25. Juli 2011 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , ,

Architektur ist nicht meine Kunst. Klar, ich weiß, dass es keine künstlerische Disziplin gibt, die stärker in unseren Alltag eingreift als Architektur, dass es keine künstlerische Disziplin gibt, die sich so deutlich für eine Verzahnung von Sozialem und Ästhetik anbietet (vor einem Jahr habe ich mit meiner geschätzten Kollegin Ellen Stickel einen langen Artikel zum Thema im uMag geschrieben), trotzdem: Architektur, die schaue ich mir an, bin überwältigt, bin interessiert und habe sie schnell vergessen.

Ai Weiwei stellt im Kunsthaus Bregenz aus. Ai Weiwei, der Künstler, der für das chinesische Regime so gefährlich zu sein scheint, dass es ihn offener Repression aussetzt. Ai Weiwei zeigt in Bregenz Architekturprojekte.
Und ich, ich finde die Arbeiten spannend, eindrucksvoll, überraschend. Naja, nicht alle. Das Kunstdepot Art Farm, das Ai für einen US-amerikanischen Sammler im New Yorker Städtchen Salt Point entworfen hat, ist im Grunde eine Lagerhalle und sieht aus wie eine Lagerhalle. Das Nationalstadion in Peking hat man auch schon mehr als einmal gesehen, so dass einen die Entwürfe mehr oder weniger kalt lassen (nur kapiert man immer noch nicht, wie die chinesische Regierung die künstlerische Gesamtleitung bei einem Projekt von solch nationaler Symbolik ausgerechnet einem Mann übertragen konnte, der doch anscheinend ein Staatsfeind ist). Spannend hingegen ein Video, das zeigt, wie Ais Atelier wegen einer angeblich fehlenden Baugenehmigung abgerissen wird. Da wird ein Akt staatlicher Willkür plötzlich zu Kunst, da bekommt die Architektur (beziehungsweise die Zerstörung derselben) plötzlich perfomativen Charakter, damit kann ich etwas anfangen.

Überhaupt kommt mir Ai Weiweis Kunst in dem Moment nahe, in dem ich das Gefühl habe, dass es hier gar nicht mehr um Architektur geht, dass hier die Gattungsgrenzen plötzlich ins Schwimmen geraten. Beim Projekt Ordos etwa. Ordos, eine Millionenstadt in der Inneren Mongolei, in der 100 Architekten aus 29 Ländern unter der künstlerischen Leitung Ais ein Villenviertel entwerfen. Die Präsentation in Bregenz ist ausgefeilt, es gibt ein beeindruckendes Stadtmodell, es gibt umfangreiche Skizzen der 100 Büros, unter anderem aus der Schweiz, den USA, Indien, Indonesien. Man ärgert sich ein wenig darüber, dass es hier um Villen geht und nicht etwa um Soziawohnungen, dann aber lässt man sich auf diese Utopie einer großen Bricolage ein, findet es plötzlich ganz spannend, eine multikulturelle Architektur vor dem inneren Auge entstehen zu sehen, ein Gebäude von Makeka Designs aus Kapstadt neben einem von Lekker Design aus Singapur, warum nicht?
Und plötzlich wird man misstrauisch.
Ist das überhaupt echt? Immerhin heißt Ais Firma ausgerechnet Fake Design. Außerdem, kann das alles stimmen? Ordos, eine Stadt, von der ich noch nie gehört habe, das soll eine Boomtown sein? Eine Stadt, in der so viel Kapital vorhanden ist, dass ein Architekturprojekt von solcher Größe durchgeführt wird? Und überhaupt, die beteiligten Büros: Toshiko Mori (New York), Luca Selva (Basel), Productora (Mexiko-Stadt), das klingt nach viel, aber wo ist eigentlich die erste Liga der internationalen Architekten, wo sind Gerkan, Marg & Partner, wo ist Zaha Hadid? Gibt es dieses Projekt überhaupt? Gibt es die beteiligten Büros überhaupt? Oder ist das womöglich wirklich ein großer Fake, Kunst gewordene Utopie?
Zur Auflösung: Anscheinend existiert das Projekt tatsächlich, auch wenn die zugehörige Website momentan ein leeres Dokument ist (was allerdings auch mit den Repressalien gegen Ai zu tun haben könnte). Aber mit einem Schlag ist das gar nicht mehr wichtig. Mit einem Schlag ist man mitten in einem Gedankenspiel, hängt man in Überlegungen, inwiefern Architektur multikulturelle Utopie sein könnte. Mit einem Schlag gibt es keine Grenzen mehr zwischen Architektur und Theorie, zwischen Theorie und Aktionskunst, zwischen Aktionskunst und Spielerei, zwischen Spielerei und sozialer Verantwortung.

Und dass Ai Weiwei es geschafft hat, diese Grenzen aufzulösen, deswegen lohnt die Reise an den Bodensee. (Ai Weiwei: Art/Architecture, bis 17.10.)

Nach den Geschehnissen in Oslo, nachdem sich abzeichnet, dass der Täter ein konservativer Christ voller Hass auf Muslime gewesen sein dürfte, nach all den Toten und den Verdächtigungen wäre es doch schön, wenn die islamophoben Deppen, wenn die Hassschürer von Politically Incorrect, von SOS Österreich, wenn all die verkappten Nazis, die hier grundsätzlich nicht verlinkt werden, weil ich diese Brut nicht in meinem Blogzuhause sehen möchte, für einen Augenblick innehalten würden. Sich überlegen würden, was ihr Hass, ihr Neid, ihre Angst vor dem ach so bösen Islam mit den Anschlägen in Norwegen zu tun haben könnten.

Und ferner wäre es auch schön, wenn all meine Kollegen, die schon kurz nach dem ersten Anschlag von einem islamistisch motivierten Attentat schrieben, teilweise mit hanebüchenen Argumenten (weil Al-Qaida skandinavische Staaten nicht unterscheiden kann, legen die dummen Muslime Bomben in Oslo, obwohl sie doch eigentlich Dänemark wegen der Mohammed-Karrikaturen treffen wollten), wenn die sich entschuldigen würden. Dass die Redaktion des ZDF-Kulturmagazins Aspekte am Tag der Oslo-Attentate ausgerechnet einen Beitrag über den großartigen Islamkenner Thilo Sarrazin bringt, in dem der betont, wie gefährlich diese Religion sich in westlichen Gesellschaften breit macht, ist in diesem Zusammenhang instinktlos – wäre es zuviel verlangt gewesen, wenn ein Redaktionsleiter sich hingestellt hätte, um zu sagen: Ja, der Beitrag war zu diesem Zeitpunkt ein Fehler, tut uns leid. Doch, wäre wohl zuviel verlangt.

Ansonsten bleibt nur zu wiederholen: dass ich den Islam nicht unkritisch sehe, mir konkret aber Muslime noch nie etwas getan haben. Im Gegensatz zu Christen.

In Hamburg, der sozial homogensten Stadt der Republik, hat sich das Abendblatt, die wagnisscheuendste Tageszeitung der Republik, mal etwas richtig Mutiges getraut. Und nicht etwa ein Regierungsmitglied interviewt, sondern die Fraktionsvorsitzenden der zwei kleinsten in der Bürgerschaft vertretenen Parteien: die frohsinnsfaschistoide Katja Suding (FDP, 6,7 Prozent) und die immer ein wenig verkniffen wirkende Dora Heyenn (Linke, 6,4 Prozent). Und dieses Streitgespräch (meine Leser wissen, wie man die Springersche Bezahlschranke umgeht, oder?) ist zwar inhaltlich nichtssagend, in kleinen Details aber so spannend, dass ich daraus zitieren möchte:

Heyenn: (…) Die meisten Studierenden kommen aus wohlhabenden Familien. Durch die Einführung der Studiengebühren hat sich die soziale Struktur an den Universitäten so stark verschoben, dass wir kaum noch Arbeiterkinder an den Unis haben. Studiengebühren schrecken ab. Daher müssen sie weg. Bildung muss für jeden zugänglich sein.
Suding: Sie ist für jeden zugänglich …
Heyenn: Nein, ist sie nicht …
Suding: Wenn ich es nicht schaffe, nach dem Studium einen Job zu finden, der mich in die Lage versetzt, die Studiengebühren zurückzuzahlen, dann muss ich es (sic!) auch nicht zurückzahlen.
Heyenn: Wovon träumen Sie? Wissen Sie eigentlich, wie es den Uni-Absolventen geht? Die müssen ein Praktikum nach dem anderen machen, die haben prekäre Beschäftigungsverhältnisse, viele gehen ins Ausland. Die haben nicht die Auswahl an tollen Jobs.
Suding: Die Arbeitslosenzahlen sinken, wir steuern auf einen massiven Fachkräftemangel zu, junge Menschen werden schon an den Unis mit Arbeitsverträgen geködert. Die Leute werden alle irgendwelche Jobs bekommen.

Diese Passage ist deswegen so spannend, weil beide Seiten von ihrer Warte aus Recht haben. Und weil sie Recht haben, können sie ab diesem Punkt auch nicht mehr aufeinander zugehen: Soll Suding etwa eingestehen, ja, das marktwirtschaftliche System ist zutiefst ungerecht, wir müssen da etwas ändern? Und darauf nicht sofort aus ihrer marktradikalen Partei austreten? Soll Heyenn eingestehen, ja, der Wirtschaft scheint es aus irgendwelchen Gründen besser zu gehen, am Besten, wir vertrauen in solch einer Situation auf die Marktkräfte, sehen die Uniabsolventen in “irgendwelchen Jobs” (Suding) unterkommen und vergessen bis auf weiteres das (um ehrlich zu sein: letzte) linke Ziel der Emanzipation des Menschengeschlechts.
So langweilig sich dieses “Streitgespräch” liest, so deutlich wird: Da sind zwei, die streiten gar nicht. Da sind zwei, die haben sich einfach nichts zu sagen.

Ich fürchte, das wird so weiter gehen. Auf lange Sicht wird man sich immer weniger zu sagen haben, Politik wird immer weniger ein Geschäft des Ausgleichs, eine Suche nach Kompromissen sein. (Wie sollte ein Kompromiss zwischen Suding und Heyenn aussehen? Und würde man sich den überhaupt wünschen?) Die Gesellschaft wird sich viel stärker fragmentieren als sie es heute schon ist, irgendwann gibt es nur noch beim Fußballgucken eine Einheit, bald nicht mal mehr da. Und das parlamentarische System beinhaltet nicht mehr den Austausch von Argumenten. Wahlen sind dann ausschließlich dazu da, die Gesellschaft in Gruppen aufzuteilen; bei Wahlen wird definiert, welche Gruppe die andere unterdrücken darf.

Und dann wird es blutig.

Voll zum Mainstreamhörer habe er sich entwickelt, erzählt C. “Ich höre Musik, die mich sofort kriegt. Ich will nach Hause kommen, das Radio einschalten, und der Song soll mich in den ersten Sekunden kicken.” Keinen Platz mehr hat C. für sich langsam entwickelnde Musik, keinen Platz für Ja, Panik, die eine ganze CD und ein ganzes Konzert benötigen, um ihren Songkosmos zu entwickeln. Mainstreamhörer.

Ich höre keinen Mainstream. Also, ich höre keinen Mainstream als Genre, tatsächlich habe ich während der vergangenen Monate ohnehin aufgehört, meinen Geschmack an Genres auszurichten, längst tauchen in meiner Playlist nicht mehr nur die erwartbaren Elektroindiepopper auf, längst höre ich Soul, Weltmusik, Rock. Und, immer noch, Elektroindiepopper, klar, warum nicht. Was ich nicht höre, sind Bands, die strukturell im Mainstream stehen.
Strukturell im Mainstream, damit meine ich, dass die Bands, die ich höre, nicht aufs große Publikum ausgerichtet sind. Nicht bei großen Plattenfirmen veröffentlichen, nicht im Radio laufen. Das hat nur am Rande damit zu tun, dass ich meine Liebe nicht mit der großen Masse teilen möchte, das hat in erster Linie damit zu tun, dass ich den Überblick behalten möchte: Wer hat hier mit wem zu tun? Besteht das Risiko, dass jemand von den Leuten, denen ich heute noch zujuble, morgen schon Werbung für Springer macht? Und: Was macht der eigentlich mit dem Geld, das ich für eine CD, für ein Ticket ausgebe? Weiß jemand, was eine Plattenfirma dafür zahlt, dass ihr Künstler in den Playlists des Formatradios auftaucht? Und rechnet jemand mal nach, wieviel Geld dann im Marketingetat versickert, Geld, das doch eigentlich der Künstler bekommen sollte?
Und weswegen sollte ich eigentlich den Folkpop der formatradiokompatiblen Amy Macdonald hören, wenn ich ebenso gut die musikalisch ganz ähnlich verortbare Kristin Hersh hören könnte?

Das sind keine Geschmacksfragen. Und es sind keine Musikfragen. Natürlich sind die Comics von Flix klug, künstlerisch anspruchsvoll, aus dem Leben gegriffen. Aber Flix veröffentlicht beim Verlagsriesen Carlsen, Kati Rickenbach hingegen arbeitet inhaltlich und formal ganz ähnlich und veröffentlicht in der kleinen Edition Moderne. Tut mir leid, da ist klar, wem mein Herz gehört. Und das lässt sich weiter treiben, ins Kino, in die Medien (weniger zu Theater und Kunst, weil die viel stärker durch die öffentliche Hand finanziert werden. Da sind die Marktstrukturen längst nicht so mächtig, als dass sie einen Mainstream definieren könnten). Natürlich schaue ich lieber einen kleinen Berliner-Schule-Film im selbstorganisierten Hinterhofkino an als einen Blockbuster im Multiplex, auch wenn ich weiß, dass es formal ungemein interessante Blockbuster gibt. Schlicht, weil ich den Überblick behalten möchte. Muss.

Und dann gibt es eben auch Bands, die musikalisch sehr leicht zugänglich sind, die auch C. nach wenigen Sekunden kicken würden, die aber dennoch kaum im Radio stattfinden, weil sie strukturell nicht im Mainstream stecken: Wir sind Helden, Hellsongs, nur als Beispiel. Die schätze ich, auf jeden Fall. Bloß die Masse schätzt sie nicht. Die kennt sie ja nichtmal. (Und das Beispiel Wir sind Helden kommt da natürlich an seine Grenzen, keine Ahnung, wie die das geschafft haben, mit ihrem Riesenerfolg.)

(Das Bild oben ist entstanden beim ersten Dockville-Festival 2007. Ganz weit weg vom Mainstream, heute immer noch. Schön.)

Wie das klappen konnte, ist mir auch heute noch nicht klar. Also, wie der Wachmann uns am Eingang zum Museumspark abpassen konnte und informieren, dass der Park leider geschlossen sei: „Gehen sie rein, schauen sie sich um, und wenn sie fertig sind, dann klettern sie einfach über den Zaun.“ Und dann schloss er das Tor hinter uns, keine Ahnung, wie das funktionieren konnte.

Wir haben 1999, und S. möchte einen Artikel schreiben: über einen Kunstparcours, der im Museumspark Rüdersdorf aufgebaut ist. Rüdersdorf ist eine Ortschaft am östlichen Stadtrand Berlins, und der Museumspark ist ein ehemaliger Kalksteinbruch mit der entsprechenden Verarbeitungsindustrie, der zum Großteil in den 60er Jahren aufgegeben wurde. Ein riesiges Gelände, teilweise von der Natur überwuchert, Kalköfen und Lagerhallen und Steinbrüche, unübersichtlich und wild, damals zumindest noch, Ende der Neunziger. Die Kunst ist, das merken wir schnell, nicht der Rede wert. Aber das Gelände ist großartig. Wir steigen über einen Zaun, schlagen uns durch ein Gestrüpp, klettern ein paar Meter auf ein bedenklich wackelndes Stahlgerüst, bekommen dann aber Angst und klettern wieder runter, hauen uns durch eine weitere Hecke und stehen an der Abbruchkante.
Es ist großartig. Vor uns geht es in die Tiefe, ein paar Pfützen, irgendwo ein Teich, weit drüben, auf einer Anhöhe: ein paar Autos. Schrottkisten, Geländemotorräder, wir hören Musikfetzen, Onkelz, würd’ ich sagen. Wir kriegen uns nicht mehr ein, brauchen ein paar Minuten, um uns loszureißen, an den Schachtöfen vorbei, an einem Tunnel, der anscheinend einen Kanal zur Spree darstellt, zu einer Halle. Einer riesigen Halle, alles ist hier riesig, alles ist leer und einsam. Und nichts ist abgesperrt. Drinnen: eine Leiter, die auf ein Gerüst führt, unterm Dach. Wir klettern rauf und gehen ein paar Meter, das ist nicht gefährlich, es gibt ja ein Geländer. Ja? Plötzlich erscheint uns das Geländer nicht mehr wirklich Vertrauen erweckend, langsam, ganz langsam drehen wir uns um, Gott, ist das eng hier oben, ganz langsam setzen wir einen Fuß vor den anderen, zurück zur Leiter. Keine Ahnung, wie wir das überlebt haben.

Keine Ahnung, wie das funktionieren konnte.

Ich war seither nicht mehr in Rüdersdorf. Aber ich glaube, das Gelände wiederzuerkennen, im Video zu “Easy Leasing Superstar” von Le Hammond Inferno, auch schon über zehn Jahre her:

Es gibt solche Orte nicht mehr, nicht in Deutschland. Ferropolis in Sachsen-Anhalt: eine Eventlocation. Der Landschaftspark Duisburg-Nord: ein Spielplatz. Der ehemalige Brauturm der Dortmunder Union-Brauerei, das Dortmunder U: ein Kreativzentrum. Die gefluteten Tagebaue in Sachsen: ein Naherholungsgebiet namens Leipziger Neuseenland. Das ist alles gut, ich möchte das Museum am Ostwall nicht missen, auch dass der Museumspark Rüdersdorf mittlerweile mit Sicherheit professionalisiert arbeitet, dass mit Sicherheit niemand mehr unbeaufsicht aufs Gelände darf ist eine gute Sache. Wie gesagt, ich wundere mich immer noch, dass wir diesen Ausflug überlebt haben, und ich bin mir sicher, hätten sie so weiter gemacht, dann wäre irgendwann einmal jemand in einen ungesicherten Schacht gestürzt.
Und trotzdem bin ich traurig, und trotzdem fehlt mir jetzt etwas.
Mir fehlen die ungesicherten Orte. Industrieruinen, Abbruchhäuser, Urwälder. Einen Hauch dieses Ungesicherten spüre ich noch, jedes Jahr im August, beim Dockville-Festival in Hamburg-Wilhelmsburg. Musik hörend, zwischen aufgelassenen Hafenbecken, verlassenen Conatinerstellplätzen, runtergekommenen Lagerhallen. Aber jedes Jahr spüre ich weniger Zauber, jedes Jahr ist die Gegend aufgeräumter, jedes Jahr hat sich die Internationale Bauausstellung weiter vorgewagt, auf die Elbinsel Wilhelmsburg, auf diesen vergessenen Flecken Hamburg, der langsam aber sicher markiert wird, gesichert, eventisiert.

Das ist nicht schlimm. Aber etwas fehlt mir.

Wenn ein politischer Begriff gleichzeitig von Silvio Berlusconi (Popolo della Libertà), Jörg Haider (Freiheitliche Partei Österreichs) und Guido Westerwelle (FDP) für sich reklamiert wird, wenn dieser Begriff kulturell darüber hinaus von südtiroler Halbrechtsrockern, einer intellektuell verbrämten anarchokapitalistischen Zeitschrift und Berliner antiislamischen Spießern als sinnstiftend angesehen wird, dann braucht sich niemand zu wundern, dass ich alles, was in Zusammenhang mit diesem Begriff genannt wird, von Herzen ablehne.

Freiheit ist für mich ein absolutes No-go. Freiheit, das meint für mich die Freiheit weniger Besitzender, den vielen Besitzlosen ihren Willen aufzudrücken.

“Du wärst auch ein guter Nazi geworden”, meint Frau K., als ich mich über die bescheurten Hamburg Harley Days aufrege. Ja, ich rege mich darüber auf, dass sich ein paar provinzielle, dickbäuchige, reaktionäre Dösbaddel die Freiheit nehmen, ein Wochenende lang den Stadtbewohnern die Luft zu verpesten. Und es gefällt mir nicht, deswegen als Nazi beschimpft zu werden.
Norberto Bobbio zeichnet in seinem Buch “Rechts und Links” (1994) eine Skala, in der er politische Rhetoriken miteinander vergleicht. Bobbio kommt zu dem Schluss, dass jemand auf dieser Skala umso weiter links steht, je stärker er das Motiv der Gleichheit betont – und umso weiter rechts, je wichtiger ihm das Motiv der Freiheit ist. Wenn man Bobbio ernst nimmt, dann sollte man einen Gegner der Freiheit also nicht unbedingt als Nazi bezeichnen. (Ich, übrigens, beschäftigte mich 1994 erstmals mit Bobbio. Und ich war entsetzt – frisch ans Institut für Politikwissenschaft gewechselt und geflasht von der ungleich größeren Freiheit, die Sozialwissenschaftsstundenten im Vergleich zu denen am stark verschulten Matheinstitut gewährt wurde.)
Und hier gerate ich in eine Problemzone, aus der ich nicht so ohne Weiteres rauskomme. Jedes politische Nachdenken sagt mir, dass Freiheit als Kategorie abgelehnt gehört. Aber gleichzeitig bin ich ein großer Freund individueller Freiheit. Ich fand mein Studium in seiner Unordnung und mangelnden Formierung klasse, ich bin entsetzt, wie durch die Umsetzung des Bologna-Prozesses die Strukturen an den Unis immer verschulter und damit unfreier wurden. Ich schätze politische Freizügigkeit, wegen meiner könnte die noch deutlich weiter ausgebaut werden, auf europäischer, gerne auf internationaler Ebene, bis jetzt bin ich aber schon dankbar, von Baden-Württemberg nach Hessen, von Hessen nach Berlin, von Berlin nach Hamburg ziehen zu können, ohne dass mir nennenswerte Steine in den Weg gelegt werden. Gleichzeitig finde ich toll, dass übergeordnete moralische Institutionen, vulgo: Kirchen, mir nicht mehr vorschreiben können, wann ich mit wem wie schlafen darf. (Dass die Kritik an dem in jeder Hinsicht kritisierbaren Guido Westerwelle oft einen homophoben Unterton bekommt, lässt mich fast zum FDP-Wähler werden. Aber nur fast.) Schließlich werde ich immer an vorderster Front die Freiheit der Kunst verteidigen, Gewalt, Pornografie, immer her damit! Und trotzdem ist Freiheit nicht grundsätzlich erstrebenswert.

“Liberté, egalité, fraternité” waren die Ideale der französischen Revolution. Wer heute die politische Freiheit auf seine Fahne schreibt und sich damit indirekt auf diese Revolutionsideale beruft, vergisst in der Regel, dass mit dieser gleichwertig auch Gleichheit und Brüderlichkeit genannt sind. Und nimmt an den Harley-Days teil, strunzdumm und selbstgerecht und aggressiv: Ich bin so frei. Als gestern die Idioten des Schlagermove die S-Bahnen vollkotzten, Vorortschwachköpfe jenseits von Stil, Anmut oder Coolness, war mir klar: Nein, ich will nicht leben und leben lassen. Ich will, dass diesen Idioten ihr Idiotenvergnügen verboten wird, voll autoritär. Weil sie nicht einmal kapieren, dass die Freiheit zu diesem Vergnügen in seiner ästhetischen Armseligkeit ein Widerspruch ist zu Gleichheit und Brüderlichkeit. Oder, um mit einem Lied des großen Rocko Schamoni zu antworten: “Ihr seid zu dumm, um frei zu sein.”

Das eigentlich immer empfehlenswerte Magazin Dummy übrigens beschäftigt sich in seiner aktuellen Ausgabe mit Freiheit. Unter anderem schreibt Tobias Moorstedt einen klugen Essay (PDF-Download) über die Ideologiesierung des Freiheitsbegriffs in den USA und entsprechende Tendenzen in der Anti-Political-Correctness-Bewegung hierzulande:

Freiheitsberaubung lautet der Vorwurf, mit dem Abgeordnete und Strategen aus den Thinktanks gegen Krankenversicherung, Umweltbehörde und nationale Notenbank, gegen Bankregulierungsgesetze, Waffenscheine und Steuern im Allgemeinen auf die Barrikaden gehen.

Tolles Heft.