30. September 2011 · Kommentare deaktiviert für Nicht fassbar, der böse Mainstream · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,


„Ein erfolgreiches Theaterprogramm macht sich leicht“, meint Festivalkurator Matthias von Hartz (im Rahmen dieses Gesprächs). „Für ein erfolgreiches Theaterprogramm brauche ich erstmal viel Geld, mit dem lade ich Batsheva ein, und schon habe ich drei Abende lang ein ausverkauftes Haus.“ Es ist eindeutig, dass von Hartz seinen Kuratorenjob anders versteht (was ihn nicht hinderte, Batsheva selbst schon zum Hamburger Sommerfestival einzuladen, vor zwei oder drei Jahren, ein beglückendes Erlebnis).

Und, ja, die Batsheva Dance Company aus Tel Aviv ist Mainstream. Tanz, der ein großes Publikum erfreut, ohne auch nur einmal unter Niveau zu unterhalten. Die erste Viertelstunde des Gastspiels „Sadeh21“ auf Kampnagel: eine Feier des trainierten Körpers, unironisch, perfekt, mehr Sport als Lust. Aber, klar, ich feiere mit, gleichzeitig bin ich schon jetzt ein wenig gelangweilt, weil, ich weiß ja schon, was als nächstes kommt, gleich tritt ein weiterer durchtrainierter Tänzer auf und zeigt eine atemberaubend tolle Bewegungsfolge, gerade kam einer von links, gleich dürfte also einer von rechts kommen. Und dann kommt einer von rechts. Toll.
Aber dann. Gibt es plötzlich leichte Irritationen, trägt eine Tänzerin plötzlich einen unvorstellbar hässlichen Badeanzug, überhaupt: die Kostüme! Trendfarben, sexy, sicher. Aber auch einen Tick zuviel, Sportklamotten, die die hippen Scheußlichkeiten der aktuellen American Apparel-Kollektion nachzeichnen. Plötzlich schweben die Tänzer im Abendkleid über die Bühne, plötzlich bildet das Ensemble einen Tanzkreis von schreiendem Kitsch, hält sich an den Händen, um Himmels Willen! Plötzlich ist das, was diese Frauengruppe da vorne macht, gar keine ausgefeilte Choreografie mehr, plötzlich ist das, hüstel, Luftgitarrenspiel.
Das ist alles kein Witz, klar. Dass ein Tänzer seiner Partnerin an einer Stelle mit einer harschen Bewegung die Hose runterzieht, das erzählt auch etwas über Geschlechterbeziehungen, das erzählt nicht zuletzt etwas über gewaltförmige Sexualität. Aber das sorgt auch dafür, dass perfekte Bewegung erstmal nicht mehr möglich ist, mit einer Hose, die irgendwo auf Knöchelhöhe hängt. Alles an „Sadeh21“ funktioniert, alles sabotiert dieses Funktionieren im nächsten Schritt gleich wieder. Alles ist großartig, sicher.

Und dass das vor Begeisterung tobende Publikum am Ende alleine gelassen wird, dass es keinen Vorhang gibt, dass dieses wunderbare Ensemble sich den tosenden Applaus nicht abholt, mag einen ganz anderen, trivialen Grund haben – es passt doch ins Konzept dieses tollen Stücks. Dieses Stücks, das dem Publikum ein Glücksgefühl verspricht, ihm dieses Glück aber auch immer wieder verweigert. Nicht fassbar, der böse Mainstream, der ganz böse.

(Batsheva Dance Company, Sadeh21, noch am 30.9. und am 1.10. auf Kampnagel, Hamburg)

Foto: Gadi Dagon

23. September 2011 · Kommentare deaktiviert für Polly wants a Cracker · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , ,

Keine Ahnung, was das für eine Party war, vor 20 Jahren, in irgendeinem Jugendzentrum außerhalb Ulms. Auf jeden Fall war die Party langweilig. Und auf jeden Fall sagte A., komm, lass uns nach Würzburg fahren, in Würzburg ist es spannender als hier. Nach Würzburg waren es 200 Kilometer, A. hatte sich in der Barockstadt mit C. angefreundet, ich kannte C. kaum, egal. Und A. nahm mich, nach fünf Minuten hielt jemand, der uns zur Autobahnauffahrt brachte, nach einer Weile nahm uns jemand mit zur nächsten Raststätte. Dort konnten wir nächtliche Fahrer ansprechen, nicht lange, und ein LKW brachte uns weiter nach Norden. Gegen Mitternacht kamen wir in Würzburg an.

Ich mochte A. wegen solcher Geschichten. Blödsinniger Geschichten, sinnloser Geschichten, verschenkter Zeit. Eigentlich erlebten wir nichts, aber am nächsten Tag hatten wir den Eindruck, unglaublich viel erlebt zu haben.

An der Raststätte hatten wir C. angerufen, er wusste also, dass wir kommen würden, hatte Pizza in den Ofen geschoben oder bestellt, ich weiß es nicht mehr. Wir saßen in seiner Studentenwohnung, im Vorort, eigentlich ein Dorf zwischen Weinbergen, Main und Autobahn. Wir rauchten. Wir futterten Pizza, später wollten wir noch in die Stadt, etwas erleben, Würzburger Nachtleben, Yeah! Kurz fragte ich mich, was ich hier eigentlich machte. Und weil der Abend begann, ins Unsichere abzugleiten, ins plötzlich nicht mehr Lustige sondern ins Verkrampfte, legte C. eine Platte auf, die er neu irgendwo entdeckt hatte, Nirvana, „Nevermind“. Ich kannte die Band nicht, C. meinte, das sei „so eine Art amerikanischer Hardcore, so ähnlich wie Fugazi„. Ich mochte Fugazi, wahrscheinlich versuchte C., mir Nirvana, von denen er hörbar angetan war, auf diese Weise schmackhaft zu machen, ich aber fand nicht, dass das so wahnsinnig nach Fugazi klang. Schon dieses Cover, ein Baby im Schwimmbecken, dem ein Angelhaken mit Dollarnote vor dem Grinsegesicht baumelte: eine Symbolik, die ja wohl dem letzten Hinterwäldler verständlich sein dürfte, Sozialkritik für Metalfans, wie sie damals auch auf Plattencovern von Anthrax („Among the Living“) oder Megadeth („Peace sells … but who’s buying?“) angesagt war. Ein Witz.
Musikalisch konnte ich ebenfalls wenig damit anfangen. Auch noch, nachdem alle Welt „Nevermind“ als Meilenstein der Popmusik feierte, war ich immer noch nicht warm geworden mit diesem Sound, zu melodiös war mir das alles, zu vorhersehbar auch, zu sehr Rock. (Wie gesagt, damals waren Fugazi meine Lieblingsband.) Viel später sagte mir A., dass sie ebenfalls kein glühender Fan wurde, auch wenn sie sich „Nevermind“ bald auf Kassette überspielte: Für sie klang das alles wie Guns n‘ Roses auf Indie. Und doch, gute Songs waren das schon, laut und, ja, eben nicht punkig, sondern melodiös, voller versteckter Sehnsucht und Melancholie, mit einem Sentiment, das andere Grunge-Bands wirklich nicht hatten (was mir verwandte Bands wie Soundgarden oder Pearl Jam tatsächlich auf immer verleidete). Das Spiel mit Laut und Leise, mit Härte und Sensibilität spielten Bands wie die Pixies oder Hüsker Dü für mich weiterhin kreativer, egal, ich hatte meinen Frieden gemacht mit Nirvana, hörte sie mittlerweile ganz gerne, wenn auch ohne Leidenschaft. Und es war ja auch okay, dass diese Band bewies, dass auch harte Rocker eine feminine Seite haben konnten, weinen konnten, in Frauenkleidern auftreten konnten. Dann war die Geschichte auch schnell vorbei, Nirvana-Sänger Kurt Cobain tot, die Band aufgelöst. Und drei Jahre später veröffentlichte die ganz andere Band Portishead „Dummy“, eine Platte, die für die Entwicklung meines Musikgeschmacks viel wichtiger war als „Nevermind“.

Was „Nevermind“ für mich aber war, nicht zuletzt: eine Platte, die ich mit A. verbinde. Und jetzt, wo A. nicht mehr hier ist, gleichzeitig aber „Nevermind“ zum 20. Geburtstag überall eingeordnet, besprochen, verworfen und neu verortet wird, blutet mir das Herz.

P.S. Was ich an „Nevermind“ wirklich mochte, das waren nicht die Hits, nicht „Smells like Teen Spirit“, nicht „Lithium“. Sondern die kleinen, unauffälligen Marginalien. „Polly“.

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Edit: C. meldet sich über Twitter: Er erinnert sich nicht, mich into Nirvana getalkt zu haben, das würde auch gar nicht zu ihm passen. C. glaubt, dass ich ihn mit seinem Freund verwechseln würde, der viel früher Nirvana-Fan gewesen sei als er. Nichts liegt mir ferner als C.s Erinnerungen in Frage zu stellen, aber ich bin mir sehr sicher, dass besagter Abend in C.s, naja, wie nennt man das?, Bude?, stattgefunden hat. Was allerdings gut möglich, ja, sogar wahrscheinlich ist: Dass C.s Freund damals ebenfalls anwesend war. Und versuchte, mich von den Vorzügen von „Nevermind“ zu überzeugen. Außerdem meint C., dass meine Beschreibung implizieren würde, dass ich den Abend nicht so toll gefunden hätte. Altes Problem: Ich schreibe, dass ich etwas toll finden würde, und beim Leser kommt es so an, dass ich es ganz schlimm gefunden hätte. Ach.

Wenn man zuviel in Foren, Kommentarspalten und auf Blogs unterwegs ist, wenn man sich zu lange in „diesem Internet“ rumtreibt, dann bekommt man so ein komisches Zerrbild der Realität. Dann hätte man erwarten müssen, dass die Berliner Wahl lange vor vergangenem Sonntag entschieden wäre, dass eine obskure Partei namens „Die Freiheit“ um einen noch viel obskureren Ex-CDU-Stadtverodneten namens René Stadtkewitz womöglich eine absolute Mehrheit erlangen müsste, auf jeden Fall aber stärkste Partei werden dürfte. Zumindest wenn man sich anschaute, wie massiv der Kommentarbereich auf welt.de (ja, ich lese das regelmäßig. Manch anderer Mann gibt viel Geld dafür aus, dass ihm schlecht kostümierte Damen den Po versohlen, damit er sich hinterher so richtig mies fühlt, ich lese, was welt.de-Leser so denken und fühle mich ebenfalls mies, gratis) mit Wortmeldungen wie „Ich wähle die Freiheit“ zugespammt wurde.
Und deswegen freue ich mich ziemlich, dass das Ergebnis für Stadtkewitz‘ Witzfigurentruppe am Sonntag so ein richtiger Griff ins Klo war. 14019 Zweitstimmen, das ergibt 1,0 Prozent. So wenig, dass verzweifelte Leser in den Foren schon behaupteten, dass dieses Ergebnis nicht korrekt sein könne, weil wirklich jeder ihrer Freunde geplant hätte, „Die Freiheit“ zu wählen, 40 Prozent wären da doch drin gewesen, mindestens! (Was vor allem beweist, wie wenig Freunde „Freiheit“-Wähler zu haben scheinen, hihi.)
Nein, zum ersten Mal seit langem macht mich unsere parlamentarische Demokratie richtig froh. Weil ich die Illusion erhalte, dass hierzulande Populisten keine Chance hätten (Gott, wie schnell man die Umfragewerte für Karl-Theodor zu Guttenberg vergisst!) Und wenn ich mir anschaue, was eine andere Splitterpartei, die unsägliche FDP, in Berlin so gerissen hat, 1,8 Prozent beziehungsweise knapp 27000 Zweitstimmen, dann freue ich mich gleich noch mehr.

(Und dass das nichts aber auch rein gar nichts ändern wird, das weiß ich auch.)

15. September 2011 · Kommentare deaktiviert für Ob es dem Tiger Spaß macht, wenn der Dompteur ihm den Kopf in den Rachen schiebt? · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

Meine kleine Wahlheimat startet eine Bundesratsinitiative. Es geht darum, dass die Haltung bestimmter Wildtiere im Zirkus nicht artgerecht sei und verboten gehöre, Anlass ist ein Gastspiel des Münchner Cirkus Krone, dessen Tierhaltung zwar laut Aussage der Lübecker Tierärztin Annette Oloffs in keiner Weise zu beanstanden sei (Bezahllink, dessen Paywall sich aber bekanntermaßen leicht umgehen lässt), der aber eben gerade verfügbar ist und deswegen jetzt als abschreckendes Beispiel dran glauben darf. Und grundsätzlich wäre ein Verbot von Wildtieren im Zirkus ja eine gute Sache.

Wäre es das? Vorsicht. Natürlich werden Tiere im Zirkus nie artgerecht gehalten, aber andernorts kümmert mich das auch wenig. Ich esse Fleisch, wenig zwar und nach Möglichkeit Bio, weiß aber auch, dass, um mit Karen Duve zu sprechen, auch Bioschweine nicht totgestreichelt werden. Es ist schlicht nicht artgerecht für ein Tier, zur Befriedigung meiner Triebe umgebracht zu werden, trotzdem nehme ich das hin. Und weiter: Mit eine der schönsten Freizeitbeschäftigungen ist für mich ein Spaziergang übers Hagenbeck-Gelände, und entgegen anders lautender Gerüchte bleibe ich auch dort nicht nur versonnenen Blicks vor dem Meerschweinchen-Gehege stehen. Für Giraffen, Schleiereulen und Orang Utangs aber ist ein Zoo auch kein artgerechtes Ambiente, mir egal, ich gehe dort gerne hin. Moralisch brauche ich aber keinem fröhlichen Zirkusbesucher mehr zu kommen, moralisch habe ich total abgewirtschaftet.

Also komme ich emotional. Ich mag es einfach nicht, im Zirkus. Als Kind ging ich da manchmal hin, aus irgendwelchen Gründen gab es verbilligte Tickets für Schulklassen, wenn ein Zirkus auf dem Messegelände in der Friedrichsau gastierte. Außerdem mochte meine Mutter das Zirkusambiente anscheinend, von Herzen, dazu später mehr. Auf jeden Fall gastierten ein-, zweimal im Jahr (eher kleine) Wanderzirkusse, und ich saß im Publikum. Und litt.
Es war heiß im Zirkuszelt. Es stank nach Sägespänen, nach Tier, nach Schweiß. Ich hatte zuvor Zuckerwatte gegessen, Cola getrunken, mampfte weiter Süßkram, mir war schlecht. Irgendetwas in mir befahl, dass ich mich freuen sollte, also freute ich mich. Und wurde enttäuscht. Artisten: langweilig, öde, nie fiel jemand vom Trapez, es war zum Einschlafen. Tusch! (Ich hasste diese Musik, immer zu laut, immer nervig, Tusch, Tä-Dää, dazu später auch mehr.) Tiernummern: würdelos. Ich wusste nicht, ob es dem Tiger womöglich Spaß machte, wenn der Dompteur ihm den Kopf in den Rachen schob, mir war aber klar, dass selbst wenn das Tier freiwillig mitmachen würde, diese Behandlung würdelos wäre für ein Tier. Wie wenn Paare sich in der Öffentlichkeit „Stinker“ und „Möschen“ nennen, die machen das ja auch freiweillig und mögen sich auch noch dabei, man selbst fühlt sich dennoch unwohl, wenn man das mit anhört. Tusch! Und schließlich die Clowns. Angst vor Clowns ist nicht originell, der Mediziner nennt diese Angst Coulrophobie. Ich aber hatte keine Angst, sie ödeten mich nur an, alle. Der Weißclown, der Pierrot: gotterbärmliche Kleinbürgermelancholie, blödsinniges Virtuosentum. Der Dumme August: derber Brüllhumor, immer auf Kosten der Schwächeren, das Prügeln des August ist das gewaltsame Wiederherstellen der autoritären Ordnung. Tusch! Tusch! Tusch!

Ein wenig verstehe ich den Reiz, den Zirkus ausüben kann. Also, ich ahne, dass der Zirkus eine Welt repräsentiert, die der bürgerlichen Welt entgegengesetzt ist, Freiheit, fahrendes Volk, „Kein Gott/Kein Staat/Keine Arbeit/Kein Geld“ (Jeans Team, „Das Zelt“). Das ahne ich, so, wie ich auch ahne, was Michail Bachtin meinte, als er über den Karneval als Fest der Entgrenzung und Umdeutung aller Werte schrieb. Also, theoretisch ahne ich das, sehe aber trotzdem keinen Grund, kommenden Winter nach Köln zu fahren und Karneval zu feiern. Auch glaube ich dass es dieses romantische Zirkusbild auf einem Missverständnis fußt, Antibürgerliches findet sich doch viel eher in Teilen der Theaterwelt, im Rotlicht, vielleicht auch unter Schaustellern. Aber doch nicht im streng hierarchischen Zirkus.
Eine meiner ersten Theaterrollen war der Stallmeister in einer Laienproduktion von Pavel Kohouts „August August, August“, einer bösen Satire auf vergebliches Reformbemühen im Stalinismus. Die Szenerie war ein Zirkus, die Handlung bestand darin, dass der Clown August gerne Direktor werden würde, alle an ihn gestellten Aufgaben auch brav löst, am Ende aber doch als Tigerfutter endet. Der Zirkus als Bild für eine diktatorische Gewaltherrschaft, in der sich nie etwas ändert: Das funktionierte gut, bei Kohout.

Nein, wenn man mich fragen würde, man sollte nicht die Wildtierhaltung im Zirkus verbieten, man sollte gleich den Zirkus als Ganzes verbieten. Zum Glück fragt man mich nicht.

[vimeo 10123452]

10. September 2011 · Kommentare deaktiviert für Krieg · Kategorien: Cat Content · Tags: , , ,

Am 11. September 2001 um 14.46 saß ich am Schreibtisch und arbeitete. Ich weiß nicht mehr, was ich machte, aber: 11. September, das dürften irgendwelche Produktionsabschlussarbeiten gewesen sein, letzte Korrekturen, ein wenig Feintuning wahrscheinlich. Texte druckfertig machen. Auf jeden Fall kam kurz nach 14.46 jemand in mein Büro (heute denke ich, dass es Matthias war, ich kann mich aber auch täuschen) und meinte, dass es in New York ein Unglück gegeben habe, ein Flugzeug sei ins World Trade Center gestürzt, das Gebäude stehe in Brand. Ich versuchte, ins Internet zu kommen, aber keine Chance, die meisten Nachrichtenseiten waren überlastet, kein SpOn, kein tagesschau.de. Bald schaltete jemand den Fernseher im Konferenzraum ein, Sondersendung, wir sahen den brennenden Turm, und dann sahen wir das zweite Flugzeug, wie es im Südturm einschlug. Von da ab war klar, dass das kein Unglück war, das war ein Terroranschlag. Wir schauten eine Weile ungläubig auf den Bildschirm, dann gingen wir wieder an die Arbeit, die Oktoberproduktion musste zu Ende gebracht werden. Immer mal wieder schaute jemand in den Konferenzraum und berichtete: von einem dritten Flugzeug, das ins Pentagon stürzte, von einem vierten Flugzeug, das irgendwo in der Einöde niederging, von chaotischen Zuständen im Luftverkehr, Maschinen auf dem Weg in die USA mussten umkehren, wo eine Umkehr nicht mehr möglich war, mussten sie notlanden, in die USA selbst war kein Reinkommen mehr. Ich dachte daran, dass ich erst ein paar Wochen zuvor auf einem der beiden Türme gestanden hatte, übernächtigt, vom Jetlag durch den Wind, geflasht von den Eindrücken. Ich arbeitete.
Am Abend sah ich fern. Eigentlich wollte ich die verehrte Sophie Rois sehen, im Tatort „Passion“, keine Chance, immer wieder die Bilder der brennenden Türme, ich sah das ein, natürlich, es gab Wichtigeres an diesem Tag als einen Fernsehkrimi. Ich rief bei der schönen, klugen Frau an, in Gießen, die erzählte, dass sie an der Schule eine Gedenkminute abgehalten hätten. Das war mir unangenehm, plötzlich war mir vieles unangenehm, ich legte missmutig auf, kurz dachte ich, dass ja schlimm war, was da passierte, aber wenigstens traf es endlich einmal die Richtigen: die, die auf der Butterseite des Lebens saßen, die Banker im World Trade Center. Kurz darauf schämte ich mich für diesen Gedanken.
Und dann zeigte das Fernsehen neue Bilder, feiernde Menschen, angeblich Palästinenser, die sich, so der Kommentator, über die Anschläge freuten. In diesem Moment wurde mir klar, dass hier alles aus den Fugen geriet, dass man da keine politische Demonstration sah, sondern ausschließlich Bilder von Menschen, die sich freuten, sonst nichts. Riefen sie etwas? Keine Ahnung, wenn, dann nur auf Arabisch, man konnte uns alles erzählen. (Später hörte ich, dass die Aufnahmen Bilder von einer Hochzeit gewesen seien, die freudigen Gesichter hatten nichts mit dem 11. September zu tun. Ich kann nicht nachprüfen, ob das stimmte. Das ist das Allerschlimmste: Ich kann so gut wie nichts nachprüfen.)

Am 11. September 2001, vor zehn Jahren.

04. September 2011 · Kommentare deaktiviert für Eine Erfolgsstory · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , ,

Am Ende sehen wir dann tatsächlich auch noch Brüste. Franziska Hartmann entblättert sich, das ist inhaltlich gut begründet, weil Hartmann als Königin Ginevra ihrem Mann König Artus untreu wird, in Tankred Dorsts „Merlin“, das ist aber auch ein wenig fies, weil Hartmann als einzige in diesem unglaublich konzentrierten, unglaublich tollen Ensemble des Thalia Theaters das ganze Stück über, dreieinhalb Stunden, blass bleibt, keinen Charakter entwickeln kann, während um sie herum die Schauspielkunst neu definiert wird. Also öffnet sie ihr Kleid, damit wir merken, Franziska Hartmann ist auch noch da. Und also öffnet sie ihr Kleid, damit Regisseur Antú Romero Nunes zeigen kann, dass er auch Nacktheit kann. Und so sehen wir am Ende tatsächlich auch noch Brüste.

Es ist mutig, dass das Thalia die Spielzeit mit Dorsts „Merlin“ eröffnet. „Merlin oder das wüste Land“, 1981 geschrieben, eine Paraphrase der Artussage, ein Mammutwerk, vom Blatt gespielt rund acht Stunden lang, unzumutbar für Schauspieler wie Publikum. Heute kaum noch aufgeführt, die letzte überregional wahrgenommene Inszenierung stammt von Burkhard C. Kosminski und entstand 2002 an der Berliner Schaubühne, ein Reinfall, nebenbei. Und es ist mutig, dass das Thalia die Spielzeiteröffnung einem jungen Regisseur wie Antú Romero Nunes in die Hände gibt. Nunes, Sohn einer Chilenin und eines Portugiesen, in Tübingen aufgewachsen, knapp 28 Jahre alt. Hoch gehandelt, allerdings ohne Erfahrung auf der großen Thalia-Bühne. Man muss sagen: Er meistert die Aufgabe bravourös. „Merlin“ ist ein einziges Fest, radikal gekürzt und doch am Kern des Stücks, sinnlich und laut und sensibel. Nunes kann Bilder bauen, er weiß, Szenen konzentriert zusammenzuhalten, er lässt das Spiel hemmungslos in Slapstick abstürzen, dann zieht er die Zügel an und schafft eine ganz ruhige, ganz sensible, ganz ernste Stimmung. Er macht alles richtig.

Und vielleicht ist das das Problem dieser Aufführung.

Ich habe „Merlin“ schon einmal gesehen. Vor über elf Jahren war das, am Stadttheater Gießen. „Merlin“ war eine der letzten großen Arbeiten von Barbara und Jürgen Esser (pdf-Link), dem langjährigen Oberspielleiterpaar in Gießen, mit deren ultrapersönlichen Stückzugriffen ich mich immer schwer tat und die ich trotzdem (oder gerade deswegen) nach und nach zu schätzen lernte. Die Essers lasen Tankred Dorsts Artussagen-Interpretation als Allegorie auf den Zusammenbruch linker Ideen, die Tafelrunde war die DDR, Merlins Scheitern war das Scheitern der Essers, die als Assistenten Hangünther Heymes in einer explizit links positionierten Theaterästhetik verortet waren. (Auf lange Sicht war sogar das Scheitern meiner „Merlin“-Kritik im Gießener Anzeiger eine Vorwegnahme meines Scheiterns als Tageszeitungsjournalist: Kurz darauf ging ich nach Hamburg und wechselte zum Magazinjournalismus.)

Die Essers inszenierten „Merlin“, weil sie vom Scheitern erzählen wollten. Was aber interessiert Antú Romero Nunes an diesem Text? „Seine Größe, dass er so ausufert und so viele Lücken hat und ein Versuch ist, eine ganze Welt zu fassen und eine ganze Menschheitsgeschichte“, sagt der junge Regiestar im Programmheft. Eine Menschheitsgeschichte stemmen, wer will das nicht. Der Erfolg dieser Spielzeiteröffnung ist der Erfolg von Antú Romero Nunes, den gönne ich ihm, natürlich, aber man kann sich nicht des Gefühls erwehren, dass Nunes auch nicht viel mehr interessiert, neben diesem Erfolg.
Die Essers hingegen interessierten sich in ihrer (vom Niveau her natürlich in keiner Weise mit Nunes‘ Arbeit vergleichbaren) Inszenierung für etwas ganz anderes, für den Zusammenbruch, fürs Scheitern. Und ich kann mir nicht helfen, irgendwo ist die Haltung der Essers mir sympathischer.