29. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (Mai 2012) · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte · Tags: , , , , , , , , , ,

Auf Happy Schnitzel erschien vergangene Woche ein hübscher Beitrag über Google-Anfragen, die irrtümlich auf Sue Reindkes (übrigens ohnehin empfehlenswertem und entsprechend neu in der Blogroll aufgenommenem) Blog aufschlugen. Und Reindkes Argumentation ist so stimmig, die zitiere ich einfach mal:

Manchmal erheiternd, manchmal verwirrend, manchmal rührend: die unerfolgreichen Google-Suchanfragen, mit denen mein Blog völlig aus dem Zusammenhang gerissen gefunden wird. Das stelle ich mir total enttäuschend vor, da klickt jemand diese Seite in den Suchergebnissen an und findet hier keine passende Antwort. Das soll nicht so bleiben, deswegen habe ich mich entschieden, die wichtigsten Suchanfragen manuell zu beantworten.

Genau das mache ich jetzt auch, wobei ich mir das redaktionelle Recht rausnehme, die beantworteten Anfragen auszuwählen. Manche sind ja einfach langweilig, wer nach „falk schreiber“ sucht, der möchte eben wissen, was dieser oder jener Falk Schreiber so macht, das ist nicht besonders spannend. Nach „falk schreiber nackt“ hat bislang übrigens noch niemand gesucht, da bin ich ein wenig beleidigt, aber gut.

1. „bka trojaner“, wahlweise auch „bka-trojaner“, mit Abstand die häufigste Suchanfrage im Mai. Ja, so einen Computerschädling hatte ich mir eingefangen und vor zwei Monaten auch einen kleinen Post drüber geschrieben, in dem ich allerdings weniger über den Trojaner selbst sprach als über die psychischen Mechanismen, die er im Opfer auslöst. Die interessieren einen Menschen, der mit hochrotem Kopf vor Google sitzt und besagte Anfrage eintippt, wahrscheinlich nicht wirklich, der sucht ja nach Antworten, wie er das fiese Tierchen wieder losbekommt, und da half mein Post überhaupt nicht. Ich machte das so: Ich brachte meinen Computer zum Fachmann, der zuckte kurz mit der Augebraue, tat hier und tat dort und knöpfte mir am Ende einen erklecklichen Betrag ab. Für Fortgeschrittene mag die Website botfrei.de hilfreich sein, wichtig ist aber: auf keinen Fall den geforderte Strafe für’s Pornogucken bezahlen!

2. „anna bederke“, auch „anna bederke barfuß“, „anna bederke tatort“, „anna bederke busen“ oder „anna bederke hamburg“. Anna Bederke ist Künstlerin und Schauspielerin, die von der Agentur Spielkind vertreten wird. Ich finde Bederke reizend, weswegen ich vollstes Verständnis für die wahrscheinlich fetischgeleitete Anfrage nach der guten Frau barfuß bzw. busig habe, nur helfen kann ich nicht wirklich – sie hatte eine kurze wiederkehrende Rolle im „Tatort“, und ich habe über diesen Fernsehkrimi geschrieben, das ist alles. Vielleicht hilft ja der Artikel, den meine geschätzte Kollegin Juliane Rusche einst im uMag geschrieben hat, weiter?

3. „freundin oskar lafontaine“. Heißt Sarah Wagenknecht, ist Spitzenpolitikerin bei der Linken, genauer gesagt der Kommunistischen Plattform und mit ein Grund, weswegen ich diese Partei nicht mehr guten Gewissens wählen kann. (Am Ende wähle ich sie dann doch, von wegen kleineres Übel.) Freut mich, wenn ich zumindest hier helfen konnte.

4. „fetisch- anderen beim hintern versohlen zu sehen“. Eine der vielen Anfragen aus dem Bereich Fleischeslust. In diesem Fall so speziell, dass ich mich frage, auf welchem Artikel dieser Connaisseur eigentlich gelandet sein dürfte. (Und dann gleich zweimal! In dieser etwas speziellen Rechtschreibung!) Wie dem auch sei, auf der Bandschublade ist jeder Fetisch willkommen, ob ich hierzu allerdings wirklich kompetent etwas sagen kann, bezweifle ich.

5. „schrecklich sachen im leben“. Um die geht es hier ja eigentlich ständig.

6. „lauer jan delay spiegel“, auch sehr explizit „streitgespräch zwischen jan delay und christopher lauer von den piraten im ’spiegel'“, was eigentlich schon klar sagt, was da gesucht wird: dieser Artikel, auf den ich hier Bezug nehme. Aber, Kinners, kauft euch doch den gedruckten Spiegel, die Kollegen wollen doch auch von was leben!

7. „nächste müllabfuhr in hh wilhelmsburg“. Bei so etwas helfe ich gern. Morgen, das heißt jeden Mittwoch, wird beispielsweise am Reiherstiegdeich der Restmüll abgeholt, war das gemeint? Weiterführende Infos gibt’s hier. Sperrmüll allerdings wird in Hamburg überhaupt nicht abgeholt, beziehungsweise nur gegen Bares, oder man bringt ihn selbst zum Recyclinghof. Finde ich auch doof.

Ich fand „Moonrise Kingdom“ ganz bezaubernd. Was nicht verwundert, als mittelalter Großstädter mit Sympathie für Hipstercodes, Begeisterung für alles übrige plattwalzende Ironie und Tendenz zur sentimentalen Retroästhetik bin ich sowas von Zielgruppe des Films von Wes Anderson, es wäre überraschend, wenn ich den Film nicht gemocht hätte. Eigentlich muss ich gar nichts mehr sagen über „Moonrise Kingdom“, zumal die geschätzte Katharina im aktuellen uMag auch eine kluge Annäherung an Regisseur und Werk geschrieben hat, der ich wenig hinzuzufügen habe, zumal Harald Mühlbeyer in der Filmgazette alles geschrieben hat, was über diesen Film zu schreiben ist. Ein guter Film, der mich mit einem Kloß im Hals in die Nacht entließ. Und dieser Kloß, über den möchte ich vielleicht doch noch ein wenig sagen.

Denn „Moonrise Kingdom“ spielt in einem Setting, das mir nicht so fremd ist wie die Glamour-TV-Wissenschaftswelt von „Die Tiefseetaucher“, das mir nicht so fremd ist wie das staubige Märchenindien von „Darjeeling Limited“. „Moonrise Kingdom“ spielt in einem Pfadfinderlager, und wer ein wenig mit diesem kleinen Blog vertraut ist, der weiß, dass meine Teenagerzeit als Pfadfinder immer wieder durchschlägt in mein heutiges Dasein, dass diese Zeit durchaus traumabelastet ist. Die Pfadfinder in „Moonrise Kingdom“ jedenfalls werden nicht grundschlecht gezeichnet, Jugendliche eben, und Jugendliche können fies sein, wobei gerade die hier sich nach einer gewissen Fiesheitsphase als sympathisch und hilfsbereit erweisen. Während die Pfadfinderleiter ebenfalls weniger bedrohlich sind als vielmehr hilflos: der eine ein trotteliger Schlaks (Edward Norton), bei dem man sich nicht vorstellen mag, wie die Klientel seines Brotjobs Mathelehrer mit ihm umspringt, der andere ein greiser Kriegsveteran (Harvey Keitel), den bei aller militärischen Autoritätspose hauptsächlich beschäftigt, dass er seine Medikamente rechtzeitig einnimmt. Bedrohlich wirken diese Figuren nicht, und wahrscheinlich war meine Pfadfindergruppe tatsächlich ein Sonderfall, ein Sonderfall mit charakterlich unzureichenden Führungspersönlichkeiten.

Und natürlich gibt es noch weitere Unterschiede. „Moonrise Kingdom“ spielt in den 1960ern in Neuengland, meine Pfadfindererfahrungen fanden hingegen in den 80ern in Süddeutschland statt. Formal ging es bei mir durchaus liberaler zu, es gab kein Strammstehen, kein „Yes, Sir!“-Gebrülle, kein Salutieren. Dafür aber diese hässlichen Hüte, Hemden und Halstücher, die bei uns antimilitaristisch harmlos „Kluft“ genannt wurden, in Wahrheit aber doch die Uniformen waren, als die sie in „Moonrise Kingdom“ unverblümt bezeichnet werden. Überhaupt spielt „Moonrise Kingdom“ den Charakter des Pfadfindertums aus, der bei uns jugendfreizeithaft verbrämt wurde: Pfadfinder, das sind hier wie dort Soldaten, Kindersoldaten. Okay, es sind harmlose Soldaten, vor denen sich eigentlich niemand zu fürchten braucht, spielende Kinder ohne funktionsfähige Waffen, angeleitet von traurigen, gutwilligen Losern, aber es sind dennoch: Soldaten. Die zwar nichts Böses tun, die allerdings dennoch die soldatischen Tugenden verinnerlicht haben: Fleiß. Gehorsam. Disziplin. Eine ekelerregende Welt.

Und der Kloß, den ich nach diesem wunderbaren Film im Hals spürte, der sagt mir: Du magst diese Welt verlassen haben, nach über 20 Jahren. Ganz hinter dir lassen wirst du sie allerdings nie können.

20. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für Nur Verlierer · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , ,

Angesichts dessen, wie begeistert ich allwöchentlich „Tatort“-Rezensionen poste, mag dieses Bekenntnis überraschen, aber: Eigentlich ist mir die „Polizeiruf 110“-Reihe der liebere Wochenendausklang. Die formalen Grenzgänge aus München, die harten Rostocker Krimis, die kaputte Menschen in einer kaputten Welt zeigen, die Filme aus einem Brandenburg, das hier als einziger, undefinierter Dorfraum gezeichnet wird – toll. Wobei meine Liebe zum „Polizeiruf“ natürlich eine Liebe ohne Zukunft ist: „Polizeiruf 110“ ist anscheinend in der Fernsehkrimi-Hierarchie recht weit unten angesiedelt, weswegen kaum ein ARD-Sender sich den noch leistet. Der Hessische Rundfunk ist längst ausgestiegen, obwohl ich dessen erotische Rotweinträume aus Bad Homburg ganz originell fand, dito der WDR, der seine hochironischen Provinzkrimis durch seinen schwer klamaukigen Provinz-„Tatort“ aus Münster ersetzte, dunkel erinnere ich mich, dass es einst sogar einen „Polizeiruf“ aus Österreich gab, vorbei. Keine Ahnung, wie lange der Bayerische Rundfunk seine großartigen Münchner Krimis noch unter dem Label „Polizeiruf 110“ vermarktet, angeblich gibt es ja auch dort Absatzbewegungen.

Kein Grund, den „Polizeiruf“ gut zu finden, sind in der Regel die Krimis aus Halle, verantwortet vom MDR, der bekanntermaßen auch die doofsten Beiträge zur „Tatort“-Reihe beisteuert. Die Krimis aus der Saalestadt sind, das muss man leider sagen, betuliche, konstruierte Whodunits, meist erbarmungswürdig gespielt, gedreht in einer Filmsprache, mit der ein Regisseur sich schon vor 20 Jahren bei „Derrick“ blamiert hätte. Der „Polizeiruf 110: Bullenklatschen“ allerdings geht einen Schritt weiter: Thorsten Schmidt (Regie) und Matthias Herbert beweisen, dass ästhetische Altbackigkeit Hand in Hand geht mit einer stockreaktionären Handlung.

Als hätte die Diskussion um Gentrifizierung und Stadtumwandlung nicht während der vergangenen Jahre ins Bewusstsein gebracht, dass Widerstand gegen die Kommerzialisierung des Stadtraums kein genuin linkes Anliegen, sondern auch weit in linksbürgerliche Kreise anschlussfähig ist, wird hier ein Polizist auf einem gentrifizierungskritischen Hoffest erschossen, und die anwesenden Verdächtigen sind durch die Bank Klischeeautonome, biersaufende, irotragende Doofnasen, die geil aufs „Bullenklatschen“ sind und ansonsten stumpf halbverdaute Kapitalismuskritik absondern. Die der gute Polizist natürlich problemlos kontert: „Du bist gar nicht alt genug, um zu wissen, was ein Unrechtsstaat ist!“, blafft Kommissar Schneider (Wolfgang Winkler) den Hauptverdächtigen (Sergej Moya) an, klar, der Demokratiefeind steht links, was vielleicht aus der Ost-Biografie des Kommissars verständlich ist, geäußert in der Nazihochburg Sachsen-Anhalt aber doch ein wenig übel aufstößt. (Außerdem, lieber MDR, Glückwunsch zur Chuzpe, solch einen Satz zu bringen, drei Tage, nachdem der Rechtsstaat in Frankfurt beim Auflösen der Blockupy-Proteste sein wahres Gesicht zeigte.) Doch, dieser Krimi ist zum Kotzen.

Am Ende war der Mörder natürlich keiner der Ultraautonomen, so leicht macht es sich dieser Krimi (dessen Drehbuchaufbau, das ist dann gleich nochmal eine Ecke perfider, das sonstige Halle-Niveau im Grunde übersteigt), dann doch nicht. Am Ende ist der Mörder ein armes Schwein, das eigentlich nur helfen wollte. „Warum?“ fragt dessen Freundin unter Tränen, und man möchte eine Antwort finden, bloß, die einzige Antwort, die man findet, ist: „Hättet ihr euch eben nicht unter Autonomen rumgetrieben!“ Man möchte ins Kissen beißen.

„Alles Verlierer!“ rekapituliert Kommissar Schmücke (Jaecki Schwarz) die Protagonisten dieses finsteren Machwerks. Immerhin: Der MDR plant, Schwarz und Winkler demnächst in den Ruhestand zu schicken und die Hallenser Polizeiruf-Dependance zu schließen. Vielleicht gibt es Hoffnung.

(Olle Ost-Cops: Christian Buß auf SpOn. Hölle an der Saale: Matthias Dell im Freitag.)

Isabel spricht über Geld. Und ich finde gut, dass sie das macht, weil ich glaube, dass dieses „Über Geld spricht man nicht“ zur Entsolidarisierung beiträgt: Wer nicht über Geld spricht, der baut einen Popanz auf, eine Wertigkeit, nach der Geld mehr ist als eine Entlohnung für geleistete Arbeit. Ist es aber nicht. Wir sollten alle mehr über Geld sprechen. Und dann festestellen, dass vieles, was hier abläuft, himmelschreiend ungerecht ist.

Aufklärungsbedarf? Naja. Isabel schreibt, dass ein befreundeter Autor dem Missverständnis entgegen treten wolle, dass er ausgesorgt habe, weil, er habe doch schon vier Bücher veröffentlicht. Solchen Missverständnissen begegne ich praktisch nie, eher Missverständnissen der Art, dass die Leute nicht glauben, dass man davon leben kann, also, vom Kulturjournalismus. Da muss ich aber kein Gegenteil beweisen: Doch, ist so, man kann davon leben, nicht fürstlich, aber man kann. Dann glauben sie es auch.

1. Redakteure werden nach Tarif (pdf-Link) bezahlt. Also, sollten sie. Nach Tarif würde bedeuten, dass ich um die 3900 Euro brutto im Monat verdienen würde, aber immer mehr Medienhäuser fliehen aus der Tarifbindung. Ob ich Tarif bekomme oder unter Tarif, darf ich laut Arbeitsvertrag nicht sagen, obwohl es Urteile gibt, nach denen entsprechende Klauseln im Vertrag nichtig seien, egal, ich sage es nicht. Wer mehr wissen möchte, darf gerne mal ein Bier mit mir trinken gehen, okay?

2. Freie Journalisten verdienen mal so, mal so. Manchmal werden sie pauschal pro Artikel bezahlt, mal nach Arbeitsaufwand, mal gibt es Zeilengeld. Es gibt Honorarempfehlungen (pdf-Link), aber erstens werden die nur selten eingehalten, zweitens sind die sehr, sehr ungenau gehalten: Die Empfehlung für ein Stundenhonorar bei einer Publikumszeitschrift liegt bei 50 bis 75 Euro, na danke, das ist ein Unterschied von 50 Prozent, wobei da noch nicht geklärt ist, ob Recherchezeiten eigentlich mit zum Stundelohn zählen oder tatsächlich nur die Zeit, die man einen Text konkret schreibt. Also: Das Honorar ist mehr oder weniger frei aushandelbar, und frei ausgehandelt wird es auch, in der Regel mit dem zuständigen Redakteur, dem, siehe oben, ebenfalls der Etatdruck im Nacken sitzt. Dazu kommt gerade gegenüber Freien eine teilweise üble Zahlungsmoral, Aussagen wie „Wir zahlen ein halbes Jahr nach Erscheinen des Textes“ habe ich auch schon gehört. Da ist die Frage: Lässt man sich drauf ein oder nicht? Ich lasse mich drauf ein, weil ich das entsprechende Medium schätze und untersützenswert finde. Und weil ich nicht wirklich darauf angewiesen bin, dass das Honorar stante pede da ist, ich habe ja noch das Redakteursgehalt. Dass ich damit den freien Kollegen in den Rücken falle, den Kollegen, die sehr wohl auf pünktliche Zahlung angewiesen sind, ist mir bewusst. Macht mich nicht glücklich, echt nicht.

Mein monatliches Einkommen setzt sich zusammen aus dem Redakteursgehalt (dem mit Abstand größten Batzen), Honoraren von nachtkritik.de, junger Welt und Theater heute sowie ganz selten noch mal einem Goodie, einem Buchbeitrag, einem Moderationshonorar, solchen Sachen. Am Ende steht da ein Betrag, der mal höher, mal weniger hoch ausfällt (die Theater machen jetzt Sommerpause, also werde ich in den kommenden Monaten auch keine Artikel über Theater an den Mann bringen), der aber alles in allem schon ganz okay ist. Ab gehen Lohnnebenkosten, ab gehen Internet, Telefon und Handy, ab geht eine private Altersvorsorge, die laut Wirtschaftsseite des Hamburger Abenblatts ein Fass ohne Boden ist, dümmste Entscheidung ever. Und Steuern natürlich, ich bin Steuerklasse V, da geht eine ganze Menge ab.

Reich bin ich nicht, gerade in einer teuren Stadt wie Hamburg nicht. Andererseits: kein Auto. Keine großen Ansprüche, keine Luxuslaster. Keine allzu teure Wohnung. Ausreichend Selbstbewusstsein, die Begleitung eine Rechnung übernehmen zu lassen, weil ich weiß, dass die Begleitung mehr verdient. Doch, da bleibt noch was übrig. Eine Vorratsschrank mit Ökoprodukten etwa, oder ein spontanes Wochenende auf dem Darß. Wofür es nicht reichen würde: Wenn ich plötzlich krank werden würde und nicht mehr arbeiten könnte. Alt werden sollte ich auch nicht, das mit der Vorsorge habe ich ziemlich falsch angepackt.

(Und ich weiß, dass es mir viel, viel besser geht als vielen anderen in meinem Gewerbe.)

Vorbemerkung: Ständig beschreibe ich in diesem kleinen, netten Blog Kulturereignisse: Premieren, Vernissagen, Konzerte, TV-Serien. Ständig finde ich alles toll, so toll, dass mich journalistisch schon niemand mehr ernst nimmt: Falk, das ist doch ein Hochschreiber, ein Claqueur. Es tut mir ja leid, aber: Die Ausstellungseröffnung, den „Tatort“, das finde ich ja wirklich meistens gut. Aber, tatsächlich, es wird Zeit für eine neue, kleine Reihe, hier auf der Bandschublade. Alltagsbeobachtungen von all dem, was ich nicht gut finde. Ein Spaziergang über den Kiez, und dort sehe ich etwas, das beleidigt mich, ästhetisch, moralisch, von Herzen. Und ich kotze auf offener Straße. KAOS.

Jeden Tag laufe ich mehrfach an diesem Plakat vorbei. Einem ganz, ganz schlecht gemachten Plakat, das für die Nordzucker-Kampagne „Sweet Family“ wirbt, deren Website zumindest von der Hamburger Agentur Xenion Isobar verantwortet wird. Bloß dass man das auf dem Plakat nur nebenbei erfährt, das beworbene Produkt (eben: kein Zucker, sondern die Kampagne Sweet Family) ist nur an der Seite zu sehen. Stattdessen lesen wir einen vollkommen verunglückten Claim, „Genießen auf gut norddeutsch“, ich meine, was genießen wir denn? Zucker! Ein Produkt, bei dem mir der Konkurrenzdruck, der solch einen penetranten Werbeoverkill notwendig macht, nicht sofort ins Auge springt, vor allem aber: Ich wüsste jetzt nicht, dass der Norddeutsche seinen Zucker so wahnsinnig anders genießt wie der Süddeutsche, der Sachse, der Österreicher oder der Portugiese. Egal, irgendwie werden die Xenion-Isobar-Strategen den Nordzucker-Managern verkauft haben, dass zuckriges Genießen am Holztisch eine typisch norddeutsche Freizeitbeschäftigung ist. Es ist egal, weil, wie gesagt, das ganze Plakat nicht funktioniert, da muss der Claim auch keinen Sinn mehr machen. Dieses Plakat ist so schlecht, man könnte es als Beispiel für „Wie Werber es besser nicht machen sollten“ nehmen, allein: Man würde dabei übersehen, wie perfide diese „Sweet Family“-Geschichte eigentlich ist. Gerade weil hier einem kein Zucker verkauft werden soll, sondern ein Lebensgefühl, lohnt es sich, einmal nachzuspüren, was das eigentlich für ein Lebensgefühl ist.

Die Sweet Family jedenfalls ist, das kann man gleich sagen, eine ziemlich homogene Family. Migrantisch sieht schonmal niemand aus an dieser norddeutschen Kaffeetafel. Neue Familienmodelle? Gendertrouble? Irgendeine Störung? Nichts. Was wir hier sehen, ist die heteronormative Hölle, die urnorddeutsche Kleinfamilie mit (durchaus maskulinem) Mann und (keinesfalls übertrieben femininer, eher „natürlicher“) Frau und Kinderdoppel und lustigem Hund, Golden Retriever, klar. Da gibt es überhaupt nichts gegen einzuwenden, aber eigentlich waren wir bei der Überlegung, was Familie sein könnte, auch schon mal weiter als hier, auf der Sommerwiese zwischen Deich und Geest. Was aber sind das für Figuren? Sie herb und schön, er männlich und schön, locker auch, das Haar ein wenig zu lang als dass er noch als Langweiler durchginge, den Bart seit ein paar Tagen nicht gestutzt: Da nimmt sich jemand Zeit für sich, ist draußen aus dem Rattenrennen. In dem er ansonsten aber auch gut beschäftigt sein dürfte: Ich meine, diese Modelnasen sind höchstens Anfang dreißig, und haben schon zwei Kinder in die Welt gesetzt. In meiner Welt stehen die Leute, die mit Mitte zwanzig Eltern wurden, in eher problematischeren sozialen Zusammenhängen, das scheint bei der Sweet Family aber anders zu sein: Ein Golden Retriever kostet zwischen 1000 und 1500 Euro in der Anschaffung, Geld, das die Frühgebärenden in meinem Umfeld nicht über haben. Aber der Sweet Daddy wird die Woche über schon gehörig ranklotzen, dass dieses Leben finanzierbar bleibt, da darf er am Wochenende auch loslassen und Kindern wie Gespons und Hund einen überzuckerten Kuchen servieren. Während der Hund Schabernack macht (was macht er eigentlich genau? Er speichelt auf den Kuchentisch, so lustig ist das bei Licht betrachtet gar nicht, sondern eher ein wenig eklig … egal) – alle lachen, Gott, was sind wir hier gut drauf.

Die Sweet Family sagt uns: Wir leben das traditionelle Familienmodell, und es funktioniert. Finanziell ist alles wumpe. Die Kinder sind gut in der Schule und haben viele Freunde, keine Ausländer natürlich! Klar, im Bett läuft auch alles klasse. Und das Wetter ist ebenfalls großartig, hier in Norddeutschland, wie Norddeutschland ohnehin das Optimum ist, nirgendwo zersiedelte Landschaft, nirgendwo Umweltzerstörung, alles grün und lieblich und Fachwerksweetness. Und wenn bei dir vielleicht nicht alles so optimal läuft, dann machst du wohl irgendwas falsch.

Und natürlich muss man nicht hinter jeder misslungenen Werbekampagne ekelkapitalistische Propaganda wittern. Man kann auch einfach sagen: Das ist schlichtweg schlecht. Kann man. Muss man aber auch nicht.

12. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für 99-Cent-Shop-Kunst · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , ,

„Lange schon währte das Gerücht, ich wolle endlich mal das in meinem privaten Umfeld mittlerweile mythisch gewordene Fliesenprojekt (verewigt in meinem Buch The Fliesen Years, Bd. I- III) in Angriff nehmen“, schrieb der in jeder Hinsicht empfehlenswerte Kid37 schon vor über einem Jahr in einem eigenartig martktschreierisch betitelten Post namens „Yippie-yah-yah-yippie-yippie-yeah“. „Zwar half mir zunächst mitleidsvoll eine stadtbekannte Bloggerin mit ihrem E10-befeuerten Mobil, aber dann gab es neue Probleme, dann schien die Sonne, dann mußte (sic!) ich arbeiten und dann hatte ich keine Zeit.“ Als ich den Text, der auf diesem wunderbaren Niveau weiter geht, erstmals las, fand ich ihn nur gelungen; seit aber die schöne, kluge Frau (die besser als ich versteht, dass Wohnungseinrichtung auch eine Frage der Ästhetik ist) entschieden hat, dass wir eine neue Küche brauchen, weiß ich, dass dieser Text nicht nur gelungen ist, er ist auch wahr. Seither nämlich sind Arbeitsplatten und Kochfelder und Mischarmaturen zum Teil meines Lebens geworden, zum sehr drängenden Teil. Und ständig tauchen neue Probleme auf, ständig scheint die Sonne, ständig muss ich arbeiten, ja, es ist die Hölle (und das, obwohl ich nicht, im Gegensatz zum bewundernswerten Kid37, die Küche eigenhändig renovieren möchte, nein, schon alleine das Koordinieren verschiedener Handwerker macht jeden Geduldsfaden porös.)

Entsprechend berührt es mich anders als mich Kunst ohnehin schon berührt, als ich im Hamburger Kunstverein die Ausstellung „Hausrat“ von Alexandra Bircken sehe. Weil nämlich die 1967 in Köln geborene Bircken ihre Skulpturen aus ebensolchem Hausrat zusammenbastelt, aus Bügelbrettern, Kleidungsstücken, Ästen, Mullbinden. Und ganzen Küchen-Arbeitsplatten, großformatigen Arbeitsplatten in Marmoroptik, wie wir demnächst eine haben werden, so denn die Handwerker machen, wie sie sollen. „Was für hässliche Platten!“, ruft B. aus, als er vor Birckens Wandinstallation „SL120 SC, SL843 C“ (2012) steht. Ich bin sehr, sehr still.

Bircken steht natürlich nicht in der Tradition hässlicher Küchenarchitektur, sie steht in der Tradition der Arte Povera, also dem Einsatz alltäglicher (nicht ärmlicher, wie der Name suggeriert) Materialien, was weniger Armseligkeit zur Folge hat, sondern ein Auflösen der Hierarchien des Materiellen. Natürlich kann ein schief gewachsener Ast kunstfähig sein, natürlich kann ein dreckigbrauner Nylonstrumpf kunstfähig sein, natürlich kann ein Künstler sein Material im 99-Cent-Shop kaufen, statt im Künstlerbedarfshandel. Bircken ist in ihrer Kunst die Antithese zur Materialschlacht, zum Kunstluxus, für den Leute wie Damien Hirst stehen, das ist erst einmal grundsympathisch.

Es ist allerdings auch nichts wirklich neues. Die Qualität von „Hausrat“ liegt entsprechend nicht in ihrer ästhetischen Avanciertheit sondern in der freundlichen Sinnlichkeit, die die Präsentation mit sich bringt, angefangen beim charmant ironischen Ausstellungstitel über die erotische Aufladung des Bronzeskulptürchens „Koi“ (2012) bis zu den Unterwäschearbeiten „Skin 2“ (2010) und „Black Skin“ (2012). „Cagey“ (2012) wird uns vom Kunstverein als Zelt angedient, „das Schutz anbietet, Wärme suggeriert und doch filigran und porös wirkt“, das ist nett gesagt, aber „Cagey“, eine Art Iglu aus gebogenen Ästen, Wolle, Mörtel und einer Wärmedecke, macht überhaupt nicht den Eindruck eines Schutzes, im Gegenteil, das Ding sieht aus, als ob Wind und Regen erst durchfahren und dann das Gestänge einreißen würden. Außerdem sieht es aus, als ob es nicht besonders gut riechen würde, und nur ich mit meiner erkältungsbedingt verstopften Nase bleibe interessiert davor stehen. Letzteres ist wichtig bei dieser durch und durch organisch wirkenden Kunst: Sie ist in erster Linie sinnlich wahrnehmbar, man glaubt, sie zu riechen, man will sie anfassen (und dann will man sich die Hände waschen).

(Die Abbildung zeigt „Jungle Camp (Spax Galore)“ (2012, im Vordergrund) und „DNA“ (2012, Hintergrund). Für alle Arbeiten: Courtesy die Künstlerin, BQ, Berlin; Herald St, London; Kimmerich, New York.)

06. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für „Moment mal, der gehört ja gar nicht zu uns“ · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , ,

Vielleicht musste der Superbulle ja so enden: mit einem ganz großen Wurf. Mit einer Auftragskillerin (Corinna Harfouch), die erstens autistisch ist und zweitens todkrank, Leukämie wahrscheinlich. Einem Mörderinnensohn (Jonas Nay), der eine Mischung aus Norman Bates und Schanzenjüngling darstellt und nach der Hälfte von der Mutter beiläufig gemeuchelt wird. Eine Bankerrunde, die heftigst overacted, besoffen vom Adrenalin. Einer Superbullenfreundin (die wunderbare Anna Bederke), die den gesamten Film über barfuß, blutbesudelt und derangiert durch die Szene stolpert. Und dem Superbullen selbst, Cenk Batu (Mehmet Kurtulus), der schon in den ersten Szenen dieses „Tatorts: Die Ballade von Cenk und Valerie“ erschossen wird. Groß. Pathetisch. Heftig.

Die Figur des Cenk Batu ist eine starke Setzung im „Tatort“-Konzert: kein Kommissar bei der Mordkommission, wie die ganzen Kollegen von München bis Leipzig, sondern ein verdeckter Ermittler, ein geschichtsloser Zombie in einem Penthouse dieses von mir immer mehr gehassliebten Hamburg, der von Fall zu Fall in bestimmte Szenen eingeschleust wird. Das macht die Geschichten mit Batu schwierig, weil der Aufbau solch eines Krmis immer ähnlich ist: 1. Verdeutlichung des Themas 2. Einschleusen Batus bei den Bösen 3. Überraschende Wendung 4. Aufdeckung der wahren Identität Batus 5. Schluss/Action. Irgendwann dürfte solch eine stark formatierte Drehbuchästhetik langweilen, entsprechend ist es sinnvoll, dass Regisseur und Drehbuchautor Matthias Glasner die Figur sterben lässt, nach nur fünf Krimis (wenn ich richtig gezählt habe). Selbst um den Preis, dass ich immer noch nicht so richtig verstanden habe, was diesen Batu eigentlich antreibt, dass da noch einiges ist, das nicht erzählt wurde. Zum Beispiel der Migrationshintergrund Batus: im ersten Fall („Auf der Sonnenseite“, 2008) war der noch Thema, ebenso wie in „Der Weg ins Paradies“ (2011), wo der verdeckte Ermittler unter Islamisten geriet, aber sonst? Ist dieser Batu denn Muslim? Immerhin trinkt er Alkohol. Aber womöglich ist das genau die Qualität dieser kurzen Krimreihe: dass Fragen offen bleiben, dass eine Figur gar nicht wirklich erkannt wird. Weil ein Erkennen viel zu kompliziert ist, um es in fünf Mal 90 Minuten zu erfassen.

Die Krimis waren nicht immer stimmig, das nicht. Woher hat Batu überhaupt sein Wissen, um in kürzester Zeit in unterschiedlichsten Szenen als Insider durchzugehen? Und weswegen wird er überhaupt in seiner Heimatstadt eingesetzt, der Stadt, in der ihm jeden Augenblick ein Bekannter auf der Straße begegnen könnte? Auch Matthias Glasner ist da ein wenig schlampig, wo er eine Gruppe hochgepushter Banker auftreten lässt, mit Dreitagebart und durchschlafenem T-Shirt, während der einzige, der hier im Anzug auftritt, der verdeckte Ermittler ist – und keiner stellt fest, „Moment mal, der gehört ja gar nicht zu uns“? Aber: Das ist egal. Weil es hier um etwas ganz anderes geht.

Es geht hier darum, eine ganz große Geschichte zu erzählen. Eine vollkommen unironische Geschichte von einem Mann, der zutiefst liebt (und der es entsprechend nicht aushält, als seine Liebe in einer politischen Strategie aufs Spiel gesetzt wird). Eine Geschichte von einem Mann, der scheitern muss. Ein Liebesduell: Die Killerin nimmt ihren Gegner als erotischen Partner wahr, nicht erst, als sie ihn „Liebster“ nennt, sondern schon zu Beginn, als sie ihn außer Gefecht setzt und nicht etwa schnöde fesselt, sondern in einem Shibari-Bondage-Ritual kunstvoll verschnürt. Den Tod sowohl der Killerin als auch des Superbullen verstehen wir nicht nur als Höhepunkt des Krimis, sondern eben auch als vergrößerte Form des „kleinen Todes“, als gemeinsames Kommen, und das ist schon sehr radikal.

„Die Ballade von Cenk und Valerie“ ist radikal, ein großer Wurf. Eine Radikalität, die man keinem anderen „Tatort“-Team so zutrauen würde, ich meine, Münster? Köln? Ich werde Cenk Batu vermissen.

(„Unfreiwillig komisch“: Torsten Thissen auf Welt Online. „Metaphernschweres Melodram“: Christian Buß auf SpOn. „Verdammt ernst“: Heinz Zimmermann auf tatort-forum.de. „Grandioser Schmarrn“: Matthias Dell im Freitag. „Im Grunde ein Klassiker“: der Wahlberliner. „Schnüff. Und uff“: Mark Heywinkel.)

05. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für Was ich auf der Insel gelernt habe · Kategorien: Cat Content · Tags: , , ,

1. Es gibt Leute, die mögen keine Bremer. Die mögen Bremer so wenig, dass sie begeistert ein Lied singen, „Ihr seid Bremer/Ihr sauft die Scheiße aus der Weser“, selbst wenn sie in einem fremden Land am Flughafen stehen, und Bremen ist weit weg.

2. Die Küste ist böse. Weg von der Küste, rein in die Berge, da ists schön.

3. Wenn man als Allergiker in einen Landstrich fährt, in dem gerade der Frühling in überschäumender Geschlechtlichkeit erblüht, dann hilft einem das nicht, eine nur halbwegs auskurierte Erkältung loszuwerden.

4. Wenn sie gut gemacht ist, dann darf man auch ruhig mal eine Paella essen, auch wenn die hier gar nicht hergehört, sondern nach Valencia.

5. Glückliche Esel, glückliche Kühe, glückliche Schafe, glückliche Schoßhunde. Wer hat eigentlich das Gerücht aufgebracht, im Süden würden die Menschen herzlos mit ihren Haustieren umgehen?