit durchaus das Wasser reichen kann:

Ein Loch zwischen Einnahmen und Ausgaben ließe sich zumindest verringern, indem die Erträge aus dem Theaterbetrieb erhöht werden. Das heißt praktisch: mehr Zuschauer durch ein attraktives Angebot ins Theater holen und auf abstoßende Inszenierungen verzichten, die vor allem der eitlen Selbstverwirklichung der Regisseure dienen und viele Zuschauer aus dem Schauspielhaus vertreiben.

Solche bräsigen Meinungen möchte Susane Lothar natürlich nicht bedienen, klar. Aber in ihrer Betonung auf Theater für die Upperclass geht sie vollkommen an dem vorbei, was Theater auch sein kann: Ein Fenster in die Welt der Ästhetik, und zwar für Leute, die von ästhetischen Diskursen weitgehend abgehängt sind. Ein Begegnungsort. Ein Ort für Bildung. Nicht zuletzt kann Theater sein: angewandte Sozialpolitik. Und darüber sollte Lothar einmal sprechen, nicht darüber, dass ein gutes Theater Spitzenkräfte in einer Stadt hält. Ist das so jenseits ihrer Vorstellungskraft?

Was Theater sein kann, das hat das Schauspielhaus übrigens jüngst gezeigt. Mit Volker Löschs Inszenierung „Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg“. Unabhängig davon, ob man die Aufführung jetzt wirklich gelungen fand oder nicht.

03. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für Umbilicus Sueviae, der Nabel Schwabens · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , , ,

Manchmal träume ich vom Ulmer Hauptbahnhof, also, ich träume davon, wie der Ulmer Hauptbahnhof war als ich klein war. Ein riesiger Bau, düster, verwinkelt, stinkig. Der Hauptbahnhof stand für alles, was unübersichtlich war, bürokratisch, abweisend und fremd, also ein Abenteuerland für einen Fünfjährigen. Es gab Unterführungen, bei denen man nicht ahnte, wo sie einen hinbrachten, es gab eine baufällige Fußgängerbrücke, es gab Pilsschwemmen, in denen schon am frühen Mittag Alkoholiker saßen und kleinen Kindern, die sich hier zufällig rein verirrt hatten, den Kopf tätschelten. Es gab nach Pisse stinkende Nischen, Fahrkartenschalter mit schlecht gelaunten Bahnmitarbeitern, unverständliche Lautsprecherdurchsagen mit Fahrtzielen, die einem fremd waren, „auf Gleis 5 erhält Einfahrt der verspätete Intercity nach Hamburg-Altona mit Halt in Stuttgart, Frankfurt, Hannover“, „auf Gleis 2 Eurocity aus Amsterdam, Köln, Stuttgart zur Weiterfahrt nach Salzburg über Augsburg und München. Dieser Zug hat 15 Minuten Verspätung“. Im Keller gab es Toiletten, die man, wenn es irgend ging, nicht aufsuchen sollte, in der angrenzenden Passage außerdem einen fetttriefenden McDonalds, in den mich manchmal, selten, meine Großmutter ausführte, Pommes und heiße Apfeltaschen essen.
Der Ulmer Hauptbahnhof war ein Moloch, eine der zwei Berührungen mit der Welt der Industrie für mich Vorstadtkind, die andere war das Industriegebiet Donautal, rauchende Schlote, Arbeiter, die mit leerem Blick in die Fabriken schlurften, Manchester. Ich war gut im Dramatisieren, damals, aber ich kannte Industrie auch nicht anders, war bis dahin weder im Ruhrgebiet gewesen, noch in Bitterfeld noch im Hafen, das kam alles viel später.

Einschub: Ich bin, grundsätzlich, dafür, dass der Stuttgarter Hauptbahnhof umgebaut wird. Das ist nämlich so: Stuttgart ist extrem hügelig, eigentlich weniger eine echte Stadt mit Zentrum und umliegenden Vororten, sondern vielmehr eine Ansammlung von bebauten Tälern, und in deren Mitte liegt der Hauptbahnhof. In einem Talschluss, was zur Folge hat, dass wir es hier mit einem Kopfbahnhof zu tun haben. Kopfbahnhöfe aber sind problematisch, auch aus ökologischen Gründen, weil ein Zug immer die doppelte Strecke von der Bahnlinie zum Bahnhof und zurück braucht. Außerdem fressen sie Reisezeit, aber gut. Außerdem, und das ist das wichtigste Argument für einen Umbau, ist in den Stuttgarter Tälern kein Platz für einen Flughafen, der liegt entsprechend auf einem der umliegenden Hügel Richtung Ulm. Wenn man nun aus Ulm zum Stuttgarter Flughafen möchte, dann fährt man erstmal zum Hauptbahnhof, steigt dort in die S-Bahn und fährt in der Gegenrichtung wieder zurück. Würde die Bahnlinie von Ulm aus über den Flughafen ins Stuttgarter Zentrum führen, dann könnte man eine knappe Stunde Fahrtzeit einsparen. Ich bin aus ökologischen Gründen dagegen, dass in jedem Kaff ein Flughafen gebaut wird, ich bin dagegen, dass man mit seinem stinkenden PKW zum Flughafen zockelt, ich bin dafür, dass einige wenige Flughäfen mit öffentlichen Verkehrsmitteln optimal angebunden werden. Und deswegen muss in Stuttgart was gemacht werden, Einschub Ende.

Was gemacht wird, ist Stuttgart 21: Ein monströses Neubauprojekt, das, grob gesagt, die gesamte Stuttgarter Innenstadt untertunnelt, aus dem Kopfbahnhof einen Durchgangsbahnhof macht und die Linie straight auf die Berge zum Flughafen (und dann weiter nach Ulm) führt. Es gibt Argumente für dieses Projekt, einige habe ich oben zitiert, es gibt auch Argumente dagegen, dazu zählen ungeklärte geologische Probleme mit dem Stuttgarter Erdreich, dazu zählen die exorbitanten Kosten, die in Zeiten leerer kommunaler Kassen andernorts fehlen, dazu zählt der massive Eingriff in das Stuttgarter Stadtbild, unter anderem die Vernichtung öffentlicher Parkanlagen. Es haben sich mehrere wichtige Protestgruppen gegen diese Pläne gebildet, meist als neue Form des entidelogisierten Bürgerprotests, der von gemäßigt links bis weit ins Bürgertum hineinreicht, charakterisiert. Die Machtelite hingegen reagiert auf diese neue Form des Protests ganz klassisch: mit Knüppeln.
So heterogen die Gegnerschaft zu Stuttgart 21 auch aufgebaut ist: Sie wird geeint durch das Gefühl, einer abgehobenen, arroganten und extrem brutalen Macht gegenüber zu stehen. Die Gegner sind wie ich nicht unbedingt gegen die Optimierung des Stuttgarter Bahnsystems, aber sie wären gerne gefragt worden. Sie möchten miteintscheiden. Sie möchten nicht, dass sie unter Entscheidungen zu leiden haben, die sie gar nicht verantworten – und leiden werden sie. Denn wer soll denn das Neubauprojekt bezahlen, wenn nicht die Bürger, mit Einschnitten ins Sozialsystem, mit Einschnitten in die kulturelle Grundversorgung zum Beispiel?

Das Bahnhofsgebäude stammt aus dem Jahr 1914, Architekt waren Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer, die unter dem Titel „Umbilicus Sueviae“ (Nabel Schwabens) ein hoch repräsentatives Bauwerk in die württembergischen Hügel gesetzt haben. Die Pläne zu Stuttgart 21 sehen vor, dieses als Kulturdenkmal geschützte Gebäude zu entkernen, die Seitenflügel würden abgerissen, übrig bliebe eine reine Fassade. Ein Witz.
Bahnhöfe sind nicht mehr das dunkle Abenteuer, das ich als Fünfjähriger kennengelernt habe, Bahnhöfe sind heute hell und offen und radikal durchkommerzialisiert. Fassaden, Witze. Der Berliner Hauptbahnhof, Leipzig, Frankfurt: Das sind nicht mehr die wilden Schlünde, von denen ich träume, das sind Malls mit Gleisanschluss. Manchmal finde ich noch Bahnhöfe meiner Kindheit, in der Provinz, große Bauwerke, viel zu groß für die umgebenden Städte, Bad Harzburg etwa. Oder im Ausland, in Ländern, in denen man die Sprache nicht versteht, wo ein Stimmengewirr einen umschwirrt, man am Schalter A die Bahnsteigkarte holt, damit man sich am Schalter B den Fahrschein kaufen kann, um am Schalter C die Verbindung genannt zu bekommen. Riga war so ein Bahnhof, in dem ich mich verlieren konnte. Ein Moloch.

Edit: Das Bild zeigt den Hauptbahnhof Dortmund. Ein Gleisgewirr, ein Verlorengehen, etwas, das zu groß ist, als das man es verstehen könnte.

01. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für Flimmern, Flirren · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , ,

In einer gerechten Welt würde die wundervolle Berliner Band Klez.e nicht nur die klitzekleine Hamburger Prinzenbar füllen können, in einer gerechten Welt würden Klez.e in riesigen, ausverkauften Hallen spielen, und vor den Hallen würden Fans campieren, in der Hoffnung, einen Soundschnipsel abzubekommen. Aber wer möchte in einer gerechten Welt leben? In einer Welt, in der solch stille, flirrende Konzerte wie das gestrige nicht möglich sind, weil Hallen nicht auf Stille und Flirren ausgerichtet sind, sondern auf Überwältigung und Aufruhr?

(Dass es für Bands ein ökonomisches Problem darstellt, wenn nicht einmal die Prinzenbar ausverkauft ist, das ist mir auch klar und steht auf einem ganz anderen Blatt.)

[vimeo 5773397]