Mein Verhältnis zum Bremer “Tatort” ist ein gespaltenes. Einerseits dreht man an der Weser immer mal wieder kluge Genrefilme, die Verschwörungstheorie “Sheherazade” (2005) oder die “Mörder auf hoher See”-Variation “Schiffe versenken” (2009). Einerseits. Andererseits steht solchen Sternstunden auch immer wieder betulichster Durchschnittskram gegenüber, am schlimmsten das Popstar-Vehikel “Schwelbrand” (2007), in dem ausgerechnet die leicht angebräunte Schlagergruppe Mia. eine gegen rechts engagierte Rockband verkörpern sollte. Kaum ein Fernsehsender kämpft mit solchen Qualitätsschwankungen wie Radio Bremen.

Ähnlich zwiespältig stehe ich der Bremer Kommissarinnenfigur Inga Lürsen (Sabine Postel) gegenüber. Ich schätze, dass hier eine Figur auftaucht, die weder Karrikatur ist (Leipzig!) noch tougher ist als alle bösen Jungs zusammen (Hannover! Ludwigshafen!) noch einem verunglückten Jugendwahn hinterherrennt (Stuttgart!). Ich schätze, dass hier eine Figur einfach ist, wie sie ist. Inga Lürsen allerdings ist in ihren schlechteren Fällen leider ein wenig arg viel, also, sie ist bewusst. Jammerig, übertrieben, unsympathisch, vor allem immer unheimlich von dem Geschehen angefasst. Rechte Schlechtmenschen ziehen gerne über diejenigen her, die sie als “Gutmenschen” verspotten, wenn man sie fragt, wer denn nun eigentlich ein Gutmensch sei, fällt ihnen niemand ein – schön, dass die Rechten immer nur Privatfernsehen schauen, ansonsten würde ihnen Inga Lürsen Argumente liefern. Außerdem freue ich als Linker mich natürlich, dass mit Hauptkommissarin Lürsen eine TV-Polizistin das richtige Bewusstsein hat, inclusive radikaler Vergangenheit – aber ist so eine linke Biografie, die straight in den Polizistenberuf führt, überhaupt vorstellbar? Wo man selbst die Freunde und Helfer eigentlich immer nur als prügelnde Bullen kennenlernen durfte? Ich meine ja bloß: In den schlechten Bremer Fällen beißt sich die Figur Lürsen ziemlich ungut mit einem bestenfalls nur halb gelungenen Drehbuch.

Zum Glück ist der “Tatort: Ordnung im Lot” ein guter Bremer Fall, sogar ein sehr guter Fall. Ein toter Tankstellenbetreiber namens Jure Tomic (Ex-Jugoslawen sind in den jüngsten Tatorten recht häufig in kriminelle Machenschaften verwickelt, vor einer Woche die Serben, diesmal die Kroaten), eine schizophrene Zeugin (Mira Partecke, ein großartiger Auftritt), die nur bruchstückhaft mitteilen kann, was sie gesehen hat, ein finsterer Typ mit Ekelkotelletten und serbokroatischem Zungenschlag, da weiß man natürlich, was passieren wird. Es passiert: etwas ganz anderes. Am Ende haben wir tatsächlich einen Mord, aber kein Verbrechen, zumindest keines, das über einen Versicherungsbetrug hinausginge. Wenn Schauspiel und Regie von “Ordnung im Lot” ganz okay sind, dann ist das Buch (Claudia Prietzel und Peter Henning, die auch für die Inszenierung verantwortlich sind), ein echtes Meisterwerk, das sich Volten traut, die im “Tatort” sonst verboten sind: keine Action, keine Witzchen, ein ständiges Unterlaufen der Erwartungen. Je länger dieser Film dauert, umso mehr wird er zum Psychokrimi, später dann zum Psychogramm einer verwirrten Seele (“Absolut gestört!” urteilt die Kommissarin an einer Stelle, gerade ihr hätte man mehr Sensibilität zugetraut, aber gut), vergleichbar vielleicht gerade mal dem ungleich actionreicheren “Eine unscheinbare Frau” (2001), ebenfalls aus Bremen.

Die Kommissarin? Macht eigentlich gar nichts, in einer kurzen Passage macht sie sogar zu wenig, da geht es beinahe übel aus mit den Dämonen im Kopf der Geschundenen. Aber auch nur beinahe, ansonsten lässt sie die Geschichte sich entfalten, bis am Ende alle gut wird. Alles? Nein, für Familie Tomic geht es nicht gut aus, wahrscheinlich ist die erhoffte Rente futsch, ein Kollateralschaden also.

(Psycho-Theater: Frank Rauscher auf tatort-fundus.de. Ein großer Wurf: Christian Buß auf SpOn. Keinen Bock mehr: Matthias Dell im Freitag. Unheimlich schlecht: der Stadtneurotiker. Leicht aufgeblasen: der Wahlberliner.)

2 Kommentare

  1. Und Lürsens Assistent? Wie heisster noch, der Kerl? Stedefreund? Flippt der wieder so gepflegt aus wie in so manchem Bremer Tatort?

    • Nö, der Herr machte seinen Job, wie er soll. Unauffällig, uncholerisch, vielleicht auch ein bisschen unnötig.

  2. Pingback: Psychopathologische Symptome aus dem Lostopf « Ansichten aus dem Millionendorf

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