Zuletzt sah ich splitternackte Schauspieler im Hamburger Schauspielhaus, Samuel Weiss in „König Lear“, und am Thalia, Jörg Pohl in „Hamlet“. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen. Erstens: Nackte Schauspieler kommen durchaus vor, im Theater. Und zweitens: Sie kommen längst nicht so häufig vor, wie empörte Bildungsbürger einen glauben lassen. (Drittens: Sie kommen in erster Linie in Shakespeare-Inszenierungen vor, nein, Blödsinn.)

Die Theaterwissenschaftlerin Ulrike Traub hat an der Uni Bochum eine Doktorarbeit geschrieben, „Theater der Nacktheit“. Diese Arbeit erfuhr eine öffentliche Ressonanz, wie sie wissenschaftlichen Dissertationen in der Regel nicht gewährt wird, selbst die theaterwissenschaftliche Fachpublikation Bild veröffentlichte eine Rezension, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll. Interessanter sind die Kritiken aus der Welt (in weiten Teilen von der dpa) und von Tobias Becker aus dem Spiegel. Während Welt und Schwesterblatt Bild (und auch die Pressestelle der Uni Bochum) das Thema entrüstet mit den Fragen „Warum müssen Shakespeares Hexen nackt sein?“ beziehungsweise mit „Warum muss Theater so oft nackt sein?“ angehen, haut der Spiegel die großartige Überschrift „Die Blut- und Hoden-Ideologie“ raus. Inhaltlich bewegen sich aber alle auf der gleichen Ebene, und die sagt: Es existiert ein Mainstream, der verlangt, dass auf der Bühne Nackte zu stehen haben, und wer sich gegen diesen Mainsteam wendet, der braucht ein dickes Fell. Dass es Inszenierungen gibt, in denen (mit gutem Grund) nackt gespielt wird, und dass es (wahrscheinlich mehr) Inszenierungen gibt, in denen nicht nackt gespielt wird, unterschlägt diese Argumentation. (Ebenso wie die Erkenntnis, dass es natürlich auch unvorstellbar viele Inszenierungen gibt, in denen Nackte ohne guten Grund auftreten, sondern nur, weil der Regie irgendwie nichts anderes eingefallen ist. Aber so prosaisch ist man nicht, wenn man den Untergang des Abendlandes an die Wand malt, ach.)
Fröhlich pickt man sich ein paar Zitate raus, die die Annahme der Zwangsnacktheit bestätigen. So zitiert die Welt die Thalia-Schauspielerin Lisa Hagmeister: „Als Gretchen im Urfaust am Hamburger Thalia-Theater musste sie 2009 ‚wild vögeln‘. Erotisch fand sie das nicht, eher technisch, erzählt die junge Schauspielerin.“ Ach was, sie fand es nicht erotisch, was für eine Überraschung! Aer die bösen Regisseure (in diesem Fall Andreas Kriegenburg) verlangen es eben, was soll man machen? Dass der „Urfaust“ unter anderem davon handelt, wie eine junge Frau ungewollt schwanger wird, und dass man eben häufig nackt ist, wenn einem so etwas passiert, die Nacktheit in besagter Szene also durchaus inhaltlich begründet ist, interessiert in dieser Argumentation natürlich nicht. (Dass das Problem des Sex auf der Bühne ein ganz anderes ist, dass nämlich Sex schwer dargestellt werden kann und Nicht-Profis bei der Alternative echter Vollzug häufig Probleme haben, könnte man zwar tatsächlich erwähnen, führt die Kollegen von der Welt aber wohl zu weit.) Und der Spiegel ist nicht besser, wo er behauptet, „dass sich oft junge Schauspieler ausziehen müssen, dass diese jungen Schauspieler oft durchtrainiert und zurechtgehungert und intimrasiert sind, weil sie wissen, dass sie sich früher oder später ausziehen müssen – und begaffen lassen“. Wer so etwas behauptet, der hat noch nie gesehen, wie sich Bruno Cathomas ausgezogen hat, Cathomas, der wohl der Schauspieler ist, dessen körperliche Eigenarten ich mittlerweile in- und auswendig kenne. Und so toll Cathomas als Schauspieler auch ist – zurechtgehungert kann man ihn nicht nennen.
Überhaupt führt die Debatte um die inhaltliche Begründung von Nacktheit auf der Bühne in die ganz falsche Richtung. Inhaltlich diskutieren lässt sich alles, Gründe für einen nackten Schauspieler findet man ebenso leicht wie Gründe dagegen, dass sich da jetzt schon wieder jemand auszieht. Dass die Rezensionen zu Traub aber ausschließlich auf dieser inhaltlichen Ebene argumentieren, ist schlicht verwerflich. Weil sie nämlich gar nicht einrechnen, dass es noch einen ganz anderen Grund für die Regie gibt, einen Schauspieler nackt auf die Bühne zu schicken: Der Schauspieler spielt anders, sobald er nackt ist. Seine Professionalität wird erschüttert, Momente von Scham, Unsicherheit, Unkontrolliertheit brechen sich Bahn. Nacktheit ist damit keine inhaltliche, sondern eine schauspielpraktische Entscheidung, egal, da lässt sich nicht so gut drüber polemisieren. Vor drei Jahren habe ich den Schauspieler Christoph Franken interviewt, Franken, der übergewichtig ist und dennoch (oder gerade deswegen) häufig Nacktszenen spielt. In diesem Interview habe ich viel erfahren über die Besonderheiten der Bühnensituation, wie die Rampe einen Schutzraum markiert, in dem Schamgrenzen verschoben werden. Man könnte sagen: So etwas zu erfahren, das ist spannend. Um so etwas zu erfahren, muss man das Prinzip Nacktheit im Theater miterleben.
Aber wenn man sich auf dieser Ebene mit Theater beschäftigt, dann provoziert man natürlich nicht so tolle Leserbeiträge im Forum wie die Welt mit ihrem uninteressierten Geblöke: „Und dieser Schund wird mit unseren Steuergeldern subventioniert! Eine Unverschämtheit, wie man unser Geld vergeudet!“

Das Bild oben ist übrigens kein Beispiel für die Unsitten des heutigen Theaters. Sondern ein Theaterplakat, das in der Spielzeit 1989/90 in Ulm rumhing: Es warb für das Tanzstück „Frau im Exil“ von Philippe Talard, Fotos von Gert Weigelt. Vor 22 Jahren.

26. Januar 2011 · Kommentare deaktiviert für Regenbogenschwäne · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

Ach, das ist doof. Natürlich will ich nicht über einen Film lästern, den ich gar nicht gesehen habe, einerseits. Andererseits jubeln momentan alle ohne Unterlass über „Black Swan“, so dass ich eigentlich gar keine Lust mehr habe, mir mit Natalie Portman den Abend zu versauen. Denn ein Abendversauen würde es werden, davon bin ich überzeugt, seit ich gelesen habe, was John Neumeier (mit dem ich eigentlich wenig anfangen kann) im Hamburger Abendblatt (mit dem ich auch wenig anfangen kann) über „Black Swan“ sagt. Er sagt:

Die ganze Ballettwelt wird als eine Welt von Kranken dargestellt, in der monströse Menschen junge Mädchen ausnutzen, die natürlich alle magersüchtig sind. Das stimmt doch alles nicht. Ballett ist eine Kunst, in der viele verschiedene Künstler Platz haben. Nicht nur Frauen im Alter von 17 bis 24 Jahren, die sich noch dazu jeden Tag quälen. (…) Man sieht nur den Auftritt vom weißen Schwan und sie (Natalie Portman, FS) macht die ersten Armbewegungen, die im Übrigen nicht mal auf der Musik draufliegen. Dann sieht man 15 Sekunden vom schwarzen Schwan und (sic) das Corps de Ballett huscht über die Bühne. Irgendwann gibt es auch noch ein bisschen modernen Tanz. Mit offenen Haaren. Warum diese Szene kommt, wird aber nicht klar. (…) „Schwanensee“ ist eine traditionelle Choreografie, aufgebaut wie eine Pyramide. Oben die Primaballerina und der Haupttänzer, darunter Nebenrollen, kleine Rollen und das Corps de Ballett. Ein moderner Choreograf arbeitet eher vertikal, mit allen Tänzern.

Das lese ich. Und habe keinen Bock mehr, mir den Film anzuschauen. „Aber“, werfen die Fans ein, zu Recht, „es geht in ‚Black Swan‘ doch gar nicht um Ballett, das hat Neumeier überhaupt nicht verstanden, es geht um Ehrgeiz und Selbstzerstörung.“ Ah, so. Pathologischer Ehrgeiz, das hat Elfriede Jelinek zwar schon vor 28 Jahren in „Die Klavierspielerin“ beschrieben, und Michael Haneke fand immerhin vor zehn Jahren beeindruckende filmische Bilder für den Komplex, aber, ach, egal, es stimmt ja wohl, „Black Swan“ ist ein toller Film, schauen möchte ich ihn trotzdem nicht. Erstmal.

Erstmal möchte ich ein Tanztheater empfehlen, „The Offside Rules“ von Constanza Macras‘ Compagnie Dorky Park, noch bis kommenden Samstag auf Kampnagel. Ein tolles Stück, produziert vom Goethe Institut Johannesburg anlässlich der Fußball-WM in Südafrika vergangenes Jahr, und ich empfehle es, obwohl ich zu Fußball bekanntermaßen keinen Zugang habe. Es geht um Differenz, um Aggression, um soziale Segregation, die ganze Bevölkerungsgruppen mit einem Schlag ins Abseits stellt. Um Fußball geht es, trotz des Aufführungsanlasses, trotz der Ästhetik, trotz einzelner Handlungsstränge eher nicht.
Das um diverse südafrikanische Tänzer erweiterte Dorky-Park-Ensemble ist eigentlich keine Tanzgruppe mehr, es gibt hier keine schönen Menschen, die schöne Bewegungen vollführen, es gibt höchstens noch körperbewusste Menschen, die sich ziemlich beeindruckend bewegen: eine füllige Tänzerin, bei der ziemlich viel Fleisch erst wallt, dann zittert, irgendwann fließt, schön. Ein beängstigend dünner Tänzer, dessen ausgemergelter Körper am Ende ein Blasebalg ist, der kaum noch Luft hat. Tänzer, die barfuß tanzen, Tänzer in Gummistiefeln. Darf alles.
„The Offside Rules“ ist ein Stück über die Rainbow Nation, über Südafrika, im weiteren Sinne: ein Stück über Multikulturalismus. Die Qualität dieses Stücks ist, dass Macras den Multikulturalismus zwar als alternativlos erkennt, seine Probleme aber nicht verschweigt, Gewalt, Aggression, Unverständnis tauchen ebenso auf wie harmonische Momente. Einmal steht eine halbnackte Tänzerin an der Rampe und erzählt eine atemberaubende Geschichte von der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien, Macras‘ Heimat, als das von der Militärdikatur regierte Land eine harmonisches Fußballfest inszenierte. „Ich hasse Weltmeisterschaften“, schließt die Tänzerin, „weil sie den Klassenkampf aufheben.“ Nur damit mal klargestellt ist, dass die Grenzen nicht zwischen den Zivilisationen, Nationen, Religionen verlaufen, sondern immer noch zwischen oben und unten. So etwas kann Tanztheater nämlich auch erzählen, jenseits von Geschichten über schwarze und weiße Schwäne, ich mein‘ ja bloß.

Natürlich kann man Constanza Macras vorwerfen, dass hier eine argentinische Choreografin mit Wohnsitz Berlin ein Stück in Johannesburg macht, das ich mir in einem freien Theater in Hamburg anschaue: Jetset-Kunst. Aber der Vorwurf geht ins Leere: Zu Ende gedacht ähnelt er der Diskussion, die Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung aufmachte, als der Nigerianer Okwui Enwezor zum neuen Leiter des Münchner Hauses der Kunst berufen wurde: Ruthe fragte sich, ob Enwezor eher Afrikaner sei oder eher New Yorker (sein bisheriger Wohnsitz) und was das für das Ausstellungsprogramm in München bedeuten würde. In letzter Konsequenz eine rassistische Überlegung, die verkennt, dass Leute wie Enwezor Kategorien wie Herkunft oder Ethnie nicht negieren, aber dekonstruieren.
Ich auf jeden Fall höre in der U-Bahn nach Hause Ethnoclub von der angolanisch-portugiesischen Band Buraka Som Sistema. Musik, die unterschiedliche Einflüsse aufnimmt, europäische Elektronik, afrikanische Rhythmen, das Aggropotenzial des brasilianischen Baile Funk, die all das aufnimmt und es dann abspielt, nicht als harmonische Mischung, sondern als dunkles Scharren, durchsetzt von Störgeräuschen und Rückkopplungen. Ich auf jeden Fall bin beseelt, ein wenig. Ich auf jeden Fall werde mir irgendwann sicher noch „Black Swan“ anschauen, versprochen.

Ich mag Andreas Michalke. Also, nicht unbedingt als Musikblogger, sondern als Comiczeichner, und wenn er seine Site endlich zum Laufen bekommen hätte, dann könnte ich ihn auch in die Blogroll aufnehmen, endlich, und müsste nicht den Myspace-Umweg nehmen, um zu verdeutlichen, was Michalke so macht.
Also, Michalke macht kurze Zeitungsstrips, meist die klassische Vier-Panel-Ästhetik, in erster Linie für die Jungle World, die ich aus ideologischen Gründen eigentlich gar nicht lesen dürfte. (Hihi, Ideologie, lese ich natürlich trotzdem, nicht zuletzt wegen Michalke.) Auf den ersten Blick sind die Strips eigentlich abschreckend, Funnies, die Gags transportieren, die mal lustig sind, mal weniger. Hauptfiguren: der Mittfünfziger Markus, ein wandelndes Gerippe, das im x-ten Semester Soziologie studiert und begeistert linke Phrasen drischt. Markus‘ Freundin Fricka, ein bärenähnliches, adipöses Wesen, dessen charakterliche Vorzüge sich erst nach und nach entblättern. Markus‘ Ex Sandra, Halbiranerin, Fernsehmoderatorin, spitzohrig (ein Luchs?), hübsch und lieb und ein bisschen doof. Markus‘ Bruder Michael, ein Zündholzkopf, der noch bei den Eltern lebt und sein linkes Bewusstsein lebt, indem er Waffen nach Israel, Nordkorea und Tansania verschifft (und damit allem Anschein nach nicht schlecht verdient). Plus diverse Mitbewohner, Liebschaften, nach und nach auch Kinder. Gerade ist der zweite Band dieser „linken Lindenstraße“ unter dem Titel „Bigbeatland 2: Der Kampf geht weiter“ bei Reprodukt erschienen, und wenn man ihn zum ersten Mal in die Hand nimmt, kapiert man rein gar nichts.
Überhaupt, man kapiert nur etwas, wenn man sich eine Weile mit linken Diskursen auseinandergesetzt hat. Weswegen sich beispielsweise Antideutsche und Antizionisten über die Frage Israel-Palästina bis aufs Blut streiten (interessanterweise, indem beide Seiten einander vorwerfen, über den linken Umweg zu Rechten geworden zu sein), das kapiert man nur, wenn man diese unvorstellbar ermüdenden Diskussionen selbst wieder und wieder geführt hat. Und das ist das Schöne an Andreas Michalkes Comics: Er ist nicht voraussetzungsfrei, er schreibt für Leute, die sich zwar nicht zu 100 Prozent mit der Szene identifizieren müssen, die aber zumindest die Diskurse der Szene kennen müssen. Und auf Basis dieser Diskurse macht er dann einen (manchmal gehörig billigen) Witz.
Einmal versucht Fernsehluchs Sandra, ein Statement abzugeben: „In meiner Sendung könnte ich tatsächlich mal Position beziehen, vielleicht zu dieser Israel/Palästina-Sache …“ Der Schlumpf und der Kater, Poplinke mit großen Brillen, coolen Frisuren und obskurem US-Punk im Plattenschrank, widersprechen: „Bloß nicht. Leute, die in so einem verfahrenen Konflikt Position beziehen, sind Idioten.“ Leider bekommen sie dafür am Ende von beiden Seiten aufs Maul: „Genossen, habe mit eigenen Ohren gehört, wie der Kater und der Schlumpf in Bezug auf den Nahost-Konflikt eindeutig Position für keine Position bezogen haben. Das ist nicht unsere Position. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Das Dilemma der Poplinken: „Circle that A, Motherfucker!“ „@?“

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Übrigens habe ich die Blogroll mal wieder aufgeräumt. Das Nollendorfblog ist raus, nicht, weil es mir plötzlich nicht mehr gefallen würde, nur gab es in Schöneberg schon seit über einem Monat keine Aktualisierung mehr … Schad‘. Dafür kam MondoPrinte neu hinzu, ein deutsches Blog, das die Israel-Palästina-Geschichte zwar ein wenig anstrengend, dafür aber erstaunlich differenziert und eben nicht eindeutig begleitet. Womit sich der Kreis ganz elegant schließt, nech?


Die Guten Aussichten, das ist in erster Linie ein Wettbewerb für den Fotonachwuchs: Sieben Studenten präsentieren ihre Abschlussarbeiten, tolle Sache, gibt es wie Sand am Meer. Aber irgendwie haben es die Guten Aussichten in sieben Jahren geschafft, hier herauszustechen, nicht ein Wettbewerb unter vielen zu sein, sondern der Nachwuchswettbewerb. Verstehe einer die Wege der Kulturhierarchien.
Jetzt also: Establishment. Entsprechend fühlt man sich auf einer Gute-Aussichten-Vernissage nicht mehr als Avantgarde, sondern als eine Art Masse, die von Bild zu Bild geschleust wird, zwischen Stylern, die sich sonst nie auf Kunstveranstaltungen verirren, alten Szenehasen, die ohnehin überall hin gehen, wo Blitzlichter, Reden und schlechte Luft zu erwarten sind und Freunden, Kommilitonen, Verwandten der Preisträger. Ist nicht schlimm, nur voll. Aber: Zumindest am Donnerstag in den Deichtorhallen konnte man sich kaum auf die Kunstwerke einlassen, weil ständig von hinten jemand drängelte, von der Seite jemand grüßte und von vorn jemand irritierte, weil: Kenne ich den? Muss ich den kennen? Und um was geht es hier eigentlich?

Worum geht es eigentlich? Mit dieser Frage bringt einen die Ausstellung in Teufels Küche, weil ein gemeinsamer Nenner mittlerweile kaum noch ausmachbar ist, sieht man einmal von den biografischen Ähnlichkeiten der Ausgestellten aus. Oder, wie Deichtorhallen-Kurator Ingo Taubhorn zur Einführung formulierte: Prägende Schulen und vor allem prägende Lehrende, die sich fröhlich Epigonen heranzüchten, gibt es kaum noch. Was zur Folge hat, dass die große Qualität (und gleichzeitig das große Problem) dieser Ausstellung ihre Heterogenität ist: Ganz unterschiedliche Ästhetiken, sogar ganz unterschiedliche künstlerische Motivationen stehen verhältnismäßig unvermittelt nebeneinander, lässt man sich auf eine Bildsprache ein, wird man nur ein paar Meter weiter in eine ganz neue Welt geworfen. Damit muss man erst einmal umzugehen lernen.
Gute Aussichten 2011, da lässt sich, viel deutlicher als in der Vorjahren, kein Trend, keine Mode herauslesen. Es gibt die extrem abstrahierte, mathematisch genaue Installation „Spektrum“ von Katrin Kamrau (FH Bielefeld), deren Witz sich erst nach dreimaligem Um-die-Ecke-Denken erschließt: dass es hier nämlich um eine Dekonstruktion der Fotopraxis geht. Und nur einen Raum weiter findet man die dokumentarische, emotional anrührende Serie „Aussehnsucht“ von Rebecca Sampson (Ostkreuzschule Berlin). „Die Zeit dazwischen“ von Helena Schätzle (Uni Kassel) ist eine historisch-geographisch-biographische Kartographierung Osteuropas, die nicht zuletzt unglaublich gut gehängt ist (das Foto oben verschafft einen kleinen Eindruck), während direkt gegenüber Jan Paul Evers (HBK Braunschweig) mit „Modernismus fängt zu Hause an“ (gäbe es einen Preis für den schönsten Werktitel, Evers hätte ihn verdient) eine eher konzeptionelle Arbeit voll stillem Charme präsentiert. Drei Werke laufen einem eher leicht rein, das coole, unter seiner Bedeutung ein wenig ächzende „Konstruktion von Bewegung – Über das Handeln und die Wahrnehmung des Menschen in einem Gleichgewichtssystem“ von André Hemstedt und Tine Reimer (Hochschule für Künste, Bremen), die poppigbunte, an der Grenze zur Skulptur angesiedelte Spielerei „Somehing specific about everything“ von Samuel Henne (HBK Braunschweig) und der schöne, kalte Technizismus von Stephan Tillmans„Leuchtpunktordnungen“ (Technische Kunsthochschule Berlin).
Das gefällt mir nicht alles gleich gut, klar. Und die Hektik der Vernissage macht es nicht besser (was es allerdings besser macht: die einführenden Worte von Josefine Raab, die es schaffte, mit ganz wenigen Schlaglichtern den Kern der einzelnen Fotos herauszuarbeiten). Aber: Das Unformatierte, Flirrende, Heterogene, nicht zuletzt das Anstrengende dieses Gute-Aussichten-Jahrgangs macht die Präsentation so sehenswert. Ein Ausstellungsbesuch wie ein Gang quer durch den Gemüsegarten, da muss ja auch nicht alles zusamenpassen, aber hinterher hat man doch das Gefühl, etwas durchaus Lohnendes mitgemacht zu haben.

Noch bis 27. 2. in den Deichtorhallen Hamburg, dann in Burghausen, Stuttgart, Washington, Freising und Frankfurt.

16. Januar 2011 · Kommentare deaktiviert für Ein doppelseitig bedruckter A4-Zettel · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Ach, gerne würde ich erzählen, wie es so war, gestern, bei „König Lear“ im Schauspielhaus. Ich würde erzählen, dass ich Markus John, Samuel Weiss und Jana Schulz toll fand wie immer, Ute Hannig und Katja Danowski besser als gewohnt und Julia Nachtmann wie jedes Mal zum Davonlaufen. Ich würde etwas über eine kluge Bühnenlösung (Florian Parbs) erzählen und etwas über tolle Musik (Sebastian Weisner). Und ich würde versuchen, eine Antwort zu finden auf die Frage, weswegen mich die Inszenierung Georg Schmiedleitners so unglaublich kalt ließ, dass ich nicht einmal sagen kann, ob das jetzt eine gute Aufführung war oder eine schlechte; ich würde versuchen eine Antwort zu finden auf die Frage, weswegen ich das Theater nach knapp dreieinhalb Stunden so indifferent verlassen habe.
Ach, und dann erinnere ich mich daran, dass es ja ein Luxus ist, gar nicht immer unbedingt eine Meinung haben zu müssen, dann erinnere ich mich daran, gar kein Rezensionsblog mehr sein zu wollen. Dann bewege ich mich sanft auf einen Nebenschauplatz, schaue was der neue Schauspielhaus-Chefdramaturg Frank Behnke (den Christine Dössel einmal in einem ihrer hübschen „Ich gehe auf eine Party, mache ein paar Fotos und schreibe was drüber“-Texte erwähnte) so zum Einstand gemacht hat. Und rümpfe die Nase, weil, dazu habe ich dann schon eine Meinung, nämlich: Ein Programmheft, das eigentlich nur ein doppelseitig bedruckter A4-Zettel ist, eine Besetzungsliste auf der einen Seite und eine kurze historische Einordnung des Stücks auf der anderen, das finde ich, tut mir leid, ein wenig … lieblos, ja, das ist das richtige Wort.

Ach, die Sarrazin-Debatte, seit einem halben Jahr tobt sie. Man kann sich der Debatte stellen und die Zahlen des Autors zerpflücken, man hat dann gute Argumente, die einem nur nichts bringen, da die Fans des sozialdemokratischen Ex-Bundesbankers auf Argumente nicht besonders können. Man kann Sarrazins Fans analysieren und dabei Erkenntnisse gewinnen, die keine Erkenntnisse sind, weil sie einem schon von vonherein klar waren, dass diese Leute nämlich hauptsächlich Männer sind, älter und Freunde des „Volks- und Bauerntheaters“, haha. Man kann das Ganze mit Humor nehmen, das macht dann wenigstens Spaß. Oder man kann sich der Diskussion von vornherein verweigern, das hilft bloß nichts.

Verweigern, das hieße ja, dass wirklich alles in Ordnung ist, dass wir keine Probleme hätten. Das hieße, dass eine multikulturelle Welt tatsächlich die beste aller möglichen Welten wäre, und das ist sie wahrscheinlich nicht. Nur mal ein Beispiel: Ich habe mich doch nicht dafür unter Mühen, auch unter echten Schmerzen zum Atheisten entwickelt, nur um jetzt einen das Stadtbild immer stärker prägenden Islam mit Wohlwollen zu betrachten. Ich finde es gut, dass der Einfluss des Christentums in meinem Leben zurückgedrängt wird, wenn im Gegenzug der Einfluss des muslimischen Glaubens stärker wird, das ist doch Blödsinn! (Und nur, weil die lautstärksten Gegner des erstarkenden Islams die doof-chauvinistischen Islamophoben sind, muss ich das trotzdem nicht gut finden, so!)
Außerdem ist es meiner Meinung nach nicht verwerflich, zu wissen, wo man herkommt. Zu wissen, wo man herkommt, das heißt, Riten und Gebräuche und Traditionen zu kennen, zu pflegen, kritisch zu hinterfragen. Mir geht es nicht um einen selbstgerechten Traditionalismus, eher um einen ironischen Kommentar, der vor allem den Begriff „Kultur“ im Wort „Multikulturalismus“ groß schreibt. Als ganz kleine Nebenspielstätte: die Küche. Ich finde es gut, wenn man mit regionalen Zutaten kocht, ich finde es gut, wenn man lokale Rezepte weiter trägt, ich finde es gut, wenn man bei alledem nicht vergisst, dass man in einer multikulturellen Welt lebt. Demnächst möchte ich mal ins Restaurant Nido, austro-asiatische Küche mit Blick auf den Hamburger Hafen. Sushi und Schnitzel, wer Ahnung vom Kochen hat, der bekommt das hin, ohne dass das Ergebnis ein undefinierbarer Matsch wird.

Der Bereich, in dem die multikulturelle Gesellschaft, wie ich sie mir wünsche, tatsächlich ganz gut funktioniert, ist der Bereich, in dem ich mich am Besten auskenne: die Kunst, das Theater. Beziehungsweise, Teilbereiche des Theaters. Das Kölner Schauspiel versuchte, zu Beginn der Intendanz von Karin Beier der migrantisch geprägten Stadt Köln Rechnung zu tragen und nahm mehrere Schauspieler mit Migrationshintergrund ins Ensemble auf. Richtig durchschlagend war der Erfolg nicht (vielleicht auch überdeckt vom Erfolg der Intendanz Beiers auf anderen Ebenen), gerade mal Murali Perumal und Ilknur Bahadir konnten einen prägenden Eindruck hinterlassen. Auch hinter der Bühne ist das deutsche Schauspiel meist in deutscher Hand, Feridun Zaimoglu hat sich einen Namen als Dramatiker gemacht, Nuran David Calis als Regisseur, velleicht auch noch Neco Çelik, das wars dann auch schon. Die Intendanten aller großen Bühnen sind Urdeutsche, sieht man einmal von dem Niederländer Johan Simons an den Münchner Kammerspielen ab. Nein, das deutschsprachige Schauspiel ist ein Deutsches Nationaltheater (sorry, Weimar), trotz aller Bemühungen. Vielleicht liegt es an der Sprache, vielleicht am nationalbürgerlichen Ambiente der Schauspielhäuser, ich weiß es nicht.
Wo aber der Multikulturalismus zweifellos funktioniert, ist: im Tanz. Tanzcompagnien sind schon immer alles andere als ethnisch homogen, was einerseits an den wegfallenden Sprachschranken liegt (Lingua franca im zeitgenössischen Tanz ist Englisch), andererseits daran, dass der Körper als zentrales Tanzinstrument einen Kommunikationsrahmen jenseits der Herkunft ermöglicht. Und drittens daran, dass die prägenden Figuren des zeitgenössischen Tanzes in den 1980ern in Belgien und den Niederlanden sozialisiert wurden – und das sind Länder, die sich a) schon immer als multikulturelle Einwanderungsländer verstanden und b) durch ihre geringe Größe keine Chance hatten, die eigene, weltweit marginalisierte Sprache als Nonplusultra zu überhöhen. Drastisch gesagt: Wer glaubt, auf Flämisch in der Kunst einen Blumentopf gewinnen zu können, der fällt ziemlich schnell auf die Nase (auch wenn Nationalisten so etwas nicht gerne hören).
So ziemlich alle deutschen Tanzcompagnien sind geprägt von Nichtdeutschen, denen man ihre Herkunft teilweise deutlich ansieht: die Koreanerin Hyuong-Min Kim von der Berliner Gruppe Dorky Park (geleitet von der Argentinierin Constanza Macras), der Afroamerikaner Josh Johnson vom Frankfurter Ensemble Forsythe Company (geleitet vom US-Amerikaner William Forsythe), die Madegassin Zaratiana Randrianantenaina von der Berliner Gruppe Sasha Waltz & Guests (geleitet von der Badenerin Sasha Waltz). Man mag einwenden, dass gerade die den deutschen Multikulturalismus prägenden Migranten aus Nahost hier selten vertreten sind, das aber hat damit zu tun, dass das islamische Theaterverständnis sehr weit entfernt ist vom europäischen. Dennoch: Die deutsche Regisseurin Helena Waldmann konnte 2005 mit iranischen Tänzerinnen das Stück „Letters from Tentland“ fürs Fadjr Festival in Teheran entwickeln, Kontakte wären also auch hier möglich.
Gleichzeitig sind die wirklich guten Tanzcompagnien eng verknüpft mit ihrem Umfeld. Das großartige, internationale, multikulturelle Tanztheater Pina Bauschs wäre nicht möglich gewesen ohne die enge Verzahnung Bauschs mit ihrer zutiefst provinziellen Heimatstadt Wuppertal. Man kann die Arbeit von Constanza Macras‘ Dorky Park nicht verstehen, ohne von der Partyszene und der Subkultur im Berlin der 1990er nicht zumindest gehört zu haben. Und ein William Forsythe wäre nichts ohne Frankfurt, die kalte, durchdesignte Stadt, in der der US-Amerikaner seit einem Vierteljahrhundert lebt (und gerade deswegen ist es so erschreckend, dass die Stadt Frankfurt Forsythes Arbeit 2005 nicht mehr ausreichend fördert, wesweegen der weltberühmte Choreograph aus Dresden und anderen Städten quersubventioniert werden muss).

Multikulturalismus, ohne dass man die Erdung, die Wurzeln vergisst. Schön. Nur was lernen wir daraus? Nix. Vielleicht gerade mal das: Dass der billige „Deutschland schafft sich ab“-Furor Thilo Sarrazins nicht mehr ist als kaum durchdachter Alarmismus, ein schwachbrüstiges Beschwören der Annahme, dass ein Zusammenleben der Kulturen nicht möglich sei. Der Blick ins Tanztheater zeigt zumindest eines: Herkunft ist nicht wichtig, wichtig ist, was man draus macht.
Wobei der Blick aufs Tanztheater den Volkswirt Sarrazin naturgemäß eher weniger überzeugen dürfte.

Das Bild oben zeigt übrigens eine Szene aus Constanza Macras‘ „The Offside Rules“, ab 26. Januar auf Kampnagel, Hamburg (Copyright: Market Theatre Johannesburg). Da freu‘ ich mich.

11. Januar 2011 · Kommentare deaktiviert für Ästhetik des Scheiterns (3): Kohl · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , , ,

Ich bin aufgewachsen mit Helmut Kohl. Als ich anfing, mich für Politik zu interessieren, war er da, als mich die Politik zu frustrieren begann, war er immer noch da, Kohl durchzog meinen politischen Sturm und Drang, und Kohl durchzog mein Politikstudium. Irgendwie war kein Entkommen, vielleicht ist das der Grund, weswegen mich Kohl kulinarisch weniger interessiert. Obwohl er ja gut schmeckt, muss ich sagen, es gibt keinen Grund, Kohl nicht mit Freuden zwischen den Zähnen zu spüren. Nur beschäftigen möchte ich mich nicht mit ihm.

Daher: mein Dank an die Kollegen von der Beef!, einer Zeitschrift, die ich längst nicht so schlecht finde, wie mir immer alle einreden wollen (Hallo! Das ist doch eine gute Idee, ein Männermagazin, das das Mannsein nicht an der Frage „Welche meiner großbusigen, intimrasierten Sekretärinnen vernasche ich denn heute abend?“ festmacht, sondern an der Frage „Was soll ich denn heute abend kochen?“). Dankeschön, dass ihr in der Ausgabe 3/2010 die Renaissance des Kohls einläutet. „Beef! befreit Rot-, Grün und Rosenkohl aus ihrem matschigen Beilagendasein und erklärt sie endlich zum Hauptgericht“, das ist doch mal ’ne Ansage!
Und dann das: Das Rotkohl-Rezept (hier gehts zum pdf-Download, ich rate aber vom Nachkochen ab) ist eine schwere Enttäuschung.

Versuchsanordnung:
1. Einen Kopf Rotkohl (im Rezept stand 600 Gramm, meiner war geringfügig schwerer, egal, ich nahm auch von den übrigen Zutaten ein wenig mehr) putzen etc., in feine Streifen schneiden. Zwei (in meinem Fall also drei) Zwiebeln ebenfalls in Streifen schneiden und in drei Esslöffeln Butter andünsten, in einem (bzw. zwei, ich lass‘ das jetzt mit dem Umrechnen, schreibe immer nur auf, was ich tatsächlich genommen habe) Esslöffel braunem Zucker glasieren lassen. Kohl und 60 Gramm getrocknete Cranberrys zugeben, kurz andünsten. 350 Milliliter Cranberrysaft zugeben (ihr wolltet 300 Milliliter, aber daran konnte es doch nicht gelegen haben, dass das Gericht nahezu ungenießbar war. Cranberrysaft, das ist un-glaub-lich sauer, meintet ihr vielleicht Sirup? Oder irgendein Mischgetränk? Oder ganz was anderes? Rotwein vielleicht?), drei Lorbeerblätter zufügen, bei schwacher Hitze zugedeckt dünsten. (Wie lange, stand da nicht, ich dünstete einfach, bis der Kohl weich war und dann noch eine Ecke weiter.)
2. Inzwischen 75 Gramm Nüsse (ich nahm einfach die Nussmischung, die noch übrig war, laut Beef! hätten es Walnusskerne sein sollen … Wahrscheinlich eine gute Idee, die Walnüsse in der Mischung waren am Ende die mit Abstand leckersten) ohne Fett rösten, dann grob hacken. Fruchtfleisch von acht reifen Feigen grob zerkleinern. Alles zusammen unter den Rotkohl mischen. Mit Balsamico, Zucker (wegen des Cranberrysafts: viel Zucker!), Salz, Pfeffer und drei Teelöffeln Pfefferkuchengewürz (im Rezept stand Lebkuchengewürz, ist das nicht dasselbe? Diese komischen norddeutschen Produkte in diesen komischen norddeutschen Regalen bringen mich immer noch durcheinander, trotz mittlerweile knapp zehn Jahren Hamburg) abschmecken. Kurz vor dem Servieren eineinhalb Esslöffel kalte, fein gewürfelte Butter unterrühren.

Ergebnis:
Wie schon angedeutet: an der Grenze zum Ungenießbaren. Viel zu sauer, und das lag nicht an meinen leichten Abwandlungen des Rezepts, das lag am Cranberrysaft. Auch optisch wenig ansprechend, alles in allem eine rote, undefinierbare Pampe. Mal ehrlich, Beef!, wäre nicht das Anschlussrezept Brokkoli mit Feta nicht zumindest halbwegs essbar gewesen (wenn auch nicht weltbewegend … Also, mich hätte man damit nicht ins Bett kochen können, zumindest nicht ohne eine gewisse Grundsympathie), dann wärst du als Medium für mich, hihi, gegessen gewesen.
So aber: Eine Chance hast du noch. Weil ich, wie gesagt, die Idee hinter dir als Zeitschrift nicht ohne Reiz finde.

Es ist so lächerlich.

Da schreibt die Vorsitzende einer mir nicht ganz unsympathischen Partei einen Essay für ein Medium, das mich vor Jahren einmal ein paar Artikel für wenig Geld schreiben ließ und dem ich entsprechend zugeneigt bin. Auf jeden Fall schrieb diese Politikerin, Gesine Lötzsch, einen Aufsatz mit dem vielleicht etwas unglücklich gewählten Titel „Wege zum Kommunismus“, und in dem kommt der Schlüsselsatz vor: „Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung.“ Fast gleichzeitig hält ein anderer Politiker, Vorsitzender einer mir extrem unsympathischen Partei und außerdem Bundesaußenminister, eine Rede, und in dieser Rede erinnert sich der Politiker, Guido Westerwelle, an die Zeit der ersten schwarzgelben Koalition: „Ich erinnere mich, wie Millionen Menschen Anfang der achtziger Jahre gegen den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße gegangen sind. Aber Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher haben gegen Demonstrationen, gegen Kommentatoren und gegen Umfragen das als richtig Erkannte durchgesetzt.“
Zwei politische Kommentare, zunächst einmal einer, der eine Suchbewegung formuliert, eine Unsicherheit, ein „Ich weiß nicht genau, ob wir auf dem richtigen Weg sind, aber um das zu erfahren, müssen wir uns die möglichen Wege erstmal anschauen.“ Und dann einer, der gar nicht mehr schauen muss, einer, der schon von vornherein weiß, was „das als richtig Erkannte“ ist. Frage: Wer ist hier der Unsympath, wer ist der Betonkopf?

Ich hätte nicht vom Kommunismus gesprochen, wäre ich an Gesine Lötzschs Stelle gewesen. Die marxistische Theorie des Kommunismus ist eine globalisierte Theorie, allerdings ist sie geschrieben für eine Welt, in der die Wirtschaft nicht globalisiert denkt, Solidarität aber globalisisiert funktioniert. Mit anderen Worten: Sie ist eine Theorie für das Jahr 1848, auf heute lässt sie sich kaum übertragen. Was sich allerdings übertragen lässt, ist die marxistische Krisenanalyse, der Blick auf eine Elite, die sich immer mehr von der Restbevölkerung abschottet, der Blick auf soziale Seperationstendenzen, der Blick auf immer gewalttätiger werdende Abwehrkämpfe der Besitzenden. Daraus müssen dann Schlüsse gezogen werden, und ich bin davon überzeugt, dass Gesine Lötzsch genau das meinte, in ihrem Aufsatz. Weswegen sie dann von „Kommunismus“ redet, erschließt sich mir nicht, ganz falsch ist es aber sicher nicht.

Die Reaktionen auf Lötzsch hingegen sind eindeutig. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt forderte in SpOn: „Der Kommunismus als Staatsziel offenbart klar die verfassungsfeindliche Gesinnung in der Linkspartei bis in die Führungsspitze (…). Die Linkspartei muss jetzt unbedingt wieder flächendeckend in ganz Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet werden.“ Meines Wissens steht nirgendwo im Grundgesetz, dass die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik eine kapitalistische sein muss, außerdem weißt Dobrindt zu Recht darauf hin, dass Lötzsch auch die Opfer kommunistischer Versuche in der Geschichte hätte erwähnen sollen, vergisst aber die Opfer christlicher Regimes, obwohl er Mitglied einer Partei mit „C“ im Namen ist. Naja. Politisches Säbelrasseln.

Erschreckend aber der Kommentar meines persönlichen Lieblings Ulf Poschardt in der Welt. Poschardt nämlich interessiert sich gar nicht mehr für die Niederungen der Parteipolitik, er identifiziert seinen Feind gleich dort, wo es für ihn schon immer ganz übel zugeht: im subventionierten Kunst- und Wissenschaftsbetrieb, bei Künstlern und Intellektuellen. Poschardt schreibt:

Die letzten linksradikalen Moden waren allesamt intellektuelle Enttäuschungen. Allen voran das matte Spätwerk des italienischen Ex-Guerilleros Antonio Negri mit dem Sat1-igen Titel „Empire“. (…) Und weil das alles so beschämend ist und weil die linke Praxis so am Boden liegt und der linke Widerstand gegen den Kapitalismus im Westen ein derart spießiger Witz ist, flüchten sich die Intellektuellen in ihre griesgrämige Minirealität und träumen von etwas, was die Welt hinter sich gelassen hat: den stumpfen, untauglichen Kommunismus, der Millionen von Menschen ermordet, versklavt, verblödet und unterdrückt hat.

Das ist natürlich lächerlich, mehr als den Philosophen Slavoj Zizek, den Schriftsteller Dietmar Dath und die Kunsttheoretikerin Isabelle Graw bringt Poschardt nicht als echte Kommunismus-Bekenner zusammen, und wenn man sich auch nur oberflächlich mit deren Arbeit beschäftigt, dann kapiert man, dass ihr kommunistisches Denken weniger Parteigängertum ist als vielmehr intellektuelles Gedankenspiel auf realistischer Folie, egal. Es geht Poschardt ja nicht um Auseinandersetzung mit einer von ihm abgelehnten Position, es geht ihm um den Aufbau eines Feindbildes. Und als Feindbild waren Intellektuelle hierzulande ja schon immer gut.

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02. Januar 2011 · Kommentare deaktiviert für Vom Zauber des an der Seite Stehens · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , ,

Viel gibt es zu sagen über Tom Tykwers 3. Man könnte etwas erzählen über mehrmaliges Überschreiten der Grenze zum Kitsch, darüber, wie nervig handwerkliche Perfektion sein kann, man könnte aber auch von atemberaubend guten Schauspielerleistungen sprechen, von einer hübsch originellen Geschlechterkonstruktion, oder man könnte darüber sprechen, wie aufgesetzt Tykwers Zufallsmetaphorik ist und wie papiern die Figuren. Könnte man, und ich habe das ja auch, in der kulturnews, ein wohlwollendes Gemotze.

Worüber jedoch fast nie gesprochen wird, ist die berufliche Situation von zumidest zwei Drittel der titelgebenden Dreiecksbeziehung. Dabei ist gerade die interessant: Hanna (Sophie Rois) nämlich ist Moderatorin einer Kultursendung im Fernsehen, außerdem ist sie Mitglied des Deutschen Ethikrates, woraus ich schließe, dass sie wohl in Philosophie, Politikwissenschaft oder Soziologie promoviert hat, alles Professionen, die nicht allzuviel Anerkennung genießen. Und ihr Freund Simon (Sebastian Schipper) ist Kunsttechniker, er baut also nach Anweisungen von Künstlern Installationen und Skulpturen auf. Das heißt, dass sowohl Hanna als auch Simon zwar an den Kunstdiskurs angedockt aber eben keine Künstler sind. Sie sind diejenigen, die dazu gehören und gleichzeitig auch nicht dazu gehören, die auf Vernissagen gehen aber immer irgendwie an der Seite stehen. Diese berufliche Situation problematisiert der Film nicht, sie ist einfach ein akzeptiertes Lebensmodell.
Mit diesem Lebensmodell hat Tykwer eine tatsächlich neue Sichtweise geschaffen, vor allem stellt er eine Verbindung zu mir her, indem er Hanna und Simon als sympathische Figuren einführt: eine Verbindung zum Kritiker, zum professionellen Beobachter. Mir war eigentlich schon immer klar, dass ich für Kunst brenne, es bei mir zum Künstler aber schlicht nicht reicht (und auch nicht reichen muss). Bloß dem Rest der Menschheit scheint das nicht klar zu sein: Mit Siegfried Lowitz‘ Bonmot „Kritiker sind wie Eunuchen: Sie wissen, wie es geht, aber sie können es nicht“ erntet man grundsätzlich mehr Lacher als mit Lessings abwägendem „Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt.“ Weil alle Welt nämlich insgeheim denkt, dass derjenige, der sich mit Kunst beschäftigt, doch im Grunde seines Herzens gerne selbst Künstler wäre.
Hanna und Simon wollen aber keine Künstler sein. Bei Simon ist das vielleicht am deutlichsten: Er entscheidet sich für das künstlertypische Leben der prekären Existenz, aber er verzichtet dennoch auf das Lob und auf die Anerkennung, die der Künstler genießt. Weil er kein Künstler ist: Er ist ein Handwerker, der mit Künstlern lebt, mit ihnen spricht, sie versteht.

Und weil Tom Tykwer Leute wie Simon zeigt, Leute wie mich, deswegen kann ich „3“ nur empfehlen. Auch wenn es ansonsten einiges gegen diesen Film zu sagen gäbe, echt.