Sophia Thomalla hat die Bandschublade gerettet. Okay, nicht wirklich, dieses nette, kleine Blog gäbe es auch ohne Sophia Thomalla. Aber von wegen Besucherzahlen war der Juni ein extrem schlechter Monat, was ich darauf zurückführe, dass alle Welt in der Sonne saß und nicht doof rumgoogelte, um dann auf der Bandschublade zu landen. (Sonne? Wo?) Es wären aber noch viel weniger hier gelandet, hätte es nicht zur Monatsmitte einen unglaublichen Run mit Suchanfragen gegeben, die in etwa so lauteten:

1. „sophia thomalla brust“, dicht gefolgt von „sophia thomalla titten“, „sophia thomalla busen“, „sophia thomalla brüste“, „sophia thomalla oberweite“, insgesamt rund 150 Queries. Was soll ich dazu sagen: Ja, Sophia Thomalla hat Brüste, wie wir alle wissen. Der Artikel, auf dem die ganzen Besucher am Ende landeten, hatte allerdings wenig mit diesen Brüsten selbst zu tun, sondern vor allem mit deren medialer Rezeption (außerdem war er auch schon vom April). Trotzdem, ich freue mich natürlich über Besuch.

2. „ficksäue“, immerhin auch stolze 17 Anfragen. Ich war ja immer der Meinung, das sei eine originäre Wortschöpfung von René Pollesch, weswegen ich auch die Kritik eines Stücks von besagtem Regisseur und Autor mit „Pollesch, ihr FICKSÄUE“ betitelt habe. Erst später habe ich erfahren, dass es auch eine Pornoserie mit diesem schönen Namen gibt. Ob die meisten Leser wohl nach Pollesch-Interpretationen gesucht haben, als sie „ficksäue“ googleten? Ich zweifle.

3. „devid striesow schwul“. Kam recht häufig, diese Anfrage. Keine Ahnung, da habe ich nie etwas drüber geschrieben, aber soweit ich weiß, hat dieser von mir durchaus geschätzte Schauspieler Frau und Kind. Aber das muss ja nichts heißen.

4. „tod eines handlungsreisenden klausner“. Wow, da wollte wohl wirklich jemand etwas über besagte Inszenierung am St.-Pauli-Theater erfahren! Ich verweise auf meine Besprechung auf der Nachtkritik.

5. „gut aussehende sexy junge schwule jungs küssen“. Da wünsche ich viel Spaß bei.

6. „sex – arabische brille“. Ich bin sowas von naiv, ich hatte ja keine Ahnung. Die arabische Brille ist, wenn ein Mann seinem Partner beziehungsweise seiner Partnerin, also: der aktive dem passiven Part die Hoden auf die Augen legt. Fertig. Was das bringen soll? Keine Ahnung, aber man muss auch nicht alles verstehen. Wer weiß, was die „Petersburger Schlittenfahrt“ ist? Das immerhin hätte ich beantworten können, wurde aber nicht gefragt.

27. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Männer und Bälle: Ein Astra, bitte · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , ,

„Eigentlich wollte ich mir das Deutschlandspiel bloß in der Kneipe um die Ecke anschauen. Da ist so ein Sportplatz, und die haben ein Vereinslokal. Ich also rein, natürlich erst gefragt, ob ich als Nichtmitglied überhaupt gucken dürfte, die waren aber ganz freundlich und meinten, klar, setz‘ dich. Da dachte ich mir schon, oh je, alles voller Deutschlandfähnchen, und die hatten auch alle diese blöden Hütchen auf. Aber wo ich schonmal da war, bestellte ich

– Ein Astra bitte.

Sofort wurde es ganz still in der Kneipe, und ein Typ fragte drohend

– Sachma, bissu ne Zecke oder was?

Ich hab das erst überhaupt nicht kapiert, ich wollte doch nur ein Astra. Aber gleich nochmal

– Bissu ne Zecke oder was? Wo kommst du überhaupt her? Du kommst doch sicher aus St. Pauli, Schanze oder so.

– Nein, ich bin von hier, aus Altona.

– Bissu dir da ganz sicher?

– Ja sicher, ich bin vor ein paar Wochen hierher gezogen, um die Ecke, in die Michael-Müller-Straße. (Adresse verändert)

– Bissu dir da wirklich ganz sicher, dass du aus Altona bist? Ich bin mir da nämlich ganz und gar nicht sicher!

Ich habe dann nicht gesagt, dass ich eigentlich ganz woanders her komme und mir stattdessen ein Holsten bestellt, das geht ja auch. Und dann ging das Spiel los, und sofort fingen die an

– Boah, die Türkenschwuchtel wieder!

Ich habe versucht, da ein wenig klarzustellen, nämlich, dass besagter Spieler meines Wissens überhaupt nicht in der Türkei geboren sei, fand aber kein Gehör.

– Ach was, dassisne Türkenschwuchtel!

Alles in allem waren die aber alle total nett. Es gab dann noch eine Tombola, bei der ich echt je-des-mal verloren habe, eine Niete nach der anderen. Während die anderen ständig gewonnen haben, immer diese blöden Deutschland-Hüte. Einer hatte mindestens drei Hüte auf, weil er die alle gewonnen hat. Doch, die waren wirklich echt nett.“

(Aufgezeichnet aus der Erinnerung)

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich wahnsinnig über Bild aufregen. Ich behaupte nicht, dass dieses Unterhaltungsmedium ein echtes journalistisches Angebot sei. Ich bin angewidert vom ultraemotionalisierten, antiintellektuellen Ton, mit dem die großen Schlagzeilen mich anbrüllen. Ich habe Probleme mit der politischen Macht dieses Mediums, mit der politischen Macht, die im Zweifel grundsätzlich nach rechts pendelt, chauvinistisch, sexistisch, sozialdarwinistisch, populistisch, rassistisch. Ich sehe die juristischen Taschenspielertricks, mit denen Bild arbeitet, Tricks, die darauf abzielen, Menschen verächtlich zu machen, Leben zu zerstören, grundsätzliche Persönlichkeitsrechte zu verletzen, regelmäßig dokumentiert im seit Jahren ununterbrochen lesbaren Bildblog. Würde ich einen Journalistenpreis erhalten, den auch Kollegen von der Bild bekommen, ich würde ablehnen.

Ich habe mich nicht dagegen gewehrt, die 60-Jahre-Jubiläums-Bild ungefragt in den Briefkasten gesteckt zu bekommen. Fand ich müßig, auch ein wenig wohlfeil, so einen einfachen Protest. Inhaltlich möchte ich nicht über dieses Druckerzeugnis urteilen, zumal die Redaktion Kreide gefressen zu haben scheint, angesichts der Tatsache, dass wohl auch einige Bild-kritische Geister das Blatt im Briefkasten haben dürften. Mir ist allerdings unwohl dabei, dass ein Großteil der Empfänger das Machwerk gleich ins Altpapier stecken werden: was für eine widerliche Ressourcenverschwendung! Aber: Wenn der Springer-Verlag seine Texte verschenken will, dann soll er doch. Wobei, „verschenken“ ist das falsche Wort. Wie man hört, hat der Verlag seine Anzeigenpreise für diese Ausgabe verzehnfacht, auf vier Millionen Euro pro Seite – die Jubiläums-Bild ist, wenn diese Rechnung aufgeht, ein ganz schönes Geschäft für den Verlag. Das bezahlt wird von den Firmen, die hier Anzeigen geschaltet haben – und die werden ihre Ausgaben mit Sicherheit an ihre Kunden weiter geben, also an uns. Zumindest, wenn wir Kunden dieser Firmen sind.

Die folgende Liste soll kein Boykottaufruf sein, meinetwegen kann jeder kaufen, was er will. Aber überlegen, ob man eine Firma unterstützen möchte, die Bild ihr Geld in den Rachen wirft, das darf man schon. Die Jubiläums-Bild enthält Anzeigen von

Sky

VW

DHL/meinpaket.de

Lidl

Opel

Media Markt/Media-Saturn-Holding

Telekom

C&A

Haribo (Mist!)

Vodafone (über deren Netz dieser Post gerade online gestellt wird)

O2/Teléfonica

Auto Teile Unger

(Ich persönlich fände es übrigens auch wunderbar, gäbe es vergleichbare Listen auch mit Firmen, die Werbeblöcke im Privatfernsehen schalten.

Nur mal zum Mitschreiben. Damit ich wirtschaftlich verhältnismäßig unbeleckte Kulturnase auch mal etwas kapiere: Was passiert hier eigentlich gerade? Was für Verwerfungen, was für Zusammenbrüche, Europa?

1. Wir sehen ein kleines Land am Rande des Kontinents, ein kleines Land, das Teil eines größeren Staatenbundes ist. Dieses kleine Land geriet vor vier, fünf Jahren in wirtschaftliche Schieflage. Zum Teil konnten die Bewohner nichts dafür, ökonomisch sieht es gerade nirgendwo auf der Welt gut aus, zum Teil waren die Probleme aber auch hausgemacht: Über Jahrzehnte haben die Eliten des Landes ein System aufgebaut, irgendwo zwischen Günstlingswirtschaft und offener Korruption, ein System, das wirtschaftlich unglaublich ineffektiv war und sich nur deswegen so lange halten konnte, weil der Staatenbund den korrupten Eliten immer wieder unter die Arme griff. Man brauchte das kleine Land in Zeiten der Systemkonfrontation als Bollwerk des kapitalistischen Westens gegen den sozialistischen Osten, ebenso wie man das kleine Land heute als Bollwerk des christlichen Europas gegen das islamische Asien braucht.

(Habe ich soweit alles richtig verstanden?)

2. Auf ewig konnte das nicht gut gehen. Und so brach die Wirtschaft des Landes in den größeren Unbillen der Weltwirtschaft zwangsläufig zusammen. Die Führer des Staatenbundes waren entsetzt, plötzlich trat die Misswirtschaft zu Tage, die zuvor niemandem aufgefallen war. Für den Staatenbund gab es nur ein Heilmittel: massive soziale Einschnitte, Lohnzurückhaltung, Rentenkürzungen. Mit anderen Worten, für den Staatenbund schien es alternativlos, die Leute für die Krise bezahlen zu lassen, die am wenigsten für sie konnten: Arbeitnehmer, Studenten, Rentner, Arbeitslose.

3. Alternativlos? Eine Partei wagte es, die Frage zu stellen, ob es womöglich doch Alternativen geben könnte, zum Beispiel: die Eliten an den Kosten der Krise zu beteiligen, zum Beispiel mit Steuererhöhungen. Mochte der Chef besagter Partei noch so unsympathisch sein, die Reaktion des Staatenbundes rechtfertigte das nicht: Sollte die Partei bei den kommenden Wahlen die Mehrheit erlangen, dürfe das kleine Land am Rande des Kontinents eben nicht mehr im Bund mitspielen, forderten sie, aus der wirtschaftlichen Solidargemeinschaft würde es dann eben ausgeschlossen. Und dann wurde gewählt.

4. Und dann wurde gewählt, und besagte Partei landete nur auf dem zweiten Platz, zumindest wurde das so bekanntgegeben. Die Wahl gewonnen hatten angeblich die Konservativen, also die Vertreter der Eliten, die schon im Vorfeld der Krise die Verantwortung für das Land trugen. Die dann auch postwendend mit der Regierungsbildung beauftragt wurden, während im Staatenbund aufgeatmet wurde: Alle großen Zeitungen kommentierten am Folgetag, dass die Wahl eine Entscheidung der Vernunft gewesen sei, dass das kleine Land sich, endlich!, zu Reformen bereit zeigen würde, die ja eigentlich keine Reformen sind, sondern schlicht Kürzungen, die massive Verelendungen der Bevölkerung nach sich ziehen werden, ja, natürlich, aber SIE! SIND! ALTERNATIVLOS! (Und wer an diese Alternativlosigkeit immer noch nicht glauben mochte, dem würde man es schon beibringen, mit Polizeiknüppeln und Tränengas. Auch mit solchen Mitteln hatte der Westen ja schon seine Erfahrungen, auch in diesem kleinen Land, im Kampf gegen die kommunistische Gefahr.) Auch die Wirtschaft zeigte sich erleichtert, diejenigen, die immer schon die Mittel hatten und die sie weiterhin haben werden. Und, tut mir leid, wenn Wahlen so aussehen wie hier, dann fick dich, Demokratie.

(Hintergrundinformationen: Die Ergebnisse der Wahl in Griechenland am 17.6.2012. Das Blog von Michalis Pantelouris, der konstatiert: „Diejenigen, die das Land in die Situation gebracht haben, in der die Bevölkerung stärker als jede andere in Europa unter der Schuldenkrise leidet, sind belohnt worden.“ Eine europäische Presseschau auf sueddeutsche.de. Und das Hamburger Künstlerkollektiv Schwabinggrad Ballett, das momentan in Athen recherchiert.)

17. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Ein ungemütliches, bruchstückhaftes Durcheinander · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

A. ist total genervt von dem Abend. Um Gefühle sollte es gehen, zumindest wurde uns das versprochen, aber dann geht es um Komik, und Komik, das ist doch kein Gefühl. Da hat A. recht. Wobei, tatsächlich wurde behauptet, dass es in „Hajusom in Bollyland“ der Hamburger Sozio-Theater-Gruppe Hajusom auf Kampnagel um „Rasas“ gehen würde, und der Sanskrit-Begriff „Rasa“ wurde am Anfang eher ungeschickt mit „Gefühl“ übersetzt, meint aber acht Grundprinzipien der indischen Ästhetik, die im Zusammenhang stehen mit nicht in Worte fassbaren Empfindungen. Gefühle, nunja.

„Hajusom in Bollyland“ sieht also so aus, dass da 20 Jugendliche mit Migrationshintergrund auf der Bühne stehen, eigene und fremde Erfahrungen referieren und dazwischen (mit aller laienhaften Unbedarftheit, mit allem laienhaften Charme) kurze Spielszenen antäuschen, die insgesamt die acht Rasas ergeben: Liebe, Komik, Kummer, Heldentum, Angst, Ekel, Wut, Staunen. Dazu spielt Ashraf Sharif Khan Sitar und Viktor Marek Synthesizer, einiges passt nicht zusammen, einiges ist gewollt, und vieles ist ganz großartig. Nicht wegen der transportierten Inhalte, die sind anrührend, aber sie sind auch nichts neues, ich weiß ja, dass Migranten ein Fremdheitsgefühl haben, wenn sie nach Deutschland kommen, auch nicht wegen der manchmal etwas weit hergeholten Bollywood-Bezüge, weil ich von Bollywood verhältnismäßig wenig verstehe. Andererseits: Vielleicht finde ich es ja gerade deswegen so toll, weil ich nicht verstehe. Bollywood: bunt und wild und vollkommen unverständlich, eigentlich. Klasse.

Ich mag diese Randbereiche der Ästhetik, wo meine Erfahrung, meine Bildung an ihre Grenzen stößt. Japanische Fernsehshows, indonesisches Tanztheater, kolumbianischer HipHop: ganz großartig. Immer wenn ich solche kulturellen Bastardformen sehe, wird mir bewusst, in was für einer bunten, alles andere als homogenen Welt ich lebe, immer wenn ich solche kulturellen Bastardformen sehe, wird mir bewusst, wie langweilig doch Kino aus Hollywood, Malerei aus Leipzig und Indiepop aus Manchester in Wahrheit ist.

Multikultur ist etwas überaus Cooles, zumindest, wenn man sie nicht als Mischmasch, nicht als Melting Pot missversteht, sondern als ungemütliches, bruchstückhaftes, kreatives Durcheinander. (Ganz ähnlich empfand ich auch bei Constanza Macras‘ Tanzstück „Open for Everything“, vor kurzem am gleichen Ort.) Matthias bemängelte vor einigen Jahren, dass der Ort, wo in Hamburg Flugzeuge ankommen, als „Hamburg Airport“ firmiere und nicht als „Flughafen Hamburg“ – für mich geht das in Ordnung. Noch besser würde ich es finden, wenn die Verantwortlichen nicht das vorgeblich coole englische „Airport“ gewählt hätten, sondern Ungarisch: „Hamburg Repülőtér“, okay, wäre vielleicht nicht allzu praktisch gewesen, da findet sich ja niemand mehr zurecht. Aber vielleicht wird klar, was ich meine: Ich mag dieses Durcheinander. Tut mir leid, ich finde es großartig, wenn ein afghanischer und ein iranischer Jugendlicher auf einer Bühne stehen, ihre Performance gerade gegenseitig voll geil finden, und ein Hamburger und ein pakistanischer Musiker spielen dazu, und ich höre mit die beste Musik seit langem.

(Und die ganzen Schlechtmenschen mögen mich von nun an gerne als Gutmensch beschimpfen: Ich weiß selbst, dass solch ein Durcheinander nicht ohne Probleme abläuft. Nennen wir es Reibungshitze.)

Ich habe eine Sache gemacht, die total untypisch ist: Ich habe jemanden, den ich zuvor nur im Internet mitbekommen hatte, im Real Life kennengelernt. Und das kam so: Seit einigen Jahren verfolge ich das Blog von Isabel Bogdan, zunächst auf Antville, dann auf der eigenen Domain. Weil Bogdan nämlich gut, sehr, sehr gut schreiben kann, Alltagsbeobachtungen, Lektüretipps, grundsätzliches Generve. Was sie in einer ureigenen Sprache überaus charmant zu Papier beziehungsweise Webspace bringt. Das mit der ureigenen Sprache ist allerdings auch selbstverständlich, weil Isabel Bogdan im Hauptberuf Übersetzerin ist, und da geht sie mit Sprache professionell um, also, „professionell“ im Sinne von „kreativ“, nicht so wie bei mir Lohnschreiber, bei dem „professionell“ vor allem „korrekt“ heißt. Wie dem auch sei, vor einiger Zeit übersetzte Bogdan Jonathan Safran Foers „Eating Animals“ (das Buch, das mich beinahe zum Vegetarier werden ließ) ins Deutsche, und zur Feier dieser Übersetzung lud sie zur Übersetzerinnenlesung mit veganem Menü ins Restaurant Trific. Und nach dieser Lesung sprach ich sie einfach an, „Mal sehen, was das so für ein Mensch ist, der solch ein tolles Blog schreibt!“, ein Draufgängertum, das bei meiner Menschenscheu ziemlich freaky ist.

Ich sah: Das ist ein ziemlich interessanter Mensch.

Ein interessanter Mensch, der eine regelmäßige Rubrik im Webmagazin culturmag namens „Sachen machen“ hat. „Sachen machen“, das heißt, dass Bogdan Sachen ausprobiert, die für sich genommen manchmal unspektakulär sind, die man aber trotzdem nicht macht, weil sie vielleicht so unspektakulär sind, dass man gar nicht auf die Idee kommt, dass das Spaß machen könnte (Trampolin springen), weil man noch nie davon gehört hat (Punkerstammtisch mit Tischtennis und DJ in der ohnehin empfehlenswerten Kaschemme Hafenklang), weil man Angst hat, dass man Spaß an etwas vollkommen Uncoolem (mit dem Segway durch die Innenstadt gondeln) finden könnte. Sie selbst nennt diese Texte „Kolumnen“, was aus journalistischer Sicht nicht ganz richtig ist, es sind eher Alltagskultur-Reportagen, ultrasubjektiv, verfasst in einer halb literarischen, halb journalistischen Sprache, die mal in echter Begeisterung schwelgt, mal triefenden Sarkasmus offenbart. Nicht bei allen Beiträgen denke ich mir, dass ich so eine Sache gern mal selbst machen würde, auf die Gefühle, wenn einem ein aus dem Mund riechender Mensch auf der Lebensfreudemesse ein Massagegerät anzudrehen versucht, könnte ich verzichten. Andere Erfahrungen aber haben es in sich: die Fahrt nach Wacken! Der Besuch auf der SM-Party! Die asiatische Massage! (Wobei, die asiatische Massage ist vor allem deswegen so toll, weil sie eben auch so toll beschrieben ist, belustigt, liebevoll, mit heftigsten Verspannungsschmerzen in der Muskulatur. Die eigentliche Erfahrung ist dann doch eher, naja, kann man mal machen.)

Auf jeden Fall, und das ist jetzt eine richtig unjournalistische Kaufempfehlung und nicht etwa eine Rezension, auf jeden Fall sind die gesammelten Reportagen oder Kolumnen, was auch immer, jetzt als Buch erhältlich. Bei Rowohlt. Und man sollte sich nicht davon abschrecken lassen, dass als Kaufempfehlung ein Zitat ausgerechnet aus der Brigitte den Buchrücken ziert: „Sachen machen“ kann man lesen, ohne sich dabei uncool fühlen zu müssen. Ehrlich.

08. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für All Things Must Pass (George Harrison) · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Das Beatles-Museum Beatlemania auf der Reeperbahn muss schließen. Ich finde das schade, weil sich hier das Klischee bestätigt: Hamburg weiß nichts richtig anzufangen mit seinem kunsthistorischen Erbe. Dass die Beatles in Hamburg einst ihre Karriere begonnen hatten, wurde bislang dokumentiert durch a) eine Erinnerungsplakette im Hinterhof eines Rotlichtbetriebs b) einen städtebaulich misslungenen „Beatles-Platz“ mit einer ästhetisch jämmerlichen Figurengruppe sowie c) besagtes privat betriebenes Museum. Beziehungsweise: letzteres eben ab Monatsende nicht mehr. Okay, ich konnte mit dem Museum wenig anfangen, überhaupt waren die Beatles nie eine Band, die mich so wahnsinnig interessierte. Ich kapierte schon, dass die wichtig waren in ihrer Zeit, von wegen Auflösung der Grenzen zwischen E und U, Neudefinition von Geschlechterrollen, all das. Bloß war das alles nicht meine Zeit. Ich verstehe, wenn Hamburg sagt, na gut, so wahnsinnig stolz sind wir eben nicht auf die Jungs, als dass wir uns heute über sie definieren müssten, unser Flughafen heißt „Hamburg Airport“ und nicht „Beatles Airport“, das ist in Ordnung. (Der Flughafen Liverpools heißt Liverpool John Lennon Airport, „Above us only Sky“.) Habe ich nichts dagegen.

Aber worauf ist Hamburg stolz? Michel, Alster, Hafen, Hafen, Hafen. Kulturelles? Irgendwas? Nichts. Hamburg vermarktet sich als Musicalstadt, Hamburg vermarktet sich als Sportstadt, Hamburg vermarktet sich als Wirtschaftsmetropole. Dass es hier tolle Theater, Clubs, Museen, Galerien gibt, merkt man erst, wenn man sich intensiv mit ihnen beschäftigt. Und diese Ignoranz der Stadt gegenüber allem Kulturellen ist es, die der Beatlemania angeblich das Genick gebrochen hat. „Heute müssen wir erkennen, dass trotz des durchgängig positiven Feedbacks unserer Besucher und der Medien, das Interesse an den Beatles in der Stadt, von der John Lennon sagt, dass er in ihr erwachsen geworden ist, nicht so groß ist, wie wir erhofft hatten“, beklagt Konzertverantstalter Folkert Koopmans, die treibende Kraft hinter dem Beatles-Museum, auf der Museumswebsite. Es gab Finanzierungsprobleme, das schon, trotzdem: Subventionen habe man keine gewollt, aber zumindest demonstrative Unterstützung durch die Stadt, vielleicht eine Bushaltestelle vor dem Haus, vielleicht eine Beschilderung in der S-Bahn, vielleicht eine bessere Sichtbarkeit im (grundsätzlich unübersichtlichen) Stadtportal. Bekamen sie nicht, wie übrigens die gesamte Kulturszene diese Unterstützung nicht bekommt.

Ich werde die Beatlemania nicht vermissen. Aber ich ärgere mich über die Ignoranz, mit der meine Wahlheimat der Kultur gegenüber tritt. Ein Gutes mag die Geschichte aber haben: die Erkenntnis, dass privat finanzierte Museen, Theater, Kulturproduktion zum Scheitern verurteilt sind. Ein Museum braucht Subventionen, jeder, der behauptet, er könne ohne Subventionen etwas Kulturelles aufziehen, der macht sich und anderen etwas vor. Wenn Politik und Gesellschaft das aus dem Beatlemania-Scheitern gelernt haben sollten, dann weine ich dem Ding keine Träne nach.

08. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Kassel! · Kategorien: Stoffe · Tags: , , ,

Es ist ein Missverständnis, dass es hier darum ginge, Kunst anzuschauen – was Kunst zurzeit kann, sieht man besser bei der Biennale von Venedig (staatstragend!), der Art Cologne (erfolgreich!) oder bei der Berlin Biennale (streitbar!). Die documenta war immer schon Sand im Getriebe solcher Leistungsschauen; weil Kunst aber im Laufe der Jahre zum globalisiserten Mainstream wurde, ist der Sand mittlerweile wichtiger als das Getriebe selbst. Bei der documenta geht es entsprechend weniger um den Stand der zeitgenössischen Kunst als vielmehr um den Stand des Nachdenkens über Kunst.

Dieses Wochenende eröffnet die 13. documenta in Kassel, und natürlich werde ich während der kommenden 100 Tage ins Nordhessische fahren. Obwohl Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev mir nach diversen durchaus irritierenden Vorabberichten so sehr auf den Keks geht, dass ich mich frage, ob ich wirklich soll. Klar soll ich. Und zur Einstimmung habe ich mir im aktuellen uMag ein paar Gedanken gemacht.

04. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Woanders is‘ auch scheiße · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

In einer Zeit, in der selbst der Bundesgauck pastoral verschwiemelt fordert, stolz auch Deutschland zu sein, in einer Zeit, in der ein in der Blogosphäre breit zitierter Text konstatiert, dass es sich hier im Vergleich zu anderen Ländern doch ganz gut aushalten lasse, in einer Zeit, in der die schwarzrotsenfen Fähnchen des Partynationalismus sich wieder in den Auslagen meiner Stammdrogerie breit machen, finde ich es schön, wenn man einmal festhält, dass einer der wenigen Pluspunkte dieses Landes ist, dass man hier gelernt hat: Differenz ist eine gute Sache. (Ansonsten halte ich es mit der alten Ruhrpott-Weisheit: „Woanders is‘ auch scheiße.“) Wie in „Open for everything“, dem wunderbaren aktuellen Stück der argentinisch-deutschen Choreographin Constanza Macras. In der jungen Welt habe ich beschrieben, wie ich es fand. (Leider zu spät, um sich das Gastspiel auf Kampnagel anzuschauen, aber das Stück tourt ja durch Europa.)

Das ist die große Kunst von Constanza Macras: Sie traut sich, Brüche stehen zu lassen und macht sie zum zentralen Element ihrer Ästhetik. Die 1970 in Buenos Aires geborene und seit 1995 in Berlin heimische Choreographin steht damit für ein multikulturelles Tanztheater, das eben nicht dem »Melting Pot« huldigt, sondern einer Vielzahl von Wertsystemen, Ästhetiken, Sprachen, die nebeneinander stehen, sich teilweise widersprechen, sich behindern und bekämpfen. Für Macras ist diese Vielstimmigkeit kein Problem, sie macht vielmehr die Qualität des Großstadtlebens im 21. Jahrhundert aus.

02. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für KAOS (2): Definitely maybe · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , ,

Als ich die Motivserie das erste Mal sah, dachte ich, mein Englisch spiele mir einen Streich. „Maybe never will be her own boss“ oder „Maybe never wrote a song“: Auf diesen Plakaten fehlte mir das Subjekt, eigentlich müsste das doch heißen „Maybe she never will be her own boss“, aber wahrscheinlich ist das Verschlucken des Subjekts ja auch Slang, den ich nicht verstehe, man weiß so wenig. Anyway, „Maybe (she) never will be her own boss“ gefiel mir, weil es mit charmant loserhaftem Understatement zu spielen schien, vielleicht würde die hübsche Friseurin auf dem Plakat ja wirklich nie ihren eigenen Salon aufmachen, auf ewig würde sie unterbezahlte Lohnschnipplerin bleiben, aber, hey!, Ehrgeiz ist was für Betriebswirtschaftler, und mit der richtigen Zigarette lässt sich auch das unangenehmste Abhängigkeitsverhältnis ertragen. Ich rauchte nicht mehr, aber würde ich noch rauchen, dann hätte ich mit Marlboro eine Marke gefunden, deren Corporate Identity mich ansprach

Erst als die Plakate in die zweite Runde gingen und außerdem noch Kinowerbung dazu kam, dämmerte mir: Da fehlt überhaupt kein Subjekt. „Maybe“ ist das Subjekt.

Ausgedacht hat sich die Kampagne die Frankfurter Agentur Leo Burnett, es gibt mehrere Motive, auf denen jeweils hübsche junge Menschen zu sehen sind, die zu zweifeln scheinen, „vielleicht hätte ich diesen Job ja doch nicht annehmen sollen/diesen Typen doch nicht küssen sollen/mich doch nicht stagedivend in die brodelnde Rockfanmasse werfen sollen?“ Nur um die Zweifel dann konsequent beiseite zu wischen: kein „Vielleicht mehr“, „to hell with maybe!“ So explizit knallte einem schon lange niemand mehr ins Gesicht, was er vom Überdenken einer Entscheidung hält. Im Grunde übernehmen die Kreativlinge von Leo Burnett damit eine Aussage aus der Bibel, „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ (Matthäus 5.37). Man könnte sich an die Ergebnisse solcher Konsequenz erinnern, man könnte an die Kreuzzüge denken, an die Missionare, an die Rolle der Kirche in südamerikanischen Rechtsdiktaturen, dann käme man vielleicht zu dem Schluss, dass es manchmal durchaus angebracht wäre, eben nicht „Ja, ja“ oder „Nein, nein“ zu sagen, sondern etwas Skrupulöses, etwas Zweifelndes, maybe. Bei Leo Burnett denkt man nicht so. „To hell with maybe!“

Griechenland geht den Bach runter, die Bescheidwisser, die Typen, die sich immer sicher waren, die Typen auf der Siegerseite, haben abgewirtschaftet. Aber statt dass sie zugeben, dass die einfachen Antworten nicht mehr funktionieren, werden sie aggressiv. Die Marlboro-Kampagne ist um ein Vernichtungsmotiv herum gebaut, diese Kampagne macht einem kein vorgeblich freundliches Angebot, doch auch einmal positiv auf die Welt zu schauen, sie lässt keinen Zweifel daran, was mit den Leuten gemacht werden sollte, die zu zweifeln wagen. „To hell with maybe!“ Falls ich spätabends einem Leo-Burnett-Kreativen in einer dunklen Seitengasse begegnen sollte, möchte ich nicht, dass er mich als Zweifler erkennt.

Aktueller Bezug: Es ist Samstag, 2. Juni 2012, und in Hamburg-Eilbek begehen Nazis ihren so genannten „Tag der deutschen Zukunft“. Ich finde das schlimm. Aber mehr Angst als vor ein paar grölenden Glatzen habe ich vor den Typen, die sich eine Werbekampagne wie die oben beschriebene ausdenken.

P.S. Es gibt eine ganze Menge Kritik an der Kapmagne, teilweise mit dem meinen ähnlichen Unbehagen unter anderem bei Queergedacht. Thomas Koch kritisiert die Unverständlichkeit der Slogans, Annette Mattgey bemängelt, dass die Kampagne geradezu als Einladung für Adbuster daherkomme, und Agenturchefin Gabi Lück fühlt ihren Intellekt beleidigt.