15. Juni 2014 · Kommentare deaktiviert für Mensa (1): Tschebull, Hamburg · Kategorien: Daddeln · Tags: , , ,

Vorbemerkung

Ihr habt schon gemerkt: Hier passiert gerade wenig. Weil alle spannenden Themen abwanderrn, dorthin, wo ich Geld für Texte bekomme. Oder zu den Flâneuren, wo wir kollektive Formen ausprobieren können. Hier hingegen gibt es manchmal Wegweiser zu ebendiesen Texten woanders und meistens gar nichts. Was auf lange Sicht auch keine Lösung ist. Also: ein neues Format muss her, ein Format, das woanders keinen Platz hat. Zum Beispiel Mens sana in corpore sano, Mensa. Restaurantkritiken aus Banausensicht. Das lässt sich noch verbessern, sicher, zum Beispiel: mit Fotos, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Mache ich beim nächsten Mal, so es ein nächstes Mal geben sollte. Die Bandschublade: ein Foodblog. Guten Hunger.

Drumherum

Das Tschebull bezeichnet sich selbst als „Beisl, Restaurant, Bar“, das klingt unprätentiös, weil eine „Beisl“ im Österreichischen das ist, was in Bayern die „Boazn“ ist und in der schwäbischen Heimat die „Beiz“: ein Wirtshaus. Aber das Tschebull steht nicht in Österreich, es steht in Hamburg, im Levantehaus. Welches sich in der Mönckebergstraße befindet, der uncoolen Schickirennstrecke zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, und, ja, als wir das Tschebull besuchen, sitzt am Nachbartisch ein Junggesellinnenabschied. Gesittet zwar, aber, trotzdem: Wo Junggesellinnen sich verabschieden, sollte man sich fernhalten.

Davon ab, ist das Tschebull vor allem ein sanft hochpreisiger Laden, der tatsächlich angenehm wenig Wert auf Förmlichkeiten legt. Das zeigt sich schon in der Einrichtung: Alpenländisches wird zitiert, aber sehr zurückhaltend, mit leicht spöttischem Humor, ansonsten herrscht holzgeprägte Coolness vor (der Humor wird allerdings auf den Toiletten überstrapaziert, wo man zunächst ein angedeutetes Plumsklo besucht, und am Waschbecken sein Handtuch in eine Milchkanne fallen lässt. Aber das hier soll ja eine Restaurantkritik sein und keine Toilettenkritik). Alles in allem: ein Lokal, in dem Nasen wie wir uns durchaus wohlfühlen. Sanft hochpreisig, das heißt: Die Hauptgerichte beginnen bei 19 Euro (Tafelspitz) und enden bei 28 Euro (Rücken vom Klosterschwein). Will sagen, puh. Wir nahmen das Gourmet-Menü, das von Rindchens Weinkontor angeboten wird, 59 Euro für fünf Gänge inclusive korrespondierender Weine, Wasser und Kaffee, das ist fair. Sehr fair.

Vorspeise: Tomaten-Auberginentatar mit Burratastreifen und Brunnenkressepesto

Als Gruß aus der Küche gab es Brot mit Erdäpfelcreme, für mich ein wenig zu schwer, aber okay. Die Vorspeise dann aber sehr lecker, frisch und überraschend rauchig: ein Salätchen. Dazu ein Welschriesling vom burgenländischen Weingut Strehn, lecker, ein wenig arg unspektakulär vielleicht.

Erster Gang: Weißer Spargel in der Folie geschmort mit Bärlauchtascherln, Bröselschmelze und Tiroler Schinken

Wir sind ja Banausen, Spargel gehört bei uns gekocht und mit zerlassener Butter serviert. Aber auch Banausen lassen sich gerne mal was Neues zeigen. Beispielsweise diese sehr zurückhaltende Variante, die sich sehr, sehr, sehr auf die ursprüngliche Geschmacksfarbe konzentriert. Der schönen, klugen Frau war es ein wenig zu intensiver Spargelgeschmack, ich war eber ganz angetan. Begeistert waren wir alle vom Rotgipfler (Rotgipfler! Noch nie gehört! Und dass das ein Weißwein ist, überrascht gleich nochmal) vom Johanneshof Reinisch aus der Thermenregion, geschmacklich intensiv mit überraschend starken Karamellnoten im Abgang.

Fischgang: Dorade Royal mit Kohlrabi-Erbsengemüse, Rahmdalken und Petersiliensafterl

Holla! Sensationeller Fisch, leckeres, noch knackiges Gemüse, optisch toll angerichtet. Was „Rahmdalken“ sind, habe ich nicht wirklich verstanden, die nette, etwas wuschige Kellnerin meinte, in Frankreich nenne man sie Blinis, aber ich kenne Blinis eher aus Osteuropa, und die sehen ganz anders aus, egal. Dazu einen sehr feinen Pinot Blanc vom niederösterreichischen Weingut Maurer.

Hauptgang: Warm geräuchertes Ochsenbeiried mit gebratenen Romanaherzen, Zwiebelmarmelade, Süßkartoffelpommes und Sauce Bearnaise

Die schöne, kluge Frau ist skeptisch: rotes Fleisch! Aber die rote Färbung kommt vom Räuchern, und das ist wirklich sehr, sehr gut. Das Beiried (ich wusste nicht einmal, was das eigentlich ist, anscheinend ist es ein Teil des Rückens) bekommt so einen ganz interessanten Schinkengeschmack, großartig. Frau D. hingegen bemängelt die Süßkartoffelpommes, die sind ihr zu süß, und sie hätte „lieber Kroketten“ gehabt, aber gemeinsam mit der mir eigentlich zu pappigen Sauce Bernaise ergibt das eine raffinierte Kombi. Dazu: Blaufränkisch, wieder vom Weingut Strehn, schwer aber nicht zu schwer, ein toller Übergang von weiß zu rot.

Dessert: Waldmeister-Champagnercreme mit frischen Erdbeeren und Caipirinhasorbet

Die Erdbeeren hätten nicht sein gemusst, die sind sauer und bäh. Der schönen, klugen Frau missfällt auch die Waldmeister-Champagnercreme, sie findet, die sei zu bitter, weswegen Frau D. und ich uns ihre Portion mit viel Freude teilen, das Sorbet überzeugt alle. Der dazu gereichte Moscato d’Asti von der piemontesischen Cascina Fonda (der einzige nicht-österreichische Wein des Abends, btw) ist interessant, mir allerdings viel zu süß. Ja, ich weiß, Dessertwein, schon klar. Aber der hier ist eigentlich gar kein Wein mehr, sondern eine Süßspeise.

Fazit

Ja, ein großartiges Menü. Ja, eine interessante Weinzusammenstellung praktisch ohne Durchhänger (dass ich mit Süßweinen nicht so gut kann, liegt an mir, nicht am angebotenen Moscato d’Asti). Ja, ein etwas trubeliges Ambiente mit halbwegs zweifelhaften weiteren Gästen. Und ein Service, der grundsympathisch daherkommt, bei Fragen allerdings schnell ins Schwimmen gerät („Wo befindet sich in Österreich denn die Thermenregion?“ „Öh. Im Südosten?“). Und der, das ist vielleicht wirklich ein echter Minuspunkt, sehr sparsam ausschenkt. Fünf Gläser sind schon eine ganze Menge, viel mehr hätte ich unter Genussgesichtspunkten auch nicht vertragen, aber: Wir waren auch schon bei Menüs, bei denen uns ein Nachschenken angeboten worden war. Immer wieder. Hier: nichts.

Disclaimer: Dieser Restaurantbericht ist rein privat. Es gab keinerlei Zuwendungen, weder finanzieller noch anderer Art, nicht von Rindchens Weinkontor, nicht vom Restaurant Tschebull, nicht von den genannten Winzern. Die Verlinkungen sind zur Information gedacht, nicht als Werbung.

23. Oktober 2013 · Kommentare deaktiviert für Ein digitales Stöckchen · Kategorien: Daddeln · Tags: , ,

Ich bekam ein Stöckchen zugeschmissen. Von Mark. Und weil ich, wie man seit einer Woche weiß, ein großer Freund der Stöckchenkultur bin, beantworte ich das natürlich. Allerdings geht es um Digitales, und ich bin ja so ein late adopter. Hm. Ach, ich tue, was ich kann.

1. Wie lautete dein allererster Tweet?

Da geht es mir wie Mark: My First Tweet findet mich nicht, ich bin anscheinend nicht existent. Aber wahrscheinlich habe ich damals einfach etwas unglaublich Unspektakuläres geschrieben. „Hallo, bin jetzt auch bei Twitter. Vielleicht #folgt mir ja jemand?“ oder so.

2. Was ist das Böseste, was du über die digitalen Medien je gedacht, gesagt oder geschrieben hast?

Ach, ich fürchte, wenn ich auf SpOn oder noch schlimmer auf Welt Online die Kommentarspalten lese, dann denke ich häufig, dass die Welt besser wäre, wenn es keine digitalen Medien geben würde. Reinhard Wengierek zum Beispiel hat am Montag in der Welt einen eigentlich sehr guten Nachruf auf den Theaterregisseur Dimiter Gotscheff geschrieben, und irgendein legasthenischer Trottel (und Trottel bezieht sich nicht auf die schlimme Rechtschreibung, für die der Autor womöglich nichts kann, sondern auf den Inhalt) musste diesen Text kommentieren mit:

Wer bitte ist das. ??? Noch nie von dem gehoert. Ich lese nur Russe.(Anmerkung: Gotscheff war gebürtiger Bulgare. Depp.) naja das sagt alles. So was muss man nicht kennen.

Der Kommentar übrigens wurde mittlerweile gelöscht. Ich denke tatsächlich, dass die digitalen Medien die ekligsten Charakterzüge im Menschen hervorbringt. Aber gleichzeitig sind sie auch unglaublich spannend, an anderen Orten.

3. Kannst du noch offline sein?

Die schöne, kluge Frau sagt: nein. Ich fürchte, sie hat womöglich recht. Aber tatsächlich ist sie auch ständig online.

4. Eine Erfindung (außer Zeitreisen), die fehlt?

Eigentlich wrde doch schon alles erfunden, was wirklich wichtig ist, oder? Rad, Antibabypille, Aufzüge, was brauchen wir denn noch? Jetzt liegt es nur noch an uns, glücklich zu werden.

5. Google+ kann man getrost verlassen, oder?

So, wie sich Google+ gerade zeigt: ja. Es ist einfach praktisch niemand da, und diejenigen, die da sind, sind gleichzeitig auch bei Facebook und Twitter. Ich denke, das größte Problem ist, dass sich das Prinzip von Google+ nicht spürbar von demjenigen Facebooks unterscheidet – weswegen soll also die große Masse zu Google+ wechseln? Weil Google ein sympathischeres Unternehmen als Facebook ist? Haha. Aber: Womöglich ändert Google+ ja irgendwann einmal seinen Charakter – und dann könnte das durchaus nochmal spannend werden. Wenn dort etwas geboten wird, was Facebook nicht abdeckt.

6. Wie lässt sich der digitale Graben überwinden?

Was Mark sagt: in der Schule. Was meiner Meinung nach nicht wirklich ein Problem sein dürfte, das größere Problem ist, dass die Infrastruktur bereitgestellt werden muss, mit der der Graben überwindet werden kann. Ich fürchte, da muss sich erst einmal jemand finden, der das macht – die Privatwirtschaft jedenfalls wird es nicht sein.

7. Drei Twitter-Accounts, denen man unbedingt folgen sollte?

Ich bin gar nicht so wahnsinnig aktiv auf Twitter, dass ich da einen sinnvollen Ratschlag geben könnte. Jedenfalls freue ich mich immer über Tweets von @medienfront, @MichPant und @zeitrafferin.

8. Das beste Buch über das Digitale, das du je gelesen hast?

Ich lese Bücher eigentlich analog, und in denen geht es dann in der Regel um Sozialismus, um Sex oder um Lebenskrisen. Um Digitales geht es meistens gar nicht.

9. Hast du eine anonyme Alternativ-Identität im Netz?

Nein. Wenn man die eigenartige Mischung aus Pseudonym, Bierlaune und Kosenamen ignoriert, die „Zahnwart“ darstellt.

10. Welchen Twitter-Crush würdest du gerne mal kennenlernen?

Das werd‘ ich hier gerade verraten.

Natürlich darf sich das Stöckchen nehmen, wer will. Interessiert bin ich immer, tatsächlich eine Antwort erbeten würde ich allerdings von Ninia LaGrande, weil, die ist, soweit ich weiß, digital überaus kompetent.

16. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für Vergiss die Frisur. Vergiss die Klamotten. · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , , ,

Im Kino gewesen, den wunderbaren norwegischen Film „Sønner av Norge“ von Jens Lien gesehen: Coming of Age, die Geschichte einer Punkjugend im Osloer Vorort, Ende der Siebziger. Was mich anfasst: Aus dem Vorort komme ich auch. Und als Punk verstand ich mich ebenfalls, als Jugendlicher, ach was, als Punk verstehe ich mich eigentlich immer noch. Wobei, was ist das eigentlich für mich, Punk?

Vergiss die Frisur. Vergiss die Klamotten. Punk ist jedenfalls nicht: eine Entscheidung bezüglich des Stylings.

Irgendwie Linkssein hilft. Ich meine, Punks sind von ihrem Selbstverständnis Anarchisten, da passt eine linke Agenda nicht wirklich zu. Andererseits: Solidarität, Antikapitalismus, Internationalismus, Multikulturalismus gehören schon irgendwo zum Punksein, und das sind ja wohl linke Werte. Man muss vielleicht nicht gleich in eine Partei eintreten, Kassenwart werden. Höhö, Punk-Kassenwart.

Und wo wir schon bei Ismen sind: Sexismus geht grund-sätz-lich gar nicht. Punk mag ästhetisch dem Bild einer harten Maskulinität nahestehen, Chauvinismus aber steht dem oben angedeuteten Linkssein von Grund auf entgegen. Im sexualpolitischen Sinne ist Punk für mich queer.

Musikalisch ist Punkrock natürlich eine recht öde Angelegenheit. Ästhetisch war die Verengung von Punk auf eine Musikrichtung eine Sackgasse, als ästhetische Bezüge sind mir viel wichtiger: Dada, Selbstironie, beißender Sarkasmus, ein spielerisches Anlehnen an DIY-Strategien. Mut, den Karren an die Wand zu fahren.

Punk ist antiautoritär. Was in der Konsequenz heißt: Punk kennt keine Stars, niemanden, zu dem ein Aufschauen lohnen würde. John Lydon: ein mäßig begabter Maler und Popmusiker, ein recht heller Kopf, jemand, mit dem ich gerne mal ein Bier trinken würde. Joe Strummer: ein verhinderter Rock’n’Roller, ein Sozialdemokrat, jemand, mit dem ich gerne mal über Widerstandsstrategien diskutieren würde. Helden sind das alles keine.

Widerstand. Ich rate vom offenen Kampf gegen das System ab: Das System ist grundsätzlich stärker, die haben auch die bessere Bewaffnung. Trotzdem, auf keinen Fall darf man sich mit dem System gemein machen. Die, die vom System ausgenutzt werden, bekommen mein Mitgefühl, die, die das System nutzen, die oben schwimmen, bekommen meine tiefe Verachtung. Sorry, mehr ist nicht drin.

Regeln brechen. Regelwerke sind das Gegenteil von antiautoritär. Diese Liste: ein Schwachsinn.

(Und jeder Punk, der mir sagt: Du gehörst nicht zu uns, der hat recht. Und gleichzeitig hat er unrecht. Denn Punk, das ist keine Gemeinschaft, zu der man gehören kann oder nicht. Punk führt seine eigenen Ausschlussmechanismen ad absurdum, wie Punk jeden Mechanismus abstößt. Gott, ist das schön.)

27. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Männer und Bälle: Ein Astra, bitte · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , ,

„Eigentlich wollte ich mir das Deutschlandspiel bloß in der Kneipe um die Ecke anschauen. Da ist so ein Sportplatz, und die haben ein Vereinslokal. Ich also rein, natürlich erst gefragt, ob ich als Nichtmitglied überhaupt gucken dürfte, die waren aber ganz freundlich und meinten, klar, setz‘ dich. Da dachte ich mir schon, oh je, alles voller Deutschlandfähnchen, und die hatten auch alle diese blöden Hütchen auf. Aber wo ich schonmal da war, bestellte ich

– Ein Astra bitte.

Sofort wurde es ganz still in der Kneipe, und ein Typ fragte drohend

– Sachma, bissu ne Zecke oder was?

Ich hab das erst überhaupt nicht kapiert, ich wollte doch nur ein Astra. Aber gleich nochmal

– Bissu ne Zecke oder was? Wo kommst du überhaupt her? Du kommst doch sicher aus St. Pauli, Schanze oder so.

– Nein, ich bin von hier, aus Altona.

– Bissu dir da ganz sicher?

– Ja sicher, ich bin vor ein paar Wochen hierher gezogen, um die Ecke, in die Michael-Müller-Straße. (Adresse verändert)

– Bissu dir da wirklich ganz sicher, dass du aus Altona bist? Ich bin mir da nämlich ganz und gar nicht sicher!

Ich habe dann nicht gesagt, dass ich eigentlich ganz woanders her komme und mir stattdessen ein Holsten bestellt, das geht ja auch. Und dann ging das Spiel los, und sofort fingen die an

– Boah, die Türkenschwuchtel wieder!

Ich habe versucht, da ein wenig klarzustellen, nämlich, dass besagter Spieler meines Wissens überhaupt nicht in der Türkei geboren sei, fand aber kein Gehör.

– Ach was, dassisne Türkenschwuchtel!

Alles in allem waren die aber alle total nett. Es gab dann noch eine Tombola, bei der ich echt je-des-mal verloren habe, eine Niete nach der anderen. Während die anderen ständig gewonnen haben, immer diese blöden Deutschland-Hüte. Einer hatte mindestens drei Hüte auf, weil er die alle gewonnen hat. Doch, die waren wirklich echt nett.“

(Aufgezeichnet aus der Erinnerung)

31. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Porno! Schlimm! Verboten! · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , ,

Ich brauche mich nicht zu beschweren. Wenn ich mich auf zwielichten Websites rumtreibe, wenn ich der Meinung bin, dass ein Freeware-Virenscanner und die Windows-eigene Firewall einen Rechner schon ausreichend schützen dürften, wenn ich in blöd antiamerikanischer Ignoranz Produkten aus dem Hause Apfel grundsätzlich die kalte Schulter zeige, dann brauche ich mich nicht zu beschweren, wenn über kurz oder lang ein böser Trojaner sich auf meiner Festplatte festsetzt. Und solange ich mich in der Rolle des Technik-Laien sonne, brauche ich mich auch nicht zu beschweren, wenn ich den Schädling selbst nicht mehr losbekomme und den Rechner entsprechend zum Computerladen schleppen muss, wo ich spöttisch gemustert werde, „Entschuldigung, ich habe mir einen Trojaner eingefangen, bitte helfen Sie mir“, um dann einen horrenden Stundenlohn abzudrücken. Ich bin ja selbst schuld.

Worüber ich mich aber beschwere, das ist die Argumentation, mit der der (sinnigerweise als „BKA-Trojaner“ bezeichnete) Trojaner an mein Geld will. Weil das Ding nämlich behauptet, dass ich mich auf pornografischen Seiten rumgetrieben hätte, was ja schon per se verwerflich ist, wenngleich nicht ganz klar wird, wie das zur Folge haben könnte, dass mein „Computersystem an eine kritsche Grenze angekommen“ ist, egal. Es geht hier nicht um Technik, es geht darum, dass der Virus einem ein schlechtes Gewissen einzuimpfen versucht, Porno!, Schlimm!, Verboten!, obwohl, ist Pornographie denn verboten? Egal. (Es gibt anscheinend auch eine Variante des Trojaners, die versucht, einem einzureden, dass das BKA den Rechner stillgelegt habe, weil auf der Festplatte schwarz gebrannte Software gefunden worden sei, was noch einen Tacken perfider ist, weil es sich dabei ja tatsächlich um eine Straftat beziehungsweise ein Vergehen handeln würde.) Die Computerkriminellen suchen sich also gezielt Opfer, die ein schlechtes Gewissen wegen ihres Verhaltens haben, Opfer, die sich ein paar nackte Brüste auf dem Bildschirm angeschaut haben und jetzt vor Angst zittern, weil sie entdeckt wurden. Was ein wenig an einen jungen Mann erinnert, der seiner Familie nach Jahren des Verdruckstseins gesteht, schwul zu sein, worauf die Familie ihn nach dem ersten Schreck anfleht, das Ganze bloß unter den Tisch zu kehren: „Lass das besser niemanden wissen!“ Womöglich fällt dem jungen Mann ein, dass Homosexualität straffrei ist, aber die Familie erinnert sich noch an die Adenauer-Jahre und lässt solche juristischen Feinheiten nicht gelten: „Das kann sich ganz schnell wieder ändern!“ Besser, man kehrt so ein verfehltes Begehren ganz tief unter den Teppich, besser man schämt sich auch ein wenig dafür, dass man ist, wie man ist, love the sinner, hate the sin. (Wobei mir S. vor kurzem einen Artikel zukommen ließ, der eben das beschreibt: wie Gesetze auf den Weg gebracht werden, die zwar nicht die Homosexualität als solche unter Strafe stellen, wohl aber das selbstbewusste Reden darüber, in Russland zwar, aber trotzdem.)

Solche Menschen sind die bevorzugten Opfer obiger Trojaner-Attacke. Menschen, die es ohnehin nicht leicht haben im Leben, Menschen, die sich ihrer Position in der Gesellschaft unsicher sind, Menschen, die sich dafür schämen, dass sie sind, wie sie sind. Und so etwas finde ich, tut mir leid, zum Heulen ungerecht. (Surprise: Kriminelle verhalten sich nicht gerecht!)

Wie hätte ich eigentlich reagiert, wäre ich tatsächlich über Pornoseiten gesurft (und nicht auf anderen, eigentlich viel peinlicheren Seiten)? Hätte ich den geforderten Betrag gezahlt, nur um hinterher den Trojaner natürlich nicht loszuwerden? Bin ich weniger typisches Opfer, nur weil ich (auf Grund der arg eigenwilligen Rechtschreibung auf der obigen Warnseite) recht schnell gemerkt habe, dass da etwas faul ist? Ich brauche mich überhaupt nicht weit aus dem Fenster zu lehnen. Und zu beschweren brauche ich mich auch nicht.

Edit: Eine weiter Infoseite mit Hilfsangeboten findet man hier.

06. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Die Hexe, die zwischen den Tannen lauert · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , , , , ,

Ich bin am Waldrand aufgewachsen. Der Wald roch, er war feucht und dunkel, und er war ein Spielplatz, ich hatte nie Angst vor dem Wald. Ich spielte im Wald, ich fuhr Schlitten, fing Kaulquappen, einmal bauten wir uns abseits der Spazierwege eine Hütte, unsere Eltern machten sich Sorgen, was wir nicht verstanden. Selbst als Teenager, wenn ich nachts nach Hause kam und durch den Wald ging, mein Fahrrad durch den Wald schob, beunruhigte mich das nicht. Man hörte von Jugendlichen, die im Wald lungern würden, man hörte von einer Vergewaltigung, letzten Sommer, auf dem dunklen Weg zur Fußgängerunterführung, es schreckte mich nicht. Der Wald war da, der Wald war in Ordnung.

Ich weiß nicht, wann das anfing, dass ich mich plötzlich im Wald gruselte. Vielleicht als T. während einer Party am Rande des Gießener Philosophenwaldes plötzlich in den Bäumen verschwand und nach ein paar Minuten wieder auftauchte, die Kapuze ins Gesicht gezogen, einen Stock schwingend, nur Grunzgeräusche ausstoßend? Und niemand traute sich, ihn anzusprechen, weil, klar, das war T., aber warum waren wir uns eigentlich so sicher? Wir kicherten. Oder fing das an, als ich das erste Mal „Blair Witch Project“ sah, das Dunkle, das Gegenstück zur Zivilisation, die Hexe, die zwischen den Tannen lauert? Oder Lars von Triers „Antichrist“? Plötzlich schnürte mir jedenfalls etwas die Kehle zu, am Waldrand, plötzlich nahm ich einen Umweg, um nicht zwischen die Tannen zu müssen, nachts. Ich habe nicht wirklich Angst im Wald, aber mir gruselt. Ein wohliger Grusel, keine nackte Furcht, der mich weiterhin begleitet. Und den ich immer wieder suche.

Der Wald hat sich nicht verändert, seit 40 Jahren. Der Wald ist immer noch feucht und ein wenig modrig, der Wald lebt irgendwie, und in ihm leben Rehe und Vögel und eigenartiges Gewürm. (In ihm leben sogar Wildschweine, auch wenn ich noch nie eines gesehen habe.) Im Wald kann man laufen und plötzlich feststellen: Das sieht hier alles gleich aus, genau an dieser Stelle war man doch schon einmal, vor drei Stunden, man ist im Kreis gelaufen, oder doch nicht? Lost in a forest, all alone.

Ich suche diese Situation, seit ich in der Stadt wohne. Der Stadt, in der es keinen Wald gibt, in der es andere, spannende Orte gibt, die ich keinesfalls missen möchte, nur eben keinen Wald. Ich finde diese Situation vor den Toren, in der Göhrde, im Harz, im Allgäu, es ist nicht gefährlich, aber plötzlich beschleicht mich doch das Gefühl: Was wäre, wenn jetzt die Dunkelheit hereinbrechen würde, wenn ich einfach nicht mehr herausfinden würde, aus diesen endlosen, immer gleich aussehenden Baumreihen? Manchmal suche ich dieses Gefühl auch virtuell, beim Spielen von S.T.A.L.K.E.R., da lüge ich mir natürlich in die Tasche, aber egal, trotzdem spüre ich den Grusel, durch eine entvölkerte Waldlandschaft zu gehen und zu wissen, es gibt zwar die Zombies und die Mutanten und die verfeindeten Banditen, aber der wirkliche Gegner ist die Natur. Die abwesende Natur, die zerstörte, vergewaltigte, verschobene Natur, die sich ganz grauenhaft rächt für das, was man ihr angetan hat. Der feuchte, lebendige Wald.

Die schöne, kluge Frau ist skeptisch, was diese ganze Bloggeschichte angeht. Blogs seien eigentlich nur etwas für Leute, die ein unglaublich spannendes Leben führen würden, wer nichts Spannendes erleben würde, der brauche, nach Meinung der schönen, klugen Frau, auch nicht zu bloggen. Außerdem würde man durch Blogs immer wieder auf die Differenz zwischen dem eigenen, langweiligen Leben und dem spannenden, berichtenswerten Leben des Bloggers hingewiesen, was in letzter Konsequenz demütigend sei.

Ich bin mir nicht sicher. Natürlich gibt es Blogs, die auf der Sensation des Erlebten aufbauen, Isabel Bogdans Serie „Sachen machen“ etwa (die ich gar nicht mehr als Blog bezeichnen würde, sondern eher als eine Art literarischen Onlinejournalismus, wenngleich sie ihren Ursprung zweifellos im Bloggen hat), Meike Winnemuths wunderbare Weltreise. Aber wenn die Lehrerin Frl. Krise Alltagsgeschichten aus ihrem Berufsleben erzählt, dann ist da doch nichts Sensationelles dabei? Oder wenn die Prenzlbergbewohnerin Modeste ihr Leben in der Bionade-Bohème beschreibt? Oder wenn Anke Groener ins Stadion geht? (Ich verweise ausschließlich auf Frauenblogs, fällt mit gerade auf. Ich muss meinen Blick ein wenig weiten, Vorsatz für die nächsten Wochen!) Nein. Und wenn ich beschreibe, wie es war, neulich, bei derundder Vernissage, dann ist das doch auch keine sensationelle Abendgestaltung, dann ist das doch einfach nur das Beschreiben eines Lebens, das jeder, den es interessiert, einfach nacherleben kann. Was ich an Blogs so mag: Sie scheren sich nicht um Berichtenswertes, sie halten einfach drauf, ein paar Interessierte werden sich schon finden. (Und wenn nicht, dann ist es auch kein Beinbruch.) Man könnte auch sagen: Ein gutes Blog entdeckt das Sensationelle im Alltäglichen.

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes erzählen.

Antje Schrupp veröffentlichte gestern einen klugen Artikel zum Verhalten (bzw. eher zum Nicht-Verhalten) in sozialen Netzwerken. Sie beschrieb dabei das Treffen mit einer entfernten Bekannten, die zwar einen Facebook-Account habe, den aber praktisch nicht nutze.

Sie sagte Ja, sie sei bei Facebook, da komme man ja nun heutzutage nicht drum herum. Allerdings würde sie dort keine Informationen von sich preisgeben, man wüsste ja, dass damit schreckliche Sachen gemacht werden. Die meisten Leute wären doch viel zu leichtfertig und würden jeden Unfug da hinschreiben. Außerdem wären das alles Angeber und Wichtigtuer und Selbstdarsteller.

So etwas höre ich häufig, und natürlich fühle ich mich angegriffen. Und stelle mir darauf Fragen: Bin ich ein Wichtigtuer und Selbstdarsteller? Bin ich egozentrisch? „Dich interessiert doch nicht, was du erlebst/nur das, was du davon erzählen kannst“, singt Jochen Distelmeyer, es ist nicht schwer, „erzählen“ durch „bloggen“ zu ersetzen. Andererseits muss man auch Jochen Distelmeyer nicht alles glauben, man kann auch fragen: Was ist eigentlich schlecht daran, etwas zu erzählen? Was ist schlecht daran, auf Facebook ein niedliches Hundefoto zu posten, ein paar nette Menschen finden es süß und klicken auf „gefällt mir“? (Zum Beispiel das: dass das Leben nicht nur aus niedlichen Hunden besteht, bei der selektiven Auswahl an präsentierten Fotos aber genau dieser EIndruck entstehen könnte.)

Das Web 2.0, namentlich Facebook, ist in seinen Grundzügen all das, was ich (und auch andere, zum Beispiel Leo Leowald) nicht gut finde. Eine Massenbewegung. Uramerikanisch. Zutiefst kapitalistisch. Ich weiß, dass ich mit jeder Statusmeldung mein Profil genauer ausdifferenziere und damit Mark Zuckerbergs Reichtum ein Stück weit mehre. „If you’re not paying for it, you’re not the customer; you’re the product being sold“: Natürlich macht Facebook die Daten, die ich alltäglich hinterlasse, irgendwie zu Geld, übers Marketing, aber auch auf anderen Wegen. Weswegen stand ich neulich eigentlich so ewig lange am Sicherheitscheck im Flughafen, weswegen wurde mein Gepäck wieder und wieder durchleuchtet? Jetzt bloß nicht paranoid werden. Die anderen Gegenargumente gegen Facebook, na gut, es ist schon ein amerikanisches Unternehmen, allerdings ist die „Friends“-Oberflächlichkeit in meinen Augen ja wohl der sympathischste Charakterzug US-Amerikas überhaupt. Und es ist eine Massenbewegung, okay, die S-Bahn ist ebenfalls eine Massenbewegung, und trotzdem fahre ich jeden morgen mit ihr zur Arbeit. Es hilft nichts: Da einzige, was man wirklich gegen Facebook vorbringen kann, ist die Tatsache, dass die unsere Daten grundkapitalistisch motiviert nutzen, und wir gar nicht genau überblicken können, wie diese Nutzung tatsächlich vonstatten geht. Das ist das einzige, aber es ist so wichtig, es sticht eigentlich alle anderen Argumente.

Ich aber, ich mag meinen Facebook-Account trotzdem. Weil Facebook ein leidlich funktionierendes Tool ist, um unverbindliche Freundschaften aufrechtzuerhalten (und, hey!, ich stehe auf unverbindlich!). Weil ich über Facebook immer wieder Leseempfehlungen bekomme, die mich weiter bringen. Wegen der niedlichen Hundefotos. Und weil es Spaß macht, immer wieder meinen Senf zu Diskussionen zu geben, die irgendwo aufpoppen, unerwartet.

Und deswegen nervt es mich, wenn Leute, mit denen ich gerne Hundefotos teilen würde, nicht auf Facebook sind, schlimmer: Wenn diese Leute sich auch noch etwas darauf einbilden, nicht auf Facebook zu sein. Ich weiß, dass das blöde ist, es gibt ja wirklich genug gute Gründe, Facebook zu boykottieren. Mich ärgert es trotzdem.

22. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für Nazi-Vampire auf Lesbos · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , ,

Geträumt: Ich bin zur Pressevorführung eines Fernsehfilms eingeladen. Der mdr hat Imageprobleme und sich deswegen mit einem griechischen Fernsehsender zusammengetan, auch der griechische Ruf ist ramponiert, also will man gemeinsam einen Film produzieren. Man engagiert Doris Dörrie, die zusammen mit einem griechischen Regisseur (der während des gesamten Traums nicht auftaucht) dreht: ein Remake des B-Horror-Movies „Nazi-Vampire auf Lesbos“.
Die Pressevorführung findet auf einer Insel im Mittelmeer statt, in einem Luxushotel. Der Film ist ein Monumentalwerk, mehrere Folgen, die im Verlauf einiger Tage gezeigt werden, zwischendrin gibt es Fingerfood und mehrere umfangreiche Menüs, von denen ich detailliert träume. Außerdem sind auch Politiker und schwer bewaffnete Militärs anwesend, weshalb auch immer. „Nazi-Vampire auf Lesbos“ ist nicht nur monumental, der Film ist auch unvorstellbar langweilig, kein echter Trash, sondern Mainstream, der sich bemüht, Trash zu sein. Kein Wunder, bei dieser Regisseurin, denke ich und lächle Frau Dörrie zu, die sich eine Portion Krabbenschwänze vom Buffet holt.
Währenddessen tauchen am kleinen Hafen der Insel echte Vampire auf. Die Fischer nämlich führen Übles im Schilde, sie holen keine Fische aus der Ägäis, sondern Vampire, Zombies, andere Monster. Sie angeln nach ihnen mit lebenden Ködern, das heißt, sie nehmen Skipper gefangen, die an der Insel anlanden, und ziehen deren Körper mit Schnellbooten durchs Mittelmeer, Bikinimädchen meist, die über kurz oder lang übelst zerfleischt werden. Was die Fischer mit den gefangenen Monstern machen, träume ich nicht, egal, sie kommen auf jeden Fall an Land und dezimieren zunächst das Fischerdorf, dann die Presse- und Filmmeute, Doris Dörrie wird als erste gemeuchelt. Dann wache ich auf.

Film im Film im Traum, nicht unkompliziert verschachtelt, aber mit halbwegs postmodernem Rüstzeug problemlos durchschaubar. Möchte jemand die Filmrechte? (Ganz toll fände ich es, wäre Doris Dörrie selbstironisch genug, sich selbst zu spielen.)

Ein einziges Mal in meinem Leben bin ich auf einem Junggesellenabschied. C. will heiraten, ich kenne C. flüchtig, aber A. ist eng mit ihm befreundet, und weil ich bei A. in Dortmund zu Besuch bin, fahre ich mit. Die Brüder von C.s Braut (die ich überhaupt nicht kenne) haben einen Abend organisiert, das heißt, wir treffen uns am Düsseldorfer Hauptbahnhof und spazieren in die Altstadt, vier Jungs, eine Frau. Eine Kneipe nach der anderen, Kneipen, so touristisch und gewöhnlich, dass ich nie einen Fuß in sie gesetzt hätte, wir trinken Altbier um Altbier, später dann eigenartige Schnäpse, wir lachen und wir sind wohl auch ein bisschen doof. Am frühen morgen nehmen A. und ich die erste S-Bahn zurück nach Dortmund, wir kichern, die Fahrt ist lang, ich überlege, ob es eine gute Idee wäre, sich in die Bahn zu übergeben, ich verwerfe die Idee, irgendwann zwischen Essen und Bochum schlafe ich ein. Ein schöner Abend.

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Junggesellenabschiede. Ich habe ja nie verstanden, was das soll, so: ein Abschied von einem Lebensabschnitt, bei dem man bewusst entschieden hat, dass er nichts mehr für einen wäre. Wenn man diesen Abschied so schlimm findet, dass man ihm biersatt hinterherweinen müsste, dann kapiere ich nicht, warum man ihn überhaupt aufgibt, aber vielleicht fehlt mir hier ja nur der Sinn für Tradition. Ich kapiere ja auch nicht, weswegen man als unverheirateter 30-Jähriger ausgerechnet den Rathausplatz fegen sollte.

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Wir sitzen in der Mutter, eine größere Gruppe. Es ist spät, es ist verraucht, wir rufen quer über den Tisch, was machst du am Wochenende? Kichern, Brüllen, wer will noch ein Bier? Wir unterhalten uns über: Sternzeichen, Wohnungseinrichtung, weswegen kleine Schwänze besser sind als große, wir sind unglaublich peinlich. Gegen halb drei reiße ich mich los, gerade noch rechtzeitig, ich radle durch St. Pauli, und als ich zu Hause ankomme, singt ein Vogel unterm Balkon ohrenbetäubend. Ein schöner Abend.

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Ich will nicht den abstinenten Moralisten raushängen lassen, aber irgendwo ist das schon eindeutig: Unter Alkohol wird man ganz klar unangenehm für seine Mitmenschen. Und gleichzeitig ist auch eindeutig: Unangenehm, das sind immer nu die anderen. Man selbst ist nicht unangenehm, man selbst ist auf eine möglicherweise etwas zu laute Weise gelöst. Knackpunkt.

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Die schöne, kluge Frau und ich nutzen die ersten Sonnenstrahlen des Jahres und fahren am späten Sonntagvormittag zur Strandperle. Und schon auf der Fähre fallen sie uns auf, vier rotgesichtige Jungs, eine Tusse auf hohen Absätzen, einer brüllt. Ihr Fotzen! Kaum schaffen sie es vom Fähranleger ans Ufer, sie torkeln, einer hängt sich an die Tusse, einer brüllt, ihr Fotzen!, einer starrt übers Geländer ins Brackwasser, seine Augen sind weit aus den Höhlen vorgetreten. Sie haben etwas rotes über die Gesichter geschmiert, zuerst denke, dass das Blut ist, aber anscheinend ist es eher Lippenstift, der Breiteste von den Vieren trägt ein Shirt, auf das ungelenk „S. + A. – Schluss mit lustig“ gekritzelt ist. Schluss mit lustig. Auf dem Strandweg überholen wir die Gruppe, ich habe ein wenig Angst vor ihnen. Als wir an der Strandperle angekommen sind, schnappen sich die schöne, kluge Frau und ich einen Tisch im Sand und zwei Kaffee und beobachten, wie sie uns nachfolgen. Nach zehn Minuten haben sie uns erreicht, aber sie bleiben nicht stehen, sie stolpern einfach weiter, still, mit leerem Blick, elbabwärts. In eine Richtung, in der eigentlich nichts mehr kommt. Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube: Der Abend war nicht wirklich schön.

12. Dezember 2010 · Kommentare deaktiviert für Flogging a dead horse · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , ,

In der Schule waren das immer die Fiesesten: die gegenüber den Beliebten buckelten und gleichzeitig diejenigen traten, die ohnehin keine Freunde hatten. Kaum noch Freunde hat heute: Myspace. Myspace ist prollig, unübersichtlich, verspammt, grundsätzlich langweilig und außerdem von Murdoch. Beliebt hingegen ist Facebook. Jeder ist auf Facebook, Facebook macht Spaß, ist Telefon und SMS und E-Mail gleichzeitig, auf Facebook treffe ich Freunde, mache Statusmeldungen, chatte und spiele. (Und dass Facebooks Mark Zuckerberg vielleicht gar keine sympathischere Figur ist als Rupert Murdoch, verdränge ich erfolgreich.) Niemand mag Myspace, also, niemand von den Leuten, die ich mag. Und deswegen habe ich jetzt, endlich, meinen Account gelöscht und bin nur noch auf Facebook aktiv (und manchmal auf dem komischen Xing). Tschüss, Myspace.

Aber ganz kurz möchte ich noch daran erinnern, dass Myspace auch einmal ganz cool war, das nächste dicke Ding, ein Ort, an dem man spannende Entdeckungen machen konnte. Die Chicks on Speed erzählen davon, in „Myspace“ (2007).

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