Versuchsanordnung:
1. Reisgries herstellen. So: Reis in einer Pfanne ohne Öl braun rösten und dann im Mörser zerstoßen. Wahrscheinlich ist mit „Reis“ keine Mischung aus Natur- und Wildreis gemeint, egal, insbesondere der Wildreis gibt sich störrisch, am Ende hat man aber trotzdem halbwegs tauglichen Gries. Wir benötigen zwei Esslöffel.
2. 500 g in kleine Würfel geschnittenes Hühnerfleisch (angeblich funktioniert es auch mit Schwein und Rind, dann heißt das Gericht aber Larb Moo beziehungsweise Larb Nua. Ich hielt mich ans Hähnchenbrustfilet) mit vier (in meinem Fall riesigen) fein gehackten Frühlingszwiebeln und drei in dünne Scheiben geschnittenen Schalotten kurz in wenig Öl anbraten. Mit einer halben Tasse Hühnerbrühe (ich nahm den Brühwürfel aus dem Ökoladen, selbst gemacht schmeckt’s wahrscheinlich besser, aber, ach!) ablöschen. Würzen: mit je einem kleinen Bund Minze und Koriander (jeweils fein geschnitten), einer halben getrockneten Chilischote (ebenfalls fein geschnitten. Was soll ich sagen: Man schmeckte sie raus, aber höllisch scharf war’s nicht. Eine ganze Schote wäre vielleicht besser gewesen), drei bis vier Zitronenblätter (zwischen den Fingern mehr oder weniger zerkleinert), dem Saft einer halben Limette, eineinhalb Esslöffeln thailändischer Fischsauce und ein bis zwei Esslöffeln Chilipulver. (Eigentlich sollte auch noch eine klein geschnittene Stange Zitronengras rein, die ich auch besorgt, dann aber vergessen habe.) Reisgries zugeben. Köcheln, bis das Fleisch durch ist.
3. Mit Reis (authentisch wäre Klebereis, ich nahm die bereits erwähnte Mischung aus Natur- und Wildreis) servieren.

Ergebnis: Optisch ging das gar nicht. Sah aus, als hätte ich Fleisch und Zwiebeln in Spülwasser geworfen. Geschmacklich aber durchaus spannend: eine Mischung aus sauer und scharf, tricky. Nachwürzen muss man praktisch gar nicht, trotz des Verzichts auf Salz. Das nächste Mal vergesse ich das Zitronengras nicht und traue mich an mehr Chili, dann wird das. Für die Optik vielleicht: ein paar kurz angebratene Schnitte roter Paprika?

Gesamtnote: 2

25. Juni 2011 · Kommentare deaktiviert für Und Boris Blank isst eine Brezel · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , , ,

Als Teenanger hörte ich manchmal die Schweizer Band Yello. Die schnellen, hektischen Titel, „Oh Yeah“, „Rubberbandman“, „The Race“, den einzigen echten Chartshit in der Bundesrepublik. Wobei ich diese Songs nicht als Techno-Vorläufer wahrnahm, auch nicht als Tribal-Exegese, sondern nur als lustige Rhythmusexplosion. Die andere, jazzige Seite Yellos, Songs wie „Desire“ oder „The Rhythm Divine“, fand ich schon damals langweilig, auf Plattenlänge aushalten mochte ich das Duo ohnehin nicht. Heute interessiert mich ein Stück wie das schnelle „Bostich“ gar nicht mehr, dafür finde ich „Desire“ plötzlich spannend, was wohl bedeutet, dass ich ein alter Sack geworden bin, der gerne ruhige Sachen hört, weil er mit ungestüm jugendlicher Rhythmik nicht mehr klar kommt.

So gesehen ist es ein wenig blöde, dass bei Dieter Meiers Ausstellungseröffnung in der Hamburger Sammlung Falckenberg lauter Videos zu schnellen Songs laufen. Was andererseits aber auch Sinn macht, weil der Sänger von Yello in diesen Promovideos eine Stopmotiontechnik anwendet, die selbstgemacht wirkt und gleichzeitig auch ausreichend Kunstcharakter hat, dass sie problemlos als Übergang zum Werk Meiers als Bildender Künstler funktioniert.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=F7-wSiuAvCo]

Dieter Meier ist bei Yello zuständig für Texte, Sprechgesang und alles Visuelle. Boris Blank ist zuständig für alles Musikalische. Das zerhackt zwar ein wenig das Rockband-Modell, das Ideal „Fünf Freunde müsst ihr sein“, das eröffnet Meier aber gleichzeitig auch eine Möglichkeit, mehr als nur Popmusiker zu sein: Filmemacher. Bildender Künstler. Konzeptkünstler. Wobei ein Teil dieser Konzeptkunst dann das Konzept „Band“ sein kann. Ein anderer wäre typische 70er-Jahre-Aktionskunst im öffentlichen Raum, das Beschreiten einer Linie im Stadtraum etwa, oder Meiers bekanntestes Werk im Kunstkontext, die Erstellung einer Tafel in Kassel zur documenta 1972 mit der Aufschrift „Am 23. März 1994 von 15.00-16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen“ und der Umsetzung dieser Ankündigung, 22 Jahre später. Oder aber: das Geschichtenerzählen. Meier ist ein großartiger Fabulierer, der eine hinreißende Fotoreportage zur Besteigung des fiktiven „Monte Dorado“ erstellen kann und dabei den subversiven Schalk eines Erwin Wurm ausspielt, schön.

Zur Vernissage aber spielt Maier plötzlich wieder den Chansonnier, er ist ein älterer, gepflegter, ein wenig skurriler Protoschweizer mit leichtem Gilbert & George-Touch, ein lebendes Kunstwerk, das sich ans Mikro stellt und tatsächlich singt, begleitet von Gitarre und Violine. Yello-Sidekick Boris Blank derweil, der Mann für Samples und Maschinen und Dekonstruktion des Popduo-Konzepts, steht im Publikum und isst eine Brezel. Ganz kurz denkt man sich: Vielleicht weint er gerade.

Nach dem Abitur wählte ich meinen Studienort nach dem Ausschlussverfahren. Entgegen kam mir, dass man Theaterwissenschaften damals ohnehin nur an einer Handvoll Unis studieren konnte, die reduzierten sich von selbst. Hamburg: zu weit weg von der Heimatstadt. München: zu nah an der Heimatstadt. Erlangen: zu klein. Berlin: zu groß. Bayreuth: zuviel Wagner. Köln: zuviel Pappnasen. Gießen: Ich hatte weder Ahnung, wo das lag, noch, was mich dort für Menschen erwarten würden.
Übrig blieb: Bochum. Und im Hintergrund sang Herbert Grönemeyer ein altes, dummes Lied.

Jeder hat Sehnsuchtsorte. Manchmal sind diese Orte Klischees, Tahiti, New York, Paris, Venedig. Bei Tschechows „Drei Schwestern“ ist es Moskau. Und ich habe den Sehnsuchtsort Ruhrgebiet. Ich bin ein Kleinstadtkind, wahrscheinlich begeisterte mich deswegen immer schon schiere urbane Größe, und über fünf Millionen Einwohner, das war im Vergleich zu den gerade mal 100000 meiner Heimatstadt doch eine ziemlich gewaltige Hausnummer (ich nahm das Ruhrgebiet immer als eine einzige Großstadt wahr, ignorierte, dass Dortmunder nichts mit Bochumern zu tun haben wollten, Bochumer nichts mit Essenern und Essener nichts mit Duisburgern). Außerdem war ich immer schon begeistert von Industrie, und Industrie hatten sie dort durchaus, nahm ich an (zumindest solange der Strukturwandel nicht voll durchschlug). Und schließlich litt ich unter dem Baden-Württembergischen Konservatismus, zu dem ich im sozialdemokratischen Pott ein Gegenbild sah, im Grunde meines Herzens sehe ich das sogar heute noch so. Diese Begeisterung fürs Ruhrgebiet ist relativiert, verschwunden ist sie nicht. Mir geht immer noch das Herz auf, wenn ich kurz hinter Lünen den ersten Förderturm sehe.

Ich studierte nicht in Bochum. Tatsächlich landete ich erst in Tübingen und dann in der Stadt ohne Eigenschaften, in Gießen, ich blieb dem Kleinstädtischen treu. Der Hesse sagt: „Mr waas ned, wofür es gud is'“, man weiß es nicht. A. auf jeden Fall zog nach Dortmund, immer wieder war ich daraufhin im Ruhrgebiet, immer wieder war ich begeistert, vom Urbanen, vom Dreckigen, vn den rußschwarzen Fassadaden. Ich schaute Fußball, ich ging ins Bochumer Schauspielhaus, ich kickerte und rauchte und trank, und frühmorgens fiel ich in frühe Straßenbahnen. Das Ruhrgebiet blieb mein Tahiti.

Tatsächlich habe ich nie wirklich im Ruhrgebiet gewohnt, sieht man einmal von einem Monat theoretischer Journalistenausbildung in Hagen ab. Ich war nur immer wieder dort, in dieser eigenartig provinziellen Riesenstadt, in dieser Industrieregion mit von Besuch zu Besuch weniger Industrie, in diesem fußballverrückten Vorort, der gar kein Vorort war, sondern tatsächlich die Stadt, die man schon verlassen hatte, als man noch dachte, man fährt gerade erst rein. Ich fuhr ins Ruhrgebiet und war glücklich, mein Sehnsuchtsort. Werde ich vermissen, das alles.

16. Juni 2011 · Kommentare deaktiviert für Keine Zeit für spannende Beiträge · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte

Hier ist momentan wenig los. Das liegt daran, dass in meinem Leben gerade Dinge passieren, die mich sehr, sehr beschäftigen, die aber nicht wirklich verblogbar sind, zumal in einem Blog, das sich mit Kultur und Politik und Stadtleben beschäftigt. Irgendwie: keine Zeit für spannende Beiträge. Tut mir leid.

Ich hoffe, das ändert sich irgendwann mal wieder.

( )

11. Juni 2011 · Kommentare deaktiviert für ( ) · Kategorien: Uncategorized

09. Juni 2011 · Kommentare deaktiviert für Ein paar Überlegungen zur Ironiefähigkeit meiner Orgasmen · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , , ,

Und doch, ja, natürlich interessiere ich mich für Sex. Und doch, ja natürlich interessiere ich mich für deviante Körperpolitik. Und doch, ja, natürlich interessiere ich mich für Theater. Und doch, ja, natürlich bin ich der prototypische Zuschauer für ein Theaterstück wie „Libido Sciendi“ von Pascal Rambert. Gut, ich war der prototypische Zuschauer, bis eine Boulevardzeitung auf die Idee kam, die Veranstaltung als „Live-Sex auf der Bühne“ zu beschreiben und damit einen „Porno-Skandal“ lostrat, auf den nicht zuletzt die leicht erregbaren Spießbürger der Bild ansprangen. Und Kampnagel ein volles Haus bescherte, das freut einen natürlich auch. (Das unvermeidliche „Ich als Steuerzahler weigere mich, solche Sauereien zu finanzieren“-Geblöke ignoriere ich dann mal, ja?)

Das Stück selbst hat dann, klar, rein gar nichts mit einem „Porno“-Skandal zu tun. Das Stück ist so wenig Porno, wie es nur sein kann: eine leere Bühne, keine Musik, kein künstliches Licht, einzig die Dämmerung erhellt die Fabrikhalle ein wenig. Ikue Nakagawa und Lorenzo de Angelis kommen aus dem Publikum, zwei Endzwanziger in Jeans und Schlabbershirt, stehen sich gegenüber, ziehen sich betont unspektakulär aus, küssen sich, lang und tief und sehr schön. Jagen über die Bühne, verknoten sich, streicheln sich. Frieren immer wieder in ihren Bewegungen ein, würde man jetzt ein Foto machen, dann hätte das einen pornographischen Charakter, ihre Hand an seinem Schwanz, aber niemand macht ein Foto. Nach einer knappen Dreiviertelstunde ziehen sie sich wieder an, setzen sich wieder ins Publikum, Schluss. Theater wie ein Dogma-Film (wobei die Dogma-Bewegung ja ebenfalls einen Hang zum Spiel mit pornografischen Zeichen hatte, sicher).
„Libido Sciendi“ ist ein schönes Stück. „Libido Sciendi“ ist aber auch ein Stück, das einen nicht wirklich weiter bringt. Man hat zwei Menschen gesehen, die das eigene Begehren, den eigenen Umgang mit Körperlichkeit dekonstruieren, das ist klug, das ist nicht zuletzt tänzerisch auf sehr hohem Niveau, aber viel mehr als realisieren, wie Körperlichkeit funktionieren kann, macht man hier auch nicht. Ikue Nakagawa und Lorenzo de Angelis sind ziemlich attraktive Menschen, das entwickelt sich im Rückblick zum Problem für „Libido Sciendi“: Weswegen goutieren wir eigentlich Sexualität aus der Betrachterposition (also: als Voyeure) lieber, wenn die Menschen, die da vor unseren Augen Sex haben, nach konfektionierten äasthetischen Maßstäben gut aussehen? Und: Würden wir, würde überhaupt jemand hier im Publikum so gut aussehen, stünde er nackt in der Mitte dieses Raumes?
Es hilft nichts. Dass Pascal Rambert zwei gutaussehende Darsteller gewählt hat, bricht seinem Stück am Ende das Genick. Denn es ist nicht egal, wer da gerade nackt ist, es ist eine Setzung, wenn der Nackte attraktiv ist. (Der Regisseur hat da natürlich so gut wie keine Chance: Es wäre ja auch eine Setzung, hier zum Beispiel einen extrem behaarten Menschen auf die Bühne zu stellen. Die einzige Möglichkeit wäre, das Argument durch Masse zu entkräften, das Video zu „Liebe ist alles“ der anonsten gerne mal nervtötenden Band Rosenstolz geht diesen Weg, bei dem es irgendwann egal ist, ob da gerade Junge oder Alte vögeln, Dicke oder Dünne, Homos oder Heten. Nur ist das nicht Pascal Ramberts Thema.)
Diese Setzungen machen Sexualität zum Problem. Robert Gernhard sagte, dass es keinen ironischen Orgasmus gebe (zitiert nach der Riesenmaschine), was gut klingt, genau genommen aber eine Binse ist, die mehr über Gernhards Verhältnis zur Ironie aussagt als über das zu Orgasmen. Natürlich gibt es keinen ironischen Orgasmus, genauso wie es kein ironisches Abendessen gibt. Aber es gibt die ironische Darstellung eines Abendessens, und natürlich gibt es auch die ironische Orgasmus-Darstellung – Ironie in dem Sinne, dass eine Zwischenebene eingezogen wird, eine Distanzierung, ein Raum, in dem eine Überlegung über das Gezeigte, das Gesehene stattfinden kann. Das hilft bei der Auseinandersetzung, das erschwert aber auch die Darstellung, weil ab diesem Punkt alles überlegt sein will. Es geht nicht mehr, zwei Tänzer nackt auf die Bühne zu stellen, Sex auf der Bühne ist nie Sex, sondern immer nur die Darstellung von Sex.

Sehr schön in diesem Zusammenhang: Leafs hübscher Versuch im Genre Sexcomic vor zwei Monaten. Ebenfalls hübsch: was Matthias vor ein paar Tagen auf der Rückseite der Reeperbahn gefunden hat.

Foto: Vincent Thomasset

02. Juni 2011 · Kommentare deaktiviert für He lücht! · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , ,

Ihr, die ihr behauptet, ein Stadtpark würde nicht zur modernen Freizeitgestaltung passen, ihr, die ihr behauptet, die Menschen würden keinen Park wollen, sondern Eventlocations, kommerzielle Funsportareale, ihr, die ihr behaputet, die Menschen würden gerne Eintritt zahlen für den Besuch in einem Gelände, von dem sie vergessen haben, dass es ihnen doch eigentlich gehört, weil das nämlich zur Folge habe, dass diejenigen, die keinen Eintritt zahlen können oder wollen, draußen bleiben:

IHR LÜGT! IHR LÜGT! IHR LÜGT!

(Und wenn man nur mal kurz Cui bono? fragt, die klassische Krimifrage: Wer hat eigentlich etwas davon, dass zum Beispiel der Altonaer Volkspark umgestaltet werden soll zu einer kommerziellen Freizeit-, Sport- und Vergnügungsstätte?)