31. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (Dezember 2012) · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte · Tags: , , , , , , , , ,

Seit Mai mache ich diese Analyse der Googleanfragen auf der Bandschublade, und seit Mai ärgere ich mich: darüber, dass sich immer nur Anfragen nach nackten und/oder schwulen Halbpromis hier sammeln, nie aber die Frage nach dem Sinn des Lebens oder zumindest nach einer tollen Theaterinszenierung. Mit anderen Worten, es brauchte ein Dreivierteljahr, bis ich kapiert habe, dass spannend nicht die häufigsten Anfragen sind (im Dezember war das, wer hätt’s gedacht, „sophia thomalla brust“, mal wieder), sondern diejenigen, die nur ein-, zweimal auftauchten. Ansonsten ist Google aber auch ein komisches Tool – weswegen dieses kleine Blog Platz eins bei der Eingabe „Oh, Danke“ ist, weiß wohl nur ein irre gewordener Server, irgendwo in der schwedische Einöde. Egal, hier kommen ein paar ausgewählte, nicht allzu häufig aufgerufene Anfragen.

1. „tino hanekamp berlin“ Habe ich mich auch schon gefragt – was passiert, wenn Tino Hanekamp, diese zentrale Figur des Hamburger Nachtlebens, irgendwann das macht, was alle machen, nämlich nach Berlin ziehen? Bricht dann hier alles zusammen? Aus berufenem Munde kann ich Entwarnung geben: Anscheinend lebt Hanekamp noch in Hamburg, wenn auch am Stadtrand Richtung Berlin, aber die Hauptstadt ist auch nicht mehr das, was sie mal war, und über kurz oder lang zieht man vielleicht eher richtig aufs Land?

2. „porno schlechtes gewissen“ Muss man meiner Meinung nach keines haben.

3. „ich verstehe die rolle der sarah brandt nicht“ Lustig, ein Beitrag auf der Bandschublade begann ganz ähnlich, eine der mir mittlerweile unlieb gewordenen „Tatort“-Besprechungen: „Ich verstehe die Figur der Sarah Brandt nicht.“ Nunja, was soll ich dazu sagen? Anscheinend verstehen mehrere Leute diese von der geschätzten Sibel Kekilli gespielte Figur nicht, und ein wenig Licht ins Dunkel bringt womöglich dieses Blog hier.

4. „was macht eigentlich heidi brühl“ Die ist tot. Schon seit 21 Jahren, sie starb gerade mal 49-jährig nach einer Krebsoperation.

5. „krabbeltiere auf nackter haut erotisch“ Aerch. Irgendwie habe ich gerade total das Bedürfnis, mich zu kratzen.

6. „roter sack in bochum“ Zuerst dachte ich, da sucht jemand eine Kneipe, nur gibt es in Bochum keine namens „Roter Sack“. Mittlerweile habe ich erfahren, dass der Windelsack in Fröndenberg „viel diskutiert“ wird, von Fröndenberg ist es nicht allzu weit nach Bochum, es könnte also sein, dass ein Bochumer von diesen Diskussionen erfahren hat und wissen möchte, ob es so etwas auch in Bochum gibt. Soweit ich das verstanden habe: Gibt es nicht.

7. „islam einen geblasen bekommen“ Ich habe keine Ahnung, was der Islam zu dem Thema sagt. Ich könnte was zur katholischen Sicht auf die Sache erzählen, da ist Oralsex explizit verboten – der dient ja nicht der Reproduktion, und weil Katholiken ausschließlich deswegen Sex haben, blasen sie nicht. Im Islam denken sie wahrscheinlich ähnlich, vielleicht nicht ganz so radikal. Wenn ich es richtig verstehe, gibt es hier das Konzept, dass etwas „makruh“ ist, nicht verboten, aber missbilligt. Wobei es in der Praxis wohl so ist: der eine Imam sagt das, der andere jenes, und am Ende schlagen sich alle die Köpfe ein.

8. „dem intendanten des theaters bremen es geht immer nur um geld“ Das klingt jetzt vielleicht doof, aber: Das Spielzeitthema in Bremen ist momentan tatsächlich „Geld“ (auch wenn Michael Börgerding, der Intendant, das ein wenig differenzierter sieht), entsprechend kann man dem gesuchten Satz vielleicht wirklich zustimmen. Aber wahrscheinlich war das anders gemeint, oder?

30. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Jahresrückblick 2012 · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , , ,

Ein Jahr, vorbei. Vergleichbare Rückblicke kennen wir von 2011, 2010, 2009 und 2008.

Zugenommen oder abgenommen? Zuletzt ein wenig zugelegt, ich schiebe es auf die Vorweihnachtszeit und bin hoffnungsfroh, dass das auch wieder weniger wird.

Haare länger oder kürzer? Auf jedem Foto 2012 trage ich die Haare ziemlich kurz. Aber es gab ja auch noch einen Teil des Jahres, der nicht fotografisch dokumentiert ist.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Keine Ahnung. Den Bildschirm sehe ich problemlos.

Mehr ausgegeben oder weniger? Deutlich mehr.

Der hirnrissigste Plan? „Ach, die alte Küche, die lassen wir nicht fachmännisch abreißen, das bekommen wir auch mit roher Gewalt selbst hin.“

Die gefährlichste Unternehmung? Wie schon im Vorjahr: Wirklich gefährlich war nichts in meinem Leben.

Die teuerste Anschaffung? Eindeutig die Küche, auch wenn wir die zu zweit bezahlten. Hat sich aber jetzt schon gelohnt.

Das leckerste Essen? Ein Glas Weißwein und eine Paella Mallorquin in einem der zwei Restaurants am Ortseingang von Fornalutx/Mallorca.

Das beeindruckendste Buch? Übermäßig viel gab es da nicht, vergangenes Jahr. Mir gefiel Rainald Goetz„Johann Holtrop“. (Eine Rezension habe ich für die kulturnews geschrieben.)

Der beste Comic? Camille Jourdy, „Rosalie Blum“. (Ebenfalls für die kulturnews rezensiert.)

Der berührendste Film? „Medianeras“, eine argentinische Romantic Comedy von Gustavo Taretto. Wurde zwar schon 2011 gedreht, ich sah ihn aber erst dieses Jahr. Und zwar an meinem 40. Geburtstag.

Das beste Lied? Sophie Hunger, „Das Neue“. Die Platte berührt mich zwar nicht so, das Stück ist aber toll.

Die beste Platte? Barbara Morgenstern, „Sweet Silence“. Ich habe wenig neue Musik gehört, dieses Jahr. Irgendwie lebe ich nicht mehr wirklich da drin.

Das schönste Konzert? Santigold, die „Master of my Make Believe“-Tour auf Kampnagel, Hamburg. Verspätet, mit technischen Problemen, zu kurz. Und trotzdem herzerwärmend.

Die schönste Theatererfahrung? Jacques Offenbachs Opera Buffa “Die Banditen” in der Regie von Herbert Fritsch am Theater Bremen. Oper, eigentlich gar nicht meins, hier aber wahnwitzigst.

Die interessanteste Ausstellung? Voll unoriginell: die documenta. Gab auch einen kleinen Text für die Bandschublade her.

Die meiste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: meinen geschätzten Bürokolleginnen.

Die schönste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: der schönen, klugen Frau.

Vorherrschendes Gefühl 2012? Neubeginn.

2012 zum ersten Mal getan? An Heiligabend das Wort „Familienfest“ neu gedacht.

2012 nach langer Zeit wieder getan? Meine journalistischen Texte als freier Autor auf den Markt geworfen. Die Erfahrung gemacht: Die will jemand haben. Selbstbewusstsein gestärkt.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Die Medienkrise. Die Medienkrise. Die Medienkrise. (Und den Stress mit der Küche.)

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? „Das ist aber wirklich ein wichtiges Thema, da sollten wir einen Artikel drüber schreiben, also, ich sollte einen Artikel drüber schreiben.“

2012 war mit einem Wort…? Toll. Bestes Jahr seit Jahren.

Edit: Im näheren Umfeld schauten schon Isabel Bogdan zurück, Eva Schulz, wortlos Mark.

26. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Alle wollen mich immer nur körpern · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , ,

Eine zieht durch die Kneipen, gerät an den Falschen, ist tot. Einer säuft, als ersten Schritt auf dem langen Weg zur Liebe, zum Bumsen, und irgendwann ist der erste Schritt der einzige Schritt, um den es geht, da folgt nichts mehr, „Lernen sie oft Frauen in Kneipen kennen?“ „Wenn, dann hier.“ Einer ist eine arme Sau, ein anderer genauso, und so etwas wie Hoffnung bietet in dieser Welt nichts mehr, nicht hier, nicht im Frankfurter Gallusviertel, und am allerwenigsten Hoffnung bietet die Religion, deren überforderter Vertreter seine Überforderung wegsäuft, abends in der Sichtbetonhölle des katholischen Gemeindezentrums. „Alle wollen mich immer nur körpern, aber nie will mich jemand küssen“, so geht es hier zu.

Ich bin meinem Gelübde untreu geworden.

Eigentlich wollte ich nichts mehr schreiben zum „Tatort“, weil ich übersättigt bin, gelangweilt. Und dann zeigt der geschätzte Hessische Rundfunk am zweiten Weihnachtsfeiertag eine so mutig unweihnachtliche Folge wie „Im Namen des Vaters“, dass ich gar nicht anders kann, ich muss den Hut ziehen, vor Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume, der sich hier traut, eine Welt absoluter Tristesse zu entwerfen, schonungslos, brutal, genau und nicht ohne bitteren Humor. Hier weiß jemand sehr detailliert, was er für eine Geschichte erzählen will, er kennt die Leute gut, von denen er erzählt, er kennt die Gegend, in der die Geschichte spielt, und dass er am Ende glaubt, den Krimikonventionen entsprechen zu müssen, dass er am Ende eine halbherzige Spannungsdramaturgie verfolgt, in der der jämmerliche Pfarrer (Florian Lukas) entführt wird, darüber sehe ich gnädig hinweg. Weil alles andere an diesem Krimi so gelungen ist.

Worüber ich nicht hinweg sehe, ist Nina Kunzendorfs Kommissarin Conny Mey. Die ist nämlich die spannendste Polizistinnenfigur im deutschen Fernsehen, laut, prollig, hochintelligent und angetrieben von einem guten Charakter. Jemand, in den ich mich sofort verliebe. Aber Kunzendorf hört auf, „Im Namen des Vaters“ war ihr vorletzter Fall. Und, tut mir leid, so sehr ich ihren Partner Joachim Król schätze, ohne Kunzendorf ist der Frankfurter „Tatort“ einfach nichts. Der „Tatort“ wird in Zukunft langweilig werden, ich schaue den nicht mehr. Und wenn, dann schreibe ich nichts mehr drüber.

20. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Theaterwissenschaftler sind hübscher als Studenten anderer Fachrichtungen · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , , , , ,

In den Jahren vor dem Abitur 1992 erhielten wir Hefte, keine Ahnung von wem, vom Baden-Württembergischen Kultusministerium? Von der Bundezentrale für Politische Bildung? Vom Studentenwerk? Jedenfalls sollten uns diese Heftchen informieren, wie es nach dem Abi weitergehen würde, und der übliche Weg war damals recht deutlich vorgezeichnet: Studium. Es gab ein dickes Heft, in dem erklärt wurde, was einen im Ingenieursstudium erwarten würde, es gab ein dickes Heft, in dem es um Wirtschaftsstudiengänge ging, es gab mehrere sehr dicke Hefte, in denen die Lehrämter erklärt wurden. Und es gab ein ganz dünnes Heft namens „Studieren in eigener Regie“: Theaterwissenschaft.

Das Heft erklärte ziemlich eindeutig, dass man solch ein Studium besser erst gar nicht anfangen sollte (Brotlose Kunst! Und überhaupt, wen interessiert das eigentlich?), stellte aber pflichtschuldig die Studiengänge an acht Hochschulen grob vor (Mainz und Frankfurt hatten damals noch keine vergleichbaren Institute aufgebaut, und in den Osten traute man sich schlicht nicht). In Baden Württemberg gab es: keine einzige Uni, die das Fach anbot. Und als ich zur Studienbaratung der Uni Ulm ging, erklärte man mir auch frei heraus, dass es solch eine Fachrichtung gar nicht gebe. (Der Schwabe als solcher ist bekanntermaßen recht pragmatisch, was Wissenschaft angeht: Ein Studium, das nicht Maschinenbau heißt, des isch irgendwie nix rechts.) Ich musste mich also auf „Studieren in eigener Regie verlassen, bezüglich meiner Studienortwahl, und irgendwie war mir alles zu unsympathisch, was da genannt wurde. Hamburg war zu weit weg, Erlangen zu nah, München zu münchnerisch, Bayreuth zu verwagnert, Köln zu karnevalistisch. Bochum sagte mir zu, auch Berlin, aber überall gab es einen NC, und mein erwarteter Abischnitt schien mir hier das Genick zu brechen. Es gab allerdings eine Ausnahme: das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft an der Uni Gießen.

An allen anderen Unis studierte man Theaterwissenschaft auf Magister (für die Spätgeborenen: Das ist sowas wie Bachelor, nur für ganz alte Menschen), in Gießen war man am Ende „Diplom-Theaterwissenschaftler“. Außerdem gab es zwar ebenfalls einen NC, der allerdings erst zum Zuge kommen sollte, nachdem die Bewerber durch Einreichen einer Mappe sowie eine künstlerisch-wissenschaftliche Aufnahmeprüfung vorsortiert wurden, ich konnte also darauf hoffen, dass sich das Bewerberfeld so stark reduziert haben würde, dass auch Leute mit mittelprächtigem Abi noch eine Chance haben sollten. Frohgemut stellte ich meine Mappe zusammen, ohne auch nur annähernd Ahnung zu haben, was da eigentlich erwartet wurde: eine Kritik zu meinen laienhaften Versuchen als Schauspieler, in Kohouts „August August, August“ am Ulmer Jugendtheater Spielschachtel. Ein Empfehlungsschreiben meines Deutschlehrers. Ein dilettantischer Versuch einer Aufführungsanalyse.

Es war ein Desaster. Ich flog in der ersten Runde raus.

Worauf ich die Theaterwissenschaft sein ließ und mich für Literaturwissenschaft einschrieb. Ironischerweise landete ich zwei Semester später dennoch in Gießen, und weil die Theaterwissenschaftler fachfremd Seminare besuchen mussten, saßen ständig welche in den literaturwissenschaftlichen Veranstaltungen, abschätzig beäugt von uns „echten“ Wissenschaftlern: „Drama, Theater, Medien“ (wie dder Studiengang zeitweise hieß), das waren doch diese Luftikusse, die irgendwie in Kunst machten. Mein Verhältnis zur Angewandten Theaterwissenschaft war indifferent. Einerseits war ich eifersüchtig, ich meine, das waren Studenten, die die Plätze besetzten, auf denen eigentlich ich sitzen wollte. Andererseits waren die meist auch ziemlich nett. Und hübsch. (Das mag weit hergeholt sein, aber ich glaube wirklich, dass die Theaterwissenschaftler hübscher waren als die Studenten der anderen Fachrichtungen. Das ging so weit, dass mir das Mensaessen in der benachbarten Uni Marburg nicht schmecken wollte – in Marburg konnte man keine Theaterwissenschaft studieren, weswegen dort ausschließlich unattraktive Menschen in der Mensa saßen.) Und drittens muss ich sagen, dass das, was dort am Institut künstlerisch passierte, wirklich recht interessant war. Natürlich war es auch so, dass in einer kleinen Stadt wie Gießen die Probebühne des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft unglaublich wichtig für das Nachtleben war, mit Performances, Partys, Konzerten. Mit anderen Worten: Ich hing da ständig rum.

Als ich in Gießen anfing, hatte der Institutsgründer Andrzej Wirth gerade die Uni verlassen und war ersetzt worden durch Helga Finter, eine spröde Person, die das Künstlerische im Vergleich zur Wissenschaft zu vernachlässigen schien, und gegen die es am Institut eine mächtige Oppositionsbewegung gab. Nichtsdestotrotz vergötterte ich Finter, weswegen ich mein eigenes Studium mit Finters Inhalten aufzuladen versuchte: Ich interessierte mich extrem für französischen Strukturalismus, für Körperkonzeptionen, für interdisziplinäre Fragen, und, hey!, Interdisziplinäres, das war doch genau mein Thema! Als Literaturwissenschaftler, der doch eigentlich Theaterwissenschaftler sein wollte. Durch die Hintertür kam ich also via Finter wieder ins Spiel. Seit 1999, also nach meinem Weggang aus Gießen, ist Heiner Goebbels Professor am Institut, der anscheinend dem Künstlerischen wieder mehr Raum gibt, allerdings muss man natürlich sagen: Unter Finter, also in der künstlerisch umstrittenen Zeit, machten Theaterleute wie She She Pop, Showcase Beat le Mot oder Rimini Protokoll ihre Abschlüsse, Theaterleute, die heute die internationalen Festivals prägen und so nicht zuletzt im Ausland das Paradebeispiel für deutsches Theater sind.

Und ich hatte schon Arbeiten von ihnen gesehen, als sie noch keiner kannte! Vor fünf Zuschauern! Auf der Gießener Probebühne!

Das Institut für Angewandte Theaterwissenschaften hat meinen Blick aufs Theater geprägt, mehr als alle Castorf-Inszenierungen, die ich später begeistert verfolgt habe. Dieses konsequente: Leben als Basis fürs Theater nehmen. Dieses Bekenntnis zur Ironie. Diese Lust am intellektuellen Spiel. Diese Bereitschaft zum Dilettantismus, wenn nur das Endergebnis funktioniert. Dieser Tage feiert das Institut seinen 30. Geburtstag, ich sage dann mal: Herzlichen Glückwunsch. Und Danke.

12. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Über das Nichtweiterkommen · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , ,

Die Münchner Theaterwissenschaftlerin Luise Bundschuh hat mir eine Mail geschrieben. Frau Bundschuh schreibt ihre Magisterarbeit über „Theaterkritik im zeitgenössischen Sprechtheater“, und hierfür möchte sie wissen, ob ich als Kritikerin (Frau Bundschuh, es ist nicht nett, einfach den Formbrief, den Sie zuvor an eine Kollegin geschickt haben, per Copy and Paste an mich weiterzuschicken) schon einmal Theaterabende erlebt hätte, bei denen mir die danach zu schreibende Rezension besonders schwer fiel. Was für eine Frage! Natürlich habe ich das schon erlebt, ständig! Wollte ich schreiben. Aber nachdem ich ein wenig nachdachte, wurde mir klar, dass die Antwort gar nicht so einfach ist, wie es zunächst den Anschein hat. Weil nämlich das Prinzip „Kunstkritik“ genau solche Momente des Nichtverstehens, des Nichtweiterkommens braucht. Als Material. Mit der freundlichen Genehmigung von Frau Bundschuh publiziere ich hier meine Antwort – weil ich denke, dass mir das Verschriftlichen dieser Gedankengänge ein wenig hilft, zur Selbstvergewisserung in meinem Beruf, der ja eigenartig zwischen den Stühlen sitzt.

Natürlich tue ich mich (…) nicht immer leicht. Natürlich gibt es Inszenierungen, die einen bestimmten kulturellen Bezugspunkt haben, und von diesem Bezugspunkt verstehe ich unter Umständen nichts. Zum Beispiel Alvis Hermanis„Eugen Onegin“ vor einem Jahr an der Schaubühne, wo explizit auf das Russland der Puschkin-Zeit angespielt wurde, da musste ich schlicht passen: Ich konnte nicht nachvollziehen, was diese Bezüge bedeuteten. Das passiert, im Zweifel kann man dann nichts schreiben.
Meist nehme ich das eher als Ansporn für meine Texte: die Momente, an denen ich nicht weiter weiß. In der Regel ist es ja so, dass meine Verständnisprobleme an ähnlichen Stationen auftauchen wie bei anderen Zuschauern. Und da stellen sich dann Fragen: Warum verstehe ich hier etwas nicht? Beeinträchtigt die Beantwortung der Fragen die Inszenierung? Ist die Frage womöglich der Kern der Arbeit? Ich glaube nicht, dass eine gute Theaterkritik unbedingt jede Frage beantworten muss, im Gegenteil, manchmal reicht es durchaus, die Frage in Worte zu fassen.

Natürlich habe ich trotzdem meine Probleme. Das hat weniger mit den einzelnen Inszenierungen zu tun, sondern eher mit der Situation des Theaterjournalisten an sich: Manchmal weiß ich eben doch mehr als der durchschnittliche Zuschauer, schlicht weil ich in der privilegierten Situation bin, unglaublich viele Stücke sehen zu dürfen, und dann fällt mir womöglich gar nicht auf, dass es beim Publikum ein Verständigungsproblem gibt. Manchmal ist eine Inszenierung zu nah dran an meinen persönlichen Themen, und dann schreibe ich gar nicht mehr über die einzelne Aufführung, sondern ausschließlich über mich (zum Beispiel bei She She Pops „Sieben Schwestern“ ging es mir so). Und manchmal fehlt die professionelle Distanz zu den Ausführenden. Die lässt sich einfach nicht immer durchhalten, die Szene ist klein, da entwickeln sich Freundschaften, Interessenskonglomerate etc. … Und über kurz oder lang ist man in der Situation, über den Menschen eine Kritik zu verfassen, mit dem man vor kurzem noch knutschend in der Kantine saß. Ein weiterer Punkt ist das Finanzielle: Ich möchte nicht behaupten, dass Journalisten bestechlich seien, aber natürlich wird man von Theatern gefragt, ob man mal einen Beitrag für ein Programmheft verfassen könnte. Oder ob man als Moderator auf ein Podium gehen würde. Und da fließt dann auch Geld, nicht viel in der Regel, aber trotzdem. Ich bin als festangestellter Redakteur da noch verhältnismäßig gut dran, aber wer die Honorarsätze für freie Journalisten kennt, versteht, wie man da in Kalamitäten geraten kann.

08. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Daumen hoch, Daumen runter · Kategorien: Bretter · Tags: , ,

Es geht um Geld. Genau genommen war das Finanzielle immer schon das prägende Thema am Bremer Theater, ob Kurt Hübner, Hansgünther Heyme oder Klaus Pierwoß, alle Intendanten kämpften mit der strukturellen Unterfinanzierung des Hauses. Selbst Hans-Joachim Freys Intendanz scheiterte am Ende nicht wegen der Anspruchslosigkeit des Spielplans, sondern wegen des ökonomischen Himmelfahrtskommandos eines eigens geschriebenen Musicals namens „Marie Antoinette“, das kaum jemand sehen wollte und das die Liquiditätslücke des Theaters mit einem Schlag verdoppelte. Wenn man so will, kann man selbst die berühmtesten Performancekünstler der Stadt als Wirtschaftsopfer sehen: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, klagen die „Bremer Stadtmusikanten“ in Grimms Märchen. Nicht etwa Abenteuerlust treibt sie, sondern Hunger. Und echte Aktion fängt ohnehin erst an, als die Musikanten unter Räuber geraten sind.

Theater heute hat mir die Möglichkeit gegeben, die Entwicklung eines Theaters über einen längeren Zeitraum hinweg zu verfolgen. Ich habe für die Dezemberausgabe der Zeitschrift ein Feature (Link nur für Abonnenten zugänglich) zum Saisonstart des Bremer Theaters geschrieben, die erste Saison des neuen Intendanten Michael Börgerding. ich fuhr immer wieder an die Weser, habe mehrere Premieren besucht und mehrere reguläre Aufführungen, habe ein Interview mit Börgerding geführt und im Foyer die Gespräche des örtlichen Publikums belauscht. Und nach und nach kapiert, dass die Art wie Kulturjournalismus in der Regel läuft, eigentlich am Thema vorbei geht: Hinfahren, Anschauen, Wegfahren, Daumen hoch, Daumen runter, das ist es nicht. Kultur läuft anders, Kultur ist ein Prozess, und dieser Prozess lässt sich nicht an einem Abend verfolgen, eigentlich muss man Sachen immer wieder anschauen, eigentlich muss man sich auf Kleinigkeiten konzentrieren, Kleinigkeiten, die erst in der Summe ein Bild ergeben, man muss sehen, dass Manches funktioniert und Manches nicht, und der Kritiker als Oberlehrer, der Zensuren verteilt, hat keine Chance. Der Kritiker muss Teil des Prozesses werden, muss seine Distanz aufgeben und die Distanz dann in einem durchaus schmerzhaften Akt wiederherstellen.

Der Artikel „Unter Räubern“ hat mir dieses Teilnehmen am Prozess ermöglicht. Aber Journalismus läuft meistens, fast immer anders, solch ein zeit- und vor allem kostenintensives Projekt leistet sich kaum noch ein Verlag, in Zeiten der Medienkrise. Ich habe das Feature gerne übernommen, aber auf lange Sicht wird so etwas niemand finanzieren. „Unter Räubern“ war einmalig, das macht die Arbeit extra wertvoll, aber in Zukunft werde ich doch wieder in die Premieren stiefeln und Urteile fällen müssen. Geht gar nicht anders.

(Die Medienkrise ist ein stinkender Hund.)

03. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (November 2012) · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte · Tags: , , , , , ,

Ich zähle die Google-Anfragen nach „Devid Striesow schwul“ nicht mehr. Sie langweilen mich, sie ärgern mich. Hallo: Striesow ist Schauspieler, und er hat einmal einen Schwulen gespielt, mit einigem Geschick, aber das heißt nicht, dass er tatsächlich schwul ist. Was googlet ihr denn sonst noch so? „Ulrich Tukur Mörder“? „Bruno Ganz Hitler“? Das Ärgerliche an solchen Anfragen: Indem man sie beantwortet, indem man sagt „Nein, Devid Striesow ist nicht schwul, Frau und Kind hat er, und Wikipedia hilft schnell weiter“, stellt man eine Wertung her, nach der Homosexualität etwas Peinliches ist, etwas, das gerade gerückt gehört. Gehört es nicht, sonst ist man ganz schnell auf Bettina-Wulff-NIveau. Außerdem sind andere Googleanfragen ohnehin interessanter.

1. „gießen wordpress uni freundin besuch“ wurde siebenmal gesucht. Das ist spannend, weil sich da eine Geschichte hinter versteckt. Ich war ja an der Uni Gießen, ich hatte da eine Freundin, und nachdem ich nach Berlin gezogen war, fuhr ich trotzdem immer noch hin und wieder dorthin, auf Besuch. Eine weitgehend schöne Geschichte, das.

2. „hoden streicheln“ macht auf jeden Fall Spaß. Äh, alleine, oder zu mehreren?

3. „witze zu martini“ In den Achtzigerjahren entwickelten sich die James-Bond-Filme zur mal mehr, mal weniger lustigen Witzereihe, und weil 007 gerne Martini trinkt, dürften da auch ein paar Witze gemacht worden sein. Mal wieder „Octopussy“ gucken?

4. „hamburg weltmännisch münchen provinziell“ Das will ich aber wohl meinen! (In München sieht man das wohl en wenig anders.)

5. „axel prahl doof“ Ach, das kann ich mir nicht vorstellen, dass der Herr Prahl doof ist. Ich finde ja, der ist ein ganz guter Schauspieler, der leider mit dem Münsteraner „Tatort“ ziemlich doofe Filme dreht. Allerdings scheint er diese Filme selbst recht gut zu finden, was natürlich wieder Rückschlüsse auf Prahls Intelligenz zulässt.

6. „schubladen she she pop zusammenfassung“ Eigentlich würde ich ja sagen: Schaut euch She She Pops tolles Stück „Schubladen“ selbst an, die können ein paar Zuschauer brauchen. Aber ich will mal nicht so sein: Es gab einmal ein Land im Westen, und es gab ein Land im Osten. Diese beiden Länder wurden zusammengespannt. Aber die Bewohner dieser Länder wissen nicht, was sie miteinander reden sollen: Sie haben ja nichts gemein. Ausführlichere Gedanken habe ich mir hier gemacht.

7. „motzen im kommentarbereich“ Das geht mir ja sowas von auf den Keks!

8. „kostenlose deutschsprachige pornofilme von schwulen u ältern omas“ Ich bin immer wieder überrascht, wie genau ausformuliert manche Fetische sind. Hier zum Beispiel: Ich verstehe das richtig, dass sich die Schwulen und die älteren Omas (nebenbei: Sind die nicht immer älter?) treffen sollten? Oder sind die Omas schwul? Das wird in der Anfrage nicht so ganz klar. Außerdem: Die Filme sollten deutschsprachig sein, das ist wichtig, damit man die Handlung versteht. Und kostenlos, jaja, diese Kostenloskultur im Internet, damit macht man auf lange Sicht natürlich mein Einkommensmodell kaputt. Aber vielleicht sattle ich ja auf schwule Oma um.