Er kann ja nichts dafür. Wahrscheinlich interessiert sich Rainer Langhans tatsächlich für die Ausstellung seiner Weggefährtinnen Gisela Getty und Jutta Winkelmann. Man kann es ihm nicht verdenken, dass er sich eine Ausstellung anschaut, die eine Geschichte erzählt, welche in Teilen auch die eigene Geschichte ist. Es ist okay, dass Rainer Langhans heute abend in den Hamburger Deichtorhallen ist, allein, es hilft nichts: Wenn man sich den 70-Jährigen Zausel anschaut, dann denkt man weniger an 1968 und mehr an RTL.

Man weiß ja, was einen erwartet. Die feierliche Eröffnung der Triennale der Photographie ist natürlich keine kleine, sperrige Ausstellung in einer Altonaer Hinterhofgalerie (solche Ausstellungen mag es auch geben während dieses groß angelegten Fotofestivals, nur eben nicht zum Start), es ist eine große, massentaugliche Ausstellung im größten Ausstellungshaus der Triennale, den Deichtorhallen. Nein, tatsächlich sind es zwei kleinere Kabinettausstellungen: „The Twins“, teils sehr slicke Fashionfotografien, teils hübsch beiläufige Polaroids der Kasseler Zwillingsschwestern Getty und Winkelmann, die in den frühen Siebzigern zu It-Girls der internationalen Mode-Kunst-Politszene avancierten und die uns die Schau als Vorläuferinnen des heutigen Stylefeminismus einer Charlotte Roche verkaufen möchte. „Eine Geschichte von zwei Mädchen, die loszogen, sich selbst zu befreien und die Liebe in die Welt zu bringen“, wie Ausstellungsmacher Ingo Taubhorn in leicht schwülstiger Kuratorenprosa schwärmt. Und im gegenüberliegenden Kabinett eine Collage zur Warhol-Muse Joe Dallesandro, wobei vor allem überrascht, wie perfekt sich die queeren Inszenierungen Dallesandros in die grausige Ausstellung „Männerbilder“ im Zentrum der südlichen Deichtorhalle einpassen.

Das ist wohl der erschreckendste Moment dieses Abends: Als man kapiert, wie gut das alles zusammenpasst in eine Ästhetik der Schmerzvermeidung, in eine Ästhetik des schönen Bildes. Egal ob die Zwillingsschwestern als Zeitdokument rezipiert werden, Dallesandro in atemberaubender Schönheit Geschlechteridentitäten dekonstruiert oder Starfotografen die ewig gleichen Macherfressen Brad Pitt, Barack Obama oder George Clooney als Männlichkeitsikonen reproduzieren – es passt alles. Das muss so. Und das geht ja auch in Ordnung, zur Eröffnung. Weswegen die letzte Rede auch kein Kunstkenner halten darf, sondern ein Dampfplauderer, der ehemalige Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek. Der dann auch wunschgemäß den dicken Max gibt und den Blick wieder zurück lenkt auf Langhans, schade, fast hatten wir ihn vergessen.

Die Fotografen springen auf und knipsen: Langhans, Witzfigur der 68er, Held des Dschungels. Ein wenig tut er einem leid, wie er da missgelaunt steht und weiß, er ist nur noch ein Abziehbild. Man selbst ist erst einen Moment unschlüssig, dann knipst man auch, ein echter Promi ist ja auch viel interessanter als diese ganze Kunst hier, nicht wahr? (Das ist eine Provokation, natürlich ist jedes einzelne Bild in diesem Raum interessanter als Langhans.) Und dann erinnert man sich an die einführenden Worte der neuen, von Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow mit heftigen Vorschusslorbeeren bedachten Kultursenatorin Barbara Kisseler: „Verehrte Kultfiguren, verehrte Zelebritäten …“ Eine Kunstpause folgt, in der die gebürtige Rheinländerin mit neuhanseatischer Contenance ihren Abscheu im Zaum hält: „… und die, die sich dafür halten.“ Der Applaus, der in diesem Moment aufbrandet, zeigt, dass auch das Publikum gemerkt hat: Hier ist gerade etwas ins Rutschen geraten, hier steht plötzlich nicht mehr die Kunst im Mittelpunkt, nein, die Kunst steht nicht einmal mehr gut sichtbar an der Seite, die Kunst ist plötzlich ganz unwichtig geworden, verschwunden hinter Langhans und dem Promiverständnis des Privatfernsehens.
Und dass das plötzlich gar nicht mehr gutgefunden wird, das ist die gute Nachricht dieses Abends.

31. März 2011 · Kommentare deaktiviert für Verschwunden · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte · Tags:

Liebe Frau Kommander Kaufmann, nein, es ist nicht so, dass ich dir auf deinen sinnvollen Einwurf vorgestern nicht geantwortet hätte. Wohl habe ich, nur ist meine Antwort seit gestern abend verschwunden. Weg. Noch tippe ich auf einen Bug bei WordPress und nicht etwa auf Zensur. Denn: Ein Bloghoster, der Läden wie SOS Österreich oder Quotenqueen (wie gewohnt ohne Verlinkung) untätig gewähren lässt, den kann ich doch nicht verärgern, oder?

(Aber wo mein Text hin ist, weiß ich immer noch nicht.)

Edit: Da isser wieder. War im Papierkorb, keine Ahnung, wie er da reingeraten ist, ich habe ihn auf jeden Fall nicht reingeschoben. Hm.

Ein einziges Mal in meinem Leben bin ich auf einem Junggesellenabschied. C. will heiraten, ich kenne C. flüchtig, aber A. ist eng mit ihm befreundet, und weil ich bei A. in Dortmund zu Besuch bin, fahre ich mit. Die Brüder von C.s Braut (die ich überhaupt nicht kenne) haben einen Abend organisiert, das heißt, wir treffen uns am Düsseldorfer Hauptbahnhof und spazieren in die Altstadt, vier Jungs, eine Frau. Eine Kneipe nach der anderen, Kneipen, so touristisch und gewöhnlich, dass ich nie einen Fuß in sie gesetzt hätte, wir trinken Altbier um Altbier, später dann eigenartige Schnäpse, wir lachen und wir sind wohl auch ein bisschen doof. Am frühen morgen nehmen A. und ich die erste S-Bahn zurück nach Dortmund, wir kichern, die Fahrt ist lang, ich überlege, ob es eine gute Idee wäre, sich in die Bahn zu übergeben, ich verwerfe die Idee, irgendwann zwischen Essen und Bochum schlafe ich ein. Ein schöner Abend.

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Junggesellenabschiede. Ich habe ja nie verstanden, was das soll, so: ein Abschied von einem Lebensabschnitt, bei dem man bewusst entschieden hat, dass er nichts mehr für einen wäre. Wenn man diesen Abschied so schlimm findet, dass man ihm biersatt hinterherweinen müsste, dann kapiere ich nicht, warum man ihn überhaupt aufgibt, aber vielleicht fehlt mir hier ja nur der Sinn für Tradition. Ich kapiere ja auch nicht, weswegen man als unverheirateter 30-Jähriger ausgerechnet den Rathausplatz fegen sollte.

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Wir sitzen in der Mutter, eine größere Gruppe. Es ist spät, es ist verraucht, wir rufen quer über den Tisch, was machst du am Wochenende? Kichern, Brüllen, wer will noch ein Bier? Wir unterhalten uns über: Sternzeichen, Wohnungseinrichtung, weswegen kleine Schwänze besser sind als große, wir sind unglaublich peinlich. Gegen halb drei reiße ich mich los, gerade noch rechtzeitig, ich radle durch St. Pauli, und als ich zu Hause ankomme, singt ein Vogel unterm Balkon ohrenbetäubend. Ein schöner Abend.

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Ich will nicht den abstinenten Moralisten raushängen lassen, aber irgendwo ist das schon eindeutig: Unter Alkohol wird man ganz klar unangenehm für seine Mitmenschen. Und gleichzeitig ist auch eindeutig: Unangenehm, das sind immer nu die anderen. Man selbst ist nicht unangenehm, man selbst ist auf eine möglicherweise etwas zu laute Weise gelöst. Knackpunkt.

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Die schöne, kluge Frau und ich nutzen die ersten Sonnenstrahlen des Jahres und fahren am späten Sonntagvormittag zur Strandperle. Und schon auf der Fähre fallen sie uns auf, vier rotgesichtige Jungs, eine Tusse auf hohen Absätzen, einer brüllt. Ihr Fotzen! Kaum schaffen sie es vom Fähranleger ans Ufer, sie torkeln, einer hängt sich an die Tusse, einer brüllt, ihr Fotzen!, einer starrt übers Geländer ins Brackwasser, seine Augen sind weit aus den Höhlen vorgetreten. Sie haben etwas rotes über die Gesichter geschmiert, zuerst denke, dass das Blut ist, aber anscheinend ist es eher Lippenstift, der Breiteste von den Vieren trägt ein Shirt, auf das ungelenk „S. + A. – Schluss mit lustig“ gekritzelt ist. Schluss mit lustig. Auf dem Strandweg überholen wir die Gruppe, ich habe ein wenig Angst vor ihnen. Als wir an der Strandperle angekommen sind, schnappen sich die schöne, kluge Frau und ich einen Tisch im Sand und zwei Kaffee und beobachten, wie sie uns nachfolgen. Nach zehn Minuten haben sie uns erreicht, aber sie bleiben nicht stehen, sie stolpern einfach weiter, still, mit leerem Blick, elbabwärts. In eine Richtung, in der eigentlich nichts mehr kommt. Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube: Der Abend war nicht wirklich schön.

Etwas, das ich aus meinem Elternhaus mitgenommen habe: Atomenergie ist böse.

Meine Eltern waren keine Fortschrittskritiker. Mein Elternhaus stand in Schwaben, und Schwaben, das war Daimler, IBM, das war im konkreten Ulmer Fall eine Vorstellung von Wissenschaft, die in erster Linie als anwendungsbezogene Naturwissenschaft an der fünf Jahre vor meiner Geburt gegründeten Uni gedacht wurde. In Schwaben wurde nicht skrupulös gezweifelt, in Schwaben wurde g’schafft. Und wenn dieses Schaffen bedeutete, dass man etwas machte, das bisher noch nicht gemacht wurde, dann war das eben so. Die Nutzung der Atomenergie war die logische Folge dieser Wissenschaftsvorstellung, weswegen in Baden-Württemberg Ende der Siebziger acht Atomkraftwerke kommerziell betrieben wurden, mehr als in jedem anderen Bundesland.
Meine Eltern waren keine Kapitalismusgegner. Die Tatsache, dass die Atomindustrie mit einer politischen Praxis zwischen Lobbyismus, Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen und offener Korruption ein Geflecht aufgebaut haben, das die Atomenergie als künstlich günstigen Strom erscheinen lässt (künstlich, weil die Differenz zwischen angegebenen und tatsächlichen Kosten der Atomkraft von der Öffentlichkeit, also vom Steuerzahler übernommen werden), war im Haus meiner Eltern zweitrangig. Meine Eltern waren kein Großbürgertum, aber sie waren immer nach oben orientiert, und oben, da waren in Schwaben: die Höhergebildeten. Die Wohlhabenden. Die CDU. Das Kapital. Gegen die hatte man nichts.
Meine Eltern waren keine Apokalyptiker. Angst vor einem GAU hatten die keine, und wenn, dann war solch ein GAU ein unvermeidliches Risiko, da musste man mit leben. Eine eigene Ästhetik, ein eigenes Weltbild hatte das aber nicht zur Folge: Die Apokalypse ist ein religiöses Modell, und Religion war in meinem Elternhaus praktisch kein Thema.

Und doch: Atomkraft ist böse, das habe ich mitgenommen, trotzdem. Weil Atomkraftwerke womöglich sicher funktionieren mögen (Fukushima hat auch das widerlegt), eine Frage davon aber nicht in Ansätzen berührt wird: Was macht man eigentlich mit den Überbleibseln? Plutonium hat eine Halbwertszeit von 24000 Jahren, das fällt bei der Nutzung der Atomenergie an, und man weiß nicht, was man mit dem Kram anfangen soll, nutzt aber dennoch fröhlich drauflos, weil: Irgendeine Lösung wird einem über kurz oder lang ja schon einfallen? Hallo?
Das musste eigentlich jedem Schwaben, der noch halbwegs bei Trost war, gegen den Strich gehen: Wie konnte man eine Technik einsetzen, ohne sie zu Ende gedacht zu haben. Atomenergie war ein ungedeckter Scheck, und ungedeckte Schecks waren unseriös. Das habe ich in meinem Elternhaus auch gelernt: Man macht keine Schulden, alles, was man ausgibt, muss zuvor verdient sein (oder man muss sich zumidest sicher sein, das Ausgegebene in absehbarer Zeit wieder reinholen zu können). Atomenergie zu nutzen, das ist, als ob man Schulden machen würde, die die nächsten 5000 Generationen abbezahlen müssen.

Meine Eltern haben sich schwabentypisch ein Häusle gebaut, auf einer Anhöhe am Rand der Stadt. Bei klarer Sicht sind sie auf bayerischer Seite zum Greifen nahe: die Kühltürme des Atomkraftwerks Gundremmingen. Böse.

Edit: Dass die Überschrift ein versteckter Verweis auf die tolle culturmag-Rubrik „Sachen machen“ der tollen Isabel Bogdan ist, war eigentlich gar nicht beabsichtigt. So ist sie allerdings auch gleich noch ein Hinweis auf das leider erst nächstes Jahr erscheinende Buch zum selben Thema, das dann natürlich auch gekauft werden sollte.

Meine Mutter erzählt, dass ich schon recht früh gewusst hätte, was ein gelungener Familienurlaub sei. „In die Berge“ habe ich gewollt, mit großen Augen, also wurde viel in die Berge gefahren, ins Allgäu und nach Südtirol, auch mal nach Korsika, und jedes Mal sei ich begeistert gewesen. Bis auf das erste Mal im Winter, aber das scheint ein Missverständnis gewesen zu sein, ich hatte mich nach der Ankündigung, in die Berge zu fahren, auf ein Auffrischen der Erfahrungen vom Sommer gefreut, grüne Wiesen, nette Kühe, so in etwa, nicht aber von kaltem Pappschnee bedeckte Almen. Wie dem auch sei, ich wünschte mir, in die Berge zu fahren, meine Eltern hatten da auch nichts gegen, alle waren glücklich.
Zumindest zu Anfang. Je älter ich wurde, desto anstrengender schienen die Bergurlaube für meine Eltern zu werden. Für sie hieß „In die Berge“ Urlaub, zur Not mochte zwar auch einmal ein Gipfel bestiegen werden, alles in allem aber ging es um Erholung. Für mich hieß „In die Berge“ schon irgendwo Sport, immer weniger wollte ich einsehen, weswegen man einen Tag im Tal verbringen sollte, ein hübsches mittelalterliches Städtchen besichtigen, eine Burg oder ein Museum, wenn man doch auch auf den Berg steigen könnte. Über kurz oder lang musste ich mir Bergkameraden suchen, die nicht meine Eltern waren.
Mit Z., der mir aus der unrühmlichen Zeit bei den Pfadfindern geblieben war, ging ich zum Alpenverein, einen Einsteigerkurs belegen. Einsteigerkurs, das hieß: erste Wanderungen im Tiroler Grenzgebiet, Kletterübungen an den Felsen im Blautal, alles unter Anleitung von M., einem älteren Handwerker. M. machte seinen Job nicht schlecht, ich hatte Angst, in der Felswand zu hängen, aber am Ende konnte ich es. Z. hingegen lästerte über M.: Die Wanderungen nervten ihn, das Klettern sei nur was für Weicheier, ohnehin sei Bouldern viel besser als Klettern. Bouldern, das bedeutet, ohne Seil an kleineren Felsen höchstens zwei, drei Meter über dem Boden zu kraxeln, ich fand das sterbensöde. Ich wollte rauf auf den Fels, nicht ewig lange an einer Nahtstelle rumbosseln, das war für mich höchstens eine Aufwärmübung (und außerdem viel zu anstrengend, als dass ich mich darauf längere Zeit eingelassen hätte). Dass Z. und ich uns auseinanderlebten, lag auch an anderen Gründen, die Frage, ob man nun wandern sollte oder bouldern, trug aber ihren Teil bei.
Obwohl Z. übrigens böse über M. herzog, mochte dieser Z. Wen M. nicht mochte, das war ich. Überhaupt: Ich blieb einige Jahre beim Alpenverein, wurde aber nie warm mit diesen Menschen, die streng heterosexuell waren, konservativ, auch spießig. Weswegen ich aus Süddeutschland wegziehen wollte, verstanden sie nicht, war doch jeder Meter in Richtung Norddeutschland ein Meter weg von den Alpen. Warum ich nicht zum Bund wollte, war ihnen nicht klar, hätte ich dort doch zu den Gebirgsjägern gekonnt. Und dass ich damals für die Grünen trommelte, kapierten sie auch nicht, wollten die Grünen doch Kletterfelsen unter Naturschutz stellen und damit das Klettern verbieten. Meine Liebesgeschichte mit den Bergen, ein einzig großes Missverständnis. Ich ließ das Wandern dann auch entsprechend bleiben, kaum zog ich zum Studium aus Süddeutschland weg.

Vor einigen Jahren fing ich wieder an. Es geht mir immer noch darum, auf den Berg raufzukommen, es geht immer noch nicht um Erholung, aber es ist kein Sport mehr, ich will keine Höchstleistungen erringen. Ich will einfach nur laufen, auf den Berg. Vielleicht fühle ich mich deswegen auf der Kanareninsel Gomera so wohl: Gomera hat Berge, mehr oder weniger. Aber in Sichtweite steht der Teide auf der Nachbarinsel Teneriffa, 3718 Meter hoch, da scheinen die Berge auf Gomera mit ihren nicht einmal 1500 Höhenmetern fast wie Hügel. Aber Vorsicht, Gomera hat ja alles: Felsgerippe, tiefe Schluchten, sogar einen Urwald. Grundsätzlich ist es einem auch egal, ob man in eine Felsspalte stürzt, die 1000 Meter tief ist oder in eine von 500 Metern. Gomera ist keine Schnullipulliinsel, sie hat ihre Reize, aber diese Reize haben keinen Eventcharakter.
Ich will keinen falschen Eindruck erwecken. Als ich auf Teneriffa war, blieb mir der Mund offen stehen, in der Vulkanwüste Canadas de Teide, das war ein tolles Erlebnis. Allerdings fährt man auf gut ausgebauten Straßen in die Canadas, mit unzähligen Mietwagen, mit unzähligen Ausflugsbussen. Es gibt dort die Felsformation Rogues Garcia, darunter den wirklich beeindruckenden Fels La Catedral, und dieser Fels hängt voller muskulöser, stylisher junger Menschen. Sie bouldern. Und später fahren sie mit ihren Mietwagen runter ans Meer, um zu surfen, nehme ich an. Auf Gomera dagegen bouldert niemand. Nirgends sehen die Felsen auf Gomera so spektakulär aus wie La Catedral, und das tut Gomera gut. Wer hier wandert, der macht keinen Sport, der will irgendetwas anderes von der Insel. Was, das habe ich noch nicht rausgefunden.
Aber es ist schön.

(Das Bild zeigt den Rogue de Agando auf La Gomera, knapp über 1000 Meter hoch. Früher konnte man an seinen Hängen klettern, heute ist das aus Naturschutzgründen verboten. Aber schöne, spannende Wanderungen lassen sich in seiner Umgebung machen. Und toll aussehen tut der Berg ohnehin.)

18. März 2011 · Kommentare deaktiviert für Jeu des Cons · Kategorien: Cat Content

Um Viertel vor Vier klingelt der Wecker. Und ich nehme meinen Koffer, meinen schweren Koffer, und ich wuchte ihn: die Treppen hinunter. Durch das schlafende Dorf. Zum Busbahnhof. Über die Insel. Zur Fähre. Über die Meerenge. Durchs Hafenstädtchen. Zum Bus. Zum Flughafen. Zum Taxi. Und dann bin ich zu Hause, endlich, leider.

„Ich packe meinen Koffer, und ich nehme mit: nichts.“ (Jens Friebe)

Ich will heute nicht nach Dortmund. Der Grund, weswegen ich trotzdem fahre, ist kein schöner Grund, vor allem aber ist er nicht aufschiebbar. Und deswegen fahre ich, werktags, mitten in der Woche, kurz vor Redaktionsschluss, ich habe mehrere kurze Texte zu schreiben, egal. Ich nehme das Notebook mit, ich schreibe im Zug, dreieinhalb Stunden hin, dreieinhalb zurück. Das wird, das muss werden.
Das wird nicht. Weil schon ab Hamburg eine Gruppe Pappnasen den Zug entert, klar, der Zug fährt nicht nur nach Dortmund, der fährt weiter nach Köln. Und in Köln wird ab morgen karnevalisiert, da kann man sich schon auf der Hinfahrt die Kante geben, um halb zehn, am Mittwoch. Man kann auch rumgrölen, Frauen auf den Arsch hauen, man kann einen Gettoblaster auf die Gepäckablage wuchten und Karnevalshits auf höchster Lautstärke durchs Abteil dröhnen lassen. Stört ja niemanden.
Einschub: Ich konnte mit Karneval noch nie etwas anfangen. Auch Fasnet war nicht meine Sache, Verkleidung und Besäufnis und das Tier rauslassen: Das war nichts für mich, selbst wenn ich auch meinen Bachtin gelesen habe, von wegen Umwertung der Werte, Karnevalisierung des Alltags. Fand ich gut und einleuchtend, trotzdem, für mich war das noch nie etwas. Aber ich akzeptiere den Kölner in seinem Vergnügen, soll er sich das Hirn wegfeiern, von mir aus. Angeblich versteht man den Reiz dieser Praxis ja schon in Leverkusen nicht mehr, wie soll ich dann in Hamburg da ein Verständnis für entwickeln? Ich akzeptiere das, ist mir recht. Einschub Ende.
Denn gerade muss ich arbeiten, ich brauche einen freien Kopf, ich brauche ein wenig Ruhe, kein Viva Colonia. Außerdem sind wir gerade mal in Hamburg-Harburg, da ist karnevaleskes Ausrasten nicht üblich, man muss sich doch seiner Umgebung anpassen, verdammt noch mal!

Freundliche Frage: „Entschuldigt, Jungs, ich versuche, zu arbeiten. Könntet ihr die Lautstärke ein wenig runter drehen?“

Ein Fiasko. Erst starren sie mich ungläubig an, feuchte Augen, grobporige Haut. Und dann lallt der erste: „Was willst du denn arbeiten? Im Zug?“ Der nächste, ein junger Typ, Mitte 20 vielleicht: „Bist du Zugbegleiter? Hier arbeiten nur Zugbegleiter!“ Sie lachen, sie lachen mich aus. Ich setze mich wieder hin, ich kann hier nicht weg, ich brauche den Netzanschluss, mein Akku würde höchstens 90 Minuten durchhalten. Nochmal Viva Colonia, dann ein Lied über eine Weltreise, dann ein Lied mit den Refrain „Köln ist der Nabel der Welt“, dann eines, bei dem eine zentrale Zeile „Ich hab‘ hier die Musik bestellt“ lautet, Gott, wie wahr! Und immer wieder brüllt einer, dass sie schon in Harburg die erste Beschwerde abbekommen haben. Ich tippe, irgendwie, ein Text, noch ein Text, das muss jetzt. Bremen, Osnabrück, Münster. Jemand brüllt: „Ist das eine Stehparty, hier?“ Es riecht süßlich.

Kurz vor Dortmund fahre ich den Rechner runter, packe zusammen. Jemand ruft: „Seid still, hier will einer arbeiten.“ Gelächter. Ich gehe zur Tür, „He, hiergeblieben, nicht aufhören, zu arbeiten!“ An der Tür drehe ich mich um: „Ihr Arschlöcher!“ Dann raus.

Ich stehe auf dem Bahnsteig, ich schäme mich. Mir ist zum Heulen.

01. März 2011 · Kommentare deaktiviert für Hier sollte ein Text zu Kylie stehen · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , ,

Hier sollte ein Text stehen, zum Konzert von Kylie Minogue in der Hamburger o2 World. Hatte ich mir fest vorgenommen. Aber, tut mir leid, es geht gerade nicht. Ich kann gerade nichts schreiben über Entgrenzung und Körperpolitik und Funfufun. Ich verweise auf die Vielen, die über das Konzert und das Umfeld geschrieben haben, auf Hannah Pilarczyk auf SpOn, auf Jens Maier auf Stern.de, auf Heinrich Oehmsen im Abendblatt, auf Matthias, auf mich selbst, mit meinen Jahre alten Gedanken über Frau M.

Und trete diesmal beiseite.