Der vergangene Monat war hart für meine agnostische Weltsicht, inhaltlich. Zunächst schaute ich mir Fabian Hinrichs‘ Soloperformance „Ich. Welt. Wir. Es zischeln 1000 Fragen“ am in Auflösung befindlichen Hamburger Schauspielhaus an, ein Stück, in dem der Starschauspieler nicht spielt, sondern ausschließlich predigt. Für Theater heute habe ich das Gesehene beschrieben (Link nur für Abonnenten zugänglich):

Irgendwo zwischen evangelikaler Erweckungsästhetik, dem Patchworkglauben Neuer Religiöser Bewegungen, einer Art Theaterreligion und den „Liebe Gemeinde!“-Witzen des frühen Otto Waalkes jagt der gut einstündige Monolog durch spirituelle Bekenntnisse, salbungsvoll, immer im hohen, nur selten modulierten Ton, schlicht: unglaublich anstrengend. Nicht zuletzt für ein Publikum, dem der Bezug zum speziellen performativen Charme des religiösen Ritus fehlt.

Dann ins Thalia, in Luk Percevals Bearbeitung von Dostojewskis religiös durchsetztem Sinnsucher-Roman „Die Brüder Karamasow“. Ebenfalls für Theater heute habe ich mich dem Meatphysik-Overkill hingegeben:

Vor dem Thalia Theater toben die Vorbereitungen des Evangelischen Kirchentags. Aufgekratzte Christen spazieren durch die Hamburger Innenstadt, hoffnungsfroh, sicher im Glauben. Im Thalia hingegen ist nichts sicher. Da wird Glaube verworfen, neu aufgerollt, in Fanatismus gewendet und vor allem umfassend diskutiert: Als letzte große Premiere der Spielzeit inszeniert Luk Perceval Fjodor M. Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“, der „das Ringen um Sinn und Moral“ ins Zentrum stellt, ein Ringen, das eigentlich die Paradedisziplin der Religion ist.

Dann war, der obige Textausschnitt deutet das schon an, Evangelischer Kirchentag in Hamburg. Meine Fremdheitsgefühle, meine Distanz habe ich versucht, auf Les Flâneurs zu verdeutlichen:

Es ist so eigenartig, Leute zu sehen, die wie selbstverständlich ihren Glauben nach außen tragen. Das passt nicht in mein Leben, und das passt nicht in diese Stadt, ich fühle mich unangenehm berührt. So ähnlich wie der durchschnittlich rechtsoffene Mitteleuropäer, der auf Urlaub durch Kreuzberg läuft, eine Frau mit Kopftuch sieht und sofort die osmanische Belagerung Wiens vor Augen hat. Mit dem will ich natürlich nichts zu schaffen haben, ich will tolerant sein, und, ja, ich will die Kirchentagschristen klaglos ertragen.

Und am Ende habe ich noch einen Fragebogen gemacht, fürs uMag, mit der sehr empfehlenswerten Hamburger Künstlerin Marijpol. Die hat einen spannenden Comic namens „Eremit“ veröffentlicht, der handelt von Menschen, die den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen können, und in was für moralische Zwiespälte die das stürzt. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon so jenseitig weichgeklopft, ich hatte tatsächlich schon einen Ausweg aus dem Geraffel gefunden. Aber Marijpol konnte das Thema angenehm schnodderig zurechtrücken:

Der alte Mann will nicht sterben, aber er will bei seiner Frau bleiben, und die stirbt. Er hat eigentlich keine Alternative, oder?
Nein, er hätte früher mit seiner Frau reden sollen.

Hilft Religion in solch einer Situation?
Nicht, dass ich wüsste.

Und schon war alles wieder gut. Hauptsache Glauben.

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Vergangenen Monat ist wenig passiert, hier, auf der Bandschublade. Kunststück, vergangenen Monat war ich ja mit den verehrten Kollegen auch damit beschäftigt, in der Nachbarschaft Les Flâneurs zum Laufen zu kriegen, da war wenig Zeit für leidenschaftliches Privatbloggen, und wirklich ein schlechtes Gewissen habe ich dabei auch nicht, Texte von mir gibt es ja weiterhin zu lesen. Wer beispielsweise einen längeren Artikel möchte, kann sich morgen die junge Welt kaufen, da gibt es nämlich meine Besprechung zur Ausstellung „Böse Dinge“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. (Wer nichts kaufen will, kann natürlich auch einfach hier auf den Link klicken.)

»Böse Dinge« gewinnt dort einen unwiderstehlichen Reiz, wo Pazaureks Kategorien auf heutige Produkte angewandt werden: Plötzlich steht man auf einem Trödelmarkt des Grauens, starrt einen Flaschenöffner aus einer Tierpfote an (»Wunderliches Material«), eine Europalette aus Mahagoni (»Materialprotzereien«) und einen Aschenbecher in Form eines weiblichen Unterleibs (»Konstruktions­attrappen und Künstlerscherze«). Und mittendrin plötzlich etwas, das eigentlich als gelungenes Design anerkannt gilt, das aber ebenfalls vor Pazaureks strengem Blick nicht besteht: Philippe Starcks Alessi-Zitronenpresse »Juicy Salif«, die in die Kategorie »Unzweckmäßigkeiten« fällt. Tja.

Was mich allerdings wirklich in meinem Selbstverständnis irritiert, sind die Besucherzahlen auf der Bandschublade im Mai. Die sind nämlich gestiegen, im Vergleich zum April. Will sagen: Wenn ich nichts schreibe, kommen mehr Leser. Die freuen sich dann, Hurra, endlich nichts neues zum Lesen, und tummeln sich auf alten Texten. Dann lass‘ ich es doch am Besten gleich bleiben, oder?

1. umag porno Vor Jahren schrieben Carsten Schrader, Alexander Rolf Meyer und ich einmal ein Dossier namens „Generation Porno“ im u_magazine, dem Vorläufer des heutigen uMag – einen Text daraus, Alex‘ „Beziehungsweise Porno“, findet man heute noch im Netz. Die Recherchen zu diesem Dossier machten damals großen Spaß – aber ich fürchte, der Googler suchte gar nicht nach unseren journalistischen Frühwerken, sondern nach einem Porno, der in dem istrischen Urlaubsort Umag spielt. Oder?

2. linksgrüne medienverschwörung ist ein Kampfbegriff, der hauptsächlich von weit rechts verwendet wird, meist von Leuten, die auch von „Gutmenschen“ sprechen und von „Systempresse“. Was mich daran erinnert: Ich wollte ja mal einen Leitfaden schreiben, an welchen Floskeln man die Neunazis erkennt.

3. videos von frauen die sich splitternackt ausziehen Ja, das habe ich auch schonmal gehört, dass es sowas geben soll.

4. reinhard stuth senator Der CDU-Politiker Reinhard Stuth war kurzzeitig Kultursenator in Hamburg, und zwar für gut sechs Monate ab Sommer 2010, im in Auflösung befindlichen schwarzgrünen Senat unter Christoph Ahlhaus. Stuth machte den Job so unvorstellbar schlecht, dass er wohl in keiner politischen Koalition je wieder ein Ministeramt führen dürfte. Hoffentlich.

5. sophie rois nippelig Bitte? Nippelig? (Klingt eigentlich recht herzig, das. Ich hoffe, das ist nicht wirklich etwas schlimmes.)

6. rotkohl durcheinander rezept Ich würde den Rotkohl klein schneiden, kochen, Gewürze dazu, Flüssigkeit, vielleicht ein bisschen Wein und dann noch ein paar Kochbananen. Schon hat man ein großes Durcheinander. (In einem ähnlichen Kontext dürfte die Anfrage „rezept pfundfleisch“ enstanden sein.)

7. film gedreht im gängeviertel Fatih Akins „Soul Kitchen“ hat ein paar Szenen, die im Gängeviertel spielen: Die Hauptfigur wohnt da.

8. schorsch kamerun klug Ich würd‘ ja sagen: ziemlich.

Mit Künstlern über Geld zu reden, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Künstler sind meist der Meinung, dass man als Journalist zu den Großverdienern zähle, zumindest zu den Leuten, die sich für ein bürgerliches Lebensmodell entschieden hätten und sich dieses Modell auch irgendwie leisten könnten, und, wer weiß, womöglich ist da sogar was dran, trotz Medienkrise und tarifflüchtigen Verlegern. Wer weiß, vielleicht leben Künstler und Journalisten wirklich in unterschiedlichen Wirtschaftswelten, aber um ehrlich zu sein, ich glaube nicht wirklich dran. In beiden Welten geht es recht dreckig zu, und über kurz oder lang wird es noch mehr Welten geben, in denen es ebenso dreckig ist. Ich plädiere eher für großflächige Solidarisierungsaktionen.

Ich habe vor Jahren schon einmal ein Interview mit dem Berliner Choreografen Jochen Roller fürs uMag geführt, schon damals ging es gar nicht primär um ästhetische Fragen, sondern um ökonomische (und wie die Ökonomie später wieder auf die Ästhetik durchschlägt, das ist ja klar). Gestern hatte Rollers neues Stück „Der Carpenter-Effekt“ auf Kampnagel Premiere, ein Stück, das er gemeinsam mit Mónica Antezana erarbeitet hat, und in dem beschäftigen sie sich mit genau dieser Frage: Was wird eigentlich aus der Kunst, wenn gar keine Mittel für die Kunst mehr da sind? Wie ich es fand, habe ich für die Nachtkritik beschrieben:

Dass freies Theaterschaffen ein hartes Brot ist, ist keine neue Erkenntnis. Wer sich die Zustände verdeutlichen will, kann sich in der Facebook-Gruppe „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse“ umfassend informieren – Tänzer, Sänger und Schauspieler tauschen sich hier darüber aus, mit was für lächerlicher Entlohnung sie abgespeist werden, und obwohl das nach zwei, drei Kommentaren regelmäßig in übles Subventionstheater-Bashing ausartet, muss man festhalten, dass Honorare und finanzielle Ausstattung im Theater jeder Beschreibung spotten. Und natürlich kann man auch andersrum fragen: Braucht man denn wirklich viel Geld? Braucht man Bühnenbilder, braucht man Kostüme? Wofür hat man Phantasie?

02. Mai 2013 · Kommentare deaktiviert für Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne/Jedes Ende ist für Irgendwas gut. · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns
flaneurs

Mediennasen frieren auf Brücken: Ninia, moi, Mark, Kathrin, Manuel, Vera, Carsten, Lasse. (Foto: Caroline Zenker)

Eine Geschichte. Eine Gruppe junger und nicht so ganz junger Leute friert auf einer Fußgängerbrücke im Hamburger Osten. Eine Grafikerin, ein paar Journalisten, alle machen sie irgendwas mit Medien, alle frieren sie, sie posieren für ein Fotoshooting, weil sie so etwas sein wollen wie Popstars des Online-Publizierens. Sie frieren, und am Ende kommen trotzdem gute Fotos raus (dank der tollen Fotografin Caroline Zenker). Sie schreiben Texte, und am Ende kommt trotzdem eine gute Publikation raus.

Ich fand Anpacker immer doof. Ich wollte nie derjenige sein, der Sachen in die Hand nimmt. Es gibt keinen guten Kapitalismus, und wer Sachen anpackt, der ist immer noch in erster Linie ein Dreckskapitalist.

Andererseits. Man kann natürlich warten und wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Medienkrise starren. Man kann sich aber auch überlegen, wie eine Publikation aussehen würde die man selbst gerne lesen würde. Zum Beispiel so: mit der Vielstimmigkeit eines Mediums, für das verschiedene, ganz unterschiedliche Autoren schreiben. Aber gleichzeitig mit der Ultrasubjektivität eines Blogs. Mit Themen, die sich nicht in die klassischen Internetschubladen pressen lassen, hier die Kulturschwafler, da die Sexblogger, dort die Nerds, drüben die Politaktivisten, nee: Eine Publikation zu unterschiedlichen Themen, die sich alle auf einen gar nicht mal so breiten Nenner bringen lassen. Ein Blog (okay, nennen wir es eben doch so) über das Leben in der Großstadt. Ladies and gentlemen, please welcome … Les Flâneurs.

Mal schauen, wie sich das anlässt, die Vorbereitungen machten jedenfalls großen Spaß. Wenn es gut wird, dann wird jemand darunter leiden, und das ist die Bandschublade. Journalistische Ideen (sofern ich sie nicht ohnehin gegen Geld woanders loswerde) dürften in Zukunft eher dort landen, hoffentlich wird die Bandschublade nicht im Gegenzug zum reinen Durchlauferhitzer zu Texten, die andernorts publiziert sind. Aber wahrscheinlich finde ich noch irgendwo Cat Content, der gut hierher passt. Das wird schon.