23. Mai 2015 · Kommentare deaktiviert für Irland · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it

Ich schreibe jetzt keinen Blogartikel über Shitstorms und Mundverbieten und Leute, die nichts lernen wollen. Ich schreibe nichts über Irland und wie sehr ich mich darüber freue, dass die Menschen wohl gar nicht so blöde sind wie ihnen immer nachgesagt wird. Und ich schreibe nichts über westfälische Provinzblättchen, die eigentlich genau das schreiben, was wir von ihnen erwarten und die wir nicht einmal mit unseren spitzen, sorgfältig manikürten Conchita-Wurst-Fingern anfassen würden. Eigentlich ist ja schon alles gesagt.

Aber eine kleine Geschichte kann ich schon noch erzählen. Wie ich als kleiner Junge in der kleinen schwäbischen Stadt keine Schwulen kannte und keine Lesben und mir auch nicht vorstellen konnte, was die miteinander machen, Gott, wie alt war ich da, sieben, acht? Jedenfalls konnte ich mir unter praktizierter Sexualität rein gar nichts vorstellen, von homo- so wenig wie von heterosexueller, wewegen auch? Im Fernsehen jedenfalls lief ein Film, in dem ein schwules Paar auftauchte, und meine Mutter versuchte mir zu erklären, was ich da sah: „Also, es gibt auch Männer, die sich nicht in Frauen verlieben, sondern in andere Männer …“ Und ich so, vollkommen desinteressiert: Ja, warum denn auch nicht? Thema erledigt, Kinder sind wahrscheinlich ziemlich pragmatisch und kapieren: Wenn zwei Leute sich gern haben, dann wird das schon in Ordnung sein.

Zweite Anekdote. Ein breitbeiniger Mitschüler: „Die schwule Sau …“ Undichso: „Was hast du gegen Schwule?“ Er: „Nix. Aber in Ordnung ist das nicht, was die machen.“ Ich: Was ist nicht in Ordnung?“ Er: „Naja, die Natur hat das ja nicht so vorgesehen.“ Ich: „Die Natur hat auch nicht vorgesehen, dass du eine Brille auf der Nase hast. Aber mit Brille ist wahrscheinlich doch besser als ohne, oder?“

17. Dezember 2014 · Kommentare deaktiviert für Dresden · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: ,

Und irgendwann muss sich die CDU dann schon fragen, warum sie damals mit Schill ins Bett stieg, warum sie sich im apokalyptischen Ton auf ihr christliches Wertesystem berief, warum sie einen Mike Mohring in ihren Reihen duldete, mit seinen „guten Kontakten“ zur AfD.
Und irgendwann müssen sich die Grünen fragen, waum sie immer wieder gemeinsame Sache machten mit dieser CDU, in Hamburg als Nachfolger Schills, im Saarland, in Hessen, irgendwann wahrscheinlich in Baden-Württemberg.
Und irgendwann muss sich die SPD fragen, weswegen sie glaubte, dass ein Thilo Sarrazin in ihren Reihen zu Hause sein könne. Und weswegen sie jahrelang die strukturellen linken Mehrheiten nicht nutzen wollte.
Und die FDP muss sich dann fragen, weswegen sie mit ihrem andauernden Gewäsch von der „Sozialdemokratisierung der Union“ die Tore nach rechts weit aufgerissen hat.
Und schließlich muss dich die Linke fragen, ob Montagsdemos und Lustfeindlichkeit und Putinbegeisterung tatsächlich linke Tugenden sind, Dieter Dehm, Sarah Wagenknecht.

Das muss man irgendwann schon fragen.

Rechts und Links geben sich die Hand. Sie finden nicht fair, dass der Westen auf Putin einprügelt: Putin, das ist doch ein Guter, einer, der auf den Tisch haut, bei dem Frauen noch Frauen sind, der dem ganzen Gesocks, den Schwulen und den Muslimen, nicht alles durchgehen lässt, so sagen die Rechten. Putin wird vom Westen unfair behandelt, so sagen die Linken, und das hatten wir ja schonmal, dass Russland beziehungsweise die Sowjetunion das Reich des Bösen war. Und dann geben sich Rechts und Links die Hand und organisieren eine Montagsdemonstration.
Ich bin anfällig. Ich finde auch, dass Putin unrecht getan wird, ich meine, mir fehlt ein Stück weit der Überblick, aber wenn in Kiew ein Bürgermeister Klitschko gemeinsame Sache macht mit der Swoboda-Partei, deren Programm im Grunde einen Genozid an der russischen Minderheit in der Ukraine vorsieht, dann kann man nicht guten Gewissens sagen, dass es in der Ukraine-Krise einen eindeutigen Schuldigen gebe, und der hieße Putin. Außerdem, ja, der unkritischen Westorientierung der Bundesrepublik stehe ich auch kritisch gegenüber.
Aber.
Ich bewege mich hauptsächlich in einem Umfeld, das Kultur heißt. Und in der Kultur bringt diese Westorientierung ziemlich viel Gutes mit sich: britische Popmusik. Französisches Kino. US-amerikanische Fernsehserien. Belgisches Tanztheater. Die Westorientierung ermöglicht sogar noch mehr, ostasiatische Actionfilme, westafrikanischen HipHop, arabische Küche, japanische Pornografie, es ist alles da, und ich möchte nichts davon missen. Den rechten wie linken Russlandfans ist das hingegen völlig egal, die wollen ihre klar hierarchisch strukturierte Welt, und gut ist.
Es ist okay, den Westen kritisch zu sehen. Es ist okay, zu sagen, dass Russland nicht das Reich des Bösen ist. Es ist vor allem auch okay, wirtschaftliche Alternativlosigkeiten zu hinterfragen. Aber nicht an der Seite der rechtslinken Querfrontler, nicht an der Seite von Elsässer, Jebsen, nicht an der Seite von Muslimfeinden und Israelhassern und selbsternannten Querdenkern. An denen nichts wirklich links ist und fast alles dafür stockrechts.

Ich bin immer nur in Städte gezogenen, in denen ich ein Jobangebot hatte. Ich habe mir nie Arbeitgeber ausgesucht, die Arbeitgeber haben sich immer mich ausgesucht. „Gehe dorthin, wo du dich wohlfühlst!“ ist eine Lüge, ist die Illusion, es würde einen echten Wettbewerb geben, Arbeitgeber und Arbeitnehmer würden sich auf Augenhöhe gegenüber stehen. Das ist aber nicht so.
Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind Goliath und David, sind ungleiche Gegner. Arbeitgeber sind in der Lage, Arbeitnehmer zu zwingen: „Du! Ziehst nach München! “ „Du! Neubrandenburg!“ „Und für dich haben wir überhaupt keine Verwendung mehr!“ Wenn jemand glaubt, er könne nur in Berlin leben, dann zeigen ihm die Arbeitgeber sehr schnell, dass das nicht stimmt. Zu sagen: „Nö, mach‘ ich nicht, sucht euch jemand anders, der nach Rottweil zieht“, ist faktisch unmöglich. Und das wissen die Arbeitgeber.
Solidarische Grüße an die Lokführergewerkschaft GDL. Es ist richtig, aufzumucken, immer mal wieder.

21. Juni 2014 · Kommentare deaktiviert für Die dumme, dumme Seilbahn · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , ,

Sie planen jetzt also eine Seilbahn. Über die Elbe. Ach, wer bin ich, dass ich den Leuten den Spaß verderbe, sollen sie ihre Seilbahn bauen, sie wird hässlich aussehen, aber was sieht nicht alles hässlich aus in dieser Stadt? Würde es nach mir gehen, würde die Seilbahn nicht gebaut, aber ich bin auch nur einer von 289876 Einwohnern in Hamburg-Mitte, viel zu sagen habe ich nicht, vergleichsweise. Ich werde beim Volksentscheid im August meine Stimme abgeben, gegen die Seilbahn, das ist meine demokratische Pflicht.

Was ich aber nicht aufhören werde, ist: mich darüber zu ärgern, für wie blöde einen die Seilbahn-Befürworter halten, die Musicalbumsbetreiber Stage Entertainment am südlichen Elbufer. Behaupten, dass die Seilbahn doch ein Geschenk sei, ganz uneigennützig, für die Bürger der Stadt. Und diesen Ärger habe ich vorgestern auf Twitter formuliert. So:

 

Und auf diesen Tweet hat sich dann ein Befürworter der Seilbahn gemeldet. Ich habe mir länger überlegt, ob ich den Tweetdialog öffentlich machen sollte, aber, mal ehrlich, das ist Twitter, nicht Facebook oder Mail, das ist öffentlich! Als ob man auf einer Bühne stehen würde, um lautstark zu streiten! Deswegen muss der Herr B. jetzt auch damit leben, dass ich seine irrsinnige Argumentation in die Helligkeit dieses Blogs zerre – er hat das Ganze ja schon exponiert, indem er mir geantwortet hat. Außerdem bette ich seine Zitate nur ein, sollte ihm also plötzlich peinlich sein, was für einen Blödsinn er verzapft hat, kann er sie auf Twitter einfach löschen, dann verschwinden sie auch hier. Falls er kapiert, wie das geht. Seilbahn-Fans, kapiert ihr das?

 

 

Oh, also wird schon davon ausgegangen, dass das Ganze vielleicht doch kein Geschenk ist?

Oh ja, Hamburg ist natürlich eine ganz schlimme Stadt, die den Touristen rein gar nichts bietet. Nicht einmal einen begehbaren Fernsehturm. Und außer Fernsehtürmen und Seilbahnen gibt es ja gar keinen Grund, eine Stadt zu besuchen.

Das ist der Moment, an dem man merkt: Herr B. hat keinen Bock mehr, weiter zu twittern. Jetzt schimpft er nur noch.

… und kurz darauf bricht er die Diskussion auch ab. Nicht ohne mir noch einen mitzugeben: Ich argumentiere kleinbürgerlich. (In der Bezirksversammlung haben sich übrigens CDU und AfD in trauter Einigkeit für die Seilbahn ausgesprochen, SPD, Grüne und Linke sind dagegen. Soviel zu „Kleinbürger“.)

Ein paar Stimmen mit weniger Schaum vor dem Mund: Erik Hauth begründet in der Zeit seine Ablehnung des Vorhabens. Hamburg-Mittendrin stellt die Meinungen von Befürwortern und Gegnern einander gegenüber. Die Planer haben eine schicke Pro-Propaganda-Seite gebaut. Und auch die Gegner sind online.

Igitt.

Igitt.

Sie haben es wieder getan. Die Bild, jenes Tageszeitungssurrogat für unausgelastete Rechtspopulisten, hat wieder eine Gratisausgabe (die nicht gratis ist, weil wir alle sie über die Anzeigenkunden refinanzieren) produziert, diesmal anlässlich der Fußball-WM (was ein ziemlich bezeichnendes Licht darauf wirft, auf welche Zielgruppe dieses Event abzielt). Und wie schon hier und hier möchte ich die Inhalte dieser sogenannten Zeitung keines Blicks würdigen, sondern einfach mal schauen, wer in dieser Ausgabe inseriert hat. Damit ich weiß, durch welches Kaufverhalten ich zukünftig den springerschen Hass finanziere. Beziehungsweise: Damit mir klar ist, durch welches Kaufverhalten ich ebendas nicht mehr mache.

WhatsApp beziehungsweise Preis24.de

Die Deutsche Bank (bei der ich schon lange kein Konto mehr habe. Ich weiß, mein kleines Gespare ist ein Tropfen auf dem heißen Stein)

BMW

Vodafone (Dieser Blogpost wird über einen bestimmten Provider ins Netz gestellt, und dieser Provider heißt … Vodafone. Mist)

Lidl beziehungsweise deren Eigenmarke Cien

Media Markt

Sky (Okay, das passt wenigstens zum Thema)

Deutsche Post (Gleich zwei Anzeigen. Kann man die eigentlich irgendwie umgehen?)

Rewe (Ist hier leider Gottes der nächste Supermarkt)

Das wars dann schon. Immerhin: Weniger als zuletzt.

Ich ging in Baden-Württemberg zur Schule. Baden-Württemberg, Lothar-Späth-Land. Baden-Württemberg, dem Land, in dem ein Gerhard Mayer-Vorfelder Kultusminister sein durfte. Baden-Württemberg, dem Land, das sich einen rechtsoffenen Think Tank namens Studienzentrum Weikersheim leistet. Baden-Württemberg, dem Land, in dem eine Annette Schavan nicht fürs Amt der Ministerpräsidentin kandidieren durfte, nicht, weil schon damals Zweifel an Schavans Doktorarbeit aufgekommen wären, sondern weil es da ungeklärte Familienverhältnisse gab, und so jemanden könne man vielleicht dem Stuttgarter Bildungsbürgertum zumuten, nicht aber „dem durchschnittlichen Schwarzwaldbauer“.

Vielleicht ist letzteres aber auch gar nicht so schlecht. Weil Schavan zurückstecken musste, wurde nämlich Stefan Mappus nächster Ministerpräsident, und der benahm sich so unmöglich, dass erstmals seit 1949 eine CDU-Regierung in Baden-Württemberg in die Opposition gewählt wurde. Die neue grün-rote Regierung ist zwar so ultrabürgerlich, dass es mich schon wieder schüttelt, aber immerhin hat sie einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, in dem gefordert wird, die Aufklärung über sexuelle Vielfalt im Schulunterricht zu verankern. Einen Gesetzentwurf, der von konservativer und religiöser Seite pawlowsch angegriffen wird: Die herausgehobene Stellung von Ehe und Familie werde hier untergraben, man müsse sich heutzutage ja schämen, wenn man heterosexuell sei, und überhaupt habe man ja nichts gegen Schwule, aber. (Ich habe bei den Flâneuren schon einmal etwas über diese Argumentationsketten geschrieben.)

Ich weiß, was für einen Unterricht die Gegner des Gesetzentwurfs wollen, ich habe ihn mitgemacht. Ich saß im Biologieunterricht, als das Thema „Abtreibung“ (es wurde immer nur von „Abtreibung“ gesprochen, die Formulierung „Schwangerschaftsabbruch“ tauchte nicht auf) lautete, ich saß da, als die technischen Details einer Ausschabung besprochen wurden, ohne ein Wort über den sozialen Hintergrund, ich saß da, als die Lehrerin Flugblätter austeilte, mit Fotos von abgetriebenen Föten, „ich zeig’ euch das ohne Kommentar, damit ihr das mal gesehen habt“, Splatter für Fünfzehnjährige. Und ich saß im Religionsunterricht, als Filme über „das Wunder der Sexualität“ gezeigt wurden, Filme, die klarstellten, dass dieses Wunder nur innerhalb der Ehe stattzufinden habe: Ein junges Mädchen war da zu sehen, das einen Freund hatte, aber mehr als Knutschen war nicht, und als er doch mehr wollte, wies die Heldin ihn zurück, worauf er sich von ihr trennte. Traurig, erstmal. Auf lange Sicht wurde das Mädchen aber glücklich, mit einem neuen Freund, der warten wollte, während der stürmische Typ am Ende Drogen nahm. (Wir mochten solche Filme, weil es in ihnen zumindest angedeutet Brüste zu sehen gab.) Was ich im Unterricht nicht erfuhr: dass es Homosexualität gab. Das Thema tauchte nicht auf, man wusste zwar, dass es Männer gab, die sich nachts am Rosengarten, oberhalb des Donauufers, trafen, aber das war nur eine düstere Subkultur, nichts, das mit unserer Welt zu tun hatte.

Ich verachte diese Schule. Ich verachte diesen Unterricht. Ich verachte die Lehrer, die damals für uns verantwortlich waren, ich verachte Sie, Frau Walther, ich verachte Sie, Herr Neher. Und ich verachte die Menschen, die heute die Petition „Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ unterschreiben.

26. November 2013 · Kommentare deaktiviert für Panzerknacker · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: ,

Ich habe ja nicht gedient. War mir immer zuwider, die Vorstellung: einen Finger krumm zu machen für diesen Staat, für das Schweinesystem, für diese Bundesrepublik Deutschland.

I got a letter from the government, the other day / I opened and read it, it said they were suckers / they wanted me for their army or whatever / Picture me givin‘ a damn / I said ’never!“

Public Enemy, Black Steel in the Hour of Chaos

Damals gab es noch Systemalternativen, wenn auch in Auflösung begriffen, ich denke aber nicht, dass mir der Kampf für diese Alternativen sympathischer gewesen wäre als der Kampf für Marktwirtschaft und Westen. Hätte mich jemand gefragt, ob ich bewaffnet gegen das System der Bundesrepublik kämpfen würde, ich hätte wohl ebenso ablehnend reagiert. Ich mochte einfach keine Soldaten. Was meine einzige Rettung vor dem Argument war, dass die Bundeswehr sicherstellen würde, dass jemand, der diesen Staat ablehnt, das auch sagen dürfe. (Es war diskurstheoretisch ziemlich fies, solche Argumenten Sechzehnjährigen an den Kopf zu schmeißen, damals im Germeinschaftkundeunterricht. Ein Staat, der es nötig hat, Sechzehnjährige mit Diskursen zu überfahren, mit denen sie intellektuell noch gar nicht umgehen können, ist nicht schützenswert, das hätte man damals dem Lehrer an den Kopf schmeißen sollen. Niemand schmiss ihm irgendetwas an den Kopf, stattdessen ging ungefähr die Hälfte meines Jahrgangs nach dem Abitur zum Bund, und die andere Hälfte diente als Zivi, so sah es aus.) Ich aber mochte einfach keine Soldaten, das schützte mich, das schützt mich heute nicht mehr, wenn ich sage: Eigentlich war es historisch gesehen schon ganz gut, dass die Rote Armee Soldaten hatte, als die Wehrmacht vor Stalingrad stand. Meine Argumente stehen auf tönernen Füßen, aber ich kann mich ja auch nicht in jemanden verwandeln, der ich gar nicht bin.

Rückblick. Irgendwann Anfang der Achtziger, eine Kaserne auf der Schwäbischen Alb. Tag der offenen Tür: Mein Vater nimmt mich mit, mein Vater, der vor Jahren seinen Wehrdienst abgeleistet hatte, damals war das ja noch nicht so einfach mit der Verweigerung, und immer wieder betonte, wie doof, wie verschenkt er diese Zeit fand. Keine Ahnung, weswegen wir diese Kaserne besuchten, vielleicht war uns einfach langweilig. Vor der Kaserne: Pazifisten, die gegen diese Feier des Militarismus Flugblätter verteilen. In der Kaserne: Panzer, Sanitätsfahrzeuge, frisch geduschte Rekruten, die alles geduldig erklären. Und der kleine Falk, der auf einem Panzer rumklettert. Der im Panzer rumklettert. Der auf einem gläsernen oder porzellanenen Gerät rumklettert. Und der plötzlich von einem Uniformierten weggerissen wird. „Pass doch auf!“, brüllt der Soldat. „Jetzt ist das Ding da kaputt!“ Ich sehe nicht, was kaputt ist, anscheinend ist das gläserne Instrument im Panzer etwas extrem Sensibles, etwas, das in Stücke geht, sobald ein Zehnjähriger drauftritt. „Weißt du, was sowas kostet?“, brüllt er, anscheinend habe ich tatsächlich etwas kaputtgemacht.

Ich habe einen Panzer kaputtgemacht.

Ich glaube, mein Vater streitet später noch mit dem Uniformierten. Wahrscheinlich kommt der ihm gerade recht, ein Soldat, so ein Typ, der meinen Vater während des Wehrdienstes anbrüllte, und jetzt brüllt mein Vater eben zurück, aber stimmt ja auch: Wenn dieser Panzer so sensibel ist, weswegen lässt man ihn dann offen stehen? Weswegen darf ich da überhaupt ran, unbeaufsichtigt? Und andererseits: Wenn Zehnjährige in der Lage sind, Panzer kaputtzumachen, wie sollen diese Panzer unseren westdeutschen Wohlstand beschützen, vor den Russen? Mein Besuch bei der Bundeswehr endet in Geschrei, wer weiß, wahrscheinlich ist das näher am Kasernenalltag als das Frischgeduschte dieses Tags der offenen Tür, ich jedenfalls will da nicht nochmal hin, und ich gehe da auch nicht nochmal hin. Einmal noch zur Musterung.

Und dann nie wieder.

21. September 2013 · Kommentare deaktiviert für Die Liste der Schande (2) · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , , , , , , , ,
Das Drecksblatt sagt: "Geht wählen!" Man sollte morgen wirklich zu Hause bleiben.

Das Drecksblatt sagt: „Geht wählen!“ Man sollte morgen wirklich zu Hause bleiben.

Morgen ist Bundestagswahl, da ist es eine gute Gelegenheit für das Fachblatt für „Angst, Hass, Titten und Wetterbericht“, einen schon einmal erprobten Marketinggag neu aufzulegen: Der Axel-Springer-Verlag verteilte heute eine Ausgabe seiner Zeitungsimitation Bild an alle deutschen Haushalte. Ungefragt. Und „gratis“. Gratis in Anführung, also, nicht als Geschenk, der Verlag macht über Werbeeinnahmen ein gutes Geschäft mit solch einem Machwerk, und diese Werbung bezahlen wir über erhöhte Produktpreise entsprechend mit. Aber im Gegensatz zur Jubiläumsausgabe vor 15 Monaten, deren Inhalte sich ausschließlich darum drehten, was für ein geiles Produkt Bild doch sei, ist die heutige Ausgabe tatsächlich politisch. Nicht mit dem Holzhammer, es geht nicht darum, dass ungeschminkt Werbung für Schwarzgelb gemacht wird, eher in dem Sinne, dass die Publikation Werbung fürs Wählen an sich macht. Naja, weswegen nicht, Medien nehmen Teil an der politischen Willensbildung, und auch wenn sich mir der Magen rumdreht beim Gedanken daran, dass die Bild sich als Medium bezeichnet, kann ich das noch irgendwie goutieren. Weniger goutieren kann ich die Art, wie hier üpberparteilich getan wird, weniger goutieren kann ich die Hybris, mit der die Bild sich hier als etwas inszeniert, das sie nicht ist, nämlich als ernstzunehmende Stimme im politischen Diskurs, aber egal, ich lese den Dreck ja ohnehin nicht. Sonst wird mir wieder schlecht, ich bin ja so ein Sensibelchen.

Allerdings sollte man natürlich mal reinschauen, schon alleine, um zu sehen, welche Firmen das Geld übrig hatten, eine Anzeige in dem Machwerk zu schalten. Das hier ist kein Boykottaufruf, nein. Aber es schadet ja nichts, zu wissen, wem man solch einen Dreck verdankt. Und natürlich schadet es auch nichts, vor dem Supermarktregal zu überlegen: Wenn ich mir folgendes Produkt kaufe, dann gehen von dem Kaufpreis x Prozent an den Springerverlag, der dadurch die Möglichkeit hat, weiter seinen niveaulosen Hass, seine kleingeistige Dummheit in die Welt zu blasen – will ich das? Schadet ja nichts, da drüber nachzudenken.

Haribo. Die hatten schon vor 15 Monaten geschaltet, und tatsächlich schaffe ich es seither (fast) immer, deren Produkte liegenzulassen. Was schwierig ist, weil, manchmal schmecken die Konkurrenzprodukte einfach nicht so gut.)

Deutsche Bank. Ohnehin nicht das sympathischste aller Geldinstitute, wobei: Die anderen sind auch nicht viel besser. Maximilian Buddenbohm empfiehlt die GLS Bank, da hat er wohl recht, ich bin aber noch bei einem Großkonzern. Noch.

Opel. Fuhr ich früher mal. War ein Drecksauto.

Der Shoppingsender pearl.tv mit der mehr als obskuren „Initiative Wahlgeld“.

Die Deutsche Vermögensberatung. Ist für mich irrelevant, ich bin nicht vermögend, ich bin Journalist.

Stada, ein Arzneimittelhersteller. An dem ist im Falle eines Falles wohl kein Vorbeikommen, nur: Weswegen schaltet der dann eine ganzseitige Anzeige?

C&A. Da kaufe ich grundsätzlich nicht ein.

Der Briefmarken- und Münzversand Gavia. Eine Viertelseite? Solch eine Klitsche? Ich fass‘ es nicht.

Schon wieder ein Versandhandel, diesmal anscheinend Lebensmittel: Allyouneed.com.

Die Volks- und Raiffeisenbanken. Mein Vater arbeitete ja mal bei so einer, ich nahm immer an, unter den Banken seien das noch die Guten.

Die Bundesbank wirbt für die Umstellung von Kontonummer und Bankleitzahl auf IBAN. Mit anderen Worten: Wir finanzieren die Dreckspublikation Bild über unsere Steuergelder mit, ich mein‘ ja nur.

Rama. Hab‘ ich noch im Kühlschrank. Okay, ich esse die Packung noch auf, und dann wechsle ich zu einem anderen Margarinehersteller.

Mon Cheri. Matschige Kirsche umhüllt von Billigfusel umhüllt von noch billiger Schokolade. Nomnom.

Die Computer Bild, also: eine Springersche Eigenanzeige. Das freut mich, dass anscheinend nicht aller Anzeigenplatz verkauft wurde.

Wieder ein Versanddienst: meinpaket.de.

Lidl. Geschirrreiniger-Tabs von Somat sind im Angebot.

Netto. Ähnliche Baustelle.

Vattenfall, eine Hamburg-spezifische Anzeige: Der Stromversorger pumpt viel Geld in die Propaganda, dass die Bewohner meiner Stadt beim Volksentscheid morgen bloß nicht dafür stimmen, das Stromnetz zurück in die öffentliche Hand zu geben.

Fielmann. Wo ich mir nie wieder eine Brille kaufen werde.

Das ZDF. Wie würdelos.

Die gute Nachricht: Springer hat entschieden, die Hamburger Lokalausgabe der Bild demnächst in Berlin produzieren zu lassen. Das bedeutet, dass sich der Verlag nach dem Verkauf des Hamburger Abendblatts und diverser Zeitschriften vollkommen aus der Hansestadt zurückzieht – man läuft also nicht mehr Gefahr, Springer-Mitarbeitern auf der Straße, in der Bahn oder anderswo zu begegnen. Das ist schön.

Der etwas andere Wahlzettel: Einladung zur Olaf-Matzel-Ausstellung im Hamburger Kunstverein.

Der etwas andere Wahlzettel: Einladung zur Olaf-Metzel-Ausstellung im Hamburger Kunstverein.

Nicht wählen.

Weil man keine Lust hat, weil man sich nicht identifiziert, weil man keine Rechte gegenüber diesem Land, diesem Volk, diesem System hat, keine Rechte, keine Pflichten.

Wegen Merkel, wegen Trittin, wegen Steinbrück, wegen Rösler.

Nicht wählen, nicht wählen, weil.

Weil die Deutschen doch den Bach runter gehen sollen. Sollen sie doch AfD wählen, jedes Land hat die Politiker, die es verdient, und wenn Deutschland nicht Bernd Lucke verdient hat, wer denn sonst?

Nicht wählen: weil alles so hässlich ist. Die atemberaubende Hässlichkeit des Kapitalismus. Die Hässlichkeit dieser Visagen. Die Hässlichkeit des Feelgood, des Alles-wird-gut-Positivismus. Die hässlichen Menschen, die hässlichen Städte, die hässlichen Gedanken. Nur gute Nachrichten, Springerpresse, Schweine, Schweine.

Nicht wählen, weil, ich bin längst woanders.