21. Januar 2013 · Kommentare deaktiviert für Ästhetik des Scheiterns (7): Kässpätzle · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , ,

Meine Verhältnis zum Schwabenland ist, der regelmäßige Leser dieses Blogs weiß das, ein gespanntes. Ich bin Schwabe, da lässt sich nichts dran deuteln, ich spreche in diesem leicht näselnden Singsang, jeder hört, wo ich herkomme. Und doch: bin ich seit knapp 20 Jahren fort aus diesem Landstrich, nicht ohne Grund. Der Schwabe als solcher ist ein fremdenfeindlicher, lustloser Spießer, geprägt von Leistungsdenken einerseits und religiös verbrämter Sexualitätsangst andererseits, außerdem wählt er vorzugsweise den rechten Rand der CDU, da will ich nichts mit zu tun haben. (Sage ich. Aber wehe, irgendjemand anders kommt auf die Idee, über Schwaben herzuziehen, da werde ich zum übelsten Diaspora-Lokalpatrioten.)

Wo man definitiv nichts gegen haben kann, ist die Schwäbische Küche. Der Schwabe kocht toll, Sauerbraten, Seelen, Pfitzauf, Schupfnudla. Und natürlich Spätzle. Frisch nach Hamburg gezogen, ging ich begeistert ins Lokal „Die Schwäbin“ essen, eine Gaststätte, die leider nach und nach kulinarisches Niveau einbüßte und schließlich abbrannte, vielleicht war letzteres ganz gut so. Leckere Linsen mit Spätzle kostete ich bei „Brachmanns Galeron“, preislich war das Ganze dem Arme-Leute-Gericht allerdings nicht wirklich angemessen. Und dann machte direkt bei mir um die Ecke das „Spätzle“ auf, ein grundsympathisches Bistro, das zu akzeptablen Preisen extrem leckere Kleinigkeiten anbot. Selbst kochte ich nie schwäbisch, aus Gründen.

Zu Beginn meines Studiums entschieden wir nämlich auf dem Wohnheimflur, dass jeder Mitbewohner ein leckeres Gericht aus seiner Heimat kochen sollte, und am Ende würde es ein Best-of-Studentenwohnheim-Eichendorffring-Menü geben. Pan, der Chinese, machte ultraleckere Dumplings. Paul, der Brite, kaufte Bier. Der Russe, dessen Namen ich nicht mehr weiß, machte eine Art Eintopf. Und ich machte Kässpätzle. Beziehungsweise, ich kaufte eine Tüte vorgekochte „Original schwäbische Eierspätzle“ und eine Tüte billigen, fertig geriebenen Industriekäse, haute alles zusammen mit etwas Wasser in einen Topf und ließ es köcheln. Schmeckte grauenhaft, das muss ich zugeben, aber dass Matthias, der doofe Jungunionist aus dem Hintertaunus, die entstandene Pampe mit einem großen Klecks Ketchup verfeinerte, tat mir dann doch weh. Auf jeden Fall hatte ich meine Lektion gelernt: Spätzle würde ich nie wieder selbst machen, nur noch im Restaurant (die allerbesten Kässpätzle bekam ich im übrigen nicht in Schwaben, sondern auf der Berghütte Angerer Alm am Kitzbüheler Horn – Spätzle, die einem nahezu auf der Zunge schmolzen) oder bei berufenen Hobbyköchen.

Dass Kollegin E. leckere Spätzle zauberte, nahm ich noch hin – E. ist ebenfalls Schwäbin und im Zubereiten von raffinierter Hausmannskost deutlich versierter als ich. Als aber Isabel mir extrem gelungene Kässpätzle vorsetzte, reagierte ich im Schwabenstolz verletzt: Isabel ist Rheinländerin, weswegen sollte sie bessere Kässpätzle machen als ich? (Weil so ziemlich jeder bessere Kässpätzle hinbekommt als derjenige, der für das Eichendorffring-Desaster verantwortlich war, oder?) Auf jeden Fall kann meine Ehre nur wieder hergestellt werden, indem ich selbst Kässpätzle mache.

Versuchsanordnung:

1. Teig herstellen. 500 g Mehl und vier Eier mit einer Prise Salz verrühren. Rühren und dabei immer wieder Mineralwasser (beziehungsweise Leitungswasser mit Kohlensäure) zugeben, bis eine zähflüssige Masse entsteht, die Blasen wirft, mit anderen Worten: bis die Schulter schmerzt. Teig eine Virtelstunde ruhen lassen.

2. 250 g Käse reiben (ich nahm Allgäuer Bergkäse, funktioniert anscheinend auch mit Emmentaler oder Greyerzer.)

3. Einen großen Topf Salzwasser zum Kochen bringen. Spätzlesteig portionsweise mit dem Spätzleshobel in das kochende Wasser tropfen lassen (die gute schwäbische Hausfrau nimmt Messer und Holzbrettchen statt Hobel, aber ich bin keine gute Hausfrau), nach wenigen Sekunden schwimmen die Spätzle obenauf und sind fertig. Mit einem Schaumlöffel herausheben, kurz unter kaltem Wasser abschrecken, in eine gebutterte Auflaufform schichten.

4. Jede Schicht Spätzle pfeffern (habe ich ein wenig zu gut gemeint) und gut mit Käse belegen. Wiederholen, bis keine Spätzle mehr übrig sind, dann in den Backofen damit (eigentlich nur, damit es warm gehalten wird und der Käse schmilzt, durch sind die Spätzle ja schon).

5. Fünf Zwiebeln klein würfeln, in ordentlich Butter goldbraun anbraten.

Deliziös.

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