Nicht schön, aber ungemein lecker: selbstgemachte Tapas.

Ein Schönheitsfleck ist eine leichte Irritation innerhalb der Perfektion. Im eigentlichen Sinn: ein Muttermal an einer markanten Stelle des Körpers, das die Schönheit des Beschriebenen erst richtig zur Geltung bringt, an der Wange etwa, oder im Dekolleté. Nicht: am Po. Man sollte über den Schönheitsfleck reden können, und wenn man selbst nur durch eine glückliche Fügung in der Lage ist, besagten Fleck zu beschreiben, dann bringt das alles nichts. Der Schönheitsfleck ist das, was das Schöne überhaupt begehrenswert macht, ohne Fleck ist das Schöne einfach nur auf eine langweilige Weise schön.

Isabel Bogdan hat einen Blogeintrag geschrieben über Begeisterungsfähigkeit. Isabel, von deren Blog ich meist ohne wenn und aber begeistert bin, ist der Meinung, dass die schätzenswerteste Eigenschaft an einem Menschen diese Fähigkeit zur Begeisterung sei, und dass es eine positive Sache sei, wenn man in seiner Begeisterung jede negative Sichtweise ausblenden würde. Sie schreibt: „Ich finde, man kann auch ruhig einfach mal sagen: Dies oder das ist super. Punkt. Und sich die kleinen Kritikpunkte verkneifen.“ Ihre Begründung leuchtet mir vollkommen ein, und vielleicht ist das das Problem, das ich mit dieser Haltung habe: dass sie so einleuchtend ist. Sie begründet die Haltung nämlich mit der Liebe.

Es gibt nämlich eine Menge Dinge, die wirklich super sind, da braucht man nicht nach einem Haken oder einem Aber zu suchen. Und wenn man sie schon gefunden hat, den Haken und das Aber, dann kann man ihnen auch mal ein gepflegtes „Na und?“ entgegenschmettern. Weil das Supere nämlich überwiegt, und das Nicht-so-Supere nicht so wichtig ist. (…) Ich glaube daher, die Begeisterungsfähigkeit hängt mit einer weiteren Eigenschaft zusammen, die mir ebenfalls wichtig ist: dem Verzeihenkönnen. Und also mit der Liebe. Dem (durchaus bewussten) Übersehen kleinerer Makel, wenn das große Ganze gut ist.

Und da gehe ich nicht mit, auch wenn das alles in allem stimmig klingt. Im Gegenteil, die Liebe funktioniert (zumindest bei mir) nur im Bewusstsein (und auch im Ansprechen) der Makel, nicht im Übersehen. Also, wo wir jetzt schon in diesem Bereich sind, dann machen wir uns doch mal nackig, haben ja eh nichts mehr zu verlieren: Ich schwärme eigentlich immer von einem bestimmten Typ Frau, im erotischen Sinne, meine ich. Dieser Typ Frau ist eher klein, trägt die Haare raspelkurz und hat eine Brille. Die schöne, kluge Frau, naja, sie hat eine Brille, manchmal, meist bevorzugt sie Kontaktlinsen. Und ich liebe sie. Nicht nur wegen ihrer Intelligenz, nicht nur wegen ihres Charakters, auch wegen, äh, hüstel, wegen optischer Vorzüge. Dass sie nicht klein und kurzhaarig ist, ist kein Makel, es ist der Schönheitsfleck, der die Differenz zur perfekten aber langweiligen Schönheit definiert. Soviel zur Liebe, ich habe ohnehin schon einen knallroten Kopf, und eigentlich wollte ich ja auch etwas ganz anderes sagen.

Nämlich das: Es geht mir darum, dass nichts, was auch nur annähernd von Reiz ist, perfekt ist. Im Gegenteil, der Reiz liegt in erster Linie im Unperfekten, in der Abweichung, die dann bitte auch benannt werden soll. Ich kann mich unglaublich begeistern für Kunst und für Theater, und wenn ich dann auf der Vernissage bin und auf der Premiere, dann motze ich nur rum: Hier war der Regiezugriff nicht stimmig, dort die kuratorische Handschrift zu ungenau. Ich bin genau das, was Isabel Bogdan als „Nörgelheini“ bezeichnet, ich habe dieses Nörgelheinitum sogar so verinnerlicht, dass ich es zum Beruf gemacht habe. Zu einem Beruf, den Isabel nicht so toll findet (auch wenn sie von Literaturkritik schreibt, ein Ressort, in dem ich nur gästeweise hin und wieder auftauche):

Was wurde beispielsweise Elke Heidenreich für ihre Sendung „Lesen!“ belächelt! Zu Unrecht, finde ich. Elke Heidenreichs Geschmack ist nicht meiner, ihre Empfehlungen waren mir meist zu tantig – aber das Konzept, nur Bücher zu empfehlen und eben nicht herumzukritteln und abzuraten, fand ich erstmal super.

Ich denke, genau da liegt das Missverständnis: in der Annahme, dass diejenigen, die rumkritteln, die Haare in der Suppe finden (und benennen), sich nicht für das Bekrittelte begeistern würden. Zumindest bei mir ist nämlich das Gegenteil der Fall. Wenn ich über etwas motze, dann ist das Ausdruck meiner Leidenschaft, auch meiner Begeisterung über das Gesehene, das Motzen ist ein Benennen des Schönheitsflecks. Ich weiß, dass das nicht immer so ankommt wie es soll, Kritiker sind unter Künstlern in der Regel eher schlecht angesehen, weil gerade die Künstler der Meinung sind: „Da hat man monatelang an einem Kunstwerk gewerkelt, und dann kommt dieser Kritiker und konzentriert sich ausschließlich auf die paar Aspekte, die vielleicht nicht so gelungen sind!“ Ich habe einmal die wunderbare Comiczeichnerin Jule K. fürs uMag interviewt, ich habe versucht, sie im Gespräch auf Widersprüche, auf ästhetische Problemfelder, auf Ungenaues, kurz: auf Schönheitsflecken hinzuweisen, ich habe vielleicht auch ein wenig versucht, einen Streit zu provozieren, weil ich gerne streite. Und plötzlich brach es aus ihr heraus: „Ich habe gedacht, du findest meine Sachen gut! Und jetzt erzählst du mir seit einer halben Stunde, was alles scheiße ist!“ Wahrscheinlich hat sie recht, wahrscheinlich ist das wirklich nicht leicht zu verstehen.

Aber, verdammt noch mal, es hat doch nie jemand behauptet, dass die Liebe leicht zu verstehen sei. Und um ehrlich zu sein: Genau darum geht es mir doch, wenn ich nörgle. Um die Liebe.

Taxi fahren, das ist für mich kleinen Bub vom Land immer schon mit Glamour behaftet. Taxi fährt man, wenn man keine Lust hat, auf den letzten Bus zu warten, vielleicht auch keine Zeit, wenn klar ist, ich setze mich jetzt auf diese Bank an der Haltestelle, und innerhalb von drei Minuten bin ich eingeschlafen, dann raubt man mich aus, und ich bleibe bis zum Morgen liegen, und dabei erkälte ich mich, besser, ich rufe ein Taxi. Taxi fährt man nicht, weil man es sich leisten kann, man kann es sich auch nicht leisten, man fährt Taxi, weil ohnehin alles egal ist, keine Ahnung, wieviel Geld man den Abend über in Getränke umgesetzt hatte, also geht die Fahrt auch noch, und wenn sie nicht mehr geht, weil man nur noch fünf Euro in der Tasche hat, dann fährt man eben soweit diese fünf Euro reichen. Außerdem, so ist es ja nicht, nehmen Taxis auch Karte. Dieses Gefühl: Ich könnte alles tun. Drogen nehmen, endlich. Mein bürgerliches Leben auf den Müll schmeißen. Überhaupt mein Leben aufgeben. Ein Containerschiff nach Südamerika besteigen und dort neu anfangen. Ein echtes Verbrechen begehen. Einen Menschen küssen, den ich nie zuvor gesehen habe und den ich nie wieder sehen werde. Für all das brauche ich kein Geld mehr, hier, nimm. Dieses Gefühl, das ist Taxi fahren. (Dort, wo ich herkomme, wurde praktisch nie mit dem Taxi gefahren. Weswegen auch.)

Anselm Lenz, ehemaliger Dramaturg am Schauspielhaus, Hamburger Nachtleben-Maskottchen in uebel & gefährlich und Golem, Autor zwischen Hamburg, Berlin und irgendwie auch Palermo, hat einen Film gedreht, gemeinsam mit Sarah Drath, Hendrik Sodenkamp, Yennj Rudloff und Jenia Bayat Mokhtari: „Taxi Altona“, entstanden aus einer Performance beim Kaltstart-Festival. Das Ganze erinnert an die bewundernswerte arte-Serie „Durch die Nacht mit …“: Acht beziehungsweise neun, naja, Szeneberühmtheiten steigen jeweils zu zweit in ein Taxi, cruisen durch Hamburg, reden darüber, was sie mit dieser Stadt verbindet, was sie hassen, was sie lieben, und was das über sie aussagt, und am Ende treffen sich alle in Erika’s Eck und essen Gulaschsuppe. Das heißt: Das Chick on Speed Melissa Logan geht mit dem Journalisten Andreas Hilmer in einen Stripclub, die Künstlerin (und in Hamburg unvermeidliche Gängeviertel-Aktivistin) Christine Ebeling hat sich mit Clubbetreiber und Schriftsteller Tino Hanekamp eigentlich nichts zu sagen, das aber ganz reizend, und in einer wunderbaren Szene wird der Schauspieler Antoine Monot jr. von Ex-Sterne-Keyboarder Richard von der Schulenburg in der Einöde stehengelassen. Das ist wunderbar, auch wenn die Tonqualität einen hin und wieder wünschen lässt, man hätte in früher Jugend ein paar weniger Hardrock-Konzerte mitgemacht, das ist aber vor allem eine Liebeserklärung. Ans Taxifahren. Ans Nachtleben. Und irgendwie auch an Hamburg, diese eigenartige Stadt, die sich blöde mit „Hamburg, meine Perle“- und „Schönste Stadt der Welt!“-Brustgeklopfe selbst feiert, in Wahrheit aber einerseits ein hässlicher Betonhaufen in öder Landschaft ist und andererseits einen Charme hat, den kein verhaspeltes Selbstlob auch nur in Ansätzen erfasst. (Eine Stadt, der ich mich jahrelang versperrt habe, bis sie mich plötzlich doch gekriegt hat, in einem Moment, in dem ich es ganz und gar nicht erwartet habe.)

Sympathisch an der „Taxi Altona“-Premiere im Hochbunkerclub uebel & gefährlich war übrigens, dass Taxifahrer umsonst rein kamen. Ganz großartig aber: dass einige Taxler dieses Angebot auch annahmen. Das sind so Momente, an denen man kapiert, wie offen die vordergründig unnahbare Kulturszene dieser Stadt eigentlich ist, allem Hipster-Bashing zum Trotz. Und dann fragt man sich: Ob es solch eine Offenheit wohl auch in, zum Beispiel: München gibt? Ja, das fragt man sich.

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Ach, man möchte gar nicht aufhören, diese Körper zu bewundern. Wie Titania (Sebastian Rudolph) als streng geschnürter Engel der Dunkelheit über die Bühne schreitet. Wie der Knabe (Florian Weigel) goldenes Haar und goldenen Slip präsentiert. Und wie Marina Galic ganz reizend die Schenkel spreizt, ein Bild, so campy, als wär’s eine fotografische Inszenierung von Pierre et Gilles.

Man kann viel nachdenken über die subversive Kraft von Sexualität. Man kann konstatieren, dass es da etwas gibt, das den kapitalistischen Verwertungskriterien enthoben ist, etwas, das mit individueller Lust zu tun hat, etwas, in dem wir ein Selbst spüren und nicht die Auflöung im Kollektiv (einem Kollektiv, das man durchaus unter die Überschrift „Humankapital“ stellen darf). Man kann aber auch die Warenförmigkeit von Sexualität im 21. Jahrhundert betonen, den Markt der Körper, der eben auch eine Marktwirtschaft der Körper bedingt. (Eine These, die gerne von konservativen Moralisten wie Michel Houellebecq vertreten wird, weswegen sie mir nicht unbedingt sympathisch ist, falsch wird sie dadurch aber nicht.) Man kann viel darüber nachdenken, und am liebsten denke ich im Kino darüber nach, über diesen Querschnitt von Sexualität, Affirmation, Subversion, Hedonismus.

Eher selten denke ich im Theater darüber nach. Aber gestern hatte am Thalia Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ Premiere, in der Regie von Stefan Pucher, und der ist tatsächlich ein (meiner unbedeutenden Meinung nach) recht gelungenes Durchirren unterschiedlichster Aggregatzustände des Begehrens. Eine für meine Verhältnisse recht saftsatte Besprechung habe ich für die Nachtkritik geschrieben.

Mir ist klar, dass es auf Kunstmessen nicht um das Wahre, Gute, Schöne geht, sondern um Kapitalismus. Im Zentrum steht nicht das Wort „Kunst“, sondern das Wort „Messe“: Hier soll etwas verkauft werden, mehr noch, hier soll etwas verkauft werden, das keinen direkten Wert hat, der Wert von Kunst ist immateriell, gehandelt wird hier mit Geschmack, Distinktion, Bewusstsein. Eine Kunstmesse ist Bewusstseinsindustrie. Ich weiß das. Ich bin nicht naiv, ich stolperte auch übers Berliner Art Forum (solange es das noch gab), ich sah den reichen Russen, der am Stand von Contemporary Fine Arts auf ein Gemälde von Daniel Richter zeigte, nichts sagte, die Handbewegung war schon Aufforderung genug: „Kaufen. Das da.“ Es widert mich an, aber vielleicht ist so eine Szene ja notwendig für eine Kunstwelt, die so spannend ist, wie die momentane. Vor sieben, acht Jahren habe ich Daniel Richter einmal in einem denkwürdigen Gespräch (gemeinsam mit Jonathan Meese) interviewt, es ging um Geld und Markt und darum, wie man es vor dem eigenen Gewissen als doch immer noch linker Künstler vertreten könne, dieses Spiel mitzuspielen. Richter antwortete damals sinngemäß, dass es Dutzende schlimmerer Dinge gebe, die die Reichen mit ihren Millionen machen könnten, als Kunst zu kaufen, darauf wusste ich keine Antwort, beziehungsweise, mir war klar: Richter hatte recht.

(Erwin Wurm machte 2006 eine Skulptur namens „Art Basel fucks Documenta“, man sieht das Kasseler Fridericianum, den zentralen Ausstellungsort der Weltkunstschau Documenta, und das wird von einem Basler Messehochhaus, nunja, gefickt. Da sieht man, wie das Verhältnis zwischen Markt und Kunst wirklich ist, wobei, gefickt zu werden ist ja nun nicht die unangenehmste Position, die man sich vorstellen kann.)

Darüber, dass vergangenes Wochenende in der Hamburger Messe die deutsche Dependance der Affordable Art Fair stattfand, darüber möchte ich mich gar nicht auslassen. Die Affordable Art Fair ist eine Kunstmesse, die die Nische der niedrigpreisigen Arbeiten bedient (die gezeigten Werke fangen bei 100 Euro an und hören bei 5000 Euro auf), es gibt viel minderwertigen Kram zu sehen und einiges ziemlich Gutes, nicht anders als bei jeder anderen Messe also, und dass sich P. und R. hier eine der ziemlich guten Arbeiten als Schnäppchen mit nach Hause genommen haben, spricht ebenfalls für die Affordable Art Fair, also: nichts dagegen. Viel aber gegen die Plakate, die Hamburg seit Wochen verschandeln und die einem sofort jede Lust nehmen, sich intellektuell mit Kunst auseinander zu setzen: Man sieht ein doofes Paar über den Elbstrand turteln (barfuß! Bei der momentanen Witterung!), sie halten rosa (rosa!) Pakete in den Händen, Pakete, in denen Kunstwerke versteckt scheinen (wäre es zuviel verlangt, bei dieser Gelegenheit Kunst zu zeigen? Oder schreckt es vielleicht die angestrebte Klientel ab, wenn das Marketing anders aussieht wie das eines Möbelhauses?), und über allem schwebt der entsetzliche Spruch „Kunst, der man nicht widerstehen kann“. Als ob es hier um Schokolade oder Instantkaffe oder Dessous gehen würde.

Die Affordable Art Fair möchte Schwellenangst abbauen, möchte dafür sorgen, dass ein kunstfernes Publikum vorbeischaut und einkauft (und ICH HABE DA REIN GAR NICHTS DAGEGEN). Und um das zu erreichen, schrauben sie in ihrer Außenwirkung jeden Anspruch soweit runter, bis man überhaupt nicht mehr erkennt, um was es hier eigentlich geht. Ich aber weiß, worum es geht, und weil ich das weiß, kotze ich auf offener Straße.

Ach. Irgendwie passiert einfach nichts, zurzeit, in meinem Leben. Ich bin viel unterwegs, ich habe ziemlich aufwändig den Neustart des Theaters Bremen unter Michael Börgerding begleitet, und natürlich könnte man da drüber etwas schreiben, klar. Und ich schreibe ja auch, für Theater heute, im Dezember-Heft erscheint ein umfangreiches Feature. Aber dann noch einen zweiten Text, hier, für die Bandschublade, tut mir leid, da fehlt mir die Lust, die Inspiration auch. Ich könnte darüber schreiben, wie gerade der Journalismus (zumindest wirtschaftlich) den Bach runter geht, tschüss Frankfurter Rundschau (die mir immer wichtig war), tschüss Prinz (der für mich nie irgendeine Bedeutung hatte), damit würde ich offene Türen einrennen, andererseits, wer braucht das denn? Ich könnte wieder „Tatort“ besprechen, den am vergangenen Sonntag aus Dortmund fand ich recht gut, aber eigentlich wollte ich damit aufhören, mit dieser gierigen Klickhurerei, mit der Sucht nach Visitorverdopplung, nur weil man ein Mainstreamthema behandelt. Ich könnte darüber schreiben, wie eklig ich finde, dass Stefan Raab breitbeinig dasitzt und Testosteron versprüht, obwohl ich zugeben müsste, nie eine der Raab-Sendungen gesehen zu haben. (Ein Blog darf das, einfach nur ultrasubjektiv konstatieren, dass man nicht in einer Welt leben möchte, in der ein Stefan Raab irgendeine relevante Position inne hat, ein Blog darf auch Verwunderung darüber formulieren, dass Leute, die doch irgendwie geschmackssicher sind, Raab Respekt zollen, Respekt für was nochmal genau?) Andererseits, weswegen sollte ich? Ich könnte darüber schreiben, weswegen mich Katrin Göring-Eckardt nervt, weswegen mich Claudia Roth anwidert, und weswegen mich die ganzen Typen, die etwas gegen Roth haben, noch viel mehr anwidern, allein, was soll’s? Ich könnte mal wieder über Pop schreiben, darüber, wie großartig ich die neue Tocotronic-CD „Wie wir leben wollen“ finde, aber „Wie wir leben wollen“ erscheint erst im Januar, ich dürfte das Werk noch gar nicht kennen. Und irgendwie ist das das einzige Pop-Thema, das mich momentan umtreibt.

Ich könnte nach neuen Antworten suchen, was ich mit der Bandschublade eigentlich will. Auf jeden Fall will ich nicht: Erwartungen erfüllen, das, was ich in den vergangenen Wochen gefährlich häufig gemacht habe. Darüber mache ich mir jetzt Gedanken. Und währenddessen mag es hier vielleicht ein wenig langweilig sein.

08. November 2012 · Kommentare deaktiviert für Ein kaum hörbares Knirschen · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , , , , ,

Eine Großstadt, wie man sie sich wünscht: Brüssel.

Also Stuttgart. In Stuttgart wurde ein neuer Bürgermeister gewählt, und der gehört den Grünen an, deren Vertreter sonst eher nicht Bürgermeister werden. Die CDU, die seit Jahrzehnten den Bürgermeister stellte, erlitt eine Schlappe, weswegen deren Vertreter panisch wurden: Sie hätten die Großstadtkompetenz verloren, mutmaßten die konservativen Analytiker, die jungen, urbanen Schichten würden sie nicht mehr wählen. Naja, Stuttgart. Manche streiten ja darüber, ob Stuttgart wirklich eine Stadt ist und nicht nur ein Bahnhof mit ein paar ungeordneten Häusern drumrum, wobei sogar der Bahnhof in Zukunft unsichtbar werden soll, aber eigentlich ist das hier gar nicht das Thema. Das Thema ist: Was ist das eigentlich, die Großstadt, in der keine großen Parteien mehr gewählt werden?

1. Die Großstadt ist gar nicht so groß

In der Stadtsoziologie spricht man ab 100000 Einwohnern von einer Großstadt. Wer schon einmal in Osnabrück war, der weiß: Besonders urban ist das nicht. Und wenn man mal andere Städte zum Vergleich nimmt, etwa Chongquing in China, mit 28,85 Millionen Einwohnern größte Stadt der Welt und in Europa weitgehend unbekannt, dann fragt man sich schon, ob die Relationen stimmen.

2. Die Großstadt ist ein Dorf

Was macht eine Stadt Hamburg aus? Poppenbüttel? Eilbek? Marmstorf? Nein, eine Stadt wird geprägt von innerstädtischen Quartieren, im Falle Hamburgs: von St. Pauli. Knapp 24000 Einwohner, das ist eine Liga mit Mühlheim am Main. Und außenrum haben wir Speckgürtel, der zählt nicht.

3. Die Großstadt besteht aus Unterschieden

In der Kleinstadt fällt man schon auf, wenn man einen Dialekt spricht, der einen nicht eindeutig als Eingeborenen ausweist. Die Großstadt lässt, solange sie als Stadt funktioniert, Unterschiede zu. In einer funktionierenden Großstadt lebt der Beamte mit dem Studenten Tür an Tür, die Künstlerin mit der alleinerziehenden Mutter, der Aufstocker mit der Gutverdienerin, in der Großstadt glaubt der Muslim, was er glauben will, die Katholikin glaubt an den Papst, und der Atheist glaubt gar nichts. Und alle kommen irgendwie miteinander aus. Das ist so, in der perfekten Großstadt.

Leider ist die Großstadt oft nicht perfekt. Das merkt man im Prenzlauer Berg in Berlin, wo man komisch angeschaut wird, wenn man kein Schwäbisch spricht, das merkt man in der Hamburger Hafencity, wo eben kein Aufstocker mit der Gutverdienerin Tür an Tür lebt – in der Hafencity leben ausschließlich Gut- und Bestverdiener, weil alle anderen sich eine Wohnung hier nicht leisten können. Das merkt man im Münchner Hasenbergl, wo jeder, der seine Kröten irgendwie zusammenkratzen kann, wegzieht, und übrig bleiben die Übriggebliebenen. Das Gegenteil der Großstadt ist nicht das Dorf, das Gegenteil der Großstadt ist das Getto.

Wenn die Großstadt nicht funktioniert, dann gibt es Störgeräusche, manchmal ein kaum hörbares Knirschen, manchmal ein ohrenbetäubendes Kreischen, das einem sagt: Hier kippt gerade etwas. Man hört es in Hamburg, wo wütende Stadtbewohner in der „Recht auf Stadt“-Bewegung dagegen protestieren, dass die Mieten im Zentrum unerschwinglich werden. Man hört es in Stuttgart, wo Bürger sich dagegen wehren, dass ein Bahnhof an der Bevölkerung vorbei geplant wird. Und man hört es ganz hässlich in Köln, wo die Leute gegen einen Moscheebau demonstrieren. Man soll sich nichts vormachen: Die Störgeräusche der Großstadt sind manchmal wirklich widerwärtig.

Und doch, und doch. Ist die Großstadt der Ort, wo man solche Misstöne aushält, wo aus solchen Misstönen etwas neues entsteht. Und wenn nichts neues entsteht, dann verschwindet die Großstadt eben, dann wird sie zur Kleinstadt, zum Ort, wo es keinen Misston gibt, sondern ausschließlich dumpfe, langweilige Stille. Grabesstille. Die Kleinstadt ist der Gegenentwurf zur Großstadt, der Ort, an dem es keine Unterschiede gibt, sondern nur noch Gleichklang. Manhattan, der Inbegriff des Urbanen, wurde so ein Ort in den Neunzigern, als die Quadratmeterpreise so in die Höhe schossen, dass kaum noch ein Normalverdiener im Zentrum New Yorks wohnen konnte. Und? Zogen die Coolen, die Künstler eben ein paar Kilometer weiter, nach Brooklyn. Dass alles im Fluss ist, ist das vierte Element der Großstadt:

4. Die Großstadt verändert sich ständig

Irgendwelche Strategien, wie politische Parteien die großstädtischen Wähler einfangen können, funktionieren entsprechend gar nicht. Weil die Städter nämlich schon wieder woanders sind, bis die Partei ihr Programm angepasst hat. Vielleicht einfach ehrlich sein, konsequent und nicht allzu abgehoben? Vielleicht keinen Bahnhof neu bauen, wenn die Stadtbewohner keinen Bahnhofsneubau wollen? Vielleicht: mal zuhören?

Und ansonsten: Leben und leben lassen. (Ich halte es für einen echten Glücksfall, in der Großstadt zu leben.)

„Die Folter endet nie/Wir werden dennoch siegen.“

(Tocotronic)

Mein erster James Bond-Film war „Octopussy“ (1983), gleichzeitig auch mein letzter, den ich für die folgenden 29 Jahre im Kino sehen sollte – James Bond war damals ziemlich klasse für mich. Zunächst fand ich diese im Grunde formelhaften Agentenkomödien tatsächlich spannend, nach einer Weile gefiel mir auch die Freizügigkeit der Geschichten (was das mit meinem Frauenbild angerichtet hat, darüber möchte ich mir lieber keine Gedanken machen), dann die Schauwerte der exotischen Drehorte, schließlich auch die kaum verhüllten SM-Bezüge und den Zynismus. Bis ich so 17, 18 war, dann verweigerte ich mich. James Bond zeigte nämlich, so behauptete ich, den Sozialismus im falschen Licht (ich war ein unvorstellbar humorloser Jugendlicher), außerdem war das Frauenbild nach dem Schema „Held vögelt Schönheit, die kurz darauf gemeuchelt wird, und kommentiert das Ganze mit einem lockeren Spruch“ womöglich auch diskutabel. Vor ungefähr zehn Jahren entschloss ich mich dann, dass ich über diesem Frauenbild stehe und dass die Diskussion „Sozialismus oder Kapitalismus“ womöglich nicht unbedingt auf der Folie des Popcornkino geführt werden muss. Und holte nach, was ich in den Jahren der Humorlosigkeit verpasst hatte, schaute DVD um DVD, die Vintage-coolen Filme mit Sean Connery, das gerne vergessene George Lazenby-Gastspiel, die bieder-ironischen Roger-Moore-Komödien, die Actionthriller mit Timothy Dalton und die von der Zeit überholten Pierce Brosnan-Filme, die in einer Epoche spielten, in denen man eigentlich keine coolen Geheimagenten mehr brauchte. Und ich schaute natürlich die Neuerfindung der Serie mit Daniel Craig, als sich James Bond mit Regisseuren wie Marc Forster und Sam Mendes zum anspruchsvollen Kunstkino hin öffnete. Alles auf DVD, bis jetzt. Jetzt schaue ich „Skyfall“, im Kino.

„Skyfall“ wurde fast durch die Bank gelobt, ein ernster Film sei das, das Männerbild werde vom Kopf auf die Füße gestellt, ganz still, ohne blöde Witze würden Geschlechterbeziehungen verhandelt, außerdem sei der Bösewicht Silva (Javier Bardem) die viel interessantere, tiefgründigere Figur. Dazu ist zu sagen: Eigentlich war bislang in jedem halbwegs gelungenen James-Bond-Film der Bösewicht die interessantere Figur, zumindest, solange er nicht allzusehr als Karrikatur des Bösen angelegt war. Und zum auf die Füße gestellten Männerbild, naja … Es gibt eine Szene, in der Silva dem gefesselten Bond (Daniel Craig, der mit gerade mal 44 Jahren schon recht alt daherkommt) durchaus sexuell konnotiert nahe kommt, was von manchen Kritikern als queere Neudeutung der Figur gelesen wurde – ich denke, das ist eine Überinterpretation. Wenngleich man natürlich konstatieren muss, was für ein Quantensprung das sexualpolitisch ist, im Vergleich zum schwulen Killerpärchen Mr Wint (Bruce Glover) und Mr. Kitt (Putter Smith) in „Diamonds are forever“ (1971). Und zur Frage der Geschlechterbeziehungen: Bond gebraucht immer noch Frauen, die (Bérénice Marlohe!) erstens toll aussehen und zweitens nach dem Beischlaf ohne viel Federlesens entsorgt werden, so wirklich eine Entwicklung sehe ich da nicht. Allerdings: Die Formel „1.) Beiläufiger Sex mit eine Figur, die später nicht einmal mehr erwähnt wird 2.) Sex mit einer sympathischen Figur, die kurz darauf von den Bösen umgebracht wird 3.) Sex mit einer Figur, die sich später als Böse entpuppt und kurz vor Schluss von Bond umgebracht wird, gerne auch mit einer sadistischen Wendung und schließlich 4.) abschließender Sex mit einer Figur, die den gesamten Film über nervte, sich zum Schluss aber als Verbündete entpuppt“ wird hier nicht weiter geführt. Eigentlich hat Bond nur einmal Sex (am Anfang, mit einer Strandbekanntschaft in der Türkei, zählt nicht, da ist unser Held ja auch dauerbetrunken), recht unvermittelt, und entsprechend doof ist die Szene in ihrer Unter-der-Dusche-Softporno-Ästhetik auch – zumindest, wenn ich richtig verstanden habe, dass die neu eingeführte Miss Moneypenny (Naomie Harris, Moneypenny ist jetzt dunkelhäutig, solch ein eindeutiges Bekenntnis zum multikulturellen England wäre früher auch nicht möglich gewesen!) Bond nicht vögelt sondern nur rasiert.

Überhaupt macht Regisseur Sam Mendes das gar nicht ungeschickt: Er baut in „Skyfall“ Standardsituationen auf, die er minimal abändert und gibt dem Film damit einen anderen, etwas modernen Dreh. Natürlich werden exotische Locations abgefilmt (obwohl, „exotisch“: Istanbul und Shanghai, da kommt man mittlerweile auch problemlos mit Pauschalarrangements hin), nur um nach ungefähr 50 Minuten in die Londonor U-Bahn abzutauchen, wo dann lehrbuchgerechte aber Bond-untypische Großstadtaction abgefeiert wird. Wie immer hat der Bösewicht ein Versteck auf einer eigenen Insel – wobei es sich in „Skyfall“ um die japanische Insel Hashima handelt, und die ist keine Kommandozentrale des Bösen, sondern nur eine trostlose Ruine. Und der Titelsong Adeles ist beim ersten Hören stilvoller Retrosoul („Langweilig!“ motzt die kluge, schöne Frau, ein wenig hat sie recht), beim zweiten Hören aber ein nicht uncooles Zitat wirklich großer Bond-Songs, das hübsch in eine videoclipartige Titelsequenz eingewoben wird. Um ehrlich zu sein, wünscht man sich ein wenig, dass diese Titelsequenz überhaupt nicht mehr aufhört, immer noch mal ein Crescendo, „Let the Sky fall!“

„Skyfall“ ist natürlich nicht spannend, aber der Film macht Spaß. Man schaut zwei Stunden (verhältnismäßig altmodischer) Action zu, freut sich über mehrere selbstironische Brechungen (wer hat eigentlich den Blödsinn verzapft, dass dieser Film so unglaublich ernsthaft sei?) und amüsiert sich alles in allem nie unter Niveau. Es geht eben um alte Männer (und Frauen: Judy Dench als Bonds Vorgesetzte M hat weitaus mehr zur Handlung beizutragen als sonst), die sich irgendwie gegen das Alter auflehnen: mittels Physis, mittels Emotion, mittels Sex. Ist okay, darf man machen, das ist weitaus mehr als die Pseudocoolness früherer Bond-Entwürfe. Als Neuerfindung einer Figur aber taugte Daniel Craigs Bond-Debüt „Casino Royale“ (2006) mehr als „Skyfall“, ich mein‘ ja bloß.

Aufmerksame Leser haben es schon mitbekommen: So wahnsinnig viel passiert gerade nicht auf der Bandschublade. Hin und wieder eine Fernsehkritik, mal eine Schnurre aus dem Alltag, mal eine Ausstellungsbesprechung, nichts, was einen wirklich bewegt. Irgendwie passieren mir gerade keine originären Sachen, Sachen, die ich hier und nirgendwo sonst unterbringen möchte, das ist ein wenig fristrierend, aber, gut, wenn es so ist, dann soll es so sein. Vielleicht bin ich des Bloggens ja auch gerade ein wenig überdrüssig, wer weiß? Ähnliches lässt sich auch über die Besucherzahl im Oktober sagen: Die riss einen nicht vom Hocker, obwohl, wenig Besucher waren es eigentlich auch nicht, es war, naja, okay. Durchschnitt. Geht so. Die Besucher, die immer noch vorbei schauen, weil sie Sophia Thomalla nackt sehen wollen oder wissen wollen, ob René Pollesch schwul ist, die ignoriere ich mittlerweile. Die gehen mir einfach nur noch auf die Nerven.

1. „melody kreiss“. Das ist tatsächlich der häufigste Suchbegriff des Monats. Nichts mit „nackt“, nichts mit „schwul“. Einfach nur die Suche nach Melody Kreiss, einer Drehbuchautorin, die den SWR-Tatort „Nachtkrapp“ verantwortet, und den habe ich auf der Bandschublade besprochen. Womöglich konnte ich ja tatsächlich einen Googler glücklich machen? Schön auch in diesem Zusammenhang die zweimalige Anfrage „wie kommt melody kreiss zu dem job?“ Hochgeschlafen, nehme ich mal an. So geht es doch zu, in diesen Kreisen.

2. „der sexuelle körper elfi fröhlich“. Ich verstehe nicht einmal annähernd, wie man auf diesem Weg auf der Bandschublade landen kann. Ich meine, Elfi Fröhlich ist eine Berliner Künstlerin, aber ich habe nie etwas über sie geschrieben. Ich vermute, es ist ein ganz ulkiger Google-Zufall, dass diese Wortkombination zu mir führt. Aber: Durch diese Anfragen wurde ich motiviert, nachzuschauen, wer Elfi Fröhlich überhaupt ist. Sieht interessant aus, was sie macht – Dankeschön also.

3. „beispiele für schlecht gemachte plakate“. Öhem. Also, in der Kultur-AG im AStA der Uni Gießen veranstalteten wir einmal einen Abend mit Filmen, Diskussionen und einem Auftritt der Straßenmusiker „Der wahre Helmut“, und dafür designten wir selbst ein Plakat. Mit Schreibmaschine, Tipp-Ex, Klebstoff und Schwarzweiß-Kopierer. Und weil es unter unserer Würde war, zu schreiben, was wir nun eigentlich planten, waren auf dem Plakat nur ein paar kryptische Daten zu sehen. Ich würde sagen: Das ist ein Beispiel für ein sehr schlecht gemachtes Plakat.

4. „stereo aktfotos“. Vielleicht ein wenig genauer? Ich vermute, es geht um Stereofotografie? Da gibt es sicher auch Aktfotos von, warum auch nicht? Nur hier leider nicht.

5. „ikue nakagawa“. Frau Nakagawa ist eine japanische Tänzerin, die ich vor Jahren in dem Stück „Libido Sciendi“ von Pascal Rambert beschrieben habe. Sicher, das war ein durchaus freizügiges Stück, das wahrscheinlich auch ein paar Voyeure anzieht, aber, mal ehrlich: Alles in allem war das eher randständiges Tanztheater! Ein Nischenthema! So viele Voyeure gibt es gar nicht, dass die alle nach Nakagawa suchen! Ich vermute, dass „Ikue Nakagawa“ auf Japanisch noch irgendetwas anderes bedeutet, irgendetwas Alltägliches, das in Japan ständig gegooglet wird. Und so landen immer wieder Japaner auf meiner kleinen Seite und verstehen nicht, was da geschrieben steht, in einer schwer verständlichen Sprache.

6. „blog schreiber lustig“. Also, da seid ihr hier eindeutig falsch.

7. „redakteursgehalt ippen zeitungen“. Das weiß ich nicht. Die Mediengruppe Ippen ist ja ein traditionsreiches Unternehmen, da nehme ich einfach mal ganz naiv an, dass die tarifgebunden sind. Andererseits hat Ippen in der Branche den Ruf, kein besonders arbeitnehmerfreundlicher Arbeitgeber zu sein, da könnte ich mir auch Tarifflucht vorstellen. Kurz gesagt: Ich habe keine Ahnung.

8. „isabelle helena das war echt ein sehr paradoxes wochenende! am freitag ist noch alles perfekt“. Das ist keine Suchanfrage, das ist eine Kurzgeschichte.