12. April 2015 · Kommentare deaktiviert für Positionsbestimmung · Kategorien: Allgemein

Pro „True Detective“, pro Nature Theatre of Oklahoma, kontra Republikanische Partei.
Proamerikanisch: im Sinne von pro Ironie, pro freundliche Distanz.
Pro Islam, kontra Religion überhaupt.
Pro Israel, kontra Netanjahu, pro Iran, kontra Ahmadinedschad.
Kontra Deutschland, kontra Antideutsch.
Pro Sexualität. Kontra Sport.
Pro Redefreiheit, kontra Geschwätz.
Pro Marx, schon, kontra Dogma. Wie gesagt, kontra Religion.
Pro Heterogenität, kontra Uniform. Pro multikulturelles Durcheinander, pro pro pro.
Pro Hedonismus, kontra Egoismus.
Tanzen.

01. April 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich? (März 2014) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , ,

Endlich! Endlich! Endlich habe ich ein Interview mit Karin Beier geführt, der gar nicht mehr so neuen Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. Für die Kultur//Hamburg, die nicht im Netz verfügbar ist, aber dafür kann man sie kaufen. Ohnehin empfehlenswert: Mir sichert das die Butter auf dem Brot.

Kultur//Hamburg: Ihr Vorgänger Friedrich Schirmer hat in seiner ersten Pressekonferenz einen ganz anderen Zugriff versucht, indem er einen Delfin als Logo vorgestellt hat. Das war als Setzung etwas sehr Poetisches, Schirmer hatte zwar auch politische Themen im Spielplan, aber diese Setzung war erstmal unpolitisch. So gesehen ist Ihre Setzung eine ganz andere – verkümmert das Theater da ein bisschen?
Beier: Das kommt immer darauf an, wie man es macht. Das ist eine Frage, die man sich auch jeden Tag neu stellen muss, kann und soll: Wie man politisches Theater überhaupt machen kann. Ich schließe nicht aus, dass ein politischer Abend auch ein poetischer Abend sein kann, dass der auch süffig sein kann, dass der saftig sein kann, dass der opulent sein kann … Aber der kann auch spröde sein, das schließt sich nicht aus. (…)

Vom größten deutschen Sprechtheater ganz weit raus aufs platte Land: Für die Theater heute habe ich mal so geschaut, was in Schleswig so geht, mit dem dortigen Landestheater. Man muss wohl befürchten: In Zukunft geht da nicht mehr viel, und das liegt nicht am Theater, sondern an der lokalen Politik.

Das Landestheater spielt bis Mitte 2016 in einer Ersatzspielstätte, außerdem werden Transfers zu Aufführungen nach Rendsburg und Flensburg organisiert. Aber auf lange Sicht macht sich Intendant Grisebach keine Illusionen: „Wenn Schleswig als Produktionsstandort und Gesellschafter nicht durch eine andere Kommune ersetzt werden kann, bedeutet es in der Tat das Ende der größten Landesbühne Deutschlands.“ Das allerdings wäre so monströs, man kann sich nicht vorstellen, dass das Votum von 13 Stadtverordneten tatsächlich die Theaterversorgung eines ganzen Bundeslandes in Frage stellen sollte. Entsprechend dürfte das Land diese Versorgung weiterhin sichern, irgendwie. Nur eben ohne Beteiligung Schleswigs.

Ebenfalls für Theater heute bin ich mal wieder nach Bremen gefahren und habe mir die Dramatisierung von Oskar Roehlers „Herkunft“ angeschaut. Von der ich allerdings enttäuscht war.

Die Nazivergangenheit der Großeltern schlägt auf die schwer neurotischen Eltern durch, weswegen aus der Folgegeneration nichts werden konnte. 68er-Bashing, das nicht besser dadurch wird, dass sich „Herkunft“ als Schlüsselroman lesen lässt: Der hauptsächlich als Filmregisseur bekannte Roehler ist Sohn des Schriftstellerpaars Gisela Elsner und Klaus Roehler, in fast jeder Figur des Romans lässt sich das reale Pendant dechiffrieren, Nora ist Elsner, Robert ist Oskar, und so weiter.

Auch in Hamburg wurde Theater gespielt, nämlich am Thalia. Luk Perceval inszenierte hier eine Erster-Weltkriegs-Installation namens „FRONT“, die ich für die Nachtkritik besucht habe:

Perceval macht viel richtig mit dieser musikalisch-textlichen Installation. Er umschifft die im Antikriegsgenre lauernden Klippen der indirekten Heroisierung, indem er seine Figuren mit respektvoller Distanz führt. Selbst den eigentümlichen Themenstrang um eine Krankenschwester (Oana Solomon), der auf eine Art libidinöses Verhältnis zum Krieg hinweist, lässt er nicht ausspielen, sondern deutet nur an, dass es da etwas gibt, das sich nicht so einfach begreifen lässt.

Im uMag schrieb ich über politischen Europa-Überdruss und über die Anti-Einwanderungsinitiative der Schweiz:

Man versprach uns, dass uns die Welt offen stehen würde, und wir glaubten es. Wir nahmen es als Selbstverständlichkeit, dass H. aus Bielefeld heute in Paris lebt und arbeitet, dass M. aus Barcelona heute in Frankfurt lebt und arbeitet, dass T. aus Braunschweig heute in Arhus lebt und arbeitet. Und dass S. aus Berlin heute in Zürich lebt und arbeitet, das nahmen wir auch als Selbstverständlichkeit. Oh, Zürich, Moment.

Und schließlich schrieb ich zwei Filmkritiken in der kulturnews. Einmal über „Deutschboden“, André Schäfers Verfilmung von Moritz von Uslars Reportage:

Am ehesten ist das ein Bilderbogen zur Reportage, bevölkert von den Figuren aus Uslars Text. Das ist am Ende genauso träumerisch, denunzierend, verkünstelt und unrealistisch wie die Vorlage – aber es ist auch böse und lustig. „So war abseits der Großstadt eine neue Sorte Männlichkeit entstanden: der gefährliche, aber ziemlich schmuck und schwul aussehende Superproll“, murmelt der Autor angesichts gewaxter, muskulöser, tätowierter Glatzenträger. Irre.

Und dann noch über den französischen Film „Molière auf dem Fahrrad“:

Ja, Philippe Le Guays „Molière auf dem Fahrrad“ ist absolut vorhersehbar. Ja, das Theaterverständnis des Films ist eines von vorvorgestern, Serge und Gauthier schlagen Schlachten, die längst als Scheingefechte bekannt sind. Und, ja, die eingeschobenen burlesken Elemente wirken deplatziert. Aber abseits dieser Mängel bekommt man einen Film, der vor allem als Fest von zwei überaus sicher agierenden Schauspielern durchaus funktioniert.

29. August 2013 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (August 2013) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , ,

Ja, der Monat ist noch nicht vorbei, schon klar. Aber gleich haben wir ein Wochenende, an dem ich sicher keine Gelegenheit habe, eine kleine Lebensberatung zu schreiben, der Kram würde also bis in den September liegenbleiben, und hinterher sagen alle, ach, Falk, der ist auch unzuverlässig geworden. Muss doch nicht sein. Besucherzahlenmäßig war der August übrigens ein ziemlich guter Monat – was vor allem an ein paar Starblogs lag, die nach hier verlinkten. Da hatte ich dann plötzlich unzählige Besucher, die sich kurz umschauten, feststellten, dass nichts los ist und wieder abzogen. Tja. War aber trotzdem schön, dass ihr da wart. Googler kamen auch, ein paar.

1. ich werde steinbrück wählen Ja? Herzlichen Glückwunsch zu dieser Entscheidung, zumal die ziemlich gegen den Trend geht. Auch gegen den Trend hier: Ich denke, ich werde Peer Steinbrück nicht wählen (um ehrlich zu sein, kann ich ihn auch gar nicht wählen, ich kann nur mit der Zweitstimme SPD wählen, und die SPD wählt, falls ausreichend Bürger ihr die Zweitstimme geben, Steinbrück zum Kanzler, aber ich verstehe schon, was gemeint ist). Aber natürlich gbt es Gründe, das zu tun: weil eine SPD-geführte Regierung wahrscheinlich gesellschaftspolitischen Irrsinn wie das Betreuungsgeld abschaffen dürfte. Weil Ideen wie die Homoehe bei linken Regierungen in besseren Händen sind als bei rechten. Weil Linke wahrscheinlich eine zeitgemäße Einwanderungspolitik machen dürften. Nur: Einer Steinbrück-Regierung traue ich nicht zu, eine linke Regierung zu sein. Und einer SPD, die sich bei allem Streit hinter einer Figur wie Steinbrück versammelt, traue ich das auch nicht zu. Überhaupt: War die SPD eigentlich je in ihrer Geschichte eine linke Partei, gibt es da Anhaltspunkte? Nein, meine Stimme bekommt sie nicht.

2. dieter meier kassel Es gibt da ein Kunstwerk: 1972 ließ der Schweizer Popmusiker und Konzeptkünstler Dieter Meier während der documenta V eine Tafel am Kassler Hauptbahnhof anbringen mit der Aufschrift „Am 23. März 1994 von 15.00-16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen“. Am 23. März 1994 stand Meier dann auf besagter Platte. Ist das gemeint?

3. falk schreiber daniel richter interview Es gibt ein Interview, das ich vor einigen Jahren mit Daniel Richter (und Jonathan Meese) geführt habe, gemeinsam mit meiner geschätzten Kollegin Katharina Behrendsen. Das war eines der eigenartigsten, verwirrendsten, unterhaltsamsten Gespräche die ich im Laufe meiner journalistischen Karriere erleben durfte, und es ist tatsächlich sehr, sehr schade, dass besagtes Interview nicht online verfügbar ist. Wobei, viel spannender als das am Ende publizierte Interview war ohnehin das Transkript, ist ja häufig so.

4. hamburg hauptbahnhof nach wilhelmsburh am reihersteig Das Viertel heißt „Wilhelmsburg“ und die Straße heißt „Reiherstieg“, Kinder, gebt euch doch mal Mühe. Die Wegbeschreibung ist allerdings verhältnismäßig einfach: Mit der S3 in wenigen Minuten vom Hauptbahnhof bis Veddel, von dort mit der Buslinie „Wilde 13“ bis „Veringstraße Mitte“, dort rechts halten und noch ungefähr zehn Minuten laufen, dann ist man am Reiherstieg. Ging es um das Gelände des Dockville? Da ist die nächste Anfrage ebenfalls hilfreich.

5. beim dockville festival über den zaun klettern Ist strafbar, als juristischer Laie würde ich auf den Tatbestand Hausfriedensbruch tippen. Und vielleicht auch nicht okay, ich meine, so teuer ist das Dockville ja nun nicht, als dass man sich da Leistungen erschleichen müsste, zumal die Dockville-Macher nun nicht gerade Großverdiener sein dürften. Andererseits verstehe ich schon, weswegen man sich solche Gedanken macht: Mit 17 kletterte ich auch einmal bei einem Festival über den Zaun respektive watete durch einen kleinen See, der das Festivalgelände in der Ulmer Friedrichsau vom öffentlichen Park abtrennte. Damals recht angesagte Bands wie New Model Army (die Toten Hosen Nordenglands), Midnight Oil (die Grünen Australiens) und die Pixies (der Heinz Erhardt Kaliforniens) spielten dort, und als Headliner David Bowie. Ich muss sagen, das war schon ziemlich cool, und der Adrenalinrausch machte es sogar noch einen Tacken cooler: Entdeckt irgendwer, dass ich kein Ticket habe? Was machen die dann mit mir? Böse, tätowierte Roadies? Oarrr!

6. typisches französisches essen Öh. Austern? Irgendwas mit viel Thymian? Kommt doch auch drauf an, ob man sich in der Provence befindet oder in der Bretagne, nicht? Jedenfalls: Aufwändig, qualitativ hochwertig, mehrgängig. Und Wein gehört dazu.

7. falk schreiber leipzig Ich war schon ein paar Mal in Leipzig, aber das ist hier wahrscheinlich nicht gemeint. Gemeint ist mein Namensvetter, der Radiomoderator beim MDR ist (oder war?) – ich habe eine Autogrammkarte gefunden, ähnlich sieht er mir eigentlich nicht.

8. morrissey größter entertainer Steven Patrick Morrissey mag eine Rampensau sein, er ist allerdings auch ein missionarischer Veganer, ein Rassist, ein blödes Arschloch, und je älter ich werde, desto klarer wird mir: Er macht auch unvorstellbar altbackene Musik. Hier spricht enttäuschte Liebe, ja.

30. Juli 2013 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (Juli 2013) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , ,

Ach, der Juli. Ein schlechter Monat für Blogger, wenig Besucher, wenig Themen, alle sind im Urlaub. Ich ja auch. Aber: 2013 war es immerhin schon besser als 2012, langsam nährt sich das Eichhörnchen, aber es nährt sich. Nur: wofür eigentlich?

1. castorf gießen theaterwissenschaft Volksbühnen-Intendant Frank Castorf studierte Theaterwissenschaft, das schon, aber soweit ich weiß an der Humboldt-Uni. Ob er wohl in Gießen mal Gastdozent war? Waren ja über die Jahre so ziemlich alle wichtigen Theatermacher, das kann also schon sein, aber als ich in Gießen studierte, war Castorf  nicht da. Was es gab: Ein Graffito an der Fachbereichsbibliothek neben dem Institut für Theaterwissenschaft, „Castor stoppen“, aus demeines nachts ein „Castorf stoppen“ gemacht wurde. Fand ich damals sehr lustig.

2. damien hirst war schlechter schüler Keine Ahnung. Grundsätzlich kann ich mir schon vorstellen, dass Hirst nicht besonders gut in der Schule war, ich meine, Albert Einstein war auch kein guter Schüler, und zum Einstein braucht es schon noch ein bisschen mehr als zum Erfolgskünstler. Ich war übrigens auch nicht gut in der Schule, die in der Stadt stand, in der Einstein einst geboren wurde.

3. jana schulz schauspielerin rechts Kann ich, um ehrlich zu sein, ganz und gar nicht glauben. Aber vielleicht ist die Frage gar nicht politisch gemeint? Vielleicht wird nach einem Theaterfoto gesucht, auf dem Jana Schulz rechts zu sehen ist?

4. sandra hüller splitternackt Da gibt es mehrere Filme, in denen Sandra Hüller nackt zu sehen ist, und alle sind sie sehenswert. Ich empfehle stellvertretend „Über uns das All“, wobei, ich erinnere mich nicht mehr genau, ob sie da nicht nur untenrum nichts trug? Und hier wurde ja explizit nach „splitternackt“ gesucht? Allerdings – in dem Film ging es auch gar nicht in erster Linie um Nacktheit.

5. brezel sex Es gibt einen Film? Roman? Theaterstück? … Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall erzählt der Protagonist da, dass er einen Crush auf die ukrainische Politikerin Julija Tymoschenko habe, insbesondere wegen ihres auffälligen Haarkranzes, der ihn an eine Brezel erinnerte. Er habe daraufhin nach Sexbildern von Tymoschenko gegooglet, und zwar mit den Suchbegriffen „Brezelfrisur Sex“ – und sei dabei auf Seiten geraten, in denen Leute Brezeln als Tool in ihr Liebesspiel integriert hätten, Brezeln in Vulven, Brezeln um Schwänze geschlungen … Äh. Weiß jemand, wo diese Erzählung herkommt? Womöglich könnte man dem armen Googler auf der Bandschublade helfen.

6. westerwelle times square Guido Westerwelle war sicher auch mal auf dem Times Square, hat dort aber kaum politische Spuren hinterlassen. Der Googler meinte Graf von und zu Emporkömmling.

7. strand in hamburg Gibt es mehrere. Der bekannteste (und wohl auch überlaufenste) ist der in Oevelgönne, hinter dem Museumshafen. Viele empfehlen das Falkensteiner Ufer, ein gutes Stück elbabwärts.

8. dicke voyeur auf der leiter Es gibt Filme, in denen fällt er mit 100-prozentiger Sicherheit runter.

01. Juli 2013 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (Juni 2013) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , ,

Meine Blogpraxis habe ich derzeit ja fast vollkommen verlagert, rüber, zu Les Flâneurs, da muss ich mich nicht beschweren, wenn die paar Googler, die hier noch vorbeischauen, eben das Erwartbare suchen: „Sophie Rois nackt“. Aber, halt!, ein paar suchten auch im Juni noch Orginelles:

„gentrifizierung eimsbüttel“ Das ist tatsächlich ein wichtiges Thema. Hamburg-Eimsbüttel erfüllt alle Voraussetzungen, um mal so richtig durchgentrifiziert zu werden: innenstadtnah, altbaubestanden, irgendwie bohèmehaft cool. Schön, dass sich jemand dafür zu interessieren scheint.

„sex mit monströsen menschen“ Was genau sind „monströse Menschen“? Anorexisch (weiter unten sucht noch jemand „sex mit magersüchtigem mädchen“), adipös, stark behaart oder am gesamten Körper haarlos? Ich empfehle den Film „Brownian Movement“ mit der von mir auf Knien verehrten Sandra Hüller; die hat da mehrfach Sex mit Menschen, die man oberflächlich als „monströs“ bezeichnen könnte.

„band die im schanzenviertel spielt“ Steht diese Anfrage in irgendeiner Beziehung zur ersten Frage, da oben? Im Schanzenviertel jedenfalls spielen ständig irgendwelche Bands. Und dann gentrifizieren sie das Viertel voll, die Schweine.

„nachfolgeband von den lassie singers“ Britta. Klotz + Dabeler. Christiane Rösinger solo.

„für was interessiere ich mich“ Ist wahrscheinlich die ulkigste Anfrage, die man sich bei Google stellen kann. Junge, das musst du doch wissen, wenn du googlest!

„studium+brotlose+kunst+marburg“ Ja, Brotlose Kunst kann man in Marburg studieren, allerdings nur als Nebenfach, am Institut für Kunstpädagogik. Wir empfehlen als Hauptfach entweder Sportwissenschaft, Gender Studies oder Applied Theatre Science, ansonsten sieht es auf dem Arbeitsmarkt nämlich ganz übel aus. In eine ähnliche Kerbe haut wohl auch „sex studium lustig“: Ja, das Sexstudium ist wirklich sehr lustig. Aber Betriebswirtschaftslehre ist ebenfalls lustig, echt!

„stinkende speckige lederhosen“ Die riechen, glaub‘ ich, nie besonders gut.

„constanza macras hiphop“ Die Berliner Choreografin Constanza Macras hat vor einiger Zeit ein Stück namens „Distortion“ gemacht, in dem es um HipHop ging. Habe ich im uMag und für die Nachtkritik darüber geschrieben.

Hier entstehen Eigenheime

Hier entstehen Eigenheime

Jadrankas Eltern hatten ein Grundstück in der Gegend von Dubrovnik. Jeden Sommer in den Schulferien fuhr die Familie nach Süden, um am Häuschen zu bauen, Wände hochzuziehen, Dächer abzudichten, Leitungen zu verlegen: sich ein Heim zu basteln. Mit Blick auf die Adria vielleicht, ich erinnere mich nicht mehr, Jadranka erzählte viel von Dubrovnik, aber ich schmeiße einiges durcheinander. In der Oberstufe verloren wir uns aus den Augen, und dann wurde Dubrovnik bombardiert, zu Beginn des Kroatienkrieges, ich weiß nicht, ob das einen Einfluss hatte auf die Heimkonstruktion von Jadrankas Familie. Ich weiß nicht, wo und wie Jadranka jetzt lebt, ob im Haus auf dem Hügel über dem blauen Meer oder ob in einer Mietwohnung in einer deutschen Großstadt. Ich nehme einfach mal an: letzteres. Denn das Heim an der Adria, das ist eine Illusion.

Ich komme aus einer Gegend, in der es noch ziemlich lange zum üblichen Lebenslauf gehörte, mit spätestens 40 (nach den Stationen Ausbildung, Berufseinstieg und Familiengründung) ein Eigenheim zu erwerben, besser noch: selbst zu errichten. Machte man in meiner Familie ebenfalls so, war „normal“. Und das hat ja auch seinen Reiz: Nie mehr abhängig zu sein vom Vermieter, frei zu sein, sich die (kleine) Welt so herrichten, wie man sie sich wünscht.

Nur funktioniert das leider alles nicht.

Man ist ja nicht unabhängig, wenn man sich ein Haus baut, man ist höchstens unabhängig vom Vermieter. Ein normal verdienender Haushalt kann sich den Hausbau nicht so einfach leisten, also nimmt man einen Kredit auf. Den man abbezahlt, in der Regel das gesamte Erwerbsleben lang. Und aus dem man nicht so einfach wieder rauskommt. Eine Mietwohnung kostet unverschämt viel, ja, und am Ende seines Lebens hat man nichts, aber dafür ist man verhältnismäßig frei. Falls sich die Lebensumstände ändern, dann kann man mehr oder weniger unaufwändig die Wohnung kündigen und dorthin ziehen, wo es besser passt, in ein billigeres Viertel, in eine größere Wohnung, in eine Stadt, in der man leichter Arbeit findet. Wenn man ein Eigenheim hat, dann kann man das theoretisch auch, allerdings mit deutlich mehr Umständen (wer aus, sagen wir: Cottbus wegzieht, weil er in Reutlingen einen Job gefunden hat, der hat es wahrscheinlich schwer, seine Butze in Cottbus zu verkaufen – da ziehen ja alle weg, weil es schlicht keine Jobs gibt). Und wer das Ganze nicht nur als Dach über dem Kopf versteht, sondern als „Heim“, das man als Trutzburg gegen die Unbill des Alltags aufgebaut hat, der bekommt das ohnehin nicht hin. Das Heim zu verlassen, das ist wie den Lebenspartner zu verlassen. Und schon ist man in der Falle. Gezwungen, das Leben exakt so weiterzuführen, wie es vorgezeichnet ist, und eine kleine Irritation hat den Zusammenbruch des Ganzen zur Folge.

Die großartige arte-Miniserie „Zeit der Helden“ zeigt zwei Familien in jeweils ihrer eigenen Krise. Man könnte interpretieren, dass die Krisen entstehen aus individuellem beruflichen und privaten Scheitern: Der Elektroinstallateur Arndt Brunner (Oliver Stokowski) leidet darunter, dass seine Familie sich auseinanderlebt, der Lichtdesigner Gregor Anders (Thomas Loibl) leidet darunter, dass er aus seiner Firma gedrängt werden soll, okay. Aber das sind Schicksale, die überall hinpassen, „Zeit der Helden“ berührt darüber hinaus noch einen Aspekt, der nicht so verallgemeinerbar ist, und das ist der Spielort. Weinheim. 44000 Einwohner, Rhein-Neckar-Kreis, nicht mehr Dorf, noch nicht Stadt. Und in Weinheim spielt die Serie fast ausschließlich in einer vielleicht zwanzig Jahre alten Siedlung, Einfamilienhäuser, die wohl angeordnet da stehen, und in denen nach 20 Uhr das Grauen einzieht. Auf der Straße sieht man vielleicht noch den Nachbar mit dem Hund Gassi gehen, ansonsten sind die Figuren hier alleine. Und stellen fest, dass sie längst so weit in ihren Umständen festgezurrt sind, dass sie da auch nicht mehr mit Gewalt rauskommen.

Und dann kapieren sie, dass dieses Eigenheimgefängnis die perfekte Disziplinierungsmaßnahme ist, besser als jede soziale Kontrolle, besser als die normativen Strukturen der heterosexuellen Kleinfamilie, besser als jede Staatsgewalt. Weil es einen einfach nicht mehr rauslässt.

20. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Theaterwissenschaftler sind hübscher als Studenten anderer Fachrichtungen · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , , , , ,

In den Jahren vor dem Abitur 1992 erhielten wir Hefte, keine Ahnung von wem, vom Baden-Württembergischen Kultusministerium? Von der Bundezentrale für Politische Bildung? Vom Studentenwerk? Jedenfalls sollten uns diese Heftchen informieren, wie es nach dem Abi weitergehen würde, und der übliche Weg war damals recht deutlich vorgezeichnet: Studium. Es gab ein dickes Heft, in dem erklärt wurde, was einen im Ingenieursstudium erwarten würde, es gab ein dickes Heft, in dem es um Wirtschaftsstudiengänge ging, es gab mehrere sehr dicke Hefte, in denen die Lehrämter erklärt wurden. Und es gab ein ganz dünnes Heft namens „Studieren in eigener Regie“: Theaterwissenschaft.

Das Heft erklärte ziemlich eindeutig, dass man solch ein Studium besser erst gar nicht anfangen sollte (Brotlose Kunst! Und überhaupt, wen interessiert das eigentlich?), stellte aber pflichtschuldig die Studiengänge an acht Hochschulen grob vor (Mainz und Frankfurt hatten damals noch keine vergleichbaren Institute aufgebaut, und in den Osten traute man sich schlicht nicht). In Baden Württemberg gab es: keine einzige Uni, die das Fach anbot. Und als ich zur Studienbaratung der Uni Ulm ging, erklärte man mir auch frei heraus, dass es solch eine Fachrichtung gar nicht gebe. (Der Schwabe als solcher ist bekanntermaßen recht pragmatisch, was Wissenschaft angeht: Ein Studium, das nicht Maschinenbau heißt, des isch irgendwie nix rechts.) Ich musste mich also auf „Studieren in eigener Regie verlassen, bezüglich meiner Studienortwahl, und irgendwie war mir alles zu unsympathisch, was da genannt wurde. Hamburg war zu weit weg, Erlangen zu nah, München zu münchnerisch, Bayreuth zu verwagnert, Köln zu karnevalistisch. Bochum sagte mir zu, auch Berlin, aber überall gab es einen NC, und mein erwarteter Abischnitt schien mir hier das Genick zu brechen. Es gab allerdings eine Ausnahme: das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft an der Uni Gießen.

An allen anderen Unis studierte man Theaterwissenschaft auf Magister (für die Spätgeborenen: Das ist sowas wie Bachelor, nur für ganz alte Menschen), in Gießen war man am Ende „Diplom-Theaterwissenschaftler“. Außerdem gab es zwar ebenfalls einen NC, der allerdings erst zum Zuge kommen sollte, nachdem die Bewerber durch Einreichen einer Mappe sowie eine künstlerisch-wissenschaftliche Aufnahmeprüfung vorsortiert wurden, ich konnte also darauf hoffen, dass sich das Bewerberfeld so stark reduziert haben würde, dass auch Leute mit mittelprächtigem Abi noch eine Chance haben sollten. Frohgemut stellte ich meine Mappe zusammen, ohne auch nur annähernd Ahnung zu haben, was da eigentlich erwartet wurde: eine Kritik zu meinen laienhaften Versuchen als Schauspieler, in Kohouts „August August, August“ am Ulmer Jugendtheater Spielschachtel. Ein Empfehlungsschreiben meines Deutschlehrers. Ein dilettantischer Versuch einer Aufführungsanalyse.

Es war ein Desaster. Ich flog in der ersten Runde raus.

Worauf ich die Theaterwissenschaft sein ließ und mich für Literaturwissenschaft einschrieb. Ironischerweise landete ich zwei Semester später dennoch in Gießen, und weil die Theaterwissenschaftler fachfremd Seminare besuchen mussten, saßen ständig welche in den literaturwissenschaftlichen Veranstaltungen, abschätzig beäugt von uns „echten“ Wissenschaftlern: „Drama, Theater, Medien“ (wie dder Studiengang zeitweise hieß), das waren doch diese Luftikusse, die irgendwie in Kunst machten. Mein Verhältnis zur Angewandten Theaterwissenschaft war indifferent. Einerseits war ich eifersüchtig, ich meine, das waren Studenten, die die Plätze besetzten, auf denen eigentlich ich sitzen wollte. Andererseits waren die meist auch ziemlich nett. Und hübsch. (Das mag weit hergeholt sein, aber ich glaube wirklich, dass die Theaterwissenschaftler hübscher waren als die Studenten der anderen Fachrichtungen. Das ging so weit, dass mir das Mensaessen in der benachbarten Uni Marburg nicht schmecken wollte – in Marburg konnte man keine Theaterwissenschaft studieren, weswegen dort ausschließlich unattraktive Menschen in der Mensa saßen.) Und drittens muss ich sagen, dass das, was dort am Institut künstlerisch passierte, wirklich recht interessant war. Natürlich war es auch so, dass in einer kleinen Stadt wie Gießen die Probebühne des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft unglaublich wichtig für das Nachtleben war, mit Performances, Partys, Konzerten. Mit anderen Worten: Ich hing da ständig rum.

Als ich in Gießen anfing, hatte der Institutsgründer Andrzej Wirth gerade die Uni verlassen und war ersetzt worden durch Helga Finter, eine spröde Person, die das Künstlerische im Vergleich zur Wissenschaft zu vernachlässigen schien, und gegen die es am Institut eine mächtige Oppositionsbewegung gab. Nichtsdestotrotz vergötterte ich Finter, weswegen ich mein eigenes Studium mit Finters Inhalten aufzuladen versuchte: Ich interessierte mich extrem für französischen Strukturalismus, für Körperkonzeptionen, für interdisziplinäre Fragen, und, hey!, Interdisziplinäres, das war doch genau mein Thema! Als Literaturwissenschaftler, der doch eigentlich Theaterwissenschaftler sein wollte. Durch die Hintertür kam ich also via Finter wieder ins Spiel. Seit 1999, also nach meinem Weggang aus Gießen, ist Heiner Goebbels Professor am Institut, der anscheinend dem Künstlerischen wieder mehr Raum gibt, allerdings muss man natürlich sagen: Unter Finter, also in der künstlerisch umstrittenen Zeit, machten Theaterleute wie She She Pop, Showcase Beat le Mot oder Rimini Protokoll ihre Abschlüsse, Theaterleute, die heute die internationalen Festivals prägen und so nicht zuletzt im Ausland das Paradebeispiel für deutsches Theater sind.

Und ich hatte schon Arbeiten von ihnen gesehen, als sie noch keiner kannte! Vor fünf Zuschauern! Auf der Gießener Probebühne!

Das Institut für Angewandte Theaterwissenschaften hat meinen Blick aufs Theater geprägt, mehr als alle Castorf-Inszenierungen, die ich später begeistert verfolgt habe. Dieses konsequente: Leben als Basis fürs Theater nehmen. Dieses Bekenntnis zur Ironie. Diese Lust am intellektuellen Spiel. Diese Bereitschaft zum Dilettantismus, wenn nur das Endergebnis funktioniert. Dieser Tage feiert das Institut seinen 30. Geburtstag, ich sage dann mal: Herzlichen Glückwunsch. Und Danke.

12. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Über das Nichtweiterkommen · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , ,

Die Münchner Theaterwissenschaftlerin Luise Bundschuh hat mir eine Mail geschrieben. Frau Bundschuh schreibt ihre Magisterarbeit über „Theaterkritik im zeitgenössischen Sprechtheater“, und hierfür möchte sie wissen, ob ich als Kritikerin (Frau Bundschuh, es ist nicht nett, einfach den Formbrief, den Sie zuvor an eine Kollegin geschickt haben, per Copy and Paste an mich weiterzuschicken) schon einmal Theaterabende erlebt hätte, bei denen mir die danach zu schreibende Rezension besonders schwer fiel. Was für eine Frage! Natürlich habe ich das schon erlebt, ständig! Wollte ich schreiben. Aber nachdem ich ein wenig nachdachte, wurde mir klar, dass die Antwort gar nicht so einfach ist, wie es zunächst den Anschein hat. Weil nämlich das Prinzip „Kunstkritik“ genau solche Momente des Nichtverstehens, des Nichtweiterkommens braucht. Als Material. Mit der freundlichen Genehmigung von Frau Bundschuh publiziere ich hier meine Antwort – weil ich denke, dass mir das Verschriftlichen dieser Gedankengänge ein wenig hilft, zur Selbstvergewisserung in meinem Beruf, der ja eigenartig zwischen den Stühlen sitzt.

Natürlich tue ich mich (…) nicht immer leicht. Natürlich gibt es Inszenierungen, die einen bestimmten kulturellen Bezugspunkt haben, und von diesem Bezugspunkt verstehe ich unter Umständen nichts. Zum Beispiel Alvis Hermanis„Eugen Onegin“ vor einem Jahr an der Schaubühne, wo explizit auf das Russland der Puschkin-Zeit angespielt wurde, da musste ich schlicht passen: Ich konnte nicht nachvollziehen, was diese Bezüge bedeuteten. Das passiert, im Zweifel kann man dann nichts schreiben.
Meist nehme ich das eher als Ansporn für meine Texte: die Momente, an denen ich nicht weiter weiß. In der Regel ist es ja so, dass meine Verständnisprobleme an ähnlichen Stationen auftauchen wie bei anderen Zuschauern. Und da stellen sich dann Fragen: Warum verstehe ich hier etwas nicht? Beeinträchtigt die Beantwortung der Fragen die Inszenierung? Ist die Frage womöglich der Kern der Arbeit? Ich glaube nicht, dass eine gute Theaterkritik unbedingt jede Frage beantworten muss, im Gegenteil, manchmal reicht es durchaus, die Frage in Worte zu fassen.

Natürlich habe ich trotzdem meine Probleme. Das hat weniger mit den einzelnen Inszenierungen zu tun, sondern eher mit der Situation des Theaterjournalisten an sich: Manchmal weiß ich eben doch mehr als der durchschnittliche Zuschauer, schlicht weil ich in der privilegierten Situation bin, unglaublich viele Stücke sehen zu dürfen, und dann fällt mir womöglich gar nicht auf, dass es beim Publikum ein Verständigungsproblem gibt. Manchmal ist eine Inszenierung zu nah dran an meinen persönlichen Themen, und dann schreibe ich gar nicht mehr über die einzelne Aufführung, sondern ausschließlich über mich (zum Beispiel bei She She Pops „Sieben Schwestern“ ging es mir so). Und manchmal fehlt die professionelle Distanz zu den Ausführenden. Die lässt sich einfach nicht immer durchhalten, die Szene ist klein, da entwickeln sich Freundschaften, Interessenskonglomerate etc. … Und über kurz oder lang ist man in der Situation, über den Menschen eine Kritik zu verfassen, mit dem man vor kurzem noch knutschend in der Kantine saß. Ein weiterer Punkt ist das Finanzielle: Ich möchte nicht behaupten, dass Journalisten bestechlich seien, aber natürlich wird man von Theatern gefragt, ob man mal einen Beitrag für ein Programmheft verfassen könnte. Oder ob man als Moderator auf ein Podium gehen würde. Und da fließt dann auch Geld, nicht viel in der Regel, aber trotzdem. Ich bin als festangestellter Redakteur da noch verhältnismäßig gut dran, aber wer die Honorarsätze für freie Journalisten kennt, versteht, wie man da in Kalamitäten geraten kann.

08. November 2012 · Kommentare deaktiviert für Ein kaum hörbares Knirschen · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , , , , ,

Eine Großstadt, wie man sie sich wünscht: Brüssel.

Also Stuttgart. In Stuttgart wurde ein neuer Bürgermeister gewählt, und der gehört den Grünen an, deren Vertreter sonst eher nicht Bürgermeister werden. Die CDU, die seit Jahrzehnten den Bürgermeister stellte, erlitt eine Schlappe, weswegen deren Vertreter panisch wurden: Sie hätten die Großstadtkompetenz verloren, mutmaßten die konservativen Analytiker, die jungen, urbanen Schichten würden sie nicht mehr wählen. Naja, Stuttgart. Manche streiten ja darüber, ob Stuttgart wirklich eine Stadt ist und nicht nur ein Bahnhof mit ein paar ungeordneten Häusern drumrum, wobei sogar der Bahnhof in Zukunft unsichtbar werden soll, aber eigentlich ist das hier gar nicht das Thema. Das Thema ist: Was ist das eigentlich, die Großstadt, in der keine großen Parteien mehr gewählt werden?

1. Die Großstadt ist gar nicht so groß

In der Stadtsoziologie spricht man ab 100000 Einwohnern von einer Großstadt. Wer schon einmal in Osnabrück war, der weiß: Besonders urban ist das nicht. Und wenn man mal andere Städte zum Vergleich nimmt, etwa Chongquing in China, mit 28,85 Millionen Einwohnern größte Stadt der Welt und in Europa weitgehend unbekannt, dann fragt man sich schon, ob die Relationen stimmen.

2. Die Großstadt ist ein Dorf

Was macht eine Stadt Hamburg aus? Poppenbüttel? Eilbek? Marmstorf? Nein, eine Stadt wird geprägt von innerstädtischen Quartieren, im Falle Hamburgs: von St. Pauli. Knapp 24000 Einwohner, das ist eine Liga mit Mühlheim am Main. Und außenrum haben wir Speckgürtel, der zählt nicht.

3. Die Großstadt besteht aus Unterschieden

In der Kleinstadt fällt man schon auf, wenn man einen Dialekt spricht, der einen nicht eindeutig als Eingeborenen ausweist. Die Großstadt lässt, solange sie als Stadt funktioniert, Unterschiede zu. In einer funktionierenden Großstadt lebt der Beamte mit dem Studenten Tür an Tür, die Künstlerin mit der alleinerziehenden Mutter, der Aufstocker mit der Gutverdienerin, in der Großstadt glaubt der Muslim, was er glauben will, die Katholikin glaubt an den Papst, und der Atheist glaubt gar nichts. Und alle kommen irgendwie miteinander aus. Das ist so, in der perfekten Großstadt.

Leider ist die Großstadt oft nicht perfekt. Das merkt man im Prenzlauer Berg in Berlin, wo man komisch angeschaut wird, wenn man kein Schwäbisch spricht, das merkt man in der Hamburger Hafencity, wo eben kein Aufstocker mit der Gutverdienerin Tür an Tür lebt – in der Hafencity leben ausschließlich Gut- und Bestverdiener, weil alle anderen sich eine Wohnung hier nicht leisten können. Das merkt man im Münchner Hasenbergl, wo jeder, der seine Kröten irgendwie zusammenkratzen kann, wegzieht, und übrig bleiben die Übriggebliebenen. Das Gegenteil der Großstadt ist nicht das Dorf, das Gegenteil der Großstadt ist das Getto.

Wenn die Großstadt nicht funktioniert, dann gibt es Störgeräusche, manchmal ein kaum hörbares Knirschen, manchmal ein ohrenbetäubendes Kreischen, das einem sagt: Hier kippt gerade etwas. Man hört es in Hamburg, wo wütende Stadtbewohner in der „Recht auf Stadt“-Bewegung dagegen protestieren, dass die Mieten im Zentrum unerschwinglich werden. Man hört es in Stuttgart, wo Bürger sich dagegen wehren, dass ein Bahnhof an der Bevölkerung vorbei geplant wird. Und man hört es ganz hässlich in Köln, wo die Leute gegen einen Moscheebau demonstrieren. Man soll sich nichts vormachen: Die Störgeräusche der Großstadt sind manchmal wirklich widerwärtig.

Und doch, und doch. Ist die Großstadt der Ort, wo man solche Misstöne aushält, wo aus solchen Misstönen etwas neues entsteht. Und wenn nichts neues entsteht, dann verschwindet die Großstadt eben, dann wird sie zur Kleinstadt, zum Ort, wo es keinen Misston gibt, sondern ausschließlich dumpfe, langweilige Stille. Grabesstille. Die Kleinstadt ist der Gegenentwurf zur Großstadt, der Ort, an dem es keine Unterschiede gibt, sondern nur noch Gleichklang. Manhattan, der Inbegriff des Urbanen, wurde so ein Ort in den Neunzigern, als die Quadratmeterpreise so in die Höhe schossen, dass kaum noch ein Normalverdiener im Zentrum New Yorks wohnen konnte. Und? Zogen die Coolen, die Künstler eben ein paar Kilometer weiter, nach Brooklyn. Dass alles im Fluss ist, ist das vierte Element der Großstadt:

4. Die Großstadt verändert sich ständig

Irgendwelche Strategien, wie politische Parteien die großstädtischen Wähler einfangen können, funktionieren entsprechend gar nicht. Weil die Städter nämlich schon wieder woanders sind, bis die Partei ihr Programm angepasst hat. Vielleicht einfach ehrlich sein, konsequent und nicht allzu abgehoben? Vielleicht keinen Bahnhof neu bauen, wenn die Stadtbewohner keinen Bahnhofsneubau wollen? Vielleicht: mal zuhören?

Und ansonsten: Leben und leben lassen. (Ich halte es für einen echten Glücksfall, in der Großstadt zu leben.)

Als ich vor einem knappen Jahr fürs uMag ein Interview mit Milo Rau und Jens Dietrich von der schweizerisch-deutschen Theater- und Recherchegruppe International Institute of Political Murder (IIPM) führte, war ich der Meinung, Raus Theater sei eine Variante der von mir geschätzten (wenn auch ein wenig zu häufig gesehenen) Rimini-Protokoll-Ästhetik: Stücke, die eine unglaublich aufwändige Recherche voraus setzen, bei denen lange Interviews geführt werden, Quellenforschung betrieben wird, Thesen aufgestellt und Thesen wieder verworfen werden, bevor man überhaupt etwas hat, das annähernd als Probe bezeichnet werden kann. Auf der Bühne entsteht dann Monate später etwas, das man nicht wirklich als theatrale Situation bezeichnen kann, zumindest nicht im traditionellen Sinn: Es geht eher um eine Art Vortragssituation, echte Menschen und keine Schauspieler (Stefan Kaegi von Rimini Protokoll mag den Begriff „Laien“ nicht, er spricht von „Experten des Alltags“) dröseln da ein Thema auf, und am Ende hat man einen Erkenntnisgewinn. Ich kannte vor einem Jahr das Stück „Die letzten Tage der Ceausescus“ vom IIPM, ein Nachspielen des Prozesses gegen den rumänischen Diktator, und irgendwie erschien mir das vom Ansatz her vergleichbar.

Milo Rau wehrte sich gegen diesen Vergleich. Mir war Rau während des Gesprächs nicht unbedingt sympathisch, da sollte man sich als Journalist frei von machen, aber man kann sich letztlich nicht ganz frei machen, man kann nur versuchen, sich im Text dann gegen diese Beeinträchtigung zu wehren, trotzdem objektiv zu bleiben. Jedenfalls: Ich nahm Raus Verwehren gegen den Rimini-Protokoll-Zusammenhang nicht ganz ernst, mir kam das vor als ob da ein Nachwuchskünstler Angst davor hatte, als Epigone mit einem schon etablierten Künstler in eine Schublade gesteckt zu werden. Entsprechend schaute ich mir „Hate Radio“, das Stück, das Anlass meines Interviews gewesen war, auch erstmal nicht an, ich verpasste den Hype, der sich daraufhin um die Aufführung entwickelte, ich beobachtete aus der Ferne, wie innerhalb kürzester Zeit alle wichtigen Feuilletons über das IIPM berichteten, wie „Hate Radio“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde (was für eine freie Produktion mehr als überraschend kam), wie die Inszenierung mehrfach in der Theater heute-Kritikerumfrage der vergangenen Saison genannt wurde. Und ziemlich schnell war klar: Bei der nächsten Gelegenheit muss ich mir das Stück doch noch ansehen. Die nächste Gelegenheit: ein Dreivierteljahr nach der Premire auf Kampnagel.

„Hate Radio“ verhandelt den Genozid in Ruanda (1994), ein Thema, mit dem ich mich zur Vorbereitung des IIPM-Interviews recht umfangreich beschäftigt hatte. Mehr oder weniger gesichert schien mir bei dieser Beschäftigung vor allem eines: Man kann bis heute nur schwer sagen, was damals eigentlich passierte, in diesem winzigen zentralafrikanischen Land, weswegen Nachbarn, die bislang friedlich zusammengelebt hatten, plötzlich anfingen, einander umzubringen. Milo Rau sucht hier ebenfalls nicht nach Antworten, stattdessen konzentriert er sich auf den ruandischen Radiosender Radio Television Libre des Mille Collines (PDF-Link), was er im uMag-Interview erklärte:

RTLM war eine Radiostation, in der ein Prozess der Globalisierung stattfand (…). Die spielten nicht nur zentralafrikanische Musik, sondern Musik aus der ganzen Welt. Man hat MC Hammer gehört, man hat Nirvana gehört, man hat die gleiche Musik gehört wie bei uns, nur sind in Ruanda andere Dinge passiert.“ Über das Programm eines Radiosenders in Kigali stellt Rau eine Verbindung zu seiner eigenen Kindheit her: Rau wurde 1977 in Bern geboren, wuchs in St. Gallen auf und hörte als 17-jähriger Schweizer praktisch die gleiche Musik auf DRS 3 wie der 17-jährige Hutu auf RTLM. Wobei der Hutu nach Sendeschluss loszog, um seine Tutsi-Nachbarn abzuschlachten.

„Hate Radio“ besteht (neben einer kurzen Einführung in die Hintergründe des Ruanda-Konflikts) vor allem aus dem detailgetreuen Nachstellen einer einstündigen RTLM-Radiosendung. Drei Moderatoren und ein DJ spielen Popmusik, beantworten Hörerfragen, verlesen Nachrichten und veranstalten ein Quiz. Und außerdem hetzen sie gegen die „Fremden“, gegen die Tutsi, die sie konsequent „Kakerlaken“ nennen. Und während des Stücks wird klar, weswegen Rau nicht in einer Reihe mit Riminin Protokoll stehen möchte. Während Rimini Protokoll die theatrale Situation unterlaufen, baut das IIPM theatrale Situationen nach: Gerichtsverhandlungen, Radiosendungen, das sind ja schon Inszenierungen. Ein Stück wie „Hate Radio“ ist keine Geschichtsstunde, es vollzieht vielmehr nach, welche Prozesse innerhalb solcher Inszenierungen ablaufen.

Man versteht nicht viel mehr über Ruanda, nachdem man „Hate Radio“ gesehen hat, aber man versteht etwas über die Manipulation von Massen. Mir ist das Stück nahe, weil es mich bei meiner Skepsis gegenüber Popkultur abholt: Pop ist in meinen Augen immer Propaganda, hierzulande erstmal nur für eine widerwärtige Konsumgesellschaft, 1994 in Ruanda für den Völkermord. Pop braucht dafür nicht einmal andere Formen, andere Strukturen, andere Inhalte, Pop funktioniert genau gleich. Rape me.

Foto: (c) Daniel Seiffert