02. Februar 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich? (Januar 2014) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , ,

Der Januar war wieder so ein Monat, bei dem man denken könnte, ich schriebe im Akkord (während im Dezember so wenig los war, dass ich überhaupt keinen „Was mache ich hier eigentlich“-Betrag geschrieben habe). Was natürlich Blödsinn ist, die meisten der im Januar erschienenen Texte sind im November und Dezember geschrieben, einige sind sogar noch viel älter und liegen schon einige Zeit auf Halde. Zum Beispiel die Beschreibung des Theaterstücks „Bye Bye Hamburg“ von Christopher Rüping und Anne Rietschel in der Februar-Theater heute (Link nur für Abonnenten zugänglich):

Es gibt zurzeit einen kleinen Trend, Migration nicht von außen als Immigration zu erzählen, sondern von innen, als Emigration. Thomas Arslan machte das im Kino mit seinem Berliner-Schule-Western „Gold“, Karin Beier plant für Januar im Hamburger Schauspielhaus ein Stück namens „Pfeffersäcke im Zuckerland“ über die deutsche Kolonie „Dona Francisca“ in Brasilien. Und Christopher Rüping hat sich gemeinsam mit der Dramaturgin Anne Rietschel die deutsche Auswanderung nach Amerika vorgenommen, eine Recherche über unterschiedliche Emigrantenbiografien.

Im gleichen Heft erschien noch eine weitere Kritik, zu „Mobutu choreografiert“ von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen (dito: nur für Abonnenten):

Das Stück berichtet von Mobutus Rede auf der UN-Vollversammlung 1973, einem aus verschiedenen panafrikanischen und sozialreformerischen Motiven zusammenkopierten Konglomerat, das den 1970 in Zaire umbenannten Staat recht unverblümt dem Westen als Bündnispartner im Kalten Krieg andiente. Eine unoriginelle Rede, die ihren Reiz aus dem Performativen schöpfte: „Alles geklaut“, konstatiert der Schauspieler Hauke Heumann, „aber irgendwie auch cool, mit dem Leopardenhut und so.“ Ja, das hatte was, wie der Diktator alleine mit seinem Outfit afrikanisches Selbstbewusstsein vor der Weltgemeinschaft demonstrierte, bloß: Darf Heumann überhaupt Wertungen vornehmen?

Aber macht das überhaupt Sinn, über Theater zu schreiben, während vor der Tür die Gentrifizierung ganze Stadtviertel auffrisst? Fürs uMag habe ich ein wenig über die unguten Entwicklungen auf St. Pauli nachgedacht:

Großstadt ist dort, wo Reich und Arm, naja, nicht wirklich zusammenleben, es aber irgendwie schaffen, sich miteinander zu arrangieren. Großstadt ist ein Provisorium, Großstadt ist ein Balkon, der nicht mehr betreten werden kann, weil er mit Stützbalken vollgestellt ist. Großstadt ist der lärmende Punkladen genauso wie der Schicki-Club, Großstadt ist der Edelitaliener genauso wie die Tankstelle, an der sich die Kiezgänger mit Sprit eindecken, und Großstadt ist der Luxusappartementbewohner ebenso wie das alte Mütterchen, das seinen Rollator fluchend durch die Treppenhäuser wuchtet, weil sich im Fahrstuhl jemand übergeben hat. Und vor allem ist die Großstadt die Lebensform, die es schafft, all das nicht in die Vororte zu verbannen, die die Schichten nicht säuberlich trennt, sondern die Bewohner der innerstädtischen Glaspaläste zum Blick auf die Nachbarschaft zwingt. Wenn sie diesen Blick aushalten, dann ist das Leben in der Großstadt eine Schule in Toleranz.

Ansonsten bin ich aber auch in dieser Zeitschrift schwer auf der Kunstschiene unterwegs. Zum Beispiel mit einem Porträt der Autorin Naomi Schenck, die über Wohnungen schreibt, Kunststück, im Hauptberuf ist die gute Frau Szenenbildnerin:

Wenn man jemanden in seine Wohnung lässt, dann öffnet man sich ihm auf eine intime Weise, der Schritt von „Ich lasse dich an meine Möbel“ zu „Ich lasse dich an meinen Körper“ ist kein besonders weiter. Die Wohnung ist für Schenck eine „dritte Haut“: „Man kann die Wohnung lesen wie das Gesicht des Gegenübers, wie seinen Kleidungsstil. Egal, was man für Klamotten trägt, es sagt immer etwas über einen aus, auch wenn man versucht, sich so uniformiert wie möglich zu kleiden.“ Unabhängig von der Kleidung: Das Gegenüber ist dann nackt.

Gemeinsam mit meiner Praktikantin Larissa Schwedes habe ich auch noch ein Interview geführt, mit Lisa Hagmeister, einer meiner großen Schauspielheldinnen:

uMag: Manche sagen über Hamburg, dass es gut sei, als Künstler in dieser Stadt zu arbeiten. Aber dass es noch viel, viel wichtiger sei, sie auch wieder zu verlassen.
Hagmeister: Vielleicht muss ich das auch irgendwann mal wieder machen, wer weiß. Es ist wahnsinnig schön, hier als Künstler zu leben, deswegen verpasst man vielleicht irgendwann den Absprung, um weiterzuziehen, was auch wichtig sein kann. Aber man muss gucken, wie man das privat und beruflich zusammen bekommt.

Aber ich habe auch aktuell gearbeitet! Erstens so halbaktuell, im Tageszeitungsbereich. Für die junge Welt habe ich „Die Rasenden“ besprochen, Karin Beiers lang erwartete Eröffnungsinszenierung des Hamburger Schauspielhauses:

»Die Rasenden« ist eine Materialschlacht, wobei Material nicht nur die Ausstattung meint (Bühnenbildner Thomas Dreißigacker zieht alle Register, vom intimen Spiel auf der Vorbühne über exzessive Lebensmittelsauereien bis zum mehrperspektivischen Videoeinsatz), sondern auch das spielende Personal: Insgesamt 17 Schauspieler sind im Einsatz, dazu kommen drei Solomusiker, ein 26köpfiges Streichorchester und mehrere Chöre. Ein Irrsinn! Joachim Meyerhoff und Gustav Peter Wöhler werden als satirischer Chor, na ja, nicht gerade verheizt, aber doch weit unter Wert verkauft. Birgit Minichmayr darf als Elektra nicht einmal eine Stunde glänzen, davon einen Großteil versteckt in der Unterbühne.

Und dann natürlich das ganz schnelle Internet. Für die Nachtkritik habe ich Anne Lenks Inszenierung von Martin Crimps „In der Republik des Glücks“ am Thalia in der Gaußstraße besucht:

„Ich mache gerne meine Beine breit!“ flötet Oda Thormeyer, was nicht sexuell konnotiert ist, sondern sicherheitsfanatisch – man will zeigen, dass man nichts zu verbergen hat, also macht man eben die Beine breit und zupft zwischen denselben eine Perlenkette hervor: alles unter Kontrolle! Zwischendurch wird gesungen, melancholisch-ironischer Indierock, und Tilo Werner spielt Gitarre: „You’re so full of shit!“ Soll niemand behaupten, dass das nicht unterhaltsam sei.

Und an den Hamburger Kammerspielen gab es die Premiere von Sibylle Bergs „Die Damen warten“ in der Regie des Filmregisseurs Kai Wessel. Bin ich da die Zielgruppe? Egal, ich war da:

Nina Petri gibt die Pathologin Frau Grau mit kalter Arroganz, Julia Jäger die Maklerin Frau Töss als sehnsuchtszerfressene Dauergeliebte, dazu kommen Marion Martienzen als naive Hausfrau Merz-Dulschmann und Hildegard Schroedter mit proletarischer Direktheit als alleinerziehende Mutter Frau Luhmann. Und obwohl dieses Quartett bis auf Martienzen mehr Fernseh- als Theaterruhm aufzuweisen hat, meistert es die Aufgabe recht ordentlich – indem die Darstellerinnen gar nicht erst versuchen, ihre Figuren über thesenstarke Abziehbilder hinaus zu entwickeln.

Kurzkritiken habe ich diesen Monat nur im Kinobereich geschrieben. In der kulturnews zum Beispiel über Marvin Krens „Blutgletscher“:

„Blutgletscher“ will eine Art Neuauflage von John Carpenters Genreklassiker „Das Ding“ unter Klimawandelbedingungen sein – die ökologische Botschaft verschwindet allerdings hinter den im Laufe des Films immer unmotivierter eingestreuten Schockmomenten.

Außerdem – und da schließt sich der Kreis zum Lisa-Hagmeister-Interview oben – über Lars Kraumes „Meine Schwestern“:

Lars Kraume macht in „Meine Schwestern“ nicht viel, er lässt die Handlung laufen, die sich aus der klassischen Geschichte von der letzten Reise ergibt, er zeigt Spannungen zwischen den Geschwistern, Vertrautheiten, Ängste. Und weil er neben seinem Frauentrio Jördis Triebel, Nina Kunzendorf und Lisa Hagmeister auch in kleinsten Nebenrollen eine hochkarätigste Besetzung zur Verfügung hat, von Marc Hosemann über Angela Winkler bis zur großen Béatrice Dalle, funktioniert das auch ausnehmend gut.

Und nächsten Monat wird es dann wieder weniger. Versprochen.