02. Mai 2013 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns
flaneurs

Mediennasen frieren auf Brücken: Ninia, moi, Mark, Kathrin, Manuel, Vera, Carsten, Lasse. (Foto: Caroline Zenker)

Eine Geschichte. Eine Gruppe junger und nicht so ganz junger Leute friert auf einer Fußgängerbrücke im Hamburger Osten. Eine Grafikerin, ein paar Journalisten, alle machen sie irgendwas mit Medien, alle frieren sie, sie posieren für ein Fotoshooting, weil sie so etwas sein wollen wie Popstars des Online-Publizierens. Sie frieren, und am Ende kommen trotzdem gute Fotos raus (dank der tollen Fotografin Caroline Zenker). Sie schreiben Texte, und am Ende kommt trotzdem eine gute Publikation raus.

Ich fand Anpacker immer doof. Ich wollte nie derjenige sein, der Sachen in die Hand nimmt. Es gibt keinen guten Kapitalismus, und wer Sachen anpackt, der ist immer noch in erster Linie ein Dreckskapitalist.

Andererseits. Man kann natürlich warten und wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Medienkrise starren. Man kann sich aber auch überlegen, wie eine Publikation aussehen würde die man selbst gerne lesen würde. Zum Beispiel so: mit der Vielstimmigkeit eines Mediums, für das verschiedene, ganz unterschiedliche Autoren schreiben. Aber gleichzeitig mit der Ultrasubjektivität eines Blogs. Mit Themen, die sich nicht in die klassischen Internetschubladen pressen lassen, hier die Kulturschwafler, da die Sexblogger, dort die Nerds, drüben die Politaktivisten, nee: Eine Publikation zu unterschiedlichen Themen, die sich alle auf einen gar nicht mal so breiten Nenner bringen lassen. Ein Blog (okay, nennen wir es eben doch so) über das Leben in der Großstadt. Ladies and gentlemen, please welcome … Les Flâneurs.

Mal schauen, wie sich das anlässt, die Vorbereitungen machten jedenfalls großen Spaß. Wenn es gut wird, dann wird jemand darunter leiden, und das ist die Bandschublade. Journalistische Ideen (sofern ich sie nicht ohnehin gegen Geld woanders loswerde) dürften in Zukunft eher dort landen, hoffentlich wird die Bandschublade nicht im Gegenzug zum reinen Durchlauferhitzer zu Texten, die andernorts publiziert sind. Aber wahrscheinlich finde ich noch irgendwo Cat Content, der gut hierher passt. Das wird schon.

Ich bin niemand, der es exzessiv treibt. Ich habe Kleinstadtjugend, Studium, Punkselbstverständnis, linkes Bewusstsein und Zeiten der Arbeitslosigkeit überstanden, ohne regelmäßig harte Drogen zu konsumieren, ich bin gleichzeitig nicht zum Propheten der Enthaltsamkeit geworden, ich finde das durchaus … nicht schlecht. Das ist das eine. Das andere ist natürlich: Ich bin nicht jede Nacht unterwegs, dazu bin ich wahrscheinlich zu faul, und ich behaupte, dass mein 40 Jahre alter Körper so etwas auch nicht mitmachen würde, wahrscheinlich ist da was dran. Aber manchmal eben dann doch, in Nächten, denen Tage folgen, an denen ich über meinen schmerzenden Kopf jammere, in Nächten, nach denen ich für lange Zeit überhaupt nicht mehr ausgehen will, weil ich denke: Ich packe das einfach nicht mehr.

Ich liebe diese Nächte.

Vielleicht liegt das ja daran, dass diese Nächte keine Selbstverständlichkeit sind für mich, Nächte, in denen ich trinke und laute Musik höre und auf einer Welle der hinreißenden Oberflächlichkeit in Bars geschwemmt werde, in denen ich noch nie war, in Bars, in denen ich immer weiter trinke, und irgendwann fange ich plötzlich wieder an, zu rauchen, meine Güte, Rauchen!, habe ich ja schon seit Monaten mehr gemacht. Und wenn ich halbwegs vernünftig bin, ziehe ich irgendwann die Reißleine, solange das Geld noch reicht für ein Taxi nach Hause. Leben als Nachteule, das ist mehr als das dumme, gedankenlose Feiern, das Pinnebeg und Tostedt Samstagabends auf den Kiez treibt, voller Hoffnung auf die Nacht aller Nächte, und wenn Pinneberg und Tostedt auf der Reeperbahn nachts um halb eins zu dämmern beginnt, dass das heute nichts mehr wird mit einer irgendwie außergewöhnlichen Nacht, wenn sie kapieren, dass sie heute so ungeküsst bleiben werden wie immer, dann beginnen sie, aggressiv zu werden. Davon rede ich nicht.

Ich rede von der schönen Langeweile, während der man ins Gespräch kommt mit einer Frau, die man eigentlich uninteressant findet und plötzlich nicht mehr weiß, was an ihr eigentlich so uninteressant ist. (Dieser Moment als man überlegt: Ich fand den Menschen mir gegenüber doch immer fade, weswegen eigentlich? Und dann realisiert man, dass man nicht mehr verstehen kann, weswegen.) Ich rede von Worten die aus einem fließen, während laute, schöne Musik in einen fließt. (Ich kenne diese Musik überhaupt nicht, noch nie hat mir jemand gesagt, wie schön die ist!) Ich rede vom Ausklinken aus den Zwängen des Erwerbslebens, ich rede vom bewussten Sich-Untauglich-Machen. Von der Negation irgendwelcher moralischer Regeln: Ab heute gilt nur noch, was niemandem wehtut.

Und genau deswegen schmerzt es mich tatsächlich, dass Jorinde Dröse die Dramatisierung von Tino Hanekamps Ausgeh-Roman “So was von da” am Hamburger Schauspielhaus sowas von in den Sand gesetzt hat. Genauer begründe ich das in der aktuellen Theater heute (Link nur für Abonnenten abrufbar):

An zwei Stellen gelingt es Dröse, sich von der Vorlage zu lösen. Einmal in einer Konzertszene, bei der die (ansonsten überraschend zurückhaltend eingesetzten) 1000 Robota im Hintergrund einen Song spielen, während auf der Bühne (Natascha von Steiger hat hier eine teils kaputte, teils versiffte, teils urgemütliche Klubsituation ge­staltet) eine ganz andere Aktion abläuft und der Text parallel eine dritte Bedeutungsebene aufmacht. Und dann in der Mitternachtsszene, als Nebelschwaden die Bühne verdunkeln. Man sieht nichts mehr, hört Oskar reden, die Band spielt eine sanfte Melodie: Das ist der Moment, an dem man sich küssen sollte.

P.S. Anselm Lenz und Alvaro Rodrigo Pina Otey haben den Sammelband “Das Ende der Enthaltsamkeit. Über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs” bei Edition Nautilius herausgegeben, den sie heute abend in der Bar Golem vorstellen. Kann ich nur empfehlen.

21. Januar 2013 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , ,

Meine Verhältnis zum Schwabenland ist, der regelmäßige Leser dieses Blogs weiß das, ein gespanntes. Ich bin Schwabe, da lässt sich nichts dran deuteln, ich spreche in diesem leicht näselnden Singsang, jeder hört, wo ich herkomme. Und doch: bin ich seit knapp 20 Jahren fort aus diesem Landstrich, nicht ohne Grund. Der Schwabe als solcher ist ein fremdenfeindlicher, lustloser Spießer, geprägt von Leistungsdenken einerseits und religiös verbrämter Sexualitätsangst andererseits, außerdem wählt er vorzugsweise den rechten Rand der CDU, da will ich nichts mit zu tun haben. (Sage ich. Aber wehe, irgendjemand anders kommt auf die Idee, über Schwaben herzuziehen, da werde ich zum übelsten Diaspora-Lokalpatrioten.)

Wo man definitiv nichts gegen haben kann, ist die Schwäbische Küche. Der Schwabe kocht toll, Sauerbraten, Seelen, Pfitzauf, Schupfnudla. Und natürlich Spätzle. Frisch nach Hamburg gezogen, ging ich begeistert ins Lokal “Die Schwäbin” essen, eine Gaststätte, die leider nach und nach kulinarisches Niveau einbüßte und schließlich abbrannte, vielleicht war letzteres ganz gut so. Leckere Linsen mit Spätzle kostete ich bei “Brachmanns Galeron”, preislich war das Ganze dem Arme-Leute-Gericht allerdings nicht wirklich angemessen. Und dann machte direkt bei mir um die Ecke das “Spätzle” auf, ein grundsympathisches Bistro, das zu akzeptablen Preisen extrem leckere Kleinigkeiten anbot. Selbst kochte ich nie schwäbisch, aus Gründen.

Zu Beginn meines Studiums entschieden wir nämlich auf dem Wohnheimflur, dass jeder Mitbewohner ein leckeres Gericht aus seiner Heimat kochen sollte, und am Ende würde es ein Best-of-Studentenwohnheim-Eichendorffring-Menü geben. Pan, der Chinese, machte ultraleckere Dumplings. Paul, der Brite, kaufte Bier. Der Russe, dessen Namen ich nicht mehr weiß, machte eine Art Eintopf. Und ich machte Kässpätzle. Beziehungsweise, ich kaufte eine Tüte vorgekochte “Original schwäbische Eierspätzle” und eine Tüte billigen, fertig geriebenen Industriekäse, haute alles zusammen mit etwas Wasser in einen Topf und ließ es köcheln. Schmeckte grauenhaft, das muss ich zugeben, aber dass Matthias, der doofe Jungunionist aus dem Hintertaunus, die entstandene Pampe mit einem großen Klecks Ketchup verfeinerte, tat mir dann doch weh. Auf jeden Fall hatte ich meine Lektion gelernt: Spätzle würde ich nie wieder selbst machen, nur noch im Restaurant (die allerbesten Kässpätzle bekam ich im übrigen nicht in Schwaben, sondern auf der Berghütte Angerer Alm am Kitzbüheler Horn – Spätzle, die einem nahezu auf der Zunge schmolzen) oder bei berufenen Hobbyköchen.

Dass Kollegin E. leckere Spätzle zauberte, nahm ich noch hin – E. ist ebenfalls Schwäbin und im Zubereiten von raffinierter Hausmannskost deutlich versierter als ich. Als aber Isabel mir extrem gelungene Kässpätzle vorsetzte, reagierte ich im Schwabenstolz verletzt: Isabel ist Rheinländerin, weswegen sollte sie bessere Kässpätzle machen als ich? (Weil so ziemlich jeder bessere Kässpätzle hinbekommt als derjenige, der für das Eichendorffring-Desaster verantwortlich war, oder?) Auf jeden Fall kann meine Ehre nur wieder hergestellt werden, indem ich selbst Kässpätzle mache.

Versuchsanordnung:

1. Teig herstellen. 500 g Mehl und vier Eier mit einer Prise Salz verrühren. Rühren und dabei immer wieder Mineralwasser (beziehungsweise Leitungswasser mit Kohlensäure) zugeben, bis eine zähflüssige Masse entsteht, die Blasen wirft, mit anderen Worten: bis die Schulter schmerzt. Teig eine Virtelstunde ruhen lassen.

2. 250 g Käse reiben (ich nahm Allgäuer Bergkäse, funktioniert anscheinend auch mit Emmentaler oder Greyerzer.)

3. Einen großen Topf Salzwasser zum Kochen bringen. Spätzlesteig portionsweise mit dem Spätzleshobel in das kochende Wasser tropfen lassen (die gute schwäbische Hausfrau nimmt Messer und Holzbrettchen statt Hobel, aber ich bin keine gute Hausfrau), nach wenigen Sekunden schwimmen die Spätzle obenauf und sind fertig. Mit einem Schaumlöffel herausheben, kurz unter kaltem Wasser abschrecken, in eine gebutterte Auflaufform schichten.

4. Jede Schicht Spätzle pfeffern (habe ich ein wenig zu gut gemeint) und gut mit Käse belegen. Wiederholen, bis keine Spätzle mehr übrig sind, dann in den Backofen damit (eigentlich nur, damit es warm gehalten wird und der Käse schmilzt, durch sind die Spätzle ja schon).

5. Fünf Zwiebeln klein würfeln, in ordentlich Butter goldbraun anbraten.

Deliziös.

 

An sich bin ich niemand, der auf Blogbeiträge motzend widerspricht, “Bäbäbä, stimmt ja alles gar nicht”, aber die sehr geschätzte Isabel Bogdan schrieb ein Nicht-Lese-Outing, und in diesem Outing behauptete sie, dass sie den Rekord halten würde für “am wenigsten Bücher gelesen bei höchster Semesterzahl in einem philologischen Studium”. Und da kann ich nicht anders, da muss ich einfach widersprechen, weil, diesen Rekord halte zweifellos ich. Okay, ich hatte keine so unglaublich hohe Semesterzahl auf dem Zettel, aber dafür war mein Studium auch nicht einfach so eine Philologie, mein Studium war Literaturwissenschaft, und ich glaube wirklich, dass unter den Studenten dieses Studiengangs niemand so lesefaul war wie ich. Echt.

Ich konnte schon recht früh lesen, schon im Kindergarten. Und ich wand diese Kulturtechnik an, spätestens zu Beginn der Grundschule las ich ganze Bücher. Zunächst sparte ich mir die Bücher bewusst auf, ich war der Meinung, Kapitel seien so etwas wie ein Adventskalender: jeden Tag nur ein Türchen! Bis meine Eltern realisierten, dass ich sehnsüchtig den nächsten Morgen erwartete, um weiterlesen zu dürfen. Sie glaubten nicht, dass übermäßiger Buchgenuss schädlich sein könnte, also hielten sie mich an, mehr als ein Kapitel pro Tag zu lesen, was zur Folge hatte, dass ich ganze Bücher binnen weniger Stunden auslas. Ich hatte ziemlich schnell alles Altersgerechte durch, wechselte zu Jugendkrimis (“ab 12″!), von dort zu Jugendproblemliteratur (Hans-Georg Noack, “Rolltreppe abwärts”) und von dort zu echter Literatur. Es klingt überheblich, aber bis Ende der Mittelstufe hatte ich das Gesamtwerk Kafkas durch (und nicht verstanden). Das Gute daran: Ich bekam schon ziemlich früh ein ganz gutes Bauchgefühl für Sprache. Das Schlechte: Dieses Gefühl blieb ein Bauchgefühl, ich ging eigentlich nie mit dem Kopf an Sprache ran, was zur Folge hatte, dass ich beispielsweise in der Grammatik zwar alles richtig machte, aber nicht sagen konnte, was daran richtig war. Bis heute verstehe ich kaum etwas von Grammatik.

Und mit Beginn des Studiums hörte ich auf, zu lesen, vielleicht war es einfach zu viel gewesen, bis dahin. Das heißt, natürlich hörte ich nicht wirklich auf, aber ich las nur noch selektiv. Ich konzentrierte mich zu Anfang auf Lyrik, ein Bereich der Literatur, den meine Kommilitonen nur mit der Kneifzange anfassten, später machte ich fast ausschließlich Literaturtheorie, und das interessiert ja nun wirklich gar niemanden. Natürlich las ich da immer noch, auch durchaus mit Interesse, aber ich entwickelte nie ein libidinöses Verhältnis zum Buch. Bücher, das waren für mich Datenträger, und wirklich interessant ist an denen tatsächlich nur die Gesamtheit ihrer Daten. Das ist bis heute so, im Gegensatz zu anderen Absolventen geisteswissenschaftlicher Studiengänge habe ich keine Bibliothek, nur ein paar Regalfächer, in denen mir besonders liebe Autoren stehen: Dietmar Dath. Christian Kracht. Absolventinnen des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Keine Ahnung, weswegen ich diese Bücher aufbewahre, nie schaue ich da rein. Ausnahme: Kunstbände. Und Comics. Aber zumindest zu meiner Studienzeit galten Comics als äh-bäh, so etwas las man einfach nicht. Tja, Literaturwissenschaftler.

Entsprechend blieb ich beruflich zwar im kulturellen Bereich, hatte mit Literatur allerdings nur am Rande zu tun. Schon die (angefangene) Dissertation bewegte sich im Grenzbereich zwischen Literatur, Bildender Kunst und perfomativen Formen, die Arbeit als Kulturjournalist hat sich völlig von der Literaturkritik emanzipiert. Theaterkritiker, pffh! (Ins Theater gingen meine Kommilitonen ebenfalls nie, weil am Theater nur diese bösen Regisseure arbeiten, die nichts anderes zu tun haben als den heiligen Text zu entweihen.) Im Laufe der Jahre entwickelte ich eine echte Abneigung gegen den Literaturbetrieb, da muss ich mich dann immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück holen, eine Lesung besuchen und feststellen: doch, geht ja eigentlich ganz sympathisch zu, hier!

Ich lese auch, immer noch. Nur wenig freiwillig. Ich lese eben die Bücher, die mir der geschätzte Carsten vom Post Artcore-Blog auf den Schreibtisch legt, weil Carsten nämlich ein paar Büros von meinem entfernt sitzt und als Literaturredakteur immer mal ein paar Brotkrumen rüberreicht. Das ist nicht böse gemeint, Carsten weiß schon, wofür ich mich interessiere, und Entsprechendes gibt er mir dann auch (zuletzt wirklich schön: Rainald Goetz, “Johann Holtrop”), nur sollte man nicht den Fehler begehen, Carsten zu verärgern. Ich hörte, dass er einmal einen seiner Rezensenten im Buchladen erwischte, wie der sich PRIVAT ein Buch kaufen wollte, ein Buch, das nicht rezensiert werden würde! Besagter Rezensent habe von diesem Moment ab nur noch Ausschussware bekommen. Also lese ich, was ich eben lesen muss. Mit Freude, aber ohne echte Leidenschaft. Irgendwie hätte ich gerne einen Zugang zur Welt der Literatur, der mir bislang fehlt, irgendwie würde ich wirklich gerne einmal wieder etwas lesen, nur für mich, Katrin Seddigs “Eheroman” steht schon länger auf meiner Liste, aber um den zu lesen, müsste ich ihn erst einmal kaufen, müsste ich in einen Buchladen gehen, und, meine Güte!, wenn mich da jemand sieht!

(Der Titel dieses Blogposts ist geklaut, von einer Kurzgeschichte Alan Sillitoes. Mussten wir irgendwann einmal im Englischunterricht lesen, keine Ahnung, weswegen ich mich daran erinnere. Scheint sich irgendwie eingebrannt zu haben, in mich.)

 

15. September 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , ,

Einmal erzählt Shylock, wie Antonio sein Vermögen gemacht habe: Antonio gab Kredite nach Afrika, damit die Afrikaner europäische Firmen beauftragen konnten, Infrastrukturprojekte zu stemmen. Das Geld blieb also in Europa, während Afrika immer mehr Schulden anhäufte, die dann mit Rohstoffen getilgt werden mussten – nur damit die Afrikaner am Ende auf ihren neu gebauten Straßen verrecken. Kapitalismus, wie ihn sich Klein-Erna vorstellt. Dass das System aber viel raffinierter ist, dass am Ende gar niemand mehr durchsteigt, wer jetzt warum welchen Gewinn macht, das ahnt dieses Stück nicht einmal.

Was gibt es zu erzählen, über die Premiere von Albert Ostermaiers “Ein Pfund Fleisch” am Hamburger Schauspielhaus? Vielleicht dies: dass ich die Einordnung des Lyrikers Ostermaier unter die Dramatiker für ein großes Missverständnis halte. Und dass das Schauspielhaus allen Unkenrufen zum trotz immer noch dichte, konzentrierte Theaterabende zustande bekommt, selbst wenn die Vorlage nur naja ist. Und alles weitere steht bei der Nachtkritik.

+++

Ich mache derweil lieber noch eine kleine Ästhetik des Scheiterns. Blumenkohl mit Tomatenconfit und Oliven. Hmm.

Versuchsanordnung:

1. Zwei Esslöffel Olivenöl in einem großen Topf erhitzen, eine Zwiebel und vier Knoblauchzehen anschwitzen und die Hälfte von 750 g reifen Kirschtomaten dazugeben (im Rezept wurde sogar ein Kilo Tomaten verlangt, aber das erschien mir dann doch allzu tomatig). Ungefähr zehn Minuten erhitzen, immer wieder stark rühren, bis sich die Haut von den Tomaten löst, leicht zerdrücken. Eine halbe Tasse Wasser zugeben (das Rezept verlangte 100 ml, aber seit der Küchenrenovierung finde ich den Messbecher nicht mehr, es ist ein Kreuz!), mit Salz, 1 EL Honig und den Blättern einiger Zweige Thymian würzen.

2. Von einem mittelgroßen Blumenkohl die Blätter weitgehend abschneiden. Blumenkohl in den Topf legen, mit den restlichen Tomaten bedecken, aufkochen, rund 15 Minuten bei schwacher Hitze bissfest kochen.

3. Währenddessen 100 g Feta zerdrücken und mit 1/2 Bund Basilikum zerdrücken. Fertigen Blumenkohl mit Basilikumfeta und 100 g klein gehackten schwarzen Oliven bestreuen. Mit ein bis zwei Esslöffeln Olivenöl beträufeln und mit Basmatireis servieren..

Ergebnis: Ungewöhnlich lecker, das. Immer noch ziemlich tomatenlastig, ein Pfund hätte es auch getan, aber sonst: topp. Optisch allerdings nach einem Tag ein ziemlich unansehlicher, rot-weiß-grünlicher Matsch. Das Rezept empfahl als Beilage Quinoa, ich aber halte Quinoa für ein Verbrechen an der Kulinarik und hielt mich an den Reis. Eine gute Entscheidung.

Die geschätzten Kollegen von der Beef! haben klein beigegeben, also, auf ihrer Facebook-Page.

Liebe Freunde von BEEF!, liebe Veganer und Veganerinnen,
wir haben die Diskussionen mit zum Teil bösartigen Kommentaren auf dieser Seite in letzter Zeit intensiv verfolgt.
Grundsätzlich wollen wir hier einen Austausch über alle Themen ermöglichen und gleichzeitig gewährleisten, dass sich die BEEF!-Community hier wohl fühlt und diese Page eine Kommunikationsplattform für Hobbyköche bleibt.
In Zukunft werden wir deshalb aggressive, persönlichkeitsverletzende und Spam-Beiträge löschen. Und hoffen auf ein faires Miteinander.
Eure BEEF!-Redaktion

So heißt es da, ein ziemlich enttäuschter Schritt, womöglich: Das Ende der Idee eines offenen Internet. Da haben ein paar Medienmacher den Versuch gestartet, unvoreingenommen miteinander zu reden, und binnen kurzem wurden ihnen die Türen eingerannt, von Trollen und Hatern. Kann ich mir schon vorstellen, ich meine, ich kenne Vegetarier, ich weiß, wie intolerant die über einen herfallen können. Wenn es denn so einfach wäre.

Es ist aber nicht einfach. Das redaktionelle Posting, künftig Kommentare moderieren zu wollen, wird nämlich binnen kürzester Zeit ebenfalls kommentiert, und zwar zustimmend. Von Fleischliebhabern, und wenn die “Beef!”-Redaktion ihren Kommentarmoderatoren Beispiele geben möchte für “aggressive, persönlichkeitsverletzende und Spam-Beiträge”, dann muss sie eigentlich nur wahllos in diesen Kommentarwust greifen. “sollen diese radikalen Krawall Gemüse Leute ihren unsinn mal wo anders ab lassen”, motzt “Max Schmidt” in eigenartiger Groß- und Kleinschreibung, “Wie wäre es mit einem beef-special NUR mit Dingen, die man aus dem Fleisch von VeganerInnen kochen, braten, backen und grillen kann? ;-) ”, macht “Mene P. Unkrock” einen echt total lustigen Witz, “Vegan, illegan, scheissegan”, stammelt “Gunnar Heinz Anthes” (was er damit meint? Keine Ahnung), “Raus mit dem meckernden Ökovolk! Keine sinnlosen Diskusionen, einfach rausschmeissen!”, hat “Ronny Zemelis” eine hackenzusammenschlagende Lösung, es wird schlimmer, von Kommentar zu Kommentar. “Chris R. Hirschberg” meint: “wenn ich bedenke, daß “Gutmenschen” wie viele Veganer & co in einem schwarz/weiß denken gefangen sind, würde ich gerne zu Folgendes dazusteueren: Wie wäre deren Ernährungsverhalten, wenn es nicht die importierten Güter von anderen Kontinten gäbe; wie brasilianische Bananen die von verarmten Bauern gepflückt werden, oder Orangen auf israelischem Boden gedeihen und von Blut getränkt werden? Denn Kohl, Spargel & Rüben und das was sich noch in unseren Breitengraden anbauen läßt, gehört doch eher zur kargen Ernährung, oder?” Sobald in einer Diskussion jemand von “Gutmenschen” schwafelt, ist die Diskussion schon beendet, zumindest für die Argumente der Gegenseite interessiert der sich mit ziemlicher Sicherheit nicht. So schlimm wie die Kommentare der Fleischesser können die der Veggies aber gar nicht gewesen sein, oder? Oder?

Doch, sie waren wohl ebenfalls so schlimm. Kommentare sind immer schlimm, man muss gar nicht in die Hölle von Welt Online hinabsteigen, auch die Foren von SpOn, der Kommentarbereich der taz, jede x-beliebige Community trieft vor persönlichen Beleidigungen, vor Stammtischparolen, vor Ressentiment und Besserwissertum. Katja Schweitzberger, Chefredakteurin des Modeblogs Les Mads, hat sich ein dickes Fell zugelegt und blendet negative Reaktionen einfach aus: “Das kann man sich als Modeblogger gar nicht erlauben. Dann wäre jeder Tag sofort gelaufen!”, sagt sie im jetzt.de-Gespräch, als Lukas Heinser vom Bildblog sie fragt, ob sie sich von negativen Kommentaren runterziehen lasse. Wahrscheinlich muss sie so denken, ja. Und dass sie das muss, das ist wirklich traurig.

Ein dickes Fell ist nötig, aber irgendwie will ich dieses dicke Fell nicht, irgendwie steht es mir auch nicht. Das hier ist ein kleines, unbedeutendes Kulturblog, da passiert nicht viel, mit aggressiven Kommentaren, trotzdem muss ich immer wieder welche löschen. Meist Besserwisser, die ein Konzert anders gehört haben als ich und das nicht mit anderen Argumenten als “Du hast keine Ahnung!” formulieren können, manchmal auch Stinkstiefel, die einfach mal loswerden wollen, dass ihnen das Layout hier nicht passt. Damit kann ich leben. Aber der Ton ist ja trotzdem da, nicht nur auf der Beef-Seite, er ist auch da, wenn ich einen Leserbrief bekomme, in der mein Medium als “Schmierblatt” bezeichnet wird, er ist auch da, wenn die Leistung einer geisteswissenschaftlichen Doktorarbeit als irrelevant dargestellt wird, er ist auch da, wenn man im “Tatort” einen Journalisten zeigt, einen schmierigen Typen, der bereit ist, für eine in seinen Augen gute Story jede Moral fahren zu lassen. Dieser Ton ist immer dann da, wenn man nicht einsehen will, dass man gerade über die Arbeitsleistung eines Menschen redet.

Und, tut mir leid, ich habe keine Lust, irgendwann so abgefuckt zu sein, dass mich dieser Ton nicht mehr stört.

12. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , ,

Tillmann beschreibt auf seinem Blog Tristesse Deluxe, wie er 14 Tage ohne Alkohol lebt. Es geht ihm nicht um die Beschreibung eines Entzugs (was für ein großes Wort!), er missioniert nicht, er heroisiert seine Abstinenz nicht. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann hatte er am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages keine Lust auf das obligatorische Glas und nahm sich deswegen eine Saftschorle – und weil der soziale Druck dann da ist, “warum trinkst du denn nichts?”, will er die Sache ein wenig ausreizen, “Drei-Vier Wochen fasten vielleicht. Oder nennen wir es besser bewusste Abstinenz.” Und dann beschreibt er: wie ihm das Feierabendbier fehlt. Wie er eine Verabredung mit einem Freund absagt, “Ach, ich hätte schon Lust, mit Michi ein Bier zu trinken. Das bleibt ja aber nie bei einem Bier, also gehe ich früh mit Comicbuch und Orangensaft ins Bett.” Wie er Saftschorlen nicht mehr sehen, riechen, schmecken kann. Es passiert eigentlich nichts, er trinkt eben keinen Alkohol, das ist völlig unspektakulär, aber es ist ein Blogpost, wie er sein soll: ultrasubjektiv, alltäglich, mit einem Twist, der ein Nachdenken über etwas ermöglicht, das hinter dem eigentlich Beschriebenen steht. (Davon abgesehen, ist der Text auch noch überaus gut geschrieben.) Es ist ein Blogpost, der gestern absolut zurecht vom Bildblog verlinkt wurde.

Allerdings ist eine Verlinkung durch das Bildblog nicht irgendeine Verlinkung. Eine Verlinkung durch das Bildblog bedeutet, dass Tillmann gestern mehr Besucher auf seinem Blog hatte als im gesamten Jahr 2010. Und das zieht augenscheinlich auch eine ganze Menge schwieriger Charaktere an. Die dann kommentieren. Los geht es harmlos, mit Tipps für leckere alkoholfreie Getränke, mit dem Ratschlag, vergleichbare Abstinenz auch beim Internet zu üben. Und der fünfte Beitrag beginnt dann, den Autor zu pathologisieren: “Wenn ich so deutlich merken würde, dass ich nen Monat lang nüchtern war, würde mir das bisschen Sorgen bereiten”, schreibt “Hmm?”. Von da ab wird es nicht mehr lustig, weil von da ab

  1. dem Autor nur noch geraten wird, sich professionelle Hilfe wegen seiner augenfälligen Suchterkrankung zu holen
  2. dem Autor vorgeworfen wird, einen langweiligen Text geschrieben zu haben, weil 14 Tage Alkoholabstinenz ja wohl total normal seien, und wenn sie nicht normal seien, dann müsse ihn das beunruhigen – was uns wieder zu Punkt 1. führt.
  3. sich die Kommentarschreiber darin überbieten, wie lange sie schon keinen Alkohol mehr getrunken hätten (“seit ca. 3 Jahren”, schreibt TT, “über das Jahr gerechnet vielleicht 2-4 Gläser Bier und 1-2 Gläser Wein/Sekt, wenn überhaupt”, schreibt “Carnosaurus”, “habe (…) in meinem Leben bislang zweimal Alkohol probiert und es aber bald komplett gelassen”, schreibt “Andreas Abermann”), und was für eine großartige Leistung das sei.
  4. wie wild die verschiedenen Arten, Alkohol zu trinken, durcheinander geschmissen werden, Komasaufen, mal ein Glas Wein zum Essen, bewusster Rausch, alles ist eins.
  5. plötzlich auch noch der blödeste Berliner-Hipster-Hass ausgepackt wird: “Ich weiß nicht ob das an diesem Berliner-Medien-Milieu liegt, aber auch ich finde diese Darstellung von 14 Tagen Alkoholabstinenz als etwas spektakulärem höchst befremdlich”, schreibt “Malte”. Zur Stunde 83 Kommentare lang geht das immer so weiter.

Was ich an Tillmanns Text so großartig finde: dass er es sich nicht einfach macht. Er beschreibt die Strukturen, in denen Alkohol fließt, als Strukturen, die in meinem Umfeld genauso wirksam sind. Natürlich ist ein gutes Essen kein wirklich gutes Essen ohne das entsprechende Glas Wein dazu, natürlich ist ein Clubabend kein wirklicher Clubabend ohne ein, zwei, viele Bier. Und natürlich ist ein erhitztes Gespräch über Politik, Sex, Kunst kaum vorstellbar ohne dass man immer wieder die Kehle mit Alkoholischem befeuchtet.

Das ist nicht unproblematisch, da will man weiter denken: Weswegen ist das so? Finde ich das gut? Dass Alkohol gesundheitlich keine tolle Sache ist – wissen wir. Dass alkoholisierte Menschen dem nicht alkoholisierten Teil der Menschheit gehörig auf den Sack gehen können – weiß jeder, der einmal Samstagabends im S-Bahnhof Reeperbahn auf die Bahn gewartet hat. Und schließlich, aus systemkritischer Perspektive: Nichts hilft dem System mehr als dumpf narkotisierte Massen, jeder ordentliche Revolutionär sollte als erstes das Bier verbieten. Tillmann denkt da weiter, er eckt bewusst an, auch bei seiner eigenen Lebensführung, für eine bestimmte Zeit. Er verzichtet für zwei Wochen auf Alkohol und lenkt dabei den Blick auf die Gelegenheiten, zu denen Alkohol fließt. Er wendet sich nicht explizit gegen diese Gelegenheiten, er stellt sie nur in Frage. Und weiß dabei nicht einmal annähernd, ob sein “Drei-Vier Wochen fasten” nicht womöglich eine ganz blöde Idee ist.

Und dann blöken die Idioten, die schon immer alles ganz genau gewusst haben. Die Leute, bei denen man sich fragt, ob man mit ihnen über Politik, Sex, Kunst diskutieren möchte, obwohl, das fragt man sich nicht. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass “egal” jemals über irgendetwas von Belang diskutiert haben mag, nachdem man seinen vor Selbstgewissheit strotzdenden Beitrag gelesen hat:

Ich bin fit, schlank, habe volles, ungraues Haar, keinen Bauch (all das eher untypisch für 48) und bin glücklich langzeitliiert – somit voll zufrieden mit mir, zumal ich sehen darf, was Alkohol, Rauchen und Fleisch aus meinen Bekannten gemacht haben: mit Bierflasche versehen, dickbäuchige Grillmenschen.

Ich finde es nicht unbedingt toll, zu trinken. Ich finde gesellschaftliche Konditionierungen grundsätzlich problematisch, also finde ich auch die Konvention “Alkohol” problematisch. Es gibt viele gute Gründe, nichts zu trinken. Aber es gibt einen, alles überstrahlenden Grund, sich dann doch hemmungslos zulaufen zu lassen: selbstzufriedene Dumpfbacken, besagte Kommentatoren. Nüchtern sind sie nicht zu ertragen.

12. November 2011 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns

Vorbemerkung:
Seit wöchentlich die Gemüsekiste hier ankommt, habe ich den freien Willen aufgegeben. Was okay ist, freier Wille ist eine Ideologie für FDP-Wähler, ich aber wählte noch nie FDP und unterwerfe mich entsprechend gerne einer höheren Entscheidung. Und wenn es nur die ist, das zu essen, was die Jahreszeit gerade hergibt und der Biobauer entsprechend liefert: Man muss sich einfach keine Erdbeeren im November kaufen, auch wenn man gerade Lust auf welche hat und der Wochenmarkt auch noch welche anbietet. Bislang fahren wir ganz gut damit, nur aktuell sind so komische, dreckige, kleine Knollen in der Kiste: Topinambur. Eine Art Esoterikerkartoffeln, von wo der Lieferant die Dinger importiert hat, möchte man gar nicht so genau wissen. Aber: “Heute wird Topinambur in fast allen Kontinenten angebaut, Hauptanbaugebiete befinden sich in Nordamerika, Russland, Australien und Asien. Sie wird zudem nur noch mit geringer wirtschaftlicher Bedeutung in Südfrankreich und den Niederlanden angebaut. In der Schweiz wird sie im Seeland wieder seit 1978 erwerbsmäßig angebaut. In Deutschland findet man nur kleine Anbaugebiete in Niedersachsen, Brandenburg und Baden”, klärt Wikipedia auf. Niedersachsen, na dann.

Versuchsanordnung:
1. Eine Stange Porree schälen, putzen und in dünne Scheiben schneiden. Eine Pastinake schälen und klein schnippeln. Eine große, getrocknete Chilischote klein schnippeln. Sechs bis sieben Topinamburknollen schälen und u.U. halbieren.
2. Porree in geschmolzener Butter anbraten. Pastinake, Topinambur und Chili zufügen, ungefähr zehn Minuten braten.
3. Mit 100 ml Weißwein (ich nahm den guten Hauswein vom Biomarkt, der hier schon fast eine Woche geöffnet rumsteht) ablöschen. 120 ml Milch und 500 ml Geflügelbrühe (Instant) zugeben. 20 Min. bei schwacher Hitze köcheln lassen, bis das Gemüse weich ist. Pürieren.
4. 120 ml Sahne zugeben. 30 g weiße Schokolade (ich nahm die allerbilligste aus dem Discounter) in Stückchen brechen und unterrühren. Mit Salz abschmecken.

Ergebnis: Optisch erinnerte die Suppe an einen Mischung aus Bananenmilch und Erbrochenem. Nicht wirklich schön. Geschmacklich aber ganz interessant: recht scharf (vielleicht eine kleinere Chilischote?), gleichzeitig fruchtig (der Weißwein!) und herzhaft (die Brühe!). Zum Servieren machte ich noch einen leichten Spiegel aus Trüffelöl auf der ersten Tasse, das war ein Fehler: Das Öl schmecke so intensiv, dass die spannende Geschmacksmischung stark, zu stark in den Hintergrund gedrängt wurde. Sonst: kann man lassen.

Versuchsanordnung:
1. Reisgries herstellen. So: Reis in einer Pfanne ohne Öl braun rösten und dann im Mörser zerstoßen. Wahrscheinlich ist mit “Reis” keine Mischung aus Natur- und Wildreis gemeint, egal, insbesondere der Wildreis gibt sich störrisch, am Ende hat man aber trotzdem halbwegs tauglichen Gries. Wir benötigen zwei Esslöffel.
2. 500 g in kleine Würfel geschnittenes Hühnerfleisch (angeblich funktioniert es auch mit Schwein und Rind, dann heißt das Gericht aber Larb Moo beziehungsweise Larb Nua. Ich hielt mich ans Hähnchenbrustfilet) mit vier (in meinem Fall riesigen) fein gehackten Frühlingszwiebeln und drei in dünne Scheiben geschnittenen Schalotten kurz in wenig Öl anbraten. Mit einer halben Tasse Hühnerbrühe (ich nahm den Brühwürfel aus dem Ökoladen, selbst gemacht schmeckt’s wahrscheinlich besser, aber, ach!) ablöschen. Würzen: mit je einem kleinen Bund Minze und Koriander (jeweils fein geschnitten), einer halben getrockneten Chilischote (ebenfalls fein geschnitten. Was soll ich sagen: Man schmeckte sie raus, aber höllisch scharf war’s nicht. Eine ganze Schote wäre vielleicht besser gewesen), drei bis vier Zitronenblätter (zwischen den Fingern mehr oder weniger zerkleinert), dem Saft einer halben Limette, eineinhalb Esslöffeln thailändischer Fischsauce und ein bis zwei Esslöffeln Chilipulver. (Eigentlich sollte auch noch eine klein geschnittene Stange Zitronengras rein, die ich auch besorgt, dann aber vergessen habe.) Reisgries zugeben. Köcheln, bis das Fleisch durch ist.
3. Mit Reis (authentisch wäre Klebereis, ich nahm die bereits erwähnte Mischung aus Natur- und Wildreis) servieren.

Ergebnis: Optisch ging das gar nicht. Sah aus, als hätte ich Fleisch und Zwiebeln in Spülwasser geworfen. Geschmacklich aber durchaus spannend: eine Mischung aus sauer und scharf, tricky. Nachwürzen muss man praktisch gar nicht, trotz des Verzichts auf Salz. Das nächste Mal vergesse ich das Zitronengras nicht und traue mich an mehr Chili, dann wird das. Für die Optik vielleicht: ein paar kurz angebratene Schnitte roter Paprika?

Gesamtnote: 2

11. Januar 2011 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , , ,

Ich bin aufgewachsen mit Helmut Kohl. Als ich anfing, mich für Politik zu interessieren, war er da, als mich die Politik zu frustrieren begann, war er immer noch da, Kohl durchzog meinen politischen Sturm und Drang, und Kohl durchzog mein Politikstudium. Irgendwie war kein Entkommen, vielleicht ist das der Grund, weswegen mich Kohl kulinarisch weniger interessiert. Obwohl er ja gut schmeckt, muss ich sagen, es gibt keinen Grund, Kohl nicht mit Freuden zwischen den Zähnen zu spüren. Nur beschäftigen möchte ich mich nicht mit ihm.

Daher: mein Dank an die Kollegen von der Beef!, einer Zeitschrift, die ich längst nicht so schlecht finde, wie mir immer alle einreden wollen (Hallo! Das ist doch eine gute Idee, ein Männermagazin, das das Mannsein nicht an der Frage “Welche meiner großbusigen, intimrasierten Sekretärinnen vernasche ich denn heute abend?” festmacht, sondern an der Frage “Was soll ich denn heute abend kochen?”). Dankeschön, dass ihr in der Ausgabe 3/2010 die Renaissance des Kohls einläutet. “Beef! befreit Rot-, Grün und Rosenkohl aus ihrem matschigen Beilagendasein und erklärt sie endlich zum Hauptgericht”, das ist doch mal ‘ne Ansage!
Und dann das: Das Rotkohl-Rezept (hier gehts zum pdf-Download, ich rate aber vom Nachkochen ab) ist eine schwere Enttäuschung.

Versuchsanordnung:
1. Einen Kopf Rotkohl (im Rezept stand 600 Gramm, meiner war geringfügig schwerer, egal, ich nahm auch von den übrigen Zutaten ein wenig mehr) putzen etc., in feine Streifen schneiden. Zwei (in meinem Fall also drei) Zwiebeln ebenfalls in Streifen schneiden und in drei Esslöffeln Butter andünsten, in einem (bzw. zwei, ich lass’ das jetzt mit dem Umrechnen, schreibe immer nur auf, was ich tatsächlich genommen habe) Esslöffel braunem Zucker glasieren lassen. Kohl und 60 Gramm getrocknete Cranberrys zugeben, kurz andünsten. 350 Milliliter Cranberrysaft zugeben (ihr wolltet 300 Milliliter, aber daran konnte es doch nicht gelegen haben, dass das Gericht nahezu ungenießbar war. Cranberrysaft, das ist un-glaub-lich sauer, meintet ihr vielleicht Sirup? Oder irgendein Mischgetränk? Oder ganz was anderes? Rotwein vielleicht?), drei Lorbeerblätter zufügen, bei schwacher Hitze zugedeckt dünsten. (Wie lange, stand da nicht, ich dünstete einfach, bis der Kohl weich war und dann noch eine Ecke weiter.)
2. Inzwischen 75 Gramm Nüsse (ich nahm einfach die Nussmischung, die noch übrig war, laut Beef! hätten es Walnusskerne sein sollen … Wahrscheinlich eine gute Idee, die Walnüsse in der Mischung waren am Ende die mit Abstand leckersten) ohne Fett rösten, dann grob hacken. Fruchtfleisch von acht reifen Feigen grob zerkleinern. Alles zusammen unter den Rotkohl mischen. Mit Balsamico, Zucker (wegen des Cranberrysafts: viel Zucker!), Salz, Pfeffer und drei Teelöffeln Pfefferkuchengewürz (im Rezept stand Lebkuchengewürz, ist das nicht dasselbe? Diese komischen norddeutschen Produkte in diesen komischen norddeutschen Regalen bringen mich immer noch durcheinander, trotz mittlerweile knapp zehn Jahren Hamburg) abschmecken. Kurz vor dem Servieren eineinhalb Esslöffel kalte, fein gewürfelte Butter unterrühren.

Ergebnis:
Wie schon angedeutet: an der Grenze zum Ungenießbaren. Viel zu sauer, und das lag nicht an meinen leichten Abwandlungen des Rezepts, das lag am Cranberrysaft. Auch optisch wenig ansprechend, alles in allem eine rote, undefinierbare Pampe. Mal ehrlich, Beef!, wäre nicht das Anschlussrezept Brokkoli mit Feta nicht zumindest halbwegs essbar gewesen (wenn auch nicht weltbewegend … Also, mich hätte man damit nicht ins Bett kochen können, zumindest nicht ohne eine gewisse Grundsympathie), dann wärst du als Medium für mich, hihi, gegessen gewesen.
So aber: Eine Chance hast du noch. Weil ich, wie gesagt, die Idee hinter dir als Zeitschrift nicht ohne Reiz finde.