Die „Jack Freak Pictures“ sind Bilder von Gilbert & George. Viel mehr braucht man nicht zu sagen, Gilbert Prousch und George Passmore machen, was sie machen, also großformatige, comicartige Collagen, in denen sie hoch ironisch gegen restriktive Sexualmoral, Religion und Konventionen agitieren. Das ist immer extrem unterhaltsam, immer handwerklich auf höchstem Niveau und immer auch irgendwie dasselbe. Bei den „Jack Freak Pictures“ geht es in erster Linie um die Auseinandersetzung der beiden Endsechziger mit Religion, und dabei freut es einen erstmal, dass die Arbeiten in den Hamburger Deichtorhallen ausgestellt sind. Die bieten nämlich ausreichend Platz für die 120 teilweise riesigen Arbeiten. Ansonsten haben Prousch und Passmore diesmal den Reiz des Kaleidoskops entdeckt, immer wieder wird der Blick gebrochen, verzerrt, vervielfältigt, bildet neue Anordnungen und Muster und sorgt spätestens beim dritten Bild dafür, dass man sich fühlt, als ob man die Decke eines gotischen Kirchenschiffs betrachten würde, das ist raffiniert. (Eher nervig ist, dass man sich spätestens beim sechsten Bild fühlt, als ob man eine Esoterikzeitschrift lesen würde, das ist weniger schön, wird aber dadurch relativiert, dass einem immer wieder die Gilbert & George-typische Ironie dazwischen grätscht. Denn mit Ironie haben es echte Esos ja nicht so.) So durchwandert man die Ausstellung, findet eigentlich alles ganz gut und fragt sich nach einer Weile, ob man sich denn langsam mal ein Bier holen sollte.

Leider holt man sich keines, weil erstmal das Mikro knackt. Der britische Botschafter Simon McDonald hält eine freundliche Rede, das geht noch. Dann aber kommt Reinhard Stuth, der scheidende CDU-Kultursenator, und jetzt möchte man ganz schnell betrunken sein. Denn Stuth hat auf ziemlich vielen Bildern von Gilbert & George den Union Jack entdeckt, und das ist für ihn der Aufhänger für seine Rede. „Mit nationalen Symbolen tut man sich in Deutschland ja schwer“, ach was, warum wohl? Stuth versucht ernsthaft, Gilbert & George als Kronzeugen für einen unverkrampften Umgang mit der Flagge zu gewinnen, aber er hält seine Rede auf Deutsch, man darf also hoffen, dass die beiden Künstler ihn nicht verstehen.
Es gab einmal eine Zeit, da wurde gemutmaßt, dass Gilbert & George einen leichten Rechtsdrall hätten. Diese Vermutungen waren schon damals an den Haaren herbei gezogen: Grob gesagt, bezogen sie sich auf eine Bilderserie, auf denen einzelne Neonazis zu sehen waren, es war aber nicht schwer, in den aggressiv maskulinen Codes der Skinheads schwule Pornoposen nachzuweisen, falscher Alarm also. Außerdem sind Gilbert & George nicht gerade Fans des Islam, Kunststück, Gilbert & George mögen überhaupt keine Religion. Vor sechs Jahren interviewte ich die Beiden fürs uMag, und in diesem Gespräch ging es um genau dieses Thema.

uMag: Sind Sie religiös?
George: Wir beschäftigen uns mit Religion in unseren Bildern, ja. Gilbert wurde katholisch erzogen, ich protestantisch.
Gilbert: Ich glaube nicht an Gott. Ich glaube an eine Kraft, bei der wir nicht wissen, wo sie herkommt, aber nicht an einen christlichen Gott. So ist das.
uMag: Ich habe Ihre Ausstellung im Frankfurter Portikus gemeinsam mit einer spanischen Katholikin gesehen, und sie fühlte sich von Ihren Bildern angegriffen.
George: Die Katholiken sind die Muslime der christlichen Welt. Wenn man alle unterschiedlichen christlichen Gruppen nimmt, Katholiken, Anglikaner, Baptisten, Methodisten, Quäker … dann sind Katholiken die Muslime. Sie haben die gleichen Ansichten über Kondome und so.
Gilbert: Es ist gut, wenn sie sich angegriffen fühlen. Es muss sie angreifen, weil sie Unrecht haben. (mit Nachdruck) Sie haben Unrecht. Die Kirche hat Unrecht.

Und, ja, das sind Ansichten, die dürfen Gilbert & George vertreten. Es geht hier um ein schwules Paar, und das wird angegriffen, von Katholiken, von Muslimen, da dürfen sie sagen: Wir mögen die nicht. Wenn man dafür gleich von rechts vereinnahmt wird, dann weiß ich auch nicht.
Ich habe damals das Gespräch anlässlich der Ausstellung „Twenty London East One Pictures“ in der Kestnergesellschaft Hannover geführt, einer Ausstellung, die ziemlich scharf das Wohnumfeld der Künstler im Londoner East End porträtierte. Wenn ich es richtig verstehe, ist die Gegend so eine Art britisches Kreuzberg: migrantisch geprägt, unter starkem Gentrifizierungsdruck, mit heftigen sozialen Gegensätzen. Es ist sicher nicht immer schön, da zu leben. Aber das Leben im Londoner East End ist eben auch ein Leben, bei dem die Gegensätze eine kreative Reibung erzeugen, die Kleinbürger und die Junkies und die Islamisten – und mittendrin das schwule Künstlerpaar. Diese kreative Reibung macht das Leben lebenswert, bei allen Problemen. Das Künstlerpaar mit dem Union Jack einzusacken, wie Kultursenator Stuth es versucht, das funktioniert nicht, zumal das Britische schon bei Gilbert & George ein gebrochenes Nationalgefühl ist: Gilbert Prousch wurde 1943 im ladinischen Bergdorf St. Martin in Thurn geboren und kam erst in seinen Zwanzigern nach London, hat also selbst einen Migrationshintergrund. Wenn Gilbert & George den Union Jack verwenden, dann wirkt das eher wie ein typisch britischer, extrem negativer Umgang mit nationalen Symbolen, der seinen Ursprung im Punk hat: von den Sex Pistols („God save the queen/the fascist regime“) über Morrissey („The kind people/have a wonderful dream:/Margret on the guillotine“) bis ganz aktuell zu PJ Harvey („What is the glorious fruit of our land?/The fruit is orphaned children!“). Kennt Stuth natürlich alles nicht.
Zum Ende seiner Rede möchte der Kultursenator noch einen Witz machen, leider auf Englisch. Und er zitiert Bismarck, vor dem distinguierten, klugen, schwulen Künstlerpaar (und merkt gar nicht, was für einen homphoben Klopper er da unfreiwillig landet): „Short speeches, long sausages!“

Und in dem Moment möchte man vor Fremdscham schon am liebsten im Boden versinken.

23. Februar 2011 · Kommentare deaktiviert für Und jetzt weiter mit Werbung (2) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , ,

Tipp.

Ab Morgen ist das neue uMag am Kiosk. Was noch nicht so bemerkenswert ist, das passiert ja eigentlich jeden Monat, aber. Diesen Monat gibt es einen Text, in dem ich beschreibe, wie ich der Comiczeichnerin Jule K. begegne, und Jule K. kann ich jedem nur wärmstens ans Herz legen. Die ist nämlich ganz großartig, campy und kitschig und feministisch und, ach! Wer das uMag nicht am Kiosk kauft sondern im gut sortierten Buchladen, der könnte sich dann auch gleich Jule K.s aktuellen Band „Love Rehab“ mitnehmen, nur mal so als Vorschlag. Oder zumindest drin blättern. Und sich dann vielleicht zum Kauf entscheiden.

Die ist toll, nämlich.

Ich habe auch promoviert. Beziehungsweise, ich habe damit angefangen, ähnlich wie Herr von und zu Emporkömmlings, äh, Dingens, Guttenberg. Ich wusste nichts anderes mit meiner Zeit anzufangen, nach dem Studium, Arbeitsplätze für examinierte Literaturwissenschaftler waren rar, außerdem hatte ich Lust, mich intensiv mit einem in erster Linie mich interessierenden Thema zu beschäftigen. Das Thema lautete „Körper/Schrift. Zur Ästhetik der Gewalt bei Elfriede Jelinek, Marina Abramovic, Valie Export und Ernst Jünger“. Ich habe Exposés geschrieben, eine Gliederung gemacht, die Gliederung wieder verworfen, Referate gehalten, Sekundärliteratur gelesen, bin vom Weg abgekommen und habe den Weg wieder gefunden. Nebenbei habe ich ein wenig journalistisch gearbeitet. Und weil ich Geld brauchte, und weil sich plötzlich doch noch eine Perspektive neben der brotlosen Wissenschaft auftat, habe ich immer mehr journalistisch gearbeitet. Irgendwann war ich in einer festen Anstellung, irgendwann war ich im Volontariat und irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich wirklich noch weiter an dieser Doktorarbeit arbeiten wollte.
Ich entschied mich. Gegen die Promotion, das heißt, ich scheiterte. Ich traute mir schlicht nicht zu, gleichzeitig Vollzeit zu arbeiten und mich dennoch mit Haut und Haaren einer Dissertation zu verschreiben. Technisch wäre es möglich gewesen, Petra Kohse, meine Ex-Praktikumsbetreuerin bei der taz, promovierte während ihrer Redakteurinnentätigkeit über Friedrich Luft, davor ziehe ich den Hut, ich aber traute es mir nicht zu. Meine Doktormutter reagierte ein wenig enttäuscht, riet mir aber zu: Gerade in der damaligen wirtschaftlichen Situation sei es wichtig gewesen, Boden unter die Füße zu bekommen. Wirklich vermisst habe ich den Doktortitel nie, ein wenig spüre ich aber einen Phantomschmerz: Da fehlt etwas, da wurde etwas nicht zu Ende gebracht. Andererseits nehme ich auch etwas mit: die Erfahrung, dass man auch auf die Nase fallen kann, und trotzdem geht es irgendwie weiter, eigentlich immer. Nicht die schlimmste Erfahrung.

Karl Theodor zu Guttenberg, „KT“, wie ihn seine Fans nennen, hat auch promoviert. Der Verteidigungsminister dieses Landes ist Doktor der Rechte, mit der besten möglichen Note summe cum laude wurde er an der nicht unbedingt in der ersten Liga spielenden Universität Bayreuth prmoviert. Zu seiner Doktorarbeit gibt es eine ganze Menge Vorwürfe, von denen einer zumindest unstrittig ist: Guttenberg hat die Zitate in der Arbeit nicht ausreichend als solche kenntlich gemacht. Das sieht dann so aus, als ob fremde Formulierungen die eigenen seien, wenn so etwas Absicht ist, dann ist es ein Plagiat und damit strafbar, wenn es keine Ansicht ist, dann ist es schlampig (und es verbessert die wissenschaftliche Reputation der Uni Bayreuth nicht gerade, wenn schlampige wissenschaftliche Arbeit dort mit der Bestnote bewertet wird, aber egal). Der wissenschaftlich versierte Teil des Netzes auf jeden Fall schäumt, am eindeutigsten im GuttenPlag Wiki, wo in mühevoller Kleinarbeit nachgewiesen wird, an welcher Stelle Guttenberg welche Passage ohne korrekte Quellenangabe übernommen hat. Das ist löblich, womöglich wird die Arbeit der GuttenPlag-Kollegen dafür sorgen, dass Guttenberg einige unangenehme Fragen beantworten muss, womöglich hat das sogar zur Folge, dass der Verteidigungsminister offen legt, wer den Fehler denn tatsächlich gemacht haben könnte (der Spiegelfechter etwa mutmaßt schon ganz offen, dass wohl ein Ghostwriter die Doktorarbeit geschrieben haben dürfte). Aber wird es die politische Karriere Guttenbergs beenden? Wohl kaum.

Guttenberg verteidigt sich. „Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden und sie enthält fraglos Fehler (sic). Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten“, zitiert ihn die Süddeutsche Zeitung. Das mag stimmen. Es ist schwierig, eine Doktorarbeit zu schreiben, wenn man gleichzeitig Familie und Job hat, mehr noch: Es ist unmöglich. Nur: Warum lässt man es dann nicht bleiben? Der Doktortitel ist keine Voraussetzung für den Beruf des Verteidigungsministers, wenn er einem also dennoch so wichtig ist, dass man für ihn womöglich eine strafbare Handlung begeht, dann weist das auf ein zumindest etwas angeknakstes Selbstbewusstsein hin. Herr von und zu ist ein Gernegroß, soviel zur Psychologie. (Übrigens gab es schon einmal einen deutschen beziehungsweise österreichischen Gernegroß-Politiker, einen, der immer nur Anerkennung wollte und sich nie ausreichend wertgeschätzt fühlte, einen Kunstmaler. Das nur zur Erinnerung, falls Von und zu demnächst planen sollte, Kanzler zu werden.)

Die Fans sehen aber nicht den Gernegroß, sie sehen nur den zukünftigen Kanzler, den KT, glänzend und erfolgreich und so ganz anders wie man sich den Deutschen als solchen immer vorstellt. Guttenbergs Haus-und-Hof-Blatt Bild etwa titelte am Samstag ganz unverblümt, wie „gut“ es des Verteidigungsministers Entscheidung findet, nicht zurückzutreten. Den GuttenPlag-Engagierten werfen die KT-Fans vor, Erbsenzähler zu sein, die die Größe dieses Politikers gar nicht erkennen könnten, und wenn man entgegnet, dass korrektes wissenschaftliches Arbeiten eben zum Teil darin bestünde, Erbsen zu zählen, hauen sie auf die Wissenschaft ein. „In manchen Berufen sollte der Doktor Titel ganz abgeschafft werden. In den Naturwissenschaften und der Medizin kann ich sowas ja nachvollziehen, aber was kann schon ein Jurist erschaffen, dass die Menschheit wissenstechnisch vorwärts bringt“, blökt „Gast“ in etwas eigenwilliger Rechtschreibung auf Welt Online, das Web ist voll von Meinungen aus der Richtung „Guttenberg hat zwar Mist gebaut, aber dazu hat ihn doch nur das System gezwungen, wenn man statt wissenschaftlich richtig arbeitet, dann zeigt man, was man kann, und richtig arbeiten kann KT!“ Wenn der Deutsche mal in Fahrt ist, dann holt er die antiintellektuelle Keule raus.

Und deswegen habe ich Angst davor, wo uns diese Affäre noch hinführt. Nicht auszudenken, wenn Guttenberg die Angriffe politisch überstehen würde.

17. Februar 2011 · Kommentare deaktiviert für In den weiten Ebenen · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

Ich bin in Ulm aufgewachsen. Das ist Provinz, nicht auf eine unsympathische, dumpfe Weise, aber, doch. Für mein erstes großes, selbstgewähltes Popkonzert musste ich nach München fahren, in den Circus Krone, und dass dieses Konzert Helloween war, macht es nicht cooler. Meine erste große, selbstgewählte Ausstellung war, glaube ich, Joseph Beuys in der Staatsgalerie Stuttgart. Das ist nicht schlimm, ein junger Mensch wird nicht dümmer dadurch, dass er durch die Gegend reist, es ist nur umständlich. Einen selbstverständlichen Umgang mit Bildender Kunst und mit Popmusik lernt man eben nicht, wenn man in der Provinz lebt.
Es gibt andere Möglichkeiten der ästhetischen Bildung. Bücher, klar, ich las wie blöde. Und Theater. Ich sah Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger am Ulmer Theater Schauspielinszenierungen von Oliver Reese, ich lernte im Ballett von Philippe Talard, wie toll Körper sich bewegen können und später im Tanztheater von Joachim Schlömer, dass es gar nicht in erster Linie darum geht, dass Körper sich toll bewegen. 1991 sah ich den Schlagertenor René Kollo Eugen d’Alberts Oper „Tiefland“ als überaus ernst gemeinte Regietheater-Fingerübung inszenieren. Mit anderen Worten: Ich sah in der Provinz Theater, wie es auch in den Metropolen nicht anders aussieht, ich sah Sternstunden und ich sah krachendes Scheitern. Ich sah Theater.

Keine Frage, dass Theater in Ulm, aber auch in Rostock, in Dortmund, in Schleswig und in Aachen ganz andere Probleme haben als in Berlin und in München. Das größte Problem ist: das Geld. (Allerdings gibt es für die Kunst bekanntermaßen nie ausreichend Geld, das hebt sich also wieder auf.) Ein weiteres Problem ist: die Motivation. Wenn man an der Ernst-Busch-Schule oder an der Falckenbergschule ausgebildet wurde und während dieser Ausbildung das Großstadtleben schätzen gelernt hat, dann hat man keine große Lust, fürs erste Engagement nach Kassel zu ziehen. Ist so. In Andres Veiels Dokumantarfilm „Die Spielwütigen“ gibt es eine hübsche Szene, in der Prodromos Antoniadis nach seiner Schauspielausbildung an der Ernst-Busch-Schule vorsprechen muss und daraufhin von seinem Professor begeistert beiseite genommen wird: Er habe ein Engagement für Antoniadis klar gemacht! In St. Gallen! Die Enttäuschung auf dem Gesicht des Schauspielers, der doch eigentlich Hollywoodstar werden wollte, ist unbezahlbar.

Und doch! In den weiten Ebenen der Provinz gibt es tolles Theater, obwohl kein Geld da ist, obwohl die Mitwirkenden gar keinen Bock haben! Es ist so schade, wenn das nicht anerkannt wird. (Und es ist außerdem gefährlich: Wenn Provinztheater keine Lobby mehr haben, sind sie leichte Beute für sparwütige Lokalpolitiker, wie die Diskussionen um Theaterschließungen in Wuppertal, Bonn, Halle und aktuell Augsburg zeigen.) Kaum etwas regte mich in diesem Zusammenhang mehr auf als die vergangenen Auswahlen fürs Berliner Theatertreffen, was ja, immer noch, so eine Art Quintessenz des Theatermainstreams darstellt. Jedes Jahr die gleichen Bühnen: Thalia (Hamburg), Deutsches Theater (Berlin), Münchner Kammerspiele, Burgtheater (Wien), Schauspielhaus Zürich, neuerdings in dieser Reihe auch das Schauspiel Köln. Ganz selten gab es eine Art Feigenblatt aus der Provinz, die wurde dann ein wenig peinlich berührt vorgeführt: 2001 etwa Thomas Krupas Inszenierung von Werner Fritschs „Chroma“ am Staatstheater Darmstadt. Hinterher hörte man aus den Kreisen der Organisatoren, dass die Einladung ein Fehler gewesen sei, man habe weder Darmstadt noch Berlin einen Gefallen getan, die Qualiätsunterschiede seien augenfällig gewesen … Wie wenn man einen geistig zurückgebliebenen Cousin zum Familienfest eingeladen hätte, nur um hinterher zu sagen, dass diese Einladung ein Fehler gewesen sei: Der Cousin hätte sich doch nur lächerlich gemacht. Mir war zum Heulen, angesichts der Arroganz dieser kulturellen Leuchttürme.

Und deswegen freue ich mich ganz besonders über die diesjährigen Theatertreffen-Einladungen: Schwerin! Oberhausen! Dresden! Dazu drei Produktionen aus der freien Szene! Aber: kein Thalia, kein Deutsches Theater, kein München! (Fast ists schade um die: Nur weil die Provinz gutes Theater macht, heißt das ja noch nicht, dass in den Metropolen nur noch dilettiert wird). Womöglich ist das ein Strohfeuer, eine geschmäcklerische Auswahl, die genauer Betrachtung nicht stand hält (weswegen man nun unbedingt den grundsätzlich geschätzten Schauspieler-Medienkünstler-Regisseur Herbert Fritsch zweimal einladen musste, verstehe ich zum Beispiel nicht so recht). Womöglich ist das eine politische Auswahl, eine Auswahl, die den Kürzungskandidaten zuruft: Haltet aus! Wir stehen hinter euch!

Womöglich ist es aber wirklich so, dass Theater durch das kommende Theatertreffen wieder zu dem wird, als das ich es lieben gelernt habe: zum kulturellen Sonnenstrahl in der Provinz.

17. Februar 2011 · Kommentare deaktiviert für File under: Cat Content · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , ,

Eine kleine Ergänzung zu meiner erkalteten Vorliebe für den katalanischen Surrealisten Salvador Dalí: Nachdem ich in aller Arroganz festgestellt hatte, dass Dalí überschätzt war, nahm ich seine Drucke von der Kinderzimmerwand und ersetzte sie – durch neue Drucke. Von René Magritte. Der arbeitete feiner, fand ich, hatte einen hintergründigeren Humor, wirkte alles in allem kultivierter als der genialische Katalane. Andera ausgedrückt entwickelte ich mich zum formalistischen Spießer.
Hielt aber ohnehin nicht mehr lange vor. Vielleicht lehrten mich Dalí und Magritte eines: Zum Fantum bin ich nicht geschaffen. Diese Haltung begleitet mich in meinem Umgang mit Kultur bis heute, ich finde manche Sachen wirklich gut, manche sogar extraordinär, aber ich bin kein Fan, der Blut sehen möchte, um sein Idol zu beeindrucken. Finde ich gar nicht schlecht, das. Meine Begeisterung lenkte ich um, von surrealistischen Malern auf Meerschweinchen, die ich von nun ab mit Zuneigung überschüttete. War vielleicht auch altersgerechter für einen Fünfzehnjährigen.

(Die Abbildung entnehme ich einer Postergalerie in Brüssel, die leider schon geschlossen hatte, als ich das Bild entdeckte. Sonst hinge es nämlich jetzt schon in meinem Flur. Und das ganz ohne Rücksprache mit der schönen, klugen Frau: wieder mal Glück gehabt.)

Die Geschichte geht so: Es war einmal ein unsicherer junger Mann, der verehrte eine ältere Dame. Er beobachtete, was sie so machte, er bewunderte sie aus der Ferne, aber lange Zeit gab es keine Gelegenheit, ihr zu sagen, wie toll er sie eigentlich findet. Dann endlich fand er einen Weg, er formulierte seine Bewunderung, so, dass sie es, dachte er, eigentlich gar nicht missverstehen konnte. Sie aber verstand miss, im Gegenteil, sie fühlte sich zutiefst angegriffen. Und beschimpfte ihn. Worauf sein Selbstvertrauen angeknakst war, er empfand sich noch kleiner als er ohnehin war, er fürchtete, dass er alles falsch machen würde, was sich falsch machen ließ. Aber es half nichts: Er fand dennoch toll, was die Dame machte, er bewunderte sie weiterhin, trotz des Beschimpfens. Er gab ihr sogar noch neue Chancen, wenn sie einmal etwas machte, was nicht ganz so toll war, denn es könnte ja sein, dass sie das nächste Mal etwas umso tolleres machen würde. Und, tatsächlich, sie machte umso tolleres.

Christiane Rösinger war in meiner musikalischen Sozialisation eigentlich immer da, ähnlich wie The Cure, Die Sterne oder, ähem, Depeche Mode. Anfang der Neunziger spielte Rösingers damalige Band Lassie Singers im Ulmer Cat Café, damals der Ort, an dem sich alle Ulmer trafen, die das unbestimmte Gefühl hatten, anders zu sein. Fand ich ganz nett, den Auftritt, aber irgendwo auch nicht anders genug, so ein wenig wie die Ärzte auf weiblich, was natürlich nicht stimmte, aber zeigte, wie wenig Ahnung ich eigentlich hatte.
Ende der Neunziger war ich nach Berlin gezogen, die Lassie Singers hatten sich gerade aufgelöst, Thomas Groß schrieb in der taz einen überzeugenden Artikel, weswegen diese Band das Beste des zu Ende gehenden Jahrzehnts gewesen sei, Christof Meueler schrieb in der jungen Welt einen überzeugenden Artikel, weswegen Rösingers Nachfolgeband Britta das Beste des kommenden Jahrzehnts sei, und ich ließ mich von der Begeisterung mitziehen („Begeisterung“ in Anführungszeichen: Britta blieben immer ein Nischenphänomen, Feuilletonlieblinge, die eng vernetzt in Musikerkreisen waren, aber nie großen Massenerfolg hatten). Ich war auf der Releaseparty der ganz großartigen ersten Britta-CD „Irgendwas ist immer“ im damals noch tollen Maria, ich hörte Britta im Vorprogramm von Blumfeld auf der „Old Nobody“-Tour in der doofen Kalkscheune, ich hörte Britta mit ihrer zweiten CD „Kollektion Gold“ vor einer Handvoll Zuschauer im winzigen Hamburger Molotow. Und ich schrieb, endlich eine Rezension über Brittas dritte CD „Lichtjahre voraus“, 2003. Ein heftiges Lob, eine Ehrerbietung. Dachte ich.
Christiane Rösinger dachte das nicht. Rösinger dachte schon bei den ersten Sätzen: was für ein Arschloch! Die ersten Sätze lauteten: „Eine halbe Stunde Britta gehört und schon mies gelaunt – klasse CD!“ Klasse CD, ich nahm an, man könne das nicht falsch verstehen, Rösinger aber schrieb mir eine wütende Mail in die Redaktion, von Herzen verletzt. Schlimmer noch, ein paar Tage später spielten Britta im Indra, und Rösinger beschimpfte mich von der Bühne herab. Ich war verzweifelt. (So verzweifelt, dass ich nichte einmal in der Lage war, zu realisieren, dass Rösinger, geboren in Rastatt, ja aus Baden kam, ich hingegen aus Schwaben, was doch jedes Missverständnis erklären würde, denn Schwaben und Badenser, das geht einfach nicht.)
Aber nicht verzweifelt genug. Weil Britta ja trotz allem eine tolle Band waren, „Lichtjahre voraus“ war meine CD des Jahres, auch wenn das anscheinend nicht so klar rüber kam. Und dann eben: der Zusammenbruch. 2004 ging der Vertrieb EFA pleite, was auch das Aus für das bandeigene Label FLittchen Records bedeutete, Ende des Jahres starb Schlagzeugerin Britta Neander überraschend, die Band befand sich im Zustand der Auflösung. Trotzdem oder gerade deswegen: Die letzte Britta-CD „Das schöne Leben“ schlug sogar „Lichtjahre voraus“, inklusive der Jahrtausendzeilen „Ist das noch Bohème/oder schon die Unterschicht?“ („Wer wird Millionär?“), ein textliches und musikalisches Meisterwerk aus schlechter Laune, Galgenhumor, Abgrund. Ich hörte ein letztes Britta-Konzert, 2007, mit Jens Friebe am Schlagzeug, im Hamburger Uebel und Gefährlich, die Band war desintegriert, es lief nicht rund, die Ansagen funktionierten nicht, der Sound war schlecht. Aber vielleicht konnte da noch was kommen, vielleicht?

Es kam: Christiane Rösingers atemberaubendes Soloalbum, „Songs of L. and hate“. Eine Songplatte, warm aber sparsam instrumentiert, Akustikgitarre, Schlagzeug, manchmal noch eine Elektrische dazu. Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl spielt das Boogie-Piano, das mir schon bei seiner angestammten Band immer ein wenig auf die Nerven geht, egal, die Platte ist rund. Manchmal frage ich mich, ob die schlechte Stimmung Rösingers Pose ist, oder ob es dieser Frau tatsächlich sehr, sehr schlecht geht, aber dann sehe ich sie beim Konzert, wie sie lächelnd einen Song wie „Desillusion“ spielt, wie sie „Sinnlos“ spielt und wie „Es geht sich nicht aus“, und mir wird klar: Diese Frau hat es geschafft, eine Ästhetik der schlechten Stimmung zu entwickeln, und sie lebt diese Ästhetik mit Lust. Sie genießt sie.

Ich verehre Christiane Rösinger.

[vimeo 3073689]

Ich interessiere mich nicht für Til Schweiger. „Keinohrhasen“ habe ich nicht gesehen, „Zweiohrküken“ habe ich nicht gesehen, und „Kokowääh“ werde ich wohl auch nicht sehen. Das ist kein Qualitätsurteil, ich ziehe nicht über diese Filme her, sie interessieren mich nur auf der Inhaltsebene kein Stück. Das ist mein gutes Recht, manche Fans von Til-Schweiger-Filmen interessieren sich auch nicht für Filme von, sagen wir: Christian Petzold, den mag ich zum Beispiel sehr, sie aber schauen sich seine Filme nicht an, weswegen auch. Vielleicht ärgere ich mich ein wenig über Til Schweiger, wenn er in der Bild unangekränkelt von jeder Ahnung über Pädophile dahersalbadert, aber okay, über Schwanz-ab-Populisten ärgere ich mich immer, da ist Herr Schweiger nicht besser und nicht schlechter als andere. Eben ein schlichtes Gemüt, dem man ein Mikro vor die Nase gehalten hat, gibt es viele von.

Die Welt hat anlässlich des Todes des Filmproduzenten Bernd Eichinger ein Interview geführt, mit Schweiger (als Mainstreamstar aus dem Eichinger-Kosmos) und Oskar Roehler (als Underground-Querschläger, ebenfalls aus dem Eichinger-Kosmos). Die beiden jammern ein wenig, ist ja verständlich, sie trauern eben, um jemanden, der womöglich wirklich so etwas wie ein Freund war. Roehler wirkt leicht panisch, dass er ohne Eichinger seine Filme nicht mehr finanziert bekommt, und wanzt sich dabei an Schweiger ran, ist okay, ich würde es in seiner Lage nicht anders machen. Und Schweiger, der vertritt die These, dass Eichinger nie die verdiente Anerkennung bekommen hätte, weil, die Filmkritik, die Deutsche Filmakademie und die böse Filmforderung hätten ihn von Anfang an gemobbt. „Ich glaube, dass unterbewusst fast jeder gedacht hat, der Mann hat genug Erfolg, kleine Produzenten brauchen das Geld viel dringender“, behauptet Schweiger und offenbart dabei so etwas wie Verständnis für die Deutsche Filmakademie. Dann aber haut er das raus, was immer kommt, sobald es um die Vergabe öffentlicher Gelder an Kulturprodukte geht, die Behauptung, dass in Amerka alles besser sei: „Wenn wir eine Akademie hätten nach amerikanischem Vorbild, in der es nur um die Anerkennung geht, hätte Bernd einige Preise mehr bekommen.“
Schweiger argumentiert geschickter als ich es ihm zugetraut hätte. Zum Beispiel, indem er fordert, die Grenzen zwischen Hochkultur und Entertainment einzureißen: „Das eine ist Arthaus, das andere Mainstream. (…) Ich habe damals gesagt, dass wir die Schere im Kopf abschaffen müssen, dass wir in Zukunft von Artstream und Mainhaus sprechen sollten.“ Gute Sache! Bloß dass es Schweiger gar nicht darum geht, Grenzen einzureißen, er will, dass Arthouse verschwindet, er will, dass am Ende nur noch Mainstream übrig ist. Schweiger stellt dem Mainstream 180 Filme gegenüber, „die im letzten Jahr gefördert wurden und die keiner sehen will.“ Will sagen: Geld fließt in Produktionen vor leeren Stuhlreihen, er erwähnt „Vincent will Meer“, der gerade mal 900000 Besucher gehabt habe, Hirnwichse. Schweiger sagt: Man muss den Leuten bloß geben, was sie wollen, dann läuft der Laden auch, und öffentliche Förderung macht den Markt nur kaputt. „Was in Amerika selbstverständlich ist, ist in Deutschland ein Problem: das Publikum zu unterhalten. (…) In Deutschland ist Unterhaltung gleich Verdummung, die Leute sollen nachdenken, anstatt sich zu unterhalten.“

Ob es um Theater geht, um Museen, um Wissenschaft oder hier um Kino, dieses Argument kommt immer: Dass sich Qualität am Markt beweisen muss, und dass dieser Markt keinesfalls von der öffentlichen Hand beeinflusst werden darf. Dann blökt gleich noch jemand, dass das in Amerika doch auch funktioniere, ohne zu erwähnen, dass die US-amerikanische Theaterszene nahezu irrelevant ist, dass kaum bedeutende Kunst in den USA produziert wird, und dass das spannende US-Kino eher von den Rändern Hollywoods kommt als aus den großen Studios. Würde ja auch nicht in die Anti-Subventions-Suada passen, solch ein realistischer Blick.
Aber Kultur funktioniert anders, nicht nach den Gesetzen eines Marktes. Ein Beispiel: Die meisten Männer schlafen am liebsten mit Frauen. Das ist okay, und hin und wieder gibt das sogar auch ästhetisch Ansprechendes her. Aber eine Minderheit der Männer schläft lieber mit anderen Männern, wogegen sicher niemand etwas haben will. Würde man aber Marktgesetze auf sexuelle Vorlieben anwenden, dann gäbe es keinerlei ästhetische oder soziale Angebote für gleichgeschlechtlich Liebende – weil nämlich jeder Anbieter solcher Angebote auf seinen Vorteil achten würde, und die statistische Erfolgswahrscheinlichkeit am höchsten wäre, wenn man Minderheiten ignoriert.
Aus der sexuellen Sphäre auf die cineastische übertragen, bedeutet das: Finanziert würden ausschließlich Til-Schweiger-Filme, weil hier die Chancen halbwegs einschätzbar wären, die Investitionen wieder rein zu bekommen. Bei einem (meiner Meinung nach ganz großartigen) Film wie Thomas Arslans „Im Schatten“ kann man hingegen davon ausgehen, dass der die Investition nicht wieder einspielt. Der würde also erst gar nicht gedreht.
Zum Glück springen da Filmförderungen, Preise, Subventionen ein. Und machen den Markt kaputt, klar. Aber, hey, das ist doch das Schöne an dem System, Til-Schweiger-Filme refinanzieren sich am Markt, Thomas-Arslan-Filme refinanzieren sich durch die Filmförderung, beide haben ihre Berechtigung, und am Ende sind alle glücklich.

Aber leider hört Til Schweiger längst nicht mehr zu.


Ich habe mir ja vorgenommen, diesen entsetzlich inhaltslehren Bürgerschaftswahlkampf nicht zu kommentieren. Weil, irgendwo verstehe ich die Parteien auch, die hatten ja gar keine Zeit, sich auf die Wahlkampfsituation einzustellen, also hatten sie auch keine Zeit, sich Gedanken über Inhalte zu machen. Und mittlerweile macht es ohnehin den Eindruck, als ob der Drops gelutscht sei, da muss man sich auch keine Mühe mehr geben. Also: Es ist langweilig, es ist inhaltsleer, es ist unkreativ, sei es drum. Ich werde schon irgendwas wählen.
Wenn man allerdings von Inhalten sprechen dürfte … dann möchte ich ein paar Inhalte formulieren. Ich würde nämlich ziemlich sicher eine Partei wählen, wenn sie ein paar ganz bestimmte Inhalte vertreten würde, nur leider gibt es diese Partei nicht. Egal. Gut fände ich es auf jeden Fall

– wenn die Parteifunktionäre meiner Traumpartei in Grundzügen den Eindruck erwecken würden, ihre Lebensumstände hätten etwas mit meinen zu tun. Sicher, Jura ist ein wichtiges Fach, es ist gut, dass Juristen in den Parlamenten sitzen, aber: Warum muss denn die große Mehrheit Jura studiert haben? Gibt es ü-ber-haupt Spitzenpolitiker, die, nur mal als Beispiel, Literaturwissenschaftler sind? Kunsthistoriker? Leute, die gar nicht studiert haben? Und weiter: Meines Wissens nach sind in Großstädten nicht einmal die Hälfte der Einwohner konfessionell gebunden. Wo sind denn in den Parteien die Atheisten? Oder gar die Religionskritiker?
– Toll wäre auch, wenn meine Traumpartei sich explizit zur Umverteilung von oben nach unten bekennen würde. Umverteilung, das würde nicht nur bedeuten, dass die Steuern angehoben werden, das machen ja viele, Umverteilung würde bedeuten, dass man ganz deutlich sagt: Wir wollen, dass die Reichen weniger haben. Punkt. (Auch wenn ich in solchen Gedankenspielen wahrscheinlich zu den Reichen gehören würde.)
– Überhaupt, es gibt einiges, wo umverteilt werden könnte. Ich würde eine Partei wählen, die die Marktgesetze für bestimmte Bereiche aufhebt: Kultur, Infrastruktur, Gesundheit, Bildung, Wohnen, zum Beispiel. Das würde heißen: Massive Preisminderungen bei Bussen und Bahnen, der Nahverkehr womöglich sogar gratis. Deutliche Senkung der Eintrittspreise in öffentliche Kulturveranstaltungen, freier Eintritt in Museen, sozialverträglicher Eintritt in Theater, Aufbau eines Filmvorführprogramms in öffentlicher Hand. Freie vorschulische und Schulbildung. Nachgelagerte Studiengebühren, das heißt: Während man studiert, zahlt man nichts, nach dem Eintritt ins Berufsleben zahlt man einen Teil seines Einkommens an die Hochschule zurück. Was zur Folge hätte, dass der gut verdienende Chefarzt stärker belastet würde, der prekär beschäftigte Theaterwissenschaftler weniger stark. Mit anderen Worten: eine Akademikersteuer.
– Ohnehin plädiere ich für deutliche Steuererhöhungen (die mich wahrscheinlich als erstes treffen würden, egal, das nehme ich hin). Und für eine massive Verteuerung des Individualverkehrs, zumindest im städtischen Raum: PKW-Steuer rauf, Benzinpreise rauf, Parkraumbewirtschaftung rauf. Positiver Nebeneffekt: Die Leute steigen schon alleine aus Kostengründen um auf den ÖPNV.
– Sachen wie Internationalismus, Gesellschaftsliberalismus, Solidarität mit Schwächeren, Einführung von gesetzlichem Mindest- und Maximallohn (die nicht allzu weit auseinanderliegen sollten) verstehen sich ohnehin von selbst.
– Und, ganz wichtig: Augenmaß vor Ideologie. Immer erst mal genau hinschauen: Ist es womöglich im konkreten Fall ein Problem, wenn man die obigen Punkte ganz strikt anwendet? Und zwar in jedem Fall. Das macht es kompliziert, ich fürchte aber, es gibt keine andere Lösung. Steuererklärungen werden damit, beispielsweise, tendenziell unübersichtlicher. Dafür aber gerechter.

Keine der zur Wahl stehenden Parteien erfüllt diese Forderungen. Das ist egal, ich werde schon irgendwas wählen. Der (wie immer sehr geschätzte) Wahl-O-Mat empfiehlt mir die Wahl der Piraten, aber das ist Blödsinn, die haben nicht den Hauch einer Chance, in die Bürgerschaft zu kommen. Ich fürchte, ich werde, wie schon bei den vorangegangenen Wahlen, meine Stimme der Linken geben, auch wenn sie in meinen Wahl-O-Mat-Charts recht weit hinten liegen. Schlicht, weil die Linken das kleinere Übel sind. Mal wieder: das kleinere Übel. Also wähle ich eine Partei, die ganz ohne Not eine extrem altbackene Kommunismusdebatte führen wollte. Also wähle ich eine Partei, die anscheinend keinen großen Wert darauf legt, überhaupt zu regieren, und die dort, wo sie regiert, nichts dabei findet, alternative Wohnprojekte platt zu machen. Also wähle ich eine Partei, die in weiten Teilen aus frustrierten, xenophoben, spießigen Kleinbürgern besteht. Gibt halt nichts anderes.

Alles übel, mal größer, mal kleiner.