23. Mai 2015 · Kommentare deaktiviert für Irland · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it

Ich schreibe jetzt keinen Blogartikel über Shitstorms und Mundverbieten und Leute, die nichts lernen wollen. Ich schreibe nichts über Irland und wie sehr ich mich darüber freue, dass die Menschen wohl gar nicht so blöde sind wie ihnen immer nachgesagt wird. Und ich schreibe nichts über westfälische Provinzblättchen, die eigentlich genau das schreiben, was wir von ihnen erwarten und die wir nicht einmal mit unseren spitzen, sorgfältig manikürten Conchita-Wurst-Fingern anfassen würden. Eigentlich ist ja schon alles gesagt.

Aber eine kleine Geschichte kann ich schon noch erzählen. Wie ich als kleiner Junge in der kleinen schwäbischen Stadt keine Schwulen kannte und keine Lesben und mir auch nicht vorstellen konnte, was die miteinander machen, Gott, wie alt war ich da, sieben, acht? Jedenfalls konnte ich mir unter praktizierter Sexualität rein gar nichts vorstellen, von homo- so wenig wie von heterosexueller, wewegen auch? Im Fernsehen jedenfalls lief ein Film, in dem ein schwules Paar auftauchte, und meine Mutter versuchte mir zu erklären, was ich da sah: „Also, es gibt auch Männer, die sich nicht in Frauen verlieben, sondern in andere Männer …“ Und ich so, vollkommen desinteressiert: Ja, warum denn auch nicht? Thema erledigt, Kinder sind wahrscheinlich ziemlich pragmatisch und kapieren: Wenn zwei Leute sich gern haben, dann wird das schon in Ordnung sein.

Zweite Anekdote. Ein breitbeiniger Mitschüler: „Die schwule Sau …“ Undichso: „Was hast du gegen Schwule?“ Er: „Nix. Aber in Ordnung ist das nicht, was die machen.“ Ich: Was ist nicht in Ordnung?“ Er: „Naja, die Natur hat das ja nicht so vorgesehen.“ Ich: „Die Natur hat auch nicht vorgesehen, dass du eine Brille auf der Nase hast. Aber mit Brille ist wahrscheinlich doch besser als ohne, oder?“

20. Mai 2015 · Kommentare deaktiviert für Running up that Hill · Kategorien: Cat Content

Edit: Dieses Blogstöckchen wurde mittlerweile auch von mehreren maskulistischen Blogs beantwortet, und die verlinken hierher. Ich lasse die Pingbacks aus Gründen der Dokumentation drin, rate aber dazu, genau zu prüfen, auf welchen Link man klickt.

And if I only could
I’d make a deal with god
and i’d get him to swap our places.
(Kate Bush, Running up that hill)

Verena hat mir ein Stöckchen zugeworfen, es geht um die Frage, was anders wäre, wäre ich eine Frau. Ich bin kein Freund des dualistischen Geschlechterkonzepts, aber vielleicht ist es als Gedankensspiel ja ganz schön? Mal gucken. (Ich soll sechs weitere Blogger_innen nominieren, aber seit dem Blödsinn mit der Icebucket Challenge finde ich sowas ein wenig übergriffig. Das Stöckchen soll sich nehmen, wer mag.)

Was wäre anders in deinem Leben, wenn du eine Frau wärst?

Was wäre anders, wenn ich nicht das Kind meiner Eltern wäre? Was wäre anders, wenn ich nicht dort aufgewachsen wäre, wo ich aufgewachsen bin? Was wäre anders, wäre ich nicht an bestimmten Punkten in meinem Leben bestimmten Leuten begegnet? Wahrscheinlich vieles.

Was tust du nur deshalb, weil du ein Mann bist?

Nichts. Glaube ich.

Welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann bist?

Liebevoll mit kleinen Kindern rumtollen. Das ist doof, aber man weckt mit sowas als Mann ein gewisses Misstrauen.

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Eigentlich durch jedes Klischee, das einen in eine bestimmte geschlechtsspezifische Rolle drängt. Männer trinken Bier, essen große Mengen Fleisch, interessieren sich primär für Autos und Fußball. Gott, wie eingeschränkt..

In welcher Situation war es von Vorteil, zur Gruppe der Männer zu gehören?

Männer verdienen mehr als Frauen, für die gleiche Arbeit. Das ist so, auch in meinem Umfeld. Da muss man dagegen ankämpfen, klar. Ich bin der Meinung, dass Frauen mehr verdienen sollen, soviel wie ich, ich bin nicht der Meinung, dass ich weniger verdienen soll, soviel wie die Frauen. Entsprechend nehme ich diesen unbezweifelbaren Vorteil einfach mal hin und protestiere nur dagegen, weil er schlicht nicht begründbar ist.

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich würde erstmal behaupten: alle Situationen, in denen ich Entscheidungsmacht habe. Aber stimmt das wirklich? Trete ich anderen Menschen wirklich wertfrei gegenüber? Ich arbeite lieber mit Frauen zusammen als mit Männern, das ist einfach so. Also spielt das Geschlecht hier sehr wohl eine Rolle. Frauen berühren mich mehr, beeinflussen meine Urteile. Für die Jahresbestenliste von Theater heute muss ich jedesmal lange überlegen, wen ich wohl als „Schauspieler des Jahres“ nennen werde, bei der „Schauspielerin des Jahres“ fällt mir gleich eine Handvoll ein, die mich fasziniert hat. Ich fürchte, ich muss sagen: Es wäre schön, wenn es Situationen geben würde, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt. Aber wahrscheinlich gibt es sie nicht.

07. Mai 2015 · Kommentare deaktiviert für Liebe Leser_innen. (Warum ich nur selektiv gendere.) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , ,

Ich bin mir dessen bewusst, dass Sprache sexistische Strukturen abbildet, nein, nicht nur Sexismus, auch Rassismus, Klassismus, überhaupt hierarchische, diskriminierende Strukturen. Das war mir schon im Studium klar, in den Seminaren zu feministischer Linguistik (das einzige, was mich an der Linguistik überhaupt interessiert hat), nach denen ich konsequent das große I in meinen Texten verwendet habe, bis ich verstanden habe, dass das große I ebenfalls ausgrenzend wirkt, weil es eine Dualität der Geschlechter behauptet, die in der Realität nicht da ist. Seither verwende ich den Unterstrich _, wohl wissend, dass auch der nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

Beziehungsweise: Ich verwende ihn in Briefen, Manuals, Mails, Konzepten. Wo ich ihn nicht verwende: in Artikeln. Natürlich bin ich als Autor an die Schreibweisenkonventionen der publizierenden Medien gebunden – wo nicht gegendert wird, da gendere ich natürlich auch nicht. Andererseits kämpfe ich auch bei den nicht-gendernden Medien nicht darum, dass diese Konvention aufgehoben wird. Schlimmer noch: Selbst bei Medien, an denen es den Autoren und Autorinnen (da! schon wieder!) freigestellt ist, wie zum Beispiel bei der Nachtkritik (Georg Kasch empfahl hier ein Sternchen: *), gendere ich nicht, selbst bei Les Flâneurs, wo ich als V.i.S.d.P. fungiere und Kolleginnen wie Ninia Binias ganz selbstverständlich gendern, lasse ich es bleiben. Und frage mich natürlich: warum?

Genau deswegen.

Wegen dieser Frage: warum? Sobald man die sich stellt, ist man sich nämlich des Problems bewusst, dass sprachimmanenter Sexismus existiert. Und denkt denselben dann im besten Falle mit, man schafft also bei sich (und bei den Leserinnen und Lesern) ein Bewusstsein für das Thema. Ein nicht-gegenderter Text ist entsprechend eine schmerzende Wunde, eine Wunde, die weit stärker schmerzt als wenn die Probleme fröhlich mit Sternchen, Unterstrich, großem I oder was auch immer übertüncht werden. Zumindest in der Theorie ist das so.

Natürlich ist das in der Praxis anders. In der Praxis geht es natürlich auch darum, möglichst elegante Texte zu formulieren, und je eleganter ein Text ist, desto weniger schmerzt die Wunde. Am Ende steht dann ein Artikel, der ganz und gar nicht auf ein Problem hinweist, sondern der die rein männliche Position einfach nur reproduziert, nichts ist gewonnen, alles ist, wie es immer war. Problem.

Aber vielleicht ist genau das der Punkt: dass man sich immer wieder mit Problemen auseinandersetzt, dass man nicht einfach etwas gegeben nimmt, dass man die eigene Position immer wieder hinterfragt. Und vielleicht ist dieses Hinterfragen auch genau das, was für mich an Feminismus und Gendertheorie wichtig ist und was von Maskulinisten und Rechten einfach nicht verstanden wird – dass es hier nicht um Befehle geht, wie man sich auszudrücken hat, sondern um das Vergegenwärtigen von Problemen. Zumindest für mich. Was eine männlich zentrierte Position ist, schon klar.