Mit Künstlern über Geld zu reden, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Künstler sind meist der Meinung, dass man als Journalist zu den Großverdienern zähle, zumindest zu den Leuten, die sich für ein bürgerliches Lebensmodell entschieden hätten und sich dieses Modell auch irgendwie leisten könnten, und, wer weiß, womöglich ist da sogar was dran, trotz Medienkrise und tarifflüchtigen Verlegern. Wer weiß, vielleicht leben Künstler und Journalisten wirklich in unterschiedlichen Wirtschaftswelten, aber um ehrlich zu sein, ich glaube nicht wirklich dran. In beiden Welten geht es recht dreckig zu, und über kurz oder lang wird es noch mehr Welten geben, in denen es ebenso dreckig ist. Ich plädiere eher für großflächige Solidarisierungsaktionen.

Ich habe vor Jahren schon einmal ein Interview mit dem Berliner Choreografen Jochen Roller fürs uMag geführt, schon damals ging es gar nicht primär um ästhetische Fragen, sondern um ökonomische (und wie die Ökonomie später wieder auf die Ästhetik durchschlägt, das ist ja klar). Gestern hatte Rollers neues Stück „Der Carpenter-Effekt“ auf Kampnagel Premiere, ein Stück, das er gemeinsam mit Mónica Antezana erarbeitet hat, und in dem beschäftigen sie sich mit genau dieser Frage: Was wird eigentlich aus der Kunst, wenn gar keine Mittel für die Kunst mehr da sind? Wie ich es fand, habe ich für die Nachtkritik beschrieben:

Dass freies Theaterschaffen ein hartes Brot ist, ist keine neue Erkenntnis. Wer sich die Zustände verdeutlichen will, kann sich in der Facebook-Gruppe „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse“ umfassend informieren – Tänzer, Sänger und Schauspieler tauschen sich hier darüber aus, mit was für lächerlicher Entlohnung sie abgespeist werden, und obwohl das nach zwei, drei Kommentaren regelmäßig in übles Subventionstheater-Bashing ausartet, muss man festhalten, dass Honorare und finanzielle Ausstattung im Theater jeder Beschreibung spotten. Und natürlich kann man auch andersrum fragen: Braucht man denn wirklich viel Geld? Braucht man Bühnenbilder, braucht man Kostüme? Wofür hat man Phantasie?

21. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Ein paar abschließende Gedanken zum Hamburger Schauspielhaus · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

– Als Friedrich Schirmer 2005 die Intendanz des Hauses übernahm, war die Stimmung zumindest in meinem Umfeld ablehnend. Schirmer galt als Gegenentwurf zum gegen die damalige CDU-Schill-Regierung agitierenden Intendanten Tom Stromberg, installiert, um eine Oppositionsstimme auszuschalten. Ich meinte: Lasst Schirmer doch erstmal anfangen, als Intendant in Stuttgart verfolgte er jedenfalls keinen regierungsfrommen, gar rechten Kurs, und außerdem hatte ich Schirmer zu seinem Start interviewt, was er da sagte, hatte Hand und Fuß. Ich wurde enttäuscht.

– Die ersten Premieren waren künstlerisch unbefriedigende, politisch erschreckend harmlose Kulinarik, mein Umfeld schien recht zu behalten. Und gerade, als ich dachte, dass da nichts mehr kommen konnte, gab es plötzlich doch Erfolge, Inszenierungen von Volker Lösch und Sebastian Nübling, die sogar zum Theatertreffen eingeladen wurden. Plötzlich positionierte sich das Schauspielhaus auch politisch, ging in Opposition zur wachsenden sozialen Spaltung in der Stadt, der Ton würde schärfer, ich dachte, der Knoten sei geplatzt. War aber ein Strohfeuer.

– 2010 schmiss Schirmer seine Intendanz hin, das Haus war führungslos. Und wie wenn auf dem Segelschiff der Kapitän ausfällt, machte sich plötzlich anarchische Kreativität breit: Das Haus öffnete sich der Subkultur, das doofe Delphin-Logo Schirmers wurde durch einen Hai ersetzt, der Journalist Christoph Twickel konzipierte ein linkes Periodikum namens Hawaii, das kaum noch erwas mit dem Bühnengeschehen zu tun hatte, dafür aber viel mit Pop, Gentrifizierung, Stadt. Ich hoffte, dass sich aus dieser führungslosen Situation ein ganz neues Stadttheater entwickeln könnte, formlos, hierarchiefrei. Es entwickelte sich: Resignation.

– 2012 dann wurde der Bühnenturm erneuert, es wurde umgezogen auf eine Notspielstätte namens „Spielfeld“, wo das Repertoire nicht mehr aufgeführt werden konnte, also wurde für eine einzige Spielzeit noch einmal ein ganz neues Repertoire aus dem Boden gestampft. Ausschließlich Uraufführungen! Ich freute mich, vielleicht würde man sich trauen, endlich aggressiv die eigene Situation zu reflektieren, zu verlieren gab es ja nichts mehr. Man traute sich: nichts.

Gestern dann die letzte Premiere, bevor die designierte Intendantin Karin Beier, die personifizierte Zukunft, das Haus wieder auf Null stellt. Ein Abschiedsreigen: Samuel Weiss‚ „Ritt in die Sonne“. Ich habe die Aufführung für die Nachtkritik rezensiert (und bin dabei auch ein wenig auf meine Geschichte mit dem Haus eingegangen):

Das Bild des Ritts in die Sonne ist ein Bild der Hoffnung, und Weiss ruft diese Hoffnung ab, wenn er zu Beginn das (beinahe) vollzählige Ensemble aus der Unterbühne nach oben schweben lässt, in einen angedeuteten Saloon mit Bar und elektrischem Bullen (Bühne: Ralph Zeger). „Wir sind die, welche dachten, es würde immer weitergehen“, skandieren die Darsteller, aber schon die Landkarte beweist, dass jeder Ritt in die Sonne irgendwann am Pazifik enden muss, und da geht es dann nicht mehr weiter, da muss man neue Ziele suchen. Wie auch die Schauspieler: Kaum einer von denen, die da auf der Bühne stehen, wird im Herbst noch am Schauspielhaus sein.

Über die Zukunft habe ich mir auch Gedanken gemacht, zumal vergangenen Freitag Beier ihre Pläne für die nächste Spielzeit präsentiert hatte. Daraus sind zwei Artikel entstanden, einer für kulturnews.de und einer für die Nachtkritik.

14. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Über das Recht des Sechzehnjährigen auf Geschmacksverwirrung · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , ,

Das Publikum kreißte und gebar: ein altbackenes Theaterstück. Bei der mehr oder weniger demokratischen Spielplanwahl am Hamburger Thalia wurde Friedrich Dürrenmatts Politkomödie „Die Ehe des Herrn Mississippi“ in einem etwas undurchsichtigen Verfahren zum aufführenswertesten Stück der Spielzeit gekürt – und die arme Christine Eder musste es inszenieren. Dürrenmatt, mit dem habe ich eine Geschichte, ähnlich wie mit Woody Allen, Salvador Dalí und den Sisters of Mercy: Künstlern, die ich als junger Mensch toll und wichtig fand, was mir heute ein wenig peinlich ist. Muss es natürlich nicht sein, man hat als Sechzehnjähriger alles Recht auf Geschmackswirren, und es gibt ja auch wirklich schlechtere Dramatiker als Friedrich Dürrenmatt. Bloß aufführen, das muss man den alten Schweizer heute eigentlich wirklich nicht mehr.

Und was passiert, wenn man es doch macht, habe ich für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Sätze wie „Der Westen hat die Freiheit verspielt, der Kommunismus die Gerechtigkeit“ mögen in Zeiten der Systemkonkurrenz ihre Relevanz gehabt haben, heute aber klingen sie hohl, selbst wenn der britische Sozialhistoriker Eric Hobsbawn im Programmheft nicht ungeschickt versucht, den Marxismus als Welterklärungsmodell zu retten.

Übrig bleibt ein, freundlich ausgedrückt, fragwürdiges Frauenbild: „Wer auf dich baut, wird untergehen!“, das ist, was diese zwar lächerlichen, aber dennoch von Idealen beseelten Männer zu ihrem Objekt der Begierde zu sagen wissen. Und übrig bleibt eine Regisseurin, die mit dem Stück fremdelt und die das minimalistische Bühnenbild nutzt, ihre bestens aufgelegten Darsteller Kabinettstückchen vollführen zu lassen: Geiße zuzuschauen, wie sie als neugieriges Zimmermädchen lauschend durch die Kulisse staubwedelt, ist jedenfalls ein großer Spaß.

29. März 2013 · Kommentare deaktiviert für Gebrannte Kinder · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

Als Theatergänger bin ich ein unsicherer Liebhaber. Einer, der schon viele Affären hatte, alle endeten sie schmerzhaft, und als sich eine neue Freundin ankündigt, da weiß er nicht, wie stark er sich auf sie einlassen soll. Sicher, noch ist alles schön mit ihr, sie interessiert ihn, und von wegen Sinnlichkeit ist auch alles, wie es sein soll, aber irgendwie war das doch zuvor auch immer so, mit den anderen, und trotzdem endete es jedesmal in einer Katastrophe – was, wenn es diesmal wieder so schlimm werden würde? Sollte er sich überhaupt freuen auf seine neue Freundin? Oder besser das Thema von vornherein verloren geben?

Das Hamburger Schauspielhaus war die vergangenen Jahre genau das: eine Katastrophe. Es gab immer wieder auch Lichtblicke, klar, die Arbeiten von Volker Lösch, eine Schauspielerin wie Jana Schulz, die im Zweifel das gesamte Ensemble mit queerer Körperlichkeit mitzureißen wusste, chaotisch-entertainende Zwischenspiele von Studio Braun, meist aber doch nur: Mängelverwaltung. Dramaturgische Unentschlossenheit. Ein von Anfang an aufgegebener Kampf gegen den Fluch des Hauses.

Im Herbst wird Karin Beier Intendantin am Schauspielhaus, wie man hört, wird sie alles anders machen, da wünsche ich ihr Glück. Was ich von Beier als Regisseurin gesehen habe, hat mich nie wirklich vom Hocker gerissen, aber ein guter Intendant muss kein guter Künstler sein, und als Intendantin hat Beier immerhin den Ruf, das einst völlig runtergewirtschaftete Kölner Schauspiel auf Vordermann gebracht zu haben. Andererseits: Das heißt auch nichts, Ulrich Khuon galt als Chef des Hamburger Thalia als bester Theaterleiter der Republik, aber als er das Deutsche Theater Berlin übernommen hatte, machte er dort angeblich von einem Tag auf den anderen alles falsch. Es ist kompliziert, und ich weiß nicht, ob ich mich auf Karin Beier freuen soll.

Wer sich ganz klar freut, ist der Kollege Wolfgang Höbel vom Spiegel. Höbel hat ein Buch über die designierte Schauspielhaus-Intendantin geschrieben, „Karin Beier. Den Aufstand proben“, und ich habe dieses Buch für die aktuelle Theater heute rezensiert. (Nach dieser Rezension werde ich wohl nie in meinem Leben einen Text im Spiegel veröffentlichen, weil Höbel den Text wahrscheinlich als Verriss verstehen wird, obwohl er das gar nicht ist. Ach, doofe Journalistenehre.)

Wer noch nie eine Inszenierung Beiers gesehen hat, der kann sich nach der Lektüre kaum vorstellen, für welches Theater sie eigentlich steht, und wer mit ihrer Arbeit vertraut ist, der fragt sich, ob ihre Deutung von Schillers „Jungfrau von Orléans“ am Burgtheater sich tatsächlich dadurch auf den Punkt bringen lässt, dass die von Karoline Eichhorn gespielte Titelheldin statt eines Helms einen Blumentopf auf dem Kopf trägt. Es bleibt der Eindruck eines Theaters, das irgendwie sinnlich ist, irgendwie melancholisch, irgendwie musikalisch. Und auch politisch, irgendwie.

In der gleichen Ausgabe findet sich übrigens auch meine Besprechung von David Greigs „Gelber Mond“ am Theater Bremen. Just for the record, die Links sind wie bei Theater heute üblich nur für Abonnenten abrufbar.

Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass niemand mehr ein Interesse haben dürfte, auf der Bandschublade einen Artikel zu Constanza Macras zu lesen – habe ich doch hier (wie anderswo) schon mehrfach beschrieben, wie toll ich die Berliner Choreografin finde. Allerdings darf ich schon noch erwähnen, dass ich Macras‘ explizit antinationalistischen Zugriff auf Tanz (dessen internationale Protagonistenschar häufig vergessen lässt, dass Internationalismus etwas ist, das man sich erarbeiten muss) extrem wichtig finde. Ich finde es wichtig, dass in ihrem neuen Stück „Distortion“ Brechts „Kinderhymne“ eine zentrale Rolle spielt, gerade in Zeiten, in denen der Alltagsnationalismus durch Bands wie Frei.Wild (die hier nicht verlinkt werden) wieder hoffähig gemacht wird, so hoffähig, dass ein Punkfestival wie das Leipziger With Full Force aus allen Wolken fällt, wenn es einen Proteststurm gibt, weil solch eine Band dort spielen darf.

Und wie ich „Distortion“, Macras‘ erste Zusammenarbeit mit der Hamburger HipHop Academy, nun fand, das habe ich für nachtkritik.de aufgeschrieben. Nur hier lesen muss man es nicht unbedingt.

Es beginnt mit einer starken Tanzsequenz. Während elektronische Klänge (Marc „Sleepwalker“ Wichmann von der HipHop Academy und Kristina Lösche-Löwensen von Macras‘ Berliner Compagnie Dorky Park) langsam an- und abschwellen, bewegen sich Körper wellenartig, schnelle Beats treiben die Tänzer an, bremsen sie aus, verzerren die Bewegungen. Ein paar klassische Breakdance-Moves gibt es auch, viel beklatschte Headspins, Windmills und Flares. Und als nach einer Weile mehrfach geloopte Textfragmente durch den Saal schallen, nimmt man die begeistert auf: Bedeutung! Inhalt! „Ich bin hier geboren/Ich habe einen deutschen Pass/obwohl ich nicht deutsch aussehe …“ versteht man und hat damit auch schon das Thema des Abends begriffen: Es geht um Identität, und zwar explizit auch um nationale Identität.

Ich habe eine Kleinstadtvergangenheit, das ist bekannt unter den Lesern dieses Blogs. Allerdings habe ich diese Vergangenheit hinter mir gelassen, zumindest körperlich (In Wahrheit ist es natürlich so, You can take the boy out of Gießen, but you can’t take Gießen out of the boy). Und deswegen kam gestern alles wieder hoch, beim Besuch im Theater Lüneburg zur Premiere von Dea Lohers „Klaras Verhältnisse“: die schreiende Stillosigkeit des Theatergebäudes. Die Beflissenheit, mit der das (mehrheitlich ältere) Publikum sich fein gemacht hat für den Abend – ein Premierenbesuch ist etwas Besonderes, ein gesellschaftliches Ereignis, da trägt man Anzug. Das genervte kollektive Aufstöhnen, sobald auf der Bühne etwas passiert, das man irgendwie als Sexszene interpretieren konnte. Als ob die Neunziger nicht vergangen wären.

Aber die Inszenierung Nilufar K. Münzings! Die war gar nicht einmal schlecht, besser jedenfalls als diejenige des gleichen Stücks, die ich vor zwölf Jahren am Hamburger Thalia Theater sah. Und das sage ich jetzt nicht, weil ich in aller Großstadt-Arroganz den Gönner raushängen lasse, „Ach, klar für die Provinz war das ja wirklich ganz ansehnlich!“ Nein, war wirklich gut. Und Entsprechendes habe ich auch für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Die junge Regisseurin Nilufar K. Münzing (…) vergisst eine Finanzkrise später die Aufführungsgeschichte von „Klaras Verhältnisse“ und konzentriert sich in ihrer Inszenierung auf den ökonomischen Kern des Stücks: „Klaras Verhältnisse“, das sind natürlich die Verhältnisse, die die Protagonistin eingeht, aber es sind auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die Figuren leben müssen. „Wir wären gut anstatt so roh. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“

30. Januar 2013 · Kommentare deaktiviert für Jenseits der Grenzen des Nationalen · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

„Verrücktes Blut“ ist schuld. Mit dieser Produktion setzte das Berliner Ballhaus Naunynstraße vor zwei Jahren den Begriff „postmigrantisches Theater“ auf die Agenda – Migrationsprozesse sind demnach in Deutschland abgeschlossen, bleiben aber dennoch in der Lebensrealität der Zuwanderer spürbar. Das Theater soll diese Realität sowohl inhaltlich wie ästhetisch abbilden, und selbst wenn „postmigrantisches Theater“ als Genrebegriff zu hoch gehängt ist, liegt hier zweifellos Einiges im Argen. Wo die postmigrantische Generation längst in Kino, Kabarett, Tanz und Comedyszene angekommen ist, ist das deutsche Stadttheater weiterhin Hort kultureller Homogenität. Außer in der Kreuzberger Naunynstraße.

Ich habe in diesem sympathischen kleinen Blog schon mehrfach erwähnt, dass ich unzufrieden bin mit der nationalen Homogenität im deutschen Stadt- und Staatstheater, gerade wenn ich Stücke gesehen habe wie „Hajusom in Bollyland“ der Hamburger multinationalen Gruppe Hajusom, oder „Open for everything“ von Constanza Macras‘ Gruppe Dorky Park. Weil ich bei solchen Arbeiten immer spürte, welche Kraft, welche Sinnlichkeit, auch welche Aggression in einem Multikulturalismus steckt, der die Grenzen des Nationalen überwindet. In der morgen erscheinenden Ausgabe von Theater heute habe ich unter dem Titel „Ihr werdet jetzt alle assimiliert!“ einen längeren Text über den Trend hin zum postmigrantischen Theater geschrieben, anlässlich des Kampnagel-Minifestivals „Krass“ Ende des vergangenen Jahres.

(In besagter Theater heute-Ausgabe findet man, ebenfalls von mir, Besprechungen zu „Männer Frauen Arbeit“ am Hamburger Schauspielhaus sowie zu „Die Affaire Rue de Lourcine“ am Theater Bremen, es gibt diesen Monat also recht viel Falk fürs Geld. Links sind, wie bei Theater heute üblich, nur für Abonnenten zugänglich.)

Edit: Fürs das aktuelle uMag habe ich ein Interview mit Constanza Macras geführt, in dem ich mit der Choreographin unter anderem über das Thema Migration rede.

10. Januar 2013 · Kommentare deaktiviert für Der alte Clown träumt · Kategorien: Bretter · Tags: , ,

Ich würde jetzt ja gerne ein Foto posten, wie es so war, gestern, beim Cirque du Soleil. Weil Bilder das wichtigste waren bei dieser Show namens „Corteo“, die inhaltlich doch ein großer Schmu war, der alte Clown träumt, er sei gestorben, und auf seiner Beerdigung seien alle Kollegen versammelt, das Orchester und die Hochseilartisten und der Riese, und dann treiben sie Schabernak. Schönheiten hängen sich in die Kronleuchter (Trapezartistik ist mit das langweiligste, das ich mir vorstellen kann, aber sobald das Trapez kein Trapez ist, sondern ein Konleuchter, sieht das Ganze gleich anders aus, ehrlich!), eine Kleinwüchsige wird an riesigen Luftballons durchs Publikum geschubst (was diskriminierend klingt, aber eigentlich diskriminiert es nicht, im Gegenteil, in diesem Moment hätte ich mich ebenfalls gerne an solch einen Ballon gehangen), eine Langbeinige tanzt übers Seil. Ich ärgere mich ein wenig, weil das alles auf der Überwältigungsschiene passiert, bis mir klar wird, dass diese Überwältigung ja das Konzept ist, dass es um nichts anderes geht als darum, den Zuschauer mit offenem Mund auf die Bühne starren zu lassen. Und mein Mund ist offen.

Und wie gesagt, ich würde gerne verdeutlichen, wie das war, wie überwältigend, wie berauschend schön, aber leider war Fotografieren verboten, und während der gesamten Show wuselten Securitymenschen durchs Publikum und achteten darauf, dass dieses Verbot eingehalten wurde. (Einer Frau rechts von mir wurde recht rüde das Smartphone abgenommen, ob sie überhaupt zum Foto angesetzt hat, habe ich gar nicht gesehen.) Und das ist eben die Nachtseite dieses charmanten, phantasievollen, träumerischen Unterfangens: Der Cirque du Soleil ist ein global agierendes Entertainmentunternehmen (Eintrittsppreise: zwischen 40 und 100 Euro), das peinlich genau darauf achtet, dass nichts die perfekte Inszenierung stört. Vor allem keine Fotografen, die womöglich Bilder machen, die nicht kontrollierbar sind, die womöglich etwas gezeigt hätten, das hinter der Inszenierung versteckt ist. Plötzlich ist mir „Corteo“ ein wenig unsympathisch, auch wenn alles atemberaubend aussieht, ein paar Straffungen hätten der Show schon gut getan, eine „Romeo und Julia“-Nummer etwa war zum Fremdschämen. Und dann fahren wir nach Hause, weg aus dem Industriegebiet im Osten der Stadt, weg von den LKW-Höfen und den Autobahnauffahrten, ernüchtert, kalt ist es mittlerweile auch geworden, und es regnet.

(Dass ich mit Zirkus grundsätzlich nicht soviel anfangen kann, habe ich schon früher mal beschrieben. Aber der Cirque du Soleil ist ja anders, sagt man.)

08. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Daumen hoch, Daumen runter · Kategorien: Bretter · Tags: , ,

Es geht um Geld. Genau genommen war das Finanzielle immer schon das prägende Thema am Bremer Theater, ob Kurt Hübner, Hansgünther Heyme oder Klaus Pierwoß, alle Intendanten kämpften mit der strukturellen Unterfinanzierung des Hauses. Selbst Hans-Joachim Freys Intendanz scheiterte am Ende nicht wegen der Anspruchslosigkeit des Spielplans, sondern wegen des ökonomischen Himmelfahrtskommandos eines eigens geschriebenen Musicals namens „Marie Antoinette“, das kaum jemand sehen wollte und das die Liquiditätslücke des Theaters mit einem Schlag verdoppelte. Wenn man so will, kann man selbst die berühmtesten Performancekünstler der Stadt als Wirtschaftsopfer sehen: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, klagen die „Bremer Stadtmusikanten“ in Grimms Märchen. Nicht etwa Abenteuerlust treibt sie, sondern Hunger. Und echte Aktion fängt ohnehin erst an, als die Musikanten unter Räuber geraten sind.

Theater heute hat mir die Möglichkeit gegeben, die Entwicklung eines Theaters über einen längeren Zeitraum hinweg zu verfolgen. Ich habe für die Dezemberausgabe der Zeitschrift ein Feature (Link nur für Abonnenten zugänglich) zum Saisonstart des Bremer Theaters geschrieben, die erste Saison des neuen Intendanten Michael Börgerding. ich fuhr immer wieder an die Weser, habe mehrere Premieren besucht und mehrere reguläre Aufführungen, habe ein Interview mit Börgerding geführt und im Foyer die Gespräche des örtlichen Publikums belauscht. Und nach und nach kapiert, dass die Art wie Kulturjournalismus in der Regel läuft, eigentlich am Thema vorbei geht: Hinfahren, Anschauen, Wegfahren, Daumen hoch, Daumen runter, das ist es nicht. Kultur läuft anders, Kultur ist ein Prozess, und dieser Prozess lässt sich nicht an einem Abend verfolgen, eigentlich muss man Sachen immer wieder anschauen, eigentlich muss man sich auf Kleinigkeiten konzentrieren, Kleinigkeiten, die erst in der Summe ein Bild ergeben, man muss sehen, dass Manches funktioniert und Manches nicht, und der Kritiker als Oberlehrer, der Zensuren verteilt, hat keine Chance. Der Kritiker muss Teil des Prozesses werden, muss seine Distanz aufgeben und die Distanz dann in einem durchaus schmerzhaften Akt wiederherstellen.

Der Artikel „Unter Räubern“ hat mir dieses Teilnehmen am Prozess ermöglicht. Aber Journalismus läuft meistens, fast immer anders, solch ein zeit- und vor allem kostenintensives Projekt leistet sich kaum noch ein Verlag, in Zeiten der Medienkrise. Ich habe das Feature gerne übernommen, aber auf lange Sicht wird so etwas niemand finanzieren. „Unter Räubern“ war einmalig, das macht die Arbeit extra wertvoll, aber in Zukunft werde ich doch wieder in die Premieren stiefeln und Urteile fällen müssen. Geht gar nicht anders.

(Die Medienkrise ist ein stinkender Hund.)

Ach, man möchte gar nicht aufhören, diese Körper zu bewundern. Wie Titania (Sebastian Rudolph) als streng geschnürter Engel der Dunkelheit über die Bühne schreitet. Wie der Knabe (Florian Weigel) goldenes Haar und goldenen Slip präsentiert. Und wie Marina Galic ganz reizend die Schenkel spreizt, ein Bild, so campy, als wär’s eine fotografische Inszenierung von Pierre et Gilles.

Man kann viel nachdenken über die subversive Kraft von Sexualität. Man kann konstatieren, dass es da etwas gibt, das den kapitalistischen Verwertungskriterien enthoben ist, etwas, das mit individueller Lust zu tun hat, etwas, in dem wir ein Selbst spüren und nicht die Auflöung im Kollektiv (einem Kollektiv, das man durchaus unter die Überschrift „Humankapital“ stellen darf). Man kann aber auch die Warenförmigkeit von Sexualität im 21. Jahrhundert betonen, den Markt der Körper, der eben auch eine Marktwirtschaft der Körper bedingt. (Eine These, die gerne von konservativen Moralisten wie Michel Houellebecq vertreten wird, weswegen sie mir nicht unbedingt sympathisch ist, falsch wird sie dadurch aber nicht.) Man kann viel darüber nachdenken, und am liebsten denke ich im Kino darüber nach, über diesen Querschnitt von Sexualität, Affirmation, Subversion, Hedonismus.

Eher selten denke ich im Theater darüber nach. Aber gestern hatte am Thalia Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ Premiere, in der Regie von Stefan Pucher, und der ist tatsächlich ein (meiner unbedeutenden Meinung nach) recht gelungenes Durchirren unterschiedlichster Aggregatzustände des Begehrens. Eine für meine Verhältnisse recht saftsatte Besprechung habe ich für die Nachtkritik geschrieben.