Rechts und Links geben sich die Hand. Sie finden nicht fair, dass der Westen auf Putin einprügelt: Putin, das ist doch ein Guter, einer, der auf den Tisch haut, bei dem Frauen noch Frauen sind, der dem ganzen Gesocks, den Schwulen und den Muslimen, nicht alles durchgehen lässt, so sagen die Rechten. Putin wird vom Westen unfair behandelt, so sagen die Linken, und das hatten wir ja schonmal, dass Russland beziehungsweise die Sowjetunion das Reich des Bösen war. Und dann geben sich Rechts und Links die Hand und organisieren eine Montagsdemonstration.
Ich bin anfällig. Ich finde auch, dass Putin unrecht getan wird, ich meine, mir fehlt ein Stück weit der Überblick, aber wenn in Kiew ein Bürgermeister Klitschko gemeinsame Sache macht mit der Swoboda-Partei, deren Programm im Grunde einen Genozid an der russischen Minderheit in der Ukraine vorsieht, dann kann man nicht guten Gewissens sagen, dass es in der Ukraine-Krise einen eindeutigen Schuldigen gebe, und der hieße Putin. Außerdem, ja, der unkritischen Westorientierung der Bundesrepublik stehe ich auch kritisch gegenüber.
Aber.
Ich bewege mich hauptsächlich in einem Umfeld, das Kultur heißt. Und in der Kultur bringt diese Westorientierung ziemlich viel Gutes mit sich: britische Popmusik. Französisches Kino. US-amerikanische Fernsehserien. Belgisches Tanztheater. Die Westorientierung ermöglicht sogar noch mehr, ostasiatische Actionfilme, westafrikanischen HipHop, arabische Küche, japanische Pornografie, es ist alles da, und ich möchte nichts davon missen. Den rechten wie linken Russlandfans ist das hingegen völlig egal, die wollen ihre klar hierarchisch strukturierte Welt, und gut ist.
Es ist okay, den Westen kritisch zu sehen. Es ist okay, zu sagen, dass Russland nicht das Reich des Bösen ist. Es ist vor allem auch okay, wirtschaftliche Alternativlosigkeiten zu hinterfragen. Aber nicht an der Seite der rechtslinken Querfrontler, nicht an der Seite von Elsässer, Jebsen, nicht an der Seite von Muslimfeinden und Israelhassern und selbsternannten Querdenkern. An denen nichts wirklich links ist und fast alles dafür stockrechts.

Ich bin immer nur in Städte gezogenen, in denen ich ein Jobangebot hatte. Ich habe mir nie Arbeitgeber ausgesucht, die Arbeitgeber haben sich immer mich ausgesucht. „Gehe dorthin, wo du dich wohlfühlst!“ ist eine Lüge, ist die Illusion, es würde einen echten Wettbewerb geben, Arbeitgeber und Arbeitnehmer würden sich auf Augenhöhe gegenüber stehen. Das ist aber nicht so.
Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind Goliath und David, sind ungleiche Gegner. Arbeitgeber sind in der Lage, Arbeitnehmer zu zwingen: „Du! Ziehst nach München! “ „Du! Neubrandenburg!“ „Und für dich haben wir überhaupt keine Verwendung mehr!“ Wenn jemand glaubt, er könne nur in Berlin leben, dann zeigen ihm die Arbeitgeber sehr schnell, dass das nicht stimmt. Zu sagen: „Nö, mach‘ ich nicht, sucht euch jemand anders, der nach Rottweil zieht“, ist faktisch unmöglich. Und das wissen die Arbeitgeber.
Solidarische Grüße an die Lokführergewerkschaft GDL. Es ist richtig, aufzumucken, immer mal wieder.

14. November 2014 · Kommentare deaktiviert für Es gibt wieder Neuigkeiten · Kategorien: Aus der Produktion

Liebe Leute da draußen, liebe Promoter, liebe womöglich wirklich von eurem Produkt überzeugten Onlinemarketingmenschen, die ihr diesen Text ja ohnehin nicht lesen werdet und die mich demnach immer weiter mit ranwanzenden Mails belastet … Ich erkläre mal, weswegen ich euch nicht mag.

So sieht eine typische Mail aus, wie sie die Bandschublade immer wieder erhält:

Hey Falk, (Wir kennen uns nicht. Weswegen ranzen Sie mich also an als ob wir alle zwei Wochen nackt im Whirlpool Champagner trinken würden?)
es gibt wieder Neuigkeiten von Dödeldüm (Nein, ich tue Ihnen nicht den Gefallen, einen Markennamen hier zu nennen). Endlich kann man den (den?) Beanie online gestalten! Entweder bestellt man seine Instagrams als Wechselbild oder lädt bei uns ein Bild hoch (Ich verstehe nicht einmal in Ansätzen, um was es hier geht). Wenn man darauf keine Lust hat, kann man die Wechsel-Designs wie gehabt (wie gehabt, ja, schon klar) aus der Community aussuchen – immer passend zum Outfit oder dem Anlass.

Hättest du vielleicht Lust einen Beanie bei „Bandschublade“ vorzustellen? (In diesem Satz fehlt ein Komma. Egal, alles egal.)

Hier kannst du es selbst ausprobieren: Beanie gestalten
Die Seite ist noch beta (Sie dienen mir hier halbfertigen Schrott an, ja?) – nächste Woche kommt ein großes Update, bei dem Performance und Usability noch mal stark optimiert wird!

Was mich an dieser Sache so wahnsinnig nervt, ist gar nicht mal das schnöde Geduze, das unreflektierte Um-sich-Werfen mit Buzzwords wie „Community“ und „Usability“, es ist auch nicht die Tatsache, dass der Absender der Mail sich nicht einmal die Mühe gemaht hat, zu schauen, ob das, was er will, überhaupt auf dieses kleine, sympathische Hinterhofblog Bandschublade passen würde.

Nein, was mich nervt, ist, dass da jemand in einem Büro sitzt und glaubt, ein Blogger würde sich tatsächlich über so eine Mail freuen. Jemand, der glaubt, Konsum und Werbung hätte etwas zu tun mit Lust, mit Spaß. Jemand, der den dreckigen Kapitalismus schon so verinnerlicht hat, dass er denkt, ja, hey, ist doch cool, so ein Beanie, kann man doch mal ausprobieren, mal vorstellen. Hey Falk, es gibt wieder Neuigkeiten. Das macht mich so unglaublich traurig, solch ein Leben, das nicht einmal weiß, in welchen Zwängen es steckt, in welchen Gewaltverhältnissen. Ich möchte heulen, weil ich mir vorstelle, wie M. gerade am Computer sitzt und sich einen drauf runterholt, weil, ist ja geil, so ein Beanie.

Und weil ihr mich traurig macht, tieftraurig, deswegen mag ich euch nicht. Das ist ein Schutzverhalten, ich lasse diese Traurigkeit einfach nicht an mich ran.

08. November 2014 · Kommentare deaktiviert für Revolution · Kategorien: Cat Content · Tags: , , ,

Am 9. November 1989 rief ich „Wir sind das Volk!“ Was pathetischer klingt als es war: Am 9. November 1989 hatte die Oper „Dantons Tod“ von Gottfried von Einem nach Georg Büchner Premiere am Ulmer Theater, und ich stand als Statist auf der Bühne. Ich durfte revoltieren, „Wir sind das Volk!“, und zwei Stunden später durfte ich jubeln, als die Guillotine Dantons Kopf abtrennte, die Revolution hatte ihre Kinder gefressen.

Die Wiedervereinigung hingegen war mir egal, nein, sie war mir unsympathisch, mir war damals schon klar, dass das alles ein Aufwallen nationaler Besoffenheit zur Folge haben würde, und, ja, das hatte es dann ja auch: Hoyerswerda, Lichtenhagen. Als ich ein Jahr später auf Sprachaufenthalt in Irland war, wurde ich im Landeskundeunterricht nach der Wiedervereinigung gefragt, und ich erzählte, dass das eine üble Geschichte sei, die in Deutschland niemand wolle. Kinder, glaubt keiner Oral History.

Mittlerweile habe ich meinen Frieden gemacht, mit dem größeren Deutschland, das mir im Grunde den Buckel runterrutschen kann, ich bin kein Deutscher, ich bin, wahrscheinlich, Nordeuropäer, so. Ich finde es schön, in kurzer Zeit von Hamburg aus in Mecklenburg zu sein, ich mag die menschenleere Landschaft, ich mag die Ostsee, ach, ich habe ja sogar auf dem Darß geheiratet, ohne Wiedervereinigung hätte das nicht funktioniert, also, ist alles gut. Ich hätte wahrscheinlich Katrin nicht kennengelernt, die aus Brandenburg nach Hamburg zog, es ist gut. Feiert schön, ich freue mich mit für euch.

Aber das Volk bin ich nicht.

02. November 2014 · Kommentare deaktiviert für Ponderosa · Kategorien: Cat Content · Tags: , , ,

Seit Jahren mal wieder Trickys „Maxinquaye“ gehört. Schon irre, wie unerhört diese 20 Jahre alte Musik immer noch klingt, diese schlurfende, kalte, beunruhigende Musik, diese hochsexualisierte Musik. Dabei festgestellt, dass Tricky damals ein Modell für Sexualität anbot, das heute vollkommen in Vergessenheit geraten ist. Heute ist Sexualität eigentlich nur noch: so ein Ausschließlichkeitsmodell, vulgo Ehe, Treue, Dings. Oder aber etwas, das in der Nachbarschaft zu Fitness und Sport steht, vulgo Rumgeficke. „Maxinequaye“ war anders. Auf „Maxinquaye“ war Sex vor allem eine Strategie, die Zumutungen des Kapitalismus auszuhalten, hier ein paar Küsse, dort ein paar Berührungen, schon ist einem nicht mehr ganz so kalt.

Der Sex auf „Maxinquaye“ war traurig, ich meine, es ist ja klar, dass diese Wärme nicht hält, andererseits, andere nehmen Drogen, und auch Drogennutzer wissen, dass das Runterkommen schlimm werden wird. Aber wenn die einzige Alternative ist, die Welt ohne Drogen aushalten zu müssen, dann nimmt man den Horror des Runterkommens in Kauf. Oder eben Sex, statt Drogen. Sex, den manchmal jemand mit einem teilt, nicht aus Eigennutz, nicht aus Liebe, sondern aus Solidarität. Jemandem zu helfen, die Unerträglichkeit ein wenig auszuhalten.

Mir gefällt dieses Modell, immer noch. Und dass es praktisch kaum noch gelebt wird, das hat, fürchte ich, etwas damit zu tun, dass Solidarität überhaupt derzeit nicht den besten Ruf hat. I drink till I’m drunk and I smoke till I’m senseless.