30. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für „Oh, Danke!“, freut sich der Beamte · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , ,

Es gibt „Tatort“-Teams, bei denen freue ich mich auf jede neue Episode, München etwa, Kiel, immer noch Frankfurt. Es gibt ein Team, das ich boykottiere, Leipzig, ich mag das einfach nicht mit ansehen, wie sich der tolle Martin Wuttke an Drehbüchern, Regie, Mitspielern aufreibt. Es gibt ein oberes Mittelfeld, aus dem immer mal wieder spannende Episoden kommen, Berlin, Köln, Wien. Und es gibt ein ganz breites unteres Mittelfeld, ein Feld der Enttäuschung, das ich nicht aufgeben will, das allerdings praktisch nicht mehr lohnt, geschaut zu werden: Ludwigshafen, Münster, Stuttgart. Und Konstanz. Konstanz, womöglich der dankbarste Tat-Ort, in einer Landschaft, die unverwechselbar ist, einer Landschaft, so schön, dass man den Atem anhalten möchte, außerdem direkt an der Grenze gelegen, der einzig echten Grenze, die dieses Land noch hat, an der Schweizer Grenze. Was könnte man daraus machen!

Und was macht der unselige SWR am Ende draus? Postkartenbildchen einer Urlaubsregion. Knallchargieren einer Theaterschauspielerin, Eva Mattes, die in jeder Szene zeigen muss, dass dieser Fernsehkram nun wirklich unter ihrer Würde ist. Drehbücher voll dunkeldörflicher Klischeeszenerie, für die selbst ein Bienzle sich vor 15 Jahren geschämt hätte. Ein-, zweimal gab es Ausbrüche zum Trash, da durfte La Mattes vollkommen unrealistische Verfolgungsjagden im deutschschweizer Grenzgebiet vollziehen, und der Kanton Thurgau durfte so tun als ob er Manhattan sei, 16 Blocks rheinabwärts. Das war lustig, führte das öde Krimigedümpel aber auch nirgendwo hin.

Aber wir sind nicht am Ende der Fahnenstange, wir sind nicht in Leipzig, wir sind nur im Feld der Enttäuschung, und aus diesem Feld gibt es Ausreißer, nach oben, ebenso, wie es aus dem oberen Mittelfeld auch immer wieder, ja, viel zu häufig, Enttäuschungen gibt. Im „Tatort: Schmuggler“ nämlich passt einiges ganz gut, das Setting Grenzkaff Konstanz ist tatsächlich in seiner Eigenart ernst genommen in dem Sinne, dass in diesem Krimi geschmuggelt wird, was hier eben wirklich geschmuggelt wird, Schwarzgeld nämlich aus der Bunderepublik in die Schweiz, Schwarzgeld von wohlhabenden Spießbürgern, die mit bösem Witz vorgeführt werden. Und auf der anderen Seite bekommen dann eben auch diejenigen ein Gesicht, die unter der Geldgier besagter Steuersparspießer zu leiden haben: die kleine Zollbeamtin (die ganz, ganz wunderbare Julia Koschitz, die sich langsam in meinen Kreis der gegenwärtig hübschesten wie carmantesten Filmschauspielerinnen vorspielt), die mit 1800 Euro brutto erstens Schulden und zweitens eine Teenietochter zu wuppen hat, worunter sie folgerichtig zusammenbricht. Aber auch die ökonomisch bessergestellten Hauptkommissare, die sich von einem fettigen Wurstfabrikanten sagen lassen müssen, dass ordentliche Polizeiarbeit doch auch mit weniger Etat gehen muss. Die Art, wie besagter Protokapitalist am Ende ausgespielt wird, hat Humor, geht aber am Thema vorbei, weil doch nicht die eine, fiese Wurst schuld an der Misere ist, sondern das System als Ganzes, aber so weit mag man beim christdemokratischen SWR vielleicht doch nicht gehen, von wegen Kapitalismuskritik. Schön wird aber gezeigt, wie leicht man sich in solch einem Effizienzsystem in Korruptionsbeziehungen verstrickt, einmal mit der Figur des halbbösen Zollamtschefs (Falk Rockstroh, klar, dass solch ein großer Schauspieler nicht nur einen kurzen Auftritt als Behördenleiter hat), der beschreibt, wie er sich vom Schweizer Banker erst einen Cognac spendieren lässt, dann ein Abendessen mit Freunden, und schließlich einen regelmäßigen Umschlag, gegen kleine Gefälligkeiten. Und einmal mit der Figur des (auf ewig unsympathischen) zweiten Kommissars (Sebastian Bezzel), dem auf Recherche im Luxusrestaurant eine Rehrückenterrine angeboten wird, „selbstverständlich aufs Haus“. „Oh, Danke!“, freut sich der Beamte.

Was auf der Strecke bleibt, ist da irgendwo der Krimi. War der tote Zöllner jetzt korrupt oder tatsächlich eine LIchtgestalt? Und wer brachte ihn nochmal um? Es ist nicht so, dass man das nicht verstanden hätte, es interessierte einen nur nicht wirklich. Außerdem, eine Kleinigkeit: Zwar ist Julia Koschitz schon 1974 geboren, wirkt aber selbst noch so jugendlich, dass man ihr nicht wirklich glaubt, eine halbwüchsige Tochter zu haben. Aber das ist eine lässliche Sünde, die man wohl nicht einmal Regisseur Jürgen Bretzinger vorwerfen muss, sondern, wenn überhaupt, dem Casting. Und um Krimiqualitäten geht es ja ohnehin kaum, wenn man „Tatort“ guckt, nicht wahr? Ein wenig geht es nämlich auch darum, wie der Bodensee diesmal aussieht. Und man muss sagen: Er sieht toll aus, mit diesen winterlichen Schwänen, die da über die spiegelglatte Wasserfläche schwäneln.

(Klassisch: Katharina Gamer auf tatort-fundus.de. Ruhig: Matthias Dell im Freitag. Eindringlich: der Wahlberliner. Antriebslos: Christian Buß auf SpOn. Stangenware: der Stadtneurotiker.)

26. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Jamboree/Ich bin Thilo Sarrazin · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , ,

Die Premiereneinladung kam per Facebook. Was ungewöhnlich ist, existieren doch mehrere berufliche Mailadressen, über die man mich ganz problemlos kontaktieren kann. Andererseits: Irgendwie passt diese Form der Kontaktaufnahme auch zu diesem, äh, naja: Theaterstück?, „Die Generalversammlung der Welt“ von Meyer&Kowski, im Museum für Völkerkunde. Immerhin auch mal eine Gelegenheit, diesen Ort zu besuchen, einen riesigen Jugendstilklotz in Rotherbaum, dessen Inneneinrichtung einen sofort berührt, ach, ich mag Jugendstil. Was hier überhaupt nichts zur Sache tut.

„Die Generalversammlung der Welt“ ist, das merkt man recht schnell, ein großer Fake. Also: Der chinesische Lehrer Lobo Chan reist durch die Welt, um die Menschheit zu überzeugen, sich friedlich zu treffen, im Jahr 2050, am besten in Australien, weil, in Australien ist ausreichend Platz. Im Völkerkundemuseum hören wir einen von Lobos Vorträgen, er sucht nach „Botschaftern“ für sein Vorhaben, also beschreibt er, wie er auf die Idee besagter Generalversammlung kam und was er damit bezwecken möchte. (Insbesondere bei letzterem Punkt bleiben die Ausführungen extrem unkonkret, was der Vortrag durch ein gehöriges Maß an Sympathie wieder wett macht.) Lobo ist begeistert, er ist auch ein wenig missionarisch, kurz überlegt man, in eine sektenähnliche Erweckungssituation geraten zu sein, aber dann übernimmt das theatrale Element, wir merken, alles ist nur Spiel. (Überhaupt, missionarisch, Lobo Chan ist doch überhaupt kein Lehrer aus Hunan, wie er behauptet, Lobo Chan ist ein britischer Opernsänger und Schauspieler, und für die, die das bis zum Schlussapplaus noch nicht kapiert haben, singt er noch eins!)

Wobei die Rafinesse des Theaterduos Meyer&Kowski (was ein hübsches Wortspiel ist und eigentlich den Regisseur Marc von Henning und die Dramaturgin Susanne Reifenrath meint) darin besteht, erstens das Gemachte ihrer Produktion nicht zu verstecken, wahrscheinlich niemand im Saal glaubt wirklich, es hier mit einem Vortrag und keinem Theaterstück zu tun zu haben – und zweitens die Inhalte dieser „Generalversammlung der Welt“ dennoch nicht zu denunzieren. Was Lobo da vorn erzählt, kommt bei einem an, auch wenn man weiß, was hier gespielt wird. Und was da ankommt, das ist nicht schön.

Denn die Idee, 2050 in Australien (beziehungsweise in Argentinien, im Verlauf des Stücks gerät das ein wenig durcheinander) zusammenzukommen, alle 50 Milliarden Weltbürger, hat in ihrer Monströsität etwas Erschreckendes. Was sollte diese Generalversammlung denn miteinander anfangen? Bestenfalls sich gleich die Köpfe einschlagen, schlimmstenfalls beieinander stehen, ohne Ahnung, was man miteinander reden soll, und über kurz oder lang vor Langeweile sterben? Zwei Meinungen zum Thema, wie Menschen miteinander umgehen, stehen sich unversöhnlich gegenüber: Die einen glauben, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, sozialen Kontexts einfach grundätzlich nicht miteinander auskommen können und man deswegen allen Beteiligten etwas Gutes tut, wenn man dafür sorgt, dass sie sich nicht über den Weg laufen. Thilo Sarrazin zum Beispiel denkt so. Die anderen glauben, dass die Menschen, wenn sie sich nur einmal Auge in Auge gegenüber stehen, schon den Freund im Anderen erkennen werden, das ist die Idee des Jamboree, das ist die Idee, die die Lobo-Chan-Figur uns mit glühendem Blick nahebringen möchte. Ich aber möchte nicht den Freund im Gegenüber erkennen, falls das Gegenüber George W. Bush sein sollte, meine Güte, ich möchte mich ja nicht einmal mit einem Christdemokraten im gleichen Raum aufhalten!

Mein Gott, ich bin Thilo Sarrazin!

Wobei soziale Netzwerke wie Facebook tatsächlich eine Art „Generalversammlung der Welt“ im Kleinen herstellen. Was mir dieser, ja doch: Theaterabend mit auf den Heimweg gab, ist auch eine Erklärung, weswegen mir Facebook nicht ganz geheuer ist: weil sich da nämlich nicht nur sympathische Gruppen wie Gays against Guido tummeln, sondern halt leider auch der echte Guido Westerwelle. (Wenn ich nicht aufpasse, werde ich wirklich soziophob. Ich meine, will ich eigentlich noch mit einem Zug fahren, wenn womöglich die Gefahr besteht, dass in meinem Waggon auch ein FDP-Mitglied sitzt?) Es passiert nicht häufig, dass ich nach einem Theaterstück stundenlang über mich, über meine Weltsicht nachgrübelte – dass „Die Generalversammlung der Welt“ das geschafft hat, dafür kann man Meyer&Kowski durchaus loben.

Ach so, dafür, dass dieses Stück unter ganz klassischen Entertainmentaspekten funktioniert hat, dafür natürlich auch.

(„Die Generalversammlung der Welt“, 27. 1., 17., 18., 24. und 25. 2., Großer Hörsaal im Museum für Völkerkunde, Hamburg)

22. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Im düster verwinkelten Reihenhäuschen · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , ,

Ach, Saarbrücken, Stiefkind der Tatort-Fans. Aber wie soll man auch ordentliche Krimis machen, wenn man ein Setting hat, das so hinter den (Pfälzer) Bergen gelegen ist, dass man sich aber auch rein gar nicht vorstellen kann, wie hier Spannendes passieren soll, in der (nach Konstanz) zweitkleinsten deutschen Fernsehkrimistadt (selbst das als Provinz-Tatort gelabelte Münster hat rund 100000 Einwohner mehr als die saarländische Hauptstadt). Wie soll man ausgefeilte Charaktere zeichnen, wenn der zuständige Saarländische Rundfunk gerade mal ausreichend Etat für einen einzigen Fernsehfilm jährlich hat? Und wie soll man überhaupt eine vernünftige Arbeitsbeziehung hinbekommen, wenn man den Eindruck haben muss, dass da im Sender ein Redakteur sitzt, der eigentlich gegen sein Team arbeitet und seine Schauspieler über die Medien wissen lässt, dass ihre Geschichte „auserzählt“ sei und man zukünftig mit einem neuen Kommissarsdarsteller arbeiten wolle? (Der Neue wird, darauf kann man sich freuen, Devid Striesow sein, Großschauspieler, der schon mit so ziemlich jedem guten Regisseur der Republik gearbeitet hat, von Christian Petzold bis Tom Tykwer. Was den Umgangston im Hause SR nicht besser macht.)

Ach, Saarbrücken. Sarrebruck sagt man direkt hinter der Grenze in Frankreich, in einer Sprache, die weder französisch ist noch deutsch, nichts Halbes und nichts Ganzes.

Der heutige „Tatort: Verschleppt“ ist exemplarisch für die Probleme des Saarland-Krimis. Einerseits hat Regisseur Hannu Salonen hier einen ziemlich nervenzerrenden Schocker zu Wege gebracht, mit spekulativen, für die 20.15-Uhr-Schiene in ihrer Brutalität durchaus avancierten Bildern im Torture-Porn-Stil der „Saw“-Reihe. Außerdem weiß Salonen, soziale Gefüge zu skizzieren, er zeigt ein Saarland nach dem Strukturwandel, er zeigt dreckige, runtergekommene Vororte, er zeigt Industrieruinen, in denen nichts mehr produziert wird und in denen die ehemaligen Arbeiter Frettchen im Plattenbau züchten oder aber im Keller noch Näharbeiten erledigen, „schwarz“. Am Ende geht die Begeisterung für die Genrebilder ein wenig mit dem Regisseur durch, da wird der Nachbar (Patrick Hastert), der doch nur helfen will und dabei die Augen vor dem Grauen verschließt, allzu eindeutig als Problemspießer gezeichnet, da wird der Pädophile klischeehaft als im düster verwinkelten Reihenhäuschen vegetierendes Mutter- (beziehungsweise: Tanten-)Söhnchen aufgebaut. Trotzdem, alles in allem funktioniert dieser Krimi, zumal die Anlage der Kommissare nicht uninteressant ist, mit Franz Kappl (Maximilian Brückner) und Stefan Deininger (Gregor Weber) als aus Rosenheim zugezogener Karrierebulle (von Bayern ins Saarland, so funktioniert Binnenmigration, nicht über die doof ausgereizte „Karriere in den USA“-Schiene, die uns das Kölner Team verkaufen möchte) versus im Saarmief verwurzelter Freund und Helfer mit (das ist neu und verweist auf das oben angesprochene Problem der nicht stringenten Charakterentwicklung) Alkohol- und Aggressionsproblem.

Aber, ach, Saarbrücken, trotzdem, dieser Krimi ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Irgendetwas stimmt nicht, irgendetwas ist falsch aufgebaut, wahrscheinlich ist dieser Krimi vor allem: zuviel. Man bekommt die Geschichten nicht erzählt, was zum Beispiel ist mit dem zu Beginn verdächtigen Andi Mollet (Thomas Bastkowski), der wird irgendwann von einem verzweifelten Vater mit einem Messer angegriffen, aber dann? Was ist mit Deininger, der ja augenscheinlich heftigste Probleme mit sich rumschleppt? Der brüllt im Präsidium (was, übrigens, ist das für ein Präsidium? Eine Baustelle?) Kollegen wie Verdächtige zusammen, kippt eine ganze Pallette Kümmerlinge, fährt zum Tatort und bricht dort in Tränen aus, an der Schulter des Kollegen? Und was hat besagter Kollege für Alptraumflashs? (Cool gefilmte Flashs, die allerdings auf das überraschende Ende verweisen, von dem zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen konnte.) Sind die Desintegrationsmomente der Inszenierung womöglich ein Verweis darauf, dass es zu Ende geht mit dem Saarbrücker „Tatort“? Und wäre es dann nicht wenigstens fair gewesen, dem Team Kappl/Deininger einen echten Abgang zu schreiben? Dienst quittiert, Suspendierung, angesichts Deiningers Abstürzen erschien mir sogar plötzlich eine ganz und gar schockierende Alternative möglich: Suizid des Ermittlers? Nichts davon, Fall gelöst, sogar noch mit der letzten, noch einmal wirklich schockierenden Wendung.

Aber trotzdem. Heftig spannend war’s.

(Trotz ganz großen Kinos frustriert: Heinz Zimmermann auf tatort-forum.de. Wütend: Christian Buß auf SpOn. Unfreundlich: Matthias Dell im Freitag. Unsaarländisch: der Wahlberliner. Durchwachsen: der Stadtneurotiker.)

20. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Nicht nur in der Kölner Südstadt ein stolzer Schwuler sein · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , , , , ,

In meinem Kopf dröhnt ein Schlager. Ostdeutsch kraftmeiernd Kraftklub nennt sich die Band, sie kommt, wie die Bandmitglieder sagen, aus Karl-Marx-Stadt, Chemnitz für uns Spätgeborene, also aus dem „Manchester Sachsens“, was bei Licht betrachtet auch nicht viel mehr ist als das Oberhausen des Ostens, also vor allem: tiefste Provinz, ganz weit hinter den Bergen. Kraftklub jedenfalls dröhnen, mit einem Song namens „Ich will nicht nach Berlin“, aber, tut mir leid, Jungs, falls ihr in diesem Business irgendwohin wollt, dann müsst ihr nach Berlin. Und ich denke an Chemnitz, und dann denke ich an Gießen, wo ich einige sehr schöne Jahre meines Lebens verbracht habe, Gießen, aus dem nach und nach all die Menschen, die diese Jahre mit mir geteilt haben, weggezogen sind.

Im Gießener Infoladen hing ein Plakat der Aidshilfe, man sah ein schwules Paar durch eine windzerblasene Dünenlandschaft wandern, „Es muss nicht immer Großstadt sein – wir fühlen uns hier wohl“ lautete der Slogan, ein kluger Slogan, der dazu animieren sollte, sich selbstbewusst Räume anzueignen, eben nicht nur in der Kölner Südstadt oder in der Schöneberger Motzstraße ein stolzer Schwuler zu sein, sondern auch in den Dünen von Jeverland (das eigentlich rein gar nichts mit dem hessischen Gießen zu tun hatte, aber okay, ländlicher Raum ist ländlicher Raum). Ich fand das Plakat damals charmant, ja, es war durchaus möglich, sich in Gießen wohlzufühlen. Und während des Studiums funktionierte das auch, alles. Nur spätestens mit dem Abschluss dünnte der Freundeskreis aus, irgendwie musste man ja Geld verdienen, und die Kleinstadt war nicht in der Lage, uns allen auch nur halbwegs ein Auskommen zu finanzieren. Irgendwann war S. weg, irgendwann war T. weg, und bald war dann ja auch ich weg. Man schaute noch nach Gießen, man sah W., wie er dort saß und Kunst machte, keine schlechte Kunst, und irgendwie dachte man: Der hat es nicht geschafft. Man sah L., wie sie dort saß und sich mit Lokaljournalismus abmühte, L. machte das gut, dachte man, und gleichzeitig dachte man: Die hat es nicht geschafft. In Gießen, da blieben die, die hängengeblieben waren, auch wenn man selbst sich gerade mal ein Stückchen weiter gehangelt hatte.

Szenenwechsel: Januar 2012.

Die Galerien der Hamburger Fleetinsel eröffnen gemeinsam die Ausstellungssaison, und die Produzentengalerie zeigt die Schau „Wechsel ist nicht Austausch“: Die Dokumentation einer Ausstellung vor 30 Jahren, als die leerstehenden Gebäude Kampnagels im Arbeiterstadtteil Barmbek abgerissen werden sollten und stattdessen von Künstlern übernommen wurden, Bogomir Ecker und Joseph Beuys beispielsweise, die ganz Großen der damaligen Szene, die für einen kurzen Augenblick eine Einheit von Stadtteilpolitik, Kunst und Geschichtsbewusstsein herstellten. Heute werden dieser Dokumentation zeitgenössische Arbeiten gegenüber gestellt, von Beate Gütschow etwa, die in den 1990ern in Hamburg studiert hatte und längst in Berlin lebt. In Berlin, wo sie ja alle mittlerweile leben. Die Ausstellung in der Produzentengalerie will etwas anderes, aber sie ist ein Stich ins Herz, weil sie den Blick auf die Tatsache lenkt, dass mittlerweile fast alle Künstler, die damals eine aggressiv-politische Hamburger Ästhetik bildeten, entweder tot sind oder aber in Berlin.

Das soll nicht heißen, dass diese Saisoneröffnung schlechte Kunst zeigt, im Gegenteil, ganz tolle Schauen sind dabei: Philipp Schewe bei Melike Bilir, wunderbare, schräg-wütende Collagen. Christian Hans Albert Hoosen bei Katharina Bittel, ein comichaft wilder Trip. Christina Zurfluh bei Mathias Güntner, dunkle, schwere Alpträume in Acryl. Es sind tolle Ausstellungen (dass auch ein paar unmotivierte Schauen dabei sind, versteht sich von selbst), aber wenn man zuerst in der Produzentengalerie war und sich dort diese nostalgische „Wechsel ist nicht Austausch“-Geschichte angeschaut hat, fällt es schwer, sich darauf einzulassen, dass hier klug Komponiertes, Heutiges gezeigt wird. Dann denkt man nur noch: Man ist hängengeblieben. Man hat es nicht geschafft. Nicht nur alle wichtigen Künstler sind in Berlin, auch alle, die sich mit Kunst beschäftigen, sind in Berlin, diejenigen, die hier tolle Ausstellungen kuratieren, das sind diejenigen, die nicht weggekommen sind. Und eigentlich könnten sie ihre Künstler auch gleich in Gießen ausstellen, ist ja egal, wohnen doch ohnehin alle in Berlin.

Man steckt ein wenig im luftleeren Raum, wenn man in Hamburg bleibt. Dass alle in Berlin sind, das liegt ja nicht nur an den sprichwörtlich günstigen Mieten in der Hauptstadt (die mittlerweile auch mehr Legende sind als Realität), das liegt vor allem daran, dass alle anderen ebenfalls da sind. Für jedes Künstlerinterview, das ich führe, buche ich mittlerweile ein Ticket nach Berlin, geht gar nicht mehr anders. Hier ruft man in die Wüste, und manchmal kommt ein Echo, das mehr ist als bloße unkreative Selbstzufriedenheit. Vielleicht ändert sich das ja auch mal, längst sind ja nicht mehr nur die Coolen in Berlin, auch die vielen, vielen Deppen zieht es ostwärts. Und bis dahin schaue ich, ob ich noch irgendwo im Internet ein vergilbtes Plakat finde: „Es muss nicht immer Großstadt sein – wir fühlen uns hier wohl“. Und das hänge ich mir dann aufs Klo.

(Das Bild zeigt die kunstinteressierte Provinz in Fleetinsel-Treppenhäusern. Wen es interessiert: Kraftklubs „Ich will nicht nach Berlin“ mit nervenzehrendem Video gibts hier.)

16. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Seitensprung (2a) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , ,

„Ich bin halt ein Mensch, der noch an die totale Revolution glaubt!“ sagt Quijote einmal, pathetisch, entschuldigend, lächerlich, irgendwo zwischen Jesus und Jonathan Meese.

Wer sich noch dafür interessiert, was ich zu Stefan Puchers „Quijote. Trip zwischen den Welten“ am Thalia zu sagen habe: in der jungen Welt stehts.

– Du hängst auch immer mehr auf dem Sofa rum.

– Ich? Wieso?

– Wann warst du denn das letzte Mal im Theater?

– Am Freitag zum Beispiel, im Schauspielhaus, „Der große Gatsby“ in der Regie von Markus Heinzelmann. Und gestern abend im Thalia, „Quijote. Trip zwischen den Welten“ von Stefan Pucher.

– Ach. Und warum liest man auf der Bandschublade nichts daraüber? Früher hast du da immer etwas geschrieben.

– Naja, über den „Gatsby“ wollte ich eigentlich den gnädigen Mantel des Schweigens breiten.

– Und der Pucher-Abend?

– Der war klasse. Aber da wollte ich eine Besprechung für die junge Welt machen, kommende Woche. Kannst du dir ja kaufen, das wäre ohnehin gut, damit unterstützt du die Revolution.

– Ach was. Du bist jetzt revolutionär, bloß weil du für die junge Welt einen Text schreibst und nicht etwa für die Welt? Mach dir nichts vor: Du schreibst für denjenigen, der dich bezahlt und deiner journalistischen Eitelkeit schmeichelt, und wenn dich die Welt anrufen würde, dann würdest du für die auch etwas schreiben. Die Idee, durch bewussten Konsum das System zu ändern, ist doch ohnehin naiv. Als ob du mit deinem komischen nicaraguanischen Kaffee, den du da trinkst, irgendetwas ändern würdest.

– Immerhin geht der Gewinn direkt an die Kooperative und nicht an irgendwelche komischen Zwischenhändler.

– Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Naja. Aber heute abend gibt es wenigstens eine „Tatort“-Kritik auf der Bandschublade, oder?

– Nö, gibt es nicht.

– Weswegen denn nicht?

– Weil heute abend ein „Tatort“ aus Leipzig kommt. Und die Leipziger Krimis sind so schlecht, die tue ich mir einfach nicht mehr an. Ich mache anderes, lese was, kille Zombies, komme meinen ehelichen Pflichten nach, egal, auf jeden Fall schaue ich keinen „Tatort“. Und schreibe dann entsprechend auch nichts darüber.

– Das ist aber nicht der Job eines Kritikers. Der Kritiker muss doch dahin gehen, wo es wehtut, oder?

– Dafür trinke ich ja den nicaraguanischen Revolutionskaffee.

12. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Jeder ordentliche Revolutionär sollte als erstes das Bier verbieten · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , ,

Tillmann beschreibt auf seinem Blog Tristesse Deluxe, wie er 14 Tage ohne Alkohol lebt. Es geht ihm nicht um die Beschreibung eines Entzugs (was für ein großes Wort!), er missioniert nicht, er heroisiert seine Abstinenz nicht. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann hatte er am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages keine Lust auf das obligatorische Glas und nahm sich deswegen eine Saftschorle – und weil der soziale Druck dann da ist, „warum trinkst du denn nichts?“, will er die Sache ein wenig ausreizen, „Drei-Vier Wochen fasten vielleicht. Oder nennen wir es besser bewusste Abstinenz.“ Und dann beschreibt er: wie ihm das Feierabendbier fehlt. Wie er eine Verabredung mit einem Freund absagt, „Ach, ich hätte schon Lust, mit Michi ein Bier zu trinken. Das bleibt ja aber nie bei einem Bier, also gehe ich früh mit Comicbuch und Orangensaft ins Bett.“ Wie er Saftschorlen nicht mehr sehen, riechen, schmecken kann. Es passiert eigentlich nichts, er trinkt eben keinen Alkohol, das ist völlig unspektakulär, aber es ist ein Blogpost, wie er sein soll: ultrasubjektiv, alltäglich, mit einem Twist, der ein Nachdenken über etwas ermöglicht, das hinter dem eigentlich Beschriebenen steht. (Davon abgesehen, ist der Text auch noch überaus gut geschrieben.) Es ist ein Blogpost, der gestern absolut zurecht vom Bildblog verlinkt wurde.

Allerdings ist eine Verlinkung durch das Bildblog nicht irgendeine Verlinkung. Eine Verlinkung durch das Bildblog bedeutet, dass Tillmann gestern mehr Besucher auf seinem Blog hatte als im gesamten Jahr 2010. Und das zieht augenscheinlich auch eine ganze Menge schwieriger Charaktere an. Die dann kommentieren. Los geht es harmlos, mit Tipps für leckere alkoholfreie Getränke, mit dem Ratschlag, vergleichbare Abstinenz auch beim Internet zu üben. Und der fünfte Beitrag beginnt dann, den Autor zu pathologisieren: „Wenn ich so deutlich merken würde, dass ich nen Monat lang nüchtern war, würde mir das bisschen Sorgen bereiten“, schreibt „Hmm?“. Von da ab wird es nicht mehr lustig, weil von da ab

  1. dem Autor nur noch geraten wird, sich professionelle Hilfe wegen seiner augenfälligen Suchterkrankung zu holen
  2. dem Autor vorgeworfen wird, einen langweiligen Text geschrieben zu haben, weil 14 Tage Alkoholabstinenz ja wohl total normal seien, und wenn sie nicht normal seien, dann müsse ihn das beunruhigen – was uns wieder zu Punkt 1. führt.
  3. sich die Kommentarschreiber darin überbieten, wie lange sie schon keinen Alkohol mehr getrunken hätten („seit ca. 3 Jahren“, schreibt TT, „über das Jahr gerechnet vielleicht 2-4 Gläser Bier und 1-2 Gläser Wein/Sekt, wenn überhaupt“, schreibt „Carnosaurus“, „habe (…) in meinem Leben bislang zweimal Alkohol probiert und es aber bald komplett gelassen“, schreibt „Andreas Abermann“), und was für eine großartige Leistung das sei.
  4. wie wild die verschiedenen Arten, Alkohol zu trinken, durcheinander geschmissen werden, Komasaufen, mal ein Glas Wein zum Essen, bewusster Rausch, alles ist eins.
  5. plötzlich auch noch der blödeste Berliner-Hipster-Hass ausgepackt wird: „Ich weiß nicht ob das an diesem Berliner-Medien-Milieu liegt, aber auch ich finde diese Darstellung von 14 Tagen Alkoholabstinenz als etwas spektakulärem höchst befremdlich“, schreibt „Malte“. Zur Stunde 83 Kommentare lang geht das immer so weiter.

Was ich an Tillmanns Text so großartig finde: dass er es sich nicht einfach macht. Er beschreibt die Strukturen, in denen Alkohol fließt, als Strukturen, die in meinem Umfeld genauso wirksam sind. Natürlich ist ein gutes Essen kein wirklich gutes Essen ohne das entsprechende Glas Wein dazu, natürlich ist ein Clubabend kein wirklicher Clubabend ohne ein, zwei, viele Bier. Und natürlich ist ein erhitztes Gespräch über Politik, Sex, Kunst kaum vorstellbar ohne dass man immer wieder die Kehle mit Alkoholischem befeuchtet.

Das ist nicht unproblematisch, da will man weiter denken: Weswegen ist das so? Finde ich das gut? Dass Alkohol gesundheitlich keine tolle Sache ist – wissen wir. Dass alkoholisierte Menschen dem nicht alkoholisierten Teil der Menschheit gehörig auf den Sack gehen können – weiß jeder, der einmal Samstagabends im S-Bahnhof Reeperbahn auf die Bahn gewartet hat. Und schließlich, aus systemkritischer Perspektive: Nichts hilft dem System mehr als dumpf narkotisierte Massen, jeder ordentliche Revolutionär sollte als erstes das Bier verbieten. Tillmann denkt da weiter, er eckt bewusst an, auch bei seiner eigenen Lebensführung, für eine bestimmte Zeit. Er verzichtet für zwei Wochen auf Alkohol und lenkt dabei den Blick auf die Gelegenheiten, zu denen Alkohol fließt. Er wendet sich nicht explizit gegen diese Gelegenheiten, er stellt sie nur in Frage. Und weiß dabei nicht einmal annähernd, ob sein „Drei-Vier Wochen fasten“ nicht womöglich eine ganz blöde Idee ist.

Und dann blöken die Idioten, die schon immer alles ganz genau gewusst haben. Die Leute, bei denen man sich fragt, ob man mit ihnen über Politik, Sex, Kunst diskutieren möchte, obwohl, das fragt man sich nicht. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass „egal“ jemals über irgendetwas von Belang diskutiert haben mag, nachdem man seinen vor Selbstgewissheit strotzdenden Beitrag gelesen hat:

Ich bin fit, schlank, habe volles, ungraues Haar, keinen Bauch (all das eher untypisch für 48) und bin glücklich langzeitliiert – somit voll zufrieden mit mir, zumal ich sehen darf, was Alkohol, Rauchen und Fleisch aus meinen Bekannten gemacht haben: mit Bierflasche versehen, dickbäuchige Grillmenschen.

Ich finde es nicht unbedingt toll, zu trinken. Ich finde gesellschaftliche Konditionierungen grundsätzlich problematisch, also finde ich auch die Konvention „Alkohol“ problematisch. Es gibt viele gute Gründe, nichts zu trinken. Aber es gibt einen, alles überstrahlenden Grund, sich dann doch hemmungslos zulaufen zu lassen: selbstzufriedene Dumpfbacken, besagte Kommentatoren. Nüchtern sind sie nicht zu ertragen.

10. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Plötzlich wird Wulff zum Feuilletonthema · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , ,

Man kann sich nicht entziehen. Man kann nicht einfach die Nachrichtenseite öffnen, feststellen, was als erste Meldung kommt, nämlich dass der Bundespräsident weiter in der Kritik steht, man kann nicht sagen, och nö, Wulff, ich kann es nicht mehr hören. Man muss sich irgendwie verhalten, weil das Nichtverhalten mittlerweile ebenfalls ein Verhalten ist.

Ich fand das damals nicht besonders toll, als Christian Wulff vor eineinhalb Jahren in einer unwürdigen Hängepartie zum Bundespräsidenten gewählt wurde, ich fand zwar die Alternative Joachim Gauck in seinem blindwütigen Linkenhass noch viel weniger toll, aber, okay, ich dachte mir: Bundespräsident, ist doch egal, wer den Job macht, hat doch ohnehin nichts zu sagen, der Junge. Und wirklich, nur ein einziges Mal fiel mir Wulff in seiner kurzen Amtszeit auf, als er 2010 auf der zentralen Einheitsfeier erklärte, dass der Islam zu Deutschland gehöre, und irgendwie fand ich das ganz okay, für die damalige Zeit, für das damalige Sarrazin-Deutschland. (Dass Wulff kurz darauf auf Staatsbesuch in Ankara erklärte, dass das Christentum entsprechend zur Türkei gehöre, fand ich dann hingegen eher doof. Möchte ich denn wirklich ein Staatsoberhaupt, das überhaupt eine Religion als sinnstiftend für ein Gemeinwesen interpretiert? Andererseits fürchte ich, dass das mit Pastor Gauck nicht unbedigt atheistenfreundlicher abgelaufen wäre.) Kurz: Christian Wulff war mir mehr oder weniger egal.

Das geht jetzt nicht mehr. Wulff steht in der Kritik, weil er bei seinem Hausbau falsche Freunde hatte, die ihm finanziell unter die Arme gegriffen haben oder auch nicht, ist mir gleich. Wulff steht in der Kritik, weil er einen anderen falschen Freund, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann angerufen hat und ihn gebeten hat, einen Artikel über besagten Hausbau nicht zu drucken oder erst einen Tag später zu drucken, interessiert mich nicht. Wulff steht in der Kritik, weil Wulffs Frau Bettina angeblich einst im Rotlichtbereich gearbeitet hat oder weil Wulff nicht zu dieser früheren Tätigkeit stehen würde oder weil in dieser Hinsicht kein Kommentar käme, aber wenn da nichts war, was soll dann kommentiert werden, ach was, geht es hier um Wulff oder um seine Frau oder um was geht es eigentlich wirklich?

Plötzlich wird Wulff zum Thema, das über einen politischen Skandal beziehungsweise einen hochgekochten politischen Skandal hinaus weist. Wulff wird zum Feuilletonthema. Ist es okay, dass ausgerechnet die Bild sich erst als Hüterin der Pressemoral aufspielen darf und dann in ein paar nicht einmal geschickten aber dennoch wirksamen Schachzügen alle übrigen Medien nutzen darf, gegen Wulff zu schießen? (Überhaupt, die Bild! Die machen doch nichts ohne Hintergedanken, was aber könnte Dieckmann als ausgewiesener Rechter für ein Interesse daran haben, Wulff aus dem Amt zu schreiben? Könnte es vielleicht sein, dass eine Redaktion, die über Monate zu den größten Sarrazin-Fans überhaupt zählte, nicht ganz glücklich ist mit einem Bundespräsidenten, der es mit der allgemeinen Islamfeindlichkeit nicht allzu ernst zu nehmen scheint? Oder ist das jetzt eine Verschwörungstheorie?) Darf man darüber lästern, wofür Wulff seine politische Karriere aufs Spiel gesetzt hat, nämlich für ein unglaublich langweiliges Häuschen in einem unglaublich langweiligen Vorort des unglaublich langweiligen Hannovers mit dem unglaublich langweiligen Namen Großburgwedel? Oder ist das dann nur ein Gelästere über den neureichen Kleinbürger, der eben keine Ahnung hat von Stil? Und hätten wir ein anderes politisches Personal, ein adliges vielleicht, einen von und zu Guttenberg vielleicht, dann würden solch ästhetische Entgleisungen wie die großburgwedeler Provinzhölle schon unterbleiben? Oder unterstellt man hier den Kritikern etwas? Und, schließlich, darf man sagen, dass man sich nicht dafür interessiert, womit Bettina Wulff früher ihr Geld verdient hat, oder behauptet man damit schon, dass Rotlicht etwas sei, wofür man sich zu schämen habe? Hat man nicht immer die Klemmschwuppen verachtet, die peinlich betonten, nichts über ihr Sexualleben sagen zu wollten, weil das bitteschön privat sei und sie doch nur nur nicht das böse Wort „schwul“ hören wollten? (Und bevor hier irgendwelche Anwälte die Messer wetzen: Ich habe nicht einmal annähernd behauptet, zu wissen, was die Wulffin je beruflich gemacht hat. Ich weiß es nicht. Und ich bin auch nicht scharf darauf, es jemals zu erfahren. Dies hier ist keine üble Nachrede. Es ist noch nicht einmal ein Thema.)

Es macht einen fertig. Weil man sich nicht nicht verhalten kann, zu dem Thema. Und das schlimmste: Diejenigen, die ebenfalls betonen, sich nicht verhalten zu wollen, die sind einem auch nicht wirklich sympathisch. Ich aber, ich will doch nur wieder zurück an den Punkt kommen, an dem mich Christian Wulff nicht mehr interessiert. An den Punkt, an dem Wulff kein Feuilletonthema mehr ist, sondern wieder ein politisches Thema.

Und dann mag er, meinetwegen, zurücktreten. Oder auch nicht, ist mir echt egal.

08. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Wo die Häuser von außen verkachelt sind · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , ,

Ach Köln. Viel gescholtenes Tatort-Team, treu nur dem Genre des Thesenkrimis, oft vorhersehbar, selten originell niemand mag euch. Und wenn ein Krimi wie der heutige „Tatort: Keine Polizei“ mal so richtig stark anfängt, klassisch aber stark, mit durchaus schluckenmachenden Härten und einer Reihe von Verdächtigen und einem Toten, von dem man erst gar nicht versteht, was er mit der Geschichte zu tun hat, wenn also ein Krimi so stark anfängt, nur um einen dann nach 60 Minuten auf die Uhr schauen zu lassen, „Was, der Film dauert ja noch eine halbe Stunde?“, eine halbe Stunde, in der die Kommissare zum ersten Mal auf die Idee kommen, das Umfeld des schnöde vergessenen ersten Toten zu checken … Dann weiß ich auch nicht mehr, dann habt ihr, Kölner Tatort-Macher (in dem Fall Kaspar Heidelbach als Regisseur und Norbert Ehry als Drehbuchautor) auch irgendwo selbst schuld dran, dass euch keiner mag.

Und doch, Köln, irgendwo mag ich euch. Das liegt nicht an den Krimis, bei Krimis wie heute abend möchte ich ins Sofapolster beißen, dass ich meine Zeit für sie verplempere anstatt, zum Beispiel, das Bad zu putzen. Das liegt auch nicht am Team, Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), die machen ihren Job so, wie es die Kritiker immer wieder beschreiben, bisschen gut abgehangen, bisschen betulich, wahrscheinlich wirklich bisschen auserzählt, tut mir leid, da hilft auch die Tatsache nichts, dass die Drehbücher dem alten Max ein wenig Continuity in den Lebenslauf geschrieben haben, will sagen, eine feste Freundin (Juliane Köhler), die mittlerweile seit drei Folgen nervt, naja. Nein, irgendwie hat man den Eindruck, dass die Bücher und die Locationscouts sich in Köln Mühe geben. In den Kölner Krimis tauchen tatsächlich Figuren auf, die es gibt und die eine Geschichte erzählen, die über die Antwort auf das geblaffte „Wo waren sie gestern zwischen halb neun und zehn?“ hinaus geht, hier Handwerker, die  zunächst in den Ruin, dann in die Würdelosigkeit und schließlich in die Kriminalität getrieben werden – und zwar nicht etwa von bösen Verbrechern, sondern vom System. Vom System, das keine Unterschiede macht, ob es den Fahrlehrer trifft, den Malermeister oder gar den Besitzer einer Baufirma, der, als er Geld braucht, gerade mal 400000 zusammenkratzen kann, mehr ist nicht drin.

Und diese echten Figuren, die wohnen im echten Köln, dem Ort, wo die Häuser von außen verkachelt sind, wo ein „Park“ genannter Tatort eine Beton-Dreck-Fläche ist, wo man sich mit nahezu unerträglicher Sentimentalität gegen die Erkenntnis wehrt, dass dieser Ort die Hölle ist. Die Hölle, aus der man nie mehr raus kommt, selbst wenn man das große Ding noch schaffen sollte, die Entführung des Industriellensohns, „Eine Million, keine Polizei!“

Und weil „Keine Polizei“ eben immer wieder solche, nein, keine Figuren, solche Menschen zeichnet, und weil „Keine Polizei“ die Orte zeichnet, in denen diese Menschen leben, deswegen mag ich die Kölner Krimis doch irgendwie. Was ganz konkret diesen Krimi allerdings kein Stück weit besser macht.

(Abgründig: Christian Buß auf SpOn. FDP-mitleidig: Matthias Dell im Freitag. Erwachsen: Heinz Zimmermann auf tatort-fundus.de. Ein Hoch: der Wahlberliner. Verzwitschert: der Stadtneurotiker.)

Du musst dein Leben ändern. So wie es ist, ist es gut, aber gut ist nicht wirklich gut. Die Sehnsucht nach dem anderen, der Wunsch, auszubrechen, das war hier schon einmal Thema. Und weil sich schon das Jahr geändert hat, ändert sich auch das Leben, kurzfristig, man hört mit Rauchen auf, man verzichtet auf Fleisch, man macht Sport, zweimal die Woche, so etwa. Man singt Lieder.
Ein Wunsch fürs neue Jahr meinerseits: Das, was ich als „intellektuelle Ungebundenheit“ meines Berufs bezeichne, also quasi den einzigen echten Vorteil, den ich habe, endlich wieder ausleben. Fremd küssen, im übertragenen Sinne. Einem fremden Medium einen Text schreiben, bestenfalls: einen Text, wie ich ihn zuhause, im geschätzten, angestammten Medium so nicht schreiben würde. Zum Beispiel eine Theaterrezension.

Das ist Arbeit.

Was nicht unter solch einem Seitensprung leiden darf: das eigentliche Zuhause, will sagen mein echter Arbeitgeber. Was ich mache, soll ein Spiel sein, kein Sprung, sondern ein Tanz zur Seite. Was ebenfalls nicht leiden darf: mein Privatleben. Bleibt ein Drittes: die Bandschublade. In der wird zukünftig wohl weniger los sein, jetzt, wo wir 2012 haben und entsprechend alles anders wird. Was ein wenig schade ist, gerade erst wurde umgezogen auf die neue, eigene Domain, da soll hier schon die große Langeweile einkehren? (Obwohl, heute abend kommt ein Tatort, da wird vielleicht noch eine Rezension drin sein, und wie wir wissen, wird nichts in der Bandschublade so ausdauernd gelesen wie die Fernsehkritik.)

Zunächst geht es erst einmal um alles und um nichts, darum, Rollen auszuprobieren, Theater zu spielen, sich einmal ganz und gar ehrlich Gemeinheiten ins Gesicht zu sagen.

Ich habe einen Text geschrieben, für das geschätzte Internetfeuilleton nachtkritik.de: „Im Zombiewunderland“, eine Kritik zur Uraufführung von Oliver Klucks „Leben und Erben“, gestern abend im Hamburger Schauspielhaus. Es muss ja weiter gehen, irgendwie.