Vielleicht ist es ja auch gar nicht falsch: mal einen Klassiker der Moderne nicht zwanghaft ins Jetzt zu prügeln, mal ein Theater auszuprobieren, das nichts wissen will von Postdramatik, nicht einmal etwas von Dramaturgie (für diese Produktion jedenfalls wird kein Dramaturg genannt). Und stattdessen darauf vertraut, dass Millers Text die Psychologie der Figuren schon ausreichend charakterisiert. Minks macht das zunächst ganz geschickt, er versteht, dass Miller wenig von reinem Abbildrealismus hielt, und so dringt die Regie tief ein in die Psyche des erfolglosen Vertreters Willy Loman (Burghart Klaußner) und bebildert dessen zunehmenden Realitätsverlust.

Clever wechselt Minks zwischen Passagen, die sich mal in der Wirklichkeit, mal in Lomans Kopf abspielen, die Handlung springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, und wir, die wir konsequent Lomans Perspektive einnehmen, verlieren zunehmend selbst den Überblick. Das ist klug inszeniert, es ist aber auch ein billiger Ausweg: Wir sind Loman, aber wir verstehen nicht, was dessen amerikanischer Alptraum aus den 1940ern mit der Gegenwart des Jahres 2012 zu tun haben könnte – wenn man sich die Frage stellen möchte.

Wer auf diesem kleinen, süßen Blog schon ein wenig rumgelesen hat, der hat schnell gemerkt, dass ich mit Werktreue im Theater kaum etwas anfangen kann. Aber ich bin ja offen für Neues, also schaue ich mir im St.-Pauli-Theater Wilfried Minks’ Inszenierung von Arthur Millers “Tod eines Handlungsreisenden” mit Burghart Klaußner an. Um hinterher so ernüchtert wie bestätigt zu sein. Alles Weitere: auf der Nachtkritik.

München wieder. Da mag es Frankfurt geben, Kiel, noch einmal Hamburg, und man wird begeistert sein, es ist egal. Wenn der Bayerische Rundfunk einen “Tatort” zeigt, dann ist der in der Regel von einer Qualität, dass die übrigen Sendeanstalten eigentlich aufhören könnten, Filme zu drehen, da kommen sie ohnehin nicht ran. “Tatort” aus München, das ist: ein Buddymovie ohne Kriminalistenkarikaturen wie in Münster. Ein Thesenkrimi ohne Didaktik wie in Ludwigshafen oder Köln. Ein Großstadtkrimi ohne billige Urbanitätspose wie in Berlin oder Stuttgart. Wenn die Münchner “Tatorte” gut sind, wenn sie wirklich gut sind (viele sind auch nicht so gut. Besser als Stuttgart und Berlin zusammen sind sie dann immer noch), dann zeigen Sie ein München (und zwar nur München! Nirgendwo anders als in der bayerischen Landeshauptstadt können diese Filme spielen!) auf der absoluten Höhe der Zeit, das München von Laptop und Lederhose, allerdings mit Fokus auf die Menschen, die von dieser Mischung aus liberaler Fortschrittsbegeisterung und konservativer Heimattümelei nicht mitgenommen werden. Was wird aus den einfachen Handwerkern im Glockenbachviertel und in Sendling, wenn die Grundstückspreise in der Boomtown durch die Decke gehen, nur mal so zwischenrein gefragt? Und könnten solche Umstände vielleicht auch Basis für einen Fernsehkrimi hergeben?

Vor etwas über einem Jahr zeigte der BR “Nie wieder frei sein”, wahrscheinlich der bemerkenswerteste Münchner “Tatort” der jüngeren Geschichte, in der ein (wegen eines Verfahrensfehlers frei gekommener) Vergewaltiger umgebracht wurde. Shenja Lacher spielte diesen unscheinbaren jungen Mann so ultrabrutal und fies, dass man nicht anders konnte, dass man denken musste: Ja, der hat den Tod verdient. Ja, manchmal hilft der Rechtsstaat nicht mehr, manchmal hilft nur noch, dass der Verbrecher stirbt. “Nie wieder frei sein” erhielt den Grimmepreis zu Recht, aber ein ungutes Gefühl hatte man doch, nachdem man diesen Film halbwegs verdaut hatte. Auch im heute gezeigten “Tatort: Der traurige König” stirbt ein Verbrecher. Ein junger Mann bedroht zunächst eine junge Polizistenauszubildende (Sylta Fee Wegmann) und dann Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl). Und der schießt.

“Der traurige König” zeigt: Es gab wohl keine Alternative zu den Schüssen, richtig sind sie damit aber noch lange nicht. Der Tote ist ein Verbrecher, ja – böse ist er nicht, zumindest nicht von Grund auf. Was man aber nicht wissen kann, wenn man eine Knarre vor die Stirn gehalten bekommt. Selten hat man solch einen differenzierten Krimi gesehen, selbst die immer wieder schnell als Unsympath angelegte Rolle des Internen Ermittlers (Torsten Michaelis) muss zwar Leitmayr anklagen, bekommt aber dann eine Szene von erschütternder Ehrlichkeit geschenkt: “Lieber beschuldige ich zehn gute Polizisten zu unrecht, als dass ich einmal einen schlechten laufen lasse, der denkt, nur weil er eine Uniform trägt, muss er sich nicht an die Regeln halten!” Holla! Und so etwas im konservativen Genre Fernsehkrimi!

Es gibt so viel zu loben an “Der traurige König” (den Titel allerdings nicht, den habe ich einfach nicht verstanden – edit: Leser Hochofen klärt mich in den Kommentaren auf). Die kluge Zeichnung des Millieus der kleinen Leute, Eisenwarenhändler, die, obwohl sie längst in Rente sein müssten, den Eckladen noch weiter betreiben. Man müsste das Schauspiel loben, Wolfgang Hübsch und vor allem Elisabeth Orth, der der schönste Satz dieses Films gebührt, “Gott segne Sie, Franz Leitmayr!”, als Leitmayr ihr endlich gesteht, dass er es war, der den auf die schiefe Bahn geratenen Sohn erschossen hat, Vergebung! Vergebung! Man möchte die stille Regie (Thomas Stiller, no jokes with names!) loben und die Kamera Philipp Sichlers, die genau weiß, was für Bilder man braucht, für eine Verfolgungsjagd an einem hellen Sommernachmittag, in einem staubigen Stall: heftigstes Gegenlicht. Man könnte bemängeln, dass Leitmayrs eigentlich gleichberechtigter Kommissarskollege Ivo Batic (Miroslav Nemec) ein wenig an den Rand gedrängt ist, in diesem Krimi, kaum wirklich etwas zur Handlung beiträgt. Andererseits: Der hält das schon aus, demnächst gibt es auch wieder einen Film, bei dem er im Mittelpunkt steht.

(Sehenswert: Holger Gertz in der Süddeutschen. Trauma-Thriller: Christian Buß auf SpOn. Träge: Matthias Dell im Freitag. (Fast) Film noir: Wilfried Geldner auf tatort-fundus.de. Spannend auf die anspruchsvolle Art: der Wahlberliner. Besserer Durchschnitt: der Stadtneurotiker.)

Depri erzählt: Wie er als Ensemblemitglied in einer europäischen Ethnokitschshow um einen Teil der Gage geprellt werden sollte. Und wie er es schaffte, fürs gesamte Ensemble den gerechten Lohn zu erstreiten: indem er zur “Ratte” wurde, zum ökonomisch ultrarational agierenden Individuum. Leider ist Depri nicht ausschließlich Ratte, sondern zu mindestens genauso großem Teil Verrückter. Und während die Ratte das verdiente Geld in Form eines Gebrauchtwagens nach Abidjan verschiffte, setzte sich der Verrückte ausgerechnet am Silvesterabend ans Steuer, obwohl doch jeder weiß, dass die westafrikanischen Straßen da voller Geister sind. Gute Geschichte, das.

Mal ehrlich: Ist das doof, wenn ich hier ständig auf Seitensprünge verlinke, also, auf Texte, die ich anderswo veröffentlich habe? In diesem Fall: auf meine Besprechung von “Insisitieren”, dem neuen Stück von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen, das gestern abend auf Kampnagel Premiere hatte und das ich heute früh auf nachtkritik.de besprach? Oder ist das vielleicht trotzdem okay, weil: Ich habe ja nur ein bestimmtes Maß an Worten, irgendwann versiegt der kreative Fluss, und dieses Maß ist ja eigentlich reserviert für meinen Brotjob, dann für die Abnehmer, die mir ein bisschen Geld pro Text zahlen, und wenn dann noch was über ist, dann kommt das in dieses kleine, lustige Blog, die Kür, die Bandschublade. Weil gerade aber ziemlich viel andernorts los ist, würde die Bandschubalde verwaisen, und das will doch auch niemand, oder? Also: Linkschleuder, für die, die das mögen.

Außerdem verweise ich auf ein recht spannendes Interview, das ich vergangenes Jahr mit Monika Gintersdorfer fürs uMag geführt habe.

23. Februar 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , ,

Ein Kreuzberg-Mädchen betritt das Café: asymmetrischer Haarschnitt, Schal, Rock, Stiefel. Das Mädchen flüstert. Über Selbstzweifel, über Gentrifizierung, über seine geplante Kunstaktion an den Berliner sophiensælen: “Es sind Objekte da, die Objekte sind sehr wichtig, genauso wichtig wie die Personen. Wir haben auch Sound, und es gibt auch Gesprochenes.” Das Mädchen ist Anne Tismer, eine Frau von fast 50 Jahren, Mutter einer erwachsenen Tochter. Natürlich ist es nicht fair, sie als Mädchen zu bezeichnen.

Aufgabe: während eines Interviews dem Interviewten möglichst nahe zu kommen, möglichst viel innerhalb der bestenfalls 60 Minuten zu erfahren, die man mit dem Interviewten verbringt. Problem: wenn man dem Interviewten plötzlich zu nahe ist. Fürs aktuelle uMag habe ich mich mit der geschätzten, verehrten Berliner Künstlerin Anne Tismer getroffen, ein sehr gutes, sehr schwieriges Gespräch mit ihr geführt – und am Ende einen Text veröffentlicht, bei dem ich jetzt, wo ich ihn ein weiteres Mal lese, den Eindruck habe, dass mir ein wenig verloren gegangen ist, wo ich eigentlich hin wollte. Und bei dem ich irgendwie die gesunde Distanz vermissen lasse.

Was nichts daran ändert, dass ich Anne Tismer sehr, sehr toll finde.

Die Installation bleibt im Halbdunkel, was den frappierenden Effekt hat, daß andere Ausstellungsbesucher unvermittelt zwischen den Gitterstäben auftauchen und dadurch selbst Installationscharakter annehmen. Dort hinten, der Stuhl: ein Exekutionsinstrument? Die Körperteile in der Ecke: Prothesen? Kopulierende Restmenschen? “Passage dangereux” ist ein abgründiges Werk, ein Werk, das eine Ahnung davon vermittelt, was für einen Schock diese Ausstellung hätte auslösen können, würden sich tatsächlich ein paar Besucher, die sich die “Maman”-Spinne zum neuen Haustier auserkoren haben, in diese Folterkammer verirren.

Problem: Wie schreibt man über eine Ausstellung, die man zwar grundsätzlich gelungen findet, deren inhaltliche Anlage man aber von Herzen kritisiert? Mit meiner Besprechung von Louise Bourgeois in der Hamburger Kunsthalle versuche ich den Eiertanz zwischen echter Verehrung einer großen Künstlerin und Kritik am bürgerlichen Schweinesystem. (Und weil zunächst die doofe Berlinale und dann der doofe Gauck das Feuilleton der jungen Welt okkupiert hatten, lag mein Text über eine Woche auf Halde. Grmpf.)

21. Februar 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , ,

Was bei Gerstenbergs raffinierter Konstruktion allerdings ein wenig verloren geht: die Erkenntnis, dass Sex unkorrekt sein kann, demütigend, schmerzhaft – und gerade deswegen für alle Beteiligten lustvoll. In den ausführlichen Hardcore-Szenen von “Spiel mit ihr” schwingt immer auch das Dunkle mit, der Schritt vom spielerischen Austesten von Grenzen zum realen Missbrauch ist nahe. “Kristine wird erst noch blasser, bekommt dann rote Flecken im Gesicht. ,Nein’, flüstert sie, ,lass sie da raus.'” Kristine ist entsetzt, als Reinhard vorschlägt, die Fetisch-Inszenierungen auszuweiten, auf ihre kleine Tochter Emma – dass das böse Spiel irgendwo anders hinführen kann als zum realen Bösen, das will sich dieses Buch nicht vorstellen.

Franziska Gerstenbergs “Spiel mit ihr” ist ein kluges Buch, das sich am Ende ein bisschen zu wenig traut. Eine ausführliche Rezension habe ich in der kommenden kulturnews veröffentlicht.

Strunks Erinnerungen an eine Siebzigerjahrekindheit zwischen Triebstau, trister Vorortenge und rockigen Ausbrüchen als Aushilfsmucker bei der „geil abliefernden“ Schützenfestkapelle „Die Tiffanys“ sind von berührender Genauigkeit. Zudem schafft es das neue Schauspielhaus-Ensemble, gerade die „Tiffanys“-Szenen erschreckend lebensecht zu gestalten, nicht zuletzt Stephan Schad gibt Bandleader Gurki mit triefender Öligkeit, der zwischen die endlosen Karnevalsschlager heimlich auch eine Zwo-Drei-Vier-Version von Slimes „Bullenschweine“ schmuggelt. Was man wahlweise als Subversion in der Mitklatschhölle lesen kann oder als resignatives „Ist doch eh’ alles wurscht“.

Die junge Welt hat meinen Artikel zu Studio Brauns “Fleisch ist mein Gemüse” am Deutschen Schauspielhaus hinter eine Paywall gesperrt. Ausgerechnet die alten Marxisten. Andererseits bedeutet Marxismus ja nicht, dass man seine Arbeit freigiebig verschenken sollte, oder? Vielleicht sollte ich mich einmal genauer mit Bezahlmodellen im Internet beschäftigen? Ich könnte den Text natürlich einfach hier ein zweites Mal veröffentlichen, ist mir aber auch zu blöde. Wen es interessiert, wie ich die Premiere fand (auf eine unbefriedigende Weise gut), der kann sich eigentlich auch das Printprodukt kaufen. Oder ein Online-Kurzabo abschließen. Oder er kann mich fragen, die Leute sollten ohnehin mehr miteinander reden, finde ich.

Außerdem lasse ich alle Fünfe grade sein und spare mir auch die mittlerweile ungute Tradition gewordene Kritik zum Sonntagabendkrimi. Der war gestern ein Polizeiruf 110 namens “Einer trage des anderen Last” und war ganz großartig, ich meine, Charly Hübner geht mit seinen 200 Pfund Lebendgewicht auf immer dünnerem Eis, Anneke Kim Sarnau fällt ins Koma, und die leider verstorbene Maria Kwiatkowski wird von sexy Hans Löw gefoltert, was will man denn mehr, an einem Sonntagabend?

(Seit ich neben meiner eigentlichen Arbeit auch noch für andere Medien schreibe, fühle ich mich ein wenig wie eine alles in allem glückliche Ehefrau, die sich heimlich anderen Männern hingibt, gegen gar nicht einmal so besonders viel Geld. Ich bin Catherine Deneuve in Belle de Jour, glam!)

Köhler meinte, es habe zwar eine Zeit lang die Notwendigkeit gegeben, die Klassiker zu entstauben und zu problematisieren. “Aber das heute immer noch fortzusetzen, erscheint mir wie der Ausweis einer neuen arroganten Spießigkeit. Ein ganzer Tell, ein ganzer Don Carlos, das ist doch was!”

Man sollte Schillers Werke nicht “auf kleines Maß reduzieren”, meinte Köhler, der sich als ein Verehrer des Dichters bekannte. Seine Werke hätten sich Jahrzehnte nicht dagegen wehren können, “in Stücke zerlegt und nach Gutdünken wieder zusammengesetzt zu werden”. Dabei seien die grundlegenden Konflikte zwischen Individuum und politischer Verstrickung, zwischen Unterdrückung und Freiheitsverlangen, Selbstverwirklichung und Verantwortung, zwischen Ideal und Wirklichkeit auch heute immer neu auszufechten.

“Schillers Leben und seine Werke sind ohne Zweifel ein Geschenk an die Kulturnation Deutschland”, deren Menschen auch heute noch stolz darauf sein könnten, im “Land der Dichter und Denker” zu leben. Es gebe keinen Grund, “sich dessen zu schämen”.

(Der damalige Bundespräsident Horst Köhler, 2005 zum Schillerjahr im Berliner Ensemble, zitiert von der dpa auf Zeit Online.)

Eine Bahnfahrt, Mitte der Neunziger, mit dem Spätzug um 23.30 von Frankfurt nach Gießen. Die schöne, kluge Frau und ich treffen zufällig eine Kommilitonin im Zug, niemanden, den wir näher kennen, eben jemand, mit dem man ein, zwei Seminare zusammen besucht hat und mit dem man schnell ein gemeinsames Gesprächsthema finden muss. “Und? Was habt ihr in Frankfurt gemacht?” “Wir waren im Theater.” “Ach? Wie wars?” Ich bin mir nicht sicher, was ich antworten soll, heute erinnere ich mich nicht mehr daran, welches Stück wir sahen, nur dass es eher bieder inszeniert war, das weiß ich noch. “Nicht so besonders.” “Ah. War es wieder so modern gemacht, oder?”

Ich verstehe nicht, weswegen “modern” (in seiner ungenauen Bedeutung: Nicht die Epoche der Moderne ist gemeint, sondern irgendein unbestimmtes “zeitgenössisch”, das all das beinhaltet, mit dem man sich nicht auseinander setzen möchte) in der Diskussion übers Theater solch ein Schimpfwort geworden ist. Ich verstehe nicht, weswegen ein Horst Köhler (den man wegen vielem kritisieren konnte, zum Beispiel wegen seiner ideologisch verbohrten Marktgläubigkeit, nicht aber wegen seiner ästhetischen Meinung, denn da hat er schlicht keine, er plappert nur nach, was wahrscheinlich viele hören wollen) Beifall genießt, genauso wie Daniel Kehlmann, der 2009 bei den Salzburger Festspielen eine andere Position einnahm als der Bundepräsident, nicht die des Spießers, der die Welt um sich nicht mehr versteht, sondern die des beleidigten Künstlers, dabei aber mehr oder weniger das gleiche sagte:

Eher ist es möglich, unwidersprochen den reinsten Wahnwitz zu behaupten, eher darf man Jörg Haider einen großen Mann oder George W. Bush intelligent nennen, als leise und schüchtern auszusprechen, daß die historisch akkurate Inszenierung eines Theaterstücks einfach nur eine ästhetische Entscheidung ist, nicht besser und nicht schlechter als die Verfremdung, auf keinen Fall aber ein per se reaktionäres Unterfangen.

Ich war immer schon eher von Goethe begeistert als von Schiller, deswegen argumentiere ich jetzt mit ihm, was problematisch ist, weil der Ex-Bundepräsident ja explizit zum Schillerjahr sprach. Vielleicht ist es so, dass das bei Schiller ganz anders ist, dann mögen mir die Freunde der Werktreue meine Argumente um die Ohren hauen, aber: den “Faust” werktreu inszenieren zu wollen, das ist Blödsinn. “Faust” spielt in einem mittelalterlichen Setting, die sozialen Kontexte, in denen die Protagonisten sich bewegen, entsprechen aber in Teilen der Goethezeit. “Faust” selbst ist also eine Aktualisierung, vom Autor übrigens zwischen 1772 und 1832 immer wieder um- und weitergeschrieben. Kein homogenes Werk, sondern ein Hybrid, der hier aktuelle Bezüge aufnimmt, dort von der Zeit Überholtes fallen lässt. Das soll man nicht aktualisieren dürfen? Bitte! (Um Daniel Kehlmann allerdings Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Peter Stein, wahrscheinlich der interessanteste Reaktionär in dieser doch recht uninteressanten Debatte, versuchte 2000 für die Expo Hannover eine tatsächlich irgendwie werkgetreue Interpretation des “Faust”. Ein Unterfangen, das gerade in seinem Scheitern nicht ohne Reiz war.)

Wohin Werktreue aber in ihrer radikalen Ausprägung führt, sah ich vergangenen Samstag in der Berliner Schaubühne. Da inszenierte Alvis Hermanis Puschkins “Eugen Onegin”, einen Roman, den ich weder in Buch- noch in Theaterform kannte, den mir diese Inszenierung aber extrem nahe brachte. Hermanis inszenierte werktreu bis zum Exzess, was bedeutete: Die Schauspieler trugen nicht nur Kleidung, wie sie im Russland um 1820 üblich war, sie traten auch immer wieder aus ihren Rollen heraus und gaben Hintergrundinformationen, weswegen die Aufführung über kurz oder lang den Charakter eines Volkshochschulvortrags annahm: Wir sehen jetzt zwei, drei Minuten Handlung, und dann hören wir, was hinter dieser Handlung steht, inclusive Lichtbildern. (Besagte Dias zeigten Gemälde aus der Entstehungszeit des Stücks zur Verdeutlichung des Gezeigten. Meine Begleiterin, die in der russischen Kunstgeschichte bewanderter ist als ich, meinte, sie seien nicht immer zu 100 Prozent stimmig ausgewählt gewesen, aber, hey!, wenn es 75 Prozent waren, dann ist das doch ebenfalls eine Rechercheleistung, die man nicht zu gering schätzen sollte.)

Mit anderen Worten: “Eugen Onegin” war eine gute Inszenierung, eine spannende Inszenierung, 100 Minuten Theater, aus dem ich sicher nicht dümmer rauskam als ich reingekommen bin. Und außerdem eine Inszenierung, die mir in der Rückschau auf eine Weise egal war, wie es kaum eine Theaterarbeit je schaffte. Was so ziemlich die klarste Aussage ist, die ich zum Thema “Werktreue” treffen kann.

Und dann ist es eben doch recht kalt, ich habe nicht mehr allzulange Zeit, bis mein Zug geht, aus Museumsbesuchsperspektive war der Ausflug nach Berlin bislang auch eher mau, und wie von selbst stehe ich plötzlich Unter den Linden. Ich stehe also vor der Deutschen Guggenheim, eine Woche nachdem die Nachricht die Runde machte, dass dem Ausstellungsraum das Aus drohe, und auch wenn ich mir hier sonst praktisch nie etwas angeschaut habe, denke ich plötzlich: “Mensch, gehste mal rein.”

Ich habe nie verstanden, was die Deutsche Guggenheim mir eigentlich sagen wollte. Ich meine, was sollte das, ein Ausstellungsraum, der sich den schicken Namen der Guggenheim Museen auslieh, allerdings (bis auf die Tatsache, dass hier wie dort Kunst gezeigt wurde) wenig mit dem Guggenheim-Stammhaus in New York zu tun hatte? Ein ungeliebter Cousin vierten Grades der Kunstdynastie Guggenheim, ungeliebt insbesondere im Vergleich mit der Guggenheim-Dependance in Bilbao. Zum Beispiel in Bezug auf die Ausstellungsfläche: Im Baskenland stehen 11000 Quadratmeter für die Kunstpräsentation zur Verfügung, in Berlin 510. Die von den Kuratoren der Sammlung Deutsche Bank bespielt werden. Die Deutsche Bank betreibt den Raum in ihrer Hauptstadtrepräsentanz gemeinsam mit der Solomon R. Guggenheim Foundation, und diese Partnerschaft lenkt den Blick darauf, worum es hier eigentlich ging: Um Marketing, um ein Umleiten der coolen Berlin-Mitte-Kunstszene in ein schick neobürgerliches Selbstvergewisserungsding, in dem es nur noch am Rande um Kunst geht (der Museumsshop in der Deutschen Guggenheim jedenfalls kam mir immer größer vor als der eigentliche Ausstellungsraum). Dass diese Mini-Kunsthalle zum Jahresende schließt, ist entsprechend auch ein Scheitern der Idee, dass Kapital und Kunst doch eigentlich toll miteinander auskommen müssten: Die Bankmanager merkten, dass der Marketingeffekt gegen Null ging, kaum ein Besucher verband einen Besuch in dem Kunstkabuff mit der Deutschen Bank, fast alle gingen raus mit dem Gefühl, “im Guggenheim” gewesen zu sein. Das Ende des Konzepts Deutsche Guggenheim ist in Wahrheit das Ende des Konzepts Berlin-Mitte als Kunstort.

Was nun noch gar keine Aussage über die gezeigte Kunst ist. Die (wahrscheinlich) letzte Ausstellung, die ich mir an diesem Ort anschaue, nennt sich “Found in Translation” (Popkulturbezug, hübsch!) und will Übersetzungsprozesse nicht als Prozesse des Verlusts zeigen, sondern als Prozesse, in denen ein Erkenntnisgewinn liegt. Also: Die allgemeine Ansicht ist, dass in einer Übersetzung etwas verloren geht, ein Sinn, der sich in Kontexten festmacht, in Betonungen etwa, und nicht in einer möglichst buchstabengenauen Übettragen von der einen Sprache in die andere. “Found in Translation” vertritt dagegen die These, dass dieser Verlust auch Raum schafft für etwas Anderes, Interkulturelles, das erst durch die Leerstelle der Übersetzung deutlich wird: “Mehr als je zuvor müssen wir überdenken, was durch Übersetzungen verloren oder gewonnen werden kann und welche Auswirkungen diese endlos erscheinenden Umwandlungen auf unsere Welt haben”, beschreibt Kurator Nat Trotman diese Wechselwirkung.

Im Ergebnis sehen wir verhältnismäßig wahllose Arbeiten von gerade schwer angesagten Künstlern wie Keren Cytter, Sharon Hayes und Brendan Fernandes. Matt Keegan lässt seine Mutter mittels Karteikärtchen englisch lernen und verdeutlicht damit idealisiserte Wertvorstellungen, O Zhang stellt maoistischer Propaganda die allumfassende Ideologie des Konsums gegenüber, das ist alles unglaublich didaktisch, unglaublich eindimensional. Wirklich spannend ist “Found in Translation” nur an einer Stelle (an der dann tatsächlich auch etwas gefunden wird): in Siemon Allens “The Land of black Gold”. Allen stellt zwei Ausgaben von Hergés Tim-und-Sruppi-Comic “Im Reiche des schwarzen Goldes” nebeneinander, einmal die französischesprachige Originalfassung aus den 1930er Jahren, und daneben eine englischsprachige Ausgabe rund 20 Jahre später. Allen entfernte den Text aus den Sprechblasen, wir sehen also nicht, welche Ausgabe welche ist. Aber was wir sehen ist: dass hier zwei ganz unterschiedliche Comics aufgehängt sind, nach den identischen Einstiegsbildern fallen beide Ausgaben auseinander, sind kaum noch zwei Panels die gleichen. Hergé reinigte für die internationale Veröffentlichung seinen Comic von allen politischen Bezügen.

Diese Erkenntnis ist auch nichts, was einen Nobelpreis verdienen würde, klar. Aber sie ist ein überraschdendes Schillern in dieser ansonsten so überraschungsfreien Ausstellung, sie lässt einen noch eine Sekunde länger nachdenken, ob man das hier aufgebaute Modell der Übersetzungsleistung tatsächlich richtig veranstanden hat. Und dann geht auch schon mein Zug, eine Stunde Guggenheimbesuch, Kunst für schnell mal zwischendurch.

“Found in Translation”, bis 9. April, Deutsche Guggenheim, Berlin

Mein Verhältnis zum Bremer “Tatort” ist ein gespaltenes. Einerseits dreht man an der Weser immer mal wieder kluge Genrefilme, die Verschwörungstheorie “Sheherazade” (2005) oder die “Mörder auf hoher See”-Variation “Schiffe versenken” (2009). Einerseits. Andererseits steht solchen Sternstunden auch immer wieder betulichster Durchschnittskram gegenüber, am schlimmsten das Popstar-Vehikel “Schwelbrand” (2007), in dem ausgerechnet die leicht angebräunte Schlagergruppe Mia. eine gegen rechts engagierte Rockband verkörpern sollte. Kaum ein Fernsehsender kämpft mit solchen Qualitätsschwankungen wie Radio Bremen.

Ähnlich zwiespältig stehe ich der Bremer Kommissarinnenfigur Inga Lürsen (Sabine Postel) gegenüber. Ich schätze, dass hier eine Figur auftaucht, die weder Karrikatur ist (Leipzig!) noch tougher ist als alle bösen Jungs zusammen (Hannover! Ludwigshafen!) noch einem verunglückten Jugendwahn hinterherrennt (Stuttgart!). Ich schätze, dass hier eine Figur einfach ist, wie sie ist. Inga Lürsen allerdings ist in ihren schlechteren Fällen leider ein wenig arg viel, also, sie ist bewusst. Jammerig, übertrieben, unsympathisch, vor allem immer unheimlich von dem Geschehen angefasst. Rechte Schlechtmenschen ziehen gerne über diejenigen her, die sie als “Gutmenschen” verspotten, wenn man sie fragt, wer denn nun eigentlich ein Gutmensch sei, fällt ihnen niemand ein – schön, dass die Rechten immer nur Privatfernsehen schauen, ansonsten würde ihnen Inga Lürsen Argumente liefern. Außerdem freue ich als Linker mich natürlich, dass mit Hauptkommissarin Lürsen eine TV-Polizistin das richtige Bewusstsein hat, inclusive radikaler Vergangenheit – aber ist so eine linke Biografie, die straight in den Polizistenberuf führt, überhaupt vorstellbar? Wo man selbst die Freunde und Helfer eigentlich immer nur als prügelnde Bullen kennenlernen durfte? Ich meine ja bloß: In den schlechten Bremer Fällen beißt sich die Figur Lürsen ziemlich ungut mit einem bestenfalls nur halb gelungenen Drehbuch.

Zum Glück ist der “Tatort: Ordnung im Lot” ein guter Bremer Fall, sogar ein sehr guter Fall. Ein toter Tankstellenbetreiber namens Jure Tomic (Ex-Jugoslawen sind in den jüngsten Tatorten recht häufig in kriminelle Machenschaften verwickelt, vor einer Woche die Serben, diesmal die Kroaten), eine schizophrene Zeugin (Mira Partecke, ein großartiger Auftritt), die nur bruchstückhaft mitteilen kann, was sie gesehen hat, ein finsterer Typ mit Ekelkotelletten und serbokroatischem Zungenschlag, da weiß man natürlich, was passieren wird. Es passiert: etwas ganz anderes. Am Ende haben wir tatsächlich einen Mord, aber kein Verbrechen, zumindest keines, das über einen Versicherungsbetrug hinausginge. Wenn Schauspiel und Regie von “Ordnung im Lot” ganz okay sind, dann ist das Buch (Claudia Prietzel und Peter Henning, die auch für die Inszenierung verantwortlich sind), ein echtes Meisterwerk, das sich Volten traut, die im “Tatort” sonst verboten sind: keine Action, keine Witzchen, ein ständiges Unterlaufen der Erwartungen. Je länger dieser Film dauert, umso mehr wird er zum Psychokrimi, später dann zum Psychogramm einer verwirrten Seele (“Absolut gestört!” urteilt die Kommissarin an einer Stelle, gerade ihr hätte man mehr Sensibilität zugetraut, aber gut), vergleichbar vielleicht gerade mal dem ungleich actionreicheren “Eine unscheinbare Frau” (2001), ebenfalls aus Bremen.

Die Kommissarin? Macht eigentlich gar nichts, in einer kurzen Passage macht sie sogar zu wenig, da geht es beinahe übel aus mit den Dämonen im Kopf der Geschundenen. Aber auch nur beinahe, ansonsten lässt sie die Geschichte sich entfalten, bis am Ende alle gut wird. Alles? Nein, für Familie Tomic geht es nicht gut aus, wahrscheinlich ist die erhoffte Rente futsch, ein Kollateralschaden also.

(Psycho-Theater: Frank Rauscher auf tatort-fundus.de. Ein großer Wurf: Christian Buß auf SpOn. Keinen Bock mehr: Matthias Dell im Freitag. Unheimlich schlecht: der Stadtneurotiker. Leicht aufgeblasen: der Wahlberliner.)