Ich konnte noch nie so wahnsinnig viel mit Marilyn Minter anfangen. Zu amerikanisch-erfolgsästhetisch erschien mir das, zu clean der Sex, zu glam der Dreck, der in Minters Fotografien zwar vorkam aber immer viel zu schön drapiert war als dass man ihn als Dreck wirklich wahrnehmen wollte. Dass Minters Video „Green Pink Caviar“ den Bühnenhintergrund zu Madonnas „Sticky & Sweet“-Tour darstellte, passte da nur zu gut ins Bild, ich meine, Madonna, das ist doch auch so eine Ästhetisiererin von Sex als Spielart der Fitness, auch so eine Amerikanerin, die zwar alles andere als blöde ist, ihre Intelligenz aber ausschließlich im sozialdarwinistischen Sinn einzusetzen weiß. Kann ich nichts mit anfangen.

So gesehen, darf ich die Minter-Ausstellung in der Harburger Sammlung Falckenberg gar nicht hoch genug schätzen. Weil Minter hier eben nicht ausschließlich als Dokumentaristin glamouröser Verschattungen gezeigt wird (auch wenn Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow in seinen einleitenden Worten genau das behauptete) sondern als spannende, längst nicht immer direkt auf den Effekt zielende Malerin. Beispielsweise in der „Foodporn“-Serie (1990, oben), die zwar vom Pop gelernt hat, nicht aber beim Pop stehen bleibt. Dass Kuratorin Miriam Schoofs es geschafft hat, die massentaugliche Foto-Minter mit der zurückgenommenen Malerei-Minter in ein stimmiges Verhältnis zu setzen, ist die große Qualität dieser Ausstellung.
Wo die Schau dann an ihre Grenzen kommt, ist die Verbindung zu Hanne Darboven, der vor zwei Jahren in Harburg gestorbenen Künstlerin, für die in der Sammlung Falckenberg ein eigener Raum eröffnet wurde. Die spröde, verrätselte Darboven und die laute, immer alles offenlegende Minter zusammenzudenken, versucht die Ausstellung, indem sie eine Verbindung über mehrere Serien US-amerikanischer Dokumentarfotografie, darunter Larry Clarks „Tulsa“ (1971), zwischenschaltet. Der Versuch funktioniert leidlich auf einer intellektuellen Ebene, bleibt aber dennoch gewollt.

Aber eigentlich ist der ohnehin nur eine Spielerei, die für das, was dieser Abend sein soll, überhaupt nicht notwendig ist. Diese Ausstellungseröffnung muss nicht unbedingt zusammenpressen, was nicht zusammen gehört, sie will keine akademisch genaue Schau präsentieren, sondern ein Event, das die Hamburger Kunstszene umkrempeln wird: die Kooperation der Deichtorhallen in der Innenstadt mit der außerhalb gelegenen Sammlung Falckenberg. Die Deichtorhallen, bislang schon ein bedeutender Ort in der deutschen Ausstellungslandschaft, werden so mit einem Schlag um 6200 Quadratmeter Ausstellungsfläche erweitert und erhalten zudem eine der weltweit besten Sammlungen zeitgenössischer Kunst. Die Deichtorhallen sind seit gestern abend einer der größten Player überhaupt. Und so etwas gehört gefeiert: mit einer Schau, die eben vor allem leicht verdaulich ist, Glamour und Coolness und auch ein ganz klein wenig Dreck.

Und wir, wir feiern. Klar.

25. April 2011 · Kommentare deaktiviert für Kennst du den Faust? Den Doktor? · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

Nach sieben Jahren noch einmal angeschaut: Jan Bosses „Faust“ am Deutschen Schauspielhaus, diese epochale Inszenierung aus der letzten Spielzeit von Intendant Tom Stromberg, diese Inszenierung, die dem Hamburger Publikum ins Gesicht brüllte, wie sträflich es Stromberg missachtete und Strombergs Nachfolger Friedrich Schirmer keine Chance ließ. Nach sieben Jahren festgestellt: Die Inszenierung funktioniert immer noch, in ihrer Glätte und ihrem Witz und ihrem unausgegorenen Charme. Die Inszenierung macht immer noch ihre bösen, billigen, sehr guten Scherze auf Schirmers Kosten, die jetzt, nach dem Rücktritt des Intendanten leider ins Leere zielen. Die Inszenierung muss leider eine Umbesetzung hinnehmen, das Gretchen wird nicht mehr von der wunderbaren Maja Schöne gespielt (die mittlerweile nämlich im Ensemble des benachbarten Thalia Theaters ist, und ein Gastengagement bei der lokalen Konkurrenz, das scheint nicht zu gehen), sondern von Julia Nachtmann aus dem Schauspielhaus-Ensemble, die ich nicht mag. Was aber nicht so schlimm ist, weil sich Bosses Inszenierung verhältnismäßig wenig fürs Gretchen interessiert.

Denn Goethes „Faust“, das ist ja nicht ein einziges Stück, das sind drei Stücke, mindestens. Die Gretchentragödie, die sich auf den historisch verbürgten Fall der Frankfurter Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt bezieht. Die Gelehrtentragödie, die mit ironischen Spitzen die Biografie des Magiers Johann Faust nachzeichnet. Und nicht zuletzt das philosophisch unterfütterte Verhältnis Fausts zu Mephisto, den man sich als eine Art bösen Geist aus der mittleren Führungsebene der Hölle vorstellen muss. Bosse auf jeden Fall konzentriert sich auf Mephisto, was schon dadurch deutlich wird, dass er den mit Joachim Meyerhoff besetzt, dem zurzeit wahrscheinlich raumgreifendsten Theaterschauspieler. Das ist okay, aber nicht zwingend notwendig – dieses Stück lässt einem extrem viel Raum, worauf man sein Augenmerk richtet. Und das ist es auch, was „Faust“ so spannend macht.
Denn: „Faust“ ist eben kein monolithischer Block, nicht das Standardwerk deutscher Klassik, als das dieses Stück immer wieder bezeichnet wird. „Faust“ ist schon bei Goethe ein Flickenteppich, der danach schreit, ständig mit neuen Flicken ausgebessert zu werden. „Faust“ ist nicht einmal wirklich deutsch, und auch die romantische Mittelalterkulisse ist Dekor, das schon von Goethe immer wieder mit zeitgenössischen Elementen angereichert wird. Es gibt ganz wenige Ortsangaben, Leipzig, den Brocken, Padua, dazu kommt noch die historische Figur Faust, die wahrscheinlich im Badischen lebte – das alles ist ein unzusammenhängendes Sammelsurium, nichts passt, und am Ende passt alles. Schön, eigentlich.
Wer „Faust“ als urdeutsche Geschichte von rechts vereinnahmen möchte, der muss sich alleine auf die Gelehrtentragödie beschränken und dabei auch die ganze Ironie dieses Textes ignorieren: dann hat man den grübelnden Denker, den sein Gegrübel am Ende in Teufels Küche bringt. Kann man, natürlich, führt nur nirgendwo richtig hin. Für alle anderen tritt dann ein Faust auf die Bühne, der an sich zweifelt, der Humor hat, der spöttelt, der nicht zuletzt Atheist ist und außerdem ein durchweg unsicheres moralisches Fundament beackert. Wenn das der Urdeutsche ist, dann will ich gar nichts gegen die Deutschen haben.

„Faust“, das ist ein Stück Bricolage-Deutschland. Ein postmodernes, postmigrantisches, europäisches Theaterdeutschland, fest geformt und an allen Ecken und Enden auseinanderstrebend. Ein Kanon, der seit sieben Jahren im Spielplan des Schauspielhauses steht, immer passend, gutes Theater, tut nicht weh. Und im Publikum sitzt die tolle Sibel Kekilli, die ganz genau weiß, dass dieses Deutschland vieles ist, nur nicht definiert, und plötzlich kapiert man, dass das immer noch aktuell ist: diese Inszenierung, diese Stadt, dieses Stück, 2011.

Vorbemerkung: Die mit Abstand meisten Google-Anfragen, die auf meinem kleinen Kulturblog landen, lauten „lisa hagmeister nackt“. Das überrascht, weil ich immer der Meinung war, dass der Markt für solche Informationen doch wohl eher übersichtlich sein dürfte. Es beleidigt auch ein wenig, weil nie jemand nach „falk schreiber nackt“ sucht, aber vielleicht kommt das noch, irgendwann. Und es enttäuscht die einsamen Surfer, weil man hier tatsächlich nirgendwo Nacktfotos von irgendjemandem findet, am allerwenigsten von Lisa Hagmeister, dafür aber seitenlange Beschreibungen von irgendwelchen Theateraufführungen. Egal.

Gestern sah ich Lisa Hagmeister. Lisa Hagmeister, 32 Jahre alt, gebürtige Berlinerin, Schauspielerin am Hamburger Thalia Theater. Gastierte bei der regelmäßigen Talkshow Thalia Actors Studio in der (uneingeschränkt empfehlenswerten) Theaterbar Zentrale, bei der nach und nach das gesamte Ensemble von den Schauspielern Tilo Werner und Gabriela Maria Schmeide besungen, umschwärmt und interviewt wird. (Schmeide war gestern abend nicht dabei, weil sie in der Ukraine dreht, wurde dann aber per Skype aus wodkaseliger Runde auf der Krim zugeschaltet, was beinahe charmanter war als die gesamte Restshow … Aber das gehört jetzt eigentlich nicht hierher.)
Auf jeden Fall sang Tilo Werner „Lucy in the sky with diamonds“, und auf dem Sofa neben ihm lümmelte Lisa Hagmeister, in hohen Stiefeln, Leggings, ultrakurzen Shorts und einem Shirt, das ihr immer wieder aufs reizvollste mal von der einen, mal von der anderen Schulter rutschte, meine Güte, ist Lisa Hagmeister schön! Die ebenfalls schöne, außerdem aber auch noch kluge und leider erkältete Frau an meiner Seite lästerte derweil, dass solche Frauen ihr schon immer auf den Keks gegangen seien, mit ihren Piepsstimmchen, ihrer Mädchenmasche und ihrer Schutzbedürftigkeit, immer ein Haar im Mund, immer eine Schulter unbedeckt, aber die schöne, kluge, erkältete Frau war im Unrecht. Weil Lisa Hagmeister nämlich gar nicht auf der Mädchenmasche fährt, dazu ist sie zu dünn, zu jungenhaft und auch zu vorlaut, polterig, krächzend. Zu Berlinerisch, wenn man so will. Vielmehr wirkte Hagmeister, als ob sie eher ein Bier aus der Flasche mit einem trinken würde als einen Weißwein, und so etwas ist definitiv nicht mädchenhaft. (Just als mir diese Beschreibung eingefallen war, fiel mein Blick übrigens auf das Glas in ihrer Hand. Es enthielt Weißwein.)
Jedenfalls plauderte Tilo Werner, es ging um Hagmeisters Kindheit als irgendwie bürgerliches aber doch auch irgendwie 68er-Ärztekind, es ging darum, ein Einzelkind zu sein, es ging um Schauspielschule, Theaterkarriere, Berlin und Hamburg und ein wenig auch um Düsseldorf, wo Hagmeister ihr erstes Engagement hatte. Es ging darum, als Einzelkind in einem atheistischen Elternhaus aufzuwachsen und so eine überraschend überzeugte Religiosität zu entwickeln, Mitglied einer katholischen Pfadfindergruppe zu werden und sich als Teenager taufen zu lassen, und plötzlich kapierte ich, weswegen ich Hagmeister so sehr mochte: Die lebte ja mein Leben!
Das war alles nett und kaum schmerzhaft und unglaublich sympathisch, ganz anders als Interviews, wie ich sie führe, wo es nach tagelanger Vorbereitung dann um Themen geht wie: „Ist Bildungsbürgertum als Konzept denn nicht vollkommen von gestern?“ „In Europa denkt man bei afrikanischem Theater als erstes an seine kultischen Ursprünge im religiösen Ritual.“ „Gibt es überhaupt eine heute entstehende Kunst, die wirklich museumsfähig ist?“ Nichts davon, Schmeide und Werner fragten: „Warst du eigentlich gut in der Schule?“ Und Hagmeister antwortete, dass sie ein durchaus autoritätshöriges Kind gewesen sei, das war spannend, und hinterher hatte man den Eindruck, tatsächlich etwas über diese Künstlerin erfahren zu haben. (Sollte ich zukünftig meine Interviews womöglich auch so führen? Kein religiöses Ritual mehr, nur noch: „Warst du gut in der Schule?“, und der Interviewpartner redet interessanten Kram? Wäre toll, da müsste ich mich auch nicht mehr individuell auf meine Interviews vorbereiten, nein?)

Und dann der Abend, immer weiter. Werner und Hagmeister singen noch ein Lied. Und noch eins. Schauen Dias. Schauen einen Film, „Die kleine Meerjungfrau“, keine Ahnung, irgendsowas. Aus der Kulisse schwänzelt eine hinreißende Burlesque-Meerjungfrau, trinkt Wein und krault Hagmeister die Haare. (Sagte ich schon etwas zu den Haaren? Ganz wunderbar, hochgesteckt, aber nicht ordentlich, eine Art Vogelnest aber gleichzeitig geordnet hübsch und unglaublich durcheinander.) Und plötzlich spricht Hagmeister über die Zusammenarbeit mit verschiedenen Regisseuren, mit Andreas Kriegenburg etwa oder mit Nicolas Stemann. Und da deutet sie an, dass sie zum stärker sinnlich arbeitenden Kriegenburg leichter einen Draht gefunden hätte als zu Stemann, dessen Theater scheint ihr zu postmodern, zu intellektuell zu sein, und, Mist, das tut mir ein bisschen weh, eigentlich sehe ich das doch genau umgekehrt. Und dann fährt sie sich durch die Haare und lässt ihr Shirt über die Schulter gleiten, und alles ist wieder gut.

Für die besonderen Connaisseure, die auch diesen Blogeintrag wieder mit „lisa hagmeister nackt“-Anfragen fluten werden, habe ich übrigens einen Tipp: Geht ins Theater, Tickets sind günstig! Ich verrate nicht, in welchem Stück sich Hagmeister auszieht, so blöde bin ich nicht, aber es gibt einige. Schaut sie einfach alle durch, schaden kann’s nicht, womöglich gefällt es euch sogar. Es lohnt sich.

André Müller ist gestorben, 65-jährig, am Dreckskrebs. Und obwohl ich Müller nie kennengelernt habe, ist das ein Stich. Weil ich ihn eben doch kennengelernt habe, irgendwie. André Müller war ein Journalist, der in seinen Texten immer mit offenem Visier arbeitete, sich angreifbar machte, einen an seinen Ängsten teilhaben ließ. Und trotzdem Journalismus nie als Nabelschau missverstehen wollte. André Müller war ein Interviewer, wahrscheinlich der beste Interviewer, den diese oft als minderwertig geschmähte journalistische Form anzubieten hatte. André Müller war großartig.

Warum mache ich das, warum führe ich Interviews? Vor fast einem Jahr habe ich schon einmal ein paar Gedanken zu diesem Thema formuliert, hauptsächlich hielt ich mich dabei bei dem Gegensatz zwischen einem Interview und einem echten Gespräch auf, nicht falsch, was ich da dachte, bloß: Eine Anwort auf die Frage oben ist es eigentlich nicht. Eine Antwort wäre, dass ich beim Interviewen Leuten begegne, die ich interessant finde. Und dass ich mit diesen Leuten Themen bespreche, die sie ebenfalls interessant finden. Und dabei machte ich einige tolle Erfahrungen, das ist die Antwort.
(Was jetzt folgt sind ein paar Selbstverlinkungen, das ist nicht besonders elegant, muss aber wohl sein, zur Verdeutlichung.) Es war toll, mich mit den Theatermachern Hygiene Heute treffen zu dürfen, lange bevor sie als Rimini Protokoll bekannt wurden (dass die taz meinen Text damals unter dem Namen des Regisseurs Falk Richter statt unter meinem abdruckte, ärgerte mich damals ein wenig, heute weiß ich, dass das Fehler sind, die im Redaktionsalltag eben passieren). Es war toll, die Schauspielerin Julia Jentsch ein wenig anschwärmen zu dürfen. Ich war beseelt, mich mit dem Künstlerpaar Gilbert & George über Religion erst streiten und dann doch auf einer Wellenlänge wissen zu dürfen. Und es war klasse, die weitgehend unbekannte Malerin Heide Nord aus ihrer Reserve locken zu können.
Auffallend allerdings, bei all meinen Texten: Die Basis sind Interviews, am Ende schreibe ich aber nicht die Illusion eines Gesprächs nieder, sondern einen Fließtext. Wahrscheinlich kann ich das nicht so gut: Das, was mich in diesem Moment bewegt, das, was mich eigentlich an meinem Gesprächspartner interessiert, in meinen Fragen formulieren. Wahrscheinlich benötige ich genau für dieses Moment des Interesses noch den erlösenden, erklärenden Satz. Den Satz, der im Gespräch selbst eben nicht fällt.
Denn darum geht es: um Interesse. Ein Interview funktioniert nur auf der Basis, dass man interessiert ist an dem, was das Gegenüber sagt. Man sollte sein Manuskript vergessen, damit man individuell auf seinen Partner reagieren kann, man sollte Augenkontakt halten, man sollte sofort verstehen, was das eben Gesagte mit dem eigenen Leben zu tun hat. Und darauf dann die Folgefrage stellen, die jetzt einzig richtige. Ich scheine das nicht zu können.

André Müller, der konnte das. 2000 sprach Müller für den Tagesspiegel mit Jörg Haider, ein harter Brocken, an dem die meisten scheiterten, am spektakulärsten Erich Böhme in seiner Fernsehshow Talk in Berlin (erster von neun Teilen, die folgenden Teile sind rechts verlinkt). Müller geht ganz klassisch vor, konfrontiert den österreichischen Rechtspopulisten zunächst mit einigen kontroversen Zitaten, Provokationen, auf die der professionell abgefuckt reagiert. Und dann dreht der Interviewer das Gespräch plötzlich, wird persönlich bis zur Schmerzgrenze.

Warum sprechen Sie von „Nichtstuern im Süden“? Warum benutzen Sie diese Worte? Was ist ein Nichtstuer?

HAIDER: Vielleicht fällt es Ihnen leichter, wenn ich sage: einer, der dem Müßiggang frönt, einer, der keiner geregelten Erwerbstätigkeit nachgeht.

Das ist ein Nichtstuer?

HAIDER: Ja.

Dann bin ich einer.

HAIDER: Das kann schon sein. Unter Journalisten gibt es mehrere solche.

Vielleicht ist Denken schon Tun. Das kann doch auch nützlich sein.

HAIDER: Ja gut, okay. Aber Sie müssen ja nicht unbedingt in einem System leben, wo man das subventioniert. Bei mir würden Sie nicht subventioniert. Die EU fördert Betrügereien, indem Leute, ohne daß sie was tun, also obwohl sie zum Beispiel keine Oliven anbauen, durch betrügerische Antragsstellung und Fälschung von Dokumenten zu ihrem Geld kommen.

Betrogen hab ich noch keinen.

HAIDER: Na gut, solange Sie niemandem zur Last fallen…

Offenbar falle ich jetzt Ihnen zur Last.

HAIDER: Mir gehen Sie höchstens auf die Nerven.

Müller macht hier etwas, was man als Journalist eigentlich nicht darf: Er spricht von sich. Und wie er von sich spricht, entlarvt er Haider in seinen Antworten, ganz hart, ganz klar. Das funktioniert nur, weil er sich ohne Einschränkungen dafür interessiert, was Haider da sagt.
Und weil wir solche Interviews in Zukunft nicht mehr lesen dürfen, deswegen ist der Tod von André Müller solch ein schmerzhafter Verlust.

Mein Ausgehverhalten hat sich verändert, in den letzten Jahren. Zu Beginn meiner Hamburger Zeit bin ich viel in der Schanze unterwegs gewesen, im Saal 2, im Thier, im Zoe II, in dieser komischen Bar am Schulterblatt, die es schon lange nicht mehr gibt. Irgendetwas hat sich verändert, ich habe mich verändert, wahrscheinlich, auf jeden Fall ging ich schon länger nicht mehr hier aus. Was nicht schlimm ist, nein. Aber wenn ich jetzt über die Schanze gehe, dann stelle ich die Veränderungen, die hier ja wohl schleichend passierten, überdeutlich fest. Die Video-Gegensprechanlagen, die Modediscounter, die Stahltore an den Einfahrten, die Pub Crawls. Die Schanze erscheint mir heute so, wie mir der Prenzlauer Berg vor fünf Jahren schien: Eine Mischung aus überteuertem Amüsierviertel, schick renoviertem Wohnquartier, Touristenfalle und, immer noch, ein, zwei hübschen Straßenzügen, mit Bars, in die ich weiterhin gerne gehe, hin und wieder.

Und mittendrin steht, immer noch, die Rote Flora. Die Rote Flora ist eine Ruine, ein 1888 erbautes Theatergebäude, das Ende der 1980er zur Musicalabspielstätte umgebaut werden sollte, dann aber besetzt wurde und heute eine Art autonomes Kulturzentrum ist. Ein schöner Ort, in dem ich immer wieder reizende Konzerte und Clubabende erlebte, was mich natürlich ein Stück weit als Typen charakterisiert, den die Flora-Betreiber eigentlich gar nicht als Gast haben wollen: als Nutzer der Infrastruktur, der mit dem politischen Hintergrund der Flora wenig am Hut hat. Als Nutzer einer Dienstleistung, die so aussieht, dass mir Musik und Getränke zu einem mehr als fairen Preis angeboten werden.
Das stimmt zwar nicht, auf der einen Seite, weil ich natürlich mit den Zielen der Stadtaneignung durch klandestine Gruppen deutlich sympathisiere. Auf der anderen Seite stimmt es wohl, weil ich persönlich diese Ziele nicht lebe, weil ich Miete zahle und Parteien wähle, die sich zumindest nicht den radikalen Systemwandel auf die Fahnen geschrieben haben. Und weil ich in die Flora gehe, wenn dort Tocotronic spielen; wenn Tocotronic aber im Uebel & Gefährlich spielen, dann gehe ich dorthin. Ich bin wahllos, untreu, und Linksradikale leben in solchen Dingen einen Treuebgriff, den selbst Erzkatholiken nicht mehr auf die Ehe anwenden würden.

Und doch, und doch. Ich halte es für wichtig, dass es Orte wie die Flora gibt, Orte, die eine Gegenöffentlichkeit darstellen, Orte, die nicht leicht konsumierbar sind, Orte, die sich verweigern. Als vor knapp zwei Jahren Künstler das Gängeviertel besetzten und in einer Public-Relations-Meisterleistung selbst die bürgerliche Presse auf ihre Seite zogen, da ließ einem der Erfolg dieser Besetzung den Mund offen stehen. Aber es muss auch Orte geben, die nicht von den netten Besetzern von nebenan geführt werden, es muss Orte geben, bei denen die Tür zugeht, sobald die Presse anklopft. Es braucht Interviews, wie das, das von Matthias Rebaschus und Joachim Mischke vorgestern fürs Hamburger Abendblatt (Achtung, Abonnenten-Login) mit den Rote-Flora-Aktivisten Andreas Blechschmidt und Florin geführt wurde, und in dem die Beiden die Frage beantworten, was passieren würde, wenn Bürgermeister Olaf Scholz plötzlich vor der Tür stehen würde.

Florin: Es ist völlig klar, dass die Tür in dem Moment verschlossen bleiben würde. Für uns haben nicht nur private Investoren wie Herr Kretschmer an der Flora nichts verloren. Auch die Stadt ist für uns kein akzeptabler Kooperations- oder Verhandlungspartner. Was die städtische Politik gegenwärtig darstellt, ist Teil des Problems, zu dem wir einen Kontrapunkt schaffen wollen.
Blechschmidt: Herr Scholz ist für uns ein politischer Gegner, mit dem wir uns nicht auf ein Kaffeekränzchen zusammensetzen wollen.

Mich würde das auch treffen, klar. Wenn nämlich am Einlass rauskäme, dass ich Journalist bin, dann lassen sie mich sicher nicht rein, ich bin Presse, ich bin der Feind. Damit muss ich dann leben. Damit, dass es Institutionen gibt, die kein Bestandteil sein wollen, für die es keinen Grund zur Versöhnung gibt. Allerdings: Eine Stadt, in der solche Institutionen fehlen, in der möchte ich eigentlich nicht mehr länger wohnen.
Und deswegen sollte ich vielleicht wieder häufiger in der Schanze ausgehen.