Ein Jahr, vorbei. Vergleichbare Rückblicke kennen wir von 2010, 2009 und 2008.

Zugenommen oder abgenommen? Erst zugenommen, dann abgenommen, am Ende wieder ein bisschen zu. Jojo.
Haare länger oder kürzer? Alles in allem länger. Was vor allem daran liegt, dass meine geschätzte Friseurin Ayshe in meiner freien Zeit oft nicht konnte und ich entsprechend auf den Friseurbesuch ganz verzichtete.
Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Minimal kurzsichtiger. Für eine neue Brille langte es.
Mehr ausgegeben oder weniger? Alles in allem wohl ganz ähnlich.
Der hirnrissigste Plan? Eine neue Küche kaufen zu wollen. So hirnrissig, das wird uns noch die gesamte erste Hälfte von 2012 vermießen.
Die gefährlichste Unternehmung? Gefährlich? Hier? (Mit einer Großfähre über den Skagerrak zu schippern, zählt nicht wirklich, oder?)
Die teuerste Anschaffung? Eine Zahnkrone. Ach.
Das leckerste Essen? Im Restaurant Apples/Hyatt Hotel Hamburg. Eigentlich das gesamte Menü, großartig war aber schon alleine das geeiste Melonensüppchen als Amuse-Gueule.
Das beeindruckendste Buch? Christina Maria Landerl, Verlass die Stadt.
Der beste Comic? Kati Rickenbach, Jetzt kommt später.
Der berührendste Film? How I ended this summer, ganz großartiger russischer Psychothriller. Taiga-Einsamkeit, übersteigertes männliches Autoritätsgehabe, Eisbären, kaputte Natur – alles da.

Das beste Lied? Boy, „Little numbers“. (Luftiger Sommerfolkpop, gar nicht so unbedingt meine Musik, hier passt aber alles, nicht zuletzt das tolle Video. Und ein schönes Konzert spielten Boy ebenfalls.)

Die beste Platte? PJ Harvey, Let England shake. Folkbluespunk, längst nicht mehr so selbstquälerisch und introspektiv wie auf den vorangegeangenen CDs, sondern hasserfüllt, leidenschaftlich, politisch. (Ja, ich bin mittlerweile ein alter Mann, der nicht mehr dem neuesten Hype hinterherrennt, schon verstanden.)

Das schönste Konzert? Vorhersehbar, trotzdem toll: Ja, Panik im uebel & gefährlich, Hamburg. (Das Video ist nicht aus Hamburg, sondern aus dem Berliner HAU, aber immerhin von derselben Tour.)

Die schönste Theatererfahrung? “7 Schwestern” von She She Pop, ganz großartiges Erwachsenwerdtheater.
Die interessanteste Ausstellung? Gilbert & George, “Jack Freak Pictures” in den Hamburger Deichtorhallen. Eigentlich mag ich ja thematisch aufgebaute Geschichten mehr, hier stimmte aber alles.
Die meiste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: meinen geschätzten Bürokolleginnen.
Die schönste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: der schönen, klugen Frau.
Vorherrschendes Gefühl 2011? Trauer. Frust.
2011 zum ersten Mal getan? Einen kleinen Hund ins Herz geschlossen.
2010 nach langer Zeit wieder getan? Jemandem die Pistole auf die Brust gesetzt und eine grundsätzliche Entscheidung abverlangt.
Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Die Erfahrung, dass Religion nicht einmal theoretisch ein Trost sein kann. Was hilft es, sich einzureden, dass alles einen höheren Sinn haben soll? Was soll denn da für ein Sinn drin liegen, wenn es am Ende dennoch einen der liebsten, freundlichsten und sympathischsten Menschen überhaupt trifft, ganz gnadenlos? Und diese Erfahrung überschattet alles andere, hätte ich auf diese Erfahrung verzichten dürfen, dann hätte ich den gesamten Rest mit Freuden in Kauf genommen.
Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? So geht das nicht weiter, wir müssen ein neues Modell finden.
2011 war mit einem Wort…? A. beschrieb 2010 als stinkenden Hund. Ich beschreibe 2011 als stinkenden Hund ohne Charakter, der auch nichtmal süß ist. Sondern Würmer hat.

Edit: Im näheren Umfeld schauten schon Kommander Kaufmann zurück, Mark, der eine von den Post Artcore-Jungs und auch der andere. Außerdem Anke Gröner und Don Dahlmann.

Kommt ein Mann zum Pfarrer und erzählt, dass er nicht an Gott glaube. Sagt der Pfarrer mit beseeltem Blick: “Das ist ein Beweis für die Güte des Herrn: Du bist Atheist, und er akzeptiert dich dennoch, so wie du bist.” (Ja, okay, ich habe mir den Witz gerade erst ausgedacht, da darf man kein Fips Asmussen-Niveau erwarten.)


(Foto: © Henning Rogge/Deichtorhallen)

Zu Beginn der Ausstellung “Wunder” in den Deichtorhallen begegnet einem eine Installation von Joseph Beuys: “Eurasienstab”, vier an eine Wand gelehnte Filzwinkel (im Bild links). Beuys wollte, so informiert der Ausstellungstext, mit diesen Gerätschaften eine geistige Verbindung zwischen West und Ost herstellen, eine Brücke zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Europa und Asien, während des tobenden Kalten Kriegs. Ich weiß, dass sich über Beuys, den wohl bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts, Klügeres sagen lässt als solch Geschwafel, der Satz macht aber deutlich, welches Problem ich oft mit Beuys habe: Man kann ihn ganz leicht vereinnahmen, für dummen, nicht durchdachten Antirationalismus. Für die Grünen, für die Anthroposophen, für eine Ausstellung wie “Wunder”.
“Wunder” haut nicht fröhlich in die weihnachtliche Kerbe des Wunderglaubens, “Wunder” ist raffinierter. Eine Videoinstallation von Johanna und Helmut Kandl zeigt Wallfahrer, glücklich, verzückt, fanatisch. Dass in diesem kollektiven Glücksgefühl auch eine Bedrohung liegt, verschweigt die Ausstellung nicht, gleichzeitig deutet sie aber an, dass in solch einem Gemeinschaftsgefühl eine Kraft stecken muss, die mit individualisierter Wissenschaftlichkeit nicht fassbar ist. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als du kleines Menschlein dir vorstellen kannst, sagt die Ausstellung. Und was spricht dagegen, dieses Unvorstellbare als “Wunder” zu bezeichnen?
Das immerhin spricht dagegen: dass Wunderglauben fast immer Hand in Hand mit Religion geht. Diese Verbindung spart die Ausstellung verschämt aus, entsprechend gibt es auch keine Kritik an dem disziplinierenden Charakter von Religion (und nur in einem versteckten Kabinett, in dem Kinder ihre Vorstellungen von göttlichen Wundern formulieren durften, wird klar, wie der Hase läuft). Im Grunde ist “Wunder” eine stockreaktionäre Veranstaltung, die sich nicht einmal traut, zu ihrem reaktionären Charakter zu stehen.
Was die kuratorisch eigentlich ganz gut aufgestellten Deichtorhallen geritten haben dürfte, sich auf solch schlüpfriges Terrain zu begeben, man weiß es nicht. Immerhin muss sich kein hauseigener Kurator für den Schmonzes verantworten, die Schau ist schlüsselfertig eingekauft von der Berliner Praxis für Ausstellungen und Theorie, drei freien Ausstellungsmachern, die sich selbst an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst und Kulturgeschichte verorten und bislang Schauen wie “Der Ball ist rund” anlässlich 150 Jahren DFB im Gasometer Oberhausen oder “Schmerz” im Hamburger Bahnhof Berlin konzipierten. Erfolgsausstellungen. Was das Trio allerdings über den Publikumserfolg hinaus mit “Wunder” bezweckt, erfährt man nicht.
Am Ende steht die Religion. Am Ende steht die Erkenntnis, dass jeder an Wunder glaubt, solange er nicht so größenwahnsinnig ist, alles zu verstehen – und wer an Wunder glaubt, der glaubt auch irgendwo an Gott. Oder an die Gemeinschaft. Oder an die Kunst, ist ja alles dasselbe, dieses nicht Fassbare: “Pure Vernunft darf niemals siegen”. Davon, dass man womöglich durchaus akzeptiert, nicht alles zu wissen, für dieses Nichtwissen aber auch keine übergeordnete Erklärung braucht, schweigt diese Ausstellung.

Kommt ein Mann zum Kurator und erzählt, dass ihn Wunder eigentlich überhaupt nicht interessieren. Sagt der Kurator mit maliziösem Blick: “Dieser Skeptizismus, ist der nicht wunderbar?”

(Wunder. Kunst, Wissenschaft und Religion vom 4. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bis 5. 2., Deichtorhallen, Hamburg)

22. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , ,

Ein paar Jahre spielte der WDR mit im “Polizeiruf 110″-Konzert. Zwischen 1995 und 2004 entstanden acht Krimis, die nicht nur in Bezug auf den Sendeplatz sondern auch inhaltlich die Vorläufer zu den heutigen “Tatort”-Folgen aus Münster waren: explizit provinziell, selbstironisch, mehr Krimikomödien als echte Krimis. Allerdings gibt es einen großen Unterschied: Während der “Tatort” in einer zwar provinziellen aber dennoch realen Stadt (nämlich Münster) spielt, war der “Polizeiruf” mit den beiden Dorfpolizisten Sigi (Martin Lindow) und Kalle (Oliver Stritzel) in Volpe beheimatet, einem fiktiven Dorf im Bergischen Land, irgendwo zwischen Köln und Lüdenscheid – also im absoluten, metaphorischen Nirgendwo. Das machte es den Krimis leichter, die Grenzen der Realität hinter sich zu lassen, sorgte aber auch für die Gefahr der hemmungslosen Klamotte. Außerdem ließ dieser Kunstgriff die Geschichte von Sigi und Kalle verhältnismäßig schnell an ein Ende kommen: Dass in Münster immer mal wieder Verbrechen passieren, mag man ja noch glauben. Aber in Volpe? Einem Dorf von geschätzt vielleicht 15000 Einwohnern?

Wenn man sich jetzt, zehn Jahre später, noch einmal die vorletzte Volpe-Folge “Fliegender Holländer” anschaut, dann merkt man schon, wie stark der Zahn der Zeit an dieser Ästhetik genagt hat. Zwar spielen Stritzel und Lindow ihre Provinzler mit einigem Charme (überhaupt ist das eine erfrischend andere Herangehensweise, mal keine Kommissare ins Zentrum der Handlung zu stellen, sondern Streifenbullen), zwar traut sich Regisseur Ulrich Stark, die Krimihandlung (das LKA vermutet Drogenhändler in Volpe) immer wieder durch Abschweifungen auszubremsen. Was aber nicht darüber hinweg täuscht, dass einige Witze nicht mehr als Schenkelklopfer sind, dass insbesondere die Nebenrollen mehr als ungenau ausgeführt sind und nicht zuletzt dass die filmischen Mittel 2001 anscheinend noch erschreckend in der Fernsehkonvention gefangen waren.
Das aber ist egal, wenn man sich anschaut, wie Volpe (als eigentlicher Hauptdarsteller der WDR-Polizeirufe) gezeichnet wird: eben nicht als das schmucke Bilderbuchdorf als das Münster in den späteren “Tatorten” immer wieder auftaucht, sondern so hässlich wie es Dörfer und Kleinstädte hierzulande eben sind. Selbst Fachwerkhäuser wirken in Volpe nicht malerisch, sondern wie schnöde Zweckbauten, die vor allem der Durchgangsstraße im Weg stehen. Und am Ortsrand wartet das typische Gewerbegebiet mit den Würfelbauten, vordergründig modern, tatsächlich absolut reizlos. Und erst die Bewohner: Autoritätshörig buckeln alle vor den Dorfhonoratioren, alle saufen sie, alle haben sie Dreck am Stecken, und wenn davon was rauskommt, dann schmieren sie den Dorfbullen Kalle beziehungsweise vögeln ihn, also, die Frauen (dieser negative Charakterzug aus dem ersten Volpe-Krimi “1A Landeier” ist in “Fliegender Holländer” allerdings zum harmlosen Provinzcasanovatum abgeschliffen). Bei allem Humor zeigen die Volpe-Krimis eben auch die Abgründigkeit des Dorfes, eine Anlage, die der WDR Jahre später in der von mir schon einmal massiv empfohlenen Serie “Mord mit Aussicht” fortführte, diesmal allerdings in einem (ebenso fiktiven) Dorf in der linksrheinischen Eifel und nicht im rechtsrheinischen Bergischen Land.

“Fliegender Holländer” noch einmal gesehen zu haben, ist okay. Weil man aus diesem Film immer noch etwas mitnehmen kann, weil man immer noch etwas erfährt über das, was das Dorf so abschreckend, so eng, so gewalttätig macht. Es ist aber auch okay, weil man dadurch gnädiger wird gegenüber den Krimis der 2010er-Jahre: Man weiß, selbst der doofste Münsteraner “Tatort” wird filmisch nicht so schwach daherkommen wie dieser Krimi. Und einen Schlussgag wie das pseudolesbische Liebesspiel im Biobauernhof, nein, den würde man sich in Münster auch nicht mehr trauen. “Fliegender Holländer” sagt einem auch: Früher war nicht alles besser.

Und ja, irgendwann bin ich ausgestiegen, aus diesem “Tatort: Der Weg ins Paradies”, irgendwann habe ich nicht mehr kapiert, wer jetzt wen observiert, die Al-Quaida-Hilfskraft den Wie-immer-Superbullen Cenk (Mehmet Kurtulus), das BKA die Al-Quaida-Hilfskraft oder jemand ganz anders (wie sagt der gewohnt unsympathisch als BKA-Scherge besetzte Martin Brambach einmal? “Da sind sicher noch ein paar andere Dienste unterwegs”; mysteriös!) das BKA. Ich habe dann einfach nicht mehr verstanden: Ab welchem Punkt war klar, dass die religiösen Fanatiker (Merke: Wer beim “Tatort” “Islam” sagt, der muss im nächsten Satz “Terror” sagen! Und wo bleibt eigentlich mal der Krimi, der keine muslimischen Selbstmordattentäter zeigt, sondern freikirchliche Apokalyptiker, die die Reeperbahn vom unchristlichen Schmutz reinigen wollen, ich mein’ ja nur?) gar nicht das Hamburger Congress Center in die Luft jagen wollen, sondern einen x-beliebigen Linienbus in einem ganz anderen Stadtteil? Und woher weiß Wie-immer-Superbulle Cenk eigentlich, welcher Bus das Anschlagsziel ist, wo doch alle möglichen Informanten kurz zuvor dekorativ von Kugeln durchsiebt wurden? Und dass es ein Agent des syrischen Geheimdienstes ist, der gemeinsame Sache mit dem BKA macht und den in diesem Moment sogar recht verletzlichen Bullen Cenk vor der Enttarnung rettet, das ist entweder eine hübsch subversive Volte des Drehbuchs, oder dieser Krimi wurde gedreht, als der syrische Geheimdienst noch ein besseres Image in der Weltpolitik hatte als gerade. Ach, egal. Ich schaue ja auch gar nicht mehr, der Abschiedsschmerz vernebelt mir den Blick.
Weil nämlich diese NDR-”Tatorte” mit Mehmet Kurtulus einfach: großartig sind. Weil kein “Tatort” sonst so genau mit den Eigenarten seines Drehorts umzugehen weiß, diese Coolness der Stadt Hamburg, die man immer sehr schnell als Kälte wahrnimmt, als Kälte, vor der man nur in speckigen Hamburger-Berg-Pinten einen Rückzugsraum findet. Weil der Migrationshintergrund Cenk Batus zwar Thema ist, meist aber nicht in den Vordergrund drängt (bis auf heute, wie gesagt, der Islam-Terror-Reflex), was vergleichbar eigentlich nur noch bei der von Miroslav Nemec gespielten Figur des Ivo Batic in München der Fall ist. Und weil die Regie in Hamburg eigentlich immer erste Sahne ist, heute in den Händen von Lars Becker, der sich zunächst ein hübsches James-Bond-like Intro in Marrakesch gönnt, bevor er kunstvoll Wie-immer-Superbullen Cenk als Verdeckten Ermittler in die Terrorzelle einschleust.
Und hier landet man vielleicht beim größten, vielleicht beim einzigen Problem der Hamburger “Tatorte”: dass Wie-immer-Superbulle Cenk kein Kommissarsbeamter ist, sondern ein Verdeckter Ermittler. So ein Verdeckter-Ermittler-Krimi sieht nämlich immer irgendwie gleich aus: Superbulle wird bei den Kriminellen eingeschleust, Superbulle droht, aufzufliegen, Superbulle durchschaut kurz vor Schluss, wie die Geschichte zusammenhängt und setzt alles auf eine Karte. Und dann fliegt noch ein Bus in die Luft. Tut mir leid, Entwicklungspotenzial ist was anderes.

Aber, ach, das ist egal, ist doch eh’ alles egal. Weil Wie-immer-Superbulle Cenk noch einen einzigen Fall lösen wird, bis dann Worst Case Til Schweiger an der Elbe ermitteln wird (“Schweiger ist mit Abstand der erfolgreichste deutsche Kinoschauspieler, das hat seine Gründe, und manche, die es nicht sind, haben so ihre Schwierigkeiten damit” rhabarbert Filmproduzent Christian Granderath im SpOn-Interview, nur um im nächsten Satz die antiintellektuelle Karte zu spielen, dass man “nicht immer und überall den Hamlet geben” müsse, um gut und spannend zu unterhalten, unterste Schublade, echt.) Und dann wird es vorbei sein mit klug ausgelebten Figuren, dann wird es vorbei sein mit dem irgendwie echten Image einer Stadt, die ich auf der einen Seite hasse und auf der anderen Seite liebe, dann wird es vorbei sein mit so süßen wie schönen Polizistengespielinnen wie der charmant-kratzbürstigen Gloria (echt hübsch: Anna Bederke, die meine geschätzte Kollegin Juliane Rusche einst fürs uMag porträtierte), von der sich Wie-immer-Superbulle Cenk cool unsouverän unter den Tisch trinken lässt. Und schließlich wird Peter Jordan nicht mehr seine 1-A-Nazifrisur in die Kamera halten dürfen.

Wird mir fehlen, das alles.

(So mittel: Matthias Dell im Freitag. Superb: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. Ganz hübsch spannend: der Wahlberliner. Waaaaaarum? Anna im Wunderland. Eine Steigerung ist kaum möglich: der Stadtneurotiker.)

Zunächst macht es in erster Linie Spaß, Detektiv zu spielen: durch die Sammlung Falckenberg zu spazieren und sich die Bilder anzuschauen, hier “Wo wird das enden”, ist von Robert Lucander, klar, hier “Supermodel”, ist von Ena Swansea. Man kann die Künstler gut auseinanderhalten, auch wenn man darauf verzichtet, auf die Beschilderungen zu linsen. Das macht Spaß, ist aber nach einer Weile zu einfach, als dass man einen Abend lang seine Freude dran hätte. Und ein wenig ist das dann auch das Problem der aktuellen Falckenberg-Ausstellung: dass hier zwei Künstler gezeigt werden, die verhältnismäßig wenig gemein haben außer der Tatsache, dass beides Maler sind, dass beide mehr oder oder weniger das gleiche Alter haben.
Halbwegs gelungen rettet sich Harald Falckenberg in eine Interpretation, die die Familiengeschichte beider Künstler als eine Geschichte der Zerrissenheit und des Blutes erzählt: Lucander, der zur schwedischen Minderheit in Finnland zählt, Finnland, das über Jahrtausende abwechselnd von Schweden und von Russland besetzt und ausgebeutet wurde. Und Swansea, die aus North Carolina stammt, einer der Südstaaten an der Grenze zu den Nordstaaten, ein Transitraum, in dem um die Jahrhundertwende Thomas F. Dixon Jr. wirkte, Ku-Klux-Klan-Vordenker und außerdem Urgroßvater Ena Swanseas, deren Mutter außerdem eng befreundet war mit dem antisemitischen Dichter Ezra Pound. Hübsche Familiengeschichten, die da auf die Kunst einstürmen. Was einerseits den Ausstellungstitel “Psycho” verständlich macht, andererseits aber auf geschätzt 95 Prozent der Kunstproduktion zutreffen würde. Eine Familienhistorie des Blutes als Alleinstellungsmerkmal für Swansea und Lucander ist, nunja, ein wenig bemüht.

Wobei das aber auch vollkommen egal ist. Weil nämlich Harald Falckenberg und Kuratorin Miriam Schoofs mit “Psycho” eine zwar ein wenig beliebige, gleichzeitig aber die beeindruckendste Ausstellung gelungen ist, seit die Sammlung Falckenberg vor einem Jahr zur Außenstelle der Deichtorhallen avancierte. Anders als bei den Präsentationen von Marilyn Minter und Dieter Meier fehlt diesmal der Celebrity-Überbau, der die Vernissagen damals etwas unkonzentriert daherkommen ließ. Anders als die thematisch konzipierte Schau “Atlas. How to carry the world on one’s back” ist “Psycho” keine Koproduktion mit großen Häusern wie dem Karlsruher ZKM und dem Madrider Museo Reina Sofia, sondern eine Eigenleistung, volles Risiko: Für zwei (verhältnismäßig) unbekannte Maler werden die riesigen Phoenixhallen (fast) vollständig leergeräumt, hier ein ikonographisches, vom Pop beeinflusstes Gemälde Lucanders, dort ein großformatiges, narratives detailverliebtes Bild Swanseas, viel Platz.
Mir persönlich steht Lucander näher, ich mag sein Spiel mit Zeichen, ich mag seine Ironie, ich mag auch die Materialität, die entsteht, wenn er auf Holz malt, aber der Raum wird besser genutzt durch Swansea, Swansea, die das riesige “Above the Ocean in a Storm” fast als Suchbild daherkommen lässt, hier eine riesige, abendliche Wasserfläche, Wellen um Wellen um Wellenberge und dort dann plötzlich ein Hubschrauber, dort, ganz klein, ein Fischkutter, dort ein Segelboot. Es ist ziemlich klug erkannt, dass vor allem diese Bilder Platz brauchen, viel Platz. Platz, den ihnen die Sammlung Falckenberg bietet.

Und alles weitere: macht Spaß.

(“Psycho”, bis 25. März 2012, Sammlung Falckenberg, Hamburg-Harburg.)

14. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , ,

Der Herr hier links, das ist PeterLicht. Beziehungsweise, das ist Meinrad Jungblut, der Mann, der der Kunstfigur PeterLicht ein Gesicht gibt. Beziehungsweise, das ist der Mann, der vorgibt, Meinrad Jungblut zu sein, auch dieser Name soll nur ein Künstlername sein und möglicherweise für Peter Pichler stehen. Ach was, bevor hier irgendwelche Gerüchte ins Kraut schießen, natürlich ist das nicht PeterLicht, das ist der geschätzte Kollege aus dem Nachbarbüro und aus dem Nachbarblog, der immerhin im aktuellen uMag ein aufschlussreiches Interview mit PeterLicht oder wem auch immer geführt hat. Lange Zeit dachte man, das sei die große Qualität dieses Autors, Musikers, Theatermachers: dass er es geschafft hat, in einem Popkontext, also: in einer Welt, die wie keine andere auf Abbildbarkeit beruht, hinter einem Zeichensystem zu verschwinden. Kein Gesicht, keine Identität. Ein Phantom.

Blödsinn. PeterLicht, wer immer das auch sein mag, hat ein Gesicht: Es ist das Gesicht eines Herrn mittleren Alters mit schütter werdendem Haar, Dreitagebart, großer Brille. Man sieht es bei dem Konzert auf Kampnagel, der Herr dort auf der Bühne bittet einzig darum, keine Fotos zu machen. (Ein paar Blitzlichter sind dennoch zu sehen, es ist egal.) Was hier passiert, ist kein kunstvolles Unterlaufen des Bilderzwangs im Pop, es ist wahrscheinlich viel einfacher – PeterLicht ist wahrscheinlich unglaublich schüchtern. Außerdem hat er, das muss man sagen, keine nennenswerte Bühnenpräsenz. Und er kann nicht besonders singen, das macht nichts, die besten Sänger sind eigentlich Nichtsänger, aber irgendwie schafft er es nicht, aus diesem Nichtsängertum eine eigene Qualität zu machen. Die Tatsache, dass man das auf den extrem professionell produzierten, man könnte sogar sagen: überproduzierten Platten kaum raushört, stützt diese These. Diesem Menschen ist es unangenehm, dass man die Limitiertheit seiner musikalischen Mittel deutlich raushört.
Was hilft, ist die Band. Die ist sehr, sehr gut, fast könnte man behaupten, dass da vier Mucker stehen, die dem in die Ecke verdrückten Sänger eine Basis bieten, auf der er seine klugen Texte, seine von Platte zu Platte lieblicher werdenden Melodien ausbreiten kann. Alleine, es funktioniert nicht. Eigentlich klappn nur die schnellen, schlagerhaften Songs, die Hits, “Alles was du siehst gehört dir”, “Neue Idee”. Wo die Songstrukturen aber diffiziler werden, bei “Sagt mir, wo ich beginnen soll” etwa, bricht die Dramaturgie des Konzerts vollkommen in sich zusammen, bleibt nur noch prätentiöses Gewummer, etwas, das irgendwie Kunst sein soll und das Warten auf den nächsten Hit. Es ist, tut mir leid, dann eben auch ziemlich langweilig.

Ich kenne die Theaterarbeiten von PeterLicht für die Münchner Kammerspiele und fürs Berliner Gorki nicht. Schade eigentlich, ich erwarte da viel, ich erwarte das Kluge, Durchdachte, das das musikalische Konzept dieses Künstlers ausmacht. Ich erwarte den Witz seiner Literatur (für die er immerhin den Publikumspreis sowie den 3sat-Preis beim Bachmannwettbewerb bekam, das ist ja nicht nichts). Ich erwarte Songtexte, die sich in ihrer Lieblichkeit im Ohr festsetzen und dort dann ihr Gift entfalten: “Du musst dein Leben ändern”. Ich erwarte nur nicht: dieses komische Hin und Her eines Menschen, der irgendwie nicht auftreten will, dann aber trotzdem auf der Bühne steht. Als Regisseur, nämlich, muss er das ja nicht.

Oft sprechen mich junge Menschen an, weil sie Probleme haben mit diesem Internet, von dem man gerade so viel hört: Zu wenig Sex gebe es dort, und man solle sich doch trauen, endlich mal ein richtig gutes Sexblog auf die Beine zu stellen. (Mich fragen sie, weil sie gehört haben, dass ich schon einmal Sex gehabt haben soll, angeblich.)
Fände ich gut. Also, wenn es jemand schaffen würde, unpeinlich und kreativ und unterhaltsam von Sex zu erzählen. Allein, ich glaube nicht, dass das jemand schafft. Weil ich den jungen Leuten aber nicht alle Hoffnung nehmen möchte, gebe ich ihnen ein Beispiel: Sie sollen sich den „Tatort“ von vergangenem Sonntag anschauen, „Schwarze Tiger, weiße Löwen“, da hat nämlich die Kommissarinnenfigur Charlotte Lindholm Sex. Ganz grauenhaft öden Sex. Und dass dieser Sex so öde aussieht, hängt natürlich einerseits damit zusammen, dass die Kommissarinnenverkörpererin Maria Furtwängler eine ganz schlechte Schauspielerin ist, die sich in keine Figur einfühlen will, sondern auch noch beim wüstesten Gevögel (das hier nicht einmal in Ansätzen zu sehen ist, sondern nur schwachbrüstige Konvention) in erster Linie darauf achtet, dass sie, Maria Furtwängler, gut aussieht. Ein weiterer Grund aber ist der, dass ein Regisseur, der Bilder für Sex sucht, immer wieder die gleichen, langweiligen Bilder findet, Finger, die sich in Laken verkrampfen, schweißglänzende Haut, geschlossene Frauenlider. (Das muss so sein, weil Sex ja nun wirklich häufig ganz ähnlich aussieht. Dass aber auf der Tonspur ausgerechnet ein Saxophon ein ultrabetttauglich-kitschiges Stück quäkt, das hätte nicht sein müssen.)

Dass der ganze Film kaum erträglich ist, liegt natürlich nicht nur an der Sexszene. Es liegt auch und wieder daran, wie Furtwängler ihre Kommissarin Lindholm anlegt: als Souveränitätsbombe, die nichts dabei findet, Fehler zu machen (den Dienstausweis beim Sex verschlampen!), und, wenn diese Fehler Probleme nach sich ziehen, Untergebene stumpf von oben herab zurechtzuweisen. Wozu gibt es denn auch Hierarchien, wenn man nicht denen, die unten stehen, mal so richtig gegens Schienbein hauen kann, auch wenn sie nun wirklich nichts dafür können? Was die „Tatorte“ mit Furtwängler echt schlimm macht: dass Lindholm mit dieser arroganten Masche immer wieder durchkommt und den Mörder, klar, schnappt. Man müsste wirklich mal analysieren, was hinter dieser Figur eigentlich für ein Gesellschaftsbild steckt.

Der Krimi selbst? Interessiert da schon kaum noch. Was schade ist, weil Regisseur Roland Suso Richter hübsch dräuende Bilder von der Gifhorner Kleinbürgerhölle gefunden hat, weil auch das Drehbuch von Ulrike Molsen und Eoin Moore ein paar hübsche Haken schlägt, und vor allem auch weil das Ensemble nicht uncharmant aufspielt, allen voran Inka Friedrich als lokal zuständige Polizistin und Michaela Caspar als schwer traumatisierte Opfergattin. Aber dass das nicht interessiert, liebe Zuhörer, das ist doch der beste Beweis dafür, dass man die Finger davon lassen sollte, von Sex zu erzählen. Weil das nämlich alles kaputt macht.

(Recht freundlich, diesmal: Matthias Dell im Freitag. Vom Sex nicht völlig verstimmt: Jens Szameit auf tatort-fundus.de. Nicht überzeugt: der Wahlberliner. Gelangweilt: der Stadtneurotiker. Fies: Anna im Wunderland.)

Keinerlei Vorschriften habe man ihr beim NDR gemacht, erzählt die Radiokollegin von ihrer Arbeit als auf Tanz spezialisierte Kulturjournalistin für den Hörfunk, fast keine, nur die: “Die Person John Neumeier ist sakrosankt in dieser Stadt. Berichte übers Hamburger Ballett müssen also immer einen positiven Dreh haben.” Vielleicht hat die Kollegin etwas falsch verstanden, vielleicht hat sie sich aus irgendeinem Grund über den zuständigen Redakteur geärgert, es gibt viele Begründungen, weswegen man ihren Satz nicht auf die Goldwaage legen sollte, allein, es hilft nichts: Seit diesem Satz habe ich Probleme mit Neumeier.

Ich bin sicher kein Spezialist für klassisches Ballett. In Wahrheit bin ich, geprägt von Pina Bausch und William Forsythe, fürs klassische Ballett, für die schöne Bewegung, den atemberaubenden Körper, die “Erkenntnis, dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist” (Fritz J. Raddatz angesichts Rudolf Nurejews) längst verloren. Aber ich muss nur eine kurze Passage aus Neumeiers “Liliom” sehen, um zu kapieren, dass diese Bühnenästhetik zwar die Formen klassischen Balletts benutzt, selbst aber gar nicht besonders klassisch ist. Neumeier choreographiert Spitzentanz, er zitiert die russische Ballettästhetik, die er verehrt, er übernimmt auch die streng hierarchische Ordnung der klassischen Compagnien, vor allem erzählt er eine Geschichte. Aber nicht alles an seiner Choreographie ist schöner Schein, er stellt auch mal einen Tänzer in Jeans und Muscleshirt auf die Bühne, wo es inhaltlich Sinn macht, eine gewisse Rauheit darf ruhig vorkommen, selbst ein Stolperer sollte zwar vermieden werden, wenn er aber doch mal passiert: meine Güte! Allerdings kommt das unglaubliche Niveau dieser Tänzer dazu, allen voran Anna Polikarpova, der Hamburger Star, der in “Liliom” als Frau Muskat nicht wirklich zeigen kann, was er kann, und sich bewundernswert souverän in die zweite Reihe einfügt, dazu kommt eine Bühne, die mit kleinsten Mitteln eine Stimmung zwischen träumerischer Jahrmarktskulisse und “Dreigroschenoper”-artigem Sozialrealismus herstellt, dazu kommt nicht zuletzt die Musik, eine Auftragskomposition von Michel Legrand für Orchester, Big Band und Akkordeon, in der sich Neoklassik, Swing und Folkloristisches einen spannenden, manchmal bewusst misstönenden, manchmal atemberaubenden Wettstreit liefern – und man kommt nicht umhin, sich von dieser Ästhetik, dieser Virtuosität mitreißen zu lassen.

Das Problem fängt dort an, wo man sich mit dem Stück auseinandersetzt. Ferenc Molnárs “Liliom” ist ja nicht einfach nur ein Stoff, es ist ein Theaterstück, das zwar (wegen akuten Kitschverdachts) kaum an Schauspielbühnen gespielt wird, gerade in Hamburg aber vor zehn Jahren in der Inszenierung Michael Thalheimers am Thalia einen Skandal verursachte. Die harte, karge Inszenierung zeigte Figuren, die näher am Tier waren als am Menschen, Figuren, die gar keine andere Chance hatten außer der Gewalt, wobei die Gewalt am Ende auch nichts gut werden ließ. Es ist unfair, die Thalheimer-Inszenierung mit der Neumeier-Choreographie zu vergleichen, es sind ja ganz andere Genres, aber die Arbeit von Thalheimer ist noch so präsent, nicht nur in Hamburg, man hat sie vor Augen, es geht nicht anders: den massigen Peter Kurth, die ungelenke Fritzi Haberlandt, wie sie verzweifelt an der Bühnenwand zu vögeln versuchen, mehr ein Stürzen, Fallen, Rammeln denn ein Schweben. Und dann stellt man durchaus fest, dass Neumeiers Interpretation desselben Themas, man will nicht sagen: verlogen ist, aber dass ihr doch etwas fehlt.
Der Tanz, in dem ich mich auskenne, ist Tanz, der seine Mittel immer bewusst macht: Wenn in Pina Bauschs “Frühlingsopfer” die Tänzer gegen den Mulchboden ankämpfen, dann sieht man, dass diese Ästhetik harte Arbeit ist, wenn, im ganz radikalen Fall, Jochen Roller mit “Perform Performing” den ökonomischen Entstehungsprozess des Stückes selbst reflektiert, dann sieht man, dass es hier um etwas geht. Das muss nicht immer so sein, die eigenen Mittel auszustellen muss nicht der Königsweg bleiben, nur: Wenn jemand wie ich durch diese “nackte”, antiillusorische Tanzästhetik geprägt ist, dann schaut er eben irritiert, wenn ein Stück die Befreiung von den Körperfesseln propagiert. Oder zumindest so tut als könnte sie es. Und wenn Carsten Jung, ein extrem attraktiver Mann in enger Lederhose und mit nacktem Oberkörper ein Solo im Gegenlicht tanzt, dann denke ich eben: Hübsch, ein Freddie-Mercury-Zitat. Nur dass diese Ästhetik gar nicht an Freddie Mercury denkt, sie denkt auch nicht in Zitaten. Sie meint alles zutiefst ernst.

Wie sehr diese Arbeitsweise an ihre Grenzen stößt, merkt man an der sozialen Verortung des Stücks. Neumeier holt Molnárs “Liliom” aus dem Kontext des Jahrhundertwende-Budapests und versetzt es in die USA der 1930er-Jahre. Das macht er konsequent, er verwandelt aber mit seiner Vorliebe für Detailgenauigkeit den Sozialrealismus in ein Museum. Fatal wird das in den Szenen auf dem Arbeitsamt: Neumeier baut eine eindrucksvolle Depressionszeitästhetik nach, inclusive Schiebermützen und “Will work for food”-Transparenten. Und das bepelzte Publikum in der Hamburgischen Staatsoper, das bis knapp 100 Euro für seine Karte gezahlt hat, schaut sich das an und denkt: “Schon schlimm, es gab da eine Zeit, da scheint es Massenarbeitslosigkeit gegeben zu haben, lange her und weit weg!”
Und dann wird getanzt.

Und dann hat es sich eben doch gelohnt. Dass man sich durch den beginnenden Schneeregen geschlagen hat, bis zur Prinzenbar, wo man durchnässt ankommt, frierend und mit beschlagener Brille. Es hat sich gelohnt, zum Konzert von Dillon zu kommen, Dominique Dillon de Byington, Berliner Brasilianerin unter massivem Hypedruck, was bedeutet, dass man überhaupt nichts sieht, weil die kleine Bar bis unters Dach gefüllt ist mit blöde gackernden Spexjüngerinnen, die das gesamte Konzert über quatschen, quatschen und die Kontaktlinsen verlieren. Was aber andererseits auch nicht besonders schlimm ist, weil es ohnehin nichts zu sehen gibt, Dillon steht fast das gesamte, kurze Konzert über hinter einem riesigen E-Piano, unbewegt, berührt, dazu programmiert Tamer Özgönenc basslastige Beats, die den Kronleuchter vibrieren lassen, das ist alles. Und wäre nicht besonders viel, würden einem die Songs auf Dillons Debüt “This Silence kills” nicht so nahe gehen, dunkler Chansonpop, mal Soap & Skin, mal Siouxsie, mal Kate Bush, eine Helene Hegemann des technoiden Gothpop. Und dann hört man diese traurigen, wütenden, wummernden Chansons, und dann verliert man sich ein wenig, im stuckbesetzten Pseudobarock dieses wahrscheinlich schönsten Clubs der Stadt, dann fällt man zurück in den Mutterleib, in die Fruchtblase. Und dann weiß man, dass es sich eben doch gelohnt hat, den ganzen weiten Weg, ja.

Das ist alles überlagert, jetzt. Man kann sich diesen “Tatort: Das Dorf” nicht mehr anschauen, ohne daran zu denken, was das für ein Film wäre, spielte nicht Ulrich Tukur die Hauptrolle, sondern Til Schweiger. Seit der NDR bekannt gab, dass Schweiger demnächst in der Krimireihe ermittelt, schaut man Tukur zu, wie er durch die hessische Provinz irrt, und fragt sich: Was würde Til Schweiger tun?

Das macht keinen Spaß mehr.

Wenn Schweiger als leichtverständlichster, massentauglichster Kommissar der Krimireihe angelegt sein dürfte, dann ist Tukurs Felix Murot der unzugänglichste. Nur selten zu sehen, “Das Dorf” ist erst sein zweiter Fall nach dem schon recht speziellen “Wie einst Lilly”, und es ist … ein Querschläger. Das absolute Gegenteil dessen, was man sich von einem Fernsehkrimi erwartet, ein postmodernes Zitatspiel, eine Räuberpistole. Heinz Zimmermann stellt auf tatort-fundus.de klar:

Wer bei diesem TATORT die Realismus-Frage auch nur andenkt, hat schon verloren. Man muss sich völlig fallenlassen können in dieses einmalige Werk und Experimente auch mal zulassen, dann hat man für 90 Minuten größte Freude und kann den Blick nicht mehr vom Bildschirm wenden. Die Krimihandlung? Pfeif drauf!

Felix Murot hat einen Hirntumor, das wissen wir schon aus “Wie einst Lilly”. Dieser Tumor sorgt dafür, dass Murot haluziniert, und weil wir (bis auf wenige Ausnahmen) ausschließlich Murots Blick folgen, haluzinieren wir eben mit. Wir sehen ein Spukschloss, wir sehen Alice und Ellen Kessler einen Bossanova tanzen, wir sehen Tobias Langhoff als mörderischen Diener Dietrich eine formvollendete Kinski-Choreographie abliefern, wir sehen eine großartige Szene in der Leichenhalle, die die “Tatort”-Tradition der humoristischen Pathologenszenen zitiert, nur damit Murot den übertrieben kichrigen Pathologen (Sylvester Groth) barsch zurechtweisen kann: “Haben Sie einen Clown gefrühstückt?” Was ja wohl die einzig angemessene Reaktion darauf ist, wenn jemand Witze macht, im Angesicht einer Leiche.
Ja.
Das Problem an “Das Dorf” ist allerdings: Regisseur Justus von Dohnányi (den man vor allem als gern besetzten Psycho im Schauspielerfach kennt) macht eigentlich auch in erster Linie Witze, die nur so halblustig sind, wenn man einrechnet, dass hier gestorben wird. Er zitiert nach Herzenslust (wenn auch nicht so plump, dass man jedes Zitat sofort decodieren könnte, ich zumindest konnte es nicht), er scheut sich nicht vor einer drastischen (und für die Handlung vollkommen unnötigen) Mordszene, er lässt Kameramann Karl-Friedrich Koschnick wundervoll grobkörnige Bilder eines bedrückenden Hintertaunus malen. Aber er hat nichts zu erzählen, also macht er Witze, und dabei nicht immer nur gute, leider.
Doch natürlich, “Was würde Til Schweiger tun?”, ist dieser Krimi großartig. Als geschmäcklerischer Kunstfilm funktioniert er nämlich, und zwar weitaus besser als alle “Tatorte”, die sich bislang an so etwas versucht haben. Nur erfüllt er kaum die Kriterien, die ich an einen guten “Tatort” lege: Er zeigt nicht, wie jemand zum Verbrecher wird (wer ist in dieser hanebüchenen Geschichte eigentlich wirklich der Verbrecher? Ja, klar, ich habe es schon verstanden, aber hat mich das überhaupt interessiert?). Er ist nur deswegen in einer bestimmten Region dieses Landes verortet, weil er den Hintertaunus so schonungslos hässlich, herzlos und abweisend zeigt, wie er tatsächlich ist (allerdings tut er nichtmal so, als ob es in Brandenburg, Schwaben, Niedersachsen und allen anderen Ecken dieses Landes nicht ähnlich trostlose Dörfer geben würde). Und er ist an keiner Stelle politisch, höchstens noch an dieser: Diese Gesellschaft ist krank, also ist auch die Hauptfigur krank. Und weil sich diese Krankheit einfach nicht aushalten lässt, flüchtet man sich ins Surreale, ja, das geht.
Gespielt wird übrigens durch die Bank grottig. Der große Devid Striesow: darf nur schwer atmend gucken. Thomas Thieme: manieriert. Claudia Michelsen: lässt sich von den Kesslers die Butter vom Brot nehmen. Das ist egal, darum gehts hier nicht.
Was am Ende bleibt, sind die Szenen in der Dorfkneipe, und das sind nun mal ehrlich Kabinettstückchen. Und von da ab gibt es nur noch: den Irrsinn. Und jetzt: Was würde Til Schweiger tun?

(Zum Vergleich, kritisch: Matthias Dell im Freitag. Voll des Lobs: Christian Buß auf SpOn. Freundlich: der Wahlberliner. Königlich amüsiert: der Stadtneurotiker.)