Ich bin also ein schlechter Mensch. Missgünstig, nicht fähig zur Vergebung. Wie der notorische Jan Fleischhauer auf SpOn schreibt:

Zu den Höhepunkten im Vollzug moralischer Politik gehört die Bekundung von Schuld und Reue. Jemand hat einen Fehler begangen, er ist darauf hin tief gefallen, nun bittet er die Öffentlichkeit um Verzeihung. Manchmal fließen in diesen Augenblicken auch Tränen, sie gelten dann als sicherer Beweis, dass die Entschuldigung von Herzen kommt.
Unüberhörbar weisen diese öffentlichen Bitten um Vergebung in den religiösen Bereich zurück, das macht sie so mächtig. Mit der fortschreitenden Säkularisierung der Alltagswelt sind die moralische Energien, von denen der katholische Glaube und mehr noch der Protestantismus lebte, ja nicht einfach abgestorben, sie haben sich lediglich verschoben. An die Stelle des Pietisten ist der moderne Tugendmensch getreten, dessen Glaubenseifer in immer neuen Vorschriften Entlastung findet.

Ich bin ein Pietist. Ich kann nicht mal gut sein lassen, trotz Reue, trotz der Worte „Das bedauere und bereue ich von Herzen“, die derjenige, um den es hier gehen soll, Karl Theodor zu Guttenberg, im Interview mit Giovanni di Lorenzo in der Zeit spricht. Das ist doch eine Entschuldigung, das ist doch ein Schuldeingeständnis, wie hartherzig kann man denn sein, wenn man darauf antwortet: Ich nehme diese Entschuldigung nicht an? Wie pietistisch?

Es geht mir nicht um Schuld.

Mag sein, zu Guttenberg hat in seiner Doktorarbeit Zitate nicht korrekt ausgewiesen, bis an die Grenze des Plagiats (wir haben es hier mit Juristen zu tun, da muss man aufpassen, was man wie formuliert). Darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt, vor allem als jemand, der sich selbst einst im Wissenschaftsbereich bewegte und daher weiß, wie schwierig es ist, eine Dissertation zu verfassen. Gegessen. Der Betrüger, der Emporkömmling, der Plagiator, der Doktor: Der ist mir egal, da trete ich nicht nach.
Was aber bleibt, ist die politische Ästhetik hinter Guttenberg. Was bleibt, ist das Bild, das Guttenberg auf dem Times Square zeigt, „Man stellt sich hin, lacht und breitet am besten noch die Arme aus. Was kostet die Welt? 50 Milliarden? Hundert? Egal, der kleine Baron ist endlich in der großen Stadt“, schrieb Kurt Kister damals in der Süddeutschen. Was bleibt, ist die erschreckende Penetranz, mit der die Springermedien alle Kritik an Guttenberg niederbügelten, was bleibt ist die Aggressivität, mit der insbesondere Bild kritische Journalisten mundtot machen wollte: „Nörgler, Neider, Niederschreiber: Einfach mal die Klappe halten!“, das ging sogar dem Stern, eigentlich alles andere als ein Gegner des Personality-Glamour-Getues Guttenbergs, zu weit. Was bleibt, ist die bösartige Niedertracht, mit der sich sein Gespons Stephanie zu Guttenberg medial aus dem Fenster lehnt.

Ich habe Angst vor einem politischen Comeback zu Guttenbergs. Nicht, weil er bei seiner Doktorarbeit gelogen hat. Nicht weil er politisch auf der anderen Seite steht: Man kann nicht einmal genau sagen, auf welcher Seite zu Guttenberg tatsächlich steht. Ist er ein Rechter? Eigentlich ist er doch eher eine mediale Mischung aus Berlusconi, Putin und Obama, der sich in seiner politischen Rhetorik mal rechts, mal links bedient.
Ich habe Angst. Nimmt man alle momentan verfügbaren Umfragen, nimmt man die Kommantarfunktionen im Netz, selbst bei den Springermedien, so schlägt zu Guttenberg aus der Bevölkerung massive Ablehnung entgegen. Aber anscheinend gibt es interessierte Kreise, in Berlin, in Washington, wo auch immer, die sagen: Das ist uns egal, wir drücken den jetzt durch. Und sei es nicht in der CSU, zu Guttenbergs eigentlicher poltischer Heimat, dann eben in einer anderen, noch zu gründenden Partei. Er selbst gibt im schon zitierten Zeit-Interview Anleitungen, wie sich eine Rechtspartei in der Bundesrepublik aufziehen ließe: „Zum einen müsste man eine Programmatik so deutlich entwerfen, dass gewisse Randgruppen, aber auch notorische Querulanten überhaupt nicht auf die Idee kommen, mit der neuen Gruppierung zu kokettieren. Ein klares Bekenntnis zu Israel beispielsweise würde den rechten Rand wohl abschrecken.“ (Eine großartige Volte! Wo das klare Bekenntnis zu Israel, beziehungsweise zu Israel nach Likud-Vorstellungen, doch mittlerweile ein Markenzeichen der deutschen Rechten ist!) „Zum anderen bräuchten Sie Köpfe, die für ein bestimmtes Denken stehen und über jeden Zweifel erhaben sind, mit tumbem Extremismus in Verbindung zu stehen.“ Ich darf mal spekulieren: Thilo Sarrazin für Innenpolitik, Hans-Olaf Henkel für Finanzen, Guido Westerwelle für Soziales. Und Guttenberg als programmatisch nach allen Seiten offener Strahlemann für die Außenwirkung. Schon hätten wir die neue Partei, rechts, hässlich und fies.

Ich habe Angst. In einer Welt, in der so jemand ungestraft als „distinguished statesman“ bezeichnet werden darf, wenn auch nur vom rechtskonservativen amerikanischen Center for Strategic and International Studies, in solch einer Welt möchte ich eigentlich nicht leben.


Auch ich habe mich durchzuschlagen versucht, frei. Also, während des Studiums ohnehin, was man ja nicht wirklich frei nennen konnte, abends auf eine Vernissage schlappen, zwei, drei Fotos knipsen, dann ein paar Sätze fabulieren, am nächsten Morgen in die Redaktion bringen und dann ab zur Vorlesung – das ist ein Nebenjob, nicht mehr. Aber nach dem Abschluss versuchte ich es tatsächlich, in dem Sinne, dass ich davon leben wollte, freier Journalist zu sein. Finanziell war natürlich ein Witz, was da rüber kam, abgemildert nur durch die Tatsache, dass man ja nicht viel brauchte, in den späten Neunzigern in Berlin. Und: Es funktionierte, irgendwie, ich bekam meine Texte durchaus los. (Allerdings auch an Läden wie die inhaltlich geschätzte junge Welt, deren Zahlungsmoral, sagen wir mal: diskutabel war.)
Irgendwie funktionierte es, für mich war das trotzdem nichts. Ich wollte dazu gehören, und als freier Journalist ist man selbstständiger Unternehmer (ha!), gehört also naturgemäß nirgendwo dazu. Ich aber sehnte mich nach dem beruflichen Austausch mit Leuten, die ähnlich dachten wie ich, ich sehnte mich nach Redaktionskonferenzen, nach Weihnachtsfeiern, nach einem Büro, einer beruflichen E-Mail-Adresse, nach einem Schreibtisch. Dazu kam, dass „freier Journalist“ klingt, als ob man ungebunden sei, nur seiner Kunst verpflichtet – in Wahrheit macht man aber vor allem Akquise. Das heißt, man ruft Redakteure an und versucht, denen die Vorstellung schmackhaft zu machen, dass man bei ihnen etwas veröffentlicht. Man putzt Klinken. Und das macht man mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein, klar, nichts würde dem Blatt so gut zu Gesicht stehen wie ein Artikel von mir! (Leute, deren Grundcharakterzug der Selbstzweifel ist, sind für solch einen Job nicht geschaffen. Wirklich nicht.)
Mit anderen Worten: Ich bemühte mich um Volontariate, ich bemühte mich verzweifelt, in eine Redaktion reinzukommen, schließlich nahm ich tatsächlich ein Arbeitsangebot an, so grauenhaft und unpassend, man mag es gar nicht erzählen. Und landete über kurz oder lang wirklich im festen Hafen, erst als Volontär, dann als Redakteur. Und da bin ich jetzt.

Ach.

Ich mache das gerne, hier, beim uMag. Ich schreibe über Themen, die mich interessieren, über Theater und über Kunst also, ich lerne ständig interessante Menschen kennen, ich mag meinen Job. Fuck Freiheit, ich bin doch frei in der Redaktion, viel freier als zu Zeiten des Freelancertums, will sagen: Ich suche mir spannende Sujets aus, und zu denen arbeite ich dann. Ist gut, wirklich. Genau so habe ich es mir gewünscht, damals, als ich verzweifelt auf der Suche nach den offenen Armen einer Redaktion war.
Aber irgendetwas stimmt nicht. Das liegt nicht an den Arbeitsumständen, die könnten, wie gesagt, nicht besser sein. Es liegt vielleicht wirklich daran, fest angestellt zu sein. Womöglich tut das meinem Journalismus nicht immer gut, er wird satt, er wird selbstgefällig. Und dann sehe ich unsere Ex-Grafikerin I., die seit einiger Zeit frei arbeitet, ich sehe, wie I. aufblüht. Und dann sehe ich Isabel Bogdan, die frei arbeitet, in einer anderen Branche zwar, als Übersetzerin, aber ich sehe auch, was für wunderbare Kolumnen sie regelmäßig schreibt, so neben dem Job und leichthändig und voller Freude am kreativen Ausprobieren. Und dann stelle ich fest, dass mir hier etwas fehlt: Ausbrüche aus dem Beruf.
Ich bastle mir Fluchten. Eine Flucht ist das hier: die Bandschublade. Ein kleiner Kasten, in dem ich eigentlich gar nicht so viel anderes mache wie im Brotjob, andererseits: mit einem Seitensprung macht man ja auch nichts wirklich anderes als im Beziehungsalltag, oder? Eine andere Flucht sind kleine, manchmal sogar unentgeltliche Jobs, die ich nebenbei mache: Es hat mir Spaß gemacht, Publikumsgespräche auf Kampnagel zu moderieren, auch wenn das vielleicht keine Sternstunden der Dramaturgie waren. Es hat mir Spaß gemacht, einen Aufsatz für ein Buch des Fotografen Christian Reister zu schreiben, auch wenn das meine professionelle Distanz ziemlich angegriffen hat. Und es hat mir vor allem Spaß gemacht, all das auszuprobieren, obwohl ich weiter im sicheren Hafen der Festanstellung blieb, also nicht verzweifelt den Honraren hinterherrennen musste. Und irgendwie frage ich mich: Ob das das allerschlechteste Modell ist? Zweigleisig zu fahren?

2011 war ein Jahr der Abstürze für mich, ein Jahr des Steckenbleibens, alles in allem: kein gutes Jahr. 2012 könnte ein Jahr des Aufbruchs sein, ein Jahr der Versuche, ein, zwei Schritte auf unsicherem Terrain. 2012 könnte ich Sachen ausprobieren, hier einen Text in einem fremden Medium schreiben, hier eine Moderation versuchen, was könnte ich noch machen? Vielleicht mal etwas ganz anderes?
2012 könnte ich Ideen entwickeln.

Man könnte jetzt erzählen, wie es war, gestern bei der Premiere von Herbert Fritschs „Raub der Sabinerinnen“ am Thalia Theater.
Man könnte erzählen, wie man diesem Stück überhaupt nichts abgewinnen konnte, einem Schwank, derb und laut, der seinen Reiz daraus zieht, die Grenzen zwischen dem Wohlgeordneten und dem Anderen, Ungezähmten erst leicht durchlässig zu machen, nur um sie dann umso strenger wieder hochzuziehen. Wie man solch einem Stück nichts abgewinnen konnte, aber dennoch den Hut ziehen musste vor dieser Inszenierung, dieser Inszenierung, die handwerklich perfekt war, alles ganz genau getimet, alles auf den Punkt, voller Freude am Spiel und Lust am lauten, hohen Ton.
Man könnte erzählen, dass es zwar eine allzu nahliegende Idee ist, den Satz „Ich höre meine Frau kommen!“ mit orgiastischem Stöhnen zu untermalen. Und dann, dass das egal ist, dass man nämlich Marina Galic noch nie so toll sah wie in dieser orgiastisch stöhnenden Rolle, Marianne, die es schafft, alle Sehnsucht auf ein wildes Leben an der Seite ihres (langweiligen) Mannes (Rafael Stachowiak) zu imaginieren, und zwar ohne die Gelegenheit zum Mienenspiel, weil nämlich die Maske Victoria Behrs alle Protagonisten zur starren Mimik zwingt. Und alle, ausnahmslos alle Darsteller meistern dieses Problem, großartig. Man könnte erzählen von einem Ensemble, in dem es keinen einzigen Ausfall gibt.
Man könnte erzählen, dass man sich erinnert, wie René Pollesch vor einigen Jahren Subversion und Politik im Boulevard entdeckte. Und dass man es ein wenig schade findet, wie Herbert Fritsch hier einen Schritt hinter Pollesch zurück geht, wie „Der Raub der Sabinerinnen“ nämlich kein Stück weit politisch ist und dass man diese Inszenierung auch nicht weiter denken kann, um irgendwo einen politischen Gehalt zu entdecken.
Man könnte erzählen, dass man es ein wenig doof fand und auch ein wenig langweilig, als Sebastian Zimmler als Papagei zum zehnten Mal gegen die Wand donnerte. Und dass man dann trotzdem wieder Tränen lachte, als er es auch noch ein elftes Mal machte, und ein zwölftes. Dass man sich irgendwann Sorgen machte um die körperliche Unversehrtheit dieses Ensembles, das zweieinhalb Stunden alles gab, seine Körper quälte, auf höchsten Touren, ohne Chance, auszubrechen.
Könnte man alles erzählen. Macht man ja auch, Rudolf Mast in der Nachtkritik, „das bereitet nicht nur ziemlich viel Spaß, sondern ist auch noch ziemlich wahr“ lobt er die Aufführung. Oder Werner Theurich, der auf SpOn mäkelt: „Eine halbe Stunde zu lang das Ganze. (…) Dennoch überbordender Beifall für alle Beteiligten, aber auch eine sanfte Erleichterung im Publikum, dass es nun mal gut war mit der Schmiere. Auch wenn’s noch so schön gekracht hat.“ Könnte man.

Man könnte sich aber auch auf das konzentrieren, was nach der Inszenierung kam. Man könnte sich auf den von Theurich erwähnten überbordenden Beifall konzentrieren, auf den Schlussapplaus, den Fritsch, das ist sein Markenzeichen, nicht nur wie üblich ordnet, sondern konsequent durchinszeniert. Fünf Minuten vielleicht, die viel über dieses Theater sagen, über dieses Theater, das gern mit Begriffen wie „wild“, „anarchisch“, „spielfreudig“ belegt wird. Der Applaus, das ist eigentlich der Moment, in dem die Schauspieler aus ihrer Rolle treten, die Maske abnehmen, das ist der Moment, in dem wir Karin Neuhäuser sehen und nicht mehr Theaterdirektorin Striese. Der Applaus, das ist der Moment, in dem wir eigentlich in Kontakt treten dürfen mit den Darstellern, das ist auch der Moment, in dem wir theoretisch unseren Unmut kundtun könnten: „Buh!“
Bei Fritsch können wir das nicht, weil die Darsteller hier in ihrer Rolle bleiben, über den letzten Vorhang hinaus. Bei Fritsch gibt es keine Kommunikationsmöglichkeit zwischen Publikum und Darstellern, weil die Darsteller gar nicht auftauchen: Auch während des Applauses bleibt Striese auf der Bühne, es läuft Musik, die Figuren tanzen, aber ob sich da jemand freut über dieses tosende Klatschen, das wissen wir nicht. Dieser durchinszenierte Applaus zeigt, dass das Theater des Herbert Fritsch in keiner Weise „wild“ oder „anarchisch“ ist, es ist im Gegenteil bis ins Letzte kontrolliert. Und auch irgendwo autoritär.
Und niemand sagt, dass das schlimm sein muss. Nur bedenken, das sollte man es.

Ich begegnete Sahra Wagenknecht Mitte der Neunziger. Die Gießener DKP hatte die Chefin der Kommunistischen Plattform in der PDS eingeladen, in ein Hinterzimmer der Kongresshalle, da dachte ich mir: Hörstes dir mal an, auch wenn du kein Parteimitglied bist. Zur Erklärung für die Spätgeborenen: Die DKP ist die Deutsche Kommunistische Partei, heute ein praktisch irrelevant gewordener Verein von Sozialisten, Kommunisten, Antikapitalisten, denen SPD wie Grüne zu kapitalfreundlich waren und die mittlerweile in großen Teilen zur Linken abgewandert sind. Damals, in der westdeutschen Provinz, sprach aber noch niemand von der Linken, und die DKP hatte durchaus eine gewisse Relevanz, war auch in einigen Kommunalparlamenten vertreten, hauptsächlich wegen ihrer Vernetzung in die Gewerkschaften hinein.
Entsprechend saßen an diesem Abend auch hauptsächlich: ältere Gewerkschafter, Biertrinker, ausschließlich Männer, meist vom Land, die nirgendwo dazu gehörten. Und mittendrin Sahra Wagenknecht, schlank und streng und Wasser trinkend. Einer der Männer meldete sich: „Liebe Genossin Sahra, ich bin ein nicht-leninistischer Sozialist, und ich habe folgendes Problem …“ Wagenknechts Lippen wurden schmal. „Dann gebe ich IHNEN folgenden Rat: Lesen SIE. Lesen SIE Lenin, seine Schrift ‚Was tun?‘ wird IHNEN weiter helfen.“ Gespräch beendet. Ich will Wagenknecht nichts vorwerfen, das Ambiente war wirklich sehr, sehr bieder, und eine gewisse Arroganz darf man sich als junger, kluger Politstar vielleicht auch leisten: Wagenknecht war damals Mitte, Ende Zwanzig, in diesem Alter lief ich ebenfalls noch gehörig überheblich durch die Gegend, womöglich mache ich das heute noch. Aber irgendwie spürte ich, dass diese jämmerlich hilflosen Männer eigentlich nichts Böses gemacht hatten, im Gegenteil, sie hatten ja immerhin Wagenknecht eingeladen, weil sie dachten, dass da jemand mit ihnen diskutieren würde, der auf ihrer Seite sei, eine Kommunistin. Und dass Dünkel und Besserwissertum der linken Sache nicht unbedingt dienlich sein dürften, das spürte ich auch.

Ich verfolgte Wagenknechts Karriere weiter, sie schien ja ihren Weg zu machen, auch wenn ich manchmal den Eindruck hatte, dass dieser Weg nirgendwo hinführte. Wagenknecht prägte die Kommunistische Plattform, zunächst in der PDS, dann in der Linken, wobei mir die Kommunistische Plattform immer mehr an den Rand gedrängt vorkam, unwichtig, eigentlich. Wagenknecht heiratete den westdeutschen Journalisten und Unternehmer Ralph T. Niemeyer, der sich selbst als „liberal“ bezeichnet. Wagenknecht sah sich in der DDR-Tradition religionsähnlicher Goethe-Verehrung (und ließ sich leider auch dazu hinreisen, damit ihre Abneigung gegen Regietheater zu begründen: Das nämlich verletze die Intention des Heiligtums Goethe). Wagenknecht ließ sich beim Hummer-Essen fotografieren und ging mit dem anschwellenden Kichern eher uncool um. Wagenknecht baute auf die Karten Weiblichkeit, Bildung und Schönheit, das gefiel mir noch nie, auch wenn ich nicht ahnen konnte, dass Weiblichkeit in der Politik über kurz oder lang von Püppchen wie Bettina Wulff, Kristina Schröder und Stephanie zu Guttenberg definiert werden würde.

Ich mag Sahra Wagenknecht nicht.

Einerseits. Andererseits bin ich natürlich der Meinung, dass es eine Alternative geben muss zum alternativlosen Pragmatismus, zur Gestaltungsmacht, die nur in einer Regierungsbeteiligung liegt, selbst wenn man dafür alle linken Ideale aufgeben muss. Ich finde es wichtig, dass es etwas gibt wie die kommunistische Plattform, einen Stachel im Fleisch des Parlaments, der sich eben nicht den Sachzwängen anpasst. Nur dass dieser Stachel ausgerechnet von Sahra Wagenknecht repräsentiert wird, das passt mir nicht, von Sahra Wagenknecht, bei der ich mich tatsächlich frage, ob sie wirklich eine Linke ist und nicht doch ein arrogante, durch und durch bourgeoise Schnalle.

Und ganz davon abgesehen, freue ich mich, dass Oskar Lafontaine eine neue Freundin gefunden hat. Jeder Topf findet irgendwann seinen Deckel, und Unsympathin zu Unsympath, doch, das passt.

(Foto: Nicole Teuber)

12. November 2011 · Kommentare deaktiviert für Ästhetik des Scheiterns (5): Topinambur · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns

Vorbemerkung:
Seit wöchentlich die Gemüsekiste hier ankommt, habe ich den freien Willen aufgegeben. Was okay ist, freier Wille ist eine Ideologie für FDP-Wähler, ich aber wählte noch nie FDP und unterwerfe mich entsprechend gerne einer höheren Entscheidung. Und wenn es nur die ist, das zu essen, was die Jahreszeit gerade hergibt und der Biobauer entsprechend liefert: Man muss sich einfach keine Erdbeeren im November kaufen, auch wenn man gerade Lust auf welche hat und der Wochenmarkt auch noch welche anbietet. Bislang fahren wir ganz gut damit, nur aktuell sind so komische, dreckige, kleine Knollen in der Kiste: Topinambur. Eine Art Esoterikerkartoffeln, von wo der Lieferant die Dinger importiert hat, möchte man gar nicht so genau wissen. Aber: „Heute wird Topinambur in fast allen Kontinenten angebaut, Hauptanbaugebiete befinden sich in Nordamerika, Russland, Australien und Asien. Sie wird zudem nur noch mit geringer wirtschaftlicher Bedeutung in Südfrankreich und den Niederlanden angebaut. In der Schweiz wird sie im Seeland wieder seit 1978 erwerbsmäßig angebaut. In Deutschland findet man nur kleine Anbaugebiete in Niedersachsen, Brandenburg und Baden“, klärt Wikipedia auf. Niedersachsen, na dann.

Versuchsanordnung:
1. Eine Stange Porree schälen, putzen und in dünne Scheiben schneiden. Eine Pastinake schälen und klein schnippeln. Eine große, getrocknete Chilischote klein schnippeln. Sechs bis sieben Topinamburknollen schälen und u.U. halbieren.
2. Porree in geschmolzener Butter anbraten. Pastinake, Topinambur und Chili zufügen, ungefähr zehn Minuten braten.
3. Mit 100 ml Weißwein (ich nahm den guten Hauswein vom Biomarkt, der hier schon fast eine Woche geöffnet rumsteht) ablöschen. 120 ml Milch und 500 ml Geflügelbrühe (Instant) zugeben. 20 Min. bei schwacher Hitze köcheln lassen, bis das Gemüse weich ist. Pürieren.
4. 120 ml Sahne zugeben. 30 g weiße Schokolade (ich nahm die allerbilligste aus dem Discounter) in Stückchen brechen und unterrühren. Mit Salz abschmecken.

Ergebnis: Optisch erinnerte die Suppe an einen Mischung aus Bananenmilch und Erbrochenem. Nicht wirklich schön. Geschmacklich aber ganz interessant: recht scharf (vielleicht eine kleinere Chilischote?), gleichzeitig fruchtig (der Weißwein!) und herzhaft (die Brühe!). Zum Servieren machte ich noch einen leichten Spiegel aus Trüffelöl auf der ersten Tasse, das war ein Fehler: Das Öl schmecke so intensiv, dass die spannende Geschmacksmischung stark, zu stark in den Hintergrund gedrängt wurde. Sonst: kann man lassen.


Also. Natürlich kaschieren die Promofotos ein wenig. Natürlich ist Patrick Wolf nicht so atemberaubend hübsch wie auf seinen Plattencovern. Patrick Wolf, 1983 in London geboren, hat ein Bäuchlein, er hat keine gute Haut, vor allem zeigt er ein wenig die Mopsigkeit des späten Morrissey (die Tatsache, dass meine Handykamera extrem unscharfe Bilder macht, kann in diesem Zusammenhang als gnädig interpretiert werden). Aber Patrick Wolf weiß ja, wie er aussieht. Und Patrick Wolf traut sich dennoch, sich immer wieder nach rechts zu wenden, sich direkt ins Scheinwerferlicht zu stellen, das Licht in den Schweißtropfen auf seiner Stirn spiegeln zu lassen, eitel, glücklich. Um dann den Scheinwerfer zu nehmen, ins Publikum zu leuchten, das gesamte uebel und gefährlich abzutasten, bis er dann eine Sekunde verweilt, erst kapiert man es gar nicht, und dann, wie vor den Kopf geschlagen: Der meint ja mich! Patrick Wolf schaut mich an, der Crooner, der Kitschsänger, er schaut und lächelt, er muss mich meinen! Und dann zieht der Scheinwerfer weiter.
Hinter all dem Camp, dem Tüll und der Schminke und den Konventionen der „Judy! Judy! Judy!“-Musicalbegeisterung, schafft es Patrick Wolf, einem kurz das Gefühl zu geben, der einzige Adressat seiner Songs zu sein, das ist nicht schlecht. Vor allem, weil mich diese Songs bei jedem Hören weniger berühren, ich meine, das ist Folk mit Elektro- und Indierock-Elementen. Folk plus Indierock, wenn man freundlich sein möchte, dann klingt das nach Bands wie New Model Army oder den Levellers, wenn man unfreundlich ist, dann betont man den hohen Streicheranteil der Songs und hört plötzlich ostdeutsche Mittelalterrockbands raus. Und nur die Erkenntnis des hohen Campfaktors von Wolfs Auftreten rettet ihn – weil nämlich auf dem Nordhausener Mittelaltermarkt die Heterosexualität gefeiert wird, offensiv schwules Auftreten ist da nicht so gern gesehen. Nur hilft dieses Gedankenkonstrukt gerade mal bei den alten Wolf-Arbeiten, „Lycanthropy“ (2003) oder „Wind in the Wires“ (2005), bei „The magic Position“ (2007) wird es schon schwierig, und beim aktuellen Werk „Lupercalia“ funktioniert es überhaupt nicht mehr. Denn Wolf integriert auf „Lupercalia“ vermehrt Soul-Elemente in seine Musik, ähnlich, wie es Anfang der Achtziger Dexy’s Midnight Runners und Anfang der Neunziger Bob Geldof versuchten. Und da rettet auch die offensive Homoerotik dieses Konzerts nicht, im Soulfolk hat man nicht grundsätzlich etwas gegen Schwule, der Bruch fehlt, und entsprechend gruselig klingen die Songs von „Lupercalia“ dann eben auch.
Wäre Wolf nicht solch ein wunderbarer Entertainer. (Er kann auch eine unausstehliche Zicke sein, hört man, egal, gestern im uebel & gefährlich war er reizend, ehrlich.) Er lässt das Publikum „Happy Birthday“ für seinen Verlobten singen, aber bitte auf Deutsch! (Und verzweifelt überlegt man zunächst, wie dieses Lied denn bitteschön auf Deutsch geht, bis einen die Woge des Publikums mitträgt, „Zum Geburtstag, lieber William, zu Geburtstag viel Glück!“) Er umarmt seine Violinistin, überhaupt, schön, wie liebevoll er mit seinen Mitmusikern umgeht, der hübschen Saxofonistin, dem schüchternen Bassisten, dem Rocktier am Schlagzeug und dem Buchhaltertypen an an der Elektronik. Er prostet dem Publikum zu und versteigt sich in eine ellenlange Ansage, ob man in Deutschland „Cheers!“ sagen könne, oder ob das Publikum das als „Tschüss!“ missverstehen würde, so lange, bis das Publikum geschlossen „Prost!“ brüllt. Er leistet sich Diventum, indem er sich ewig zur Zugabe bitten lässt, bis man dann kapiert, weswegen er so lange hinter der Bühne verschwunden blieb: Er hat das Kostüm gewechselt, er trägt jetzt ein Sakko, auf das ein ausgestopfter Falke drapiert ist, hübsch. Und dann spielt er das schlimme „The City“, ach, warum auch nicht.

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Es ist ein wunderbarer Abend. „Wenn er die Geige spielt, dann schmelze ich dahin!“, seufzt S., wohl wissend, dass ihr Dahinschmelzen Wolf überhaupt nicht tangieren dürfte, und dann spielt er eben trotzdem Geige, zum Schmelzen. Und dann spielt er das Piano, und dann die Ukulele, alles in einem Song, weil er nämlich beweisen will, was für ein versierter Multiinstrumentalist ist, das ist ein wenig streberhaft, aber okay. Immerhin verzichtet er vollkommen auf den Gitarreneinsatz, der die vorherige Tour prägte und leider schwer konventionell machte. Und dann greift Wolf zur irischen Harfe, immer wieder, man hört sie kaum in diesem vollen Bandsound, und trotzdem, er streichelt das Instrument, er fetischisiert diese hübsche, kleine Harfe. Und am Ende wird einem klar, dass die Motivation Patrick Wolfs zur Musik nur eines ist: Liebe.

E. war eine Einserschülerin. „Sehr gut“ in Englisch, „sehr gut“ in Sport, „gut“ in Physik, ich bewunderte E., ich war auch ein wenig eifersüchtig auf E., der alles zuzufliegen schien, für die Ehrgeiz ein Naturzustand war und nichts, wozu sie sich zwingen musste. Irgendwann behauptete ich, E. sei eine Streberin: Nichts war gelogener als das. In Wahrheit war es einfach so, dass E. sich Ziele setzte und versuchte, diese Ziele zu erreichen. E.s Leben war grundverschieden von meinem, ich wollte nicht weiter kommen, ich wollte einfach durchkommen. Ich hatte keine Ziele, mein Leben war trial and error, wenn ich Glück hatte, funktionierten meine Pläne, wenn ich Pech hatte, musste ich etwas anderes ausprobieren. E.s Leben war eine Aufgabe, die gemeistert werden wollte, mein Leben war ein Spiel, ist es wahrscheinlich heute noch.
Vor ein paar Jahren begegnete ich E. noch einmal, irgendwie schien sie ihren Weg gemacht zu haben. E. war Gymnasiallehrerin geworden, lebte in der Großstadt, hatte einen netten Mann, hatte Familie. Ein gutes Leben. Und so weit weg von meinem Leben, weiter konnte man sich nicht entfernen. Hatte ich das Gefühl.

Jette Steckel ist, nein, keine Einserschülerin, zumindest weiß ich davon nichts. Jette Steckel ist nur die momentan wahrscheinlich talentierteste junge Theaterregisseurin des Landes, jemand, der jeden Stoff, jedes Stück irgendwie gefasst bekommt, einen atemberaubenden „Don Carlos“, einen Musical-„Woyzeck“ als Publikumshit, als erstes Stück, das ich überhaupt von ihr gesehen habe, 2006 Darja Stockers beeindruckendes, radikal körperliches „Nachtblind“. Von „Nachwuchs“ kann man bei Steckel nicht mehr sprechen, längst inszeniert sie regelmäßig am Deutschen Theater in Berlin, in Köln, München und Wien. Und immer noch am Hamburger Thalia, der Bühne, an der sie vor fünf Jahren angefangen hat. Fünf Jahre, in denen Jette Steckel keinen einzigen Flop hingelegt hat.
Jette Steckel ist die Tochter von Frank-Patrick Steckel, dem ehemaligen Bochumer Intendanten, darin unterscheidet sie sich von E., der nichts in die Wiege gelegt schien, die ihren Erfolg erkämpfen musste. Was nicht heißen soll, dass Jette Steckel ihre Karriere nur ihrem Vater zu verdanken hat, auf keinen Fall, Jette Steckel hat sich ebenfalls jeden ihrer Erfolge erarbeitet (aber vielleicht nicht unbedingt erkämpft). Kurz denke ich, Steckel sei eine Streberin, aber das stimmt nicht, so etwas denkt nur jemand, der sich gar nicht in eine Einserschülerin, Verzeihung: eine junge Erfolgsregisseurin hineindenken kann: Steckels Arbeiten entstehen im Bewusstsein der eigenen Qualität, aber sie umkreisen diese Qualität nicht verbissen, wie sie es bei einer Streberin tun würden. Steckel kann einfach sehr viel, und sie weiß auch, was sie kann, ganz einfach.

Und plötzlich wird es problematisch mit diesem Theater. Nämlich hier: wenn Steckel Camus‘ „Der Fremde“ in der Gaußstraße inszeniert, der Nebenspielstätte des Thalia, an der sie auch schon „Nachtblind“ machte. Steckel dampft das Stück ein auf die Gerichtsverhandlung gegen den Mörder Meursault, und Meursault teilt sie auf die wunderbaren Schauspieler Daniel Lommatzsch, Mirco Kreibich, Julian Greis und Franziska Hartmann auf, es lässt einem den Mund offen stehen, wie die von Szene zu Szene hüpfen, in Sekundenschnelle die Rollen wechseln (wo es doch eigentlich immer dieselbe Rolle ist), und dann wechselt das Licht, und die Drehbühne wird zum wüstenhaften Strandabschnitt, und dann von Gelb zu Rot, und, ach! Und dann spielen Radiohead. Moment: Radiohead?
Und jetzt stocke ich. Plötzlich passt das alles zu gut, all diese klugen Setzungen, diese Brüche. Plötzlich spielen Radiohead, und das ist dann der Tacken, der diese Inszenierung zu perfekt macht. Musik, die das, was auf der Drehbühne passiert, nein, nicht doppelt, sondern gleichzeitig bricht und verstärkt. Plötzlich glaube ich, zu kapieren, was Jette Steckel antreibt: Die will ja gar nichts. Die will nur alles ganz, ganz richtig machen.

Ich habe nie verstanden, was E. eigentlich wollte, mit ihrem Ehrgeiz. Ich glaube, das war das, was E. mir immer fremd bleiben ließ, „die Fremde“: E. wollte einfach nur die Beste sein. Hat sie geschafft, und ich gönne ihr das auch, es ist nur nicht meine Motivation. In keiner Weise.