30. Dezember 2010 · Kommentare deaktiviert für Jahresrückblick 2010 · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , ,

Jünger werden wir auf jeden Fall nicht: Schon wieder ein Jahresrückblick, angelehnt an die Blicke 2009 beziehungsweise 2008, mit leichten Modifikationen, entsprechend den Veränderungen, die die Bandschublade durchgemacht hat.

Zugenommen oder abgenommen? Abgenommen. Ein bisschen.
Haare länger oder kürzer? Gleich geblieben. So alt bin ich noch nicht, dass da schon ein deutlich sichtbarer Schwund einsetzen würde.
Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Auch nix neues. Mein Gott: Da verändert sich ja überhaupt nichts.
Mehr ausgegeben oder weniger? Im Vorjahr bin ich umgezogen, soviel wie 2009 konnte ich 2010 gar nicht ausgeben.
Der hirnrissigste Plan? Vegetarier werden zu wollen.
Die gefährlichste Unternehmung? Das wilde und gefährliche Leben ist auch noch nicht wiedergekommen.
Die teuerste Anschaffung? Der Kleiderschrank.
Das leckerste Essen? Im Königlichen Jagdhaus/Ess-Atelier Strauss in Oberstdorf, Flugentenbrust in Sesam-Honig-Kruste an Cranberry-Rotkohl und Spekulatiusknödeln.
Das beeindruckendste Buch? Lola Arias, Liebe ist ein Heckenschütze. (Hier meine kulturnews-Rezension)
Der berührendste Film? Breaking Bad. Okay, das ist kein Film, sondern eine Fernsehserie. Aber vielleicht haben Fernsehserien ja mittlerweile den Film als Kunstform abgelöst? Weil Serien sich die Zeit nehmen können, Charaktere langsam zu entwickeln, in ihrer Widersprüchlichkeit, ohne von vornherein in Gut-Böse-Schemata zu verfallen? Und weil „Breaking Bad“ es auch noch schafft, einen Helden zu etablieren, der diametral gegen den widerwärtig formatierten Werbeagentur-Mainstream der Nullerjahre angelegt ist, einen 50-jährigen Chemielehrer in der US-Provinz, mit schwangerer Frau, behindertem Sohn und Lungenkrebs? Der sich im Laufe der Serie auch noch als richtig miese Type entpuppt? Großartig. Aber okay, die Frage war nach einem berührenden Film, und ich will nicht den Eindruck erwecken, im Kino hätte es nur Schrott gegeben. Ich wähle: „Im Schatten“ von Thomas Arslan, von wegen spannend, reduziert, guter Schauspielerleistung und so. Berliner Schule halt.
Das beste Lied? Jens Friebe, „Charles de Gaulle“.
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=dGyx5ApIrfE]
Die beste Platte? Janelle Monáe, The ArchAndroid. Obwohl (oder weil) das Konzert nicht so atemberaubend war ganz großartig eklektizistischer Funkrockpopsoulhop.
Das schönste Konzert? Eine ganz kleine aber umso schönere Hütte: Klez.e in der Prinzenbar, Hamburg.
Die schönste Theatererfahrung? „Life and Times, Episode One“ als Koproduktion von Nature Theatre of Oklahoma (New York) und Wiener Burgtheater. Ich hoffe, mein Beitrag war damals deutlich genug.
Die interessanteste Ausstellung? Cosima von Bonins „The Fatigue Empire“ im Kunsthaus Bregenz. So gut, dass mir die Worte wegblieben.
Die meiste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: meinen geschätzten Bürokolleginnen.
Die schönste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: der schönen, klugen Frau.
Vorherrschendes Gefühl 2010? Angst. Erkläre ich bei Gelegenheit.
2010 zum ersten Mal getan? Oh mein Gott: Ich fürchte, ich habe rein gar nichts zum ersten Mal getan!
2010 nach langer Zeit wieder getan? Ein Fußballspiel besucht.
Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Etwas sehr Privates, von dem diejenigen, die es angeht, sicher wissen, was ich meine. Ein ökonomisches Durcheinander. Und eine Bahnfahrt im überfüllten ICE, am 23. Dezember, von Hamburg bis Frankfurt ohne Reservierung und dementsprechend ohne Sitzplatz. Gut, letzterer Punkt ist lächerlich, im Vergleich.
Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Hat mit dem Beruf zu tun.
2010 war mit einem Wort…? War da was? 2011 wird besser. Kann gar nicht anders.

Edit: Don Dahlmann blickt auch schon zurück. Anke Gröner auch.
Edit 2: Kommander Kaufmann mittlerweile auch.

Alle Dinge auf der Welt,
seien sie schlecht oder hell,
und das Ding auf dem ich fahr‘,
fährt, glaube ich, zu schnell …
Lass mich stehen, denn ich saß
die ganze Fahrt.
Es war ein langer Weg nach Hause,
aber jetzt bin ich da.

Tomte, Voran Voran (2008)

Kaum ein deutsches Unternehmen wird so angefeindet wie die Deutsche Bahn, nicht Siemens, obwohl Atomkonzern, nicht Jung von Matt, trotz Bloggerbeleidigungen, nicht die katholische Kirche, trotz des ganzen Kladderadatschs, der da dran hängt. Nein, die Bahn. Wenn man über die Bahn motzt, erntet man immer Zustimmung, damit füllt man ganze Blogs (und die sind dann nicht einmal öde zu lesen sondern durchaus unterhaltsam), man ist Mainstream, aber man braucht sich für die eigene Mainstreamhaftigkeit nicht zu schämen, weil: Man steht auf der richtigen Seite. Man hat recht. Hat man?
Die Aufgabe der Bahn ist es, einen für einen angemessenen Preis von A nach B zu befördern. Und man kann sagen, was man will: Diese Aufgabe erfüllt das Unternehmen (okay, darüber, ob die Bahn-Preispolitik angemessen ist, kann man streiten, ich persönlich finde sie zu teuer, andererseits: Wenn man sie mit Auto oder Flugzeug vergleicht …). Manchmal gibt es Ärger, zu häufig, eigentlich, andererseits finde ich die Regelung, nach der man bei über 60 Minuten Verspätung 25 Prozent des Fahrpreises erstattet bekommt und bei über 120 Minuten Verspätung 50 Prozent, durchaus in Ordnung. Klar, wenn ich wegen einer eingefrorenen Weiche einen wichtigen Termin verpasse, dann hilft mir diese Entschädigung auch nicht weiter, aber was soll die Bahn denn machen? Sie sagt einem, dass man Rechte hat, diese Rechte kann man einklagen, das ist schon ein Grad an Kundenfreundlichkeit, der durchaus mal honoriert werden kann. Oder bin ich jetzt zu unkritisch? Ach, egal, ich kritisiere ja, durchaus.

Denn eigentlich ist die Bahn ein Beispiel dafür, was in diesem System grundsätzlich falsch läuft. Ästhetisch, ökonomisch, politisch.
1. Konkurrenz. Die Bahn sieht sich in der Konkurrenz mit anderen Verkehrsmitteln. Was nicht grundsätzlich etwas Schlimmes ist, man steht ja vor der Frage, ob man jetzt mit dem Zug nach Lüneburg fahren soll oder mit dem Auto, das ist also schon von vornherein ein Konkurrenzverhältnis zwischen Zug und Auto. Nur die Bahn nimmt diese Konkurrenz nicht an: Die Bahn sieht sich als Konkurrenz zum Flugzeug. Weil man hierzulande nichts gegen den individualisierten Autoverkehr sagen darf, gehen Bahn und PKW eine Art Koexistenz ein, Autofahren ist schon in Ordnung, nur Fliegen, das sollte man sich nochmal überlegen. Dass ich als Autogegner mich von solch einer Haltung abgeschreckt fühle, nimmt man achselzuckend in Kauf.
2. Amerika. Die Bahn wirkt massiv amerikanisiert. Ein Sprachästhet wie Matthias würde sich angesichts der Anglizismen-Häufung in der Bahnsprache über „Gammelsprech“ aufregen, aber ich bin kein Sprachästhet, ich nehme die Anglizismen nur als Symptom der Tatsache, dass die Bahn radikal durchamerikanisiert ist, will sagen: radikal dem Kapitalismusdogma hörig. Inclusive eines pervertierten Servicegedankens, inclusive massiv runtergefahrener Arbeitnehmerrechte. Was bei dieser Amerikabegeisterung allerdings unter den Tisch fällt: Die USA sind nicht unbedingt als Paradies der Bahnfahrer bekannt. Die USA sind eigentlich das Mutterland des Individualverkehrs.
3. Luxus. Es gibt hier ein Werbemotiv für das Nachtzugangebot der Bahn, das eine Frau im Negligé zeigt, die gerade an ihrem Frühstückskaffee nippt. Die Schlafbrille ist in die Stirn geschoben, hinter ihr gleitet der Eiffelturm vorbei, ihr Blick ist leicht vernebelt und flirty. Alles an diesem Bild strahlt Lazyness und Paarungsbereitschaft aus. Ich könnte mich jetzt darüber aufregen, dass die Zielgruppe der Bahn anscheinend in erster Linie männlich und heterosexuell ist, aber das ist mir jetzt zu blöde. Ich will auch kein negatives Wort übers Vögeln im Schlafwagen verlieren, das ist ja sicher ganz toll, und insgeheim träumen wir doch alle davon, einmal in den City Night Line nach Interlaken-Ost zu steigen, weil uns hier ein zauberhaftes Wesen so einladend angelächelt hat, obwohl wir doch eigentlich nur nach Lüneburg wollten. Aber. Das würden wir doch wegen des zauberhaften Wesens mache und nicht, weil der City Night Line eigentlich ein fahrendes Luxushotel ist, in dem man den Champagner ans Bett geliefert bekommt. Denn wir sind ja nicht blöde. Wir wissen, eine Fahrt mit dem Nachtzug ist eine ziemliche Strapaze, die wir manchmal auf uns nehmen, weil es eben nicht anders geht. Die Bahn aber verkauft uns für blöde.
4. Urbane Provinzialität. Natürlich ist es klasse, dass die ICEs zu Stoßzeiten halbstündlich zwischen Berlin und Hamburg hin und her rasen. Finde ich, weil ich beruflich oft in Berlin bin. Nicht so gut ist das aber für den Regionalverkehr. Dort werden die Fahrpläne massiv ausgedünnt, nach Erndtebrück fahren Züge, deren Komfort gegen null geht, am Wochenende und nach 20 Uhr fahren sie gar nicht, getaktete Anschlüsse sind auch Mangelware, und wenn sie denn mal fahren, dann fahren sie höchstens nach Siegen. Klar, Erndtebrück ist nicht so cool wie Berlin, ist halt Provinz. Wobei sich die Bahn mit diesem Provinzverständnis selbst als zutiefst provinziell outet: Bei der Bahn hat man noch nicht verstanden, dass das Dorf nicht das große Andere zur Stadt ist, sondern die Rückseite der gleichen Münze.

Ach, Bahn. Ich will doch nur, dass du mich nach Berlin bringst, nach Erndtebrück und nach Ulm. Ich sehe dir auch nach, wenn nicht immer alles perfekt funktioniert, kann passieren. Wenn ich am Vorabend vor Heiligabend nicht rechtzeitig reserviere, dann stehe ich eben im Gang, ich würde nie behaupten, dass da jemand anders schuld sei außer mir selbst, versprochen. Für diesen Service bin ich bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen (vielleicht ein bisschen weniger als bisher, ließe sich da was machen? Hm?), und mehr Service brauche ich nicht. Ich wüsste auch schon, wie du deine Tickets günstiger machen könntest: Trenn‘ dich von deiner Werbeagentur, die tut dir nicht gut. Verzichte auf wichtigtuerische Großprojekte wie Stuttgart 21. Mach‘ einfach deinen Job. Danke.

Ich bin ein Freund der Political Correctness. Ich kann mich nicht besonders für das Minderheiten-Quartett begeistern, das der Spiegelfechter als Weihnachtsgeschenk bejubelt. Ich habe auch schon mit Matthias (und, einmal, mit German Psycho) manch einen Strauß ausgefochten. Ich kenne, nein: Ich verstehe die Argumente, die kluge Leute gegen Political Correctness vorbringen, Denkverbote, Spießertum, Formierung der Sprache, alles richtig. Allein, ich teile sie nicht. Ich will einfach nicht von „Negern“ sprechen, nachdem ich weiß, dass der Begriff diskriminierend gebraucht (oder zumindest empfunden) wird, ich will einfach nicht von „Gutmenschen“ sprechen, nachdem ich weiß, dass der Begriff in erster Linie in rechtsextremen Zusammenhängen eingesetzt wird, um all diejenigen zu diskreditieren, die nicht rechts sind. Tut mir leid, das liegt vielleicht an meinem Beruf, dass ich sprachliche Wendungen erstmal abklopfe, bevor ich sie verwende: Steht da vielleicht etwas zwischen den Zeilen, steht da vielleicht etwas, das nicht direkt ausgesprochen wird? Call me politically correct, call me linker Spießer, die Diskussion langweilt mich mittlerweile ein wenig.
Die spannende Frage ist ja auch nicht, ob man Politische Korrektheit als Religion vor sich hertragen sollte. Auf Metalust wird dem Spiegelfechter „neurechtes Agitieren“ vorgeworfen, wegen eines bei Licht betrachtet eher pubertären „Boah, ich trau‘ mich was!“-Artikelchens, na gut. So denke ich nicht. Nie würde ich jemandem vorwerfen, Regeln der politischen Korrektheit zu missachten, wer möchte – bitte. Nur gut finden muss ich das nicht. Politische Korrektheit, das ist für mich eher so eine Art Leitfaden, ein paar Kriterien, auf die ich mein eigenes Verhalten abklopfe: Mache ich gerade noch alles so, dass ich weiterhin in den Spiegel schauen kann? Ich brauche übrigens nicht zu erwähnen, dass ich diese Frage keinesfalls immer mit „Ja“ beantworte – und dennoch nichts an meinem Verhalten ändere. Inkonsequenz, sei mein Freund.

Eigentlich wollte ich ja etwas ganz anderes erzählen. Eigentlich wollte ich die Ausstellung „Freedom of speech“ erwähnen, die noch bis Ende März im Hamburger Kunstverein zu sehen ist. „Freedom of speech“ geht als politische Kunstausstellung dahin, wo es richtig weh tut, stellt die Frage: Was darf Kunst? (Alles! sagt mein linksliberal geschultes Bewusstsein, voller Verachtung für jede Art von Zensur.) Aber ist dann eine Arbeit wie Olaf Metzels „Turkish Delight“ (2006, der Schnappschuss stammt von der Vernissage) tatsächlich nötig? Was bringt es der politischen Diskussion, eine nackte Muslima zu zeigen? Verhärtet das nicht, im Gegenteil, alle Fronten? (Tatsächlich macht es das: Die Skulptur stand zunächst vor der Wiener Kunsthalle und wurde nach Protesten und Vandalismus entfernt.) Und schon ist man ganz weit weg von jeglicher Kunstfreiheit, schon denkt man: Vielleicht ist Zensur gar nicht das allerschlechteste?
Der Kunstverein stellt diese Frage auch, er verpackt sie nur anders. Er fragt: „Was, wenn nur der sprechen dürfte, der die Wahrheit sagt?“ Schon denkt man, dass das durchaus besser wäre, Thilo Sarrazin etwa könnte gleich einpacken, wenn man ihm nachgewiesen hätte, dass seiner biologistischen Argumentation Hand wie Fuß fehlt. Aber: Wer entscheidet eigentlich, was die Wahrheit ist? Bei Sarrazin wäre das nicht schwer, eigentlich muss man nur zwei und zwei zusammenzählen, um zu merken, was für einen Blödsinn der Ex-Bundesbanker zusammenschwafelt, aber was ist mit Fällen, bei denen es nicht so eindeutig ist? Zum Beispiel bei Kunst, der Paradedisziplin des Uneindeutigen?
Was toll ist an „Freedom of speech“: dass die Ausstellung selbst uneindeutig bleibt. Sie zeigt die vor vier Jahren viel diskutierten Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Tageszeitung Jyllands Posten und provoziert damit einen billigen „Das muss man doch noch sagen dürfen!“-Ausruf. Dem stellt sie die Bild-Kampagne für Thilo Sarrazin „Wir wollen keine Sprechverbote“ gegenüber. Und kontrastiert das mit der Bild-Schlagzeile vom 15. Dezember: „Stephanie zu Guttenberg: Wir finden die gutt! Nörgler, Neider, Niederschreiber: Einfach mal die Klappe halten!“

„Freedom of speech“ macht es einem nicht leicht. Und weil man merkt, dass es hier nicht einfach zugeht, weil man hier keine klaren Antworten bekommt, wird einem auch deutlich, wie schal die eigene politische Korrektheit ist. Die nämlich läuft immer Gefahr, Redefreiheit in erster Linie für linke Positionen zu gewähren, während man rechts ganz gerne mal ein wenig Zensur üben würde. Allerdings behauptet die Ausstellung auch nicht, dass eine bloße Erweiterung der Redefreiheit alle Probleme lösen würde. Wäre alles gut, wenn links wie rechts ihre Argumente in den Raum blöken könnten?
Ein Blick auf die Mohammed-Karikaturen lässt einen Zweifeln.

Abbildung: Olaf Metzel, Turkish Delight (2006), Copyright Sammlung Hamburger Kunsthalle, Foto: Falk Schreiber

P.S. Die Bandschublade verabschiedet sich in die Weinachtsferien. Ich lasse die Kommentare offen, werde aber unter Umständen ein wenig brauchen, bis ich sie freischalte – nicht beleidigt sein.

Wenn ich einen Künstler interviewe, dann hat das in der Regel keinen Einfluss darauf, wie ich seine Kunst finde. Manchmal verstehe ich nach dem Interview ein bisschen mehr, das schon, aber eine grundsätzliche Einstellungsänderung, nein. Sven Regener benahm sich im Gespräch unmöglich, arrogant und desinteressiert, aber das ändert nichts daran, dass Regener erstens ein toller Schriftsteller ist und zweitens mit seiner Band Element of Crime ganz tolle Musik macht. Bei Friedrich Schirmer hatte ich im Interview den Eindruck einen sehr klugen, theaterbegeisterten und wachen Menschen vor dem Mikro sitzen zu haben, aber das änderte nichts daran, dass mich Schirmers Intendanz am Hamburger Schauspielhaus über weite Strecken kalt ließ.
Mit Angela Richter war das anders. Ich habe Richter zweimal interviewt, ein erstes Mal, weil sie ein Theater in Hamburg gegründet hatte, wir sprachen über die Grenzgänge zwischen freier Szene, festem Hafen und Stadttheater. Ein paar Jahre später traf ich sie noch einmal, es ging wieder um Grenzgänge, diesmal aber zwischen Theater, Bildender Kunst, Party und Musik. Und während wir dieses zweite Gespräch führten, wurde mir plötzlich klar, dass diese Theatermacherin mit absolut offenem Visier ins Interview ging, mehr noch: wie sie eine Ästhetik des offenen Visiers entwickelte, es gehörte zu ihrem Konzept, sich dem Gespräch mit einem Journalisten auszuliefern. (Ein Prinzip, das allerdings auch umgekehrt funktionierte: 2006 interviewte ich Richters Mann, den Maler Daniel Richter, und fand kurz darauf ganze Passagen des Gesprächs in Angela Richters Theaterstück „Verschwör dich gegen dich“ wieder.)
Auf jeden Fall war ich durch die beiden Interviews in die Gedankenwelt der Angela Richter eingedrungen: Diese Gedankenwelt hatte etwas damit zu tun, dass sich da jemand als verletzlich ausstellte, als angreifbar, als fehlerhaft. Und damit, dass jemand aus dieser Verletzlichkeit eine eigene ästhetische Qualität zog. Bis dahin hatten ihre Theaterstücke für mich einen eher spröden Charme, zwischen Installation und Literaturtheater, zwischen freier Szene und Stadttheater. Und plötzlich kapierte ich: Das ist überhaupt nicht spröde, darum geht es hier überhaupt nicht. Da öffnet sich jemand schonungslos. Und da reflektiert jemand dieses Öffnen eben auch, die naive Nabelschau war nie Richters Thema, eher ein mehrmaliges Um-die-Ecke-Denken, wer bin ich, in welcher Position bin ich, und wo führt mich diese Position hin? Soviel vorneweg: Ich mag Angela Richter.

Im Sommer inszenierte Richter bei den Salzburger Festspielen Jon Fosses „Tod in Theben“. Die Aufführung war, so hört man, ein Desaster: Richter war mit der Premiere unzufrieden und stellte die Inszenierung zur zweiten Vorstellung radikal um, was allerdings im traditionsverliebten Salzburg einer Todsünde gleichkam, die Kritiken waren verheerend. Weswegen im koproduzierenden Hamburger Kulturzentrum Kampnagel nun nicht „Tod in Theben“ zu sehen war, sondern „Der Ödipus Antigone Komplex“, genauer: eine Aufarbeitung der traumatischen Salzburg-Erfahrung. Was bedeutet, dass gleich zu Beginn die Schauspielerin Melanie Kretschmann an die Rampe tritt, sich als „Regisseurin Angela Richter“ vorstellt und erstmal erzählt, wie das so war, an der Salzach. Dann werden einzelne Passagen aus „Tod in Theben“ als eine Art Leseprobe präsentiert, kurz wird auch geschauspielert (allerdings im Dunkeln), eine Kritik zur Salzburger Aufführung wird verlesen. Das ist ganz großartig, das geht einem ziemlich nahe (so nahe, dass das Paar in der S-Bahn hinter mir gar nicht verstanden hat, dass hier eine Schauspielerin sprach und nicht etwa die wirkliche Angela Richter), das ist aber auch extrem auf sich selbst bezogen.
Was es aber, verdammt noch mal!, auch sein darf! Warum denn nicht, Selbstbezug galore! „Der Ödipus Antigone Komplex“ beschäftigt sich mit einer Arbeit, die an einem bestimmten Punkt aus dem Ruder gelaufen ist, die Inszenierung umkreist diesen Punkt, holt Persönliches ganz nahe an der Zuschauer ran, und kurz bevor man denkt, dass einem das vielleicht zu intim wird, haut sie einen Verfremdungseffekt rein, bitteschön! So funktioniert Theater doch!

Und natürlich versteht man, dass es Leute gibt, die das nicht mögen, die das eitel finden und selbstbezüglich und zu intellektuell, was auch immer. Dürfen sie, auf eine bestimmte Weise haben sie recht. Aber: Warum akzeptiert man im Bereich Bildende Kunst eigentlich bereitwillig, dass es Abstraktion gibt und konzeptionelle Kunst und Realismus, und dass nicht jeder sich jeden Schuh anziehen muss, während im Theater jeder Schritt weg vom eigenen Inszenierungsideal gleich ein Weltuntergang ist?

17. Dezember 2010 · Kommentare deaktiviert für In eigener Sache · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte · Tags: , ,

… möchte ich auf die schöne, kluge und sympathische Katrin Bpunkt verweisen, die jeden Monat tolle Fotos im uMag veröffentlicht, nicht zuletzt in der Serie „Im Bett mit …“. Und die mir außerdem gestattet, das hübsche Foto links einzusetzen, Merci.

Nein, Janelle Monáe, es liegt nicht an dir. Es liegt an mir, an meiner schlechten Laune, man. soll. einfach. nicht. zerstritten. auf. ein. konzert. gehen. Es liegt am Publikum, Hamburg halt, O-Ton C.: „So ein Musikliebhaber-Publikum, das immer noch Michael Jackson und den Jackson 5 hinterhertrauert“ (sic) (das allerdings in Bezug auf das Berliner Konzert am Vortag, Deutschland halt). Es liegt daran, dass es Getränke nur in diesen ekligen Plastikbechern gab. Es liegt daran, dass man kaum etwas sah (O-Ton K.: „Das ist immer das Problem mit HipHop-, Soul- und Funk-Konzerten, ach, grundsätzlich mit Konzerten, die ein Publikum mit Migrationshintergrund anziehen: Big Hair!“). Es liegt am Sound, der über eine halbe Stunde breiig durch die Halle suppte, ein Indie-Laden wie das uebel & gefährlich gerät eben an seine Grenzen, angesichts deines eklektizistischen Souls, nein?
Es liegt nicht daran, dass sich niemand Mühe gegeben hätte, aber: Wenn da Leute auf der Bühne längere Zeit eskalieren, und im Publikum eskaliert rein gar nichts, dann wirkt das ein wenig, hm, bemüht. Wie ein vorgespielter Orgasmus. Es liegt nicht an der Band, dass die Gitarre ein Rocktier bedient, das tut, als sei es Eddie van Halen in den frühen Achtzigern, wusste ich ja schon vorher. Wahrscheinlich liegt es wirklich: an mir. Dass mir so unglaublich langweilig war, während des Konzerts.

Ganz sicher aber liegt es nicht an der Musik. Songs wie „Tightrope“, „Sincerely, Jane“, „Cold War“, „Come alive (War of the roses)“ sind einfach zu toll, als dass ein missglückter Abend sie kaputt machen könnte. Und mal ehrlich: Macht ein einziger, irgendwie nicht so toller Sex denn eine Beziehung kaputt?

Eben.

12. Dezember 2010 · Kommentare deaktiviert für Flogging a dead horse · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , ,

In der Schule waren das immer die Fiesesten: die gegenüber den Beliebten buckelten und gleichzeitig diejenigen traten, die ohnehin keine Freunde hatten. Kaum noch Freunde hat heute: Myspace. Myspace ist prollig, unübersichtlich, verspammt, grundsätzlich langweilig und außerdem von Murdoch. Beliebt hingegen ist Facebook. Jeder ist auf Facebook, Facebook macht Spaß, ist Telefon und SMS und E-Mail gleichzeitig, auf Facebook treffe ich Freunde, mache Statusmeldungen, chatte und spiele. (Und dass Facebooks Mark Zuckerberg vielleicht gar keine sympathischere Figur ist als Rupert Murdoch, verdränge ich erfolgreich.) Niemand mag Myspace, also, niemand von den Leuten, die ich mag. Und deswegen habe ich jetzt, endlich, meinen Account gelöscht und bin nur noch auf Facebook aktiv (und manchmal auf dem komischen Xing). Tschüss, Myspace.

Aber ganz kurz möchte ich noch daran erinnern, dass Myspace auch einmal ganz cool war, das nächste dicke Ding, ein Ort, an dem man spannende Entdeckungen machen konnte. Die Chicks on Speed erzählen davon, in „Myspace“ (2007).

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=66foqSTY1wU]

Ich bin in meinem Leben schon ein paarmal umgezogen. Nichts weltbewegendes, kein Ausland, kein St. Moritz, keine einsame Nordseeinsel oder so, aber häufig genug, um halbwegs einschätzen zu können, wo ich mich wohlfühle. Ich fühle mich wohl: im Ruhrgebiet. Und in Berlin. Das ist jetzt nichts Besonderes, aber man kann einen Schluss daraus ziehen: Ich scheine mich vor allem in Städten wohlzufühlen, die eher proletarisch geprägt sind, Städten, die nicht unbedingt von ihrem funktionierenden Bürgertum leben. (Dass ich selbst rein gar nichts Proletarisches an mir habe, dass ich mit meiner Ausbildung, meinem Beruf und meinen Interessen viel besser in die bürgerliche Schublade passe – geschenkt.)
Mit Hamburg tat ich mich entsprechend ziemlich lange schwer. Hamburg, das ist eben extrem wohlhabend, extrem teuer, extrem elitär, Hamburg, das ist eigentlich genau das Gegenteil von den Städten, in denen ich mich zu Hause fühle. Natürlich, Hamburg ist unglaublich schön, Hamburg hat den Hafen, hat den Fluss, hat eine weite Wasserfläche mitten in der Innenstadt, das ist ein Freizeitwert, den man nicht missen möchte. Bloß vertraut Hamburg eben auch blind auf diese Qualitäten, Hafenelbealster, eine Stadt, die sowas hat, die braucht nicht mehr, um lebenswert zu sein, oder? Aber eine Stadt braucht mehr, sie braucht bezahlbaren Wohnraum, sie braucht soziale Reibeflächen, sie braucht Freiräume, sie braucht Kunst und Kultur, und sie braucht Künstler. Dass Hamburg das alles hat, das kapierte ich erst verhältnismäßig spät: Es gibt in dieser Stadt subversive Reste, eine hochintellektualisierte Politszene aus den Überbleibseln der Hafenstraße etwa, oder eine Ausgeh- und Clubszene, die ernsthafte Anliegen ironisch verpacken konnte, den Pudel am Fischmarkt, die Mutter in der Stresemannstraße, die Weltbühne und die Tanzhalle.
Aus. Weltbühne und Tanzhalle haben längst zugemacht, die Mutter wird von Touristen überschwemmt, die Politkunstszene wohnt weitgehend in Berlin. Es ist unfair, so etwas an Personen festzumachen, aber als Angela Richter vor einem halben Jahr ebenfalls in die Hauptstadt gezogen ist und ihr Minitheater Fleetstreet daraufhin (zumindest in der bekannten Form) schließen musste, war mir klar, dass hier etwas kaputt ging.

Als ich vor zwölf Jahren nach Berlin zog, war ich unglaublich geflasht, wie sich die Szenen hier mischten. In Berlin hingen Punks, Schwule, Künstler, Linksradikale, Türken und Hedonisten zusammen, und irgendwie entstand aus diesem Gebräu etwas Spannendes. Nun gut, diese Mischung der Szenen passierte eigentlich nicht in Berlin, sie passierte in Kreuzberg, nein, sie passierte eigentlich ausschließlich im engeren Umfeld ums SO 36. Und tatsächlich gibt es solch einen eng umrissenen Bereich in Hamburg auch, er beginnt auf Höhe der Landenungsbrücken an der Elbe und zieht sich ungefähr vier Kilometer in Richtung Norden, nahezu rechteckig, durch St. Pauli, die Reeperbahn, ins Schanzenviertel, bis ungefähr auf Höhe der Roten Flora. Eine Fläche von rund acht Quadratkilometern, die zudem unter heftigstem Gentrifizierungsdruck steht. Dieser Gentrifizierungsdruck besteht ums SO 36 natürlich auch, Berlin ist wohl nicht besser als Hamburg, und das Berlin, das ich vor zwölf Jahren kennen und lieben gelernt habe, gibt es längst nicht mehr, klar. Ich bin ja nicht naiv.

Der Unterschied ist: Hamburg hat es nicht nötig, mir zu sagen, ja, es ist hier nicht alles okay, aber wir schätzen dich mit deiner Sehnsucht nach Freiräumen dennoch, und wir wollen dich nicht verlieren. Hamburg sagt: Freiräume brauchen wir nicht, wollen wir nicht, und Leute, die danach Sehnsucht haben, die sollen doch nach Berlin gehen, denen weinen wir keine Träne hinterher. Tim Hillenbrand hat das in seinem bösen, heftige Wellen schlagenden Abschiedsbrief „Hamburg, keine Perle“ vor einem Monat sehr schön formuliert:

(…) Andere Städte geben sich richtig Mühe, es ihren Bürgern nett zu machen. Sie sorgen zum Beispiel dafür, dass man mit dem Fahrrad fahren kann, ohne täglich den Unfalltod zu riskieren. Du nicht. Ich habe gehört, dass Du kommendes Jahr “Green Capital Of The World” wirst. Ist das ein Witz? Mit wem musstest Du dafür ins Bett gehen? Genausogut könnte man Berlin zur “Freundlichsten Metropole der Welt” küren.
Noch ein Beispiel gefällig? Du arbeitest seit längerem daran, zur kinderfeindlichsten Stadt Deutschlands zu werden. Deine Kitaplätze, ohnehin zu dünn gesäht, kosten jetzt über 500 Euro. Du hast das Essensgeld in Kindergärten und Schulen auf einen Schlag um 60 Prozent erhöht. (…)
Das einzige, was Du dauerhaft erreicht hast, ist, Deine Bürger zu vergrätzen. Deine Leute! Die Dich immer verteidigt haben. Die immer eine Niederschlagsstatistik zur Hand hatten, wenn die Münchner Dich wegen Deines Wetters verspotteten. Die immer eine Liste namhafter Künstler herunterrattern konnten, wenn mal wieder ein Berliner behauptete. “Hamburg? Da ist doch nichts.”
Für die müsstest Du mal Standortmarketing machen. Mit bezahlbaren Wohnungen. Mit Angeboten für Familien. Ist Dir eigentlich bewusst, dass ein Krippenplatz in Hamburg fast dreieinhalb mal so viel kostet wie in München?

Ja, Hillenbrand ist unfair, und Hillebrand ist auch ein bisschen doof (weil er nämlich ausgrechnet nach München zieht, die Stadt, die nun wirklich rein gar nichts von dem hat, was er in Hamburg berechtigterweise vermisst). Aber er hat recht. Hamburg, das ist eben nicht nur die tolle Elbe, das ist auch eine Stadt, die eine Verkehrspolitik macht, die jedes Verkehrsmittel, das nicht PKW heißt, erstmal zweitrangig behandelt. Hamburg ist eine Stadt, in der jeder hilflose Ansatz, Ungerechtigkeiten zumindest ein klein wenig abzumildern, sofort niedergebügelt wird, ob das jetzt der Versuch eines Schulsystems ist, dass minimal durchlässiger wird oder eine bessere Anbindung eines Problemstadtteils an den ÖPNV – sofort bilden sich Bürgerinitiativen dagegen. Hamburg ist eine Stadt, in der Pfründe aggressivst verteidigt werden. Vielleicht lese ich zuviel die Leserbriefspalten der einzig echten Lokalzeitung, aber ich habe immer mehr den Eindruck: Diese Stadt ist bevölkert von Leuten, die eine wahnsinnige Angst haben vor Freiräumen, vor Vermischung der Szenen, vor Subversion. Diese Stadt ist viel mehr Wandsbek und viel weniger St. Pauli. (Das ist nicht so weit hergeholt: Bei der regierenden CDU etwa geht rein gar nichts ohne Rücksprache mit dem mächtigen Ortsverband Wandsbek.)

Und dann stehe ich eben doch wieder an der Elbe und bin gepackt. Diese Stadt weiß nämlich, wie sie mich kriegt: mit ihrem Fluss. Dann gehe ich ins uebel & gefährlich und glaube, im besten Club der Welt zu stehen, dann gehe ich ins Thalia und bin überzeugt, dass nirgendwo in Deutschland besseres Theater gemacht wird, dann gehe ich am Gängeviertel vorbei und glaube, dass die subversive Kunstszene doch noch nicht vollkommen nach Berlin abgewandert ist.
Und dann habe ich doch noch meinen Frieden mit Hamburg gemacht, für kurze Zeit.

Edit: Ein halbes Jahr später äußert sich Hillenbrand noch einmal selbst zu seinem Text – in einem leider etwas nichtssagenden Video.

Vor ziemlich genau einem Jahr war ich bei den Pet Shop Boys, älteren, schwulen Briten mit Hang zur Operette und zumindest in Deutschland einer Tendez zum hausfrauigen Publikum. War klasse. Und bei Elton John könnte es vielleicht entsprechend ganz ähnlich werden.

Elton John erlebt ja gerade so eine Art verspätete, zweite Anerkennung. Plötzlich wird festgestellt, nö, das ist ja nicht nur ein Clown mit großer Brille, der Schnulzen wie „Nikita“ singt, die Musik für das unsägliche Disney-Musical „Der König der Löwen“ schreibt und seinen Platz in der Musikgeschichte vor allem der Tatsache verdankt, dass er ein altes Lied nach dem Tod einer Prinzessin geschäftstüchtig schnell auf diese umdichtete. Nein, Elton John, das ist doch großartige Musik! Das sind tolle Texte (die nicht von John sondern von Bernie Taupin stammen, aber immerhin), und das sind auch tolle Kompositionenen! Ja, die Songs sind gut, bisschen 08/15-Harmonien, aber immer, wenn es zu konventionell wird, dann haut John einen schrägen Ton rein, einen Rhythmuswechsel oder eine Verschiebung in der Tonart. Das ist schon ziemlich raffiniert, raffinierter jedenfalls als man beim ersten Hören denken würde.
Außerdem ist John ein guter Pianist. Das hört man ja bei diesen entsetzlich überproduzierten 80er-Hits nicht raus, heute spielt John allerdings solo, gerade mal unterstützt von dem Perkussionisten Ray Cooper (und einigen billigen Synthiestreichern, über die wir hier den Mantel des Schweigens breiten). Das heißt: Es gibt keine Gitarristen, die Rücken an Rücken Riffs runterbrettern, es gibt keine Backgourndsängerinnen, es gibt keine Saxofonsoli. Und dann hört man: Songs wie „I guess that’s why they call it the blues“, „Rocket man“ oder „Ballad of the boy in the red shoes“ sind einfach groß, ohne Einschränkungen.

Doch, eine Einschränkung. Nämlich die: Elton John. Er macht zuviel, immer. Wenn er eine leise Passage spielt, fängt er nach ein paar Takten an, die Töne zu verzieren, ein Schnörkel hier, ein Hüpfer da. Wenn es härter zugeht, dann haut er in die Tasten, als ob er sein Klavier zerhacken wollte. Und leider singt er auch so. Nach einer Kehlkopfoperation falsettiert er nicht mehr, nein, das sind keine Schnulzen, das nicht. Dafür hat ihm irgendjemand gesagt, dass er eine Bluesstimme hätte, und deswegen singt er jetzt den Blues, ganz tief von innen heraus, brünftig und schwer auszuhalten. Und dazu setzt Cooper nicht etwa einzelne Akzente, bewahre: Er schüttelt erst ein wenig das Tamburin, dann springt er zum Xylophon, spielt ein paar Takte Marschrhythmen auf der Snare und schlägt zum Finale einen Gong. Er nutzt das breite perkussive Instrumentarium aus, und zwar bei jedem Song. Und dann fiedeln die Synthies aus der Konserve, die hätten wir ja fast vergessen.

Eine Dramaturgie gibt es nicht, fast drei Stunden lang zieht sich dieses Konzert, zu laut, zu nuancenlos. John freut sich, geht an den Bühnenrand und signiert Eintrittskarten, minutenlang. John erinnert sich: wie er 1964 erstmals auf der Reeperbahn gespielt hat. John macht eine wütende Ansage zum „Boy in the red shoes“, in der er an den Welt-Aids-Tag vor einer Woche erinnert, von HIV in den frühen Achtzigern erzählt und schließlich die damalige US-Regierung unter Ronald Reagan anklagt, nichts aber auch rein gar nichts gegen die Epidemie unternommen zu haben. Das ist ehrlich und klug und schön.
Und dann rattert de Hitmaschine weiter, dann haut John in die Tasten, und Cooper haut auf die Pauke. Blues, das ist das Entsetzen darüber, wie schlimm etwas ist, nachdem man erkannt hat, wie schön es eigentlich sein könnte.

3:0

Ich kann A. nur wenig abschlagen, zurzeit aus Gründen praktisch gar nichts. Außerdem: Wenn A. einen Vorschlag macht, dann ist der auch meistens gut, es gibt also auch gar keinen Grund, etwas abzuschlagen. Und wenn A. den Vorschlag macht, dass ich sie in Dortmund besuchen könnte, dann ist das ein guter Vorschlag, selbst wenn das heißt, dass wir dort gemeinsam das Fußballspiel Borussia Dortmund gegen Karpaty Lwiw anschauen.

Ich bin als Stadionbesucher der Typ, den die echten Fans von Herzen hassen: freundlich desinteressiert am Spiel, überheblich, fachlich vollkommen inkompetent. Der Typ, der zur Weltmeisterschaft mal ein paar Spiele anschaut. Der Typ, der nach 20 Minuten fragt, wer den jetzt eigentlich wer sei. Der Typ, der Spieler danach beurteilt, wie eloquent sie in einer Talkshow aufgetreten sind, bei der er neulich mal für eine Viertelstunde reingezappt hat. Der Typ, der nicht kapiert, dass Fußball nicht nur eine leidlich spannende Nachmittagsunterhaltung ist, sondern eine Lebenshaltung, der Grundstock einer Kultur.
Andererseits macht es mir diese Kultur eben auch nicht wirklich leicht. Zunächst: Ich finde Fußball einfach nicht besonders spannend, also, die Spielpraxis. Für mich hat es nichts Nervenzerrendes, wenn 22 Männer einem Ball hinterherrennen. Außerdem stößt mich das Umfeld ab, die zur Schau gestellte Maskulinität, der Chauvinismus, der Bierdunst, der kleinste gemeinsame Nenner im Musikgeschmack, der Kommerz. Ich finde es nicht schön, wenn „schwul“ als immer funktionierende Charakterisierung von allem Schlechten gebraucht wird, mir gefällt es nicht, wenn die Solidarität mit dem eigenen Verein immer auch eine Abwertung des Gegenübers beinhaltet. Erzählt mir nix von wegen, dass das Folklore sei und ironisch, am Dortmunder Hauptbahnhof wollte mir ein Fliegender Händler T-Shirts verkaufen mit dem Aufdruck „FC Schalke – die größte Scheiße der Liga“, 1998 grölten Fans von Fortuna Düsseldorf beim Drittliga-Spiel gegen Jena „Wir haben Arbeit – und ihr nicht!“ Call me humorlos – mein Ironieverständnis stößt da an seine Grenzen.
Auf der anderen Seite dann eben: die echte Begeisterung, die einen im Stadion erfasst. Eine Woge, die einen trägt, plötzlich singt man selbst mit, plötzlich umarmt man den Fremden neben einem, ein Tor ist gefallen, oder ein Tor hätte fallen können. Nicht zuletzt: echte Ironie. Einmal war ich bei einem Spiel von St. Pauli gegen die Amateurmannschaft des BVB, St. Pauli war gerade in die dritte Liga abgestiegen und kickte, das merkte sogar ich, grottenschlecht. Und nach dem zweiten Gegentor begannen die St.-Pauli-Fans zu singen: „Nie mehr zweite Liga!“ Fand ich lustig, wie hier ein Mutmachsong für Aufsteiger selbstironisch umgedeutet wurde zu einem Spottlied, wir haben keine Chance, also haben wir wenigstens ein bisschen Spaß.

Dortmund gegen Lviv also, UEFA-Cup, ich habe keine Ahnung, was das überhaupt für ein Wettbewerb ist. Langweilig. Dortmund musste gewinnen, gleichzeitig musste in einem parallel laufenden Spiel Paris-St.-Germain gegen Sevilla gewinnen, ansonsten wäre der BVB aus dem Wettbewerb ausgeschieden. Schon nach ein paar Minuten war klar: Dortmund zieht das durch. Ein, zwei, drei Tore fürs Ruhrgebiet, verhaltener Jubel, von den 80000 Plätzen im Signal-Iduna-Park (den die Fans immer noch „Westfalenstadion“ nennen, auch das sympathisch) sind gerade mal gut 40000 besetzt, es ist saukalt, es ist auch irgendwie nicht besonders aufregend, wie das hier weiter geht. Wir frieren, wir tanzen, auf den Rängen wird gesungen. Sie singen: „Olé BVB!“ Sie singen „Oh-ho Bohorussia!“ zur Melodie von „Go West!“, lustig, wie die stockheterosexuellen Fußballfans solch einen stockschwulen Song für sich adaptieren. Sie singen irgendwas zur Melodie von „Guantanemera„, bei Minus sieben Grad. Was, um Himmels Willen, singen sie denn da eigentlich? Sie singen: „Fußbodenheizung! Wir wolln ’ne Fußbodenheizung!“

Ich mag sie schon sehr.