Da kann die Selbstinszenierung noch so glamourös daherkommen: Blogging ist einfach over.

Da kann die Selbstinszenierung noch so glamourös daherkommen: Blogging ist einfach over.

Skandal! Schon den dritten Monat in Folge nachlassende Besucherzahlen auf der Bandschublade! Und dann alles Besucher aus solch unglamourösen Herkunftsorten wie Hamburg, Berlin und Flensburg! Irgendwie hat das keine Zukunft mehr, Blogging ist echt sowas von over, und sogar Mark ist der Meinung, dass Blogs im Grunde etwas sind, womit man eigentlich nichts zu tun haben will. Das muss aufhören, das macht einfach kaum noch Spaß, das macht sogar so wenig Spaß, dass ich jetzt schon meinen Monatsrückblick bastle, Tage vor dem Monatsende, okay, ein wenig hat das auch damit zu tun, dass ich gerade Zeit habe, währenddessen ich das kommende Wochenende und auch die Folgetage irre viel zu tun habe, und dann wäre schon Mai, und die Ironblogger sanktionieren ja ebenfalls sehr schnell, wenn man nicht schnell genug liefert … Wie dem auch sei. Im April gab es verhältnismäßig wenig Suchen nach dem unbekleideten Körper von Sophia Thomalla, das freut mich. Wie schon in den Vormonaten wurde nach „Sophie Rois nackt“ gesucht, aber für diesen Wunsch habe ich Verständnis, das ist okay. Bemerkenswert ist die mehrfache Suche nach „falk schreiber privattheatertage“, aber ich vermute, dass das meine momentane Praktikantin war, die ich beauftragt hatte, ein wenig zum Thema Privattheatertage zu recherchieren, also auch eher unspektakulär. Google ist auch nicht mehr, was es mal war, es muss echt mal was anders werden.

1. „wo auf den dockville tickets steht, dass ich fürs camping bezahlt habe?“ Gute Frage. Ich campe ja nicht, wenn ich aufs Dockville fahre, weil ich ein alter Mann bin, und alte Männer sind fürs Campen zu gebrechlich, außerdem habe ich ja ein bequemes Bett in Hamburg. Ich gehe einfach mal davon aus, dass die Tickets inclusive Camping eine andere Farbe haben als diejenigen, die ausschließlich Kunstgenuss ermöglichen.

2. „ist peter jordan ein schwabe?“ Klare Antwort: Nein. Jordan ist geboren und aufgewachsen in Dortmund, wurde an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg ausgebildet, spielte an Bühnen in Rostock, Bochum, Hamburg und Berlin und ist verheiratet mit der Schauspielerin Maren Eggert, die aus Hamburg kommt. Das ist alles voll unschwäbisch.

3. „die subversion der sexualität“ Hm, ja. Könnte man viel drüber schreiben, ich denke, diese Subversion muss man sich immer wieder neu erarebieten. Weil Sexualität ja eigentlich etwas total konventionelles ist, ich meine, selbst FDP-Wähler haben Sex. Und trotzdem auch subversiv, irgendwie. Ziemlich kompliziert, das ganze.

4. „peer steinbrück warum wählen“ Weiß ich, ehrlich, auch nicht.

5. „muss man sich als schauspielerin ausziehen“ Ja, muss man. Schon alleine, um das Kostüm anzuziehen, empfiehlt es sich, sich vorher auszuziehen. Duschen funktioniert auch besser, wenn man nackt ist. Oder Sex, wobei, da gibt es auch interessante Bekleidungsvarianten. Und manchmal ist es nicht die schlechteste Regieidee, wenn sich Schauspielerinnen (und Schauspieler) auf der Bühne ausziehen. Manchmal ist das auch eine doofe Idee. Mal so, mal so.

6. „wo steht das theater heute?“ In Hamburg steht eines am Hauptbahnhof, in der Kirchenallee. Und eines an der Binnenalster, Alstertor heißt die Straße. Über die Stadt verteilt gibt es aber noch mehr. In Berlin gibt es ganz spannende am Halleschen Ufer und am Rosa-Luxemburg-Platz, nur mal so als Beispiel.

7. „wo fand man in hamburg die gängeviertel“ In der Innenstadt, innerhalb der Wallanlagen, übelste Massenunterkünfte, in denen erbärmliche hygienische Zustände herrschten. Heute ist nur noch ein ganz kleiner Rest übrig, und auch der stand zeitweise vor dem Exitus.

8. „was ist kulinarisch gegen brühwürfel einzuwenden?“ Eigentlich nichts. Ist halt Convenience Food, das ist immer ein Problem, weil einem da die Souveränität der Zubereitung vorenthalten wird, aber, meine Güte, es sind Brühwurfel!

Kinder, demnächst wird alles anders. Bis dahin vielleicht noch: ein wenig Hipstersound?

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21. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Ein paar abschließende Gedanken zum Hamburger Schauspielhaus · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

– Als Friedrich Schirmer 2005 die Intendanz des Hauses übernahm, war die Stimmung zumindest in meinem Umfeld ablehnend. Schirmer galt als Gegenentwurf zum gegen die damalige CDU-Schill-Regierung agitierenden Intendanten Tom Stromberg, installiert, um eine Oppositionsstimme auszuschalten. Ich meinte: Lasst Schirmer doch erstmal anfangen, als Intendant in Stuttgart verfolgte er jedenfalls keinen regierungsfrommen, gar rechten Kurs, und außerdem hatte ich Schirmer zu seinem Start interviewt, was er da sagte, hatte Hand und Fuß. Ich wurde enttäuscht.

– Die ersten Premieren waren künstlerisch unbefriedigende, politisch erschreckend harmlose Kulinarik, mein Umfeld schien recht zu behalten. Und gerade, als ich dachte, dass da nichts mehr kommen konnte, gab es plötzlich doch Erfolge, Inszenierungen von Volker Lösch und Sebastian Nübling, die sogar zum Theatertreffen eingeladen wurden. Plötzlich positionierte sich das Schauspielhaus auch politisch, ging in Opposition zur wachsenden sozialen Spaltung in der Stadt, der Ton würde schärfer, ich dachte, der Knoten sei geplatzt. War aber ein Strohfeuer.

– 2010 schmiss Schirmer seine Intendanz hin, das Haus war führungslos. Und wie wenn auf dem Segelschiff der Kapitän ausfällt, machte sich plötzlich anarchische Kreativität breit: Das Haus öffnete sich der Subkultur, das doofe Delphin-Logo Schirmers wurde durch einen Hai ersetzt, der Journalist Christoph Twickel konzipierte ein linkes Periodikum namens Hawaii, das kaum noch erwas mit dem Bühnengeschehen zu tun hatte, dafür aber viel mit Pop, Gentrifizierung, Stadt. Ich hoffte, dass sich aus dieser führungslosen Situation ein ganz neues Stadttheater entwickeln könnte, formlos, hierarchiefrei. Es entwickelte sich: Resignation.

– 2012 dann wurde der Bühnenturm erneuert, es wurde umgezogen auf eine Notspielstätte namens „Spielfeld“, wo das Repertoire nicht mehr aufgeführt werden konnte, also wurde für eine einzige Spielzeit noch einmal ein ganz neues Repertoire aus dem Boden gestampft. Ausschließlich Uraufführungen! Ich freute mich, vielleicht würde man sich trauen, endlich aggressiv die eigene Situation zu reflektieren, zu verlieren gab es ja nichts mehr. Man traute sich: nichts.

Gestern dann die letzte Premiere, bevor die designierte Intendantin Karin Beier, die personifizierte Zukunft, das Haus wieder auf Null stellt. Ein Abschiedsreigen: Samuel Weiss‚ „Ritt in die Sonne“. Ich habe die Aufführung für die Nachtkritik rezensiert (und bin dabei auch ein wenig auf meine Geschichte mit dem Haus eingegangen):

Das Bild des Ritts in die Sonne ist ein Bild der Hoffnung, und Weiss ruft diese Hoffnung ab, wenn er zu Beginn das (beinahe) vollzählige Ensemble aus der Unterbühne nach oben schweben lässt, in einen angedeuteten Saloon mit Bar und elektrischem Bullen (Bühne: Ralph Zeger). „Wir sind die, welche dachten, es würde immer weitergehen“, skandieren die Darsteller, aber schon die Landkarte beweist, dass jeder Ritt in die Sonne irgendwann am Pazifik enden muss, und da geht es dann nicht mehr weiter, da muss man neue Ziele suchen. Wie auch die Schauspieler: Kaum einer von denen, die da auf der Bühne stehen, wird im Herbst noch am Schauspielhaus sein.

Über die Zukunft habe ich mir auch Gedanken gemacht, zumal vergangenen Freitag Beier ihre Pläne für die nächste Spielzeit präsentiert hatte. Daraus sind zwei Artikel entstanden, einer für kulturnews.de und einer für die Nachtkritik.

Journalisten, die nichts mehr zu schreiben haben, finden immer noch einen Platz in einer Diskussionsrunde.

Journalisten, die nichts mehr zu schreiben haben, finden immer noch einen Platz in einer Diskussionsrunde.

Und dann sagt Volker Lilienthal, der Gott des investigativen Journalismus, dann jedenfalls sagt Professor Volker Lilienthal, dass der Journalismus in Deutschland noch nie so gut gewesen sei wie momentan. Und dass man sehr guten Journalismus auch ganz ohne Bezahlung machen könne. Und ich murre, irgendwie murrt das gesamte Publikum, Kunststück, das Publikum beim taz-Salon „Zukunft der Zeitung“ besteht wahrscheinlich zu 90 Prozent aus Journalisten, und die finden es alle nicht so besonders lustig, wenn da auf dem Podium jemand sagt, dass man Journalismus auch ohne Bezahlung machen könne. Zumal neben ihm auch noch Isabella David sitzt, Chefredakteurin des Online-Magazins Mittendrin, die ja tatsächlich unbezahlt arbeitet, und die Arbeit, die sie abliefert, ist nicht die schlechteste. Zumindest murrt niemand als David auf die Frage antwortet, weswegen sie das denn mache, deswegen nämlich: weil sie unzufrieden sei mit der Berichterstattung der Springer-Zeitung Hamburger Abendblatt über Hamburg-Mitte, niemand murrt, alle nicken wissend. Ja, es ist gut, dass da jemand was macht, und wenn es auch für lau ist.

Und so einfach ist das ja alles nicht. Die klare Ansage des arbeitnehmenden Journalisten, „Arbeit muss bezahlt werden, und wenn die Arbeit nicht bezahlt wird, dann wird sie nicht gemacht“ in Ehren, aber: Was, wenn sich gar niemand daran stört, wenn wir unsere Arbeit nicht machen? Wenn wir verschwinden, und kaum jemand vermisst uns? Es ist ja schlicht so: Kaum noch jemand ist bereit, für Journalismus zu bezahlen, egal ob über Anzeigen, ein öffentlich-rechtliches Medienmodell oder den Copypreis. Wo also soll die Bezahlung herkommen? Und sollte man den Kram nicht besser gleich hinschmeißen?

Und ich: Weswegen mache ich das eigentlich, in meiner kleinen Nische? Ökonomisch mache ich es, um ein passendes redaktionelles Umfeld für Anzeigenschaltungen zu schaffen, jeder Journalist, der etwas anderes behauptet, lügt sich selbst in die Tasche, nur: Das ist der Grund, weswegen ich es mache, um ein tragfähiges Wirtschaftsmodell zu haben, aber es ist nicht der Grund, weswegen ich es überhaupt mache. Ich mache es überhaupt, um einen Diskursraum zu schaffen: Ich halte es für wichtig, dass Kunst und Kultur reflektiert werden, und für diese Reflexion sind die Kulturressorts der Medien ein Ort. Ich glaube nicht, dass sie der einzige Ort sind, sollten die Medien irgendwann alle den Bach runter gehen, muss sich der Diskurs andere Orte suchen, und wenn man dem ebenfalls auf dem Podium sitzenden taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch glauben kann, dann wird das bald sein: Ruch nimmt an, dass es in fünf Jahren keine gedruckten Tageszeitungen mehr geben wird. Das war es dann also, mit meinem geschätzten Diskursort. Ich bin gerne behilflich bei der Suche nach einem neuen Ort, ich würde diesen Ort auch gerne pflegen, nur, irgendwie muss ich auch meine Miete bezahlen. Falls jemand da eine Idee hat – ich wäre offen für Vorschläge. (Markus Beckedahl hat ein paar Varianten für netzpolitik.org durchgerechnet, ist eine andere Baustelle, schon klar.)

Der Tod jedenfalls ist gar nicht so schlimm. Auf dem Podium saß schließlich noch Stefan Weigel, ehedem stellvertretender Chefredakteur der kürzlich eingestellten Wirtschaftszeitung Financial Times Deutschland – und machte Hoffnung. Ja, die FTD gibt es nicht mehr. Aber es gibt weiterhin so kluge, hellsichtige, eloquente Denker wie Weigel. Die brauchen nur einen neuen Diskursraum, aber wer sagt, dass das eine Zeitung sein muss?

14. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Über das Recht des Sechzehnjährigen auf Geschmacksverwirrung · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , ,

Das Publikum kreißte und gebar: ein altbackenes Theaterstück. Bei der mehr oder weniger demokratischen Spielplanwahl am Hamburger Thalia wurde Friedrich Dürrenmatts Politkomödie „Die Ehe des Herrn Mississippi“ in einem etwas undurchsichtigen Verfahren zum aufführenswertesten Stück der Spielzeit gekürt – und die arme Christine Eder musste es inszenieren. Dürrenmatt, mit dem habe ich eine Geschichte, ähnlich wie mit Woody Allen, Salvador Dalí und den Sisters of Mercy: Künstlern, die ich als junger Mensch toll und wichtig fand, was mir heute ein wenig peinlich ist. Muss es natürlich nicht sein, man hat als Sechzehnjähriger alles Recht auf Geschmackswirren, und es gibt ja auch wirklich schlechtere Dramatiker als Friedrich Dürrenmatt. Bloß aufführen, das muss man den alten Schweizer heute eigentlich wirklich nicht mehr.

Und was passiert, wenn man es doch macht, habe ich für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Sätze wie „Der Westen hat die Freiheit verspielt, der Kommunismus die Gerechtigkeit“ mögen in Zeiten der Systemkonkurrenz ihre Relevanz gehabt haben, heute aber klingen sie hohl, selbst wenn der britische Sozialhistoriker Eric Hobsbawn im Programmheft nicht ungeschickt versucht, den Marxismus als Welterklärungsmodell zu retten.

Übrig bleibt ein, freundlich ausgedrückt, fragwürdiges Frauenbild: „Wer auf dich baut, wird untergehen!“, das ist, was diese zwar lächerlichen, aber dennoch von Idealen beseelten Männer zu ihrem Objekt der Begierde zu sagen wissen. Und übrig bleibt eine Regisseurin, die mit dem Stück fremdelt und die das minimalistische Bühnenbild nutzt, ihre bestens aufgelegten Darsteller Kabinettstückchen vollführen zu lassen: Geiße zuzuschauen, wie sie als neugieriges Zimmermädchen lauschend durch die Kulisse staubwedelt, ist jedenfalls ein großer Spaß.

09. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Why don’t you love me anymore? · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , ,
Holzfäller-Style, recht maskulin, Bauch und Vollbart, aber natürlich ironisch verhipstert, ist ja Alternative: John Grant.

Holzfäller-Style, recht maskulin, Bauch und Vollbart, aber natürlich ironisch verhipstert, ist ja Alternative: John Grant.

„Ich würde gerne deutsch können“, sagt John Grant, und man ist kurz überrascht, weil: Der kann doch deutsch, fast akzentfrei. Der kann so gut deutsch, wie man noch nie einen US-Amerikaner hörte, aber dann geht der Satz noch weiter: „wie Max Goldt.“ Grant kichert. „Ich find‘ den so geil.“ Und ich stehe verwirrt da, bei diesem eigenartigen Konzert, das nicht einmal ansatzweise das ist, was ich erwartet habe.

Eigentlich ist Grant ganz und gar nichts für mich. Ein Mittvierziger, der bislang klugen und in meinen Augen sehr, sehr langweiligen Alternative-Singer-Songwriter-Folk veröffentlichte, früher mit der in Denver (Colorado! Übelstes Redneck-Country, oder?) beheimateten Band The Czars, seit 2010 solo, ein Musiker, der so aussieht wie seine Musik, also Holzfäller-Style, recht maskulin, Bauch und Vollbart, aber natürlich ironisch verhipstert, ist ja Alternative. Außerdem ein arger Authentizitäts-Overkill, mit dem man beim Erscheinen der aktuellen CD „Pale Green Ghosts“ zugeschüttet wurde: vom langjährigen Lebenspartner schmerzhaft verlassen! Umzug nach Reykjavik, in die Kälte! Und schließlich noch eine positive HIV-Diagnose! Meine Güte, der Arme! Man schaut das düstere Video zum Titelsong (der wenigstens nicht mehr folkig ist, sondern schwer elektronisch), da denkt man: Boah, den dunklen Hintergrund der Aufnahmen hat Grant aber ziemlich gut in seine Kunst übertragen bekommen!

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Und dann steht da ein Mann auf der Bühne des neu eröffneten (und über dessen Position zwischen Reeperbahn-Gentrifizierung und High-Class-Clubkultur man auch noch mal einen Artikel schreiben sollte) Mojo Club, ein Mann, der zwar auf der einen Seite genau so aussieht wie im Video, der aber gar nichts Cooles mehr an sich hat, sondern eher etwas gleichzeitig Würdevolles und Liebenswertes, wie er unbeholfen tanzt zu den Elektrobeats, die hier in einem so noch nicht gehörten Sound durch das Sichtbeton-Wunder der Clubarchitektur wummern. Man sieht einen Mann, der scherzt, der flirtet, der Zoten reißt, und nur kurz scheint durch, dass es hier immer noch einen ernsten Subtext gibt: „Your silence is a weapon/it’s like a nuclear bomb/it’s like the agent orange/they used to use in Vietnam“ singt Grant in „Vietnam“, was eben kein Protestsong ist, kein Antikriegslied oder gar, bei US-Provinzbewohnern kann man sich da ja nie ganz sicher sein, ein patriotisches Bekenntnis. Nein, es ist ein Lied über die Schlachtfelder im Beziehungsleben, das ist schon ziemlich heftig, und das macht auch kein charmantes Lustigsein zwischen den Songpausen wieder wett.

Der Auftritt ist, falls das hier nicht so richtig durchscheint, extrem gut. Mir gefällt Grant besser, wenn er knallhart elektronisch daherkommt, in „Pale Green Ghosts“ oder im populistischen „Sensitive New Age Guy“, aber die mit isländischen Elektromusikern aus dem GugGus-Umfeld aufgenommene Platte ist da nicht ganz konsistent, es gibt durchaus rührselige Balladen („Why don’t you love me anymore“, ein Flehen!), es gibt Grenzgänge zu Vaudeville, zu Indie-Crooning und eben weiterhin zum Folk, da kann ich immer noch nicht so richtig drauf, und in solchen Passagen fällt mir auch auf, was für ein unangenehmes Schicki-Publikum hier rumhängt, da mag doch was dran sein von wegen dass die Neueröffnung des Mojo-Club die radikal umgekrempelte Reeperbahn repräsentiert. Aber dann sagt Grant nochmal was Nettes, dann schaut er fies, dann bollern die Synthies los, und er spielt. Er spielt: „Blackbelt“, eine Abrechnung. Greatest Motherfucker that I’ll ever meet.

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Hier entstehen Eigenheime

Hier entstehen Eigenheime

Jadrankas Eltern hatten ein Grundstück in der Gegend von Dubrovnik. Jeden Sommer in den Schulferien fuhr die Familie nach Süden, um am Häuschen zu bauen, Wände hochzuziehen, Dächer abzudichten, Leitungen zu verlegen: sich ein Heim zu basteln. Mit Blick auf die Adria vielleicht, ich erinnere mich nicht mehr, Jadranka erzählte viel von Dubrovnik, aber ich schmeiße einiges durcheinander. In der Oberstufe verloren wir uns aus den Augen, und dann wurde Dubrovnik bombardiert, zu Beginn des Kroatienkrieges, ich weiß nicht, ob das einen Einfluss hatte auf die Heimkonstruktion von Jadrankas Familie. Ich weiß nicht, wo und wie Jadranka jetzt lebt, ob im Haus auf dem Hügel über dem blauen Meer oder ob in einer Mietwohnung in einer deutschen Großstadt. Ich nehme einfach mal an: letzteres. Denn das Heim an der Adria, das ist eine Illusion.

Ich komme aus einer Gegend, in der es noch ziemlich lange zum üblichen Lebenslauf gehörte, mit spätestens 40 (nach den Stationen Ausbildung, Berufseinstieg und Familiengründung) ein Eigenheim zu erwerben, besser noch: selbst zu errichten. Machte man in meiner Familie ebenfalls so, war „normal“. Und das hat ja auch seinen Reiz: Nie mehr abhängig zu sein vom Vermieter, frei zu sein, sich die (kleine) Welt so herrichten, wie man sie sich wünscht.

Nur funktioniert das leider alles nicht.

Man ist ja nicht unabhängig, wenn man sich ein Haus baut, man ist höchstens unabhängig vom Vermieter. Ein normal verdienender Haushalt kann sich den Hausbau nicht so einfach leisten, also nimmt man einen Kredit auf. Den man abbezahlt, in der Regel das gesamte Erwerbsleben lang. Und aus dem man nicht so einfach wieder rauskommt. Eine Mietwohnung kostet unverschämt viel, ja, und am Ende seines Lebens hat man nichts, aber dafür ist man verhältnismäßig frei. Falls sich die Lebensumstände ändern, dann kann man mehr oder weniger unaufwändig die Wohnung kündigen und dorthin ziehen, wo es besser passt, in ein billigeres Viertel, in eine größere Wohnung, in eine Stadt, in der man leichter Arbeit findet. Wenn man ein Eigenheim hat, dann kann man das theoretisch auch, allerdings mit deutlich mehr Umständen (wer aus, sagen wir: Cottbus wegzieht, weil er in Reutlingen einen Job gefunden hat, der hat es wahrscheinlich schwer, seine Butze in Cottbus zu verkaufen – da ziehen ja alle weg, weil es schlicht keine Jobs gibt). Und wer das Ganze nicht nur als Dach über dem Kopf versteht, sondern als „Heim“, das man als Trutzburg gegen die Unbill des Alltags aufgebaut hat, der bekommt das ohnehin nicht hin. Das Heim zu verlassen, das ist wie den Lebenspartner zu verlassen. Und schon ist man in der Falle. Gezwungen, das Leben exakt so weiterzuführen, wie es vorgezeichnet ist, und eine kleine Irritation hat den Zusammenbruch des Ganzen zur Folge.

Die großartige arte-Miniserie „Zeit der Helden“ zeigt zwei Familien in jeweils ihrer eigenen Krise. Man könnte interpretieren, dass die Krisen entstehen aus individuellem beruflichen und privaten Scheitern: Der Elektroinstallateur Arndt Brunner (Oliver Stokowski) leidet darunter, dass seine Familie sich auseinanderlebt, der Lichtdesigner Gregor Anders (Thomas Loibl) leidet darunter, dass er aus seiner Firma gedrängt werden soll, okay. Aber das sind Schicksale, die überall hinpassen, „Zeit der Helden“ berührt darüber hinaus noch einen Aspekt, der nicht so verallgemeinerbar ist, und das ist der Spielort. Weinheim. 44000 Einwohner, Rhein-Neckar-Kreis, nicht mehr Dorf, noch nicht Stadt. Und in Weinheim spielt die Serie fast ausschließlich in einer vielleicht zwanzig Jahre alten Siedlung, Einfamilienhäuser, die wohl angeordnet da stehen, und in denen nach 20 Uhr das Grauen einzieht. Auf der Straße sieht man vielleicht noch den Nachbar mit dem Hund Gassi gehen, ansonsten sind die Figuren hier alleine. Und stellen fest, dass sie längst so weit in ihren Umständen festgezurrt sind, dass sie da auch nicht mehr mit Gewalt rauskommen.

Und dann kapieren sie, dass dieses Eigenheimgefängnis die perfekte Disziplinierungsmaßnahme ist, besser als jede soziale Kontrolle, besser als die normativen Strukturen der heterosexuellen Kleinfamilie, besser als jede Staatsgewalt. Weil es einen einfach nicht mehr rauslässt.

Die Bandschublade ist verstimmt. Weil: Die Besucherzahlen sind gesunken. Nicht massiv, aber ich bin ja ein von der öffentlichen Meinung Abhängiger, da fällt mir schon auf, wenn die Kurve nicht jeden Monat nach oben geht. Selbst die „Pornogoogler“ (Isabel Bogdan) sind weniger geworden, einer suchte „private saarländische pornos“, da kann ich nicht helfen, verweise aber auf die Kunstfigur des „Sachsen-Paule“, vielleicht gibt es ja was Vergleichbares von der Saar? Die Mehrheit im März googlete aber nach „fritzi haberlandt oben ohne“, das ist verhältnismäßig züchtig und hat wohl damit zu tun, dass Frau Haberlandt kürzlich eine Nebenrolle im „Tatort“ spielte.

1. „was sagt friederike kempter zu mord mit aussicht“ Sagt sie da überhaupt etwas? Dass sie die Serie vielleicht nicht kennt? Dass sie vom Neid zerfressen ist, weil „Mord mit Aussicht“ einen Grimmepreis hat und der Münster-„Tatort“ nicht? Nein, wahrscheinlich sagt sie etwas wie, dass sie sich über den Erfolg für die Kollegen freut, ist ja auch eine tolle Serie, pipapo. Schauspieler sagen immer solche Sachen.

2. „lustige reden zur vernissage“ Gibt es nicht. Im Gegenteil: Wenn der Galerist versucht, Witze zu machen, dann wirkt das sogar extrem verkrampft, das Publikum ist genervt, der Künstler fühlt sich nicht ernst genommen, anwesende Sammler sehen von einem Kauf ab, weil, Witzbildchen wollen sie nicht in der Wohnung hängen haben. Galeristen: keine lustigen Reden, bitte.

3. „rechnung moderationshonorar“ Muss man in der Regel stellen. Was rein gehört: Steuernummer, alle relevanten Daten, ob Umsatzsteuer oder nicht. Und natürlich die Höhe des Honorars. Das ist verhandelbar, in meinem Fall bewegt sich das zwischen „Wir zahlen das Taxi und hinterher ein Glas Wein“ und einem mittleren dreistelligen Betrag, Peer Steinbrück hingegen ist der Meinung, dass andere Honorare marktüblich seien.

4. „ummanteln der giacometti-drahtfiguren mit alufolie“ Neinneinnein, nicht mit Alufolie, mit Gipsbinden. Sieht doch sonst aus wie eine Geschenkverpackung.

5. „bin ganz nackt als der schwule handwerker kam“ Wow, das ist eine ganze Geschichte in einem einzigen, kurzen Satz. Dramatik, Sex, Klassenunterschiede. Weiter so. Ebenfalls schön: „junge hübsche ehefrau bei wohnungsbesichtigung vom makler gefickt“ Maklern trauen wir ja alles zu.

6. „uebel und gefährlich drogen“ Drogen werden im Hamburger Club uebel & gefährlich zweifellos konsumiert und wohl auch gehandelt. Hält sich aber noch in durchaus akzeptablen Grenzen. In diesem Zusammenhang ist auch die Suchanfrage „drogen im gängeviertel“ zu sehen.

7. „schwarz weiss denken der veganer“ Das ist so eine Sache, über die ich womglich wirklich einmal einen längeren Blogpost schreiben möchte. Ganz grundsätzlich finde ich es eine gute Sache, Tiere nicht für die eigene Ernährung zu verwerten, zumindest nicht umzubringen – Vegetarier stehen mir eigentlich näher als Veganer. Und trotzdem esse ich Fleisch. Der Mensch ist inkonsequent, das gehört zum Menschsein dazu, und wenn ich meinen längeren Blogpost schreibe, dann mache ich hier einen Schlenker zum Sex, dazu, dass der Mensch im Bett manchmal Dinge praktiziert, die moralisch ebenfalls diskutabel sind. Dogmatische Veganer aber sind sehr konsequent, sie haben die richtige Lebensweise gefunden, nicht nur für sich, sondern für die Menschheit. Diese Konsequenz ist mir ein wenig unsympathisch.

8. „charly hübner großartig“ Auf jeden.