31. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für Da dreht sich der Spieß respektive Phallus um · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , , ,

Es wird alles gut. Eine Welt, in der eine Band wie Boy Hits schreibt, eine Welt, in der Valeska Steiner und Sonja Glass zweimal kurz hintereinander Clubs in Hamburg wie in Berlin ausverkaufen, eine Welt, in der Gefühl ohne Gefühligkeit möglich ist wie im Boy-Debütalbum „Mutual Friends“, die kann nicht wirklich schlecht sein. Es wird alles gut, wirklich.

„Boy sind der derzeit wohl schönste lebende Beweis, dass sich Singer/Songwriter-Musik mit Tiefgang und eine Top-Ten-Platzierung in den deutschen Charts nicht ausschließen müssen“, schreibt Maike Schulz in der Berliner Zeitung. Kollegin Schulz ließ sich um den Finger wickeln, um den gleichen Finger, um den auch ich mich wickeln ließ. Vom Charme dieser, naja, Band, Sängerin Steiner und Bassistin Schulz plus vier Gastmusiker, die beim Konzert im Hamburger Knust einen guten Job machen, indem sie den auf Platte manchmal fast zu lieblichen Folkpop anschrägen, aufrauen, bis aus „Spätsommerpop“ (noch so ein Schulz-Zitat aus Berlin) frühherbstlich eingängiger Indiepop wird. Ach, ich will sie nicht mögen, aber ich muss sie mögen, diese Platte, die mich einwickelt, die meine Eintrittskarte in den Mainstreampop darstellt, ins Radiotaugliche (wobei Boy natürlich nicht im Radio laufen, weil, Radio ist noch viel schlechter als ich es darstelle. Im Radio läuft nichts, was auch nur annähernd unter Qualitätsverdacht stehen könnte.)
Denn Boy machen alles richtig. Angefangen beim Bandnamen, bei aller Niedlichkeit der beiden Köpfinnen: Eine Frauen-, naja, Mädchenband „Boy“ zu nennen, das beweist einerseits Chuzpe und andererseits einige Ahnung vom Stand der Genderdiskussion, zumal Boy ja nun wahrlich keine maskuline Musik machen, sondern, da dreht sich der Spieß respektive Phallus wieder um, protoweiblichen Folkpop.
Dann das Plattencover. Ein Schnappschuss: zwei Mädchen auf einer Couch, eine Clubsituation, eine scheint im Gespräch, die andere lässt einen Kaugummi platzen. Ein Bild, geprägt gleichzeitig von großstädtischer Langeweile, kindlicher Lust und hoher Konzentration: „Wie zwei Studentinnen auf einer schlechten Party, die darauf warten, dass endlich jemand anruft und sie abholt“, schreibt Kollegin Schulz.
Und schließlich Steiner und Glass selbst. Zwei Mädchen, naja, Frauen, die gecastet sind, aber quasi selbstbestimmt gecastet, also: Da haben sich zwei gefunden, die durchaus wissen, dass sie ein Modell darstellen. Nämlich, dass man gar nicht besonders jung sein muss, um als jugendlich durchzugehen (Steiner ist etwas unter, Glass etwas über dreißig, das ist wichtiger als es der optische Entwurf von Boy nahe legt). Es wäre sexistisch, Boy als „Mädchen“ zu bezeichnen, sie sind – Schanzenmädchen. Frauen, die eine Mischung aus Selbstbewusstsein, Unbekümmertheit, Lust, Nachdenklichkeit, Coolness und Ironie darstellen. Die Musikentsprechung dessen, was jemand wie Pheline Roggan im Schauspielbereich verkörpert. (Dass der Begriff „Schanze“ in diesem Zusammenhang für ein idealisiertes Viertel steht und nicht für die konkrete Hamburger Sternschanze, in der jedes Ideal längst yuppiefiziert wurde, dürfte klar sein, oder? Auch Boy stehen ja nicht für ein in der Realität vorkommendes Frauenbild, sondern für ein Ideal.)

Fehlt da noch was?

Ach ja, die Musik. Die ist natürlich nicht meine Tasse Tee, ich meine: radiotauglicher Indiefolkpop. Wobei auch der bei Boy so originell und charmant klingt, besser kriegt man es in diesem Genre wohl nicht hin. Manche Kritiker vergleichen „Mutual Friends“ mit Feist, aber das ist zu hoch gegriffen, Feist, das ist schon noch ein anderer Schnack (allerdings würde ich Boy durchaus zutrauen, in ein paar Jahren da aufschließen zu können). Bis dahin halten wir es mal so: „Mutual Friends“ ist schön, halbwegs eigenständig, eine CD, die ich immer wieder gerne höre. Und das Hamburger Konzert war eine einschränkungslos beglückende Erfahrung. (Der zweite Auftritt kommenden Sonntag im Knust ist ebenfalls ausverkauft, genauso wie der zweite Berliner Auftritt am Mittwoch im Festsaal Kreuzberg. Wer aber noch irgendwie eine Chance sieht, sich auf eine Gästeliste zu schmuggeln, der möge das tun. Er wird es nicht bereuen.)

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=_0_lg3QIjJY]

Länger schon überlege ich mir, ob ich etwas schreiben soll zum Themenkomplex Schwaben-Kinderkriegen-Prenzlauer Berg. Ist ja eigentlich nicht mein Thema, mal abgesehen von der Schwabensache, geht mich nichts an. Oder?
Und dann schreibe ich eben doch. Weil ich mich geärgert habe, über einen Artikel, der vor drei Wochen in der taz erschien, der taz, der ich als ehemaliger Mitarbeiter zwar nicht mehr ökonomisch aber inhaltlich immer noch verbunden bin, „Die Weiber denken, sie wären besser“ von Anja Meier. Meier besucht eine Caféwirtin im Prenzlauer Berg und lässt die reden. Über die vielen Kinder im Umfeld, über die Zugezogenen, über die Veränderung des Viertels. Gefällt ihr alles nicht, das. „Eins im Wagen, eins am Wagen, eins im Bauch, so schettern die hier die Straße runter“, spricht das wirtingewordene Ressentiment. „Gucken Se, da draußen, schon wieder zwei Rinder. Wie die aussehen!“, so gehts weiter, und, ja, als ich noch in Berlin wohnte, da gab es auch solche Sprüche, auf mich gemünzt. Allerdings nicht im Prenzlauer Berg, sondern nur in Reinickendorf, aus Rentnermund, aus dem Mund von Leuten, die was dagegen hatten, wenn jemand andere Kleidung, eine andere Frisur, womöglich einen anderen Lebensstil hatte als sie: „Wie die aussehen!“ „Is doch wirklich wurscht, ob die bei mir einkehren. Die verzehren eh nix. Sind alles Schwaben, die leiden, wenn se mehr als einsfuffzig ausgeben müssen“, da fängt es bei mir schon an, dass ich mich ärgere, denn dieses olle Schwabenbashing, das trifft mich dann doch. „Jetzt geht’s schon los, dass sie den ganzen Gethsemaneplatz begrünen wollen, also uns Händlern hier die letzten Kundenparkplätze wegnehmen wollen“, ab diesem Punkt war mir dann klar: Das ist ja gar kein echtes Gesprächsprotokoll, das ist eine Satire! Ich meine, Kundenparkplätze! So etwas wird in der taz, in meiner kleinen taz gefordert, das kann doch niemand ernst meinen! Von da an lachte ich.

Leider bringt die schönste Satire nichts, wenn sie niemand versteht. Witzereißer Dieter Hallervorden gab vor Jahrzehnten den viertellustigen Sketch „Deutsch für Türken“ zum Besten, in dem, haha!, der Satz „Der Türke packt seine Koffer!“ eingeübt werden sollte:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=t1sozxDsCrU]
Wie diese harmlose Kritik an Ausländerfeindlichkeit wirklich ankommt, liest man in den Kommentaren unter dem Youtube-Clip: „Auch ich wünsche allen Ausländern eine schnelle, glückliche und gute Heimreise“, schreibt „MrJohnDoe1959“, „Die ganze welt putzt sich mit der türkischen Flagge den Arsch, ganz besonder die Deutschen. In Deutschland putzen eh die türken die klos wo ganz EUROPA reingeschissen haben“ (sic!) stammelt „sonofMegaAlexandros“, immer wieder wird der Clip auf Naziseiten verlinkt. So ähnlich ist das auch mit dem Artikel von Anja Meier, zumindest, wenn man sich die Leserkommentare durchliest. Die eine Leserhälfte blökt Zustimmung, Genau so ist es, nö, noch viel schlimmer, mit den ganzen schwulen Drecksschwabenmüttern. Die andere Leserhälfte findet den Artikel faschistoid und droht nebenbei gleich mit Kündigung ihres taz-Abos, weil man nur dafür bezahlt, was man auch lesen will. Keiner kommt auf die Idee, dass dieser Text womöglich nicht ernst gemeint sein könnte.

Recht cool geht die Blogosphäre mit dem Thema um, im Blog Fuckermothers findet man zwar ebenfalls einen eher unreflektierten Verriss des Artikels: „Neben mangelnden Humor haben sich bislang einige (der humoristischen taz-Texte, FS) durch eklatanten Rassismus ausgezeichnet, andere durch Transphobie und Sexismus. Ein neues Glanzstück kommt nun von Anja Maier“, steht da unter dem Titel „beleidigungssatire in der taz“, aber immerhin wird zumindest in den Kommentaren noch die Frage aufgeworfen, wie real das geschilderte Millieu überhaupt sein mag. Peter Praschl erwähnt Meier in seinem Text „30. Meine Frau. Das Arschloch“ vernichtend. Und Markus rückt im Blog Nusenblaten immerhin ein paar von Meiers Vorurteilen bezüglich der Bioladen-Discounter-Verteilung im Prenzlauer Berg zurecht: „Immer dieses Prenzlauer-Berg-Bashing“.

Und was mache ich? Ich bemühe mich um eine gewisse Coolness. Ich sage: Leute, die ihren Kinderhass nicht in den Griff bekommen, sind genauso schlimm wie diejenigen, für die Kinder einen Fetisch darstellen; beide glauben, dass Kinderkriegen etwas sei, was unvorstellbar bedeutsam für die Welt ist, beide können sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Kinder etwas sind, dass man eben bekommt. Oder auch nicht. Ich lese einen Artikel auf SpOn, „Die Kinder-Lüge vom Prenzlauer Berg“ von Julia Heilmann und Thomas Lindemann, in dem das Autorenpaar darlegt, dass es überhaupt nicht stimme, dass im Prenzlauer Berg so wahnsinnig viel Nachwuchs herrsche (hätte ich auch nicht gedacht, dass ich jemals einen SpOn-Text gegenüber der taz verteidigen würde), ich nicke zustimmend, dann denke ich, nein, ganz so harmlos ist das alles doch nicht, es findet ja eine Verdrängung, eine Gentrifizierung, eine Formierung statt, im Prenzlauer Berg, und die paar Latte-Macchiato-Mütter, die es dort womöglich wirklich gibt, sind nicht unschuldig daran. Auf der einen Seite. Andererseits deuten Heil- und Lindemann aber auch an, dass das Modell „Eltern im Prenzlauer Berg“ etwas ganz anderes sein könnte, nämlich der Versuch, ein Leben zu leben, in dem die Entscheidung für ein Kind nicht gleich auch die Entscheidung gegen etwas anderes sein muss: gegen Clubgänge, gegen Promiskuität, gegen Drogen. Eltern im Prenzlauer Berg, das können auch Eltern sein, die Familie leben wollen ohne missgünstige Nachbarn, ohne Pfarrer, der das Kind früh tauft und ihm später beim Duschen zuschaut, ohne Dorf. (Ob die Latte-Macchiato-Mütter diesen Versuch nun tatsächlich leben oder ob sie ihn nicht etwa pervertieren, darüber müsste man natürlich auch noch reden.) Der Schädel dröhnt mir.

Und dann lese ich die wunderbaren Cartoons „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ von OL. Und bin halbwegs ruhig.

22. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für Nazi-Vampire auf Lesbos · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , ,

Geträumt: Ich bin zur Pressevorführung eines Fernsehfilms eingeladen. Der mdr hat Imageprobleme und sich deswegen mit einem griechischen Fernsehsender zusammengetan, auch der griechische Ruf ist ramponiert, also will man gemeinsam einen Film produzieren. Man engagiert Doris Dörrie, die zusammen mit einem griechischen Regisseur (der während des gesamten Traums nicht auftaucht) dreht: ein Remake des B-Horror-Movies „Nazi-Vampire auf Lesbos“.
Die Pressevorführung findet auf einer Insel im Mittelmeer statt, in einem Luxushotel. Der Film ist ein Monumentalwerk, mehrere Folgen, die im Verlauf einiger Tage gezeigt werden, zwischendrin gibt es Fingerfood und mehrere umfangreiche Menüs, von denen ich detailliert träume. Außerdem sind auch Politiker und schwer bewaffnete Militärs anwesend, weshalb auch immer. „Nazi-Vampire auf Lesbos“ ist nicht nur monumental, der Film ist auch unvorstellbar langweilig, kein echter Trash, sondern Mainstream, der sich bemüht, Trash zu sein. Kein Wunder, bei dieser Regisseurin, denke ich und lächle Frau Dörrie zu, die sich eine Portion Krabbenschwänze vom Buffet holt.
Währenddessen tauchen am kleinen Hafen der Insel echte Vampire auf. Die Fischer nämlich führen Übles im Schilde, sie holen keine Fische aus der Ägäis, sondern Vampire, Zombies, andere Monster. Sie angeln nach ihnen mit lebenden Ködern, das heißt, sie nehmen Skipper gefangen, die an der Insel anlanden, und ziehen deren Körper mit Schnellbooten durchs Mittelmeer, Bikinimädchen meist, die über kurz oder lang übelst zerfleischt werden. Was die Fischer mit den gefangenen Monstern machen, träume ich nicht, egal, sie kommen auf jeden Fall an Land und dezimieren zunächst das Fischerdorf, dann die Presse- und Filmmeute, Doris Dörrie wird als erste gemeuchelt. Dann wache ich auf.

Film im Film im Traum, nicht unkompliziert verschachtelt, aber mit halbwegs postmodernem Rüstzeug problemlos durchschaubar. Möchte jemand die Filmrechte? (Ganz toll fände ich es, wäre Doris Dörrie selbstironisch genug, sich selbst zu spielen.)

Man mag gar nicht mehr ins Schauspielhaus gehen. Nicht, weil das, was man dort zu sehen bekommt, so schlecht ist, wie behauptet wird (in Wahrheit ist es überhaupt nicht so schlecht), sondern weil man nicht mehr in der Lage ist, eine Meinung über das Gesehene zu formulieren. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich nichts geschrieben habe über die letzte dort gesehene Premiere, Stephan Kimmigs „Fall der Götter“: Weil ich nicht schreiben konnte, dass die Inszenierung an allen Ecken und Enden auseinander fiel. Und dass das eigentlich aufheben würde, was mich an Kimmig immer ein wenig ärgerte, dass nämlich all seine Inszenierungen so perfekt funktionieren, so rund sind. Andere waren weniger skrupulös, Till Briegleb schrieb in der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online) von einem Theater auf FDP-Niveau, von einem Theater, das für die Szene gerade noch eine Relevanz von 1,8 Prozent habe (fiese aber tolle Formulierung, für so einen Einfall würde man als Journalist töten). Nathalie Fingerhut dagegen schrieb im Hamburger Feuilleton weniger polemisch aber ebenfalls nicht unkritisch, dass Kim­migs Kon­zept ehr­gei­zig sei, „und er scheint sich damit über­ho­ben zu haben.“ Während Stefan Grund in der Welt eine Inszenierung lobte, die erschütternd ideologische Sattheit angreife, und, wer weiß, womöglich war das die bösartigste Kritik von allen. Weil man nicht mehr glauben kann, dass sie als Lob entstanden ist, weil man nur noch überhebliches Mitleid liest, Mitleid mit einem Theater, das von Tag zu Tag mehr den Bach runter gehen zu scheint. Nein, man mag nicht mehr ins Schauspielhaus gehen.

Alice Buddeberg sagt im Hamburger Abendblatt (vollständiger Artikel springertypisch nach Paywall) einen Tag vor der Premiere von Tschechows „Möwe“: „Die Reihe von Misserfolgen hat das eigentlich sehr gute Ensemble ein wenig hölzern gemacht. Man muss die Angst brechen.“ Das ist heftig. Buddeberg, hochgelobte 29-jährige Nachwuchsregisseurin mit einigen Erfolgen an Theatern wie Frankfurt aber ohne jede Erfahrung auf der Riesenbühne, geht in die Vollen, weiß um die Probleme des Schauspielhauses und spricht sie an, bevor das gleiche Wissen sich über die Inszenierung legt. Angriff, von Anfang an.
Buddeberg macht aus der Not eine Tugend: Das Schauspielhaus ist in einer Krise? Also gehen wir offensiv mit der Krise um. Der Schnürboden wird renoviert? Machen wir das Beste draus: Das Ensemble spielt direkt an der Rampe, und damit sich niemand nach hinten verirrt, lassen wir Bühnenbildnerin Cora Saller eine Wand aufstellen, die sich nur am Schluss öffnen darf, als Knalleffekt, für den wir keine ausgefeilte Technik brauchen. Schade nur, dass Saller diese Wand aus Strohballen schichtet (Nein, keine Ballen, solche Strohschnecken, wie sie im Herbst auf den Feldern rumstehen, wie nennt man die denn korrekt? Kaventsmänner?), das sorgt dafür, dass Tschechows Figuren hier zu Dorfdeppen werden. Und dann erinnert man sich eben doch daran, dass Stefan Pucher vor zehn Jahren das gleiche Stück am gleichen Ort inszenierte, voll collem Ennui des Jahrtausendwendekünstlers, und wenn man sich daran erinnert, dann merkt man, dass Puchers Interpretation vielleicht doch ein wenig weiter reichte als die allzu nahliegende Interpretation Buddebergs.
Aber diese Erinnerung überdeckt eben auch: dass Buddebergs Inszenierung im Großen und Ganzen funktioniert. Dass die junge Regisseurin es schafft, eine irgendwie doch zeitgemäße Sicht auf dieses Stück zu entwickeln, indem sie das Scheitern der Tschechow-Figuren mit dem erwarteten Scheitern dieser Inszenierung kurzschließt, denn, mal ehrlich, am Schauspielhaus kann man doch nur scheitern, nein? Außerdem bricht Buddeberg tatsächlich die Angst des Ensembles, sie besetzt die Außenseiterin Nina mit dem Gast Johanna Falckner, und Falckner schafft es, aus viel zu häufig gesehenen Schauspielern wie Markus John oder Ute Hannig (ernsthafte Kritik: Warum müssen eigentlich vier, fünf Schauspieler in praktisch jeder Inszenierung tragende Rollen spielen, während der Rest des 26-köpfigen Ensembles nur sporadisch besetzt wird? Das schreit doch nach Verbrennen von Talent!) ungeahnte Facetten herauszukitzeln. Dazu kommt eine kluge Strichfassung (gerade mal 100 Minuten dauert diese „Möwe“), dazu kommt ein cooler, durchdachter Musikeinsatz (Stefan Paul Goetsch). Fertig ist die Laube, der Kirschgarten, eine alles in allem gelungene Arbeit.
Und schließlich leistet sich Buddeberg ein wenig Galgenhumor, zitiert sie Antú Romero Nunes‘ Erfolgsinszenierung „Merlin oder das wüste Land“ am benachbarten Thalia: Schaut es auch an, so muss Theater aussehen! Und das Publikum lacht, es applaudiert, verzweifelt. Eigentlich mag man nicht mehr ins Schauspielhaus gehen, aber diese Inszenierung, sie rührt doch etwas in einem an: weil diese „Möwe“ in erster Linie von besagtem Nichtmögen handelt.

16. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für Der Toifel hat den Schnaps gemacht · Kategorien: Cat Content · Tags: , ,

Modeste zugeneigt.

12. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für Leicht und komplex und politisch und unverbindlich · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , ,

Viel Zeit ist nicht zwischen Interview und Abreise, aber weil das Museum für Gegenwartskunst Hamburger Bahnhof direkt neben dem Berliner Hauptbahnhof liegt und ein Aufenthalt auf dem wegen der nun endlich ausgebrochenen Revolution überstressten Bahngelände gerade ohnehin nicht das reine Vergnügen ist, kann man doch noch einen kurzen Abstecher zur Kunst machen. Zumal es ein klares Ziel gibt: Im Seitenflügel werden die Finalisten für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst gezeigt, und gerade den Sieger, den gebürtigen Franzosen Cyprien Gaillard, der wie so viele andere Künstler längst in Berlin lebt, wollte ich mir schon lange mal anschauen.
Und, nunja, der Preis ist schon gerechtfertigt. Gaillard hat die mit 50000 Euro dotierte Auszeichnung für seine Arbeit „Artefact“ bekommen, einen Endlosfilm, der mit dem Handy aufgenommene Szenen aus Bagdad aneinanderreiht, ungefähr 15 Minuten lang, dann beginnt die Szenenfolge von vorn. Wir sehen Archive eines, anscheinend, archäologischen Museums, wir sehen Ausgrabungsstätten, wir sehen Straßenzüge, Wohnsilos, staubige Plattenbauten. Dazu läuft ein abgehackter Loop, der das Wort „Babylon“ ständig wiederholt, anscheinend aus einem Soulsong. Was manchmal an ein kunstiges Musikvideo erinnert und einmal tatsächlich einen überraschenden ästhetischen Mehrwert schafft, nämlich, indem Menschen nachts in einer Wüstenlandschaft im starken Gegenlicht aufgenommen werden, wohl vor Autoscheinwerfern, wobei man mit einem Schlag die Irak-Szenerie vergisst und stattdessen Tänzer in einem Club sieht, Tänzer in einem ganz eigenartig loungigen Club. Babylon.
Worauf die Szene wechselt, wieder eine endlose Autofahrt durch gesichtslose Vororte, wieder die Museumsarchive, ach, hier waren wir ja schon. Und im Hintergrund puckert der Loop vor sich hin.

Nach gut 20 Minuten ist man wieder draußen, und das ist vielleicht das Problem dieses Films, vielleicht ist es aber auch die Qualität Gaillards, die irgendwo symptomatisch ist für junge Kunst (Wobei: So jung ist der 31-jährige Gaillard auch nicht, so wahnsinnig emerging ebenfalls nicht, eigentlich im Gegenteil. Längst ein Star ist er.) und die „Artefact“ entsprechend preiswürdig macht. Sie lässt sich irgendwie zwischen Tür und Angel goutieren, sie ist irgendwie gleichzeitig leicht und komplex, sie ist irgendwie gleichzeitig politisch und unverbindlich. Hat man nun auch gesehen, war eine lohnende halbe Stunde, doch.
Die Bahnstrecke nach Hamburg derweil ist immer noch gesperrt, hat man etwa noch weitere Bomben gefunden, die den Alltag entschleunigen sollen („Wir sorgten heute Morgen für eine Entschleunigung der Hauptstadt als Global Player des Rüstungsexportes“, Dankeschön auch, Hekla) und doch nur meinen heldenhaften Kampf gegen den Kapitalismus sabotierten? Ach, Warten.

09. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für It’s the End of the World as we know it (and I feel fine) · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Diese entsetzliche Trägheit. Dieser Wunsch, aktiv zu werden, dieser unerfüllbare Wunsch, dieses Begehren, das ins Nichts läuft. Die Augen aufschlagen, auf die Uhr sehen, schon so spät!, liegen bleiben. Zu wissen, ich möchte heute eine Vernissage besuchen, seit langem mal wieder, vor dem Fernseher sitzen bleiben. Ich möchte schwimmen gehen, vor dem Fernseher sitzen bleiben. Ich möchte. Die Verpflichtung, einen Artikel zu schreiben, einen Satz, einen zweiten Satz, noch ein paar Worte, unendlich langsam, unendlich mühsam, mitten im Wort abzubrechen und den Text zu löschen, schlecht ist er. Ein wenig im Internet surfen. Diese entsetzliche Trägheit.

Man kann Lars von Triers Film „Melancholia“ einiges vorwerfen, man kann von „gefällige(m) Hochglanzkitsch“ sprechen (Janis El-Bira in der Filmgazette, eine sehr lobende Besprechung übrigens), man kann dem Film rechte Tendezen unterstellen (Andreas Busche im Freitag), man kann den Film als „größenwahnsinnig und kitschig, subtil und grausam. Also großartig“ (Thomas E. Schimdt in der Zeit) charakterisieren. Das Interessante: Jede dieser Kritiken hat irgendwie recht, „Melacholia“ schafft es, sich jeder Einordnung zu entziehen, bis man den Film entnervt als „seltsam disparates Werk“ (der geschätzte Büronachbar Jürgen Wittner in den kulturnews) abtut.
Natürlich lassen sich im Genre der Apokalyptik immer wieder reaktionäre bis rechte Tendenzen ausmachen, aber das heißt nicht, dass „Melancholia“ rechts sein muss, nur weil von Trier hier vom Weltuntergang erzählt (dass er aber diesen Weltuntergang als etwas Tröstliches interpretiert, das sollte schon aufhorchen lassen). Natürlich wirkt die Szene, in der Kirsten Dunst nackt im blauen Licht badet, wie aus einem Leni-Riefenstahl-Film übernommen, andererseits ist es ganz und gar nicht verwerflich, wenn man eine Szene als Hommage an eine der technisch beeindruckendsten Filmemacherinnen überhaupt anlegt. Jedes Argument gegen diesen Film ist gleichzeitig auch ein Argument für ihn.
Bleibt die Darstellung der Depression. Von Trier macht das für mich extrem einleuchtend: Er zeigt die Trägheit, die Antriebslosigkeit, die ich an mir selbst hasse. Und dann sagt er: Schau, Depression ist genau so, wie du dich fühlst, wenn du nichts gebacken bekommst, nur viel, viel schlimmer. So zieht er einen über mehrere Szenen hinein in das Leiden seiner Heldin Justine, lässt sie ihre eigene Hochzeit torpedieren, indem sie erst in einen kurzen Schlaf und dann in ein freudloses, kaltes Bad sackt, lässt sie nach und nach wirklich pathologisch leiden, bis sie nicht einmal mehr in der Lage ist, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Der erste Teil von „Melancholia“, „Justine“, ist in Wahrheit kein Film über den Weltuntergang, es ist ein Film über eine Krankheit.
Und dann dreht von Trier diese Krankheitsgeschichte um, macht aus Justines Depression einen subversiven Akt. Denn: Was ist für die kapitalistische Leistungsgesellschaft verstörender als Antriebslosigkeit? Justine verweigert sich Konventionen, zu Beginn denen der eigenen Hochzeit (wunderbar, wie Udo Kier als Wedding Planner, also als Herr der Ehekonvention, langsam hohle dreht), am Ende den Konventionen eines Weltuntergangs in Würde, den ihre immer panischer werdende Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) anmahnt, einmal sogar ganz explizit den Konventionen der Leistungsgesellschaft, indem Justine ihrem Chef Karriere wie Arbeitshierarchie vor die Füße knallt. „Melancholia“ ist Kapitalismuskritik, formal: Kapitalismuskritik von rechts.

Und, übrigens, „Melancholia“ sieht toll aus, sicher. Charlotte Gainsbourg ist in ihrer Verbrauchtheit und Hoffnungslosigkeit, ach, so viel schöner als die propere Kirsten Dunst, und dass von Trier hier das strähnige Luftwesen Gainsbourg als Frau einsetzt, die ihr Leben (bis zum Schluss, als ohnehin nichts mehr zu retten ist) schon irgendwie im Griff hat, während Blondine Dunst die Depressive gibt, das ist ein hübsches Gegens-Image-Besetzen. Die Bilder sind ohnehin State of the Art, insbesondere der Prolog, der die Welt in atemberaubend schönen Szenen zu Richard Wagners „Tristan und Isolde“-Ouvertüre untergehen lässt, zeigt, dass von Trier womöglich eher ein Videoclip-Regisseur ist als ein Erzähler, vielleicht sogar der beste Clipregisseur überhaupt, einer, der Clips als Bildende Kunst verstehen kann.

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Die Hochzeitsszene: Kabinettstückchen, eines nach dem anderen, ein böser Blick auf diese satte, dumme Oberschicht. Fast sogar zu viele, am Ende wird es ein wenig langweilig. Andererseits: Man braucht diese Langweile, um zu kapieren, dass es ein Segen ist, wenn eine Welt untergeht, in der solche Menschen rumlaufen. Wenn demnächst die ersten Dramaturgen „Melancholia“ auf die Stadttheaterbühne bringen, kann man ja die x-te Selbstzerfleischung rausstreichen, nein?

(Und wer den Gag mit den Golfplatzlöchern mitbekommen hat, bekommt ein Fleißsternchen. „Melancholia“ ist nämlich nicht zuletzt: auf eine hintergründige, fiese Weise unglaublich lustig. Eine Weltuntergangskomödie.)

04. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für Aufwachen und den Bodden sehen · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , ,

Dieses Meer ist kein Meer. Dieses Meer ist ein Bodden, Brackwasser, ein Teil Salz-, ein Teil Süßwasser. Dieses Meer hat keine Gezeiten, keine Dünung, keine Schlünde, dieses Meer ist ein bis drei Meter tief, ist schlammig und fischreich. Kaum Schiffe, mal ein Schlauchboot, mal eine alte Yacht aus den 60ern, eine Yacht aus der DDR, mal eines der speziellen Fischerboote, ein Zeesboot, kaum Tiefgang, zieht ein Schleppnetz über den Boden (über den Boddenboden, hihi). Eine Handvoll Häfen, eigentlich: kleinste Unterbrechungen im Schilfgürtel, minimalst befestigte Hafenbecken, heute legt ohnehin niemand mehr an. Dieses Meer ist verzaubert.

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Diese Insel ist keine Insel. Es ist eine Halbinsel, nein, es sind drei Halbinseln, miteinander verwachsen, an ihren schmalsten Stellen jeweils nur ein paar hundert Meter breit. Auf der einen Seite Bodden, auf der anderen offene See, naja, offene Ostsee halt. Auch die nur ein Gewässer, aber immerhin. Die Ostsee tut, was sie kann, sie glänzt sommerlich, wo doch schon Oktober ist, ihr Strand ist warm, nackte, kleine Kinder lachen, und einmal kommt sogar ein Eismann auf einem Elektrocar vorbei. Ein paar Leute sind auch im Wasser, Männer meist, schon etwas ältere, sehr, sehr dünne Männer, sie schwimmen prustend lange Strecken, wahrscheinlich trinken sie nie Alkohol, essen nie fett und werden 100. Eine Frau schwimmt ebenfalls, sie schwimmt sehr weit raus, fast sehe ich sie nicht mehr, ich mache mir Sorgen, aber unendlich langsam taucht sie wieder auf. Die Ostsee ist friedlich heute, das ist der Preis für das gute Wetter: Es gibt kein echtes Meeresrauschen, nur eine leichte, kaum spürbare Dünung, ein ganz klein wenig stärker als drüben im Bodden.

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Ein paar Meter entfernt liegen zwei Frauen im Sand. Die Dunkelhaarige steht auf, geht ins Wasser, die Blonde schläft, eine, zwei Minuten. Dann schreckt sie auf, schaut aufs Meer, weit draußen, auf einer Sandbank, auf der man fast trockenen Fußes stehen kann, umarmen sich die Dunkelhaarige und eine dritte Frau, küssen sich, halten einander an den Händen. Die Blonde schaut, dann holt sie eine Kamera aus ihrem Rucksack, eine Kamera mit riesigem Objektiv. Erst macht sie Fotos von den Beiden auf der Sandbank, dann stochert sie mit den Zehen ein wenig im Sand, schließlich kommen die zwei Frauen zurück. Kurz sprechen die drei miteinander, dann legen sich die zwei von der Sandbank hin, die Blonde bleibt am Meer stehen, schaut auf ihre Füße, ins Wasser, versucht noch ein paar Fotos.

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120000 Kraniche, mindestens. Mehr als meine Heimatstadt Einwohner hat. Meine little big City Ulm, ein Kranichulm schwebt hier ein, auf dieser Insel, die keine Insel ist, frisst sich drei, vier Wochen auf den Feldern voll und zieht weiter, Richtung Afrika. Kranichulm schwebt kreischend über unserem Ausflugsboot, ein Schwarm, noch ein Schwarm, meine Güte, wie viele.

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Aufwachen und den Bodden sehen. Noch einmal einschlafen.

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Isabel Bogdan, übrigens, war auf einer richtigen Insel, im richtigen Meer (zum ersten Teil ihres lesenswerten Berichts geht es hier). Die gönne ich ihr.