31. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Porno! Schlimm! Verboten! · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , ,

Ich brauche mich nicht zu beschweren. Wenn ich mich auf zwielichten Websites rumtreibe, wenn ich der Meinung bin, dass ein Freeware-Virenscanner und die Windows-eigene Firewall einen Rechner schon ausreichend schützen dürften, wenn ich in blöd antiamerikanischer Ignoranz Produkten aus dem Hause Apfel grundsätzlich die kalte Schulter zeige, dann brauche ich mich nicht zu beschweren, wenn über kurz oder lang ein böser Trojaner sich auf meiner Festplatte festsetzt. Und solange ich mich in der Rolle des Technik-Laien sonne, brauche ich mich auch nicht zu beschweren, wenn ich den Schädling selbst nicht mehr losbekomme und den Rechner entsprechend zum Computerladen schleppen muss, wo ich spöttisch gemustert werde, „Entschuldigung, ich habe mir einen Trojaner eingefangen, bitte helfen Sie mir“, um dann einen horrenden Stundenlohn abzudrücken. Ich bin ja selbst schuld.

Worüber ich mich aber beschwere, das ist die Argumentation, mit der der (sinnigerweise als „BKA-Trojaner“ bezeichnete) Trojaner an mein Geld will. Weil das Ding nämlich behauptet, dass ich mich auf pornografischen Seiten rumgetrieben hätte, was ja schon per se verwerflich ist, wenngleich nicht ganz klar wird, wie das zur Folge haben könnte, dass mein „Computersystem an eine kritsche Grenze angekommen“ ist, egal. Es geht hier nicht um Technik, es geht darum, dass der Virus einem ein schlechtes Gewissen einzuimpfen versucht, Porno!, Schlimm!, Verboten!, obwohl, ist Pornographie denn verboten? Egal. (Es gibt anscheinend auch eine Variante des Trojaners, die versucht, einem einzureden, dass das BKA den Rechner stillgelegt habe, weil auf der Festplatte schwarz gebrannte Software gefunden worden sei, was noch einen Tacken perfider ist, weil es sich dabei ja tatsächlich um eine Straftat beziehungsweise ein Vergehen handeln würde.) Die Computerkriminellen suchen sich also gezielt Opfer, die ein schlechtes Gewissen wegen ihres Verhaltens haben, Opfer, die sich ein paar nackte Brüste auf dem Bildschirm angeschaut haben und jetzt vor Angst zittern, weil sie entdeckt wurden. Was ein wenig an einen jungen Mann erinnert, der seiner Familie nach Jahren des Verdruckstseins gesteht, schwul zu sein, worauf die Familie ihn nach dem ersten Schreck anfleht, das Ganze bloß unter den Tisch zu kehren: „Lass das besser niemanden wissen!“ Womöglich fällt dem jungen Mann ein, dass Homosexualität straffrei ist, aber die Familie erinnert sich noch an die Adenauer-Jahre und lässt solche juristischen Feinheiten nicht gelten: „Das kann sich ganz schnell wieder ändern!“ Besser, man kehrt so ein verfehltes Begehren ganz tief unter den Teppich, besser man schämt sich auch ein wenig dafür, dass man ist, wie man ist, love the sinner, hate the sin. (Wobei mir S. vor kurzem einen Artikel zukommen ließ, der eben das beschreibt: wie Gesetze auf den Weg gebracht werden, die zwar nicht die Homosexualität als solche unter Strafe stellen, wohl aber das selbstbewusste Reden darüber, in Russland zwar, aber trotzdem.)

Solche Menschen sind die bevorzugten Opfer obiger Trojaner-Attacke. Menschen, die es ohnehin nicht leicht haben im Leben, Menschen, die sich ihrer Position in der Gesellschaft unsicher sind, Menschen, die sich dafür schämen, dass sie sind, wie sie sind. Und so etwas finde ich, tut mir leid, zum Heulen ungerecht. (Surprise: Kriminelle verhalten sich nicht gerecht!)

Wie hätte ich eigentlich reagiert, wäre ich tatsächlich über Pornoseiten gesurft (und nicht auf anderen, eigentlich viel peinlicheren Seiten)? Hätte ich den geforderten Betrag gezahlt, nur um hinterher den Trojaner natürlich nicht loszuwerden? Bin ich weniger typisches Opfer, nur weil ich (auf Grund der arg eigenwilligen Rechtschreibung auf der obigen Warnseite) recht schnell gemerkt habe, dass da etwas faul ist? Ich brauche mich überhaupt nicht weit aus dem Fenster zu lehnen. Und zu beschweren brauche ich mich auch nicht.

Edit: Eine weiter Infoseite mit Hilfsangeboten findet man hier.

Nachdem ich aus Irland zurück war, hörte ich viel Folk. Folk, also, meist bärtige Männer mit Austikgitarre und Fiddle, hohe Stimmen, manchmal noch eine Mandoline, manchmal noch eine Rockband, immer das gleiche eigentlich. Trotzdem, ich hörte diese immergleiche Musik gerne, Bands aus Schottland, Bands aus der Bretagne, ich kaufte mir ein überteuertes Ticket fürs Irish Folk Festival und stellte recht schnell fest, dass diese Musik über einen Abend gestreckt doch recht eintönig daher kam, mal waren die Männer jünger, mal waren die Männer älter, mal goss ein billiger Synthesizer noch Orchestersoße über die Songs, mal säuselte eine bezopfte Frau noch ein paar Zeilen, was säuselte sie da? Sie säuselte, dass sie ihren Liebsten vermisse und ihm immer treu sein wolle.

Folk war, zumindest wie er bei mir ankam, eine stockreaktionäre Veranstaltung.

Nicht, dass diese Songs keine sozialkritische Komponente hatten, im Gegenteil. Sie kritisierten die Gegenwart dahingehend, dass die Moderne eine Zumutung sei und man sich entsprechend eine vormoderne Welt herbeifiedelte, eine Welt, in der die Mädchen bezopft sind und treu. Plötzlich sah ich die Menschen, die da links und rechts neben mir rhythmisch klatschten, mit anderen Augen: Was wollten die denn hier hören? Die wollten eine möglichst homogene Gesellschaft vorgespielt bekommen, eine Gesellschaft, in der es keine Migranten gab, keinen Gendertrouble und keine Schwulen, eine Gesellschaft, in der ein gütiger Autokrat die Geschicke lenkte und es Aggression ausschließlich in dem Sinne gab, dass man sich gegen verderbliche Einflüsse von außen wehren musste. (Und wenn sie gerade keinen Irish Folk hörten, packten diese Leute ihre Thermojacken ein und fuhren auf Urlaub nach Skandinavien, in nordische Länder, von denen sie annahmen, dass dort noch keine Vermischung, noch keine unübersichtliche Vielfalt existierte. Ich bin unfair, ich weiß.) Am Ende standen unsägliche ostdeutsche Mittelalterrockbands, Pagan Metaller, denen eine glaubhafte Abgrenzung nach rechts grundsätzlich schwer fiel. Ich wollte das nicht mehr hören. (Wobei mein Bann auch explizit linke Folkrockbands wie New Model Army oder die Levellers traf. Was allerdings egal war: Mochten diese Bands mich mit linken Texten kriegen, musikalisch blieb das weiterhin formelhaft.)

Solche Geschmacksurteile mögen zwar inhaltlich begründet sein – zu Ende gedacht stoßen sie an ihre Grenzen. Weil: Wenn man die Differenzen in einer Gesellschaft als wichtig ansieht, dann muss man die Ursprünge der Differenzen trotzdem kennen – weil sie ansonsten verschwimmen, zu einem großen, undifferenzierten Matsch. Die portugiesisch-angolanische Band Buraka Som Sistema versteht man in ihrer Hybridhaftigkeit nur, wenn man die musikalische Basis, den (süd-)afrikanischen Stil Kuduro kennt. Eine Musikerin wie M.I.A. ist reiz- und vor allem politisch wirkungslos, wenn man ihre Musik nicht als Amalgam globaler HipHop-Codes nachvollzieht.

Seit ein paar Jahren höre ich wieder Folk: Patrick Wolf, der die musikalischen Strukturen keltischer Folklore mit elektronisch erzeugten Sounds, vor allem aber dem Discokugel-Glamour der schwulen Subkultur gleichschaltet. Und seit kurzem Florence + the Machine. Bei denen man die Folkbasis kaum noch raushört, so massiv schichten sie Rock, Indie, Prog, vor allem aber Soul über ihre Songs. Und Soul, das ist in seiner Sehnsucht nach Transzendenz das absolute Gegenmodell zum Authentizitätsgehubere des Pop. In den besten Momenten klingen Florence + the Machine dann wie Kate Bush (deren Folkaspekte ich im Überdruss der dekonstruktivistischen letzten Jahre konsequent verleugnete), in den schlechten leider auch manchmal wie Enya.

Denn das muss man leider auch sagen, nach dem heutigen Konzert im hässlichsten Konzertsaal der gesamten Reeperbahn, der Großen Freiheit 36: Florence + the Machine mögen großartige Songs spielen, live sind sie anstrengend. Florence Welch ist humorlos. Florence Welch ist pathetisch. Florence Welch ist leider auch ein wenig tantig. (Das wallende Kleid, das sie trägt, tut ihr übriges: Man will diese wunderbar vielschichtig schillernden Lieder hören, aber man will nicht nach vorn zur Bühne sehen. Man will nicht sehen, wie sie ihr Gewand durch die Luft wirbelt, einen stechenden Blick auf ihren Harfenisten wirft und sich dann verbirgt, in Tüchern um Tüchern.) Dann macht ihr jemand aus dem Publikum einen Heiratsantrag, Gott, ein wenig peinlich ist das schon. Und dann kündigt sie schon den letzten Song an, „This is our last song for tonight, it’s called ‚No Light, no Light'“, die letzten Worte schreit sie, um beim Titel in ohrenbetäubendes Kreischen auszubrechen, dann wird es dunkel, und dann bricht das Schlagzeug los, abgründig und groß.

Und abgründig, das war Folk früher einfach nicht, nicht für mich.

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23. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Das Volk von Paris · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , , , ,

„Wir sind das Volk“

Am Abend des 9. November 1989 stand ich in einer Menschenmenge, die Faust erhoben, in meinem Ohr die Rufe: „Wir sind das Volk!“ Was pathetischer klingt als es war. Am Abend des 9. November war ich Statist im Ulmer Theater, wir hatten Premiere, Gottfried von Einems Oper „Dantons Tod“, und ich stand als „Volk von Paris“ auf der Bühne. Dass ein paar hundert Kilometer nordöstlich tatsächlich ein Volk demonstrierte, wusste ich zwar, es interessierte mich aber nicht wirklich. Richtig interessant wurde es erst, als die Massen statt „Wir sind das Volk“ plötzlich „Wir sind ein Volk“ zu skandieren begannen, aufgestachelt von Bild und westdeutscher CDU. Da wurde mir das, was ich zunächst für einen berechtigten Widerstand gegen ein Spießerregime gehalten hatte, plötzlich unsympathisch: Was fiel denen im Osten eigentlich ein, sich so einfach mit mir gemein zu machen? Die mochten ein Volk sein, meines aber waren sie nicht.

Polen

Als ich Mitte der Achtziger mit meinen Eltern eine Woche nach Berlin fuhr, kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit der DDR. Man fuhr über eine Grenze, man ratterte über Autobahnen, die sich anders anhörten als diejenigen auf unserer Seite der Mauer, man sah Fahrzeuge, die ulkig aussahen, irgendwo bei Leipzig überquerten wir eine Bahnstrecke, und auf dieser Bahnstrecke fuhr ein Zug mit Dampflok. Wir durchquerten Ausland. Ich wunderte mich zwar, dass im Radio deutsch gesprochen wurde (und außerdem westdeutsche Musik gespielt wurde, Nenas „?“, die ganze Platte durch), eigentlich hatte ich erwartet, dass hier russisch die Verkehrssprache sein müsste, aber gut. Österreich war ja auch Ausland, obwohl sie dort ebenfalls so etwas wie deutsch sprachen, und das hier war dem Schwaben durchaus fremder als ein Kurztrip nach Tirol, das hier war so etwas wie Polen. Diese These vertrat ich noch Jahre später, im Gemeinschaftskundunterricht, der schon vereinigungsbesoffen das Jahr 89 hinter sich gebracht hatte: Die DDR, das ist doch Ausland. Ich wurde ausgebuht und vom Lehrer geschnitten. Elf Jahre später schrieb ich eine Glosse im Usinger Anzeiger, in der ich diese jugendlichen Ansichten humorig reflektierte – beinahe gesteinigt hätte mich die hessische Landbevölkerung des Jahres 2000. Die Aussage „DDR ist für mich Ausland“ scheint für manche Leute einer Beleidigung gleichzukommen, „Ausland“, das ist für diese Leute beleidigend. Was deutlich macht, in welche Richtung dieser Vereinigungsprozess bald gehen sollte.

Alternative

„Kannst du dir vorstellen, wie das ist, den Kapitalismus für eine Zumutung zu halten, aber keine Alternative zum Kapitalismus zu sehen, weil ihr aufgegeben habt?“ Ich war nie der Meinung, dass die DDR ein gutes System war, im Gegenteil, ich war der Meinung, dass die DDR ein absolutes Dreckssystem war, organisiert von Spießern, Blockwarten, Sexisten, Nationalisten. Aber ich war immer der Meinung (und bin es auch heute noch), dass die DDR im Vergleich mit der Bundesrepublik (und nur mit der) das bessere System war. Was, nebenbei gesagt, nicht unbedingt für dieses Volk spricht, wenn es nichts Besseres gebacken bekommt als das DDR-System. Trotzdem, es war die Alternative. „Kannst du dir vorstellen, wie das ist, den Kapitalismus für eine Zumutung zu halten, aber keine Alternative zum Kapitalismus zu sehen, weil ihr aufgegeben habt?“, der Satz stammt aus dem Stück „Schubladen“ der Theatergruppe She She Pop, und er verdeutlicht, weswegen ich die Vereinigung als Verlust wahrnahm: Anstatt dass dieses blöde Volk sich hingesetzt hätte, die Stasi-, Politbüro- und Volkspolizeideppen in die Wüste geschickt und einen guten, gelungenen, menschlichen Sozialismus aufgebaut hätte, warf es sich ungefragt erst in unsere Arme und dann, als wir ungeschickt auf diese Verbrüderung reagierten, in die Arme derjenigen, die schon bereit standen, um ihr Süppchen auf der nationalen Hitze zu kochen. Und so verhalf das blöde Volk dem durch und durch korrupten Kohl-Regime zu zwei weiteren Amtszeiten, Danke auch.

Arbeit

In Christian Petzolds Film „Barbara“ stellt die von Nina Hoss gespielte Kinderärztin 1980 einen Ausreiseantrag aus der DDR; zur Strafe versetzt das Deppenregime sie an eine Klinik in der Provinz. „Die Arbeiter und Bauern haben dir ein Studium ermöglichst, jetzt gibst du ihnen erst einmal etwas zurück!“ giftet sie verächtlich über die Begründung ihrer Versetzung, „Klingt erstmal gar nicht so falsch“, gibt ihr Chefarzt (Ronald Zehrfeld) zurück. Stimmt, klingt gar nicht so falsch, aber Barbara hört nicht zu. Denn: Sie hat einen Geliebten aus dem Westen, und der hat längst eine Flucht eingefädelt. Eines abends, im Bett des Interhotels, bezirzt er sie: „Wenn du erstmal drüben bist, dann musst du nicht mehr arbeiten. Ich verdiene genug für uns beide.“ Das ist der Moment, in dem ihre Beziehung zerbricht, das ist der Moment, in dem sie merkt, dass sie die Gelegenheit zur Flucht nicht ergreifen wird – wenn die Flucht nur bedeutet, in ein Land zu fliehen, in dem alle angestrebten Ziele, Gleichberechtigung im Beruf, gleichwertiges Leben, bedeutungslos sind, ein Land, in dem das wenige, was man erreicht hat, rückgängig gemacht wird. In ein Land, in dem die Altnazis, die Christen, die Konservativen eine Macht hatten, von der sich die Bevölkerung der DDR emanzipiert zu haben glaubte. Vorbei.

She She Pop, „Schubladen“, bis 25. 3. und 28. bis 29. 3., Kampnagel, Hamburg (Foto: Benjamin Krieg). Christian Petzold, „Barbara“, noch hin und wieder im Programmkino und über kurz oder lang auf arte.

Und dann fragte mich M., ob ich schon einmal ein Stück von René Pollesch gesehen hätte. Hatte ich noch nicht, ich war schon froh, mit Stefan Pucher etwas anfangen zu können, von wegen ultrazeitgenössicher Regie, damals, Ende der Neunziger. Außerdem war Pollesch mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden, nach seinem Studium bei Andrzej Wirth in Gießen, wie man hörte, machte er freies Theater in der hintersten pfälzischen Provinz, Frankenthal oder Pirmasens. M. aber war er aufgefallen, während des Studiums in den ausgehenden Achtzigern, als ich noch längst nicht in Gießen war.

Kurz darauf knallte mir Pollesch tatsächlich ins Gesicht, mit wildromantischen Textflächen: „Drei hysterische Frauen“ beim Praterfestival oder wie das hieß, 1998 an der Volksbühne, „Superblock“ am Berliner Ensemble, einem extrem musikalischen Text über die Klötzchenarchitektur am Potsdamer Platz, der natürlich nicht ahnen konnte, wie schlimm sich das alles tatsächlich entwickeln würde, „Heidi Hoh 3 – Die Interessen der Firma können nicht die Interessen sein, die Heidi Hoh hat“ am Frankfurter Mousonturm, ein Stück toller als das andere, großartige Schauspieler, eher sogar: Schauspielerinnen, die hochtourig schwer theoretische Textwasserfälle übers Publikum kippten, anstrengend, lustig, durchgedreht, immer wieder unterbrochen von Schreiattacken, ihr FICKSÄUE! Pollesch wurde wiederentdeckt von der damaligen Luzerner Intendantin Barbara Mundel, die Pollesch noch vom Studium kannte und ihn aus der einen Provinz Pfalz in die andere Provinz Zentralschweiz rettete. Und von Luzern aus ging es dann ganz schnell mit Polleschs irgendwie verspäteter Karriere: Als ich 2001 nach Hamburg zog, war er schon da und inszenierte am Schauspielhaus seine Soap „www-slums“.

Das war damals noch neu: die Erkenntnis, dass sich unter gut ausgebildeten, hoch mobilen, extrem anpassungsfähigen und technikaffinen, naja, Leistungsträgern eine Art intellektuelles Subproletariat herausbildete. Und vor allem, dass es ziemlich kompliziert werden dürfte, den möglichen widerständigen Charakter dieses High-End-Proletariats herauszukitzeln. Weil wir Leistungsträger der kreativen Klasse uns erfolgreich einreden ließen, dass es doch eine coole Sache sei, so ungebunden, selbstausbeuterisch, unterbezahlt zu werkeln, wie es im Künstlertum doch Usus ist! (Und weil Künstlertum das Coolste überhaupt ist, lässt sich das doch wunderbar ausweiten. Auf Journalisten, Werber, Sachbearbeiter, Busfahrer: alles Künstler! Alle glücklich, wenn sie ausgebeutet werden!) Ich fraß Pollesch-Stücke, „Smarthouse“ in Stuttgart, „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“ am Hamburger Thalia, „24 Stunden sind kein Tag. Escape from New York“ an der Volksbühne, wo Pollesch bald die künstlerische Leitung des Praters übernahm, alle Stücke mehr oder weniger mit der gleichen These: Wie lässt sich, bitteschön, ein revolutionäres Subjekt konstruieren, wenn die Lebensumstände schon so entfremdet sind, dass man die Entfremdung als ganz natürlichen Zustand ansieht? Ich ignorierte, dass Polleschs politische Analyse oberflächlich blieb, in etwa auf dem Niveau Slavoj Zizeks, der ja ebenfalls mehr cool als gedanklich scharf ist, aber, hey!, was gibt es denn gegen Coolness einzuwenden? Ich ignorierte, dass Pollesch zumindest ein diskutables Autorenbild vor sich herzutragen schien, ein Autorenbild, das an einen Gottkünstler denken ließ, der seine Stücke grundsätzlich nicht zum Nachspielen freigab, weil niemand sie so gut inszenieren konnte wie der Meister selbst. (Dieses Bild wurde unfreiwillig revidiert durch den alles in allem misslungenen Episodenfilm „Stadt als Beute“, in dem Pollesch sich selbst spielte und dabei eine Art Einblick in das gab, was bei ihm Theaterproben sind: weniger ein Hinarbeiten auf eine Premiere zu, als ein kollektiver Diskurs, der sich eben nur in einer einzigen Inszenierung findet. Der Gedanke an eine Nachinszneierung dieser Stücke wäre entsprechend nicht defätistisch, aber doch ziemlich absurd.)

Spätestens ab „Fantasma“, 2008 am Wiener Burgtheater, hatte Pollesch dann seine Form gefunden: die durch den diskursiven Fleischwolf gedrehte Künstlertragödie. Der Künstler als tragischer Held des Neoliberalismus, sich fürs System aufopfernd: in „Mädchen in Uniform. Wege aus der Selbstverwirklichung“ am Hamburger Schauspielhaus oder in „Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen“ am Frankfurter Schauspiel tauchte er explizit auf, und man kam nicht umhin, hier René Pollesch zu sehen, wie er ein Stück nach dem anderen inszeniert, wie er Kritik am System übt und damit doch das System eigentlich stützt. „Ihr seid doch gar kein Chor, wie soll ich denn da eine Oper auf die Beine stellen?“, ruft Catrin Striebeck verzweifelt in der jüngsten Pollesch-Arbeit „Die Kunst war viel populärer als ihr noch keine Künstler wart!“, einer Coproduktion von Volksbühne und Hamburger Schauspielhaus. „Wir sind ein Netzwerk!“, antwortet der Chor.

Und dann fragte mich M., ob ich schon einmal ein Stück von René Pollesch gesehen hätte. M., der als Redakteur beim Gießener Anzeiger arbeitete, erst in der Kultur, dann in der Politik, schließlich im Lokalen, sobald er sich in eine Redaktion reingearbeitet hatte, wurde er versetzt, M., der perfekte Arbeitnehmer, der Künstler, der selbstausbeuterische Selbstverwirklicher.

18. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Eingeschlagene Schädel · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Heute abend gibt’s keine Sonntagabendkrimi-Rezension. Weil heute abend ein MDR-Polizeiruf kommt, aus Halle, „Raubvögel“, und das ist, nach allem, was man vorab gehört hat und was man von den Hallenser Krimis kennt, zu betulich für mich, tut mir leid.

Ich nämlich habe mich vom Betulichen konsequent wegbewegt. Ich gehe auch nur noch ins Kino, wenn das Blut meterweit spritzt, und DVDs leihe ich mir ausschließlich dann aus, wenn sie ohne Altersfreigabe sind (aber „strafrechtlich unbedenklich“ sollten sie schon weiterhin sein, da bin ich ein Schisser). Was natürlich nicht stimmt, zuletzt war ich im Kino in Petzolds „Barbara“, da ist kein einziger Blutstropfen zu sehen, und trotzdem fand ich den Film ganz toll. Aber „Barbara“ ist ja auch Kunst, da sehe ich drüber hinweg, wenn es gesittet zugeht – will ich mich aber unterhalten, dann spritzt und splattert es gerade gehörig. „Verdammnis“, ein Schauer. „Drive“, ein Zittern. Vorgestern „Headhunters“, ein norwegischer Film, der zum einen Auge reinlaufen würde und zum anderen wieder raus, würde dieser Film nicht gehörig unterhalten. Unter anderem mit dem Erschrecken davor, was gleich wieder heftiges zu sehen ist, eine Folterszene, ein eingeschlagener Schädel.

Gewalt im Kino fasst mich an, immer noch – und dieses Anfassen ist nicht unspannend. Gewalt fasst mich deutlich heftiger an als expliziter Sex, das ist interessant, weil (zumindest hier, in der westlich geprägten Kultur) eine Erektion immer noch eher Zensoren auf den Plan ruft als ein rausgerissenes Auge, und da fragt man sich natürlich schon: weshalb?

(Im realen Leben lehne ich Gewalt übrigens ab. Ganz grundsätzlich und ohne Diskussion.)

Es ist so einfach, den Münsteraner „Tatort“ doof zu finden. Alte skandinavische Krimischule: Im Kriminalfilm geht es um Menschen, denen das System keine andere Chance lässt als kriminell zu werden, und wo es um diese Menschen geht, da gibt es nichts zu lachen. Wohingegen der westfälische Provinzkrimi (der wie die meisten WDR-Produktionen hauptsächlich in Köln gedreht wird und von Münster entsprechend nur die Sehenswürdigkeitsklischees zeigt, das Rathaus, den Aasee, den Prinzipalmarkt) ein einziger Witz ist. Witzfiguren machen halbwegs lustige Dinge, und am Ende klärt sich ein Mord irgendwie selbst auf, Polizeiarbeit jedenfalls gibt es keine zu sehen. Nur: So einfach ist es leider nicht.

Denn die Münsteraner „Tatorte“ mögen Klamotten sein, es sind aber gut gemachte Klamotten. Filmisch geben diese Krimis meist einiges her und lassen ihre Pendants aus Stuttgart oder, Gott bewahre!, Leipzig weit hinter sich. Und schauspielerisch warten die Krimis gerade in den Nebenrollen mit einigen Schmankerln auf. Klar, die Hauptdarsteller Axel Prahl und Jan-Josef Liefers mögen Kommissar Frank Thiel und Gerichtsmediziner Friedrich Börne knallchargenhaft als Karrikaturen anlegen, aber erstens machen sie das mit unübersehbarer Freude am Irssinn und lassen zweitens neben sich viel Raum, dass andere ihre Figuren mit hübschen Feinheiten ausarbeiten. Wenn im aktuellen Münster-Fall „Hinkebein“ (Regie: Manfred Stelzer) Martina Eitner-Acheampong, eine Schauspielerin mit Starqualitäten übrigens, die sich andernorts nicht in einer Drei-Sätze-Nebenrolle verheizen lassen würde, als bodenständige Wirtin der „Westfälischen Stuben“ empfiehlt: „Probierense das Töttchen. Da machense nüscht falsch mit“, dann sagt das viel aus über den Charakter dieser Stadt, die gleichzeitig nett ist und andererseits ganz schön derb. Töttchen ist nämlich Kalbsfleisch in Senfsauce, ein schweres Arme-Leute-Essen, das einen durch den niedlichen Diminutiv ganz schön auf die falsche Spur führt. Außerdem spricht es für die Rafinesse des Drehbuchs (Stefan Cantz und Jan Hinter), dass der Diminutiv am Ende noch einmal eine weitere, fallentscheidende Rolle spielt. Gegen das Drehbuch spricht, dass einen das eigentlich gar nicht interessiert.

Da wurde also eine Ex-Polizistin ermordert, die erstens ein Alkoholproblem hat, zweitens einen Sorgerechtstreit mit dem Ex-Mann und drittens Stress mit einem Zuhälter namens „Hinkebein“ (Fiesling-Allzweckwaffe Wolfram Koch, den man zuletzt ein wenig zu oft gesehen hat), den sie vor Jahren wegen Mordes hinter Gitter brachte, obwohl der anscheind unschuldig war. Außerdem sind in Münster russische Austauschpolizisten zu Gast, und in einen verliebt sich Kommissariatsdarling Nadeshda (Friederike Kempter), was Thiel Gelegenheit zu einem denkwürdigen Telefongespräch mit ihr gibt, irgendwann nachts: „(Laberlaber Ermittlungskram) … Nadeshda, ich höre, dass da jemand im Hintergrund spricht … Das ist doch russisch! … (kleinlaut) Sie haben recht, das geht mich gar nichts an.“ Das geht ihn gar nichts an, eben! Frank Thiel ist echt der netteste Kommissar im gesamten „Tatort“-Universum!

Aber so schön das auch ist: Der Fall ist langweilig. Sterbenslangweilig. Ständig tauchen neue Verdächtige auf, die einen nicht interessieren, ständig gibt es kaum durchdachte Witze auf Kosten der russischen Gastpolizisten. Auf Kosten Börnes. Oder auf Kosten der kleinwüchsigen Hilfsgerichtsmedizinerin (ChrisTine Urspruch, die diesmal leider nicht die Souveränitätsbombe gibt, die man von ihr gewohnt ist). Börne: „Die ist so wenig promoviert wie Guttenberg!“ Haha. Am Ende wars der Polizeipressesprecher, oh, ‚tschuldigung, das war ein Spoiler, aber die Frage nach dem Mörder ist hier doch ohnehin vollkommen uninteressant, oder? Auf jeden Fall war der anscheinend pervers, also, auf eine durchaus reizvolle aber auch irgendwie abstoßende Weise, und als Perverser brachte er also vor Jahren eine Prostituierte um. Weil aber seine Geliebte bei der Mordkommission die Tat deckte, konnte er Karriere machen und in die Presseabteilung wechseln (Karriere?), außerdem konnte er seine Geliebte schwängern, die gleichzeitig noch verheiratet war und zudem ein Techtelmechtel mit Börne hatte. Und weswegen brachte er sie jetzt um? Weil sie Angst vor dem plötzlich aus dem vietnamesischen Exil zurückgekehrten (Äh? Warum kehrt der eigentlich zurück, wo er doch gesucht wird? Und bestellt als erstes im Haus seiner alten Mutter die Handwerker?) Hinkebein hatte und so zum Unsicherheitsfaktor zu werden drohte. Es hilft nichts, es ist wirr, es ist öde. Es ist irgendwie wie ein Witz, der zwar nicht lustig ist, den man aber verzweifelt zu Ende erzählt, in der Hoffnung, dass sich da doch noch was draus entwickelt.

Und das nächste Mal hätte ich gerne wieder einen ganz traditionellen skandinavischen, sozialkritischen Krimi. Oder einen Actionreißer. Oder ein Politdrama. Oder ein Töttchen, nein, ein Törtchen, ja?

(Alles wie immer: Christian Buß auf SpOn. Konzentration aufs Kerngeschäft: Matthias Dell im Freitag. Altbekannte Ingredienzen: Heinz Zimmermann auf tatort-fundus.de. Tatörtchen: der Stadtneurotiker. Höchst durchschnittlich: der Wahlberliner.)

 

11. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Full Frontal Nudity · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , ,

Ich habe nie wirklich verstanden, wie die amerikanischen Zensurbestimmungen funktionieren. Ich meine, weswegen gilt für die Motion Picture Association of America ein Film schon als halber Porno, sobald irgendwo die Andeutung einer (weiblichen) Brustwarze zu sehen ist, auch wenn die nackte Haut inhaltlich vollkommen schlüssig begründet ist? Und weswegen geht ein expliziter Film wie Steve McQueens „Shame“ anscheinend problemlos durch die Zensur? Weil die MPAA-Zensoren denken, och, Steve McQueen, das ist doch so europäischer Kunstkram, das schaut ohnehin niemand? Oder weil die Zensoren denken, dass „Shame“ doch eigentlich eine hochmoralische Position gegenüber Sexualität einnimmt, und um diese Position zu vermitteln, wäre Full Frontal Nudity recht hilfreich?

Ich fand „Shame“ ärgerlich. Nicht wie Carsten, der auf Post Artcore zwar am Ende eine Wendung ins Homophobe bemängelt, den Film ansonsten aber durchaus lobt. Nein, für mich ist der homophobe Schluss kein Ausrutscher, sondern der konsequente Höhepunkt einer Entwicklung, die dieser Film schon viel früher eingeschlagen hat. „Shame“ kam bei mir an als einzige Warnung vor dem Leben in der Großstadt (es ist dort so unglaublich anonym, man kann gar nicht anders als gefühlskalt zu werden!), als einzige Warnung vor einer ungezähmten Sexualität. Ich möchte nicht behaupten, dass ungezähmte Sexualität die Lösung für jedes Problem sei, ein Film wie John Cameron Michells „Shortbus“ (2006) ist in seiner verspielten Nettigkeit fast ebenso unerträglich wie „Shame“ in seinem Moralismus – aber Einhegungen und Zwänge können nicht wirklich die Lösung sein, nein? Eine Figur behauptet aber genau das: dass es keine Rettung geben kann außer der monogamen Zweierbeziehung. Und weil McQueen keinen Satz, keine Handlung einfach zufällig in den Raum stellt, lässt er seine Hauptfigur Gordon (Michael Fassbender, der wirklich gut ist, das schwärmerische Porträt von Kollege Volker im uMag geht schon in Ordnung) ausgerechnet mit ihr im Bett schwächeln. Merke: Wenn du dir zu häufig einen runterholst, dann klappt es nicht mehr, wenn es wirklich drauf ankommt.

Es tut mir leid, da mögen Fassbender und vor allem die immer großartigere Carey Mulligan noch so toll spielen, da mag der Film mit noch so durchkomponierten Bildern aufwarten, die die Künstlervergangenheit McQueens verraten, da mag das Drehbuch sich noch so hübsche Kabinettstückchen leisten wie eine wunderbare Restaurantszene, in der ein Kellner immer dann, wenn es wirklich ans Eingemachte gehen könnte, ein weiteres Detail zur Weinkarte anzubringen versucht: Wenn der Preis für ein wenig Nacktheit im US-Kino solch widerlicher „True-Love-waits“-Moralismus ist, dann schaue ich mir zukünftig nur noch Filme mit bekleideten Darstellern an. Oder wahlweise einfach keine amerikanischen mehr.

10. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Das hübsche Gesicht der bürgerlichen Linken · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , ,

Schorsch Kamerun preist einen Supermarkt, Melissa Logan ein Industriebier und Kristof Schreuf einen Versanddienst, ein Schauer läuft einem über den Rücken. Diese per Video eingespielten Perlen der Songwriterkunst tragen die erste Hälfte des Abends, weil sie a) in ihrer textlichen wie musikalischen Scheußlichkeit an einen Autounfall auf der Gegenfahrbahn erinnern, b) ein Wiedersehen mit 21 einst geschätzten und mittlerweile ein wenig aus den Augen verlorenen Musikerpersönlichkeiten ermöglichen, c) im Arrangement eigentlich gar nicht mal schlecht klingen. Sie sorgen allerdings auch dafür, dass das Stück zur Nummernrevue verkommt: Man wartet, wer als nächstes auf der Leinwand erscheint und achtet überhaupt nicht mehr auf die Schauspieler.

Und das ist wirklich schade: Das sind ja keine besseren Statisten, das sind gestandene Darsteller wie Robert Stadlober und Pheline Roggan, die über weite Strecken auf der Bühne allein gelassen werden. Vor lauter Verzweiflung retten sie sich ins Bauerntheater, spielen gekünstelt Big Business und lassen ihre Figuren dabei hemmungslos in Richtung Karikatur rutschen (Roggan immerhin eskaliert apart zu Jens Rachuts Verpunkung einer Lebensmittelmarkt-Hymne).

Guilty Pleasures: Ich freue mich immer, wenn ich irgendwo, in einem Film, in einem Theaterstück, in der S-Bahn Pheline Roggan sehe. Das ist ungewöhnlich, weil Roggan in ihrer Mädchenhaftigkeit eigentlich gar nicht der Typ ist, für den ich ansonsten so schwärme, egal, ich mag diese Attitüde, das hübsche Gesicht der bürgerlichen Linken geben zu wollen. Wobei es natürlich bezeichnend ist, dass auch Roggan nicht dafür sorgen konnte, dass mir Thomas Ebermanns Satire „Der Firmenhymnenhandel“ auf Kampnagel halbwegs etwas sagte. Na, für einen freundlichen Verriss auf Nachtkritik hat’s gereicht.

06. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Die Hexe, die zwischen den Tannen lauert · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , , , , ,

Ich bin am Waldrand aufgewachsen. Der Wald roch, er war feucht und dunkel, und er war ein Spielplatz, ich hatte nie Angst vor dem Wald. Ich spielte im Wald, ich fuhr Schlitten, fing Kaulquappen, einmal bauten wir uns abseits der Spazierwege eine Hütte, unsere Eltern machten sich Sorgen, was wir nicht verstanden. Selbst als Teenager, wenn ich nachts nach Hause kam und durch den Wald ging, mein Fahrrad durch den Wald schob, beunruhigte mich das nicht. Man hörte von Jugendlichen, die im Wald lungern würden, man hörte von einer Vergewaltigung, letzten Sommer, auf dem dunklen Weg zur Fußgängerunterführung, es schreckte mich nicht. Der Wald war da, der Wald war in Ordnung.

Ich weiß nicht, wann das anfing, dass ich mich plötzlich im Wald gruselte. Vielleicht als T. während einer Party am Rande des Gießener Philosophenwaldes plötzlich in den Bäumen verschwand und nach ein paar Minuten wieder auftauchte, die Kapuze ins Gesicht gezogen, einen Stock schwingend, nur Grunzgeräusche ausstoßend? Und niemand traute sich, ihn anzusprechen, weil, klar, das war T., aber warum waren wir uns eigentlich so sicher? Wir kicherten. Oder fing das an, als ich das erste Mal „Blair Witch Project“ sah, das Dunkle, das Gegenstück zur Zivilisation, die Hexe, die zwischen den Tannen lauert? Oder Lars von Triers „Antichrist“? Plötzlich schnürte mir jedenfalls etwas die Kehle zu, am Waldrand, plötzlich nahm ich einen Umweg, um nicht zwischen die Tannen zu müssen, nachts. Ich habe nicht wirklich Angst im Wald, aber mir gruselt. Ein wohliger Grusel, keine nackte Furcht, der mich weiterhin begleitet. Und den ich immer wieder suche.

Der Wald hat sich nicht verändert, seit 40 Jahren. Der Wald ist immer noch feucht und ein wenig modrig, der Wald lebt irgendwie, und in ihm leben Rehe und Vögel und eigenartiges Gewürm. (In ihm leben sogar Wildschweine, auch wenn ich noch nie eines gesehen habe.) Im Wald kann man laufen und plötzlich feststellen: Das sieht hier alles gleich aus, genau an dieser Stelle war man doch schon einmal, vor drei Stunden, man ist im Kreis gelaufen, oder doch nicht? Lost in a forest, all alone.

Ich suche diese Situation, seit ich in der Stadt wohne. Der Stadt, in der es keinen Wald gibt, in der es andere, spannende Orte gibt, die ich keinesfalls missen möchte, nur eben keinen Wald. Ich finde diese Situation vor den Toren, in der Göhrde, im Harz, im Allgäu, es ist nicht gefährlich, aber plötzlich beschleicht mich doch das Gefühl: Was wäre, wenn jetzt die Dunkelheit hereinbrechen würde, wenn ich einfach nicht mehr herausfinden würde, aus diesen endlosen, immer gleich aussehenden Baumreihen? Manchmal suche ich dieses Gefühl auch virtuell, beim Spielen von S.T.A.L.K.E.R., da lüge ich mir natürlich in die Tasche, aber egal, trotzdem spüre ich den Grusel, durch eine entvölkerte Waldlandschaft zu gehen und zu wissen, es gibt zwar die Zombies und die Mutanten und die verfeindeten Banditen, aber der wirkliche Gegner ist die Natur. Die abwesende Natur, die zerstörte, vergewaltigte, verschobene Natur, die sich ganz grauenhaft rächt für das, was man ihr angetan hat. Der feuchte, lebendige Wald.

Ich bin nun also auch zum Sexisten geworden. Weil ich für eine Frauenquote in Redaktionen eintrete und deswegen bei ProQuote unterschrieben habe. So eine Unterschrift ist sexistisch, weil sie nämlich bedeutet, dass ich Frauen nicht zutraue, aus eigener Leistung ihre Position im Erwerbsleben zu erreichen, nein, ich glaube, nur strenge Vorgaben bringen 30 Prozent Frauen in Führungspositionen, also in Positionen, in die Frauen naturgemäß eigentlich nicht gehören würden. Ich Sexist, ich fieser. Wobei solche Vorwürfe natürlich in erster Linie von Leuten kommen, die glauben, es gehe irgendwie gerecht zu in diesem Wirtschaftsleben, von Leuten, die der Meinung sind, im Großen und Ganzen würde das alles schon funktionieren. Das sind Leute, die sich noch nie die Frage gestellt haben, wie es angehen kann, dass ein Windbeutel wie Karl Theodor zu Guttenberg trotz erwießener Unfähigkeit immer wieder weich fällt, in diesem ach so fairen System. Ach Kinder, die ihr mich Sexisten schimpft, geht doch FDP wählen.

In Wahrheit ist es doch so: Ich bin aus reinem Egoismus für die Quote. Weil ich als irgendwie ja doch Mann glaube, dass mehr Weiblichkeit in den Chefetagen nur gut tun könnte, nicht nur den Chefinnen sondern auch ihren Untergebenen. Nicht weil ich finde, dass Frauen per se bessere Vorgesetzte seien oder weil ich überhaupt ein großer Fan von beruflichen Hierarchien wäre. Sondern grundsätzlich: Es geht gar nicht um Frauen im biologischen Sinn, es geht um Weiblichkeit im kulturellen Sinn. Ein Beispiel ist die Genderdabatte: Die wurde von der feministischen Forschung auf Tapet gebracht, und die Schwulenbewegung sollte dem Feminismus auf Knien danken, dass es mittlerweile eine Selbstverständlichkeit ist, heteronormative Argumentationen als steinzeitlich abzulehnen. (Dass die meisten Schwulen sich lieber das Gesamtwerk von Chuck Norris auf DVD reinziehen würden als dem Feminismus irgendein positives Urteil zuzugestehen, sagt natürlich einiges über die männliche Abstraktionsfähigkeit aus.)

Ich halte nichts von Argumenten wie dem, dass ich als Mann die Quote ablehnen müsste, weil ich damit den Ast, auf dem ich sitze, absägen würde. Das ist so eine widerliche „Entweder die oder wir“-Argumentation, entweder „die Muslime“ oder „wir Christen“, entweder „die EU“ oder „wir Deutschen“, entweder „die Frauen“ oder „wir Männer“, ich mag das nicht, ich glaube, es führt auch nirgendwo hin. Eigentlich sollte es doch im Interesse aller liegen, ein möglichst angenehmes Zusammenleben hinzubekommen, nein? Und bezüglich dieses Zusammenlebens habe ich gewisse Erfahrungswerte: Ich habe in meinem bisherigen (allerdings noch nicht allzu lange andauernden) Berufsleben unter insgesamt drei Frauen gearbeitet – und kann nicht klagen. Was man natürlich nicht verallgemeinern sollte: „Frauen können ebenso schlechte Chefs sein, genauso marktradikale Ansichten haben, genauso autoritär auftreten wie Männer“, schrieb Antje Schrupp schon vor eineinhalb Jahren. Meine Quotenbefürwortung ist entsprechend rein subjektiv: Ich konnte mit Chefinnen einfach immer besser als mit Chefs. Und deswegen darf ich auch für die Quote sein, Punkt.

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Auf die Idee, bei ProQuote zu unterschreiben, brachte mich übrigens Silke Burmester, mit der ich anlässlich ihres hübschen Essays „Beruhigt euch!“ ein kurzes Interview fürs aktuelle uMag geführt habe:

uMag: Silke Burmester, ich habe vor kurzem Stéphane Hessels „Empört euch!“ gelesen und mir dabei gedacht: „Ja, der Mann hat durchaus recht!“ Und direkt im Anschluss habe ich „Beruhigt Euch!“ gelesen und mir dabei gedacht: „Ja, die Frau hat durchaus recht!“ Bin ich ein hoffnungsloser Opportunist?
Silke Burmester: Nein, das sind Sie nicht. „Beruhigt Euch!“ ist auch kein Gegenentwurf, es ist eine Ergänzung. Und zwar insofern, als dass ich mit Hessel absolut d’accord bin. Ich bin die Erste, die für jeden, der auf die Straße geht, eine Tüte Haribo aufmacht. Aber ich ärgere mich über die Medien, die die Menschen mit Pseudothemen abfüllen.

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Außerdem werde ich ein paar Tage nicht online sein. Kommentiert kann natürlich werden, das Freischalten der Kommentare wird aber unter Umständen ein bisschen dauern. Nicht böse sein, ja?