Wenig. Weil: Hauptsächlich arbeite ich ja doch zum Komplex Theater, und weil die Theater im Sommer Pause machen, habe ich wenig zu tun. Theater heute spart sich mangels Themen regelmäßig die Augustausgabe, stattdessen gibt es ein Sonderheft, in dem unter anderem die fiebernd erwartete und anschließend viel gescholtene Kritikerumfrage steht: 44 Theaterkritiker nennen ihre Lieblinge der abgelaufenen Saison, einer davon ich. Mein Theater des Jahres war übrigens Bremen, mit einer einzigen weiteren Nennung allerdings ohne Chance auf einen Platz ganz oben.

Ansonsten war ich viel beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel. Für die Nachtkritik habe ich die Eröffnungspremieren beschrieben:

Olivier Dubois hat für „Tragédie“ eine Gruppenchoreografie für 18 nackte Tänzerinnen und Tänzer aus dem Chor aus der griechischen Tragödie abgeleitet. Ein erster Satz namens „Parades“ lässt die Tänzer streng formalistisch Bewegungsfolgen abschreiten, eine Strenge, die sich im zweiten und dritten Teil („Episodes“ und „Catharsis“) in dionysischem Exzess auflöst. Zumindest während der ersten halben Stunde passiert praktisch nichts, man hat also Zeit, die Tänzerkörper zu vergleichen. Und plötzlich steht man in einem Obstkorb der Brüste, Schwänze, Schenkel: hier etwas Birnenartiges, dort etwas Bananenförmiges. Körper sind tatsächlich Wunderwerke der Unterschiedlichkeit, und womöglich ist diese Unterschiedlichkeit der Link zum Realismusbegriff in „The real World“: Die Realität ist der nackte Körper auf der Bühne, und die Kunst ist die choreographische Form, in die ihn Dubois presst.

Einen längeren Artikel über das Sommerfestival habe ich auch für Theater heute (Ausgabe 10/13, online wie immer nicht verfügbar) geschrieben, allerdings stärker auf das Gesamtfestival fokussiert. Und auf die klimatischen Bedingungen.

Pünktlich zum Start des Internationalen Sommerfestivals hat sich der Sommer vorerst aus Hamburg verabschiedet. Das erfüllt alle Klischees über die Hansestadt, ist aber für ein Theater-, Kunst- und Musikfestival nicht weiter schlimm, einzig der Erholungsbereich des Festivals leidet ein wenig unter dem Schmuddelwetter. Die Hamburger Künstlergruppe Baltic Raw hat hierfür das Gelände hinter dem Kulturzentrum Kampnagel okkupiert, mit einem „spekulativen Dorf “ (einem Multifunktions-Bretterverschlag), einer „Kanalphilharmonie“ (einem funktionsfähigen Konzerthaus, in Hamburg ist so etwas nicht selbstverständlich) und einer verurwaldeten Fläche namens „Avant-Garten“, auf der sich sicher gut munkeln ließe, wäre es nur nicht so regnerisch.

Am Thalia ging die Saison schon Anfang September los, und zwar mit „Moby Dick“ in der Regie von Antú Romero Nunes. Auf Nachtkritik.de steht, wie ich es fand:

Dieser Einstieg ist eine grundsympathische Verweigerung von Rollenhierarchien, er ist aber eigentlich nicht das, wofür Nunes steht: Der 29-Jährige hat sich einen Namen mit seinem Gespür für Rhythmus gemacht, damit, dass er große Szenen leichthändig bauen kann, auch damit, das Pathos schwerer Stoffe mit geschickten ironischen Brüchen zu unterlaufen. Lange Zeit aber sieht man davon nichts, man sieht ein perfekt harmonierendes Ensemble, wie es sich in Minimalismus übt, und für Minimalismus steht Nunes nun mal gar nicht. Aber „Moby Dick“ ist mehr als ein zielloses Stochern im metaphysischen Dunkel, es ist auch: eine Abenteuerstory. Und als die an Fahrt aufnimmt, kann Nunes seine Stärken ausspielen. Die Bühne wird unter Wasser gesetzt, und dann geht es ziemlich heftig zur Sache, will sagen: Es wird harpuniert, verzweifelt sich wehrende Tiere werden eingeholt, abgestochen und fachgerecht zerteilt, am Ende wird um die Beute gestritten. Und wenn man sieht, wie das weitgehend pantomimisch erledigt wird, kann man nicht anders: Man zieht den Hut vor diesen Schauspielern, die durch die Bank den Eindruck erwecken, dass da Blut und Schweiß und Walfett ins Parkett fließen, literweise.

EIne echte Theaterkritik gab es nicht zu Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“, weil die Aufführung kein Theaterstück im eigentlichen Sinne war, sondern eine Solidaritätsadresse des Thalia mit den libyschen Flüchtlingen, die seit mehreren Monaten in der St. Pauli Kirche ausharren. Trotzdem habe ich für die Nachtkritik etwas darüber geschrieben:

Thalia-Intendant Joachim Lux balanciert nicht ungeschickt zwischen diesen Polen, indem er die Lesung so künstlerisch wie möglich anlegt, gleichzeitig aber immer im Bewusstsein behält, dass die Veranstaltung a) ein Schnellschuss ist und b) künstlerischer Mehrwert nicht das ist, was in dieser Situation am Nötigsten gebraucht wird. „Die Schutzbefohlenen“ schlängelt sich dabei zwischen diesen Positionen durch, indem die Lesung sich auf ein klassisches Stadttheater-Verständnis beruft: Es gibt eine politische Diskussion in Hamburg, und das Thalia als Stadttheater hat zu dieser Diskussion einen Kommentar abzugeben. Punkt.

Und schließlich habe ich für Theater heute (Ausgabe 10/13) einen Ausflug nach Lübeck gemacht, um mir bei „Die Ehe der Maria Braun“ Zigarrenqualm ins Gesicht pusten zu lassen:

In der Zigarrenraucherrepublik: Noch bevor das Publikum die Lübecker Kammerspiele betritt, pafft Astrid Färber schon am Bühnenrand, lallt und kichert übertrieben laut, ein, zwei Likörchen dürfte sie sich schon genehmigt haben. Das gerade vor dem Sprung an größere Häuser stehende Regieduo Biel/Zboralski hat sich entschieden, Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ von hinten aufzuzäumen: Färber spielt die ältere Maria Braun, die im Wirtschaftswunderdeutschland zu Wohlstand gekommen ist, die allerdings auch moralisch wie ästhetisch derangiert daher kommt.

Aber! Es gibt ja noch mehr als nur Theater! Im uMag (Ausgabe 09/13) versuche ich zum Beispiel, die Menschheit vorurteilsfrei zu mögen, naja, ich versuche, sie zumindest zu akzeptieren:

Ich will netter von den Menschen denken. Die Menschen, die sind gar nicht so schlimm, wie man denken würde, wenn man welche frisch kennenlernt. Die sind einfach nur ungeschickt und ziemlich dumm. Das erklärt, weswegen sie sich so häufig seltsam verhalten: Sie sitzen mit dir am Tisch und wirken ganz okay, dann aber ziehen sie übers Regietheater her, „man sollte Wagner so inszenieren, wie der Autor sich das Werk vorgestellt hat!“ Oder sie hören Mittelalter-Metal, und zwar so laut, dass ich mithören muss. Oder sie wählen eine seltsame Partei, die dann den Außenminister stellt, und hinterher jammern sie, dass sie das nicht gewollt hätten, in ihrer spätrömischen Dekadenz. Oder sie zeugen Kinder, die genauso werden wie sie. Das ist alles schlimm, aber sie sind eben dumm, sie wissen es nicht besser. Man muss geduldig sein.

Außerdem habe ich in der gleichen uMag-Ausgabe einen Artikel über den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst geschrieben. Mittlerweile wissen wir: Mariana Castillo Deball hat den Preis erhalten, Glückwunsch.

Was also ist dran am Preis der Nationalgalerie, der immerhin als bedeutendster Kunstpreis der Republik gilt? Für die Künstler: wenig. Dafür ganz viel fürs Publikum. Durch die Kriterien sind Künstler teilnahmeberechtigt, die tatsächlich all das prägt, was Kunst in Deutschland im Jahr 2013 auszeichnet: Sie sind (halbwegs) jung. Sie leben in Berlin. Sie praktizieren einen extrem intellektuellen Zugang zur Kunst. Und nicht zuletzt sind sie migrantisch.

Im Karlsruher ZKM läuft derzeit eine große Retrospektive der Chorografin Sasha Waltz. Das habe ich zum Anlass genommen, im uMag (Ausgabe 10/13) einmal die Entwicklung dieser großartigen Tanztheatermacherin zu rekapitulieren:

Die Geschichte von Sasha Waltz wird gerne als Märchen erzählt: Es war einmal eine junge Frau, die kam aus dem beschaulichen Karlsruhe nach Berlin, Anfang der Neunziger, in die wilde, ungeordnete Großstadt. Sie kam wie aus dem Nichts, besetzte gemeinsam mit ihrem Freund Jochen Sandig Häuser im Osten, alles war möglich, und sie machte etwas möglich: Sie schloss sich nicht ein im bloßen antikapitalistischen Reflex, sie machte Kunst. Tanztheater, mit ihrer Gruppe Sasha Waltz & Guests, die bald mehr als ein Geheimtipp war, bald zum Theatertreffen eingeladen wurde (was für Tanz eher ungewöhnlich ist), bald die charmant-abgerockten sophiens¾le verließ und zur wichtigsten Theatermacherin der Hauptstadt avancierte, arm aber sexy. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann tanzt sie noch heute.

Und schließlich habe ich in der kulturnews Kurzrezensionen geschrieben. So über „Das Erbe“, einen Comic der wunderbaren Rutu Modan:

Die verschachtelte Geschichte erzählt Modan im Ligne-Claire-Stil, beeinflusst von Klassikern wie Hergé. Auch der wusste Burleske mit Spannung und Zeitgeschichte zu mischen, war allerdings nie so mutig wie Modan, die leichterhand eine abgründige Szene einbauen kann wie diejenige, in der Mika in ein historisches Reenactment gerät: Plötzlich bevölkern sich Straßen Warschaus mit SS-Männern, die vorgebliche Juden mit Davidstern zusammentreiben, und die Heldin ist so überrumpelt, dass sie einfach mitspielt.

Außerdem besprach ich zwei DVDs, den indonesischen Film „Die Nacht der Giraffe“ („Die traumschönen Bilder allerdings wirken im TV ein wenig verschenkt. Da bleibt doch nur der Weg ins Kino – oder ein Beamer.“) sowie den brasilianischen Film „Paulista“ („In sinnlich-fiebrigen Bildern fängt Moreira das Leben im urban-intellektuellen Prekariat ein und dokumentiert neben seinen liebevoll gezeichneten Figuren auch noch die Globalisierung des Hipstertums. Ob die jungen Chancenlosen nun in Brooklyn rumhängen, in Berlin oder in Sao Paulo: Am Ende hören sie alle Radiohead.“).

21. September 2013 · Kommentare deaktiviert für Die Liste der Schande (2) · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , , , , , , , ,
Das Drecksblatt sagt: "Geht wählen!" Man sollte morgen wirklich zu Hause bleiben.

Das Drecksblatt sagt: „Geht wählen!“ Man sollte morgen wirklich zu Hause bleiben.

Morgen ist Bundestagswahl, da ist es eine gute Gelegenheit für das Fachblatt für „Angst, Hass, Titten und Wetterbericht“, einen schon einmal erprobten Marketinggag neu aufzulegen: Der Axel-Springer-Verlag verteilte heute eine Ausgabe seiner Zeitungsimitation Bild an alle deutschen Haushalte. Ungefragt. Und „gratis“. Gratis in Anführung, also, nicht als Geschenk, der Verlag macht über Werbeeinnahmen ein gutes Geschäft mit solch einem Machwerk, und diese Werbung bezahlen wir über erhöhte Produktpreise entsprechend mit. Aber im Gegensatz zur Jubiläumsausgabe vor 15 Monaten, deren Inhalte sich ausschließlich darum drehten, was für ein geiles Produkt Bild doch sei, ist die heutige Ausgabe tatsächlich politisch. Nicht mit dem Holzhammer, es geht nicht darum, dass ungeschminkt Werbung für Schwarzgelb gemacht wird, eher in dem Sinne, dass die Publikation Werbung fürs Wählen an sich macht. Naja, weswegen nicht, Medien nehmen Teil an der politischen Willensbildung, und auch wenn sich mir der Magen rumdreht beim Gedanken daran, dass die Bild sich als Medium bezeichnet, kann ich das noch irgendwie goutieren. Weniger goutieren kann ich die Art, wie hier üpberparteilich getan wird, weniger goutieren kann ich die Hybris, mit der die Bild sich hier als etwas inszeniert, das sie nicht ist, nämlich als ernstzunehmende Stimme im politischen Diskurs, aber egal, ich lese den Dreck ja ohnehin nicht. Sonst wird mir wieder schlecht, ich bin ja so ein Sensibelchen.

Allerdings sollte man natürlich mal reinschauen, schon alleine, um zu sehen, welche Firmen das Geld übrig hatten, eine Anzeige in dem Machwerk zu schalten. Das hier ist kein Boykottaufruf, nein. Aber es schadet ja nichts, zu wissen, wem man solch einen Dreck verdankt. Und natürlich schadet es auch nichts, vor dem Supermarktregal zu überlegen: Wenn ich mir folgendes Produkt kaufe, dann gehen von dem Kaufpreis x Prozent an den Springerverlag, der dadurch die Möglichkeit hat, weiter seinen niveaulosen Hass, seine kleingeistige Dummheit in die Welt zu blasen – will ich das? Schadet ja nichts, da drüber nachzudenken.

Haribo. Die hatten schon vor 15 Monaten geschaltet, und tatsächlich schaffe ich es seither (fast) immer, deren Produkte liegenzulassen. Was schwierig ist, weil, manchmal schmecken die Konkurrenzprodukte einfach nicht so gut.)

Deutsche Bank. Ohnehin nicht das sympathischste aller Geldinstitute, wobei: Die anderen sind auch nicht viel besser. Maximilian Buddenbohm empfiehlt die GLS Bank, da hat er wohl recht, ich bin aber noch bei einem Großkonzern. Noch.

Opel. Fuhr ich früher mal. War ein Drecksauto.

Der Shoppingsender pearl.tv mit der mehr als obskuren „Initiative Wahlgeld“.

Die Deutsche Vermögensberatung. Ist für mich irrelevant, ich bin nicht vermögend, ich bin Journalist.

Stada, ein Arzneimittelhersteller. An dem ist im Falle eines Falles wohl kein Vorbeikommen, nur: Weswegen schaltet der dann eine ganzseitige Anzeige?

C&A. Da kaufe ich grundsätzlich nicht ein.

Der Briefmarken- und Münzversand Gavia. Eine Viertelseite? Solch eine Klitsche? Ich fass‘ es nicht.

Schon wieder ein Versandhandel, diesmal anscheinend Lebensmittel: Allyouneed.com.

Die Volks- und Raiffeisenbanken. Mein Vater arbeitete ja mal bei so einer, ich nahm immer an, unter den Banken seien das noch die Guten.

Die Bundesbank wirbt für die Umstellung von Kontonummer und Bankleitzahl auf IBAN. Mit anderen Worten: Wir finanzieren die Dreckspublikation Bild über unsere Steuergelder mit, ich mein‘ ja nur.

Rama. Hab‘ ich noch im Kühlschrank. Okay, ich esse die Packung noch auf, und dann wechsle ich zu einem anderen Margarinehersteller.

Mon Cheri. Matschige Kirsche umhüllt von Billigfusel umhüllt von noch billiger Schokolade. Nomnom.

Die Computer Bild, also: eine Springersche Eigenanzeige. Das freut mich, dass anscheinend nicht aller Anzeigenplatz verkauft wurde.

Wieder ein Versanddienst: meinpaket.de.

Lidl. Geschirrreiniger-Tabs von Somat sind im Angebot.

Netto. Ähnliche Baustelle.

Vattenfall, eine Hamburg-spezifische Anzeige: Der Stromversorger pumpt viel Geld in die Propaganda, dass die Bewohner meiner Stadt beim Volksentscheid morgen bloß nicht dafür stimmen, das Stromnetz zurück in die öffentliche Hand zu geben.

Fielmann. Wo ich mir nie wieder eine Brille kaufen werde.

Das ZDF. Wie würdelos.

Die gute Nachricht: Springer hat entschieden, die Hamburger Lokalausgabe der Bild demnächst in Berlin produzieren zu lassen. Das bedeutet, dass sich der Verlag nach dem Verkauf des Hamburger Abendblatts und diverser Zeitschriften vollkommen aus der Hansestadt zurückzieht – man läuft also nicht mehr Gefahr, Springer-Mitarbeitern auf der Straße, in der Bahn oder anderswo zu begegnen. Das ist schön.

Der etwas andere Wahlzettel: Einladung zur Olaf-Matzel-Ausstellung im Hamburger Kunstverein.

Der etwas andere Wahlzettel: Einladung zur Olaf-Metzel-Ausstellung im Hamburger Kunstverein.

Nicht wählen.

Weil man keine Lust hat, weil man sich nicht identifiziert, weil man keine Rechte gegenüber diesem Land, diesem Volk, diesem System hat, keine Rechte, keine Pflichten.

Wegen Merkel, wegen Trittin, wegen Steinbrück, wegen Rösler.

Nicht wählen, nicht wählen, weil.

Weil die Deutschen doch den Bach runter gehen sollen. Sollen sie doch AfD wählen, jedes Land hat die Politiker, die es verdient, und wenn Deutschland nicht Bernd Lucke verdient hat, wer denn sonst?

Nicht wählen: weil alles so hässlich ist. Die atemberaubende Hässlichkeit des Kapitalismus. Die Hässlichkeit dieser Visagen. Die Hässlichkeit des Feelgood, des Alles-wird-gut-Positivismus. Die hässlichen Menschen, die hässlichen Städte, die hässlichen Gedanken. Nur gute Nachrichten, Springerpresse, Schweine, Schweine.

Nicht wählen, weil, ich bin längst woanders.

03. September 2013 · Kommentare deaktiviert für Hakenkreuzberg · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , ,

Ich darf die Diskussion mal kurz zusammenfassen? Da melden also jedes Jahr viele Muslime in Kreuzberg Veranstaltungen zum gemeinsamen Fastenbrechen an => Keine Veranstaltung wird genehmigt, es wären einfach zu viele, und man will nicht die eine genehmigen und die andere nicht => Stattdessen gibt es eine zentrale Verantaltung => Damit Christen, Atheisten, Hindus und wasweißichnichtalles sich nicht ausgeschlossen fühlen, wird diese als „Sommerfest“ deklariert => Aus Fairnessgründen wird entsprechend der Weihnachtsmarkt in „Winterfest“ umbenannt. Soweit, so nachvollziehbar.

Liebe Springerpresse, in eurer verqueren Logik ist es dann natürlich schon okay, dieses Thema sinngemäß auf „Wegen Muslimen: Jetzt verbietet man uns Weihnachten!“ runterzubrechen. Allerdings braucht ihr euch dann nicht zu wundern, wenn euch die islamophoben Faschoschweine die Tür einrennen. (Ich verlinke besagte Blogs hier übrigens nicht. Denn dann rennen die auch mir die Tür ein – zwar nicht applaudierend, aber ich will die hier trotzdem nicht haben.)

01. September 2013 · Kommentare deaktiviert für Die Linkshedonisten · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , ,

In drei Wochen ist Bundestagswahl, und wie die Leser dieses sympathischen, kleinen Blogs wissen, tue ich mich schwer, eine Wahl zu treffen. Irgendwie fühle ich mich von keinem der Angebote vertreten, es hilft alles nichts. Ich gründe eine eigene Partei,

– die es schafft, in gesellschaftspolitischen Fragen den Begriff „Freiheit“ weit nach vorn zu stellen, in wirtschaftspolitischen Fragen aber den Begriff „Gleichheit“ zum Optimum zu erklären.
– deren Mitglieder wissen, dass sie nicht alles wissen, deren Mitglieder vor allem nicht immer alles besser wissen.
– deren Mitglieder entsprechend zugeben, hin und wieder Neuland zu betreten. Dieses Zugeben bedeutet dann nämlich auch, dass man auf das Neuland nicht mit Angst, Repression, Abwehr reagiert, sondern mit der Freude über eine neue Herausforderung: „Geil, Neuland!“
– die den Weg zum, doch!, Sozialismus nicht über Zwang erreichen möchte, sondern über die Solidarität, mit der Liebende einander gegenüber treten. „Socialism of the Heart“, Billy Bragg hat schon recht.
– die sich von der Ideologie des „Leistung muss sich wieder lohnen“ frei macht. Der Lohn für Leistung ist das befriedigende Gefühl, eine Arbeit gut gemacht zu haben – was ist das nur für ein jämmerliches System, das Arbeit so gering schätzt, dass man den, der die Arbeit macht, entschädigen muss, mit Geld? Einheitslohn jetzt! (Und behauptet nicht, dass dann niemand unangenehme Arbeit wie Müllabfuhr oder Altenpflege erledigen würde. Das dürftet ihr behaupten, wenn in eurem System die Müllfahrerin oder der Altenpfleger zu den Großverdienern zählen würden!)
– die nicht per Dekret bestimmt, sondern überzeugt. So zum Beispiel: Massentierhaltung ist Barbarei -> Fleisch ist lecker, aber Fleisch aus Massentierhaltung geht aus ethischen Gründen einfach nicht -> Fleisch aus artgerechter Tierhaltung ist im großen Umfang für die Gesamtbevölkerung weder ökologisch noch volkswirtschaftlich machbar -> eine Lösung wäre, dass alle, also auch die, die sich Biofleisch leisten könnten, weniger Fleisch essen -> ein Veggie Day pro Woche ist kein Verzicht, sondern eine gute Sache. (Vergleichbare Argumentationsmuster gibt es für Individualverkehr, Rohstoffverbrauch etc.)
– die versteht, dass es Bereiche gibt, die privatwirtschaftlich organisiert einfach nicht funktionieren: Bildung. Infrastruktur. Gesundheit und Pflege. Kultur. Von mir aus auch Schlüsselindustrien.

Und natürlich könnt ihr jetzt einwenden, dass es doch genügend Parteien gebe, die meine Forderungen erfüllten, da müsse ich doch nicht noch eine auf den Markt werfen. Und ich so: Ja? Dann sagt doch mal, welche?

Die Grünen? Die in Hamburg mit der CDU eine Koalition bildeten und in der die Privatisierungspraxis der Vorgängerregierungen bruchlos fortsetzten?

Die Linke? „Deren Mitglieder wissen, dass sie nicht alles wissen, deren Mitglieder vor allem nicht immer alles besser wissen“, was an diesem Satz hast du nicht verstanden, Sarah Wagenknecht?

Die Piraten? Mal ehrlich, ich glaube nicht, dass die mir persönlich wichtigen Themen LGBT, Queerness, experimentelle Sexualität Leuten wichtig sind, die sich für Sexualität vor allem dann zu interessieren scheinen, wenn man sie im Netz findet, no offense. Aber, hey!, das ist meine Partei, da darf ich schon bestimmen, was mir wichtig ist.

FDP? Ich fürchte, meinen Freiheitsbegriff habt ihr in den ganz falschen Hals bekommen, oder?

CDU und SPD? Ich bitte euch!

Ich gründe eine Partei. Und ich nenne sie: Die Linkshedonisten.