Die Bandschublade hätte nie ein Rezensionsblog werden sollen. Weil andere diese Nische schon sehr, sehr gut bespielen, die Kollegen von der Nachtkritik etwa oder das geschätzte Hamburger Feuilleton. Vor allem aber auch, weil ich der Meinung bin, dass eine Rezension die langweiligst mögliche Art ist, über Kunst zu sprechen. Weil ich das im Brotberuf schon häufig genug mache. „Ich kann (…) nicht immer doppelt Kritiken schreiben, denn es ist ja nicht so, dass ich ansonsten nichts zu tun hätte“, sagt Christine Dössel, ja. Vor allem, weil man in so einem echten, gedruckten Medium ja doch etwas anderes erzählen möchte, irgendwie seriöser, nicht so aus der Hüfte und der Leidenschaft heraus wie in diesem kleinen Kräutergarten hier. Hier möchte ich weiter blöken, ich will begeistert schwärmen und ich will mich angwidert auskotzen, und ich will mir keine Gedanken darüber machen, ob das, was ich schreibe, jedem Gegenargument standhält, weil, wenn ich Mist schreibe, kann man mir ja mailen oder mir einen Kommentar schreiben, dann versuche ich, mich zu erklären, und wenn die Erklärung nicht funktioniert, dann kann ich was draus machen, einen weiteren Beitrag schreiben, meinen früheren Beitrag modifizieren, das Gegenargument posten, was auch immer. Im Print kann ich das nicht. Und deswegen gibt es hier auch keine Rezension zur gestrigen Premiere von Jan Bosses Shakespeare-Verzückung „Was ihr wollt“ am Thalia.

Stattdessen konstatiere ich eine umgekehrte Krise. Weil nämlich, liebes Thalia, der Premierenoverkill der vergangenen Woche ein eigenartiges Gefühl der Übersättigung zur Folge hatte. Drei Premieren in einer Woche, und von denen ist eine ganz, ganz großartig („Axolotl Roadkill“), eine ist wirklich gut („Was ihr wollt“) und eine ist auch noch ganz in Ordnung („Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“). Und wenn man einrechnet, liebes Thalia, dass ihr im Repertoire auch noch ein atemberaubendes Stück wie „Hamlet“ habt, dann stellt man langsam fest, dass man euer Theater mittlerweile unbesehen besuchen kann, egal was, man sieht eine doch zumindest überzeugende Inszenierung. Aber will man das überhaupt? Will man ein Theater, das wirklich alles richtig macht, tolles Ensemble, tolle Regie, Bühnenbild, in das man sich zum Schlafen legen möchte, und von der Dramaturgie und ihren klugen Programmheften wage ich gar nicht zu reden?
Ich auf jeden Fall will das nicht. Ich will die ständige Krise, ich will den Schmerz im Herzen, ich will ein Messer, das sich in meinem Fleisch einmal umdreht. Und dann will ich umarmt werden, selten, aber dafür von solcher Begeisterung, dass ich alle Enttäuschungen vergesse.

Glückwunsch, Thalia. Das natürlich auch.

P.S. Und gerade kommt eine SMS, dass Schwarz-Grün vor dem Aus steht. Was eigentlich auch wichtiger ist, oder?

Zu viele, zu lange Texte, zurzeit in der Bandschublade. Zum schönen, schweißtreibenden, sexy Konzert von Kele im Mondial gibts daher nur ein verwackeltes Handyfoto, obwohl man natürlich ziemlich viel sagen könnte über den Konsenskünstler Kele, der Indiegirls, Schwulenszene, Hipster und Musikfans, die die 80er noch erlebt haben, im Club versammelt. Ich mag aber nicht.

23. November 2010 · Kommentare deaktiviert für Und das ist mein Leben · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , ,

Ich bin reingefallen. Ich habe mich dem Hype um Helene Hegemann verweigert, weil ich das doof fand, eine höhere Tochter, die qua Geburt Teil des Kultur-Establishments ist und dann darüber rumjammert, wie langweilig ihr Leben doch sei. Ich habe die Rezensionen zu Hegemanns Debütroman „Axolotl Roadkill“ gelesen, von Ursula März in der Zeit, „was man heraushört, ist weniger die Stimme irgendeiner Generation als vielmehr das Grundgeräusch unserer Gegenwart“, von Tobias Rapp im Spiegel, „die Menschen, die die Welt zusammengezimmert haben, in der sowohl die reale Helene als auch die erfundene Mifti leben“, es kotzte mich an. Weil da ältere Journalisten die Stimme der Jugend vernehmen wollten, noch einmal echt sein, noch einmal authentisch sein, das wahre Berlin spüren, „und das ist mein Leben“.
Das ärgerte mich, weil Hegemann ein Berlin beschrieb, das so anders war als das, das ich geliebt hatte. Ich bin 1998 nach Berlin gezogen, da war Hegemann sechs und lebte in Bochum. Wenn Hegemann gleich Mifti in „Axolotl Roadkill“ war, dann war der Erfolg, den dieses Buch bei den Älteren hatte, der Beweis dafür, dass auch ich mittlerweile zu den Älteren gehörte, dass hier ein Berlin existierte, das ich nicht kannte.

Dass ich die Rezeption des Buches Frau Hegemann anlastete, war unfair. Für die Rezeption konnte sie nichts.

Denn vielleicht ist das ja alles ganz anders. Vielleicht ist „Axolotl Roadkill“ ja gar nicht das ultraauthentische Bekenntnisbuch einer 17-Jährigen. Vielleicht gibt es das ja alles gar nicht, in der realen Welt da draußen, das Berghain, die Technonächte und die Drogen, von denen Hegemann erzählt. Vielleicht ist das ja alles: Kunst?
Zumindest ist das die These von Regisseur Bastian Kraft und Dramaturg Tarun Kade, die „Axolotl Roadkill“ fürs Thalia in der Gaußstraße bühnentauglich gemacht haben. Fünf Miftis (Lisa Hagmeister, Birte Schnöink, Cathérine Seifert, Victoria Trautmansdorff und Sebastian Zimmler) bevölkern die Bühne, heulen, jammern, flirten und beschwören immer wieder: „Und das ist mein Leben!“ Um in der nächsten Sekunde gleich wieder zu beweisen, nein, das ist ganz und gar nicht ihr Leben, das ist Theater, was da mit Video und Laufband und großteils easy swingendem Soundtrack über die Bretter geht. Und kurz vor Schluss fällt ohnehin der Vorhang zur Hinterbühne, auf dass die ganze wahnsinnig ausgeklügelte Maschinerie offensichtlich wird, damit auch der Letzte kapiert: Ihm wurde hier etwas vorgespielt.
Kraft und Kade treiben der Vorlage also alles Authentische aus, und plötzlich bekommt dieser Text eine neue Qualität. Plötzlich wird klar, dass hier eben kein eigenes, echtes Leben beschrieben wird, sondern einzig eine Idee von Leben. Und plötzlich wird mir auch klar, was mich so wahnsinnig an Hegemanns Roman störte: Dass man ihn, wenn man ihn authentisch liest, eben auch als konservatives Pamphlet lesen kann, als echtes Angewidertsein an einer durch und durch künstlichen Welt, als unerfüllte Sehnsucht nach einem anderen, echten Leben. Das missfiel mir auch an dem viel gelobten Film „Somewhere“ von Sophia Coppola: dass die Regisseurin mit großem Aufwand eine Welt aus Plastik zeichnet, aus der in der Schlussszene ein zumindest möglicher Ausweg konstruiert wird. Kein Gedanke daran, dass die Plastikwelt vielleicht langweilig und öde sein mag aber immer noch besser als alle unerträgliche Ehrlichkeit. Indem sie „Axolotl Roadkill“ konsequent in einen Kunstraum verfrachten, wagen Kraft und Kade diesen Gedanken zumindest. Lustig, dass sie selbst im Ausstellen des Spielvorgangs nicht authentisch bleiben: Die Mittel hierzu, die gescratchten Dialoge, das Wechselspiel von Laut und Leise, die Rampenrede sind nämlich auch geklaut, von René Pollesch, hihi.

„Was mich interessiert ist, dass es ein Text ist über Wohlstandsverwahrlosung“, verteidigte sich Thalia-Intendant Joachim Lux gegen den Vorwurf, mit „Axolotl Roadkil“ auf einen Hype aufzuspringen (und dann auch noch eineinhalb Jahre verspätet zu sein). Ganz glaube ich ihm das nicht, zumal gerade Hegemanns Roman nicht wirklich ein gelungenes Beispiel für diese Wohlstandsverwahrlosungsliteratur ist. Was nichts an dem beglückenden Erlebnis dieses Theaterabends ändert. Weil ich mich mit einem Schlag verstanden fühlte, in meiner Sehnsucht nach dem Unauthentischen. Weil ich in dieser Aufführung eine Schauspielerriege sah, deren Begeisterung fürs Thema mich ansteckte, allen voran Birte Schnöink, die mir schon in „Hamlet“ positiv aufgefallen ist. Und weil Regisseur und Dramaturg es geschafft haben, einen womöglich doch ganz interessanten Text der Interpretationshoheit des alternden Feuilletons zu entreißen.

(Die Hegemann wahrscheinlich in alle Ewigkeit verfolgende Diskussion um Original und Plagiat interessiert mich übrigens kein Stück.)

I got a letter from the government the other day.
I opened and read it; it said they were suckers.
They wanted me for the army or whatever,
Picture me given‘ a damn – I said never!
Here is a land that never gave a damn
About a brother like me and myself, because they never did.

(Public Enemy, Black steel in the hour of chaos, 1989)

Ich habe nicht gedient. Dass ich ausgemustert wurde, da bin ich nicht stolz drauf, vor allem, weil die Ausmusterung in erster Linie auf Grund einer Sexualmoral passierte, die schon damals überkommen war, einer Sexualmoral, von der ich allerdings profitieren konnte. Die Nachgeborenen können das vielleicht nicht verstehen, aber damals gab es für junge Männer gerade mal die Möglichkeit, zwischen Zivildienst und Bundeswehr zu wählen (wobei rechtlich diese Wahlmöglichkeit gar nicht existierte, man war juristisch gezwungen, zum Bund zu gehen, die Gewissensentscheidung, lieber Zivildienst zu machen, wurde nur starfrechtlich nicht verfolgt, in Ordnung war sie deswegen noch lange nicht). Die meisten meiner Mitschüler hatten solche Gewissensgründe, okay, die meisten Coolen, die meisten Netten. Die gingen ins Altersheim oder in die Behindertenwerkstatt, einer ging zum Bund für Umwelt und Naturschutz, über den witzelten wir, „Haha, Martin macht Zivi beim Bund!“
Die meisten Netten, die meisten Coolen fanden meine Ausmusterung scheiße. Auf die Schultern klopften mir die Arschlöcher, die schnell ihr knappes Jahr Bundeswehr runterrissen, um dann holterdipolter ins BWL-Studium zu jagen, panisch, weil ihnen ein Jahr gestohlen worden war, beim Rattenrennen. Mir war dieses Schulterklopfen unangenehm, sie dachten, ich wäre auf ihrer Seite. Die Bundeswehr, das war damals kein Dienstleistungsunternehmen, geschaffen, um die Interessen der deutschen Wirtschaft mit Waffengewalt durchzusetzen, das war eine pädagogische Einrichtung, ein Ort, an dem junge Männer aufs Vaterland eingeschliffen werden sollten, und die Arschlöcher sahen keine Möglichkeit, diesem Zwang zu entgehen, also wollten sie ihn so schnell und stumpf wie möglich hinter sich bringen.
Zivildienst war in meinen Augen nur eine Variante dieser pädagogischen Einrichtung. Zivildienst, Bundeswehr, hier wie dort sollte man sich selbstlos in den Dienst des Landes stellen, hier mit Gewehr, dort mit Windeln in der Hand. In den Dienst eines Landes, das ich von Herzen verachtete, Deutschland, frisch wiedervereinigt und besoffen vor Freude, Doitschland, reaktionäres und korruptes Kohl-Regime, keinen Finger krumm machen wollte ich für dieses Drecksland, dieses Drecksvolk. Deswegen hielt ich die Kritik der Netten aus, deswegen hielt ich das Schulterklopfen der Arschlöcher aus: weil ich tief in mir wusste, dass ich doch das richtige machte (wenn auch mit falschen Mitteln, unter Ausnutzung einer eigentlich abgelehnten Moral. Egal. Ich war kein Märtyrer, der als Totalverweigerer in den Knast gehen wollte, ich wollte einfach nur nicht Deutschland dienen).

Die Schwarz-gelbe Koalition macht, was Rot-Grün nicht einmal versucht hat: Sie schafft die Wehrpflicht ab. Der von mir herzlich gehasste Starverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg schon vor einem halben Jahr im Spiegel:

Faktisch wird sie (die Wehrpflicht, F.S.) in zehn Jahren wohl abgeschafft sein. Bei einer hochprofessionellen, bestens ausgerüsteten und flexiblen Einsatzarmee haben Sie kaum noch die Kapazitäten, Rekruten auszubilden.

Mit anderen Worten: In zehn Jahren werden junge Männer nicht mehr in meiner Situation sein. Sie können sich für eine Berufslaufbahn als bezahlter Schützenkönig in Afghanistan (oder wo immer die deutsche Wirtschaft gerade Interessensdurchsetzer braucht) entscheiden oder sie können sich gleich ins Bachelor-Studium stürzen, damit sie mit spätestens 22 dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, als stille Reserve, die dazu dient, das Selbstbewusstsein unter Arbeitnehmern möglichst klein zu halten. Was es dann allerdings nicht mehr gibt: Zivildienst. Sozialverbände, Kirchen und kulturelle Institutionen als hauptsächliche Nutznieser der Zivis sind (mit gutem Grund) entsetzt, fielen damit doch unzählige billige Arbeitskräfte weg. Sicher, man könnte an ihrer Stelle reguläre Mitarbeiter einstellen, nur sollten die eben auch regulär bezahlt werden, und da haben die Träger plötzlich gar kein Interesse mehr dran, Heuchler, die sie sind. Also jammern sie.
Worauf Familienministerin Kristina Schröder (CDU) plötzlich behauptet, dass der Zivildienst (der mittlerweile nicht mehr so heißen darf, weil der Zivildienst ja mit der Wehrpflicht abgeschafft wird) unglaublich wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung sei, Kristina Schröder, deren Parteifreunde Zivis noch vor ein paar Jahren als verweichlichte Drückeberger beschimpft haben. Auf jeden Fall wirbt Schröder jetzt für einen Freiwilligendienst, der auch Älteren offen stehen soll, der ganz toll die Persönlichkeit bilden soll, der nicht zuletzt entlohnt werden soll mit dem atemberaubenden Betrag von höchstens 324 Euro monatlich. Die Arschlöcher, die nur möglichst schnell einen letzten Krümmel vom Karrierekuchen abbekommen wollen, spricht sie damit natürlich nicht an. Die Waffennarren, die unbedingt mal scharf schießen wollen, auch nicht. Und schließlich auch nicht diejenigen, die die Bundeswehr als potenziellen Arbeitgeber verstehen. Wen sie aber anspricht, das sind die Leute, mit denen ich immer gut konnte. Die Leute, die glauben, dass ein freiwilliges Pflichtjahr ihrer Persönlichkeit gut tun dürfte. Die Leute, die glauben, dass nach Studium oder Ausbildung ohnehin nur die Arbeitslosigkeit auf sie wartet, weswegen sie die Zeit gerne mit einer unterbezahlten Tätigkeit füllen. Und die Leute, die glauben, dieses Volk hätte irgendwo einen Dank verdient, dieses Volk, Deutschland, hätte verdient, dass man ihm ein Jahr lang dient, demütig. Die Leute, die nichts dabei finden, Krankenpflegern, Hausmeistern, Hilfskräften den Job wegzunehmen.

Die Leute, die nicht merken, wie sie das System aus seiner Verantwortung entlassen: aus der Verantwortung, jedem Alten, Kranken, Armen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Danke auch.

17. November 2010 · Kommentare deaktiviert für Vervettelung · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , , , ,

Ich will mich gar nicht darüber aufregen, dass die ARD das Finale von Dominik Grafs Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“ von einem undankbaren Sendeplatz auf einen noch undankbareren Sendeplatz verschoben hat. Das haben schon andere kommentiert, und ich wäre nicht so wahnsinnig origineller. Außerdem habe ich die Serie ja ohnehin nicht im Ersten geschaut, sondern einzelne Folgen im Frühjahr auf arte (und den Rest werde ich mir wohl demnächst mal auf DVD holen), da kann ich nicht behaupten, dass die ARD-Entscheidung für mich den Untergang des Abendlandes darstellen würde. Nicht schön ist das, gut, aber es gibt Vieles auf der Welt, das nicht schön ist. Darüber muss man nicht weinen.

Ich zahle GEZ-Gebühren, auch wenn ich nur wenig fernsehe. (Nämlich mal: Einzelne Folgen von „Im Angesicht des Verbrechens“ auf arte.) Ich zahle GEZ-Gebühren, weil ich glaube, dass es wichtig ist, ein Massenmedium zu haben, das unabhängig von den Wünschen der Wirtschaft agiert, im Kulturbereich und im Politikbereich. Wer das nicht glaubt, der braucht sich nur mal die Nachrichten der Privatsender anzuschauen, ich hoffe, dass er danach nicht mehr behauptet, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen unwichtig ist. Ich war immer der Meinung: In den Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sitzen Journalisten, also Leute wie ich, und die machen ihren Job sehr gut. Das will ich honorieren, das will ich vor allem finanziell gut ausgestattet wissen.
Und dann schaue ich vergangenen Sonntag Tagesschau, das Flaggschiff des öffentlich-rechtlichen Journalismus-Anspruchs. Und werde mit dem Aufmacher geschockt, dass eine südhessische Provinznase Weltmeister im Im-Kreis-Fahren geworden sei, kulturlos und laut und umweltschädlich. Als Aufmachermeldung. Aber nicht nur das, es blieb nicht bei der Meldung: Nachfolgend gab es eine gefühlt fünfminütige Reportage aus dem Heimatkaff des, Glückwunsch auch!, Weltmeisters. Dramaturgischer Höhepunkt: Während des Public Viewings in Südhessen fiel für kurze Zeit der Beamer aus (am Ende war aber alles gut). Andere Themen wie die Vorbereitungen zum CDU-Bundesparteitag, die Gesundheitsreform, die Freilassung von Aung San Suu Kyi mussten sich dafür ein wenig kürzer fassen, klar, ist ja auch nicht so wichtig. Ich kotzte.
Ulkigerweise scheint man sich auch in der Tagessschau-Redaktion für diese journalistische Meisterleistung zu schämen. Zumindest auf Youtube hat „Tagesschaubackup“ eine ungewöhlich verstümmelte Version eingestellt: Gerade mal 30 Sekunden wird vom Motorsport berichtet, dann geht es nach Karlsruhe zur CDU. Allerdings ist der Clip auch nur 12 Minuten lang, im Gegensatz zu den 15, die am Sonntag gesendet wurden.

Es ist so peinlich. Weswegen unterstütze ich das, bitte?

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=iITVKSI59sc]

Das wahre Leben ist ja nichts wirklich tolles. Das wahre Leben ist trivial, ist mythisch überladen, ist, zumindest meistens, auch recht langweilig. Man braucht entsprechend nicht anzunehmen, dass Dokumentartheater etwas mit dem wahren Leben zu tun hätte, auch wenn Gerhard Stadelmaier schon vor drei Jahren genau das in der FAZ behauptet hatte: „Es herrscht im subventionierten Betrieb eine gewisse Sehnsucht nach richtigem Laienspiel, also nach Verrat: an der Kunst. Und nach Selbstaufgabe: hin ans unverdichtete Leben.“
Mit der Realität, also, dem was um mich herum passiert, hat das, wie gesagt, nichts zu tun. Denn womit beschäftigen sich Theatermacher im Dokumentarbereich gerade? Rimini Protokoll etwa, die Erfinder und ästhetisch prägenden Akteure dieser Theaterrichtung, behandelten in „Black Tie“ die Biografie einer als Baby nach Deutschland adoptierten Koreanerin, in „Hauptversammlung“ Daimler-Aktionäre, in „Breaking News“ Nachrichtensprecher, Journalisten und Medienspezialisten. Nicola Unger untersuchte mit „Unserdeutsch“ die Nachwehen der einstigen Kolonie Deutsch-Neuguinea. Und Volker Lösch, Peter Kastenmüller und Nuran Çalış holten für Inszenierungen Arbeitslose und Bewohner von Problemsiedlungen auf die Theaterbühne. Natürlich, es gibt die Aktionäre und die Arbeitslosen, das ist die Realität, aber ist das – das wahre Leben? Hat Deutsch-Neuguinea mehr mit meinem Leben zu tun als, nur als Beispiel, „Maria Stuart“? Und spricht das dann wirklich für Nicola Unger oder nicht viel eher gegen Friedrich Schiller? Lola Arias, auf jeden Fall, beschäftigt sich in „That enemy within“ mit Zwillingen, und, tut mir leid, Zwillinge spielten bislang keine nennenswerte Rolle in meiner Welt.

Die Argentinierin Lola Arias arbeitet für „That enemy within“ mit der Schauspielerin Esther und der Regisseurin Anna Becker zusammen, eineiige Zwillinge, 30 jahre alt, durch ihre Berufe mit der Bühnensituation vertraut. Die Beckers erzählen: von ihrer Kindheit, von der Suche nach Identität, von der Abgrenzung voneinander, von der Wiederannäherung. Spielen vierhändig Klavier. Sprechen über historische Zwillingsforschung, schauen in Abgründe, ja, auch nach Auschwitz. Machen Witze. Sind sehr echt und liebenswert und charmant (und wissen gleichzeitig, dass man auf der Bühne nie wirklich „echt“ ist). Zwillinge bedeuten mir nichts, und trotzdem packt mich dieses Stück, mich interessiert, was hier verhandelt wird, und ich bin enttäuscht, als sich die Darstellerinnen nach 70 Minuten verbeugen.
Mein Begleiter hat die Strukturen hinter dem zeitgenössischen Dokumentartheater durchschaut. Ja, die Stücke sind immer recht ähnlich aufgebaut, ob sie nun von Rimini Protokoll kommen oder von Lola Arias: Die Autoren sprechen mit ihren Protagonisten, sehr intensiv anscheinend, sehr ausdauernd, sie sezieren Biografien nach fürs Theater Verwertbarem, und dann überlegen sie, welche Bilder sie für diese Biografien finden. Und schließlich setzen sie diese Recherche um, auf der einen Seite, indem sie auf den Charme des Authentischen vertrauen, auf der anderen Seite, indem sie die technischen Möglichkeiten eines Theaters im 21. Jahrhundert durchaus exzessiv nutzen. So funktioniert das, mit anderen Worten: Hier findet eine Formierung statt.

Eine Formierung, sicher, aber: Wir bewegen uns in einer ganz kleinen Nische. Auch wenn die FAZ lästert, dass man gar kein Theater mehr besuchen könne, ohne echte Menschen zu sehen, die einem von der Bühne herab ihr langweiliges Leben erzählen: Stücke wie die von Rimini Protokoll sieht man in der freien Szene und auf Festivals, gerade mal Volker Lösch hat sich im Stadttheaterbereich (als Hausregisseur in Stuttgart) mit dokumentarischen Formen etabliert. „That enemy within“ sah ich auf Kampnagel, das ist keine kleine Hütte, aber die meisten Menschen sehen, wenn sie ins Theater gehen, immer noch „Maria Stuart“. Das ist weder gut noch schlecht, nur von einem Trend hin zum Dokumentarischen lässt sich nicht wirklich sprechen. Was man sagen kann: Es gibt ein paar Leute, die weitgehend untereinander vernetzt sind und eine ganz eigene Bühnenästhetik entwickelt haben. Diese Ästhetik hat nicht mehr oder weniger mit dem wahren Leben zu tun als das, was ansonsten so auf den Bühnen passiert, aber sie fußt nicht in erster Linie auf einer literarischen Vorlage oder einer These, sie fußt darauf, dass sich der Regisseur mit jemandem zusammensetzt und einfach mal lange zuhört, was der so zu sagen hat.
Und Leute, die sich für andere Leute interessieren, das sind nicht die schlechtesten. Bin ich überzeugt.

Edit: Für das demnächst erscheinende Dezember-uMag habe ich ein Interview mit Lola Arias geführt, kurz aber nichtsdestotrotz interessant, meiner Meinung nach. Außerdem bin ich ganz begeistert von Arias‘ Textsammlung „Liebe ist ein Heckenschütze“, das schon im November als mein Buch des Jahres abgespeichert ist.

Foto: Kampnagel/Lola Arias

Es gibt ein paar Veränderungen auf meiner Blogroll. Will sagen: Ein paar Blogs, die ich immer ganz gerne hatte, sind verschwunden, aus Gründen. Als da wären:

Kochen mit Schwadroneuse. Der letzte Beitrag ist vom 7. September und hieß „Warum mich dieser ganze Food & Lifestyle Scheiß nicht interessiert“. Ich fürchte: Frau Schwadroneuse bloggt erstmal nicht mehr. Wobei natürlich klar ist, dass sie sofort wieder auf die Roll käme, finge sie wieder an. Ich schätze sie nämlich. Sehr.
Lisa Neun hat ebenfalls Anfang September das letzte mal gepostet. Und ebenfalls würde sie mit offenen Armen wieder aufgenommen werden, hätte sie interesse. Schade finde ich diesen (zeitweiligen) Ausstieg, weil Lisa Neun zu den wenigen Bloggerinnen gehört, die mich auf ihre Roll gesetzt und mir damit schon mehr als einen interessierten Leser rübergeschickt haben. Also: Bloggen Sie doch wieder! Bitte!
Doppeltim. Ein Comicblog, von dem ich mir, leider, mehr erwartet habe. Tscha.

Okay, einen Neuzugang gibt es auch, bei den Empfehlungen des Hauses: Das Hurra-Blog von Eva Schulz, einer Studentin aus Friedrichshafen, die insbesondere sehr, sehr hübsche Videos dreht, ein wenig sehr freundlich vielleicht, aber alles in allem unglaublich charmant.


Ich war noch nie in einem New-Burlesque-Club. Das ist bemerkenswert, lebe ich doch in einer Stadt, die für sich in diesem Bereich eine deutschlandweite Vorreiterrolle reklamiert, andererseits: Was reklamiert Hamburg nicht alles für sich, vielleicht ist das ja auch nur Geschwätz, und die Clubs sind gefüllt mit hemmungslosem Feierpublikum, Touristenschwaden, die nackte Haut sehen wollen, wer weiß. Das Queen Calavera, angeblich der beste Burlesque-Laden der Stadt, sollte jedenfalls an Wochenenden gemieden werden, von wegen Touristen-, Pinneberger- und Alkopop-Horden. Aber ich kenne den Laden ja ohnehin nicht.

Was ich seit Freitag kenne, ist Katharina Bosses Fotoserie „New Burlesque“. Weil die 42-Jährige nämlich noch bis 15. Januar bei Robert Morat ausstellt, außer „New Burlesque“ auch noch ein paar Bilder aus der Serie „Portrait of the artist as a young mother“ sowie Blumenbilder, sehr weiblichkeitsmystisch die einen, sehr formalistisch die anderen, beides nicht wirklich was für mich. Berührt haben mich hingegen die „New Burlesque“-Bilder, in ihrer ultrakünstlichen Buntheit, in ihrer Ironie, in ihrer Feier des unauthentischen Körpers. Und hier muss ich ein wenig ausholen.
New Burlesque, das ist Striptease. Und auch wieder nicht. Striptease ist eine Dienstleistung, deren Ziel Erregung ist, also, Erregung eines primär männlich-heterosexuellen Publikums. New Burlesque versteht sich nicht als Dienstleistung, sondern als Lust an der Erregung. Der Tanz ist hier nicht in erster Linie zielgerichtet: Das Ziel im Striptease wäre, offen gesprochen, die Erektion des Betrachters, im New Burlesque geht es eher um einen Spaß auf beiden Seiten, der Zuschauer soll sich ebenso amüsieren wie die Tänzerin. Zudem findet New Burlesque zumindest im Idealfall nicht in der hochkapitalisierten Welt statt, in der Striptease oft zu Hause ist, die Tänzerinnen sind hier ihre eigenen Unternehmerinnen, die die Einnahmen entsprechend behalten. Außerdem gibt es ein paar signifikante ästhetische Unterschiede: Zwar ziehen sich auch Burlesque-Tänzerinnen aus, allerdings nicht völlig – die Brustwarzen bleiben bedeckt, der Slip bleibt an. Und schließlich zeichnen sich Burlesque-Tänzerinnen dadurch aus, dass ihre Körper nicht normiert sind: Sie sind zwar nicht grotesk überzeichnete Körper (wie man sie in manchen Nischenbereichen der Pornographie findet), sie sind aber auch nicht die in ein ganz festes Schema gepressten Hardbodies der gängigen Erotikindustrie. Es sind: Frauen, mit Brüsten und Schenkeln und Polstern an Stellen, an denen andere Frauen unter Umständen keine Polster haben. Was nicht zum Trugschluss verführen sollte, dass wir es hier mit echten, also: authentischen Körpern zu tun haben würden. Im Gegenteil bewegen wir uns in einer durch und durch künstlichen Welt, die Frauen sind stark geschminkt, gestylt, tragen Schuhe, bei denen jeder Orthopäde Weinkrämpfe bekommen müsste.
Dieses Spiel mit Unauthetizität auf der einen, Ablehnung von strengen Normierungen auf der anderen Seite betont Cécile Camart in ihrem Text zu Bosses Serie:

Die spezifische Besonderheit der Welt des Burlesque, so wie sie von zeitgenössischen amerikanischen Darstellern neu interpretiert wird und die Katharina Bosse uns vorführt, ist von Hause aus ein Paradox : das der Verfremdung, der Defokussierung, manchmal bis zur Unendlichkeit.

Das macht New Burlesque noch nicht zur explizit politischen Aktion. Das Verhältnis von New Burlesque zum Mainstream-Erotik-Entertainment lässt sich vielleicht besser mit dem von Twee-Pop zur Musikindustrie vergleichen: Twee macht Spaß, Twee steht irgendwie außerhalb der üblichen Pop-Hierarchien, Twee will aber nichts wirklich umstürzen. Und so wie es im Twee-Pop Bands wie die Puppini Sisters gibt, gibt es im New Burlesque dann eben auch Dita von Teese: den Absturz einer Subkultur in den absolut massentauglichen, vulgären und ästhetisch wie politisch vollkommen uninteressanten Mainstream. Der dann das Einfallstor bietet für die Pinneberger, die wochenends Burlesque-Clubs auf der Reeperbahn stürmen und Ärger machen, wenn zum Showende der Slip nicht fällt.

Aber Katharina Bosse fotografiert keine Dita von Teese. Katharina Bosse fotografiert Babette LaFave, Candy Whiplash und The World Famous *Bob*, US-Amerikanerinnen, in vollem Wichs, aber nicht auf der Showbühne, sondern in typisch amerikanischen Suburbs, auf Parkplätzen, in Vorgärten, in Einfamilienhäusern. Eine Bruchlinie, eine Irritation: der unauthentische Körper in der unauthentischen Idylle.

Die Abbildung zeigt Katharina Bosses Fotografie der Tänzerin Dirty Martini aus der Serie „New Burlesque“. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.

07. November 2010 · Kommentare deaktiviert für Kopf, Bauch, Brust · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , , ,

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=UtY0OBL6Tgo]

Nachdem ich im Kino von „Carlos“ gerade mal so lala überzeugt war (ist ein Film schon gut, nur weil er besser ist als der ähnlich aufgebaute „Baader-Meinhof-Komplex„?), versuchte ich, mein Bild von Regisseur Olivier Assayas halbwegs zu retten und schaute mir noch einmal „Irma Vep“ an, den Film, mit dem ich Assayas vor zwölf Jahren kennenlernte und der seither als eine Art Lieblingsfilm in meiner Erinnerung rumgeistert. „Irma Vep“ ist in Deutschland nicht auf DVD erschienen, was man über UK-Import erhält, ist die englische Version, also, die französische Originalversion mit englischen Untertiteln, ohne Extras, in einer Qualität, die irgendwie an eine auf DVD gebrannte VHS erinnert. Und die zudem das Problem hat, dass Passagen, in denen Englisch gesprochen wird, nicht untertitelt sind, also, „Englisch“, Franzosen, die Englisch sprechen. Mit vollem Mund. Unter Tranquilizern. Nicht wirklich schön, das.

Und dann packte es mich, doch, nach fünf Minuten des Nichtverstehens. Echt jetzt, „Irma Vep“ von Olivier Assayas, Frankreich 1996, Lieblingsfilm. Handlung: Regisseur René (Jean-Pierre Léaud) dreht fürs französische Fernsehen ein Remake des expressionistischen Films „Les Vampires“ (1915) und besetzt in der Hauptrolle Hongkong-Action-Star Maggie Cheung. Die Dreharbeiten verlaufen chaotisch, alle sind eifersüchtig auf Cheung, der Regisseur scheint nicht einmal in Ansätzen zu wissen, was er will, die Hauptdarstellerin versucht sich im Method Acting, es gibt eine kurze, enttäuschte Liebesgeschichte, und nach zwei Drehtagen hat René einen Nervenzusammenbruch und wird von den hochtourig gestressten Produzenten geschasst. Also: Film-in-Film-Chaos wie aus dem Klischeelehrbuich, einerseits. Andererseits: eine Liebeserklärung an ein französisches Kino, das mehr sein will als filmische Bebilderung von Paris mit Juliette Binoche und Daniel Auteuil in den Hauptrollen (ich mag Binoche, aber darum geht es hier nicht).
Assayas will etwas anderes: Er versteht französisches Kino als Teil eines Weltkinos, und als Beleg für diese These stellt er Kontexte her. Das Interessante ist, dass diese Kontexte eben nicht wie beispielsweise bei Luc Besson oder, jünger, Christophe Gans nach Hollywood weisen, sondern durch die Besetzung der Hauptrolle ins asiatische Actionkino. Weitere, vielleicht noch interessantere, Bezüge stellt der Soundtrack her. Einmal hören wir Serge Gainsbourg, klar, eine französische Ikone, aber es läuft sein Song „Bonnie & Clyde„, und da stellt Gainsbourg eben in erster Linie einen Bezug zu einem US-amerikanischen Mythos her. Und ein andermal, in einer Schlüsselszene des Films, dröhnen ohrenbetäubend Sonic Youth durch leere Hotelflure, „Tunic (Song for Karen)“, US-Dissidenten, New Yorker Noise. Das ist wichtig, geographisch.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=kjX0c5e9tRA]

An zwei Stellen wird aktuelles Mainstreamkino angesprochen: Einmal, als ein Journalist Cheung interviewt und sich selbstverliebt in die These hineinsteigert, dass das französische Kino tot sei, Intellektuellenkino, das am Geschmack des Publikums vorbei gedreht werde. Seine atemberaubende Ahnungslosigkeit vom Kino zeigt der (extrem unsympathisch gezeichnete, so etwas ärgert mich natürlich immer wieder) Journalist, indem er dem angeblich publikumsfeindlichen Intellektuellenkino große „Regisseure“ gegenüber stellt: nämlich unter anderem Schwarzenegger, haha.
Der andere Kinobezug findet in der schon oben zitierten Schlüsselszene statt: Cheung belauscht eine Frau, wie sie am Telefon mit ihrem Liebhaber streitet, anscheinend hat er sie im Hotel geparkt, sie fühlt sich abgeschoben und langweilt sich. „Ich kenne niemanden in dieser Stadt, ich habe letzte Woche jedes Kino gesehen, ich war in jedem Scheißfilm, sogar in einem Stephen-Seagal-Film, das vergesse ich dir nie!“ Und dabei ist sie nackt und schön und wütend. Stephen Seagal, Schwarzenegger, das sind die Bösen.

Die Guten aber, sagt „Irma Vep“, das ist die Kunst, die von den Rändern bei uns reinlappt, Hongkong-Kino, zum Beispiel, oder Sonic Youth. Dafür liebe ich „Irma Vep“, selbst wenn ich kaum etwas verstehe. Hach!

Also war ich Vegetarier. Beziehungsweise: Vegetarier war ich ziemlich genau einen Monat lang, angeregt durch Frau Bogdans Übersetzerinnenbegeisterung für Jonathan Safran Foer und dem in diesem Zusammenhang stehenden Erweckungserlebnis, dass Veganes durchaus lecker sein kann. Mit Einschränkungen beim Nachtisch, aber da ist die Übersetzerin auch anderer Meinung als ich, sei es drum. Also war ich Vegetarier. Ausnahme war der Moment, als mir beim Abendessen einfiel, dass ja noch Wurst im Kühlschrank ist und es keinem Tier nutzt, wenn ich die verderben lasse. Eine Ausnahme war, als T. zu Besuch kam und essen wollte, und das einzige Gericht, das die Schauspielhaus-Kantine um 15 Uhr noch vorrätig hatte, „Meatballs Toscana“ waren. Und eine weitere Ausnahme war die Woche in Katalonien, als ich um keinen Preis auf die landestypische Küche verzichten wollte.

Aber ansonsten war ich also Vegetarier, vier, gut, drei Wochen lang. Mit Unterstützung der schönen, klugen Frau, die mir die Schultern stärkte, und die ihre Unterstützung vorgestern zurückzog, nachdem ich Couscous mit Hühnchen statt mit Hühnchen mit Tofu zubereitet hatte. Heute abend habe ich Wurst gekauft, Cabanossi und Paprikasalami und kalten Braten, und es war sehr, sehr lecker. Ich bin gescheitert, aber aus dem Scheitern ziehe ich meine Kraft.

+++

Außerdem bin ich seit fünf Monaten bei WordPress, Zeit für ein kurzes Resümee. Also: Ich werde wohl bleiben. Weil WordPress eine für meine Bedürfnisse ziemlich gute Bloggingplattform ist; mir machen die Beitragsstatistiken Spaß, die Besucher sind gut im Blick, der Schutz vor Kommentarspam funktioniert ganz akzeptabel. Natürlich sperrt mich WordPress in ein enges, manchmal zu enges, Korsett, aber das ist das ewige Problem mit formatierten Strukturen, da muss ich wohl mit leben.
Womit es mir schwerer fällt, zu leben, das ist das Umfeld: WordPress zieht allem Anschein nach politisch schwierige Blogger an, das geht los mit dem sozialchauvinistischen FPÖ-Parteiblog „SOS Österreich“ (wird wie alle anderen Rechtsblogs nicht verlinkt, weil ich die Brüder nicht hierher in den Kommentarbereich locken will) über die Nazi-„Rapperin“ „DeeEx“ und rechte Verschwörungstheoretiker wie den „Honigmann“ bis hin zu klassischen Islamfeinden wie „Tangsir 2569“ und Israelfreunden wie „Heplev“. Das ist alles nicht schön, wenn ich schon beim Einloggen sehe, wie „SOS Österreich“ schon wieder als „Heute angesagtes Blog“ gelistet wird. Andererseits: Es gibt sie ja, die Freiheitlichen, die Verschwörungstheoretiker und die Islamhasser, und wo soll ich sie treffen, wenn nicht im Internet? Wo soll ich ihre Argumente hören, ihre Selbstgewissheit und ihre rhetorische Unbedarftheit, wenn nicht hier? Ich will nicht mit diesen Idioten leben, aber ich muss mit ihnen leben, hilft alles nichts.

Und ansonsten ist es hier ja auch wirklich schön.