Hurra, Google ist wieder da! Keine Ahnung, woran das liegt, aber auf jeden Fall hat die Krakensuchmaschine dieses kleine Blog seit Mitte des Monats wieder gelistet. Was auf der einen Seite zur Folge hat, dass die Besucherzahlendurststrecke vom Juli vorbei ist, auf der anderen Seite aber auch, dass mir die Besucherstatistik von all den „sophia thomalla brust“-, „sophia thomalla titten“- und „simone thomalla sex“-Googlern verhagelt wird. Ach, was für unappetitliche Fetische es doch gibt!

Egal, jeder, der hier vorbei schaut, ist erstmal willkommen, zumal wenn er sich ordentlich benimmt! Und das tun die meisten ja auch, zumindest üble Beschimpfungen im Kommentarbereich gab es schon lange keine mehr. Und vielleicht kann ich auch ein paar Fragen beantworten, die hoffnungsfrohe Menschen ins Suchfeld ihres Browsers eingeben haben?

1. „kunst, sexualität und geschlechterkonstruktionen“ Immerhin fünfmal tauchte diese Anfrage in der Statistik auf, meine Lieblingsanfrage. Weil, Leute, die sich für solche Themen erwärmen, die will ich auf meiner kleinen, netten Seite haben – und eben keine Dumpfbacken, die sich nur dafür interessieren, ob Devid Striesow schwul sei (neun Anfragen). Letzteren sei zum x-ten Male um die Ohren gehauen: Nein, ist er, soweit ich weiß, nicht. Wobei „schwul“, „hetero“, „bi“: Solche Kategorien sind sowas von Neunziger! Beschäftigt euch mal ein wenig mehr mit Kunst, Sexualität und Geschlechterkonstruktionen, dann kapiert ihr, dass es Cooleres gibt, als nach der Veranlagung eines geschätzten Schauspielers zu googlen.

2. „filme mit sophie rois nackt ansehen“ Ich empfehle „Drei“ von Tom Tykwer, da ist die verehrte Frau Rois mehrfach nackt zu sehen (und mit ihr auch, als kleines Plus, Devid Striesow, ich meine ja nur!). Es gab auch mal einen alten, österreichischen Tatort mit nackter Rois, „Passion“, 2000 von Felix Mitterer gedreht. Oder verstehe ich die Frage falsch? Geht es darum, selbst nackt zu sein, während man einen Film mit Sophie Rois schaut? Oder gar darum, einen Film gemeinsam mit Sophie Rois zu schauen, und beide Zuschauer sind nackt?

3. „schmalste straße ulms“ Puh. Ich würde sagen, im Fischerviertel, ein Verbindungsweg zwischen Schwörhaus- und Fischergasse. Aber der ist nur für Fußgänger. Ob das als Straße zählt? Einfacher beantworten ließe sich die Frage nach der längsten Straße Berlins: Das ist das Adlergestell. Wollte nur niemand wissen.

4. „makler hamburg für weniger geld“ Die Frage ist falsch gestellt. Es gibt keine Makler für weniger Geld, weil Makler ihre Gebührenordnung haben und schön blöde wären, wenn sie von der abweichen würden. Eine andere Frage ist, wofür Makler eigentlich ihr Geld bekommen: fürs Vermitteln von Wohnungen. Nur vermitteln sie in einer Hochpreisstadt wie Hamburg gar nicht, sie schließen vielleicht die Tür bei der Wohnungsbesichtigung auf, sie sammeln die Selbstauskünfte ein, und die leiten sie weiter an den Immobilienbesitzer. Für diese extrem anspruchsvolle Tätigkeit kassieren sie drei Kaltmieten Courtage. Ist das gerechtfertigt? Falls man diese Frage mit „Nein“ beantwortet, sollte man sich eine zweite Frage stellen: Weswegen stütze ich dieses System dann eigentlich noch?

5. „wie macht man einen seitensprung“ Nunja, ich fürchte, das passiert einem einfach. Oder geht es hier tatsächlich konkret um eine Handlungsanweisung, so von wegen Ausziehen, Knutschen, Finger hier, Lippen dort und dann hoffentlich auch noch irgendwo ein Kondom?

6. „heidi brühl mädels vom immenhof duschszene“ Diese Anfrage habe ich Kid37 zu verdanken, der im Vormonat kommentierte, dass bei ihm ständig Leser nach besagter Duschszene suchen würden. Ich habe keine Ahnung, ich weiß nicht einmal, was die „Mädels vom Immenhof“ sind, und dass die womöglich auch mal geduscht haben – mag sein, aber für mehr Informationen wäre es besser, wenn man bei berufenem Munde nachfragt: Das hermetische Café, ohnehin ein empfehlenswertes Blog.

7. „eheliche pflichten sex humor“ Das passt gar nicht zusammen, Sex und Humor. Und: „eheliche pflichten“, da geht es um Pflicht, da wird nicht gelacht, da wird die Pflicht erfüllt! Wegtreten!

8. „falk schreiber theater heute“ Ja, hier?

28. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Die Welt wäre besser, gäbe es mehr Typen wie Thees Uhlmann · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , , ,

Dass ich mit Thees Uhlmann wenig anfangen kann, habe ich schon einmal beschrieben. Nun war es aber so, dass Uhlmanns Label Grand Hotel Van Cleef Zehnjähriges feierte, auf der Bahrenfelder Trabrennbahn, und die schöne, kluge Frau wollte da hin. Dachte ich mir: Mensch, was für doofe Kulturveranstaltungen die schöne, kluge Frau schon mehrere Male mir zuliebe über sich ergehen ließ! Und außerdem wird man ja nicht dümmer, nur weil man sich ein Konzert anschaut, also dachte ich mir, wie gesagt: Gehste mal mit.

Und so einfach ist das alles gar nicht.

Uhlmann ist nämlich gar nicht der Hauruck-Kumpelrocker, den man ihm immer wieder unterstellt, Spezialist für Bier, Männerfreundschaften, Fußball. Uhlmann ist, das macht der Doppelauftritt (einmal solo mit der „Thees Uhlmann Band“, einmal für einen Kurzauftritt mit der Ur-Trio-Besetzung von Tomte, rumpeligen Songwriterpunk als hätten wir noch 2001) deutlich, ein Showman, das ja. Der genießt es, im Mittelpunkt zu stehen, der genießt es, Zuarbeiter zu haben, die ihn mit einem sämigen Wall of Sound umschmeicheln. Weswegen er beim Soloauftritt tatsächlich im Mittelpunkt steht, kaum noch Gitarre spielt (nur auf ein paar Songs eine zurückhaltende Akustische), sondern einnehmend die Arme ausbreitet: „Ich liebe euch! Wirklich!“ Und dazu einen Anzug trägt, der ihm, ehrlich gesagt, ziemlich gut steht – dieser Auftritt ist deutlich mehr Camp als ich es Uhlmann zugetraut hätte. Und nicht zuletzt wagt sich dieser Auftritt bewusst auf unsicheres Terrain. Da ist kein 08/15-Schrammelpop mehr, da sind wirklich große Arrangements, zu denen vieles passt – was nicht passt, ist eine Rapeinlage, also holt sich Uhlmann für „Und Jay-Z singt uns ein Lied“ einen Rapper auf die Bühne, Casper, den ich in seinem komischen Indie-Emo-Authentizitätsgehabe auch nicht ausstehen kann, aber man muss Uhlmann durchaus zu Gute halten, dass er nicht auf Nummer Sicher geht, sondern dass er Sachen ausprobiert, die theoretisch auch schief gehen könnten.

Vor mir tanzt ein älterer Typ mit Kutte. Auf der Kutte ein Aufnäher: Böhse Onkelz. Uhlmann würde sagen: Besser, die Onkelz-Fans kommen zu mir und hören dort gute Musik mit guten, linken Texten als dass sie zu Störkraft gehen würden, und natürlich hat Uhlmann da irgendwo recht. Es gibt blöderes Denken für einen Labelchef (der Uhlmann ja auch ist, Mensch, der Typ ist sowas von Indie, da kann ich ja gar nichts gegen haben!) als das: Der Kapitalismus ist scheiße, aber wenn wir uns ein bisschen anstrengen, zumindest keine ganz so großen Arschlöcher zu werden, dann kommen wir da halbwegs würdevoll durch. Ist doch klasse, nicht? Die Welt wäre besser, gäbe es mehr Typen wie Thees Uhlmann.

Noch viel besser wäre die Welt aber, gäbe es mehr Typen wie Kettcar, deren Sänger Marcus Wiebusch ebenfalls am mittelständischen Unternehmen Grand Hotel Van Cleef beteiligt ist und die nach Uhlmann spielen. Im direkten Vergleich sind dann nämlich die Verhältnisse wieder zurecht gerückt. Uhlmann denkt: Der Kapitalismus ist scheiße, aber wenn wir uns ein bisschen anstrengen, zumindest keine ganz so großen Arschlöcher zu werden, dann kommen wir da halbwegs würdevoll durch. Kettcar denken: Der Kapitalismus ist eine Zumutung, und egal wie wir uns anstrengen, würdevoll kommen wir da nicht durch. Wir müssen auch unsere Miete zahlen, deswegen hängen wir uns rein, aber gut wird da nichts mehr. Und auf Onkelz-Fans könnten wir eigentlich auch verzichten.

Und irgendwie hört man diese andere Haltung auch der Musik von Kettcar an. Ich fühle mich da mehr aufgehoben.

Vielleicht ist S.‘ Meinung in ihrer Uneindeutigkeit des Eindeutigste, was ich erwarten kann. Grau sei der Bereich, in dem ich mich bewege, nicht schwarz, nicht weiß, nicht verwerflich aber auch nicht mehr zweifellos in Ordnung. Okay.

Mir war unwohl, als die Anfrage kam, ob ich nicht einen Artikel schreiben möchte für ein Buchprojekt, das die fünf Jahre rekapituliert, die Matthias von Hartz Leiter beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel war. Für ein Buch, dessen Texte verfasst würden von Wissenschaftlern, Künstlern, Theaterfunktionären. Und von einem Journalisten, von dem ein kritischer Kommentar zu den vergangenen fünf Jahren erwartet wurde: von mir. Mir war unwohl, weil das bedeuten würde, dass ich plötzlich auf der Seite derer stehen würde, über die ich ansonsten berichte, kritische Rekapitulation hin oder her, nicht zuletzt ökonomisch würde das einen Interessenskonflikt bedeuten. Oder?

Ich fragte meine Freunde auf Facebook. „Mach das, gar kein Problem!“ antworteten die Freunde, die nichts mit Journalismus zu tun haben, Künstler meist, Theatermacher, Schriftsteller. „Geht gar nicht!“ antworteten die Freunde, die journalistisch arbeiteten. „Grau“, antwortete S.

Die Grenzen verschwimmen. Ich mag das Theater ja, ich interessiere mich für Theaterthemen, und wenn es gut läuft, dann merken die Theatermacher: Da ist einer, der interessiert sich wirklich für uns. Man beginnt, sich zu mögen. Aber wo ist die Grenze, ab welchem Punkt ist man kein kritischer Beobachter mehr? Dort, wo man sich mag? Sobald man mit der Pressesprecherin betrunken unterm Tisch liegt, sobald man mit dem Dramaturgen knutscht? Oder sobald man Aufträge annimmt, hier in eine Jury geht, dort einen Text für ein Programmheft schreibt, da als Fachmann auf einem Podium sitzt?

Ich habe versucht, mich als Journalist aus der Berichterstattung übers Sommerfestival so gut es geht rauszunehmen. Das Interview mit dem Schwabinggrad Ballett fürs uMag führte nicht ich, sondern meine Praktikantin Nele. Theater heute zog den Wunsch nach einem Artikel von sich aus zurück, nachdem ich von meiner Situation berichtete. Für die Nachtkritik habe ich zwei Texte geschrieben, wenn ich sie heute noch einmal lese, fällt mir auf: Womöglich war ich kritischer als es angemessen gewesen wäre, womöglich versuchte ich, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Das ist alles keine Lösung. Aber niemand soll glauben, dass ich es mir leicht machen würde.

(Lesetipp: Falk Schreiber, Immer diese Widersprüche. In: Matthias von Hartz (Hg.), Besser wär’s, es gäbe wirklich was zu feiern. Kunst und Politik beim Internationalen Sommerfestival Hamburg 2008-2012. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012. S. 24-29)

19. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Ich verstehe praktisch gar nichts von Wirtschaft · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

Matthias von Hartz hat in seiner letzten Saison als Leiter des Kampnagel-Sommerfestivals die „Grenzen des Wachstums“ ausgerufen. So ein politisches Motto klingt großartig und schleift sich im Festivalalltag schnell zur bloßen Behauptung ab, weswegen es zur Festivalmitte regelmäßig eine Art politisch-theatralen Marathon gibt, dieses Jahr unter dem Namen „Ausgewachsen“: „Wirtschaftswissenschaftler … Scharlatane, Gelehrte und Künstler“ beschäftigen sich acht Stunden – einen Arbeitstag lang – mit Wachstumsgrenzen, bereiten „uns mit Tanz und Theorie, Musik und Schnaps auf das neue Leben“ vor. Und Schnaps, hey!, da freut sich der prototypische Arbeitnehmer doch drauf, am Ende des Arbeitstages!

Vor den Schnaps aber hat der Herr die Theorie gesetzt, und für die sind zuständig: Niko Paech, Wirtschaftswissenschaftler aus Oldenburg, und Ulrich Brand, Politikwissenschaftler aus Wien. Die sorgen in zwei Kurzvorträgen erstmal dafür, dass man als ökonomisch nicht allzu beschlagener Theatergänger nicht glauben mag, dass jemand, der auch nur halbwegs seine Sinne beisammen hat, für mehr Wachstum plädieren könnte.

Wenn ich mir überlege, was ich in den vergangenen 40 Jahren falsch gemacht habe, dann steht recht weit oben: Ich habe mich nicht ausreichend mit Wirtschaft auseinander gesetzt. Ich habe mich eigentlich überhaupt nicht mit Wirtschaft auseinander gesetzt, da war ich immer zu arrogant für, Wirtschaft, das ist doch der langweilige Kram, der Typen interessiert, die sich um ihre armselige Karriere sorgen, mit mir hat das nichts zu tun! Und was habe ich jetzt von meiner Arroganz? Die Wirtschaft findet statt, rund um mich herum, und ich verstehe nur Bahnhof. Griechenland, Sozialsystem, Kultursubventionen: Bahnhof. Um mich herum werden Entscheidungen gefällt, und ich muss das einfach geschehen lassen, weil, ich kann ja nicht mitreden.

Auch beim Theatermarathon „Ausgewachsen“ zum Thema Grenzen des Wachstums auf Kampnagel: Bahnhof. Aber wenigstens reicht mein Nichtverstehen, um für die Nachtkritik aufzuschreiben, was ich alles nicht verstanden habe. (Man muss auch mit kleinen Dingen zufrieden sein.)

Ich muss aufhören, mir das alles immer so zu Herzen zu nehmen.

Ich lese ja praktisch keine Krimis. Die interessieren mich nicht besonders, auch wenn ich weiß, dass es da literarisch recht anspruchsvolle Exemplare gibt: Es gibt auch literarisch überaus anspruchsvolle Science-Fiction-Romane, die lese ich praktisch auch nicht, weil sie mich nicht interessieren. Meine Güte, ich lese schon nicht alles, was mich interessieren würde, weil ich keine Zeit habe, weswegen soll ich dann Sachen lesen, die mich nicht interessieren? Zumal ich glaube, dass „Der Sturm“, ein sogenannter „Schwedenkrimi“ von Per Johannson auch nicht wirklich zu den literarisch spannendsten Beispielen zählt. Jedenfalls, Per Johannson ist ein Pseudonym. Und zwar von Thomas Steinfeld und Martin Winkler, und Thomas Steinfeld ist Feuilletonchef der geschätzten Süddeutschen Zeitung. In „Der Sturm“ wird ein Journalist ermordet, und dieser Journalist trägt die Züge von Frank Schirrmacher, Feuilletonist und Mitherausgeber der weniger geschätzten aber geachteten Frankfurter Allgemeinen Zeitung, so genau habe ich das nicht verstanden, und, wie gesagt, es interessiert mich eigentlich auch nicht besonders. Alles in allem ist „Der Sturm“ wohl so eine Art Hahnenkampf unter so Journalisten-Alphatierchen, und wenn mich etwas noch weniger interessiert als Kriminalromane, dann sind das Alphatierchen.

Jan Fleischhauer, notorisch unorigineller Rechtsausleger beim Spiegel hat das in einem für Fleischhauer-Verhältnisse ganz amüsanten Text so ähnlich analysiert. Es geht weniger um den Roman (der, wie ich annehme, das Lesen nicht lohnt, andererseits, woher nehme ich eigentlich diese Arroganz?), es geht über weite Strecken um die Person Schirrmacher, und weswegen Fleischhauer dem kritisch gegenüber steht, schließlich auch, weswegen er ihn eigentlich bewundert. (Man müsste sich wirklich mal Gedanken darüber machen, inwiefern dieser typisch rechte Hass auf alles Fremde in Wahrheit ein entsetzlich verkehrt sublimiertes homoerotisches Begehren darstellt.)

Und dann, in den letzten beiden Absätzen seines Textes, schmeißt Fleischhauer alles um. Plötzlich geht es nicht mehr um Schirrmacher und Steinfeld und Schwedenkrimis, plötzlich geht es ums Feuilleton. Fleischhauer schreibt:

Feuilleton ist in erster Linie Peergroup-Journalismus: Der eigentliche Adressat sind nicht die Leser, von denen der Chefredakteur ständig quasselt, sondern die Kollegen in den anderen Kulturabteilungen, also etwa 200 bis 300 Leute, die hoffentlich gehörig davon beeindruckt sind, wie virtuos man die Pussy Riots durch die Adorno-Mühle gedreht oder ein völlig unauffälliges Bürogebäude zum hässlichsten Hochhaus Berlins erklärt hat.

Man teilt sich die Vorurteile, die Kneipen und praktischerweise auch die Wohnviertel, also etwa fünf Kilometer rund um das Grill Royal in der Mitte der Hauptstadt. Kein Wunder, dass sich umgekehrt jemand allein durch die Tatsache verdächtig macht, wenn er dort nicht verkehrt, sondern lieber an seinem See am nächsten Bestseller sitzt. Das ist zwar ebenfalls elitär, aber auf eine so exzentrische Weise, dass es für diese Art kleinkollektiver Dünkelhaftigkeit völlig ungeeignet bleibt

Ich weiß nicht, weswegen Fleischhauer das macht. Ich fürchte, er saß am Ende seines Texts und stellte fest: „Meine Güte, ich habe einen ganzen Artikel geschrieben, und ich habe bisher kein einziges Mal auf eine Verschwörung hingewiesen, auf linke Eliten, die sich zusammenrotten und dem gesunden Volksempfinden mittels Political Correctness vorschreiben, was es zu denken hat! Das geht nicht, da muss ich noch ein Feindbild konstruieren, und weil Islam, Feministinnen oder Grüne partout nicht in meinen Text passen, nehme ich eben das Feuilleton.“ Wenn ich, Falk Schreiber, da mal aus meinem Nähkästchen plaudern darf: Ich glaube, der Adressat meiner Texte sind sehr wohl die Leser. Eigentlich war es in jeder Kulturredaktion, in der ich bislang war (und so wenige sind das ja nun nicht) so, dass einem immer eingebläut wurde, dass man bei seinen Texten nicht an ein Fachpublikum zu denken habe, auch nicht an die Redakteurskollegen, sondern bitte immer an die Leser. Und in der Regel wurde das auch immer befolgt. Ich glaube, der einzige, der diesem Ratschlag nicht folgt, ist der politische Feuilletonist Jan Fleischhauer: Der schreibt nicht für Leser, der schreibt dafür, dass Kollegen wie ich den Artikel lesen und sich beleidigt fühlen.

Wenn man allerdings die Kommentare unter dem Text liest, dann stellt man fest, dass Fleischhauer durchaus einen Nerv getroffen zu haben scheint. Journalisten sind per se schon nicht wahnsinnig beliebt in der Bevölkerung, aber besonders unbeliebt unter den unbeliebten Journalisten sind anscheinend die Feuilletonisten. „Das bestätigt meine wildesten Vorurteile gegen Journalisten des ‚Kulturteils‘ der Medien. Wie armselig und lächerlich ist das denn …… . Wie kann so ein Schreiberling denken, irgendwen außerhalb seines Biotops interessiert seinen Hass gegen einen Konkurrenten? Einfach nur abgrundtief infantil!“ schreibt „geleeman“. „(Dieser Skandal) ist der untaugliche Versuch der Feuilleton-Zombies dem Leser vorzugaukeln das Feuilleton habe Lebendigkeit. Diese Buchalter der politischen Korrektheit – die es für eine Unverschämtheit halten, dass Physiker ihnen vorschreiben, dass das Jahr 1968 schon der Vergangenheit angehört – schreiben im Feuilleton, weil jedermann/frau weiss, dass sie dort am wenigsten Schaden anrichten können. Außer ihren paar Hundert Gleichgesinnten liest es sowie so niemand und so können sie dort – befreit von der Last der Realität – an ihren Legenden arbeiten. Ärgerlich nur dass man diese ewig gestrigen durch den Kauf einer Zeitung mitfinanzieren muß“, schreibt „HolgerS“. „Wie gut muss es Deutschland gehen, dass wir uns Schirrmacher und Fleischhauer noch leisten können. Wenn es uns wirklich nicht gut ginge, wären das zwei Posten, die schnell von der Lohnliste runter könnten, ohne das ein wirklicher Verlust wäre. ;-)“ schreibt „lini71“. So immer weiter, Feuilleton ist „links“, nutzlos, bald kommt auch der Vorwurf des „Gutmenschentums“, den Fleischhauer-Fans immer schnell zur Hand haben. (Dass das Feuilleton der eher rechten FAZ tatsächlich einen leichten Zug nach links hat – geschenkt. Dass aber das Feuilleton der eher linken taz eher ins Bürgerliche tendiert, wird fröhlich ignoriert.) Könnten sie, dann hätten diese sympathischen Figuren Journalisten wie mich längst arbeitslos gemacht. Könnten sie, dann hätten sie noch ganz andere Dinge mit mir gemacht. Mir ist schlecht.

Ich muss aufhören, mir das alles immer so zu Herzen zu nehmen.

13. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Nachlese Dockville 2012 · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , , , , ,

Was? Dockville 2012, 10.-12. 8. 2012, HH-Wilhelmsburg, Reiherstieg

Verpasst? Apparat Band. Wollte ich mir anhören, trotz allzu großen Pathosfaktors auf der CD, aber dann spielten parallel Hot Chip, ganz ohne Pathos, und ich blieb hängen.

Frittenbude, die ich ja eigentlich ganz gerne mag. War aber dieses Wochenende gar nicht meins.

James Blake, weil ich die musikalische Qualität des jungen Mannes ohne Wenn und Aber anerkenne, aber trotzdem gar nichts mit ihm anfangen kann. Und außerdem Samstagabend ach so todmüde war.

Niels Frevert, weil parallel Tocotronic spielten, und da bin ich dann eben doch eine treue Seele. Außerdem sah ich Frevert dieses Jahr ja schon einmal.

Schönster Konzertmoment? Hängt eng zusammen mit dem Glitzerkleid von Metronomy-Schlagzeugerin Anna Prior (auf dem Bild die zweite von rechts, das Kleid ist aber nicht zu sehen).

Überraschendster Konzertmoment? Als die Sleep Party People nach ihrem verstörenden, düsteren Set ihre Hasenmasken absetzten und sich als grundsympathisch dreinschauende, ganz normale Jungs entpuppten.

Und die Kunst? Habe ich hier beschrieben.

Und jetzt? Setze ich mich an einen Artikel für die junge Welt, in dem ich das Thema noch ein wenig genauer behandle (den man hier lesen kann):

Egal, das Hamburger Indiepop- und Kunstfestival Dockville hat den Ruf weg, ein Hipster-Festival zu sein. Und tatsächlich, vergangenes Wochenende war die Jutebeuteldichte im Hamburger Hafen signifikant hoch. Wobei hier das Problem weniger die paar Typen waren, die einen Tacken cooler sind als man selbst, sondern immer noch die vielen entsetzlich uncoolen Typen. Uncoolness, harmlos: Frauen, die beim ersten Hauch von Tribal-Klängen entrückten Ausdruckstanz versuchen, barfuß im Staub. Uncoolness, weniger harmlos: vierschrötige Typen zwischen Bundeswehr und BWL-Studium, die sich während des selbstquälerischen Auftritts von Dillon lautstark mit ihren sogenannten Ischen unterhalten. Ja, solche Nasen gibt es auch beim Dockville. Wenn man sich über die mokiert, ist man dann ein Hipster?

Und hier geht’s zum uMag-Twitterwall.

Weitere Besprechungen: pop10, Les Mads, Birgit Reuther im Hamburger Abendblatt.

12. August 2012 · Kommentare deaktiviert für In den Händen eines Geists · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , ,

Man trägt Stereokopfhörer, durch die man neben Anweisungen auch Alltagsgeräusche hört – die einen freilich mehr verwirren als dass sie einem helfen würden. Und man trägt eine Brille, durch die man nur noch Schatten und Lichtwechsel erkennt, Lichtwechsel, die aber meist nichts mit der Umgebung zu tun haben, sondern von Mitarbeitern mittels Taschenlampen hergestellt werden. Mit anderen Worten: Man ist vollkommen desorientiert. Und man kann nicht anders als den Händen vertrauen, die einen kurz berühren, in eine bestimmte Richtung lenken, einen mit leichtem Druck auffordern, stehen zu bleiben.

Nachdem das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel mit einer Hafenkonzertrundfahrt verhältnismäßig ernüchternd begann, folgt jetzt eine Produktion, die mich versöhnt: „Symphony of a Missing Room“ von Lundahl & Seitl. Auf der Nachtkritik steht, wie ich es fand, jegliche Verantwortung abzugeben und mein Schicksal in Hände unsichtbarer Geister zu legen.

09. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Dämmertörn mit High Society · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Ach, Elbe, schönster Fluss der Welt! Die Elbe schlägt alles, in ihrer atemberaubenden Schönheit, in ihrer Mächtigkeit, ihrer Stille, ihrer Monströsität, die Elbe schlägt nicht zuletzt: die Kunst. Indem sie einfach da ist, nach Nordwesten fließt, nach Südosten fließt, je nach Tide. Die Elbe schlägt das Hafenrundfahrtkonzert „Die Ausgedehnten“, mit dem Schorsch Kammerun und Fabian Hinrichs das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel eröffneten und damit, sorry für den Kalauer, krachend Schiffbruch erlitten.

So sieht es aus: Am frühen Abend treffen sich geladene Gäste an den Landungsbrücken, Politiker sind da, Kulturprominenz, lokale Größen, Journalisten auch. Erwartet wird eine Barkasse, bestiegen wird aber die MS Hamburg, eine Art Großyacht, Glamour für den Großburgwedeler Baggersee. Und mit der schippert man dann eine halbe Stunde elbabwärts, eine halbe Stunde elbaufwärts, an Containerterminals entlang, an Villen, irgendwann auch mal am Rohbau der Elbphilharmonie. Theater gibt es derweil auch. Man sieht Fabian Hinrichs nicht, aber er erzählt übers Bordmikro: wieviele Flachbildschirme in so einen Container passen, meine Güte, wer soll das alles anschauen? Das sind so die Momente, an denen der Abend das Sommerfestival-Motto „Grenzen des Wachstums“ aufzunehmen scheint, aber dann schaut man doch wieder dem Anzugträger auf der Reling zu, wie er auf das mit Bürobauten zugepflasterte Elbufer zeigt, „Perlenkette“ nennen die Stadtplaner dieses Quartier, und man denkt sich, dass der unbekannte Anzugträger wahrscheinlich ein Investor ist, der seinem Gesprächspartner gerade vorrechnet, welche Rendite eine Immobilieninvestition hier abwerfen würde. So denkt man, und man verpasst, was Hinrichs weiter erzählt, man verpasst auch, dass längst nicht mehr erzählt wird, sondern gesungen, im mittlerweile klassischen Goldene-Zitronen-Sound zwischen Krautrock, Elektronik, Jazz und spätem Postpunk. Man sieht ja auch nichts, das einzige, was man sieht, ist die Elbe, die wunderschöne Elbe.

Ach, es ist schade, dass dieser Abend so tranig den Fluss runtersuppt. Weil Schorsch Kamerun ein toller Querschläger in der Theaterwelt ist, der sicher einiges hätte sagen können, zu diesem Fluss, der gnadenlos durchkommerzialisiert die Stadt durchquert, wirtschaftliche Schlagader und touristischer Hotspot, einiges hätte Kamerun sagen können, wenn man ihm nur zugehört hätte. Es ist auch schade, weil Fabian Hinrichs ein göttlicher Performer ist, den man gerne erlebt hätte, live und nicht nur durch eine viel zu leise Schiffslautsprecheranlage. Und nicht zuletzt ist es schade, weil dieses Sommerfestival, für das „Die Ausgedehnten“ ja doch irgendwie ein Fanal sein soll, ein Startsignal, weil dieses Sommerfestival das letzte ist unter der Leitung Matthias von Hartz‘, dem wahrscheinlich politischsten Kopf, der momentan in der Theaterszene unterwegs ist, und der zukünftig das internationale Theaterprogramm „Foreign Affairs“ der Berliner Festspiele kuratieren soll. Da hätte man sich schon gewünscht, dass dieser zutiefst politisch denkende Theatermacher einen Abschied aus Hamburg bekommt, der vielleicht wirklich politisch ist und nicht nur dieser Dämmertörn mit High Society, als den man „Die Ausgedehnten“ leider wahrnimmt.

Aber die Elbe! Die versöhnt einen dann auch wieder, das ist wahr. Monströs und hässlich und atemberaubend schön: der schönste Fluss der Welt.

Wird diese Rubrik jetzt zur Werbekritik? Gibt es außer schlechter Werbung keinen Anlass zum Kotzen auf offener Straße? Alltagssexismus, Euro-Rettungsschirm, Verfassungsschutz? Egal. Gestern im Kino gewesen, „The Dark Knight rises“, was schlechter war als gehofft aber besser als gedacht, und vorab lief ein Spot für die Billigzigarettenmarke L&M, ein Spot, der so widerlich anmutete, dass mir der halbe Batman verdorben war. Die Handlung des kurzen Films jedenfalls sieht folgendermaßen aus: Man sieht feiernde Menschen im Club, der Alkohol fließt in Strömen, ein hübscher DJ legt mehr oder weniger massentauglichen Deep House auf – und plötzlich ist der Strom weg. Kein Sound, kein Licht, mehrere Sekunden, originellerweise hört man Stimmengewirr, „Pschht!“. Und plötzlich sehen wir Blitze, Funken, dann erglimmt ein Feuerzeug, der DJ zündet sich eine Zigarette an, ein Zug, Genuss, noch einer. Und dann ist der Sound wieder da, cooler, lauter als zuvor, alle sind glücklich.

Ich weiß gar nicht, was mich an diesem harmlosen Spot am meisten anwidert. Vielleicht: die Szene, die hier feiert, blondierte Frauen im knappen Rock, muskulöse Jungs im schrillen Hemd, Schnaps schwappt, Daumen werden nach oben gereckt, Grüppchen hüpfen im Takt, man glaubt, Grölen zu hören, man glaubt, Schweiß zu riechen. Ich bin überzeugt, dass der Clip in einer echten Disco aufgenommen wurde, solche Typen kann man nicht casten, solche Typen findet man nur in der realen Welt. Allerdings vor allem in Läden wie dem Münchner P1 oder dem ibizenkischen Club-Franchise Pacha, Läden, die irgendwo schon ein existierendes Nachtleben repräsentieren, aber das ist ein Nachtleben, das wenig zu tun hat mit Weltflucht und viel mit Reproduktionsleistung, Leistung, die die anwesenden Hardbodies mit jedem Schweißtropfen aus ihren definierten Körpern herauspressen. Feiern ist für diese Menschen etwas, das zu tun hat mit Geld.

Es ist nicht fair, diese Zigarettenwerbung dafür in Haftung zu nehmen, die zuständige Agentur hat sich wahrscheinlich rein gar nichts dabei gedacht, das sind Werbedeppen, die es wohl nicht besser wissen, die denken eben: Feiernde Menschen sehen so aus. Aber: Das Wissen um solch eine Feierszene, wie sie hier gezeigt wird, verdirbt mir die Freude am Nachtleben. Und wenn ich kein Nachtleben mehr habe, was habe ich denn dann noch?