Journalisten, die nichts mehr zu schreiben haben, finden immer noch einen Platz in einer Diskussionsrunde.

Journalisten, die nichts mehr zu schreiben haben, finden immer noch einen Platz in einer Diskussionsrunde.

Und dann sagt Volker Lilienthal, der Gott des investigativen Journalismus, dann jedenfalls sagt Professor Volker Lilienthal, dass der Journalismus in Deutschland noch nie so gut gewesen sei wie momentan. Und dass man sehr guten Journalismus auch ganz ohne Bezahlung machen könne. Und ich murre, irgendwie murrt das gesamte Publikum, Kunststück, das Publikum beim taz-Salon “Zukunft der Zeitung” besteht wahrscheinlich zu 90 Prozent aus Journalisten, und die finden es alle nicht so besonders lustig, wenn da auf dem Podium jemand sagt, dass man Journalismus auch ohne Bezahlung machen könne. Zumal neben ihm auch noch Isabella David sitzt, Chefredakteurin des Online-Magazins Mittendrin, die ja tatsächlich unbezahlt arbeitet, und die Arbeit, die sie abliefert, ist nicht die schlechteste. Zumindest murrt niemand als David auf die Frage antwortet, weswegen sie das denn mache, deswegen nämlich: weil sie unzufrieden sei mit der Berichterstattung der Springer-Zeitung Hamburger Abendblatt über Hamburg-Mitte, niemand murrt, alle nicken wissend. Ja, es ist gut, dass da jemand was macht, und wenn es auch für lau ist.

Und so einfach ist das ja alles nicht. Die klare Ansage des arbeitnehmenden Journalisten, “Arbeit muss bezahlt werden, und wenn die Arbeit nicht bezahlt wird, dann wird sie nicht gemacht” in Ehren, aber: Was, wenn sich gar niemand daran stört, wenn wir unsere Arbeit nicht machen? Wenn wir verschwinden, und kaum jemand vermisst uns? Es ist ja schlicht so: Kaum noch jemand ist bereit, für Journalismus zu bezahlen, egal ob über Anzeigen, ein öffentlich-rechtliches Medienmodell oder den Copypreis. Wo also soll die Bezahlung herkommen? Und sollte man den Kram nicht besser gleich hinschmeißen?

Und ich: Weswegen mache ich das eigentlich, in meiner kleinen Nische? Ökonomisch mache ich es, um ein passendes redaktionelles Umfeld für Anzeigenschaltungen zu schaffen, jeder Journalist, der etwas anderes behauptet, lügt sich selbst in die Tasche, nur: Das ist der Grund, weswegen ich es mache, um ein tragfähiges Wirtschaftsmodell zu haben, aber es ist nicht der Grund, weswegen ich es überhaupt mache. Ich mache es überhaupt, um einen Diskursraum zu schaffen: Ich halte es für wichtig, dass Kunst und Kultur reflektiert werden, und für diese Reflexion sind die Kulturressorts der Medien ein Ort. Ich glaube nicht, dass sie der einzige Ort sind, sollten die Medien irgendwann alle den Bach runter gehen, muss sich der Diskurs andere Orte suchen, und wenn man dem ebenfalls auf dem Podium sitzenden taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch glauben kann, dann wird das bald sein: Ruch nimmt an, dass es in fünf Jahren keine gedruckten Tageszeitungen mehr geben wird. Das war es dann also, mit meinem geschätzten Diskursort. Ich bin gerne behilflich bei der Suche nach einem neuen Ort, ich würde diesen Ort auch gerne pflegen, nur, irgendwie muss ich auch meine Miete bezahlen. Falls jemand da eine Idee hat – ich wäre offen für Vorschläge. (Markus Beckedahl hat ein paar Varianten für netzpolitik.org durchgerechnet, ist eine andere Baustelle, schon klar.)

Der Tod jedenfalls ist gar nicht so schlimm. Auf dem Podium saß schließlich noch Stefan Weigel, ehedem stellvertretender Chefredakteur der kürzlich eingestellten Wirtschaftszeitung Financial Times Deutschland – und machte Hoffnung. Ja, die FTD gibt es nicht mehr. Aber es gibt weiterhin so kluge, hellsichtige, eloquente Denker wie Weigel. Die brauchen nur einen neuen Diskursraum, aber wer sagt, dass das eine Zeitung sein muss?

05. März 2013 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , ,
Bei allzuviel guter Laune: einfach abschalten

Bei übertrieben guter Laune: einfach abschalten

Stern-Chefredakteur Dominik Wichmann verlangt von seinen Redakteuren, dass sie in Zukunft Haltung zeigen sollen. Finde ich in Ordnung, überhaupt würde es diesem Land gut tun, wenn häufiger Haltung gezeigt würde, im Kampf gegen Rechts etwa, oder im Abbau von Hierarchien. Allerdings gibt Wichmann vor, welche Haltung das zu sein hat, und das ist natürlich nicht besonders hierarchiekritisch: Neben Empathie, Kritik und Begeisterung lautet die Zwangshaltung des Hauses in Zukunft “vor allem Optimismus”.

Der Stern ist nun nicht irgendeine Feld-, Wald- und Wiesen-Illustrierte, die verzweifelt versucht, mitten in der Medienkrise ihre Schäfchen ins Trockene zu bekommen, der Stern ist eines der meistverkauften Printprodukte dieses Landes, er ist die Cash Cow des Verlags Gruner & Jahr, die es ermöglicht, immer wieder mit obskuren aber irgendwie auch liebenswerten Titeln wie Beef! oder Dogs zu reüssieren. (Außerdem ist der Stern das erste Printmedium, das ich regelmäßig gelesen habe, meine Eltern hatten den abonniert – ich habe eine Geschichte mit diesem Blatt, bei sowas bin ich empfindlich.) Und dieses Medium betont also den Optimismus, den positiven Blick auf die Welt, die gute Laune. So etwas erschreckt mich.

Ich bin ein Miesepeter, schon klar. Ich bin kein pietistischer “Wir leben in einem Jammertal, das wir lächelnd ertragen müssen!”-Prediger, das nicht, aber ich schaue mir mein Umfeld an, und ich stelle fest: Allzu viel Anlass zum Optimismus gibt es nicht. Der Sozialstaat wird europaweit zusammengestrichen. Die Anerkennung gleichgeschlichtlicher Lebensgemeinschaften, überhaupt alternativer Formen des Zusammenlebens kommt und kommt nicht voran. In Syrien schlagen sich die Leute die Köpfe ein, und man hat nicht einmal den Hauch eines Anhaltspunktes, wer der Gute ist und wer der Böse. Die FDP steht in allen Umfragen über fünf Prozent, dass diese Nasen sich in den nächsten Bundestag eingekauft haben, gilt als ausgemacht. In Russland hetzen wildgewordene Christen Seite an Seite mit Rechtsradikalen und der Regierung gegen Künstler, Schwule, Oppositionelle … Wie soll man auf diese Welt mit Optimismus blicken, ohne all diese Aspekte auszublenden?

Die Behauptung, dass der Leser nicht immer mit den Übeln der Welt zugeschüttet werden wolle, kommt immer wieder, nicht zuletzt vom Axel-Springer-Verlag. Die Bild bewarb ihre Jubiläums-Gratis-Ausgabe vor einem Dreivierteljahr ganz offen damit, dass in ihr nur gute Nachrichten stehen würden (konsequenterweise stand in ihr dann auch praktisch nichts). Aber der Springer-Verlag tut ja auch nur so, als ob er ein Medienunternehmen sei, in Wahrheit ist er aber ein Konzern, dessen primäres Geschäftsmodell Desinformation und Ansprache eines stumpfen Bauchgefühls ist, da passt so eine Fun-Fun-Fun-Ideologie schon. Zum Stern passt sie nicht. Ganz davon abgesehen, dass sie auch nicht wirklich erfolgreich ist: Die Auflage der Bild hat sich zwischen 1998 und 2012 beinahe halbiert. Aber, wer weiß: Wenn man dem Leser nur lange genug einredet, dass er das doch möchte, dieses Feuerwerk der guten Laune, dann glaubt er es vielleicht wirklich, irgendwann, dann schaut er mit der gleichen Verachtung wie Stern-Chef Wichmann auf all die schlechten Nachrichten, die von allen Seiten auf ihn einstürmen.

Aber bis es soweit ist, motze ich noch ein wenig.

Nicht schön, aber ungemein lecker: selbstgemachte Tapas.

Ein Schönheitsfleck ist eine leichte Irritation innerhalb der Perfektion. Im eigentlichen Sinn: ein Muttermal an einer markanten Stelle des Körpers, das die Schönheit des Beschriebenen erst richtig zur Geltung bringt, an der Wange etwa, oder im Dekolleté. Nicht: am Po. Man sollte über den Schönheitsfleck reden können, und wenn man selbst nur durch eine glückliche Fügung in der Lage ist, besagten Fleck zu beschreiben, dann bringt das alles nichts. Der Schönheitsfleck ist das, was das Schöne überhaupt begehrenswert macht, ohne Fleck ist das Schöne einfach nur auf eine langweilige Weise schön.

Isabel Bogdan hat einen Blogeintrag geschrieben über Begeisterungsfähigkeit. Isabel, von deren Blog ich meist ohne wenn und aber begeistert bin, ist der Meinung, dass die schätzenswerteste Eigenschaft an einem Menschen diese Fähigkeit zur Begeisterung sei, und dass es eine positive Sache sei, wenn man in seiner Begeisterung jede negative Sichtweise ausblenden würde. Sie schreibt: “Ich finde, man kann auch ruhig einfach mal sagen: Dies oder das ist super. Punkt. Und sich die kleinen Kritikpunkte verkneifen.” Ihre Begründung leuchtet mir vollkommen ein, und vielleicht ist das das Problem, das ich mit dieser Haltung habe: dass sie so einleuchtend ist. Sie begründet die Haltung nämlich mit der Liebe.

Es gibt nämlich eine Menge Dinge, die wirklich super sind, da braucht man nicht nach einem Haken oder einem Aber zu suchen. Und wenn man sie schon gefunden hat, den Haken und das Aber, dann kann man ihnen auch mal ein gepflegtes „Na und?“ entgegenschmettern. Weil das Supere nämlich überwiegt, und das Nicht-so-Supere nicht so wichtig ist. (…) Ich glaube daher, die Begeisterungsfähigkeit hängt mit einer weiteren Eigenschaft zusammen, die mir ebenfalls wichtig ist: dem Verzeihenkönnen. Und also mit der Liebe. Dem (durchaus bewussten) Übersehen kleinerer Makel, wenn das große Ganze gut ist.

Und da gehe ich nicht mit, auch wenn das alles in allem stimmig klingt. Im Gegenteil, die Liebe funktioniert (zumindest bei mir) nur im Bewusstsein (und auch im Ansprechen) der Makel, nicht im Übersehen. Also, wo wir jetzt schon in diesem Bereich sind, dann machen wir uns doch mal nackig, haben ja eh nichts mehr zu verlieren: Ich schwärme eigentlich immer von einem bestimmten Typ Frau, im erotischen Sinne, meine ich. Dieser Typ Frau ist eher klein, trägt die Haare raspelkurz und hat eine Brille. Die schöne, kluge Frau, naja, sie hat eine Brille, manchmal, meist bevorzugt sie Kontaktlinsen. Und ich liebe sie. Nicht nur wegen ihrer Intelligenz, nicht nur wegen ihres Charakters, auch wegen, äh, hüstel, wegen optischer Vorzüge. Dass sie nicht klein und kurzhaarig ist, ist kein Makel, es ist der Schönheitsfleck, der die Differenz zur perfekten aber langweiligen Schönheit definiert. Soviel zur Liebe, ich habe ohnehin schon einen knallroten Kopf, und eigentlich wollte ich ja auch etwas ganz anderes sagen.

Nämlich das: Es geht mir darum, dass nichts, was auch nur annähernd von Reiz ist, perfekt ist. Im Gegenteil, der Reiz liegt in erster Linie im Unperfekten, in der Abweichung, die dann bitte auch benannt werden soll. Ich kann mich unglaublich begeistern für Kunst und für Theater, und wenn ich dann auf der Vernissage bin und auf der Premiere, dann motze ich nur rum: Hier war der Regiezugriff nicht stimmig, dort die kuratorische Handschrift zu ungenau. Ich bin genau das, was Isabel Bogdan als “Nörgelheini” bezeichnet, ich habe dieses Nörgelheinitum sogar so verinnerlicht, dass ich es zum Beruf gemacht habe. Zu einem Beruf, den Isabel nicht so toll findet (auch wenn sie von Literaturkritik schreibt, ein Ressort, in dem ich nur gästeweise hin und wieder auftauche):

Was wurde beispielsweise Elke Heidenreich für ihre Sendung „Lesen!“ belächelt! Zu Unrecht, finde ich. Elke Heidenreichs Geschmack ist nicht meiner, ihre Empfehlungen waren mir meist zu tantig – aber das Konzept, nur Bücher zu empfehlen und eben nicht herumzukritteln und abzuraten, fand ich erstmal super.

Ich denke, genau da liegt das Missverständnis: in der Annahme, dass diejenigen, die rumkritteln, die Haare in der Suppe finden (und benennen), sich nicht für das Bekrittelte begeistern würden. Zumindest bei mir ist nämlich das Gegenteil der Fall. Wenn ich über etwas motze, dann ist das Ausdruck meiner Leidenschaft, auch meiner Begeisterung über das Gesehene, das Motzen ist ein Benennen des Schönheitsflecks. Ich weiß, dass das nicht immer so ankommt wie es soll, Kritiker sind unter Künstlern in der Regel eher schlecht angesehen, weil gerade die Künstler der Meinung sind: “Da hat man monatelang an einem Kunstwerk gewerkelt, und dann kommt dieser Kritiker und konzentriert sich ausschließlich auf die paar Aspekte, die vielleicht nicht so gelungen sind!” Ich habe einmal die wunderbare Comiczeichnerin Jule K. fürs uMag interviewt, ich habe versucht, sie im Gespräch auf Widersprüche, auf ästhetische Problemfelder, auf Ungenaues, kurz: auf Schönheitsflecken hinzuweisen, ich habe vielleicht auch ein wenig versucht, einen Streit zu provozieren, weil ich gerne streite. Und plötzlich brach es aus ihr heraus: “Ich habe gedacht, du findest meine Sachen gut! Und jetzt erzählst du mir seit einer halben Stunde, was alles scheiße ist!” Wahrscheinlich hat sie recht, wahrscheinlich ist das wirklich nicht leicht zu verstehen.

Aber, verdammt noch mal, es hat doch nie jemand behauptet, dass die Liebe leicht zu verstehen sei. Und um ehrlich zu sein: Genau darum geht es mir doch, wenn ich nörgle. Um die Liebe.

Ich muss aufhören, mir das alles immer so zu Herzen zu nehmen.

Ich lese ja praktisch keine Krimis. Die interessieren mich nicht besonders, auch wenn ich weiß, dass es da literarisch recht anspruchsvolle Exemplare gibt: Es gibt auch literarisch überaus anspruchsvolle Science-Fiction-Romane, die lese ich praktisch auch nicht, weil sie mich nicht interessieren. Meine Güte, ich lese schon nicht alles, was mich interessieren würde, weil ich keine Zeit habe, weswegen soll ich dann Sachen lesen, die mich nicht interessieren? Zumal ich glaube, dass “Der Sturm”, ein sogenannter “Schwedenkrimi” von Per Johannson auch nicht wirklich zu den literarisch spannendsten Beispielen zählt. Jedenfalls, Per Johannson ist ein Pseudonym. Und zwar von Thomas Steinfeld und Martin Winkler, und Thomas Steinfeld ist Feuilletonchef der geschätzten Süddeutschen Zeitung. In “Der Sturm” wird ein Journalist ermordet, und dieser Journalist trägt die Züge von Frank Schirrmacher, Feuilletonist und Mitherausgeber der weniger geschätzten aber geachteten Frankfurter Allgemeinen Zeitung, so genau habe ich das nicht verstanden, und, wie gesagt, es interessiert mich eigentlich auch nicht besonders. Alles in allem ist “Der Sturm” wohl so eine Art Hahnenkampf unter so Journalisten-Alphatierchen, und wenn mich etwas noch weniger interessiert als Kriminalromane, dann sind das Alphatierchen.

Jan Fleischhauer, notorisch unorigineller Rechtsausleger beim Spiegel hat das in einem für Fleischhauer-Verhältnisse ganz amüsanten Text so ähnlich analysiert. Es geht weniger um den Roman (der, wie ich annehme, das Lesen nicht lohnt, andererseits, woher nehme ich eigentlich diese Arroganz?), es geht über weite Strecken um die Person Schirrmacher, und weswegen Fleischhauer dem kritisch gegenüber steht, schließlich auch, weswegen er ihn eigentlich bewundert. (Man müsste sich wirklich mal Gedanken darüber machen, inwiefern dieser typisch rechte Hass auf alles Fremde in Wahrheit ein entsetzlich verkehrt sublimiertes homoerotisches Begehren darstellt.)

Und dann, in den letzten beiden Absätzen seines Textes, schmeißt Fleischhauer alles um. Plötzlich geht es nicht mehr um Schirrmacher und Steinfeld und Schwedenkrimis, plötzlich geht es ums Feuilleton. Fleischhauer schreibt:

Feuilleton ist in erster Linie Peergroup-Journalismus: Der eigentliche Adressat sind nicht die Leser, von denen der Chefredakteur ständig quasselt, sondern die Kollegen in den anderen Kulturabteilungen, also etwa 200 bis 300 Leute, die hoffentlich gehörig davon beeindruckt sind, wie virtuos man die Pussy Riots durch die Adorno-Mühle gedreht oder ein völlig unauffälliges Bürogebäude zum hässlichsten Hochhaus Berlins erklärt hat.

Man teilt sich die Vorurteile, die Kneipen und praktischerweise auch die Wohnviertel, also etwa fünf Kilometer rund um das Grill Royal in der Mitte der Hauptstadt. Kein Wunder, dass sich umgekehrt jemand allein durch die Tatsache verdächtig macht, wenn er dort nicht verkehrt, sondern lieber an seinem See am nächsten Bestseller sitzt. Das ist zwar ebenfalls elitär, aber auf eine so exzentrische Weise, dass es für diese Art kleinkollektiver Dünkelhaftigkeit völlig ungeeignet bleibt

Ich weiß nicht, weswegen Fleischhauer das macht. Ich fürchte, er saß am Ende seines Texts und stellte fest: “Meine Güte, ich habe einen ganzen Artikel geschrieben, und ich habe bisher kein einziges Mal auf eine Verschwörung hingewiesen, auf linke Eliten, die sich zusammenrotten und dem gesunden Volksempfinden mittels Political Correctness vorschreiben, was es zu denken hat! Das geht nicht, da muss ich noch ein Feindbild konstruieren, und weil Islam, Feministinnen oder Grüne partout nicht in meinen Text passen, nehme ich eben das Feuilleton.” Wenn ich, Falk Schreiber, da mal aus meinem Nähkästchen plaudern darf: Ich glaube, der Adressat meiner Texte sind sehr wohl die Leser. Eigentlich war es in jeder Kulturredaktion, in der ich bislang war (und so wenige sind das ja nun nicht) so, dass einem immer eingebläut wurde, dass man bei seinen Texten nicht an ein Fachpublikum zu denken habe, auch nicht an die Redakteurskollegen, sondern bitte immer an die Leser. Und in der Regel wurde das auch immer befolgt. Ich glaube, der einzige, der diesem Ratschlag nicht folgt, ist der politische Feuilletonist Jan Fleischhauer: Der schreibt nicht für Leser, der schreibt dafür, dass Kollegen wie ich den Artikel lesen und sich beleidigt fühlen.

Wenn man allerdings die Kommentare unter dem Text liest, dann stellt man fest, dass Fleischhauer durchaus einen Nerv getroffen zu haben scheint. Journalisten sind per se schon nicht wahnsinnig beliebt in der Bevölkerung, aber besonders unbeliebt unter den unbeliebten Journalisten sind anscheinend die Feuilletonisten. “Das bestätigt meine wildesten Vorurteile gegen Journalisten des ‘Kulturteils’ der Medien. Wie armselig und lächerlich ist das denn …… . Wie kann so ein Schreiberling denken, irgendwen außerhalb seines Biotops interessiert seinen Hass gegen einen Konkurrenten? Einfach nur abgrundtief infantil!” schreibt “geleeman”. “(Dieser Skandal) ist der untaugliche Versuch der Feuilleton-Zombies dem Leser vorzugaukeln das Feuilleton habe Lebendigkeit. Diese Buchalter der politischen Korrektheit – die es für eine Unverschämtheit halten, dass Physiker ihnen vorschreiben, dass das Jahr 1968 schon der Vergangenheit angehört – schreiben im Feuilleton, weil jedermann/frau weiss, dass sie dort am wenigsten Schaden anrichten können. Außer ihren paar Hundert Gleichgesinnten liest es sowie so niemand und so können sie dort – befreit von der Last der Realität – an ihren Legenden arbeiten. Ärgerlich nur dass man diese ewig gestrigen durch den Kauf einer Zeitung mitfinanzieren muß”, schreibt “HolgerS”. “Wie gut muss es Deutschland gehen, dass wir uns Schirrmacher und Fleischhauer noch leisten können. Wenn es uns wirklich nicht gut ginge, wären das zwei Posten, die schnell von der Lohnliste runter könnten, ohne das ein wirklicher Verlust wäre. ;-) ” schreibt “lini71″. So immer weiter, Feuilleton ist “links”, nutzlos, bald kommt auch der Vorwurf des “Gutmenschentums”, den Fleischhauer-Fans immer schnell zur Hand haben. (Dass das Feuilleton der eher rechten FAZ tatsächlich einen leichten Zug nach links hat – geschenkt. Dass aber das Feuilleton der eher linken taz eher ins Bürgerliche tendiert, wird fröhlich ignoriert.) Könnten sie, dann hätten diese sympathischen Figuren Journalisten wie mich längst arbeitslos gemacht. Könnten sie, dann hätten sie noch ganz andere Dinge mit mir gemacht. Mir ist schlecht.

Ich muss aufhören, mir das alles immer so zu Herzen zu nehmen.

Ich habe eine Sache gemacht, die total untypisch ist: Ich habe jemanden, den ich zuvor nur im Internet mitbekommen hatte, im Real Life kennengelernt. Und das kam so: Seit einigen Jahren verfolge ich das Blog von Isabel Bogdan, zunächst auf Antville, dann auf der eigenen Domain. Weil Bogdan nämlich gut, sehr, sehr gut schreiben kann, Alltagsbeobachtungen, Lektüretipps, grundsätzliches Generve. Was sie in einer ureigenen Sprache überaus charmant zu Papier beziehungsweise Webspace bringt. Das mit der ureigenen Sprache ist allerdings auch selbstverständlich, weil Isabel Bogdan im Hauptberuf Übersetzerin ist, und da geht sie mit Sprache professionell um, also, “professionell” im Sinne von “kreativ”, nicht so wie bei mir Lohnschreiber, bei dem “professionell” vor allem “korrekt” heißt. Wie dem auch sei, vor einiger Zeit übersetzte Bogdan Jonathan Safran Foers “Eating Animals” (das Buch, das mich beinahe zum Vegetarier werden ließ) ins Deutsche, und zur Feier dieser Übersetzung lud sie zur Übersetzerinnenlesung mit veganem Menü ins Restaurant Trific. Und nach dieser Lesung sprach ich sie einfach an, “Mal sehen, was das so für ein Mensch ist, der solch ein tolles Blog schreibt!”, ein Draufgängertum, das bei meiner Menschenscheu ziemlich freaky ist.

Ich sah: Das ist ein ziemlich interessanter Mensch.

Ein interessanter Mensch, der eine regelmäßige Rubrik im Webmagazin culturmag namens “Sachen machen” hat. “Sachen machen”, das heißt, dass Bogdan Sachen ausprobiert, die für sich genommen manchmal unspektakulär sind, die man aber trotzdem nicht macht, weil sie vielleicht so unspektakulär sind, dass man gar nicht auf die Idee kommt, dass das Spaß machen könnte (Trampolin springen), weil man noch nie davon gehört hat (Punkerstammtisch mit Tischtennis und DJ in der ohnehin empfehlenswerten Kaschemme Hafenklang), weil man Angst hat, dass man Spaß an etwas vollkommen Uncoolem (mit dem Segway durch die Innenstadt gondeln) finden könnte. Sie selbst nennt diese Texte “Kolumnen”, was aus journalistischer Sicht nicht ganz richtig ist, es sind eher Alltagskultur-Reportagen, ultrasubjektiv, verfasst in einer halb literarischen, halb journalistischen Sprache, die mal in echter Begeisterung schwelgt, mal triefenden Sarkasmus offenbart. Nicht bei allen Beiträgen denke ich mir, dass ich so eine Sache gern mal selbst machen würde, auf die Gefühle, wenn einem ein aus dem Mund riechender Mensch auf der Lebensfreudemesse ein Massagegerät anzudrehen versucht, könnte ich verzichten. Andere Erfahrungen aber haben es in sich: die Fahrt nach Wacken! Der Besuch auf der SM-Party! Die asiatische Massage! (Wobei, die asiatische Massage ist vor allem deswegen so toll, weil sie eben auch so toll beschrieben ist, belustigt, liebevoll, mit heftigsten Verspannungsschmerzen in der Muskulatur. Die eigentliche Erfahrung ist dann doch eher, naja, kann man mal machen.)

Auf jeden Fall, und das ist jetzt eine richtig unjournalistische Kaufempfehlung und nicht etwa eine Rezension, auf jeden Fall sind die gesammelten Reportagen oder Kolumnen, was auch immer, jetzt als Buch erhältlich. Bei Rowohlt. Und man sollte sich nicht davon abschrecken lassen, dass als Kaufempfehlung ein Zitat ausgerechnet aus der Brigitte den Buchrücken ziert: “Sachen machen” kann man lesen, ohne sich dabei uncool fühlen zu müssen. Ehrlich.

Isabel spricht über Geld. Und ich finde gut, dass sie das macht, weil ich glaube, dass dieses “Über Geld spricht man nicht” zur Entsolidarisierung beiträgt: Wer nicht über Geld spricht, der baut einen Popanz auf, eine Wertigkeit, nach der Geld mehr ist als eine Entlohnung für geleistete Arbeit. Ist es aber nicht. Wir sollten alle mehr über Geld sprechen. Und dann festestellen, dass vieles, was hier abläuft, himmelschreiend ungerecht ist.

Aufklärungsbedarf? Naja. Isabel schreibt, dass ein befreundeter Autor dem Missverständnis entgegen treten wolle, dass er ausgesorgt habe, weil, er habe doch schon vier Bücher veröffentlicht. Solchen Missverständnissen begegne ich praktisch nie, eher Missverständnissen der Art, dass die Leute nicht glauben, dass man davon leben kann, also, vom Kulturjournalismus. Da muss ich aber kein Gegenteil beweisen: Doch, ist so, man kann davon leben, nicht fürstlich, aber man kann. Dann glauben sie es auch.

1. Redakteure werden nach Tarif (pdf-Link) bezahlt. Also, sollten sie. Nach Tarif würde bedeuten, dass ich um die 3900 Euro brutto im Monat verdienen würde, aber immer mehr Medienhäuser fliehen aus der Tarifbindung. Ob ich Tarif bekomme oder unter Tarif, darf ich laut Arbeitsvertrag nicht sagen, obwohl es Urteile gibt, nach denen entsprechende Klauseln im Vertrag nichtig seien, egal, ich sage es nicht. Wer mehr wissen möchte, darf gerne mal ein Bier mit mir trinken gehen, okay?

2. Freie Journalisten verdienen mal so, mal so. Manchmal werden sie pauschal pro Artikel bezahlt, mal nach Arbeitsaufwand, mal gibt es Zeilengeld. Es gibt Honorarempfehlungen (pdf-Link), aber erstens werden die nur selten eingehalten, zweitens sind die sehr, sehr ungenau gehalten: Die Empfehlung für ein Stundenhonorar bei einer Publikumszeitschrift liegt bei 50 bis 75 Euro, na danke, das ist ein Unterschied von 50 Prozent, wobei da noch nicht geklärt ist, ob Recherchezeiten eigentlich mit zum Stundelohn zählen oder tatsächlich nur die Zeit, die man einen Text konkret schreibt. Also: Das Honorar ist mehr oder weniger frei aushandelbar, und frei ausgehandelt wird es auch, in der Regel mit dem zuständigen Redakteur, dem, siehe oben, ebenfalls der Etatdruck im Nacken sitzt. Dazu kommt gerade gegenüber Freien eine teilweise üble Zahlungsmoral, Aussagen wie “Wir zahlen ein halbes Jahr nach Erscheinen des Textes” habe ich auch schon gehört. Da ist die Frage: Lässt man sich drauf ein oder nicht? Ich lasse mich drauf ein, weil ich das entsprechende Medium schätze und untersützenswert finde. Und weil ich nicht wirklich darauf angewiesen bin, dass das Honorar stante pede da ist, ich habe ja noch das Redakteursgehalt. Dass ich damit den freien Kollegen in den Rücken falle, den Kollegen, die sehr wohl auf pünktliche Zahlung angewiesen sind, ist mir bewusst. Macht mich nicht glücklich, echt nicht.

Mein monatliches Einkommen setzt sich zusammen aus dem Redakteursgehalt (dem mit Abstand größten Batzen), Honoraren von nachtkritik.de, junger Welt und Theater heute sowie ganz selten noch mal einem Goodie, einem Buchbeitrag, einem Moderationshonorar, solchen Sachen. Am Ende steht da ein Betrag, der mal höher, mal weniger hoch ausfällt (die Theater machen jetzt Sommerpause, also werde ich in den kommenden Monaten auch keine Artikel über Theater an den Mann bringen), der aber alles in allem schon ganz okay ist. Ab gehen Lohnnebenkosten, ab gehen Internet, Telefon und Handy, ab geht eine private Altersvorsorge, die laut Wirtschaftsseite des Hamburger Abenblatts ein Fass ohne Boden ist, dümmste Entscheidung ever. Und Steuern natürlich, ich bin Steuerklasse V, da geht eine ganze Menge ab.

Reich bin ich nicht, gerade in einer teuren Stadt wie Hamburg nicht. Andererseits: kein Auto. Keine großen Ansprüche, keine Luxuslaster. Keine allzu teure Wohnung. Ausreichend Selbstbewusstsein, die Begleitung eine Rechnung übernehmen zu lassen, weil ich weiß, dass die Begleitung mehr verdient. Doch, da bleibt noch was übrig. Eine Vorratsschrank mit Ökoprodukten etwa, oder ein spontanes Wochenende auf dem Darß. Wofür es nicht reichen würde: Wenn ich plötzlich krank werden würde und nicht mehr arbeiten könnte. Alt werden sollte ich auch nicht, das mit der Vorsorge habe ich ziemlich falsch angepackt.

(Und ich weiß, dass es mir viel, viel besser geht als vielen anderen in meinem Gewerbe.)

Schorsch Kamerun preist einen Supermarkt, Melissa Logan ein Industriebier und Kristof Schreuf einen Versanddienst, ein Schauer läuft einem über den Rücken. Diese per Video eingespielten Perlen der Songwriterkunst tragen die erste Hälfte des Abends, weil sie a) in ihrer textlichen wie musikalischen Scheußlichkeit an einen Autounfall auf der Gegenfahrbahn erinnern, b) ein Wiedersehen mit 21 einst geschätzten und mittlerweile ein wenig aus den Augen verlorenen Musikerpersönlichkeiten ermöglichen, c) im Arrangement eigentlich gar nicht mal schlecht klingen. Sie sorgen allerdings auch dafür, dass das Stück zur Nummernrevue verkommt: Man wartet, wer als nächstes auf der Leinwand erscheint und achtet überhaupt nicht mehr auf die Schauspieler.

Und das ist wirklich schade: Das sind ja keine besseren Statisten, das sind gestandene Darsteller wie Robert Stadlober und Pheline Roggan, die über weite Strecken auf der Bühne allein gelassen werden. Vor lauter Verzweiflung retten sie sich ins Bauerntheater, spielen gekünstelt Big Business und lassen ihre Figuren dabei hemmungslos in Richtung Karikatur rutschen (Roggan immerhin eskaliert apart zu Jens Rachuts Verpunkung einer Lebensmittelmarkt-Hymne).

Guilty Pleasures: Ich freue mich immer, wenn ich irgendwo, in einem Film, in einem Theaterstück, in der S-Bahn Pheline Roggan sehe. Das ist ungewöhnlich, weil Roggan in ihrer Mädchenhaftigkeit eigentlich gar nicht der Typ ist, für den ich ansonsten so schwärme, egal, ich mag diese Attitüde, das hübsche Gesicht der bürgerlichen Linken geben zu wollen. Wobei es natürlich bezeichnend ist, dass auch Roggan nicht dafür sorgen konnte, dass mir Thomas Ebermanns Satire “Der Firmenhymnenhandel” auf Kampnagel halbwegs etwas sagte. Na, für einen freundlichen Verriss auf Nachtkritik hat’s gereicht.

Vielleicht ist es ja auch gar nicht falsch: mal einen Klassiker der Moderne nicht zwanghaft ins Jetzt zu prügeln, mal ein Theater auszuprobieren, das nichts wissen will von Postdramatik, nicht einmal etwas von Dramaturgie (für diese Produktion jedenfalls wird kein Dramaturg genannt). Und stattdessen darauf vertraut, dass Millers Text die Psychologie der Figuren schon ausreichend charakterisiert. Minks macht das zunächst ganz geschickt, er versteht, dass Miller wenig von reinem Abbildrealismus hielt, und so dringt die Regie tief ein in die Psyche des erfolglosen Vertreters Willy Loman (Burghart Klaußner) und bebildert dessen zunehmenden Realitätsverlust.

Clever wechselt Minks zwischen Passagen, die sich mal in der Wirklichkeit, mal in Lomans Kopf abspielen, die Handlung springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, und wir, die wir konsequent Lomans Perspektive einnehmen, verlieren zunehmend selbst den Überblick. Das ist klug inszeniert, es ist aber auch ein billiger Ausweg: Wir sind Loman, aber wir verstehen nicht, was dessen amerikanischer Alptraum aus den 1940ern mit der Gegenwart des Jahres 2012 zu tun haben könnte – wenn man sich die Frage stellen möchte.

Wer auf diesem kleinen, süßen Blog schon ein wenig rumgelesen hat, der hat schnell gemerkt, dass ich mit Werktreue im Theater kaum etwas anfangen kann. Aber ich bin ja offen für Neues, also schaue ich mir im St.-Pauli-Theater Wilfried Minks’ Inszenierung von Arthur Millers “Tod eines Handlungsreisenden” mit Burghart Klaußner an. Um hinterher so ernüchtert wie bestätigt zu sein. Alles Weitere: auf der Nachtkritik.

Depri erzählt: Wie er als Ensemblemitglied in einer europäischen Ethnokitschshow um einen Teil der Gage geprellt werden sollte. Und wie er es schaffte, fürs gesamte Ensemble den gerechten Lohn zu erstreiten: indem er zur “Ratte” wurde, zum ökonomisch ultrarational agierenden Individuum. Leider ist Depri nicht ausschließlich Ratte, sondern zu mindestens genauso großem Teil Verrückter. Und während die Ratte das verdiente Geld in Form eines Gebrauchtwagens nach Abidjan verschiffte, setzte sich der Verrückte ausgerechnet am Silvesterabend ans Steuer, obwohl doch jeder weiß, dass die westafrikanischen Straßen da voller Geister sind. Gute Geschichte, das.

Mal ehrlich: Ist das doof, wenn ich hier ständig auf Seitensprünge verlinke, also, auf Texte, die ich anderswo veröffentlich habe? In diesem Fall: auf meine Besprechung von “Insisitieren”, dem neuen Stück von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen, das gestern abend auf Kampnagel Premiere hatte und das ich heute früh auf nachtkritik.de besprach? Oder ist das vielleicht trotzdem okay, weil: Ich habe ja nur ein bestimmtes Maß an Worten, irgendwann versiegt der kreative Fluss, und dieses Maß ist ja eigentlich reserviert für meinen Brotjob, dann für die Abnehmer, die mir ein bisschen Geld pro Text zahlen, und wenn dann noch was über ist, dann kommt das in dieses kleine, lustige Blog, die Kür, die Bandschublade. Weil gerade aber ziemlich viel andernorts los ist, würde die Bandschubalde verwaisen, und das will doch auch niemand, oder? Also: Linkschleuder, für die, die das mögen.

Außerdem verweise ich auf ein recht spannendes Interview, das ich vergangenes Jahr mit Monika Gintersdorfer fürs uMag geführt habe.

23. Februar 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , ,

Ein Kreuzberg-Mädchen betritt das Café: asymmetrischer Haarschnitt, Schal, Rock, Stiefel. Das Mädchen flüstert. Über Selbstzweifel, über Gentrifizierung, über seine geplante Kunstaktion an den Berliner sophiensælen: “Es sind Objekte da, die Objekte sind sehr wichtig, genauso wichtig wie die Personen. Wir haben auch Sound, und es gibt auch Gesprochenes.” Das Mädchen ist Anne Tismer, eine Frau von fast 50 Jahren, Mutter einer erwachsenen Tochter. Natürlich ist es nicht fair, sie als Mädchen zu bezeichnen.

Aufgabe: während eines Interviews dem Interviewten möglichst nahe zu kommen, möglichst viel innerhalb der bestenfalls 60 Minuten zu erfahren, die man mit dem Interviewten verbringt. Problem: wenn man dem Interviewten plötzlich zu nahe ist. Fürs aktuelle uMag habe ich mich mit der geschätzten, verehrten Berliner Künstlerin Anne Tismer getroffen, ein sehr gutes, sehr schwieriges Gespräch mit ihr geführt – und am Ende einen Text veröffentlicht, bei dem ich jetzt, wo ich ihn ein weiteres Mal lese, den Eindruck habe, dass mir ein wenig verloren gegangen ist, wo ich eigentlich hin wollte. Und bei dem ich irgendwie die gesunde Distanz vermissen lasse.

Was nichts daran ändert, dass ich Anne Tismer sehr, sehr toll finde.