27. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Mit Lebensmittel rumsauen · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Wenn das Kollektiv entscheidet, dass Alkohol in der Kolonie verboten sein soll, dann schaffen es Ojasoo und Semper mit minimalen Mitteln, Verschiebungen der Machtverhältnisse klarzustellen, ein skeptisch hochgezogener Mundwinkel reicht da schon. Wenn in einer grandios chaotischen Choreographie die Körper nacheinander im Wettkampf, im Rangeln, im Liebesakt aufeinander prallen, dann sind diese Bedeutungsveränderungen auf den Punkt gesetzt. Und selbst wenn solche kurzen Sequenzen ausbleiben, passiert trotzdem immer was. Mal Klamauk, mal Musik (das Ensemble grölt den Ballermann-Hit „La Macarena“ mit minimal abgeändertem Text: „Eeeeh … Makarenko!“, toll!), schon ganz zu Anfang rotzt Bruno Cathomas dem Publikum vor die Füße, da hätte man fast drauf wetten können, dass im Laufe des Abends auch noch Scheiße über die Bühne fliegt. Doch, macht Spaß.

Wenn Konservative sich über das zeitgenössische Theater aufregen, dann motzen sie eigentlich immer darüber, dass da ohne Unterlass gebrüllt werde. Dass ununterbrochen mit Lebensmittel rumgesaut werde. Dass es immer total eklig sei. Und dass die Schauspieler ständig nackt seien. Mit anderen Worten: So wie in „Fuck your Ego!“ der ersten (mehr oder weniger ganz großartigen) deutschen Produktion der estnischen Theatermacher Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper am Thalia in der Gaußstraße. Für nachtkritik.de habe ich ein bisschen was von der Premiere aufgeschrieben.

26. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Don’t believe the Hype · Kategorien: Stoffe · Tags: , , ,

„Ein politischer Kurator zu sein, bedeutet für uns, jenseits der linken Position zu stehen, die Kunst mit dem richtigen Bewusstsein zeigt“, sagt Warsza. „Es bedeutet, dass man sich widersprechende Sichtweisen akzeptiert und in die Ausstellung einlädt.“

Die Berlin Biennale ist so eine Kunstausstellung, mit der ich wohl nie fertig werde. Eine Ausstellung, bei der ich hin- und hergerissen bin zwischen der Begeisterung für meist recht spannende Kunst, dem Interesse für die angestoßenen politischen Diskurse und der Abscheu gegen den Hype. Morgen startet die mittlerweile siebte Auflage (ja: Die Berlin Biennale ist auch ein Gradmesser für die Tatsache, dass ich nicht mehr jung bin), ich habe im Vorfeld ein Gespräch mit der Co-Kuratorin Joanna Warsza fürs April-uMag geführt (das ironischerweise seit heute nicht mehr aktuell ist). Und natürlich werde ich bei Zeiten hinfahren und was drüber schreiben. Wen interessiert, wie ich es vor zwei Jahren fand: Auch damals habe ich schon gebloggt.

Hierzulande gibt es (wie in den meisten westlichen Ländern) zwei politische Alternativen: eine sozialdemokratische und eine konservative. Beide Alternativen gehen grundsätzlich davon aus, dass wir alle im gleichen Boot sitzen würden, beide sind davon überzeugt, dass es den einen in diesem Boot besser gehen würde und den anderen weniger gut. Die Sozialdemokraten glauben allerdings, dass diese Unterschiede sich abschleifen lassen könnten, und zwar bestenfalls so, dass das niemandem schmerzen würde („Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor – dafür vielen besser“, sagte Helmut Kohl, der sozialdemokratischste Kanzler, den die Konservativen je hatten, 1990) die Konservativen glauben, dass die Unterschiede schon eine gute Sache wären, auch und gerade für diejenigen, die unten sind, weil das ja ihr gottgegebener Ort sei, und gegen Gott sich aufzulehnen, ist Hybris. Aus moralischer Sicht ist mir die sozialdemokratische Position zwar lieber als die konservative (was sich entsprechend in meinem Wahlverhalten niederschlägt), politisch aber bin ich davon überzeugt, dass beide Positionen auf einer falschen Basis stehen. Diese falsche Basis ist das Bild vom Boot, in dem wir alle Sitzen: Ich glaube nicht, dass ein Josef Ackermann, ein Karl-Theodor zu Guttenberg oder ein Guido Westerwelle irgendwie das Boot mit mir teilen. Ich glaube auch nicht, dass die im Oberdeck sitzen und ich unter der Wasserlinie. Ich glaube, dass es zwei Boote gibt: ein überladenes, manövrierunfähiges Floß und ein Schnellboot, das das Floß ohne Unterlass umkreist. Die Schnellbootkapitäne spritzen die Floßfahrer mit der Bugwelle nass, bringen das Floß immer wieder fast zum Kentern und fordern nicht zuletzt die Floßfahrer auf, sie abzuschleppen. Die einzige Alternative ist meiner Meinung nach, dass die Floßfahrer das Schnellboot mit Gewalt übernehmen und die Bootskapitäne über die Planke schicken. (Ja, das ist die Sehnsucht nach einer gewaltsamen Revolution, einer Revolution, die erstens nicht kommen wird und bei der zweitens ich als nächster an der Wand stehen würde. Revolutionen fressen ihre Kinder, und ich wäre in dem Fall ein sehr frühes Kind.)

Was ich eigentlich sagen will: Ich verdiene mein Geld damit, dass ich Texte schreibe, also mit immateriellen Gütern. Ich bin darauf angewiesen, dass diese Texte entlohnt werden, wenn dafür kein Geld fließt, kann ich es gleich bleiben lassen und muss mir einen Job suchen als, öh, als Busfahrer. Dann gibt es hier auch kein Blog mehr mit kostenfreien Texten, weil ich keine Querfinanzierung machen kann, auf der einen Seite das feste Redakteursgehalt, auf der anderen Seite das Texthonorar für die freien Arbeiten, gemeinsam ergibt das ein Einkommen, das mir das Überleben ermöglicht, das Überleben und hin und wieder einen Blogtext. Entsprechend: Ich bin ein absoluter Gegner der „Umsonst-Mentalität“ im Internet (auch wenn ich die Terminologie doof finde).

Dieses Blog steht unter einer Creative Commons-Lizenz. Das heißt, wer mag, darf die hier geposteten Inhalte verwenden, unter Quellenangabe und unter gleichen Bedingungen. Was er nicht darf: Geld damit verdienen. In diesem Zusammenhang verstehe ich Sven Regeners viel diskutiertes Statement im Bayerischen Rundfunk zum Urheberrecht: Wenn sich jemand Musik auf Youtube anhört, dann ist das ja nicht kostenfrei, da fließt (in Form von Werbegeldern, die wir alle beim Kauf der beworbenen Produkte zurückzahlen) ja durchaus Geld. Nur nicht in die Taschen der Künstler, deren Musik (beziehungsweise Filme beziehungsweise Kunst beziehungsweise andere geistige Produktion) gerade läuft, sondern in die Taschen des Weltkonzerns Google. So etwas muss man nicht gut finden. Man muss aber auch nicht wie Regener das Prinzip der ultrakommerzialisiserten Musikindustrie von vor zwanzig Jahren als Gegenmodell preisen.

Im aktuellen Spiegel (leider nicht online, hier gibt es eine Zusammenfassung) steht ein Streitgespräch zwischen Jan Delay und dem Piratenpartei-Abgeordneten Christopher Lauer. Auch Delay glaubt von Herzen an den Kapitalismus in der Kunst:

Lauer: (…) Nach unserer Vorlage bleibt das Urheberrecht beim Urheber. Wir ändern lediglich die Spielregeln zwischen Urheber und Verwerter.

Delay: Nee, Digger. Ihr ändert bitte überhaupt keine Spielregeln. Was du da gerade erzählst, verhandelt ein Künstler mit seinem Label. Wenn er einen schlechten Anwalt hat, kriegt er einen schlechten Vertrag. Wenn er schlechte Musik macht, wird er abgezockt. Wenn er gute Musik macht, hat er bessere Chancen, weil man ihn unbedingt signen will. Das hat euch überhaupt nicht zu interessieren, welche Verträge ein Künstler unterschreibt.

(…)

SPIEGEL: (…) Der Gestus des Pop war immer eher kapitalismuskritisch. Da ist es schwierig zu sagen: Ich will, dass die Leute bezahlen.

Delay: Ich finde nicht, dass Pop per se antikapitalistisch ist. HipHop schon gar nicht.

Wenn man mal davon absieht, dass Lauer sich in dem Gespräch von Delay vollkommen an die Wand quatschen lässt, frage ich mich schon, wo dieser unverrückbare Glaube an das Gute im Kapitalismus kommt. „Wenn er schlechte Musik macht, wird er abgezockt. Wenn er gute Musik macht, hat er bessere Chancen, weil man ihn unbedingt signen will“, das würde ja bedeuten, dass die Plattenindustrie ein Interesse daran hätte, gute Musik zu veröffentlichen, eine Aussage, die jeder Blick in die monatlichen Neuveröffentlichungen Lügen straft. Und überhaupt, „Das hat euch überhaupt nicht zu interessieren, welche Verträge ein Künstler unterschreibt“, Delay hat immer noch nicht kapiert, dass er als Künstler beim Vetragsunterschreiben gegenüber der Industrie grundsätzlich in einer schwächeren Position ist, genauso übrigens wie jeder Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber. Es ist ein ziemlicher Fortschritt in der Organisation der Arbeitnehmerschaft, dass sich zum Beispiel Gewerkschaften sehr wohl dafür zu interessieren haben, was für Verträge unterschrieben werden.

Ich glaube nicht an ein Urheberrecht, das die Entlohnung des Künstlers (und, zum Beispiel, des Journalisten) nach Kriterien des Marktes und des Kapitalismus organisiert. Das Prinzip einer Kulturflatrate finde ich nicht ohne Reiz, womöglich noch eine Umdrehung radikaler: Was spricht dagegen, dass jeder Bürger (zum Beispiel über eine massive Steuererhöhung) Geld abgibt, die für Kunst, Entertainment, Journalismus … verwendet wird? Wobei die Erzeugnisse dann nach Belieben kostenfrei genutzt werden können, die Bezahlung ist ja schon über die Flatrate abgegolten. Das hätte natürlich einen bürokratischen Wasserkopf zur Folge, die Fragen, was wie mit welchem Betrag gefördert wird, muss ja irgendjemand entscheiden. Andererseits funktioniert das ja schon leidlich im Bereich der Kulturförderung, das deutsche Stadttheatersystem ist nicht zuletzt deswegen so leistungsfähig, weil es konsequent aus dem Marktgeschehen rausgenommen ist. Steuererhöhungen sind momentan als politische Forderung nicht besonders populär, schon klar, aber ich denke, dass es langsam an der Zeit wäre, dass die Floßbesatzung das Schnellboot übernimmt.

(Das Bild oben zeigt das Tempelhofer Feld im Winter. Mir war irgendwie so danach.)

22. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Alles richtig gemacht · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Was für ein Einstieg. Das Volk tobt, Gitarre und Sampler dröhnen, die Revolutionäre stolpern über die Drehbühne, ackern, prügeln, wärmen sich am offenen Feuer. Und im Hintergrund rotiert eine mehrere Meter hohe Bühnenskulptur, eine Mischung aus Klettergerüst, Todesstern und Firmenlogo (Bühne: Florian Lösche). Minutenlang geht das so, und als endlich die ersten Worte mehr gestammelt als gesprochen werden, hat man kapiert: Wenn Jette Steckel am Hamburger Thalia Büchners „Dantons Tod“ inszeniert, wird einem nichts geschenkt. Weder den Zuschauern noch den Darstellern – noch bevor das Stück richtig begonnen hat, schwirrt den einen schon der Kopf und sind die anderen schweißgebadet.

Die Regisseurin Jette Steckel lässt mich nicht kalt. Weil ich ihre Arbeiten immer perfekt finde, zeitgemäß, durchdacht. Aber leider auch ein wenig einserschülerinnenhaft. Am Thalia zeigt Steckel seit gestern Büchners „Dantons Tod“, und auch diese Inszenierung macht alles richtig, hinterlässt mich aber nicht ganz befriedigt. Auf nachtkritik.de steht, weswegen.

15. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Wo man nicht tot überm Zaun hängen möchte · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , , ,

Vorbemerkung: Nachdem ich gestern diesen Post geschrieben hatte, dachte ich, dass klar würde: Es geht hier nicht um eine Abwertung dessen, was landläufig als „Provinz“ bezeichnet wird, sondern vielmehr um eine Auseinandersetzung mit den Problemen, die konkret ich mit Provinz habe. Im Laufe des Abends dachte ich mir: Doch, das versteht man falsch! Man denkt, ich würde mich mokieren! Man denkt, ich würde mich für was Besseres halten! Dann schrieb Mark einen Text, in dem er beschreibt, wie glücklich er über seinen Umzug von Hamburg nach Berlin ist. Dann fragte mich K., wie es gewesen sei, „in der Provinz.“ Und als ich meinte, dass das keine Provinz war, weil ich doch eine tolle Theaterinszenierung gesehen hätte, antwortete sie, dass es doch eine Stadt nicht vom Provinzmakel befreien würde, wenn es dort tolles Theater gebe: „Braunschweig! Da gibt es doch nichts!“ Und da dachte ich mir: Vielleicht ist das Thema ja doch komplizierter als gedacht. Vielleicht ist es doch nicht falsch, den Artikel stehen zu lassen.

Die schöne, kluge Frau ärgert sich darüber, wenn ich über die Provinz herziehe, und natürlich hat sie damit recht. In Hamburg zu leben, ist keine Leistung, auf die man wahnsinnig stolz sein muss, im Gegenteil, 1,7 Millionen Menschen leben hier, und wenn man mal von den Problemen absieht, eine halbwegs bezahlbare Wohnung zu finden, wird einem dieses Leben nicht wirklich schwer gemacht. Beziehungsweise, ich denke, es würde einem schwerer gemacht, wenn man zum Beispiel in Cottbus leben müsste. Und schwul wäre. Und/oder dunkelhäutig. Und/oder linksradikal. Aber andererseits habe ich keine Ahnung, und wenn ich über Cottbus rede, dann ziehe ich eigentlich schon wieder über die Provinz her, erwischt!

Aber warum ziehe ich eigentlich über die Provinz her? Weil ich meinen eigenen, zutiefst provinziellen Charakter nicht losbekomme. Weil ich höllisch darunter leide, dass Hamburg selbst von Tag zu Tag provinzieller zu werden scheint. Weil erst C. nach Berlin zog und dann M., und gestern bekomme ich auch noch eine Mail von T., der Berlinhasserin T., die sich fragt, ob es nicht das Beste wäre, aufzugeben, die Koffer zu packen und loszuziehen, nach Berlin. Mein kleines, liebes Blog, mein Schreiben über „das Leben in der Stadt“ (wie ich es in meiner Kurzbio auf Nachtkritik formuliert habe), das ist doch nur ein Abarbeiten an der Provinz. Provinz, das ist nicht das Land (doch, das liebe ich), das ist auch nicht die Metropole (doch, die liebe ich auch), das sind die derzeit 65 Städte zwischen 100000 und 500000 Einwohnern, in denen die meisten Einwohner Deutschlands leben, prozentual mehr als in jedem anderen Land Europas. Halle, Bottrop, Salzgitter, Städte, die nie in den Nachrichten auftauchen, nie in den Feuilletons, Städte, in denen man nicht tot überm Zaun hängen möchte, was tun die Leute dort, um Himmels Willen? (Ich nehme einfach mal an: Sie leben. Sie arbeiten, besuchen Ausstellungen, gehen auf Konzerte, sie verlieben sich, bekommen Kinder, trennen sich. Häufig leben sie wahrscheinlich ganz glücklich, dort.)

Am Wochenende jedenfalls war ich Braunschweig. Ich kenne Braunschweig nur vom Durchfahren, der Blick vom Bahnhof: ein Alptraum in Brutalismus, aber Blicke von Bahnhöfen sind nicht besonders repräsentativ für eine Stadt, schon klar. Ansonsten ist Braunschweig Provinz für mich, 250000 Einwohner, geographisch wie metropolenmäßig zwischen Chemnitz und Gelsenkirchen. Allerdings mit riesigem Theater: 900 Plätze, das ist fast das Niveau des Hamburger Thalia, da fragt man sich schon, weswegen diese Bühne es überregional schwer hat. Zumal in der aktuellen Saison hier Leute wie Stephan Rottkamp inszenieren, Patrick Wengenroth oder Mareike Mikat – das sind ja alles keine Provinztrottel, das sind Leute, die ansonsten fest an der Schaubühne inszenieren, am Düsseldorfer Schauspielhaus und am Münchner Volkstheater, ich meine ja nur. Und auch die Premiere, die ich mir anschaue, Williams‘ „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ in der Inszenierung von Anna Bergmann hätte in dieser Form problemlos in Hamburg oder Berlin gezeigt werden können, wobei, vielleicht ist das schon wieder der doofe Metropolenblick, der einer Kulturinstitution gönnerhaft zugesteht, „berlinfähig“ zu sein. Vielleicht hätte man auch einfach sagen können: Diese „Katze auf dem heißen Blechdach“ war eine gute Inszenierung, Punkt. Eine gute Inszenierung, von der niemand erfährt, weil, Braunschweig, das ist doch Provinz, da fährt man nicht hin.

(Was tatsächlich überall in der Provinz rumsteht: Häuser von Friedensreich Hundertwasser, Architektur an dem Punkt, an dem die Avantgarde in Kitsch umschlägt. In Braunschweig gibt es kein Hundertwasser-Haus, dafür aber eines von James Rizzi. Sieht auch nicht besser aus.)

11. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Was mir die Brüste von Sophia Thomalla sagen · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , ,

Einer der Vorteile von öffentlichen Verkehrsmitteln ist, dass man manchmal auf verwaisten Sitzen Lesestoff findet: mal eine Mopo, mal einen Spiegel, in Bussen der PVG gibt es sogar einen florierenden (und alles andere als unsympathischen) Tauschhandel mit ausgelesenen Büchern. Im Bus der Linie 37 (jener Linie, über die Matthias zumindest früher regelmäßig bloggte) allerdings finde ich heute keinen interessanten Lesestoff, sondern nur das Tageszeitungszeitungssurrogat aus dem Hause Springer, das ich hier ungern verlinke, das ich auch nicht berühren, nein, das ich nicht einmal anschauen möchte.

Von der heutigen Ausgabe allerdings grinsen mich zwei Frauenbrüste an, und da werfe ich dann doch noch einen Blick auf den Nebensitz (so weit, dass ich das Druckerzeugnis anfassen würde, geht mein Interesse aber doch nicht). Diese Brüste gehören anscheinend einer Sophia Thomalla, die ich nicht kenne, die aber, wie ich nach kurzer Recherche rausfinde, die Tochter der Schauspielerinnendarstellerin Simone Thomalla ist, und die ist ein Grund, wenn auch nicht der einzige, weswegen ich mich weigere, den „Tatort“ aus Leipzig zu schauen. Soweit, so uninteressant, ich wende den Blick ab und freue mich auch ein bisschen, als ein bulliger Typ an der Station Reeperbahn zusteigt und die Zeitung voller Verachtung auf den Boden pfeffert.

Nun ist es aber so, dass ich (von Berufs wegen, klar) verhältnismäßig häufig Fotos von nackten Körpern anschaue. Und im Vergleich ist zumindest das Foto der Thomallatochter recht bemerkenswert: weil überhaupt nicht klar ist, was die Fotografin (Irene Schaur, die eine ganze Strecke mit Thomalla für den Playboy fotografiert hat, den Playboy, der, nebenbei erwähnt, auch schonmal prominentere Models hatte als die Töchter von B-Promis) mit diesem Bild eigentlich will. Erst einmal geht es auf dem Bild nicht um Sex. Frau Thomalla ist zwar nackt, die Art, wie sie da sitzt (mit übereinander geschlagenen Beinen, anmutig, aber nicht paarungswillig, lüstern oder obszön) wirkt weniger lasziv als vielmehr verkrampft. Ich meine: die Armhaltung! Thomalla schaut dem Betrachter direkt in die Augen, das hat etwas Aufforderndes, aber auch nicht im sexuellen Sinne, eher so, dass man denkt, sie höre einem in einer angeregten Diskussion zu, man redet sich gerade um Kopf und Kragen, und sie weiß schon, dass sie gleich ein Bonmot bringen wird, das die eigene Argumentation wie ein Kartenhaus zusammenfallen lässt. Was aber nicht schlimm ist, wir sind hier zwar nicht einer Meinung, aber alles in allem geht es um einen gleichberechtigten Austausch von Argumenten, und sie hat einfach die besseren. Angeblich gab es vor einigen Jahren mal den Versuch, Nacktinterviews zu führen – vielleicht ist das Bild ja gar kein künstlerisches Aktfoto, vielleicht haben die Springer-Kollegen ja ein Nacktinterview geführt, und das ist einfach die Bebilderung, ein Foto von der Interviewsituation. (Blöde Idee, okay.)

Aber, gut, das Foto hat nichts mit Sex zu tun, und eigentlich muss es das auch gar nicht – es gibt ja noch andere Situationen, in denen man nackt ist. Unter der Dusche, im Bett, in der Sauna. Auf einem Thron, flankiert von zwei wolfsähnlichen Hunden. Äh, nein, das nun doch nicht. Nichts an diesem Bild passt, nicht die Nacktheit, nicht das eigenartige Ambiente (so ziemlich der gesamte Boulevardjournalismus weiß, dass es sich um das österreichische Schloss Moosham handelt), nicht das Setting. Das Foto ist weder sexy, noch ist es dokumentierend, noch ist es verschwiemelt, es ist eigentlich fast gar nichts. Das einzige, was man dem Foto zu Gute halten kann: Womöglich hat es tatsächlich einen eigenen Wert. Eine unmotivierte Nackte in einer unwirklichen Umgebung, flankiert von eigenartigen Hunden – das kann nur ein Traum sein. Und Irene Schaur wäre dann diejenige, die ein Bild für diesen Traum gefunden hätte, Irene Schaur wäre also eine Surrealistin. Die Renaissance des Surrealismus im Jahr 2012, auf einem Aktfoto in einem Erotikmagazin, das auch schon bessere Tage gesehen hat.

(Ich unterstütze Initiativen wie „Alle gegen Bild“. Und regelmäßiger Bildblog-Leser bin ich auch.)

Der Makler ist traurig. Weil nämlich die Hamburger wunderschöne Wohnungen leerstehen lassen würden, undankbar seien sie, weil sie seine Angebote verschmähen. Steht so zumindest im Hamburger Abendblatt, dem Zentralorgan der Immobilienbesitzer, dem Angstschürer vor Hausbesetzern und Mietnomaden. „Es gibt in Hamburg eine Reihe von Stadtteilen, in denen trotz guter Lage und eines guten Zustands eine Wohnung nicht ohne Weiteres vermietet werden kann“, wird Jens-Uwe Meier, Geschäftsführer der Richard E. Meier GmbH, in einem langen Artikel von Oliver Schirg zitiert: „Schöner wohnen in Billstedt. In weniger schicken Stadtteilen sind die Mieten noch bezahlbar – doch viele Interessenten gehen bei der Lage keine Kompromisse ein“. Der arme Makler.

Wohnen in Hamburg ist teuer. Und, klar, wenn ich wenig Geld habe, kann ich mir nichts allzu Teures leisten. Wenn ich wenig Geld habe, leiste ich mir keinen Urlaub auf den Malediven, sondern fahre in den Harz. Wenn ich wenig Geld habe, leiste ich mir keinen Maßanzug, sondern kaufe von der Stange. Wenn ich wenig Geld habe, ernähre ich mich nicht vom Biomarkt, sondern kaufe Eier aus Käfighaltung im Discounter … Äh? Stopp! Mache ich das wirklich? Ist es vertretbar, dass man Leuten mit wenig Geld ins Gesicht sagt: Dann ernährt euch halt von Müll?

Das ist das Gemeine an Schirgs Artikel, das ist das Gemeine an der Maklerargumentation: dass etwas essentiell Lebensnotwendiges wie Wohnen zum Luxus umgedeutet wird, auf den man im Zweifel auch verzichten kann. Aber ist es wirklich ein Luxus, wenn man sich aussucht, wo man wohnt? Wenn man sagt: Tut mir leid, ich will aber nicht in Billstedt wohnen? (Nichts gegen Billstedt, übrigens.) Wenn man womöglich noch einen Schritt weiter denkt? Wilhelmsburg, die übel beleumundete Elbinsel mit Coolnesspotenzial etwa, wäre für mich als Wohnort durchaus eine Option gewesen. Für mich, der ich halbwegs okay verdiene, halbwegs gut ausgebildet bin. Nur sind die halbwegs okay Verdienenden, die gerade nach Wilhelmsburg ziehen, die Vorhut der Gentrifizierung, das sollte man mitdenken, wenn man den Leuten vorwirft, nicht nach Wilhelmsburg ziehen zu wollen. Nichts davon steht in Schirgs Artikel, im Gegenteil:

Der Vorsitzende des Grundeigentümerverbandes in Hamburg, Heinrich Stüven, macht den geringen Bekanntheitsgrad vieler Stadtteile dafür (dass alle nur in den angeblich angesagten Vierteln wohnen wollen, F.S.) verantwortlich und rät Wohnungssuchenden, sich auch „derzeit nicht so angesagte Stadtviertel“ genau anzuschauen. Bestes Beispiel sei Wilhelmsburg. „Mit ihren vielen Kanälen und Wasserflächen ist die Elbinsel ein attraktiver Standort zum Leben.“

Es ärgert mich. Weil solche Artikel nichts anderes sind als Vorwürfe an mich: „Du bist zu anspruchsvoll!“ „Wer bist du denn, dass du dir einbildest, Wünsche formulieren zu dürfen?“ „Was für ein bürgerliches Würstchen, ist sich zu fein, nach Wilhelmsburg zu ziehen!“ Vorwürfe von Leuten, die in ihrem Leben noch nie in Wilhelmsburg waren. Weil das natürlich vollkommen unter ihrer Würde ist.

Schirg zitiert Patrick Joerend, Geschäftsführer der Privatgrund Haus- und Grundbetreuung GmbH: „Wenn Haltestellen von Bus oder Bahn zu weit entfernt liegen oder es in erreichbarer Nähe keinen Supermarkt gibt, dann wird es schwierig.“ Ja, was fällt den Leuten denn ein, wollen auch noch eine Bushaltestelle in erreichbarer Nähe! Sollen sie doch Auto fahren, als ob einem das nicht zuzumuten wäre! (Dass die ach so günstige Wohnung nahe der Fischbeker Heide plötzlich gar nicht mehr so günstig ist, wenn man die Unterhaltskosten für ein Auto zur Miete dazurechnet, für ein Auto, das man in der Innenstadt nicht braucht, sagt Joerend natürlich nicht. Und Schirg kommt auch nicht auf die Idee, da nachzufragen.)

Kann man schon verstehen, die Makler. Dass sie da traurig werden, bei solch undankbaren Mietern. Traurig und über kurz oder lang auch aggressiv.

 

01. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Die traurige Ballade von Ziska und Pit Zuckowski · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , , , , , ,

Kein Tatortteam hat es geschafft, sein Image so nachhaltig zu versauen, wie die Berliner. Jahrelang war man an der Spree besoffen von der eigenen Metropolenhaftigkeit, ließ die (ungeschickt als Buddie-Team konzipierten) Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) zwischen Bundespolitik und Hochfinanz ermitteln, inszenierte Berlin als Stadt, die New York sein wollte und sich nach Frankfurt streckte – und ignorierte dabei, dass der Reiz Berlins weniger in den Glasfassaden des Potsdamer Platzes lag als vielmehr in den verrottenden Altbauten Kreuzbergs, in der am Boden liegenden Ökonomie, der Migrationsgesellschaft, vielleicht auch der Party- und der Kunstszene. Mit anderen Worten: Das Berlin, das sich der RBB da erträumte, war ein Wunschbild der Neunzigerjahre, während das Stadtmarketing mit Wowereits „Arm aber sexy“ schon ein paar Schritte weiter war. Da half es auch nichts, dass das Berliner Team zuletzt mit Folgen wie der zu Recht hochgelobten Hinterhoffolge „Hitchcock und Frau Wernicke“ den Blick in die sträflich vernachlässigten Viertel öffnete, konkret nach Neukölln: Eine Ausnahme war das, ungeachtet der Tatsache, dass den Inszenierungen, vor allem aber dem Spiel Raackes nach und nach immer stärker eine wohltuende Altersmelancholie eingeschrieben war, wissend um die Tatsache, dass die eigene Attraktivität so sehr schwindet wie die westberliner Heimeligkeit. Wir ignorierten, dass die Folgen immer mehr die Lebenslüge thematisierten, dass man in einer echten Weltmetropole sein Kommissarsdasein fristen würde – Berlin, das würden immer die Möchtegerncoolen bleiben.

Der „Tatort: Alles hat seinen Preis“ geht diesen Weg weiter. Auch der jüngste Berliner Krimi spielt in einem ungenannten aber westberlintypischen Kiez, Kreuzberg wohl nicht, vielleicht Moabit: Die Gewerbehöfe sind runtergeritten, die Altbauten schön siffig, aber im Vorderhaus versucht sich ein Feinkostladen. Der allerdings so wenig eine Zukunft hat wie der kleine Taxibetrieb, dessen Chef zu Beginn in seinem Blut gefunden wird: Die fies kapitalistische Bank (da haben wir wieder die Glasfassaden, die uns der RBB jahrelang als typisch Berlin verkaufen wollte. Diesmal passen sie aber, weil, es gibt sie ja mittlerweile wirklich, diese Banken!) gibt nämlich einem Shoppingmallprojekt auf der anderen Straßenseite einen Kredit, und nicht dem lieben Serranoschinkengeschwisterpaar Ziska (Alwara Höfels) und Pit Zuckowski (Christian Blümel). Dieses Millieu ist klug beobachtet, und außerdem bekommt die traurige Geschwisterballade von Ziska und Pit noch einen sanft homoerotischen Unterton, das gefällt. Wobei die Milleuzeichnung eigentlich das einzige ist, was wirklich gefällt an diesem Tatort von Florian Kern (Regie) und Michael Gantenberg sowie Hartmut Block (Buch).

Das muss man leider sagen: „Alles hat seinen Preis“ ist kein guter Film. Dass der Film als Krimi ein bieder runtergedrehter Whudunit ist, dessen Auflösung (ein klassisches Familien-Langzeitgeliebte-Eifersuchtsdrama) kaum hinterm Ofen vorlockt – geschenkt, ich schaue „Tatort“ als letztes wegen des nervenzerrenden Thrilleransatzes. Aber dass die Kapitalismuskritik so billig daher kommt wie hier, in einer Zeit, in der Kritik an Bankgebahren, Gentrifizierung und Kapitalkonzentration nicht nur in Berlin auf der Straße liegt, das ärgert dann doch. Dass die Figuren zum Gotterbarmen chargieren, müsste nicht sein: Wenn ein eigentlich schön ironischer Darsteller wie Oktay Özdemir trotz einiger guter Sätze nur den Klischee-Aggro-Türken geben darf, wenn die eigentlich als Episodenstar eingekaufte Nicolette Krebitz immer nur somnambul ins Weite starren darf, dann fragt man sich schon, wo hier eigentlich die Schauspielerführung geblieben ist. Und wenn dem Drehbuch zum Themenkomplex Taxifahren-Großstadt kein anderer Running Gag einfällt als zwei Kommissare, die sich Wettrennen Fahrrad-Dienstwagen durch die baustellengeplagte Hauptstadt liefern, dann … ach, dann weiß ich auch nicht.

Aber vielleicht muss ich schon dankbar sein, dass man bei Berliner Krimis mittlerweile mitbekommt, dass sie auch wirklich in Berlin spielen. Andererseits: muss ich?

„Mit erfrischend leichter Hand und viel Sinn für Ästhetik“: Frank Rauscher auf tatort-fundus.de. „Fatalistisch dahermackernd“: Matthias Dell im Freitag. „Arg bedächtiges Requiem“: Christian Buß auf SpOn. „Der Berliner Tatort verschläft die Gegenwart“: der Wahlberliner. „Mit jeder Minute langweiliger“: der Stadtneurotiker. „Aufdringlich sozialkritisch“: Eco.