Und dann nur leise Saalmusik. Und dann kaum Licht, und dann plötzlich viel Licht, undifferenziertes, hartes Licht. Und dann Nebel. Und dann diese Texte, auf Deutsch, naja, auf Austriakisch, auf Englisch, naja, sorry for my bad english/but my german’s even worse. Und dann gespenstische Visuals, schöne, nicht ganz daseiende Menschen unter der Kreuzberger Hochbahn. Und dann Rotwein direkt aus der Flasche, und dann Rückopplungen, und dann Blues und Jazz und Gospel und Indierock, ganz grauenhafte Genres, die einem da in Fetzen von der Bühne herabgeworfen werden, ein Fetzen Orgel bitte, ein Fetzen Gitarre, ein Fetzen Call and Response.

Ach, Ja, Panik waren in der Stadt, waren im Uebel & Gefährlich, waren wunderbar.

Ja, Panik, Kritikerband, über die mein verehrter Kollege Carsten zuletzt eine wahre Eloge schrieb, Querköpfe, Burgenländer (Kommander Kaufmann sagt, nirgendwo seien die Österreicher so schlimm wie im Burgenland, und die muss es wissen), die aus der Provinz nach Wien geschmissen wurden und aus Wien nach Berlin, wo sie den Nukleus bilden einer kleinen aus der Zeit gefallenen Szene um Hans Unstern und Christiane Rösinger (Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl war ein ganz wichtiger Protagonist auf Rösingers Solo-CD „Songs of L. and Hate“ und begleitete die Britta-Sängerin auch auf Tour am Piano, vor einem Vierteljahr am gleichen Ort). Aber auch: Ja, Panik, eine Band, die selbst das nicht gerade eine Riesenlocation zu schimpfende Uebel & Gefährlich gerade mal zu einem Drittel ausverkauft. Ah, Wurscht.
Denn Ja, Panik spielen, sie spielen diese schönen, diese zerstörten Songs, das herzzerreißende „Nevermind“, das chansoneske „Barbarie“ (zum Halbplayback vor Videostreichern), das slicke „Mr. Jones & Nora Desmond“, in einer guten Stunde alle Songs aus ihrer großen, schweren, aktuellen CD „DMD KIU LIDT“, zum Abschluss dann auch noch den abgründigen, kakophonischen, viertelstündigen Titelsong (der sagen will: „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“, groß!), sie lassen sich „Ficken für ein Handgeld“, sie schreien, sie fahren zur Hölle, und dann ist endlich Ruh‘.

Und dann kommen sie doch noch auf die Bühne, wieder, trinken Wein, verteilen Blumen ins Publikum, „Jetzt ist die Messe ja vorbei, da können wir wieder miteinander reden“, und dann schrubben sie noch ihre Hits runter, „Zwischen 2 und 4“, „Alles hin, hin, hin“, schnell und räudig, und man weiß gar nicht, ob man das jetzt gut finden soll, weiß man nicht, nein.

27. Mai 2011 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich? · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte · Tags: , ,

Eine Mail einer Leserin: „Wäre mal interessant zu lesen, wie du die Qualität eines Blogbeitrages definierst.“ Wäre das interessant? Qualitätsfragen waren noch nie das, was mich wirklich flashte, Handwerk war für mich immer schon eine technokratische Kategorie. (Früher wahrscheinlich noch mehr als heute. Heute schätze ich es durchaus, wenn der Zahnarzt, der gerade meine Wurzel durchbohrt, sein Handwerk versteht. Aber wie sieht handwerkliche Qualität beim Künstler aus? Beim Journalisten? Beim Autor? Beim Blogger?)
Und doch: habe ich vergangene Woche einen Post erst offline gestellt und dann in veränderter Form wieder hergestellt. Weil ich nicht mehr mit ihm zufrieden war, weil es in diesem Post Passagen gab, die ich nach Überschlafen nicht mehr lesen wollte. Weil mir die Qualität des Posts augenscheinlich nicht mehr ausreichte. Also gibt es die Qualitätsdiskussion durchaus. Sie führt zu der Frage: Was ist das hier eigentlich, dieses Blog, diese Bandschublade?

Also. Die Bandschublade ist ein journalistisches Angebot. Mehr oder weniger ein Feuilleton, das sich mit dem Leben in der Großstadt auseinander setzt, und zwar auf Basis dessen, was die Stadt von der Provinz unterscheidet: dem Kulturangebot. Das Angenehme am Feuilletons ist, dass es zwar zum Journalismus zählt aber nicht den strengsten journalistischen Regeln unterliegt – die Grenze zwischen Bericht und Kommentar ist aufgeweicht, es gibt kein Objektivitätsgebot, bei der Frage nach der persönlichen Involviertheit des Autors ist man nicht päpstlicher als der Papst. Ansonsten bleibt ein Feuilleton Journalismus, grob gesagt muss das, was im Feuilleton steht, stimmen. Die Bandschublade ist keine Literatur, ich sauge mir nichts aus den Fingern. (Die Bandschublade ist auch in einer anderen Hinsicht keine Literatur, und zwar dort, wo es um den Einsatz von Sprache als Form geht. Die hat sich nämlich dem Inhalt unterzuordnen, in der Bandschublade sollte es um Themen gehen und nicht um Sprachgewichse. Schöne Sätze sollen meinetwegen andere Blogger aneinander reihen.)
Die Bandschublade ist radikal subjektiv. Wenn ich über eine Vernissage schreibe, dann immer unter der Prämisse: Was hat dieses kulturelle Event mit mir zu tun? Es geht nicht darum, da gewesen zu sein, es geht nicht darum, etwas zu einem Künstler gesagt zu haben, über den gerade alle sprechen. Mit diesem Ansatz läuft man natürlich Gefahr, sich selbst zu wichtig zu nehmen, nur noch im eigenen Saft zu schmoren, lustige Katzenvideos zu posten. Ich aber bin gar nicht interessant, die Bandschublade ist (meistens) kein Cat Content – das „Ich“, das hier vorkommt (und das ganz uneigentlich tatsächlich ich bin, Zahnwart, Falk Schreiber) ist nur ein Platzhalter. Für das Leben in der Stadt.
Und schließlich ist die Bandschublade gut erzogen. Ich will niemandem weh tun. Nur manchmal passiert das zwangsläufig, schlicht, weil ich mich hier exponiere, sehr schutzlos, dass sich Menschen aus meinem Umfeld wiedererkennen. Und dann verletzt sind, weil ich sie zu genau wiedergegeben habe. Oder zu ungenau. Oder schlampig war. Oder zu ehrlich. Egal, verletzen soll das hier niemanden. (Und davon abgesehen gibt es im Journalismus zu Recht ziemlich strenge Persönlichkeitsrechte, die die Bandschublade nicht verletzen will, nein, gar nicht verletzen darf.)

Wenn ein Blog so aussieht, wie ich es hier oben beschreibe, doch, dann ist es ein gutes Blog.

In meinem Brotberuf durchläuft jeder Text mehrere Instanzen, bevor er publiziert wird. Das ist nervtötend, das ist (aus journalistischer Sicht) gut so, das verhindert auch nicht, dass manchmal Ungenauigkeiten, Falsches, Übertriebenes veröffentlicht wird, und mein Name steht hinterher drunter. Passiert.
Im Blog gibt es solche Instanzen nicht, ich schreibe einen Text, lese ihn nochmal durch und drücke auf „Publizieren“, fertig. „Ist es nicht gerade das Reizvolle, das Besondere an Blogs/Social Media, dass sie persönlicher und unvermittelter kommunizieren als das, womit uns Redaktionen, PR- und Marketingabteilungen auf allen Kanälen zuballern?“ fragt die Leserin oben. Vielleicht, ich habe da meine Zweifel. Ich glaube: Menschen machen Fehler, ich mache Fehler. Ich verletze ständig die Regeln, die ich oben für die Bandschublade aufgestellt habe. Und dann hat die Bandschublade nicht mehr die Qualität, die ich mir bei einem Blog wünsche. (Ha! Qualitätsdiskussion geführt, Gotcha!) Das Schöne am Web: Man kann nachbessern, was einmal publiziert wurde, ist nicht auf ewig in Stein gemeißelt.

In diesem Zusammenhang verweise ich auf ein Blog, das die oben genannten Kriterien über weite Strecken erfüllt und seit kurzem auch bei den Empfehlungen des Hauses dabei ist: Melancholie Modeste. Davon ab: Fehler zu machen und Qualitätskriterien zu verpassen, das ist kein Problem. Im DIY-Kosmos der Blogs ist das das Salz in der Suppe.

22. Mai 2011 · Kommentare deaktiviert für Was hat dich bloß so ruiniert? · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Als ich 1993 an die Uni Gießen wechselte, entwickelten dort ein paar junge Theaterstudentinnen gerade ihre erste gemeinsame Performance „Sesam, Sex und Salmonellen“. Die sah ich zwar noch nicht, aber im Laufe des Studiums begegnete ich Johanna Freiburg, Mieke Matzke und Ilia Papatheodorou immer wieder, auf der Theaterwissenschaftler-Probebühne, auf dem Campus, manchmal in literaturwissenschaftlichen Seminaren, die die Theaterleute in Stichproben besuchen mussten und dabei mit der leichten, schönen Arroganz des Künstlers auf uns Wissenschaftsspießer hinabsahen. 1997 gab es beim studentischen Festival Theatermaschine dann „West End Girls“, eine Daily Soap, die das WG-Leben dreier Theaterstudentinnen in der Gießener Weststadt zum Thema hatte. Ich war geflasht: Mein Leben! Soapfähig! Inclusive Liebeshändel, Berufsunsicherheiten, Geldproblemen! Kurz darauf tauchten Freiburg, Matzke, Papatheodorou, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen und Berit Stumpf in Berlin auf, unter dem Namen She She Pop.
Die „West End Girls“ wurden noch einmal zitiert, in dem schönen Jugendverluststück „The things that I used to do (I ain’t gonna do them no more)“, das ich im damaligen Theater am Halleschen Ufer in Berlin (heute HAU 2) sah, auch ein Problematisieren meines eigenen Lebens in der Großstadt, ohne genau zu wissen, was ich da eigentlich sollte. Und von da an waren She She Pop eigentlich immer an meiner Seite: Sie zogen Jugoslawienkriegskritisch als Modeschau durch den Volksbühnen-Prater („She She Pop: En Vogue“, 1999), sie scheiterten ganz grauenhaft mit einem Hightechstück bei kollabierendem Hightech vor „Ausziehen! Ausziehen!“ brüllendem Prollpublikum auf einer Gießener Parkplatzbrache („Das Feld der Verklärung“, 2000), sie zeigten Karrierestrategien als Spielshow („Live!“, 2001), sie wussten nichts wirklich mit ihrer Szenenregie bei Schnitzlers „Reigen“ am Hamburger Schauspielhaus anzufangen („1/10 Reigen“, 2001), sie zerpflückten auf gnadenlos exhibitionistische Weise theatrale Strukturen („Bad“, 2002), Gruppendynamik („What’s wrong (it’s okay)“, 2003) und soziale Konventionen („Warum tanzt ihr nicht?“, 2004). Ich entwickelte mich weiter, She She Pop entwickelten sich weiter, ich stellte mir neue Fragen, She She Pop stellten sich die gleichen Fragen, irgendwie waren sie immer da, irgendwie begleiteten sie mich. Ich nahm ihnen einzelne schwächere Arbeiten nicht übel („Die Relevanz Show“ ließ mich 2007 recht kalt), ich nahm ihnen nicht übel, als sie 2002 für „Homestory“ das Konzept des Frauenkollektivs aufbrachen und mit Sebastian Bark einen männlichen Performer in die Gruppe ließen, ich freute mich für sie, dass sie letzte Woche mit „Testament“ zum Theatertreffen eingeladen wurden und damit endlich voll akzeptiert waren vom Establishment, auch wenn sie auf diese Akzeptanz eigentlich nie Wert legten. She She Pop war die Kunst, mit der ich alt werden würde.

Und jetzt: „7 Schwestern“ auf Kampnagel, eine Paraphrase von Tschechows „Drei Schwestern“, das vor kurzem am Thalia werkgetreu Überdruss verbreitete (hier geht es zur sehr schönen Besprechung von Mat­thias Schu­mann). Menschen werden 40 (und sind trotzdem immer noch so jung wie schön), schauen auf ihr Leben und wissen, dass da doch einmal noch etwas war, das erreicht werden wollte und das wohl nicht mehr erreicht werden wird. Nach Moskau, nach Moskau! Und irgendwie macht das schon Angst: Wie schaffen es She She Pop, sich immer genau die Fragen zu stellen, die ich mir mehr oder weniger gleichzeitig stelle?
Natürlich landen She She Pop ziemlich schnell bei der existenziellen Fourtysomething-Frage: Kinder? Einige der Performerinnen haben welche, andere nicht, und nahtlos schließt sich an: Was hat dich bloß so ruiniert? Was ist aus dem Ideal geworden, das System aus den Angeln zu heben oder zumindest den eigenen Körper, was ist aus den Drogen geworden und dem unübersichtlichen Sexualleben? Und heißt, die Nacht zum Tage zu machen, in erster Linie, das kranke Kind in den Schlaf zu singen? Und was macht das aus dem feministischen Theaterkollektiv, dieses Älterwerden, dieses Downsettling?
„7 Schwestern“ endet mit einem Video, in dem Sebastian Bark die Brut seiner heterosexuellen Theatergenossinnen in die Nacht schickt: weggehen sollen sie, bloß nicht wiederkommen. „Und wenn euch jemand fragt, wo ihr hinwollt, dann sagt ihr: raus aus dem System.“ Vielleicht schaffens sie es ja, diese kleinen Zwerge, die da jetzt durch die Barmbeker Nacht irren, Richtung Osten, nach Moskau, wahrscheinlich schaffen sie es aber nicht, raus aus dem System, genauso wenig wie die Theatertreffen-geadelten She She Pop. Ach!

She She Pop machen Theater, das irgendwo mein Leben ist. Und natürlich muss es da noch anderes Theater geben, klar, macht mich ja auch glücklich. Mein Leben, das ist gar nicht so wichtig. Außerdem: Für das, was mein Leben ist, für mein dummes, eigenes Empfinden habe ich ja in diesem netten, kleinen Blog die Ablage „Cat Content“. Und trotzdem: Jedesmal, wenn ein neues She She Pop-Stück auf den Markt kommt, freue ich mich.

Das Foto stammt von der Kampnagel-Pressestelle und trägt den Copyrightvermerk „Krieg“. Ich weiße noch daraufhin, dass ich für das (noch bis Monatsende aktuelle) uMag ein langes Interview mit Ilia Papatheodorou geführt habe.

Edit: Ich habe den Beitrag an einer unscheinbaren, wenngleich zentralen Stelle verändert. Weswegen eure Kommentare, liebe Mayarosa, liebe Isabo, plötzlich ein wenig unvermittelt in der Luft hingen. Deswegen habe ich mich entschieden, die Kommentare zu löschen. Das geht nicht gegen euch, ich freue mich über eure Rückmeldung – aber eine Diskussion ohne echten Diksussionsgegenstand ist irgendwie doof. Tschuldigung.

20. Mai 2011 · Kommentare deaktiviert für Aus aktuellem Anlass · Kategorien: Cat Content

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„You should come to Oslo next week“, sagt die nette Frau vor der Bar in Grünerløkka. „Next week we are celebrating our national holiday.“ Wir mögen das gar nicht so sehr, Nationalfeiertage, aber wir wollen freundlich bleiben, also fragen wir nach, was denn so passiert, beim Nationalfeiertag. Es gibt Umzüge, die Bevölkerung trägt Trachten aus ihren Heimatregionen, am Abend wird getrunken, sehr viel getrunken. „Seems like carnival in Germany“, macht B. einen Witz, die Frau versteht, was er meint, und sie versteht, dass sie hier etwas gerade rücken sollte. „No, it’s not like carnival, it’s … Well, it’s nationalistic, but in a nice way.“ Die Frau ist nett, sie möchte nicht, dass man ihren Nationalfeiertag zum Witz macht, aber sie weiß auch, dass man als Deutscher mit der Wortsilbe „National-“ etwas anderes verbinden könnte als als Norwegerin. Also, der Nationalfeiertag in Oslo ist zwar Nationalismus, aber eben netter Nationalismus.

Und am Folgetag macht unser aller Bundeslena einen akzeptablen zehnten Platz beim Eurovision Song Contest auf heimischem Boden, also, in Düsseldorf. Lena gut zu finden, das ist so ein Beispiel für netten Nationalismus. Schreibt Jan Feddersen im Spiegel, bloggt Stefan Niggemeier (der ansonsten gemeinsam mit Lukas Heinser ein wunderbares Videoblog namens Duslog führte), schwärmt Mirjam Hauck auf süddeutsche.de. Nein, Lena, die darf man gut finden, auch wenn man allem Deutschen sonst mit einer gesunden Skepsis gegenüber tritt. Weil Lena, die hat nichts vom hässlichen Deutschland, die ist (halbwegs) cool, die singt englisch, selbstbewussten, internationalen Pop, der niemandem etwas beweisen muss und der vor allem nicht unbedingt einen ersten Platz machen muss. Oder?

Und dann fahren wir am Folgetag durch die Nacht, entlang der dänischen Küste. Das ist das Dänemark, das vor ein paar Tagen seine Grenzen geschlossen hat, vor lauter Angst vor illegalen Einwanderern. Das ist alles gar nicht lustig, plötzlich, war doch das freie Reisen einer der wenigen Vorteile, die die EU im Alltagsleben mit sich brachte, die Wirklichkeit gewordene Utopie des möglichen Internationalismus, Grenzen überschreiten ohne Formalitäten, Im Ausland sich bewegen wie ein Fisch im Wasser, womöglich: Knutschen mit Norwegerinnen. Vorbei.
Und dann schreibt der geschätzte Matthias Dell im Freitag eine Kritik über einen heillos harmlosen Fernsehkrimi, Dell verreißt gewohnt klug, weil es hier doch arg wohlmeinend um Migrationsströme geht, und schon der zehnte Kommentar (von einem gewissen „hkoerner“) weiß ganz toll (und, wenigstens das, ziemlich ungenau, Rechte sind manchmal einfach doch so blöde, wie man es erwartet) mit Literaturhinweisen zu protzen, wie man das Thema Migration auch angehen könnte:

Wenn man verfolgt, wie sich Radio Bremen nun schon seit Jahren tapfer weigert, sich mit der Realität auseinanderzusetzen, die nun einmal nicht in Flüchtlingsmorden durch BRD-Gesetzeshüter besteht, sondern gerade in Bremen durch umkippende Stadtteile und kriminelle Gangs wie den Miri-Clan gekennzeichnet ist, dann kann man über dieses sozialpädagogische Machwerk von präsenilen 68ern und ihren Erziehungsprodukten nur müde und leicht angewidert den Kopf schütteln. Nicht umsonst weist die PISA-Studie für Bremen das mieseste Ergebnis aus.

Wer zudem Jean Raspeils (sic!) politisch inkorrektes aber durchaus visionionäres „Heerlager der Heiligen“ gelesen hat, würde Frau Postel und ihren Trupp von Realitätsverweigerern rasch wiedererkennen.

Klingt doch gut, oder? Mal davon abgesehen, dass das der Autor erstens Jean Raspail heißt und sein 1973 erschienener Roman „Le Camp des Saints“ ein rechtsradikales Machwerk sondergleichen ist, in dem die Menschheit vor allem deswegen untergeht, weil einem alles vernichtenden Schwarm von Elendsflüchtlingen nicht nachdrücklich genug Einhalt geboten wird, ein Roman, der in der Bundesrepublik im einschlägigen Grabert-Verlag erscheint. Darf man trotzdem zitieren, wenn es nur gegen die Political Correctness geht, das liebste Feindbild alter wie neuer Konservativer sowie angeblicher Querdenker. Ach, all diese Deppen, die glauben, wir hätten 1529 statt 2011, die Türken stünden vor Wien und Europa werfe sich der drohenden Zwangsislamisierung freudig in die Arme.

Netter Nationalismus. Mich schüttelt es, und bevor ich für Lena juble, höre ich doch lieber mal wieder Knarf Rellöms „Arme kleine Deutsche“: „Ich wollte mal sagen, endlich haben wir Deutschen wieder ein positives Verhältnis zu unserem eigenen Land und zum Patriotismus.“ – „Ich muss sagen, ich fand die Verkrampfung schöner.“

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C. mag Olli Schulz nicht. Weil: „Ich kenn‘ den noch, von damals, als er immer im Grünen Jäger aufgelegt hat, da war der Typ schon immer so unglaublich arrogant!“ Ach, ich verstehe C., ich mag Olli Schulz auch nicht, habe ich auch schonmal geschrieben: konventionell finde ich ihn, rockistisch, sterbenslangweilig. Zumindest, wenn er mit Band auftritt, die dann versucht, möglichst passgenau US-amerikanische Songstrukturen nachzubauen, der deutsche Springsteen.

Weil Olli Schulz aber vergangenen Montag im Knust ohne Band unterwegs war, ganz alleine mit Akustikgitarre, weil er hier Raum hatte, dem Publikum zu schmeicheln, Witze zu erzählen, die keine Witze waren, rumzudengeln und den Loser mit Herz zu spielen, schlicht: eine Art Mike Krüger ohne CDU-Parteibuch zu sein, deswegen war der Montag doch ein recht schöner Abend. Auch wenn Onkelz-Fans und Indiemädchen natürlich ein einfaches Feindbild sind, ein viel zu einfaches Feindbild.

[vimeo 9756535]

Vor fünf Jahren habe ich Jonathan Meese fürs uMag interviewt (Leider nicht online, schade, das Gespräch ist lesenswert). Das war die Zeit, als Meese gerade durch die Decke ging, nach „Képi Blanc, nackt“ in der Frankfurter Schirn, kurz vor „Mama Johnny“ in den Hamburger Deichtorhallen. Ein kommender Star. Entsprechend wollte ich mit ihm über Geld sprechen, das fand ich spannend, in einer Zeit, in der der internationale Kunstmarkt geil auf Deutsches war, mit jemandem zu reden, der diese Geilheit befriedigte und der sich, so dachte ich, das auch entsprechend bezahlen ließ. Das Interview war lustig, das Interview war wirr, das Interview war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte: Meese behauptete mehr oder weniger, dass er sich kaum für Geld interessiere, dass er aber nicht nein sagen würde, das auch nicht könne, jede Anfrage sei ein Input für ihn, eine Inspiration, also versuche er, die Anfragen zu bedienen. Und dafür gebe es dann Geld, in Gottesnamen, das „sammle“ er dann. Das war ein Stück weit Pose, sicher, aber im Großen und Ganzen habe ich ihm geglaubt, ich glaube ihm immer noch.

Und jetzt wirbt Jonathan Meese für die Bild.

Wir sind Helden haben sich dieser Werbung verweigert und damit Anerkennung geerntet, auch über den eingeschworenen Fankreis hinaus. Vor allem hat die Neohippie-Band mit ihrer Verweigerung offen gelegt, wie die Bild-Kampagne überhaupt funktioniert: Promis (Jonathan Meese! Ein Promi!) werden gebeten, ihre ehrliche Meinung zu dem Printprodukt aus dem Hause Springer zu aufzuschreiben, das entstandene Werk wird daraufhin unverändert vergrößert und prominent plakatiert. Geld bekommen die Testimonials nicht, im Besten Falle ist die Werbung ein Gewinn für beide Seiten: Der Promi wird noch ein Stück prominenter (und kann in der Antwort seine Kreativität und seinen Humor beweisen), Bild inszeniert sich als tolerant, kritikfähig, diskussionsbereit. In der Realität ist es hingegen so, dass zumindest bei mir Promis unten durch sind, sobald sie auf den Bild-Plakaten auftauchen, Gottschalk, Lahm, Schweiger, okay, die gehen ohnehin nicht, aber: Richard von Weizsäcker, war das nichtmal einer von den Guten? Anscheinend nicht.
Und jetzt Jonathan Meese. Taucht mit einem eher lieblos hingeschluderten Heavy-Metal-Artwork auf, blökt in Abwandlung zum Kampagnen-Spruch „Bild dir deine Meinung“ den Meese-Klassiker „Die Diktatur der Kunst braucht keine Meinung“ und ist augenscheinlich ein Künstler, bei dem die Werber sogar Bild-Lesern zutrauen, etwas mit ihm anfangen zu können. Macht mich traurig, einerseits. Andererseits: Meese war für mich ohnehin überkommuniziert, etwas mit ihm machen hätte ich längst nicht mehr gekonnt, eigentlich kann es mir egal sein. Und ihm ist es wohl auch egal, er konnte halt mal wieder nicht nein sagen.

Auf St. Pauli tauchen seit kurzem Plakate auf, die optisch an die Bild-Kampagne angelehnt sind. Sie stammen von der Anwohnerinitiative No BNQ und wenden sich gegen den Gentrifizierungsprozess, der dem Viertel seit einiger Zeit schwer zu schaffen macht. Die Plakate zeigen Protagonisten aus dem Viertel, ganz normale Einwohner einerseits, Künstler und damit irgendwie auch Promis andererseits (St. Pauli ist Bohème, das lässt sich ja auch nicht wegdiskutieren). Und von einem Plakat grinst Melissa Logan vom Allround-Kunst-Kollektiv Chicks on Speed. Die passt da hin, klar, sie repräsentiert St. Pauli gut. Aber glücklich macht es einen nicht, dieses Plakat zu sehen. Weil Logan nämlich aus einer ähnlichen Szene kommt wie Meese, beide waren im erweiterten Umkreis des Hamburger Theaters Fleetstreet, beide haben eine ideelle Nähe zur Hafenstraße. Nur gibt die eine jetzt ihr Gesicht für eine Anwohnerinitiative her.
Und der andere seines für Bild.

Ich bin mir so unsicher. Bei jeder Gelegenheit betonen Polizei und Verfassungsschutz, dass rechte Gewalt ja wohl gleich schlimm sei wie linke Gewalt, und die freundlichen Helfer von Springer beten das sofort nach: Keinesfalls dürfe man auf dem linken Auge blind sein, man sehe ja schon an den ständigen Autobränden, wie böse diese Linken sind. So. Nur in Hamburg nicht. In Hamburg sprechen alle von „erlebnisorientierten Jugendlichen“, die voll unpolitisch auf die Kacke hauen würden. Selbst Bild, sonst ein enger Freund der Rechts-Links-Austauschbarkeit, schrieb vor einem Jahr (Normalerweise wird dieses Blatt auf meinem Blog nicht verlinkt, hier aber doch, von wegen Quellenangabe. Guttenberg vergaß das ja, ach, ich bin mir so unsicher):

Viele der rund 1500 Störer haben gar kein Interesse an der links-politischen Ausrichtung des Schanzenviertels. Sie kommen nur zum Randalieren. Unter den 42 Festgenommenen ist nicht einer, der im Viertel lebt. Die meisten sind laut Polizei „erlebnisorientierte Jugendliche“, viele haben Migrationshintergrund, waren auffällig gut gekleidet.

Was soll das? Wollen die Konservativen gerade in Hamburg, gerade im Schanzenviertel bloß nicht den Eindruck aufkommen, da hätte jemand womöglich ein berechtigtes Anliegen und würde nur die falschen Mittel wählen? „Erlebnisorientierte Jugendliche“, das sind doch nur Bengel, mit denen man sich nicht weiter zu beschäftigen braucht, denen gibt man ein paar hinter die Ohren und schickt sie dann nach Hause, nein? Oder was? Und: Wie stehe ich eigentlich zu diesen Leuten? Sind das Linke? Oder wirklich dumme Kinder? Ich bin mir so unsicher.

Ich weiß doch gar nichts. Grundsätzlich finde ich ja gut, wenn darauf hingewiesen wird, dass das Schanzenviertel, überhaupt: die Innenstadt, kein kommerzieller Raum ist, dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass Mövenpick ein Luxushotel in einen denkmalgeschützten Wasserturm baut, mitten im Naherholungsgebiet für die Anwohner. Dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass die Rote Flora zum Objekt von Immobilienspekulation wird. Dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass die Stadt, ihr Lebensraum, geprägt wird vom Kapital und sonst von nichts. Ich finde gut, wenn man sich wehrt.
Aber: Wehrt man sich, indem man gewalttätig wird? Funktioniert das überhaupt, ist nicht die Staatsmacht in jedem Fall stärker, haben die nicht Knüppel, wenn wir Fäuste haben, haben die nicht Knarren, wenn wir Knüppel haben, haben die nicht Panzer, wenn wir Knarren haben? Mal ehrlich?
Ähnlich ist die Sache mit den brennenden Autos. Was soll das denn bringen? Das soll das bringen: Verunsicherung der Herrschenden. Denen zu sagen, dass sie nicht auf Solidarität zählen können, sie sind der Feind. „Siehst du die Reichen und Mächtigen?/Lass ihre Wagen brennen“ singt Jochen Distelmeyer, und bei dem muss man natürlich fünfmal um die Ecke denken, um zu kapieren, was er eigentlich meint. In einer Großstadt braucht man kein Auto, wer doch eines hat, der betreibt damit ein Zeichenspiel der sozialen Segregation, ja? Und ist das wirklich so? Wenn in, sagen wir, Eimsbüttel der alte Daimler vom Besuch des Nachbarn in Flammen aufgeht und durch Funkenflug der Polo von der netten jungen Frau aus dem Erdgeschoss gleich mit, ist das dann Widerstand? Die Reichen und Mächtigen, also, echt jetzt? Ich bin mir so unsicher.

Erstmals wurde eine Gruppe mutmaßlicher Auto-Brandstifter verhaftet. Und endlich sprechen die Medien auch wieder von „links-autonomen Tätern“, die Welt ist in Ordnung. Und Frau Merkel freut sich, nicht darüber, sondern darüber, dass in Pakistan ein alter, politisch anscheinend weitgehend machtloser Mann erschossen wurde. Sollen sie, zumindest wird die Welt so wieder ein Stück weit übersichtlicher.
Wird sie?