Der Juni war ein schlechter Monat? Blödsinn: Ein richtig schlechter Monat war der Juli, von den Besucherzahlen her: Gerade mal ein Viertel der Leute, die im Mai sich hierher verirrt hatten, kamen im Juli vorbei. Vielleicht ist das ja auch eine ganz gute Entwicklung, man kommt zurück auf den Boden der Tatsachen, und diese Tatsachen sagen: Eine dreistellige Besucherzahl pro Monat ist auch ganz schön, ich heiße ja nicht Anke Gröner. Bloß: die Gründe? Urlaubszeit? Kein „Tatort“, den ich hätte rezensieren können? (Nicht lachen: Die Fernsehkritiken spülen mir immer Hunderte Besucher in die Bandschublade.) Keine interessanten Themen? Ich meine, das ist ein Kulturblog, das leidet unter Sommerloch. Hauptsächlich wahrscheinlich: Irgendetwas ist an den Google-Algorithmen kaputt, der Suchmaschinenmonopolist schickt hier nur noch wenige Surfer vorbei, und dann auch nur mit ganz eigenartigen Suchanfragen. Andererseits sind eigenartige Suchanfragen natürlich auch das Salz in der Suppe dieser Rubrik.

1. „don’t be a maybe marlboro“ Ach ja, ich regte mich ja extrem über die aktuelle Werbekampagne der möchtegerncoolen Zigarettenmarke auf. Interessierte anscheinend noch ein paar Leser, was es da zu sagen gab, ich hoffe: mit kritischen Motiven.

2. „nackte frauen erotisch“ Ist das jetzt eine Frage? So in etwa: „Sind nackte Frauen erotisch?“ Würde ich mit „Schon, manchmal“ beantworten. Aber wahrscheinlich ist die Googleanfrage anders gemeint, sie bezieht sich auf dieses „manchmal“, von wegen: „Ich suche Bilder von nackten Frauen, und zwar solche, die erotisch sind, nicht etwa solche, die nackte Frauen unter der Dusche zeigen.“ Keine Ahnung, ob ich da helfen konnte, helfen kann ich aber mit der Weisheit: Nackte Frauen mögen manchmal erotisch sein, manchmal sind Frauen aber sogar im bekleideten Zustand erotisch. Frauen, die kleinen Wundertüten.

3. „liebe mich dann wenn ich es am wenigsten verdient habe denn dann brauche ich es am meisten“ Holla! Anscheinend ist das ein geflügelter Satz, zumindest findet man ihn auf diversen Poesiealbum-Seiten, allerdings mit unbekanntem Autor. Falls jemand nochmal hier nach diesem Satz sucht, dann möchte ich antworten: strohdoofer Satz. Der eigentlich alles entschuldigt – ich stelle mir einen Typen vor, der seine Freundin gerade grün und blau prügelt und währenddessen „Liebe mich dann, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann brauche ich es am meisten“ vor sich hinmurmelt. Unschön.

4. „zeig mir wie das geht mit dem sex doppelstecker“ Bitte?

5. „schwule pronoseiten“ Das solche 08/15-Anfragen bei mir landen, hat ausschließlich mit dem Rechtschreibfehler „prono“ zu tun. Und sagt mir, dass ich ein bisschen mehr auf korrekte Orthographie achten sollte.

6. „aktuelles über jana schulz“ Ach, da wüsste ich ja auch gerne ein wenig. Jana Schulz, hoch geschätzte Schauspielerin, arbeitet weiterhin hauptsächlich mit ihrem Stammregisseur Roger Vontobel, und weil der nichts mehr in Hamburg macht, ist Schulz auch über die Wupper respektive Elbe gegangen. So wie ich das sehe, ist sie momentan hauptsächlich in Bochum zu bewundern, kommende Spielzeit zunächst in „König Richard der Dritte“.

7. „tiermotive für die wand fürs baby name vincent“ Eine ultraspezifische Anfrage, ich würde sogar sagen: So spezifisch, da gibt es nicht nur bei mir keine Antwort, da gibt es nirgendwo eine Antwort. Vielleicht noch die: Wenn Vincent tatsächlich noch ein Baby ist, dann wird es ihm verhältnismäßig egal sein, was für Tiermotive da an seiner Wand prangen. Und sobald Vincent ein Teenager ist, wird er es scheiße finden. Teenager finden ja alles scheiße.

8. „schaemt sich christian wulff nicht“ Ja, das frage ich mich auch. Und, nein, ich denke, er schämt sich wirklich nicht.

31. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für In der Wildnis · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , ,

Und so wandert man durchs Gras, schaut sich Gags an wie den nachgebauten Autobahnstreifen »Autobahn A0« der Hamburger Ole Utikal und Hannes Mussbach oder die Körperschrift-Reenactment-Phantasie »Krieg und Frieden« des Kollektivs Krautzungen; man findet die Sachen mal läppisch, mal cool, man schaut den unvorstellbar hübschen Indiejungs und -mädchen hinterher, man verliert ein wenig das »Entweder. Oder.«-Motto aus dem Blick. Und plötzlich fällt einem wie Schuppen von den Augen: Der Ausweg aus dem Entscheidungsdilemma, das ist nicht das feige »Sowohl als auch«, das ist das Verlieren. Das Treibenlassen in dieser Mischung aus Künstlerkommune, Hipsterevent, ernsthaftem politischen Anliegen und gutem Willen. Der Ausweg ist ein »Irgendwie habe ich vergessen, wie ich überhaupt in dieses Dilemma geraten bin«.

Dass ich das Kunstcamp im Vorfeld des Dockville-Festivals für das spannendste Kunstevent des Sommers halte (ja, klar, documenta!) ist seit einigen Jahren bekannt. Und weil ich das so spannend finde (und darauf hinwirken möchte, dass kommendes Wochenende noch möglichst viel Publikum das Camp stürmt, schon alleine, um einen gewissen Druck aufzubauen, in den Verhandlungen mit der Stadt, die das Festival über kurz oder lang der Hafenwirtschaft opfern möchte), habe ich an verschiedenen Orten Texte zum Camp geschrieben. In der jungen Welt von heute eine Besprechung der Vernissage vergangenen Donnerstag. Und im aktuellen uMag einen Artikel über das Park-Kunst-Konzept der serbischen Kunstcamp-Teilnehmerin Dusica Drazic.

(Auf dem Foto: Mladen Miljanovics Installation „Hahaha – Ahahah“)

Die Nacht vor meinem 40. Geburtstag saß ich im Kino. In einem Zwergkino in der Lüneburger Altstadt, in dem „Medianeras“ lief, eine argentinische Romantic Comedy von Gustavo Taretto. „Medianeras“ zeigt zwei Menschen Anfang Dreißig, Mariana (Pilar López de Ayala) und Martín (Javier Drolas), die füreinander bestimmt scheinen und doch aneinander vorbei leben, in der Elf-Millionen-Einwohner-Stadt Buenos Aires. (Am Ende kriegen sie sich natürlich doch, das ist den Regeln des Genres geschuldet.)

Romantic Comedys interessieren mich eigentlich überhaupt nicht. Was mich an „Medianeras“ aber interessierte, war das Lebensmodell, das hier entworfen wurde: Mariana und Martín sind irgendwie im Leben angekommen, sie sind gut ausgebildet, sie Architektin, er Webdesigner, aber sie sind ganz und gar nicht gesettlet. Er arbeitet zwar in seinem Beruf, freischaffend und durchaus nicht ohne Erfolg (was er mit sozialer Inkompatibilität und einem Wust Neurosen bezahlt), sie aber dekoriert Schaufenster, weil Architektinnen nicht gefragt sind in einer Stadt, die Bauen nur als Fertigung von Gebäuden versteht. (Den so entstehenden architektonischen Wildwuchs setzt Taretto übrigens mehr als einmal nicht ohne Reiz in Szene.) Mit anderen Worten: „Medianeras“ zeigt kein Prekariat, „Medianeras“ zeigt Menschen, die irgendwo an den Randbereichen des Prekariats leben. Menschen, die über den Status der Existenzangst hinausgetreten sind, die aber sich dennoch durchwurschteln und auch keine Hoffnung haben, dass sich daran jemals etwas ändern dürfte. Entsprechend flüchten sie in ein Kinderverhalten: Martín in eine Angst vor allem und jedem, Mariana in den verzweifelten Versuch, die Welt durch Wimmelbilder in Kinderbüchern zu verstehen. (Einmal trägt sie ein ausgeleiertes Shirt, das ein verwaschenes Bild des Krümelmonsters ziert, das verdeutlicht diese Regression ins Kindliche sehr hübsch. Außerdem sieht es reizend aus, wie diese Schauspieler ohnehin immer ein ganz tolles Bild abgeben.)

Als der Nachspann schon läuft, nachdem sich das Paar gerade gefunden hat, sehen wir ein kurzes Goodie: Mariana und Martín als Paar, ein halbes Jahr später. Was machen sie? Kommen sie etwa an, im Leben? Bekommen sie Kinder, geben sie Partys, kaufen sie sich einen Kombi, ziehen sie an den Stadtrand? Nein: Sie drehen einen lustigen Youtube-Clip. Paaralltag.

Und während dieser lustige, traurige, charmante Film langsam an sein Ende kommt, wird mir klar: Das sind ja Leute wie ich. Leute, die die sie umgebende Welt, die Finanzkrise und die Dummheit und die alles erstickende ästhetische Anspruchslosigkeit zu Recht als Zumutung empfinden. Leute, die absolut nicht einsehen, was es bitteschön bringen soll, erwachsen zu werden. Leute, die gar keine andere Möglichkeit haben als halbwegs glücklich in den Tag reinzuleben (und die dabei wenigstens umwerfend gut aussehen). Eine Stunde später war es dann soweit: Ich wurde 40. Erwachsen wurde ich nicht.

19. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für Putin Picasso · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , ,

Immer dasselbe Schildkrötengesicht, die scharfen Züge, der gleichzeitig belustigte wie fordernde Blick, die genialische Pose, die Lust am Rollenspiel. Allerdings führt die Ausstellung nie über diese Antwort hinaus. Zu sehen ist: Picasso sinnierend im Atelier. Picasso mit Geliebter am Strand. Picasso mit Kindern. Picasso, verkleidet als Indianerhäuptling (mit einem Federschmuck, der dem Künstler von Gary Cooper geschenkt wurde, eine Nummer kleiner geht es bei diesem Künstler im Jahr 1966 nicht mehr). Da! Ein Bild vom Wladimir Putin, wie er gerade einen sibirischen Tiger erlegt! Ach, nein, es ist doch wieder nur Picasso.

Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe läuft gerade die (aus dem Kölner Museum Ludwig übernommene) Ausstellung „ichundichundich“: Pablo Picasso, fotografiert von Freunden und Künstlern wie Robert Capa, Jean Cokteau und Brassaï. Ich fand sie … nicht so toll. Wie genau, habe ich für die heute erschienene junge Welt aufgeschrieben.

Ich bin heterosexuell. Ich schlafe gerne mit Frauen, obwohl das meinem Selbstverständnis als Mann irgendwie widerspricht, ich meine, als kulturaffiner Geistesmensch, geschlagen mit zwei linken Händen und ohne nennenswertes Interesse für Dinge wie Fußball, Biertrinken oder Gockelgehabe müsste ich nach dem Klischee eigentlich schwul sein. Außerdem habe ich ein grundsätzliches Problem mit dem Akt an sich: Einen Frauenkörper zu penetrieren, dass ist ein Akt der Gewalt, ich nutze den Körper meiner Partnerin, um meine maskuline, gewalttätige, aggressive Lust zu befriedigen, ich mache meine Partnerin zum Objekt, und ist es nicht wirklich so, dass jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger ist? (Ich absolvierte mein Politikstudium Mitte der Neunziger, zu einer Zeit, in der ein gewisser Vulgärfeminismus gerade in den letzten Zügen lag, vielleicht merkt man das an manchen Stellen dieses halbironischen Bekenntnisses.)

Es brauchte eine gewisse Zeit, bis ich verstanden hatte, dass das alles nicht so einfach ist. Dass zum Beispiel manche Frauen von Zeit zu Zeit ganz gerne mal nur Körper sein wollen, dass sich zum Beispiel manche Frauen von Zeit zu Zeit ganz gerne zum Objekt machen lassen. (Was die Sache so unglaublich kompliziert macht, sind die beiden Begriffe „manche“ und „von Zeit zu Zeit“.) Was mir geholfen hat: dass es Vorbilder gab. Männer, die ebenfalls nicht dem klassischen Bild des Machomaskulinisten entsprachen und die dennoch ihr Begehren zu leben wussten. Es ist weiterhin nicht immer einfach, aber: Diese Vorbilder brachten mich an den Punkt, an dem ich bereit war, meine tragische Veranlagung zu akzeptieren.

So, und jetzt ist mal gut, mit dieser billigen Ironie. Kein Heterosexueller wird hierzulande diskriminiert. (Außer im Seminar der Uni Gießen, „Einführung in die feministische Politikwissenschaft“ bei Prof. Barbara Holland-Cunz… Tschuldigung, ich wollte doch aufhören!)

Im Gegensatz zu Schwulen, Asexuellen, Polyamourösen, jeder denkbaren sexuellen Randgruppe. Und gerade deswegen erscheint es mir ungaublich wichtig, dass sich hier Vorbilder outen, dass hier Vorbilder ebenfalls zu ihrem Begehren stehen. (Je länger ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass das da oben eigentlich überhaupt nicht ironisch gemeint war.) Man stelle sich einmal vor: Ich wäre ein junger, schwuler Mann, in einem Provinzkaff, sagen wir im Saarland. Ich wäre katholisch, konservativ, nicht besonders attraktiv, und außerdem würde ich in meinem Umfeld praktisch keine anderen Schwulen kennen. Da würde es mir sicher helfen, wenn ein Spitzenpolitiker, womöglich aus einer konservativen Partei, sich hinstellen würde und sagen: „Ja, ich fühle auch so. Ist keine große Sache, aber ist okay.“ Was mir sicher nicht helfen würde, ist, wenn dieser Politiker die Presse zu sich nach Hause einladen würde, um zu erzählen, wie schön es sich als „eingefleischter Junggeselle“ lebe, wobei, schade sei das schon, so ganz ohne Partnerin oder Familie, aber „der liebe Gott“ habe das eben nicht gewollt.

Und, ja, ich bin davon überzeugt, dass Sexualität keine Privatsache ist. Sondern zutiefst politisch. (Ich verweise auf die Diskussion bei Stefan Niggemeier und der Mädchenmannschaft.)

16. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für Vergiss die Frisur. Vergiss die Klamotten. · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , , ,

Im Kino gewesen, den wunderbaren norwegischen Film „Sønner av Norge“ von Jens Lien gesehen: Coming of Age, die Geschichte einer Punkjugend im Osloer Vorort, Ende der Siebziger. Was mich anfasst: Aus dem Vorort komme ich auch. Und als Punk verstand ich mich ebenfalls, als Jugendlicher, ach was, als Punk verstehe ich mich eigentlich immer noch. Wobei, was ist das eigentlich für mich, Punk?

Vergiss die Frisur. Vergiss die Klamotten. Punk ist jedenfalls nicht: eine Entscheidung bezüglich des Stylings.

Irgendwie Linkssein hilft. Ich meine, Punks sind von ihrem Selbstverständnis Anarchisten, da passt eine linke Agenda nicht wirklich zu. Andererseits: Solidarität, Antikapitalismus, Internationalismus, Multikulturalismus gehören schon irgendwo zum Punksein, und das sind ja wohl linke Werte. Man muss vielleicht nicht gleich in eine Partei eintreten, Kassenwart werden. Höhö, Punk-Kassenwart.

Und wo wir schon bei Ismen sind: Sexismus geht grund-sätz-lich gar nicht. Punk mag ästhetisch dem Bild einer harten Maskulinität nahestehen, Chauvinismus aber steht dem oben angedeuteten Linkssein von Grund auf entgegen. Im sexualpolitischen Sinne ist Punk für mich queer.

Musikalisch ist Punkrock natürlich eine recht öde Angelegenheit. Ästhetisch war die Verengung von Punk auf eine Musikrichtung eine Sackgasse, als ästhetische Bezüge sind mir viel wichtiger: Dada, Selbstironie, beißender Sarkasmus, ein spielerisches Anlehnen an DIY-Strategien. Mut, den Karren an die Wand zu fahren.

Punk ist antiautoritär. Was in der Konsequenz heißt: Punk kennt keine Stars, niemanden, zu dem ein Aufschauen lohnen würde. John Lydon: ein mäßig begabter Maler und Popmusiker, ein recht heller Kopf, jemand, mit dem ich gerne mal ein Bier trinken würde. Joe Strummer: ein verhinderter Rock’n’Roller, ein Sozialdemokrat, jemand, mit dem ich gerne mal über Widerstandsstrategien diskutieren würde. Helden sind das alles keine.

Widerstand. Ich rate vom offenen Kampf gegen das System ab: Das System ist grundsätzlich stärker, die haben auch die bessere Bewaffnung. Trotzdem, auf keinen Fall darf man sich mit dem System gemein machen. Die, die vom System ausgenutzt werden, bekommen mein Mitgefühl, die, die das System nutzen, die oben schwimmen, bekommen meine tiefe Verachtung. Sorry, mehr ist nicht drin.

Regeln brechen. Regelwerke sind das Gegenteil von antiautoritär. Diese Liste: ein Schwachsinn.

(Und jeder Punk, der mir sagt: Du gehörst nicht zu uns, der hat recht. Und gleichzeitig hat er unrecht. Denn Punk, das ist keine Gemeinschaft, zu der man gehören kann oder nicht. Punk führt seine eigenen Ausschlussmechanismen ad absurdum, wie Punk jeden Mechanismus abstößt. Gott, ist das schön.)

Und B. meint, dass wir uns verändert hätten. Früher, in Gießen, da seien wir noch losgezogen, hatten uns abwegige, freie Theaterstücke angeschaut, diesen eigenartigen Daniil-Charms-Abend etwa, damals, in der komischen Kapelle hinterm Bahnhof. Ich sage B. nicht, dass gerade dieser Abend ein schlechtes Beispiel ist, weil er nicht wirklich aus der freien Szene kam, sondern vielmehr ein Projekt der Uni war, und Uniprojekte sahen wir damals alle Nase lang, mit Leuten aus der freien Szene die wir heute noch beobachten, Showcase beat le mot oder She She Pop. Das meinte B. aber nicht. B. meinte freie Theatermacher, die an eigenen Häusern arbeiteten. Und, ja, da hatte er recht, wir fuhren früher nach Marburg, ins Theater neben dem Turm, wo eine heute unter German Stage Service firmierende Gruppe um den Regisseur Rolf Michenfelder eine eher unakademische postdramatische Dramaturgie verfolgte. Machen wir heute nicht mehr, heute schauen wir uns auf Kampnagel freie Gruppen an, die tolles Theater machen und mit diesem drei, vier Produktionsstätten abklappern, das HAU in Berlin, das Forum Freies Theater in Düsseldorf, Kampnagel noch, dazu die wichtigen Festivals, manchmal ist außerdem jemand Artist in Residence an einem Staatstheater. Produziert werden diese Stücke fast ausschließlich in Berlin, einige wenige Gruppen residieren noch in Hamburg oder Wien, und das war es dann auch. Unser Bild von freiem Theater ist ein ziemlich eingeschränktes.

In den vergangenen Wochen brach dieses Bild für mich ein wenig auf. Zum einen bei den Privattheatertagen, bei denen ich freie Produktionen gesehen habe, die einem eher konventionellen Theaterverständnis anhängen, zum anderen aber gerade beim Kaltstart Festival, das jüngeres, wilderes, ungeordneteres Theater zeigt. Vor allem: Theater, das aus anderen Produktionszusammenhängen kommt, jenseits der HAU-Kampnagel-FFT-Schiene. Gestern Tom Lanoyes Antikenüberschreibung „Atropa“ vom Theaterdiscounter Berlin in der Regie Anne Schneiders, ein derzeit viel gespielter Text, der sicher seine Qualitäten hat, mit dem ich aber nichtsdestotrotz wenig anfangen kann. Schneider inszeniert ihn ohne massives Hinterfragen ihrer Theatermittel, als kluges, postmodernes Stadttheater, und hat dafür ein tolles Ensemble zur Verfügung, allen voran Susanne Bormann, in deren Sookie Stackhouse-hafte Widerborstigkeit ich mich vom ersten Auftritt an ein wenig verliebt habe. Nur eben: keine Neuerfindung des Mediums, Theater, wie es auch am ambitionierten Stadttheater hätte laufen können.

Was aber, wenn man nicht in Berlin ist, wo solche Stücke ja wirklich auf den Stadttheater-Spielplänen stehen? Was, wenn man auf dem platten Land ist, wo niemand Ambitionen zeigt? Ambitionslosigkeit trifft auf Bochum zwar nicht wirklich zu, trotzdem kann ein Theater wie die Rottstraße 5 hier neben dem durchaus ambitionierten Schauspielhaus Anselm Webers bestehen. Oliver Paolo Thomas inszeniert „Fight Club“ recht nah am Film, das heißt: testosterondampfend, sarkastisch, blutig. Kann man machen, gerade im Ruhrgebiet, ist dann ein nicht reizloses Jugendtheater, für eine Jugend, die nicht wirklich zu den Coolen gehört, ohne Seitenscheitel, ohne Berliner Wohnung, ohne dieses „Hab ich alles schonmal gesehen“, das mir an mir selbst immer unangenehmer auffällt.

Und, ja, B. hat ja recht. Wir haben uns verändert. Wir sollten uns noch einen Tacken weiter ändern, sag‘ ich jetzt einfach mal.

Edit: Am Donnerstag, 12. 7., gibt es beim Kaltstart Festival ein Publikumsgespräch, im Anschluss an die Aufführungen „Dido und Aeneas“ und „The Making of Make-up“, in der Theaterakademie Hamburg (Zeisehallen), moderiert von Berit Paschen und mir.

04. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für On the road again · Kategorien: Cat Content · Tags: , ,

Muss ich mir so etwas eigentlich anhören, wenn ich Bus fahre? Einen Busfahrer, der eine Radfahrerin blöde beiseite hupt, direkt neben ihr abbremst und sie durchs offene Fenster anblafft, dass sie nicht mitten auf der Fahrbahn fahren solle? (Die Dame fuhr anscheinend wirklich etwas unglücklich auf der Straße.) Und Fahrgäste direkt hinter mir, ein glatzköpfiger Typ und eine etwas übertrieben rausgeputzte Frau, beide nicht nennenswert älter als ich, die das Geschehen kommentieren.

Underso: „Hätte er sie doch umgefahren. Fotze, was fährst du auch auf der Fahrbahnmitte? Neeneenee, ich hasse ja Radfahrer, neeneenee. Und hätte er sie doch umgefahren. Was fährt die auch so scheiße, die Fotze? Ständig mitten auf der Straße, die Radfahrer, mit ihrem Spielzeug. Neeneenee.“

Undsieso: (sagt nichts, lächelt, himmelt ihn so an.)

Undichso: (sage auch nichts, fühle mich schlecht. Schäme mich irgendwie, weil ich nichts sage.)

Für Angenehmeres und Wissenswertes aus dem Hamburger Nahverkehr verweise ich auf das lohnende Themenblog Rycon.

„Privattheatertage“ ist ein eigenartiger Name für ein Festival. Eigenartig, weil „Privattheater“ eine ökonomische und keine ästhetische Kategorie ist: Ein Privattheater ist ein Theater in privater im Gegensatz zum Theater in öffentlicher Trägerschaft. Und weil private Träger Geld verdienen wollen, hängt diesen Bühnen der Ruf an, ein leicht verdauliches Programm zu fahren. Was zwar schon eine ästhetische Frage ist, allerdings verschleiert, dass Privattheater nicht völlig ohne Förderung durch die öffentliche Hand auskommen müssen, das heißt: ihre Dramaturgie nicht ausschließlich nach marktwirtschaftlichen Kriterien auszurichten brauchen.

Wer dieses Blog hin und wieder liest, der weiß, dass ich grundsätzlich kein Freund des Prinzips Marktwirtschaft bin. Wobei ich an manchen Stellen mit mir reden lasse, ob Markt nicht (wenn man ihn ernst nehmen würde) vielleicht zeitweise eine ganz akzeptable Organisationsstruktur des Zusammenlebens sein mag. An manchen – aber keinesfalls darf marktwirtschaftliches Denken meiner Meinung nach drei Bereiche prägen: 1.) Soziales/Gesundheit 2.) Bildung/Wissenschaft und 3.) Kultur. Das bundesrepublikanische System ist für mich nicht zuletzt deswegen eine Zumutung, weil es die ersten beiden Bereiche immer stärker marktwirtschaftlich durchmischt. Die Kultur hingegen funktioniert halbwegs als dem Markt enthobener Schutzraum, zumindest in manchen Disziplinen (Theater, Kino, öffentlich-rechtliches Fernsehen).

Entsprechend skeptisch besuchte ich vor vier Wochen die ersten Hamburger Privattheatertage, ein Festival, organisiert vom Altonaer Theater, das sich ziemlich viel darauf einbildet, zumindest nicht unmittelbar am Subventionstropf zu hängen, das sich aber gleichzeitig auch von der Staatstheaterszene unfair behandelt fühlt: Nie wird man zum Theatertreffen eingeladen, wo man doch so anspruchsvolles Theater mache! Wie gesagt, ich war sehr skeptisch. Und dann ziemlich angetan, vom Ballhaus Naunynstraße, vom Jungen Theater Göttingen, vom Grips. Und eben auch entsetzt, wie so ziemlich bei jedem Festival. Wie genau ich es fand, habe ich für die aktuelle Theater heute aufgeschrieben. (Link nur für Abonnenten zugänglich.)