28. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Die Kirche im Dorf lassen · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , ,

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„Nestflüchter“, sagt sie. Ich protestiere, nie sei ich ein Nestflüchter gewesen, aber sie bekräftigt: Wer mit 19, direkt nach dem Abi, fluchtartig die Heimat verlassen würde, was sei der denn, bitte, wenn kein Nestflüchter? Ich mag solche eindeutigen Zuschreibungen nicht. Was aber klar war: Ich wollte weg, damals, mit 19. Ich wollte so dringend weg, ich war sogar bereit, nach Gießen zu ziehen, und bei aller Liebe, die ich zu dieser Stadt, Alma Mater, heute immer noch empfinde: Große, weite Welt ist etwas anderes.

Das Rusenschloss ist eine Burgruine, rund 15 Kilometer von meiner Heimatstadt, auf einem Fels hoch über dem Tal des kleinen, unregulierten Flüsschens Blau. Irgendwie war die Ruine immer Teil meines Lebens, schon als ich klein war, wurde regelmäßig dort spazieren gegangen. (Wie ich heute erfahren habe, stammte meine Großmutter aus der Ecke, vielleicht fuhren wir mit ihr manchmal dorthin? Hatte sie vielleicht Verwandtschaft, die besucht wurde, es gab Kaffee und Kuchen, und zur Verdauung gab es eine kurze Wanderung, hoch zum Schloss? Keine Ahnung.) Später kletterte ich manchmal an den Felsen unterhalb des Schlosses, ein schwachsinniger Sport, der einiges an Nervenkitzel bereit hielt, allerdings auch nicht ungefährlich war, für Flora und Fauna der Felsen, meine ich. Egoistisch, wie nur Teenager sein konnten: der eigenen Lustbefriedigung das Existenzrecht von Flechten wie Eulen auf den Felsen unterzuordnen, schlimm. Gut, dass das Klettern im Blautal schon seit langer Zeit geächtet und verboten ist. Zum Rusenschloss wurde dennoch immer wieder gewandert, wenn ich vom Studium zu Besuch kam, im Herbst, wenn kalter Nebel durch die Täler der schwäbischen Alb kroch, im Winter, wenn der Blick ins Tal über weite, schneebedeckte Wiesen schweifte, im Spätsommer, wenn die Blätter des Laubwaldes sich zu verfärben begannen und eine nur noch halbwarme Sonne den Boden vergoldete. Selbst im ersten Studiensemester besuchte ich ein Blockseminar, das in einem Gästehaus der Uni Tübingen in Blaubeuren abgehalten wurde, und nachts fiel uns hirnverbrannten, angetüddelten Erstsemestern nichts besseres ein, als lallsingend aufs Rusenschloss zu klettern und oben Mörike zu zitieren, wir hoffnungslosen, lebensmüden Romantiker. (Credits für diesen Irrsinn gehen an Prof. Moritz Baßler, heute in Münster.)

Nach mehreren Jahren Abstinenz war ich heute wieder auf dem Rusenschloss. Die Zeit ist stehen geblieben, dort oben: Immer noch schleppt man sich auf einem schmierigen Pfad durch den Wald, es ist mühsam, unübersichtlich, an mehreren Stellen ist der Weg abgerutscht, und man muss auf seine Schritte achten. Die letzten Meter bis in die eigentliche Burg geht man immer noch an einem alten, morschen Holzgeländer, und oben angekommen stellt man fest, dass in die Burgmauer immer noch der Sicherungsring einzementiert ist, der einen beim Beklettern der Westwand hätte schützen sollen, dem Kletterverbot zum Trotz. Es ist eine Landschaft, so wunderschön, man möchte schreien.

Und dann ist natürlich auch klar: Ich stehe hier auf dem Rusenschloss, ich bin begeistert, nein, ich bin ergriffen von all dieser Schönheit (die man allerdings nur sieht, wenn man nach halbrechts schaut; links nimmt den Talgrund hingegen ein Parkplatz des Blaubeurer Industriegebiets ein), aber ich bin im Urlaub. Leben könnte ich hier nicht mehr, wovor ich weggelaufen bin, war einzig das Gefühl: Das hier ist Kleinstadt, und daran wird sich hier ja nichts ändern, Kleinstadt mit ihren undurchdringlichen Kleinstadthierarchien wird das hier immer bleiben. (Eine andere Frage ist, ob das in Hamburg wirklich so wahnsinnig anders ist. Wie zum Beispiel konnte der „Lichtkünstler“ Michael Baatz wohl seine Position innerhalb der Hamburger Kulturszene erreichen, wenn nicht durch geschicktes Spiel mit den hanseatischen Kleinstadthierarchien?) Ich bin froh, dass es für mich auch eine Welt geben kann, jenseits dieser hier, aber erstmal kann ich das hier schlicht als atemberaubend schön anschauen.

Und dass ich das mittlerweile kann, das ist nicht gerade ein schlechtes Zeugnis für mich alten Nestflüchter.

Ach, was hatt‘ ich mich gefreut. Endlich wieder „Tatort“ aus dem Pott, dacht‘ ich, Pott ohne die doch schwer unter dem Staub der Achtziger liegende Schimanski-Ästhetik, außerdem aus Dortmund. Das Ruhrgebiet allgemein und Dortmund speziell sind so eine Art Sehnsuchtsorte für mich, ich hatte mich wirklich gefreut auf diesen ersten Dortmunder „Tatort“, „Alter Ego“.

Hömma! Was‘ das denn? „Alter Ego“ ist ein Desaster, und das liegt nicht am Fall. Der ist 08/15, Klemmschwuppe mit Vaterkomplex meuchelt offensiv lebende Schwule, weil die ihn emotional anfassen, dafür gewinnt Autor Jürgen Werner keinen Originalitätspreis, aber das kann man machen, gerade wenn man ein neues Team einführen muss. Dass „Alter Ego“ so misslungen daher kommt, liegt auch nicht am Team, das ist nämlich klasse. Jörg Hartmann als depressiver Stinkstiefel, Aylin Tezel als hardboiled Kekilli-Lookalike, Anna Schudt als Queen of Cool und schlechte Laune, Stefan Konarske als intellektuell nicht übermäßig beschlagener Sympathiebolzen, das sind kurz angerissene Biografien, die allesamt Lust machen, dass wir mehr über sie erfahren und die auch eine gewisse Spannung im Zusammenspiel versprechen. Nein, dass „Alter Ego“ so misslungen ist, das liegt ausschließlich an der Inszenierung des beim „Tatort“ viel beschäftigten Thomas Jauch.

Geht schon los, mit einer Sexszene, die so bieder abgefilmt ist, dass man glaubt, in einem garantiert jugendfreien Fitnessvideo gelandet zu sein, und die zumal gegengeschnitten wird mit Bildern des ersten Mordes, wobei man durchaus fragen darf, was solche eine Parallelführung von Sex und Gewalt eigentlich inhaltlich bedeuten soll. Geht weiter: mit Bildern (Kamera: Clemens Messow), die an die üble Videoästhetik der Mittneunziger-Berlin-Krimis erinnern, billigste Bilder, die mit Reißschwenks und vollkommen unmotivierten Zooms kaschiert werden. (Kinners! Das kann vielleicht Dominik Graf, die Beschränktheit der Mittel so ausstellen, dass man kapiert, was für eine ästhetische Entscheidung dahinter steht, Thomas Jauch aber kann das nicht!) Geht immer noch weiter: Weil dieser Krimi eigentlich überall spielen kann, haut man ein paar blaustichige Bilder von Sehenswürdigkeiten und Klischees dazwischen, das Dortmunder U, Zechentürme, am ärgsten: einen Taubenzüchter (Uli Krohm, der allerdings als Vater eines Opfers ein schauspielerisches Kabinettstückchen abliefert, inklusive der Jahrhundertsätze „Was haben die denn alle dagegen, wenn jemand anders ist? Ich habe ja auch nichts dagegen, wenn die alle gleich sind“, der sich einerseits auf den aus der Bergmannstradition gefallenen schwulen Sohn bezieht, andererseits auf die Gentrifizierungstendenzen in Dortmunder Arbeitervierteln). Geht immer noch weiter: Die Kommissare ermitteln in einer Schwulenbar (wer sehen möchte, wie man so etwas klug, originell und nicht diskriminierend inszeniert, der schaue den alten Münchner Krimi „Liebeswirren“!), und vor der Bar treffen sie, hach wie peinlich!, die Borussenkumpels vom Sympathiebolzenbullen. Die ein solch billiges Bild abgeben, eine Handvoll gelbschwarzer Schalträger in der ansonsten leeren Dortmunder Innenstadt, dass man nicht umhin kann, sich vorzustellen, wie die Diskussion bei der Produktion gelaufen sein muss: „Wir brauchen da eine große Menge Fußballfans!“ „Hm, ja, für fünf Komparsen reicht der Etat noch.“ „Scheiße. Naja, dann staffieren wir sie am besten möglichst trottelig aus, dann wird das schon.“ Nein, Regie, das wird nicht! Im Gegenteil, das sieht lieblos aus, billig und nicht so, als ob ihr euch auch nur annähernd Gedanken gemacht hättet, was ihr mit euren Bildern eigentlich erzählen wollt!

Ich bin wrklich verärgert, echt jetzt. Und nur, weil ich glaube, dass in diesem Team noch ziemlich viel Potenzial steckt, freue ich mich jetzt schon auf die nächste Folge aus Dortmund. (Das ist wie beim Fußball. Nur weil die Borussia einmal verliert, bleibt der Fan am nächsten Wochenende doch auch nicht zu Hause.)

„Als wär’s die 72. Lena-Ödenthal-Folge“: Matthias Dell im Freitag. „Menschen sollte man machen lassen“: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. „Anschluss verpasst“: Christian Buß auf SpOn. „Viel Potenzial, aber Luft nach oben“: der Wahlberliner. „Die wie mit dem Salzstreuer auf den Film verteilten Schauplätze“: die Revierpassagen.

22. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Offene Beziehung · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte

Seit einem Dreivierteljahr bin ich nicht mehr anonym. Seit einem Dreivierteljahr läuft die Bandschublade auf einem Server mit meinem Namen, ist hübsch geworden, nicht wahr? Auch wenn die Ladezeiten hier verhältnismäßig lange dauern, auch wenn ich es nicht gebacken bekomme, Google Analytics befriedigend zu installieren und deswegen weiterhin auf die nur halbwegs vertrauenswürdigen WordPress-Statistiken vertrauen muss, wenn ich etwas über meine Besucher erfahren will: Ich möchte das nicht mehr missen, hier.

Seit einem Dreivierteljahr lebe ich beruflich in einer offenen Beziehung, das ist noch in Erinnerung? Also: Seit einem Dreivierteljahr schreibe ich neben meiner Redakteurstätigkeit für uMag und kulturnews auch noch für andere Medien, was man daran merkt, dass ich an dieser Stelle immer wieder auf Texte verweise, die ich andernorts veröffentlicht habe. Das bringt ökonomisch wenig, stresst dafür umso mehr und macht dennoch ganz großen Spaß. Was damit zu tun hat, dass das ein wenig der Existenzform des Intellektuellen nahe kommt, wie ich sie reizvoll finde: ungebunden, frei die Positionen wechselnd, ein unsicherer Kantonist. (Ein unsicherer Kantonist, der allerdings ganz gerne einen Wein trinkt, der nicht aus dem Tetrapack kommt und der entsprechend die Sicherheit einer Festanstellung zu schätzen weiß.) Ich habe drei Medien, die mir hin und wieder Texte abkaufen, viel ist das nicht, ein echter Freier könnte nicht davon leben, bei mir ist es aber ein ganz angenehmes Zubrot, und: Ein echter Freier hat auch mehr Zeit für die Akquise zur Verfügung, bei dem muss es nicht bei drei Abnehmern bleiben. Bei mir ist das okay mit den Dreien, auch damit ich hin und wieder zum Schlafen komme. Aber auch, weil ich alle drei aus bestimmten Gründen schätze.

Das Netzfeuilleton. Ein Onlinemedium, genauer: das einzige Onlinemedium im Kulturbereich, das zumindest halbwegs gut zahlt. Ich glaube ja an Online, ich glaube, dass der Journalismus nur dann eine Zukunft hat, wenn er in diesem Bereich konsequent und professionell ist. Zudem: Die Texte im Netzfeuilleton sind oft sehr gut, und als Meinungsbildner ist die Seite emminent wichtig. Ich bin durchaus stolz, da hin und wieder vorzukommen.

Das Fachblatt. Wenn das Netzfeuilleton wichtig ist, dann ist das Fachblatt ultrawichtig. Schlichtweg: der Meinungsführer im Theaterbereich, abseits von wissenschaftlichen Publikationen. Ich habe die immer schon gerne gelesen und finde es schön, dass man mich dort mittlerweile auch liest, zudem ist die tiefer gehende Beschäftigung mit Inszenierungen im Monatsmagazin eine andere als ich sie andernorts, von den ultraschnellen Online- bis zu den mehr oder weniger schnellen Tagesmedien, gewohnt bin. Wobei meine Netzaffinität hier eher weniger gefüttert wird: Die Website ist eine bloße Verlängerung der Printausgabe, ohne interaktive Elemente und ohnehin nur für Abonnenten zugänglich.

Die linke Tageszeitung. Alte Freunde, ja, aber nicht nur. In der Linkspartei-nahen Tageszeitung kann ich über Themen schreiben, über die ich bei den monothematischen anderen Abnehmern meiner Texte nichts sagen kann: über Kunst. Und über Pop. Zudem gehe ich hier mit dem typischen Minderwertigkeitskomplex des Kulturjournalisten um, der sich im Gegensatz zu den Kollegen in der Politik- und Wirtschaftsredaktion nie vernünftig politisch positionieren kann. Indem ich in der linken Tageszeitung veröffentliche, sage ich: Ich bin ein orthodoxer Marxist! Indem ich mich aber aufs Feuilleton beschränke, sage ich: Kinder, wir haben Postmoderne, das mit dem orthodoxen Marxismus ist doch nur ein Rollenspiel!

Und dann eben noch kulturnews und uMag. Bei denen ich ganz anders arbeite, nicht primär als Autor, sondern als Redakteur. Mit denen bin ich verheiratet, bei denen bin ich viel tiefer drin in der Entwicklung beider Medien, bei denen bin ich glücklich, wenn etwas funktioniert, bei denen leide ich wie ein Tier, wenn etwas nicht funktioniert. Als ich angefangen habe, zweigleisig zu fahren, war ich der Meinung, ich würde hin und wieder einen Seitensprung wagen. Heute weiß ich: Das ist kein Seitensprung, das ist eine klassische offene Beziehung. In der Regel tut so ein Arrangement der Beziehung auf lange Sicht, doch, eher gut.

Der „Tatort“ aus Bremen hat irgendwie keinen so besonders guten Ruf. Keine Ahnung, woran das liegt, vielleicht: Weil Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) nicht ins Fernsehformatklischee passt, weder jung ist noch sexy noch wirklich sympathisch? Und gleichzeitig all das zusammen, na gut, bis auf die Jugend, wobei die 58-Jährige da in aller Coolness auch gar nicht mitzuschwimmen versucht? Weil Bremen das in der Regel von rechts gedeutete Genre Kriminalfilm immer mal wieder von links denkt, ganz im Gegensatz zur Mehrzahl der den „Tatort“ bestückenden ARD-Anstalten, ganz im Gegensatz zu Hannover, Ludwigshafen, Konstanz? Und weil das dem meist auch eher konservativen „Tatort“-Schauer unangenehm aufstößt, dieses Bewusstsein: Der Feind steht meist rechts? Oder, vielleicht doch: Weil die Fälle aus Bremen doch von arg schwankendener Qualität sind, mal ein wunderbarer Herbstfilm wie „Stille Tage“ (2006), mal eine über jedes Ziel hinausschießende 9/11-Verschwörungstheorie wie „Sheherazade“ (2005), mal ein vollkommen durchgeknallter Schmonzes wie „Requiem“ (2005). Und dann leider auch ein unausgegorener Genremix wie „Hochzeitsnacht“, der aktuelle Fall.

„Hochzeitsnacht“ gehört zum Subgenre „Stadtkommissare fahren aufs Land“. Das gibt es bei nahezu jedem Team mal, Hannover baut ausschließlich auf solche Fälle, die eigentlich immer als groß besetzte Ensemblefilme daherkommen, allerdings auch schnell Gefahr laufen, allzu formatiert zu wirken. Immer geht es um dunkle Geheimnisse auf dem Dorf, von denen niemand etwas erfahren darf, immer sind irgendwie alle schuldig, immer ist das erotische Begehren ein dumpfes, dunkles Gruseln. In „Hochzeitsnacht“ wird dieses Subgenre allerdings gepimpt, indem es mit einem weiteren Subgenre verschmolzen wird: dem Geiselnahme-Thriller. Kommissarin Lürsen ist irgendwo in der platten niedersächsischen Einöde auf einer Hochzeit, als Begleitung ihres Untergebenen Stedefreund (Oliver Mommsen): Der Sohn von Stedefreunds Ex-Ruderkumpel heiratet, und der Eingeladene nimmt seine Chefin mit. (Macht man das so? Wenn man Single ist und zu wildfremden Menschen aufs Dorf fährt, dass man dann seine Vorgesetzte bittet, einen zu begleiten? Ich meine, nichts gegen meine Chefin, aber das passt irgendwie nicht.) Die Hochzeit wird überfallen, von Simon (Sascha Reimann aka Ferris MC) und Wolf (Denis Moschitto), der aus dem Kaff stammt und vor Jahren beschuldigt wurde, die Dorfschönheit umgebracht zu haben. Simon will nur die Kohle der Hochzeitsgäste (was nicht unbedingt für seine Intelligenz spricht: Er glaubt, dass ein Raubüberfall im Dorfgemeinschaftshaus wahnsinnige Reichtümer versprechen dürfte), Wolf will den wahren Mörder fangen. Die Handlung macht so ihre Kapriolen, Stedefreund verliert seine Hose und begegnet einem Wolf (einem Tier, nicht dem Geiselnehmer) irgendwo in der wunderschön gefilmten nordwestdeutschen Moorlandschaft, da rutscht der Film ganz kurz in Richtung Klamotte, dann aber gibt es wieder Szenen von arger Brutalität, der Film zeigt stellenweise eine Härte, die man dem Sonntagabendprogramm nicht zugetraut hätte. Und: Der wahre Mörder geht ebenfalls um, im Dorfgemeinschaftshaus. Erst wird ein Mitwisser gemeuchelt, dann beinahe noch Kommissarin Lürsen, derweil Stedefreund sich vor der Tür mit dem aus Bremen eingetroffenen SEK kabbelt. (Weswegen eigentlich aus Bremen? Polizei ist doch Ländersache, da müssten die doch aus Hannover oder aus Osnabrück oder wo auch immer herkommen, aber doch nicht aus dem polizeilichen Ausland Bremen?) Am Ende stürmen die Polizisten die Hochzeitsgesellschaft, und weil noch zehn Minuten über sind, wird der wahre Mörder ebenfalls noch gestellt. Es ist so uninteressant.

Und wenn ich nicht wüsste, dass die Macher dieses Films, Florian Baxmeyer (Regie) und vor allem Jochen Greve (Buch), auch ganz anders können, zumal Greve auch „Stille Tage“ geschrieben hat, dann würde ich übersehen, was für eine tolle Performance Sascha Reimann da abliefert, dann würde ich einstimmen in den Chor der Bremen-Verächter. So sage ich: War eben nichts, diesmal.

„Das Ergebnis ist ein Desaster“: Christian Buß auf SpOn. „Fancy Rollladenrunterlassen mit dem Teppichmesser“: Matthias Dell im Freitag. „Wie die Protagonisten fängt man sich auch als Zuschauer sehr bald an, nach seinem Bett zu sehnen“: Jakob Hein auf tatort-fundus.de. „Überwiegend blass“: der Wahlberliner.

15. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Ästhetik des Scheiterns (6): Ein Pfund Fleisch/Blumenkohl · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , ,

Einmal erzählt Shylock, wie Antonio sein Vermögen gemacht habe: Antonio gab Kredite nach Afrika, damit die Afrikaner europäische Firmen beauftragen konnten, Infrastrukturprojekte zu stemmen. Das Geld blieb also in Europa, während Afrika immer mehr Schulden anhäufte, die dann mit Rohstoffen getilgt werden mussten – nur damit die Afrikaner am Ende auf ihren neu gebauten Straßen verrecken. Kapitalismus, wie ihn sich Klein-Erna vorstellt. Dass das System aber viel raffinierter ist, dass am Ende gar niemand mehr durchsteigt, wer jetzt warum welchen Gewinn macht, das ahnt dieses Stück nicht einmal.

Was gibt es zu erzählen, über die Premiere von Albert Ostermaiers „Ein Pfund Fleisch“ am Hamburger Schauspielhaus? Vielleicht dies: dass ich die Einordnung des Lyrikers Ostermaier unter die Dramatiker für ein großes Missverständnis halte. Und dass das Schauspielhaus allen Unkenrufen zum trotz immer noch dichte, konzentrierte Theaterabende zustande bekommt, selbst wenn die Vorlage nur naja ist. Und alles weitere steht bei der Nachtkritik.

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Ich mache derweil lieber noch eine kleine Ästhetik des Scheiterns. Blumenkohl mit Tomatenconfit und Oliven. Hmm.

Versuchsanordnung:

1. Zwei Esslöffel Olivenöl in einem großen Topf erhitzen, eine Zwiebel und vier Knoblauchzehen anschwitzen und die Hälfte von 750 g reifen Kirschtomaten dazugeben (im Rezept wurde sogar ein Kilo Tomaten verlangt, aber das erschien mir dann doch allzu tomatig). Ungefähr zehn Minuten erhitzen, immer wieder stark rühren, bis sich die Haut von den Tomaten löst, leicht zerdrücken. Eine halbe Tasse Wasser zugeben (das Rezept verlangte 100 ml, aber seit der Küchenrenovierung finde ich den Messbecher nicht mehr, es ist ein Kreuz!), mit Salz, 1 EL Honig und den Blättern einiger Zweige Thymian würzen.

2. Von einem mittelgroßen Blumenkohl die Blätter weitgehend abschneiden. Blumenkohl in den Topf legen, mit den restlichen Tomaten bedecken, aufkochen, rund 15 Minuten bei schwacher Hitze bissfest kochen.

3. Währenddessen 100 g Feta zerdrücken und mit 1/2 Bund Basilikum zerdrücken. Fertigen Blumenkohl mit Basilikumfeta und 100 g klein gehackten schwarzen Oliven bestreuen. Mit ein bis zwei Esslöffeln Olivenöl beträufeln und mit Basmatireis servieren..

Ergebnis: Ungewöhnlich lecker, das. Immer noch ziemlich tomatenlastig, ein Pfund hätte es auch getan, aber sonst: topp. Optisch allerdings nach einem Tag ein ziemlich unansehlicher, rot-weiß-grünlicher Matsch. Das Rezept empfahl als Beilage Quinoa, ich aber halte Quinoa für ein Verbrechen an der Kulinarik und hielt mich an den Reis. Eine gute Entscheidung.

09. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Der Betonfleck an der Förde · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , , , , ,

Ich verstehe die Figur der Sarah Brandt nicht. Ich meine, natürlich spielt Sibel Kekilli ihre Kieler „Tatort“- öh, Kommissarin? Was ist Frau Brandt denn überhaupt für ein Dienstgrad? Egal, natürlich spielt Kekilli die Sarah Brandt ganz bezaubernd, so wie Kekilli so ziemlich alles ganz bezaubernd wegspielt. Aber: Was ist das für eine Rolle? Weswegen ist Brandt immer so naseweis, ein paar Sekunden später kekst sie ihren Chef ganz unnötig aggressiv an, und noch ein wenig später treibt sie eine Zeugin in die Enge, mit Worten erst, dann auch mit konkret körperlicher Gewalt, und das, obwohl der arme Junkie Roswitha (Peri Baumeister) doch nicht verdächtig ist, sondern sich nur zurecht Sorgen um den entführten Sohn macht. Ich verstehe die Figur der Sarah Brandt nicht.

Ansonsten ist dieser „Tatort: Borowski und der stille Gast“ natürlich ganz großartig. Erstens weil Lars Eidinger den Bösewicht spielt (den Bösewicht, der so böse vielleicht gar nicht ist … oder?), Lars Eidinger, den ich mehrfach schon in  schlechten Filmen gesehen habe, der aber selbst noch nie schlecht war (der bei seiner Drehbuchauswahl höchstens langsam mal aufpassen muss, dass er nicht auf die Serienkiller-Rolle festgelegt wird), Lars Eidinger, der mir vor einem Jahr fürs uMag das wahrscheinlich beglückendste Interviewerlebnis meiner bisherigen Journalistenkarriere schenkte, Lars Eidinger, dem man nur beim Brezelessen oder beim Zähneputzen zuschauen muss, und schon weiß man: Da zittert etwas hinter diesen Augenlidern, etwas Ungreifbares, Unheimliches. Da kann das Drehbuch (Sascha Arango) gerne Standardsituationen aus der Thrillerschublade aneinander reihen, da kann die Regie (Christian Alvart) mangelnde Originalität mit schick aussehenden Mätzchen zu kaschieren versuchen – sobald Eidinger mitspielt, nimmt man das hin, ich meine, Eidinger schaffte es schon vor zweieinhalb Jahren, den unerträglich seichten Ludwigshafen-Krimi „Tod auf dem Rhein“ mit einer ganz ähnlichen Performance wie hier halbwegs erträglich zu machen, und „Tod auf dem Rhein“ spielte eben nicht in Kiel.

Und das ist der zweite Grund, weswegen ich beglückt bin von diesem Krimi: Kiel. Hier traut man sich noch an eine Setzung, man behauptet einfach, dass Kiel, dieser Betonfleck an der Förde, die skandinavischste Stadt Deutschlands sei, weswegen man folgerichtig hier Schwedenkrimis (Naja, Schwedenkrimis ohne die rechtssozialdemokratische Moral der Vorlagen, ohne dieses „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber dass die alle hierher kommen und Verbrechen begehen, finde ich doch nicht so gut“, das bei Henning Mankell immer so unangenehm durchscheint) drehen könne. Da ist zwar überhaupt nichts dran, aber wenn man so eine Setzung macht, dann hat man einen Freibrief, die Schlagzahl zu erhöhen. Die Mörder sind jedenfalls unheimlicher, die Taten blutiger und die Ermittler (Borowski, Meister aller Klassen: Axel Milberg) kaputter als andernorts in Tatortland. Ach ja, zu den Ermittlern vielleicht noch: Eigentlich hat die Rolle des Kriminalrats Schladitz (Thomas Kügel) es nicht verdient, immer nur als halbtrotteliger Comic Relief verheizt zu werden, ein Minuspunkt für „Borowski und der stille Gast“. Überhaupt, wer braucht denn etwas zu lachen, in einem Krimi wie diesem?

Schließlich Borowski selbst. Der ermittelt nun auch schon seit rund zehn Jahren im Norden, und tatsächlich ist die Figur gewachsen, durfte sich entwickeln, vom halbwegs realistisch gezeichneten Polizisten der frühen Jahre (gab es nicht einmal auch einen Assistenten mit Migrationshintergrund, dem islamistische Tendenzen unterstellt wurden?) über die erotisch aufgeladenen, teilweise ins Absurde lappenden Fälle an der Seite der Polizeipsychologin Frieda Jung (Maren Eggert) bis jetzt zu den an die Nieren gehenden Thrillern mit Besserwisserpolizistin Brandt. Und jede Phase: besser als die vorangegangene.

Ein paar Fragen sind offen: Geht das weiter, mit Sarah Brandt, die nach drei Fällen endlich als Epileptikerin geoutet ist, was sie ja eigentlich dienstunfähig machen dürfte? (Und: Falls es weiter geht, dann wird es ein großes Problem für Borowski geben, dass er ihre offenbare Krankheit verschwiegen hat, oder?) Ist die Figur Schladitz noch zu retten, oder bleibt das eine Knallcharge? Vor allem aber: Ist der Mörder am Ende eigentlich aus dem Krankenwagen entkommen? Gruselig!

„Es ist immer so eine Sache mit diesen Krimis, die nicht nach dem sogenannten ‚Whodunit‘-Prinzip funktionieren“: Kai-Oliver Derks auf tatort-fundus.de. „Kiel ist momentan state of the art“: Matthias Dell im Freitag. „Mama, Spanner, Kind“: Christian Buß auf SpOn. „Schüchtern stammelndes Phantom mit Hornbrille“: Joachim Mischke im Hamburger Abendblatt. „Autor und Regisseur verließen sich zu sehr (…) auf den Ersatzschlüssel“: der Stadtneurotiker. „So endet eine große Liebe mit einem gewaltsamen Tod“: der Wahlberliner.

Der Weg ist das Ziel. Der Weg ist zentral bei der diesjährigen documenta, ein Nachdenken über Kunst, ein Prozess, der am Ende wichtiger ist als die Kunst selbst. Wobei die Kunst und der Weg an manchen Stellen zusammenfallen: im Trampelpfad von Natascha Sadr Haghighian, einem Pfad, der eine Denkmaltreppe umgeht, die die im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg gefallenen Deutschen ehren soll. Durchs-Gebüsch-Schlagen als antimilitaristischer Widerstand, auch nett, weil Haghighian den gar nicht mal so un-abenteuerlichen Pfad zudem noch multikulturell aufgeladen hat: Während man sich seinen Weg bahnt, wird man von Tiergeräuschen bedrängt, beziehungsweise von Menschen, die Tiere nachahmen, Menschen aus aller Herren Länder, die in der Einwanderungsstadt Kassel leben. Das ist allzu einfach und schweißtreibend, und während man fast abgerutscht ist, packt einen diese der Land Art verwandte Installation plötzlich: Das ist ja unglaublich charmant, in seiner Einfachheit! Natasha Sadr Haghighian übrigens ist laut Wikipedia in 1967 in Teheran geboren und lebt in Berlin, der documenta-Katalog allerdings hat ihren Lebneslauf durch die Biografie-Tausch-Maschine Bioswop gejagt, weswegen die Künstlerin plötzlich 1966 in London geboren ist und mittlerweile in Wimbledon lebt. Biographie, Herkunft, ein Spiel mit Nullen und Einsen, das sich ganz einfach verschieben lässt, ein „Miau“, das irgendwo am Hang der Kasseler Karlsaue gesäußelt wird, schön!

Kurz vor Ausstellungsschluss noch auf der documenta gewesen, verschwitzt, gehetzt, viel zu wenig Zeit. Neun Stunden, da muss man ganze Ausstellungsorte auslassen, Videokunst geht gar nicht, auch das „Sanatorium“ von Pedro Reyes,  das mir Matthias Schumann vom Hamburger Feuilleton wärmstens ans Herz gelegt hat, muss dran glauben: Die dort angebotenen Therapien dauern jeweils über eine Stunde, eine Stunde, die dann andernorts fehlt. Was geht, ist Kunst, an der man schnell mal vorbei schlendern kann, und bei der von vornherein klar ist, dass man sie nicht kapieren wird, allerdings hat man davon auch wenig. Attila Csörgös „Squaring the Circle“ nimmt man so mit, am Ende sieht die Installation auf dem Foto recht beeindruckend aus, aber inhaltlich: nüscht. Es hilft nichts, man muss das Beste aus der Situation machen, man muss den Weg akzeptieren, die Reise nach Kassel, das frühe Aufstehen, den schon ab Lüneburg verspäteten Intercity, man muss akzeptieren, dass das Monster von Katalog einem während der kommenden neun Stunden einen Rückenschaden verschaffen wird, man muss sich klar machen, dass man zu wneig Wasser mitgenommen hat, dass es ohnehin zu heiß ist, dass man aufs Mittagessen verzichten wird, dass der Weg das Ziel ist, und dieser Weg, er wird kein leichter sein. Dann ist man soweit, dann ist einem klar, dass die Erfahrung dieser Hardcore-documenta nur übers Leiden funktionieren wird, dann hat man die leicht esoterisch anmutende Freundlichkeit von Ausstellungsmacherin Carolyn Christov-Bakargiev verinnerlicht, obwohl man sich doch eigentlich vorgenommen hatte, dass man das auf keinen Fall machen würde.

Aber die Ausstellung funktioniert ja, gerade hier. Wo man die große erste Halle des Fridericianums betritt, und die Halle ist: leer. Ein verschwendeter Kunstraum, eine Verweigerung einer Ausstellung, einzig ein leichter Windhauch mildert die unerträgliche Hitze dieses Tages ein wenig, das ist schön. Und plötzlich merkt man: Dieser Windhauch, das ist nicht etwa ein eigenartiges Zugphänomen im Museum, das ist die Kunst. Man steht mitten in „I need some Meaning I can memorise (The invisible Pull)“ von Ryan Gander, und das ist solch ein stilles, zu Herzen gehendes Werk, man möchte heulen. Was natürlich auf der anderen Seite bedeutet, dass man gerade eigentlich nur Kunst anschaut, die zu Herzen geht. Man sieht ja, angeblich, auch nur mit dem Herzen gut, aber das ist eine Lüge, eine strunzreaktionäre Lüge, die der Leistung, dem Widerspruchscharakter des Intellekts entgegen steht. Dabei gibt es in dieser Ausstellung auch mehrere Positionen, die intellektuell erfasst werden wollen, allen voran naturwissenschaftlich orientierte Arbeiten wie Anton Zeilingers quantenphysikalische Versuchsanordnungen, aber mal ehrlich: Das verstehe ich doch ohnehin nicht! Eher irritiert mich, dass Politik in dieser documenta kaum einen Raum hat, mal abgesehen vom Occupy-Camp auf dem Friedrichsplatz, das eine Dopplung der ganz ähnlichen Aktion auf der Berlin Biennale darstellt, einer Aktion, die ich schon dort nicht ganz einleuchtend fand.

Indem man diese documenta in zwei Ebenen einteilt, hier das Emotionale (nahm ich dankend an), dort das Intellektuelle (konnte ich wenig mit anfangen), irgendwo auch noch das Randständige, die Politik, ignoriert man ein wenig, dass diese riesige Ausstellung noch viel mehr ist: eine historische Schau etwa, die Fabio Mauri (gestorben 2009) zeigt, Julio Gonzales (gestorben 1942) oder Maria Martins (gestorben 1973). Man ignoriert die Verweigerung politischer Kategorien, die selbst schon wieder politisch ist, schon in Natasha Sadr Haghighians oben erwähntem Trampelpfad. Man ignoriert, wie lustvoll Carolyn Christov-Bakargiev große Namen aus der Ausstellung raushält, kaum gehypte Kunststars gibt es hier, und dann eben doch noch eine Klanginstallation von Janet Cardiff und George Bures Miller, Erfolgskünstler im immer weiter durchdrehenden Kunstmarkt. Man versteht nicht, was deren (tolle) Arbeiten hier zu suchen haben, und dann wird einem klar: Genau das ist der Punkt! Es geht (auch) darum, nicht zu verstehen! Es geht darum, Erwartungen nicht zu erfüllen, eben keine Ausstellung zu machen, die sich den eingefahrenen Konventionen des Ausstellungsbetriebs verweigert, sondern eine Ausstellung zu machen, die sich auch dieser Verweigerung verweigert. Es geht um die Peripherien, die Ränder, und es geht nicht zuletzt darum, zu kapitulieren: Ich werde das nicht alles verstehen. Ich werde da nicht mehr durchsteigen. Ich werde ganze Ausstellungsorte nicht sehen, nicht die documenta-Halle, nicht das Ottoneum. Ich werde scheitern, scheitern, scheitern.

Ein großartiger Ausflug.

02. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Warme Worte · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

„Und?“ fragt Nikolaj Iwanowitsch. „Langweilig!“ stöhnt Anna Petrowna, „Jetzt schon!“ Nach gerade mal fünf Minuten. Raffiniert nimmt Jan Bosse den Kritikern den Wind aus den Segeln, den Kritikern, die bemängeln, dass sein „Platonow“ am Hamburger Thalia durchaus Längen hat: Das hier ist Tschechow! Natürlich ist das langweilig, was erwartet ihr denn? Und immerhin ist das uferlose Frühwerk des erst 18-jährigen Dramatikers von über sieben auf gute vier Stunden zusammengekürzt, da braucht man sich wirklich nicht über Langeweile zu beschweren.

Das Thalia hat seine Spielzeit eröffnet, mit Jan Bosses „Platonow“, einem Schauspielerfest, das ich für die Nachtkritik besprochen habe. Das Thalia beging allerdings auch seinen 100. Geburtstag am aktuellen Standort, mit einem kurzen Senatsempfang inclusive warmer Worte der Kultursenatorin Barbara Kisseler, freundlich und unverbindlich. (Auf kulturnews.de habe ich kurz vom Empfang berichtet.) Man wünscht „Glückerfüllte nächste 100 Jahre“, haha!, man weiß natürlich, dass man viel wünschen kann, wenn man nicht in der Lage beziehungsweise nicht gewillt ist, diese nächsten 100 Jahre auskömmlich zu finanzieren (wobei ich Kisseler da nichts unterstellen möchte, ganz im Gegensatz zu ihren Vorgängern). Und dann eben „Platonow“, mitten in dieser sektseligen Wir-schätzen-uns-alle-über-die-Maßen-Stimmung! Ein Stück, in dem Langeweile, Überdruss, Ödnis blanken Hass und irgendwann auch Gewalt nach sich ziehen!

Und dafür mag ich das Thalia einfach: für diese Bereitschaft zum lächelnden Zerschmettern von Wohlbefinden bei gleichzeitiger staatstragender Seriosität.