Es kann einfach nicht jeder im Szeneviertel wohnen.

Es kann einfach nicht jeder im Szeneviertel wohnen.

Wenn es den Lobbyisten der Vermieter zu wohl wird, geben sie Interviews. In denen erzählen sie dann, dass es hierzulande ganz und gar keine Wohnungsnot gebe, dass im Gegenteil viel freie Wohnungen am Stadtrand zu haben seien, auch noch günstige, auf die Schnelle falle ihnen zwar keine ein, aber, dochdoch, die gebe es. Nur die Wohnungssuchenden, die seien eben viel zu versnobt und würden sich nicht dazu herablassen, eine Wohnung in Billstedt oder in Neuwiedenthal auch nur anzuschauen (dass es gute Gründe gegen Wohnen am Stadtrand gibt, auch jenseits der Versnobtheit, habe ich vor einem knappen Jahr schon einmal beschrieben). Und immer wieder kommt dann das gleiche Argument: “Ein Grundrecht auf eine Wohnung in der Schanze oder anderen Szeneviertel gebe es nicht” zitiert der NDR Axel Kloth, Verbandschef des Immobilienverbads Nord (IVD) anlässlich einer IVD-Studie, laut der der Hamburger Wohnungsmarkt problemlos funktioniere.

Wir haben keine Wohnungsnot. Wir haben – wenn überhaupt – nur örtlich begrenzten ernsthaften Wohnungsmangel. Und wir haben eine Fluktuationsrate von über zehn Prozent, was grundsätzlich für einen funktionierenden Wohnungsmarkt spricht. Wir haben keine Dramatik, so wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Was soll er auch sagen, der Herr Lobbyist. Meist kommt dann noch der Hinweis, dass die Mietpreise in Hamburg ohnehin ein Witz seien, in Berlin gleich nochmal, einzig München habe annähernd vergleichbare Preise wie internationale Metropolen. Schon klar, ein WG-Zimmer in London ist in Außenbezirken für rund 150 Euro pro Woche zu haben, in Paris zahlt man angeblich für eine kleine Kammer bis zu 1000 Euro monatlich, und durchschnittlich schlägt ein WG-Zimmer in Athen auch schon mit 250 Euro im Monat zu Buche, in Griechenland, Home of the Finanzkrise, wo die Leute sich teilweise nicht einmal mehr drei Mahlzeiten täglich leisten können! Wie zahlen die solche Mieten?

Sie zahlen sie: nicht. Es ist schwierig, aktuelle Zahlen zu bekommen, aber alles in allem lässt sich sagen: Dass in Deutschland die Mehrheit der Bevölkerung zur Miete lebt, ist ein europäischer Sonderweg. In Spanien, etwa besitzen 81 Prozent der Bevölkerung Wohneigentum (Spitzenwert!), in Griechenland 76 Prozent, in Großbritannien 69 Prozent, in Frankreich 54 Prozent. Und in Deutschland 41 Prozent, weniger Wohneigentümer gibt es prozentual gesehen nur noch in Schweden und in der Schweiz. (Die Zahlen stammen aus den Jahren 1990 bis 99, es ist aber wahrscheinlich, dass im Zuge der Wirtschaftskrise der Trend zur eigenen Immobilie eher noch verstärkt werden dürfte. Quelle: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 3/2003, pdf-Link.) In den meisten Ländern leben die Menschen im eigenen Haus, teilweise unter erbärmlichen Umständen und zum Preis einer hohen Verschuldung, aber dafür mietfrei. Zur Miete leben Studenten, bei denen von vornherein klar ist, dass dieser Zustand nur vorübergehend sein dürfte, beziehungsweise Leute, die sich in irgendwie unserösen Zusammenhängen bewegen. Wenn also die Wohnungswirtschaft Londoner Verhältnisse in Hamburg fordert, dann fordert sie, dass der Hamburger etwas bezahlt, dass der Londoner auf keinen Fall zahlen würde – eine Mondpreis-Miete.

Einen Text wie diesen könnte man als Hohelied aufs Immobilieneigentum lesen, als Forderung: Schafft euch eine Eigentumswohnung an, jammert nicht und zeigt den Vermietern den Mittelfinger. Das wäre aber eine falsche Lesart, meiner Meinung nach ist der deutsche Sonderweg in dieser Frage endlich mal ein ganz kluger. Wir gehen in immer mehr Lebensbereichen von Gemeingütern aus, die kein Individuum mehr besitzt, sondern für die Nutzungsgebühren anfallen: Car-Sharing. Creative Commons. Prinzessinnengärten. Die nutzen wir, weil es Spaß macht, weil es für den Einzelnen günstig ist, nicht zuletzt aus Umweltgründen: Der ökologische Fußabdruck von Gemeingütern ist weitaus kleiner als der von Privatbesitz. Und gerade bei der Frage des Wohnens wollen wir zum Privatbesitz zurück? No way.

Davon ab: Das mit dem Mittelfinger für Vrmieter ist trotzdem eine gute Idee.

Will Kanzler werden, behauptet, Sozialdemokrat zu sein. Foto: © Peer Steinbrück

Will Kanzler werden, behauptet, Sozialdemokrat zu sein. Foto: © Peer Steinbrück

Während Isabel Bogdan ihr (ohnehin immer lesenswertes) Blog erfolgreich in ein literarisches Sexblog verwandelt hat, krebse ich weiterhin mit Politikthemen knapp oberhalb der Wahrnehmungsgrenze vor mich hin. Es ist ein Kreuz, weil, über Politik zu schreiben macht längst nicht soviel Spaß wie über Sex, von der Recherche gar nicht zu reden. Aber es hilft nichts, es muss etwas raus, was mich seit einigen Wochen beschäftigt: Ich habe an dieser Stelle behauptet, dass ich bei der kommenden Bundestagswahl nicht wählen und damit Angela Merkel eine weitere Legislaturperiode ermöglichen werde.

Und das stimmt natürlich nicht.

Natürlich ist SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ein Mann des Kapitals, natürlich würde er (im unwahrscheinlichen Fall eines Wahlsiegs) rein gar nichts am Wirtschaftssystem dieses Staates ändern (wir erinnern uns, wer den gnadenlosesten neoliberalen Umbau der Bundesrepublik verantwortete: Gerhard Schröder, ein SPD-Kanzler). Und eigentlich gehört die SPD dafür bestraft, dass sie glaubt, nur mit einem Spitzenmann von weit rechts mehrheitsfähig zu sein. Aber andererseits: Schwarz-gelb dürfte als Wahlsieger ebensowenig das soziale Gewissen im Rechtsliberalismus entdecken, eine weitere Kanzlerschaft Merkels wäre aus sozialpolitischer Perspektive genauso fatal wie ein Sieg Steinbrücks.

Bleiben die weichen Politikfelder, “Gedöns”, wie Steinbrücks Genosse Gerhard Schröder es in unsympathischsten Maskulinismus einst lächerlich machte. Für Gedöns hat Steinbrück keinen Sinn, allerdings auch keine Leidenschaft, die ihn solche Themen ablehnen lässt, weswegen ich die Hoffnung hege, dass sich da im Windschatten vielleicht doch noch etwas ändern ließe. Zum Beispiel in der Frage einer zeitgemäßen Familienpolitik, die nach dem Grundsatz verfährt “Familie ist da, wo Kinder sind” und die nicht die heterosexuelle Zweierehe gegenüber anderen Verbindungen ungerecht bevorzugt. Zum Beispiel in der Frage eines Staatsbürgerschaftsrechts, das das unsägliche “Volks”-Geschwafel endlich durch die Erkenntnis ersetzt, dass wir es hier mit einer Bevölkerung zu tun haben. Vielleicht.

Ich weiß, dass es schwierig wird, in Peer Steinbrück jemanden zu sehen, der solch eine Politik durchsetzt. Dennoch werde ich ihn wählen. Und am allerschlimmsten wird sein, dass das überhaupt nichts bringt. Denn Kanzler wird Steinbrück ohnehin nicht.

Ich habe einen Shitstorm entfacht. Nur einen ganz kleinen, also, ich war der einzige, der stürmte, aber immerhin hat es gereicht, dass jemand durch meine Aktivitäten im Internet verletzt reagierte. Und das tut mir leid. Jedenfalls passierte das folgendermaßen:

Es gibt eine mir bislang unbekannte Elektronikkette namens Redcoon, und die schaltet gerade eine mehr als niveaulos sexistische Fernsehwerbung, die ich hier nicht einbinden möchte, aber wen es interessiert, den Spot gibt es hier zu sehen. Auf jeden Fall wies mich die Textzicke über Twitter auf eine interessante Reaktion hin, die den Sexismus in besagtem Spot auf den Punkt bringen würde. Und es stimmt, interessant war die Reaktion: Heiko Kuschel beschreibt auf seinem Blog in einem durchaus emotionalen Ton, wie entsetzt er sich die Clips (es gibt mehrere) angeschaut hätte und nicht glauben konnte, was für ein Ausmaß an Sexismus möglich ist, in der Woche zwei nach #aufschrei. So wünscht man sich eine Reaktion, gerade von Männerseite, eine Reaktion, die betont, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer unter männlichem Sexismus zu leiden haben.

Nur leider ist Heiko Kuschel Pfarrer, und sein Blog läuft über die die Seiten der Citykirche Schweinfurt. Wer regelmäßig die Bandschublade liest, der weiß, dass ich meine (durchaus persönlich begründeten) Probleme mit dem christlichen Glauben habe, jedenfalls kommentierte ich den Beitrag mit einem hingeworfenen “Und wäre der Text nicht von einem Pfarrer geschrieben, fände ich ihn noch viel nachvollziehbarer …” Ich gebe zu, dass ich mir da wenig dabei gedacht habe und vor allem nicht realisiert habe, dass mein Gegenüber nicht nur Pfarrer ist, sondern in erster Linie Mensch. Mit anderen Worten habe ich da jemandem ins Gesicht gespuckt: “Du bist scheiße. Weil du einen bestimmten Job hast.” Ich weiß, wie ich reagiere, wenn jemand so etwas über Journalisten sagt. Dass Kuschel das Thema noch in einen ganz falschen Hals bekommen hat, dass er nämlich dachte, ich würde ihm angeblich pfarrertypischen Kindemissbrauch vorwerfen, das war allerdings wirklich nicht so gemeint (und, wenn ich ehrlich bin, glaube ich auch nicht, dass man aus meinem Tweet so etwas herauslesen konnte). Mir ging es schlicht darum, dass ich die christlichen Kirchen nicht unbedingt als kompetent ansehe, über Sexismus zu reden.

Nur muss man damit nicht einem Vertreter dieser Kirchen anblöken, auf 140 Zeichen.

(Ich könnte das jetzt noch ausführen. Ich könnte darüber schreiben, weswegen ich denke, dass die Protestanten nicht wirklich besser sind als die Katholiken, bezüglich Sexismus. Ich könnte darüber schreiben, dass die Protestanten im Dritten Reich den Nazis noch viel weniger Gegenwehr entgegen brachten als die Katholiken. Ich könnte darüber schreiben, dass ich sehr wohl weiß, dass es einen nennenswerten christlichen Widerstand gab, allerdings gab es noch einen viel nennenswerten kommunistischen Widerstand, der leider in zumindest meinem Geschichtsunterricht nie vorkam, es war ja viel wichtiger, die Oppositionsarbeit der christlichen Weißen Rose zu würdigen. Ich könnte darüber schreiben, wie sich die Evangelische Kirche dieser Tage dagegen wehrt, dass ein längst aufgegebenes Kirchengebäude an eine muslimische Gemeinschaft verkauft wird und anscheinend gar kein Problem damit hat, hier Beifall von islamfeindlicher Seite zu bekommen. Ich könnte schreiben, dass die christlichen Kirchen immer schon auf Seiten der Macht standen, und die Macht ist hierzulande männlich, weiß und im Besitz der Produktionsmittel. Das könnte ich schreiben, und irgendwann werde ich das auch schreiben. Aber ich werde nicht mehr billig durch die Gegend blöken, ohne Argumente, nur wegen des knalligen, kurzen Tweets.)

Ich möchte die Brüderle-Diskussion nicht noch einmal aufwärmen, das Meiste wurde schon gesagt, von Berufeneren, von Frauen, die selbst alltagssexistische Erfahrungen gemacht haben: Antje Schrupp hat einen klugen Text geschrieben, Littlejamie eine Twitterwall gebaut, Kiki das Thema ins Allgemeine gewendet, Ninia LaGrande wurde konkret. (Außerdem: So wichtig ich den Text von Laura Himmelreich finde über einen Abend, an dem sie als Journalistin vom FDP-Unsympathen Brüderle angezotet wurde – ausgerechnet vom Stern möchte ich mir nicht erzählen lassen, was Sexismus ist, Entschuldigung, Frau Himmelreich, nichts gegen Sie.) Das Thema ist auf dem Schirm, da muss nicht ausgerechnet ich noch meinen Senf dazu geben, einen Senf, der doch ohnehin nur die Wiederholung von Argumenten wäre, die schon längst gefallen sind.

Ich fange lieber einen ganz neue Diskussion an. Eine Diskussion, die auf den ersten Blick gar nicht soviel mit Brüderle zu tun hat: die Hassdiskssion, die sofort aufkommt, sobald ein Argument den Anschein hat, irgendwie “politisch korrekt” zu sein. Das ist der zweite Feuilletonaufreger dieser Tage: dass der Thienemann Verlag aus den Kinderbüchern Otfried Preußlers die Begriffe “Neger” und “wichsen” (im Sinne von “prügeln”) streichen will. Da kommen dann all die Ratten aus ihren Löchern und behaupten, dass hier Zensur geübt werden würde, “Im Auftrag der Politischen Korrektheit”. Hallo! Es geht um Kinderbücher, in denen missverständliche Begriffe ausgetauscht werden (wer bitte denkt bei “wichsen” heute noch an prügeln?), aber die tun so, als ob wir in Nordkorea leben würden! Weil sie der Meinung sind, es würden Sprachregeln existieren, die ihnen eine bestimmte Haltung vorgeben würden! Die gleichen Leute betonen dann, dass sie keinen “Tatort” mehr schauen würden, weil ihnen dort nur “politisch korrekte Ideologie” vorgesetzt würde (damit meinen sie: dass nicht in jedem Krimi der Ausländer der Täter ist), Ausnahme: der “Tatort” aus Münster. Der nämlich sei “so herrlich politisch inkorrekt”. Mal ganz davon abgesehen, dass sich die gleichen Leute absolut verbitten würden, mit ihrer Terminologie perfekt in die Ideologie eines der bekanntesten deutschsprachigen Naziblogs (das hier aus gutem Grund nicht verlinkt wird) zu passen – was ist das eigentlich für eine politische Inkorrektheit, die beim Münsteraner “Tatort” gepflegt wird? Eine Inkorrektheit, die viel damit zu tun hat, dass Personen ihre Machtposition ausleben. Der von Jan Josef Liefers gespielte Pathologe macht in jeder Folge mal mehr, mal weniger geschmacklose Witze über Ausländer, Behinderte, Realschüler. Und auch über Frauen, und da ist man wieder bei Brüderle.

Wenn Leute wie Brüderle “Herrenwitze” über die Körbchengröße ihres Gegenübers machen, dann hat das nichts zu tun mit Sexualität, sondern mit Macht. Brüderle zeigt: Ich habe Macht über dich, deswegen reduziere ich dich auf deinen Brustumfang. Entsprechend gehen auch Argumentationen wie die, dass Brüderle doch nur ein verunglücktes Kompliment machen wollte, ins Leere: Ihm ging es gar nicht um die Frage, ob sein Gegenüber nun schöne Brüste hat oder nicht, er wollte keine Komplimente machen, er wollte nicht flirten, er wollte Machtverhältnisse klarstellen. Brüderle ist kein Casanova, der mit Frauen ein Spiel spielt, ein Spiel, bei dem immer auch eine Mitspielerin nötig ist, er ist ein Don Juan, dem es immer nur um die eigene Position geht, einer, der Frauen benutzt.

Und damit wären wir beim dritten Thema angelangt: Ich hätte mir ja gewünscht, dass Antú Romero Nunes‘ Inszenierung von Mozarts “Don Giovanni” am Hamburger Thalia Theater diese Thesen ein wenig aufnimmt. Hat sie nicht getan, schade. Wie die Premiere ansonsten war, habe ich für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Erotik ist ein zweischneidiges Schwert, das hat man insbesondere am Thalia schon mehrfach durchdekliniert, zuletzt in einem abgründigen “Sommernachtstraum” von Stefan Pucher. Dass die Grenzen zwischen Verführung, Anmache und Übergriff immer wieder neu verhandelt werden müssen, ist eigentlich auch ein Thema in “Don Giovanni”, nur interessiert es diese Inszenierung anscheinend nicht. Sicher, Don Giovanni ist bei Mozart ein Libertin, und Rainer Brüderle ist nur ein Liberaler, das ist ein Gegensatz, den man gar nicht unbedingt thematisieren muss, nur: Wer Don Giovanni bei Nunes ist, das bleibt im Dunkeln. Er ist der Typ, der irgendwie alle Frauen ins Bett bekommt, aber wie er das schafft, ach, whatever.

2013 wird es eine Premiere in meinem politisch bewussten Leben geben. 2013 findet eine Bundestagswahl statt, und ich werde zum ersten Mal auf mein Wahlrecht (das ich immer auch als Wahlpflicht verstanden habe) verzichten. Es ist nicht so, dass es daran liegt, dass ich mich nicht mit einem Wahlprogramm identifizieren könnte, solche Probleme hatte ich schon häufig, dann habe ich strategisch gewählt oder das kleinere Übel, irgendwas ging immer. Aber dieses Jahr ist es so, dass es kein kleineres Übel geben wird. Alle angetretenen Parteien überbieten sich in ihrer abgrundtiefen Schlechtheit. Und dieses Jahr gibt es keine Strategie, die ich verfolge, ich habe tatsächlich Angst vor jedem denkbaren Wahlergebnis, vor jeder denkbaren Koalition.

2013 werde ich nicht wählen.

Dass ich CDU und FDP nicht wählen werde, versteht sich von selbst. Ich bin ein Linker, ich stehe für Werte wie Emanzipation, Solidarität, Arbeitnehmerrechte, ich stehe für Kunst und Kreativität, für Hedonismus und Lust. Ich werde sicher nicht rechts wählen.

Genauso wenig wie ich Die Linke wählen werde. Alte Männer, deren Rhetorik von internationaler Solidarität einem bräsigen Die-eigenen-Schäfchen-ins-Trockene bringen gewichen ist, Lafontaine, Gysi, Wagenknecht, Konservative, die nur so tun als ob sie links seien.

Ich werde Die Grünen nicht wählen, weil ich in Hamburg wohne, und in Hamburg habe ich gesehen, wozu Grüne fähig sind. In Hamburg sind die Grünen mit der CDU ins Bett gestiegen, mit der gleichen CDU, die nur ein paar Jahre zuvor eine Koalition mit der rechtspopulistischen Schill-Partei eingegangen ist, in Hamburg brach die damalige Grünen-Chefin und Zweite Bürgermeisterin Christa Goetsch (all meine Verachtung für Sie, Frau Goetsch!) in Tränen aus, als die Koalition der Schande zerbrach. Grüne und Rechte, bei euch wächst zusammen, was zusammen gehört, und dass ich gerade so voller Aversionen bin, liegt auch daran, dass ich lange Jahre der Meinung war, ihr wärt die richtigen.

Ich werde die Piraten nicht wählen, weil ich nicht an dieses “Wir stehen jenseits von rechts und links” glaube. Ich will eine Politik, die sich entscheidet, wo sie steht, und ich will die wählen, die sich entschieden haben, links zu stehen.

Und deswegen wähle ich auch die SPD nicht. Ja, wegen Steinbrück, dem ich in keiner Weise abnehme, eine linke Agenda zu vertreten. Aber auch wegen der Restpartei, in der ein Steinbrück mehrheitsfähig ist und der ich entsprechend auch nicht mehr glauben kann, unter einem rechten Kanzler Steinbrück (den es, gottlob!, ohnehin nicht geben wird) irgendwelche linken Programmpunkte zu verstecken. Ich wähle die SPD auch nicht wegen Sarrazin und Buschkowsky. Wegen Thierse, der alle Probleme des Neoliberalismus wegwischt mit einem billigen “Die Berliner Schwaben sind schuld”. Ich wähle die SPD als Hamburger nicht, wegen Johannes Kahrs, der den Bundestagswahlkreis Hamburg-Mitte (meinen Wahlkreis!) immer schön nach rechts offen hält. Und ich wähle die SPD nicht, weil sie die Chance einer strukturellen linken Mehrheit in dieser Republik seit Jahrzehnten verstreichen lässt und lieber mit der CDU koaliert als mit den Linken. Ihr seid nicht meine Partei, wahrscheinlich nie gewesen.

Und deswegen wähle ich dieses Jahr nicht, deswegen werde ich Angela Merkel eine weitere Wahlperiode lang einer rechten Koalition vorstehen lassen, mit welchem Partner auch immer. Und es wird mir wehtun, aber mich haben alle Alternativen verloren.

Schwaben, wie man es sich in den Metropolen so vorstellt: Ulm-Söflingen.

Schwaben, wie man es sich in den Metropolen so vorstellt: Ulm-Söflingen, Home of the Häuslesbauer.

Ich bin in Schwaben geboren und aufgewachsen. Ich mag die liebliche Landschaft im Norden des Bodensees, ich mag die schwäbische Küche, mag Zwiebelrostbraten und Spätzle und Seelen, ich mag es, wenn ein kalter Wind Nebelschwaden über die grauen Stoppelfelder der Albhochfläche bläst. Was ich nicht mag: die Religiosität der Schwaben, ihre Lustfeindlichkeit, ihren Konservatismus, ich wollte früh weg von dort. Ich habe Geisteswissenschaften studiert, ich mache beruflich “was mit Medien”. Ich wohne in einer norddeutschen Großstadt, im Zentrum, in einer verhältnismäßig großen Wohnung in einem Gründerzeitviertel. Ich lebe ein durchaus bürgerliches Lebensmodell, verheiratet, gesettlet, mit Freude an gutem Wein.

Ich bin der Typ, den Wolfgang Thierse nicht mag.

Thierse hat ja irgendwo recht mit seinem Bashing gegen die Schwaben, die den Prenzlauer Berg angeblich prägen würden (statistisch gesehen ist diese Meinung anscheinend nicht ganz richtig, andererseits, wer einmal versucht hat, Statistiken aufzustellen, weiß, dass das recht unzuverlässige Werkzeuge sind, die Wirklichkeit zu beschreiben). Zur Erinnerung: SPD-Politiker Thierse hat dem rechtskonservativen Springer-Blatt Welt ein Interview gegeben und sich darin über die Veränderungen in seinem Wahlkreis beklagt.

Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken. Da sage ich: In Berlin sagt man Schrippen, daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen. (…) Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind. Und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche. Sie kommen hierher, weil alles so bunt und so abenteuerlich und so quirlig ist, aber wenn sie eine gewisse Zeit da waren, dann wollen sie es wieder so haben wie zu Hause.

Was soll man darauf sagen? Ganz sicher nicht das, was Thierse aus dem Süden geantwortet wird, dieses bräsige “Wenn wir fleißigen Schwaben nicht fett in den Länderfinanzausgleich einzahlen würden, dann könnte Berlin aber mal sehen, wo es bleibt!”, das eigentlich genau die Vorurteile bestätigt, die Thierse in seiner ganzen Selbstgerechtigkeit vor sich herträgt. Es ist ja wirklich so: In Schwaben ist vieles nicht in Ordnung, es kommt nicht von ungefähr, dass ich da weg wollte. Es ist auch tatsächlich ein Problem, dass bestimmte Berliner Stadtviertel, der Prenzlauer Berg zählt sicher dazu, überschwemmt werden von Binnenmigranten, die gut ausgebildet sind, die (zumindest für Berliner Verhältnisse) gut verdienen, und die die eingesessene Bevölkerung aus dem Viertel verdrängen, nicht zuletzt, indem sie Wohneigentum erwerben. Letzteres ist aber eigentlich nicht die Schuld der Neuankömlinge, es ist die Schuld einer vollkommen verfehlten Wohnungsbaupolitik, die dem Eigentum immer den Vorrang gegenüber dem Mietwohnungsbau durch die öffentliche Hand gegeben hat, und die zumindest in Berlin federführend von Thierses eigener Partei verantwortet wurde.

Kein Problem ist meiner Meinung nach, wenn im Prenzlauer Berg eine Bäckerei aufmacht, die Wecken verkauft. Wer Schrippen kennt, der wird sich vielleicht freuen, wenn er auch mal etwas anderes angeboten bekommt, und wer Wecken nicht mag, der bekommt eine Ecke weiter Bagel, Börek, Pumpernickel, es ist doch alles da, das macht die multikulturelle Großstadt doch so charmant! Ich bin verletzt, wenn ein dummer, alter Mann mit dem Spruch von der Kehrwoche um die Ecke kommt, genauso, wie ich verletzt bin, wenn man mir hier im Norden erklärt, dass “im Süden ja alle katholisch” seien – Schwaben ist mehrheitlich pietistisch geprägt, soviel verlangt ist es doch nicht, sich zu informieren, worüber man da spricht, oder? Mich verletzt es, wenn der Hamburger sich als Zentrum der Welt versteht, einer Welt, in der östlich von Bergedorf der unbestimmte “Osten” beginnt (strukturiert gerade mal durch den nicht ignorierbaren Fettfleck Berlin in der Mitte) und südlich von Lüneburg ausnahmslos alles “Bayern” ist. Und mich verletzt es, wenn Schwaben alle Klischees bestätigen, die über sie im Umlauf sind.

Fies, arrogant, überheblich-dumm, das sind natürlich nicht nur Berliner. Im großartigen “Tatort” vorletzten Sonntag, “Der tiefe Schlaf” aus München, bekommen die Kommissare (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) einen neuen Assistenten (Fabian Hinrichs), und sie machen das, was sie mit jedem Assistenten machen: Sie machen Witzchen, demütigen ihn ein wenig, zeigen, dass er nicht dazu gehört. Sie mobben ihn. Gisbert, der Assistent, ist aber auch wirklich nervig, er ist übereifrig, er ist besserwisserisch, er reißt mit dem Hintern ein, was er mit den Händen beziehungsweise seinem Superhirn aufgebaut hat. Vor allem aber ist er Preuße. Und das geht in München gar nicht.

Und als der Assistent dann, nach der Hälfte des Films, tot ist, verstehen die Münchner Polizisten die Welt nicht mehr. Sie haben doch nur Spaß gemacht, wie Wolfgang Thierse.

Ich bin heterosexuell. Ich schlafe gerne mit Frauen, obwohl das meinem Selbstverständnis als Mann irgendwie widerspricht, ich meine, als kulturaffiner Geistesmensch, geschlagen mit zwei linken Händen und ohne nennenswertes Interesse für Dinge wie Fußball, Biertrinken oder Gockelgehabe müsste ich nach dem Klischee eigentlich schwul sein. Außerdem habe ich ein grundsätzliches Problem mit dem Akt an sich: Einen Frauenkörper zu penetrieren, dass ist ein Akt der Gewalt, ich nutze den Körper meiner Partnerin, um meine maskuline, gewalttätige, aggressive Lust zu befriedigen, ich mache meine Partnerin zum Objekt, und ist es nicht wirklich so, dass jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger ist? (Ich absolvierte mein Politikstudium Mitte der Neunziger, zu einer Zeit, in der ein gewisser Vulgärfeminismus gerade in den letzten Zügen lag, vielleicht merkt man das an manchen Stellen dieses halbironischen Bekenntnisses.)

Es brauchte eine gewisse Zeit, bis ich verstanden hatte, dass das alles nicht so einfach ist. Dass zum Beispiel manche Frauen von Zeit zu Zeit ganz gerne mal nur Körper sein wollen, dass sich zum Beispiel manche Frauen von Zeit zu Zeit ganz gerne zum Objekt machen lassen. (Was die Sache so unglaublich kompliziert macht, sind die beiden Begriffe “manche” und “von Zeit zu Zeit”.) Was mir geholfen hat: dass es Vorbilder gab. Männer, die ebenfalls nicht dem klassischen Bild des Machomaskulinisten entsprachen und die dennoch ihr Begehren zu leben wussten. Es ist weiterhin nicht immer einfach, aber: Diese Vorbilder brachten mich an den Punkt, an dem ich bereit war, meine tragische Veranlagung zu akzeptieren.

So, und jetzt ist mal gut, mit dieser billigen Ironie. Kein Heterosexueller wird hierzulande diskriminiert. (Außer im Seminar der Uni Gießen, “Einführung in die feministische Politikwissenschaft” bei Prof. Barbara Holland-Cunz… Tschuldigung, ich wollte doch aufhören!)

Im Gegensatz zu Schwulen, Asexuellen, Polyamourösen, jeder denkbaren sexuellen Randgruppe. Und gerade deswegen erscheint es mir ungaublich wichtig, dass sich hier Vorbilder outen, dass hier Vorbilder ebenfalls zu ihrem Begehren stehen. (Je länger ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass das da oben eigentlich überhaupt nicht ironisch gemeint war.) Man stelle sich einmal vor: Ich wäre ein junger, schwuler Mann, in einem Provinzkaff, sagen wir im Saarland. Ich wäre katholisch, konservativ, nicht besonders attraktiv, und außerdem würde ich in meinem Umfeld praktisch keine anderen Schwulen kennen. Da würde es mir sicher helfen, wenn ein Spitzenpolitiker, womöglich aus einer konservativen Partei, sich hinstellen würde und sagen: “Ja, ich fühle auch so. Ist keine große Sache, aber ist okay.” Was mir sicher nicht helfen würde, ist, wenn dieser Politiker die Presse zu sich nach Hause einladen würde, um zu erzählen, wie schön es sich als “eingefleischter Junggeselle” lebe, wobei, schade sei das schon, so ganz ohne Partnerin oder Familie, aber “der liebe Gott” habe das eben nicht gewollt.

Und, ja, ich bin davon überzeugt, dass Sexualität keine Privatsache ist. Sondern zutiefst politisch. (Ich verweise auf die Diskussion bei Stefan Niggemeier und der Mädchenmannschaft.)

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich wahnsinnig über Bild aufregen. Ich behaupte nicht, dass dieses Unterhaltungsmedium ein echtes journalistisches Angebot sei. Ich bin angewidert vom ultraemotionalisierten, antiintellektuellen Ton, mit dem die großen Schlagzeilen mich anbrüllen. Ich habe Probleme mit der politischen Macht dieses Mediums, mit der politischen Macht, die im Zweifel grundsätzlich nach rechts pendelt, chauvinistisch, sexistisch, sozialdarwinistisch, populistisch, rassistisch. Ich sehe die juristischen Taschenspielertricks, mit denen Bild arbeitet, Tricks, die darauf abzielen, Menschen verächtlich zu machen, Leben zu zerstören, grundsätzliche Persönlichkeitsrechte zu verletzen, regelmäßig dokumentiert im seit Jahren ununterbrochen lesbaren Bildblog. Würde ich einen Journalistenpreis erhalten, den auch Kollegen von der Bild bekommen, ich würde ablehnen.

Ich habe mich nicht dagegen gewehrt, die 60-Jahre-Jubiläums-Bild ungefragt in den Briefkasten gesteckt zu bekommen. Fand ich müßig, auch ein wenig wohlfeil, so einen einfachen Protest. Inhaltlich möchte ich nicht über dieses Druckerzeugnis urteilen, zumal die Redaktion Kreide gefressen zu haben scheint, angesichts der Tatsache, dass wohl auch einige Bild-kritische Geister das Blatt im Briefkasten haben dürften. Mir ist allerdings unwohl dabei, dass ein Großteil der Empfänger das Machwerk gleich ins Altpapier stecken werden: was für eine widerliche Ressourcenverschwendung! Aber: Wenn der Springer-Verlag seine Texte verschenken will, dann soll er doch. Wobei, “verschenken” ist das falsche Wort. Wie man hört, hat der Verlag seine Anzeigenpreise für diese Ausgabe verzehnfacht, auf vier Millionen Euro pro Seite – die Jubiläums-Bild ist, wenn diese Rechnung aufgeht, ein ganz schönes Geschäft für den Verlag. Das bezahlt wird von den Firmen, die hier Anzeigen geschaltet haben – und die werden ihre Ausgaben mit Sicherheit an ihre Kunden weiter geben, also an uns. Zumindest, wenn wir Kunden dieser Firmen sind.

Die folgende Liste soll kein Boykottaufruf sein, meinetwegen kann jeder kaufen, was er will. Aber überlegen, ob man eine Firma unterstützen möchte, die Bild ihr Geld in den Rachen wirft, das darf man schon. Die Jubiläums-Bild enthält Anzeigen von

Sky

VW

DHL/meinpaket.de

Lidl

Opel

Media Markt/Media-Saturn-Holding

Telekom

C&A

Haribo (Mist!)

Vodafone (über deren Netz dieser Post gerade online gestellt wird)

O2/Teléfonica

Auto Teile Unger

(Ich persönlich fände es übrigens auch wunderbar, gäbe es vergleichbare Listen auch mit Firmen, die Werbeblöcke im Privatfernsehen schalten.

Nur mal zum Mitschreiben. Damit ich wirtschaftlich verhältnismäßig unbeleckte Kulturnase auch mal etwas kapiere: Was passiert hier eigentlich gerade? Was für Verwerfungen, was für Zusammenbrüche, Europa?

1. Wir sehen ein kleines Land am Rande des Kontinents, ein kleines Land, das Teil eines größeren Staatenbundes ist. Dieses kleine Land geriet vor vier, fünf Jahren in wirtschaftliche Schieflage. Zum Teil konnten die Bewohner nichts dafür, ökonomisch sieht es gerade nirgendwo auf der Welt gut aus, zum Teil waren die Probleme aber auch hausgemacht: Über Jahrzehnte haben die Eliten des Landes ein System aufgebaut, irgendwo zwischen Günstlingswirtschaft und offener Korruption, ein System, das wirtschaftlich unglaublich ineffektiv war und sich nur deswegen so lange halten konnte, weil der Staatenbund den korrupten Eliten immer wieder unter die Arme griff. Man brauchte das kleine Land in Zeiten der Systemkonfrontation als Bollwerk des kapitalistischen Westens gegen den sozialistischen Osten, ebenso wie man das kleine Land heute als Bollwerk des christlichen Europas gegen das islamische Asien braucht.

(Habe ich soweit alles richtig verstanden?)

2. Auf ewig konnte das nicht gut gehen. Und so brach die Wirtschaft des Landes in den größeren Unbillen der Weltwirtschaft zwangsläufig zusammen. Die Führer des Staatenbundes waren entsetzt, plötzlich trat die Misswirtschaft zu Tage, die zuvor niemandem aufgefallen war. Für den Staatenbund gab es nur ein Heilmittel: massive soziale Einschnitte, Lohnzurückhaltung, Rentenkürzungen. Mit anderen Worten, für den Staatenbund schien es alternativlos, die Leute für die Krise bezahlen zu lassen, die am wenigsten für sie konnten: Arbeitnehmer, Studenten, Rentner, Arbeitslose.

3. Alternativlos? Eine Partei wagte es, die Frage zu stellen, ob es womöglich doch Alternativen geben könnte, zum Beispiel: die Eliten an den Kosten der Krise zu beteiligen, zum Beispiel mit Steuererhöhungen. Mochte der Chef besagter Partei noch so unsympathisch sein, die Reaktion des Staatenbundes rechtfertigte das nicht: Sollte die Partei bei den kommenden Wahlen die Mehrheit erlangen, dürfe das kleine Land am Rande des Kontinents eben nicht mehr im Bund mitspielen, forderten sie, aus der wirtschaftlichen Solidargemeinschaft würde es dann eben ausgeschlossen. Und dann wurde gewählt.

4. Und dann wurde gewählt, und besagte Partei landete nur auf dem zweiten Platz, zumindest wurde das so bekanntgegeben. Die Wahl gewonnen hatten angeblich die Konservativen, also die Vertreter der Eliten, die schon im Vorfeld der Krise die Verantwortung für das Land trugen. Die dann auch postwendend mit der Regierungsbildung beauftragt wurden, während im Staatenbund aufgeatmet wurde: Alle großen Zeitungen kommentierten am Folgetag, dass die Wahl eine Entscheidung der Vernunft gewesen sei, dass das kleine Land sich, endlich!, zu Reformen bereit zeigen würde, die ja eigentlich keine Reformen sind, sondern schlicht Kürzungen, die massive Verelendungen der Bevölkerung nach sich ziehen werden, ja, natürlich, aber SIE! SIND! ALTERNATIVLOS! (Und wer an diese Alternativlosigkeit immer noch nicht glauben mochte, dem würde man es schon beibringen, mit Polizeiknüppeln und Tränengas. Auch mit solchen Mitteln hatte der Westen ja schon seine Erfahrungen, auch in diesem kleinen Land, im Kampf gegen die kommunistische Gefahr.) Auch die Wirtschaft zeigte sich erleichtert, diejenigen, die immer schon die Mittel hatten und die sie weiterhin haben werden. Und, tut mir leid, wenn Wahlen so aussehen wie hier, dann fick dich, Demokratie.

(Hintergrundinformationen: Die Ergebnisse der Wahl in Griechenland am 17.6.2012. Das Blog von Michalis Pantelouris, der konstatiert: “Diejenigen, die das Land in die Situation gebracht haben, in der die Bevölkerung stärker als jede andere in Europa unter der Schuldenkrise leidet, sind belohnt worden.” Eine europäische Presseschau auf sueddeutsche.de. Und das Hamburger Künstlerkollektiv Schwabinggrad Ballett, das momentan in Athen recherchiert.)

Vorbemerkung: Ständig beschreibe ich in diesem kleinen, netten Blog Kulturereignisse: Premieren, Vernissagen, Konzerte, TV-Serien. Ständig finde ich alles toll, so toll, dass mich journalistisch schon niemand mehr ernst nimmt: Falk, das ist doch ein Hochschreiber, ein Claqueur. Es tut mir ja leid, aber: Die Ausstellungseröffnung, den “Tatort”, das finde ich ja wirklich meistens gut. Aber, tatsächlich, es wird Zeit für eine neue, kleine Reihe, hier auf der Bandschublade. Alltagsbeobachtungen von all dem, was ich nicht gut finde. Ein Spaziergang über den Kiez, und dort sehe ich etwas, das beleidigt mich, ästhetisch, moralisch, von Herzen. Und ich kotze auf offener Straße. KAOS.

Jeden Tag laufe ich mehrfach an diesem Plakat vorbei. Einem ganz, ganz schlecht gemachten Plakat, das für die Nordzucker-Kampagne “Sweet Family” wirbt, deren Website zumindest von der Hamburger Agentur Xenion Isobar verantwortet wird. Bloß dass man das auf dem Plakat nur nebenbei erfährt, das beworbene Produkt (eben: kein Zucker, sondern die Kampagne Sweet Family) ist nur an der Seite zu sehen. Stattdessen lesen wir einen vollkommen verunglückten Claim, “Genießen auf gut norddeutsch”, ich meine, was genießen wir denn? Zucker! Ein Produkt, bei dem mir der Konkurrenzdruck, der solch einen penetranten Werbeoverkill notwendig macht, nicht sofort ins Auge springt, vor allem aber: Ich wüsste jetzt nicht, dass der Norddeutsche seinen Zucker so wahnsinnig anders genießt wie der Süddeutsche, der Sachse, der Österreicher oder der Portugiese. Egal, irgendwie werden die Xenion-Isobar-Strategen den Nordzucker-Managern verkauft haben, dass zuckriges Genießen am Holztisch eine typisch norddeutsche Freizeitbeschäftigung ist. Es ist egal, weil, wie gesagt, das ganze Plakat nicht funktioniert, da muss der Claim auch keinen Sinn mehr machen. Dieses Plakat ist so schlecht, man könnte es als Beispiel für “Wie Werber es besser nicht machen sollten” nehmen, allein: Man würde dabei übersehen, wie perfide diese “Sweet Family”-Geschichte eigentlich ist. Gerade weil hier einem kein Zucker verkauft werden soll, sondern ein Lebensgefühl, lohnt es sich, einmal nachzuspüren, was das eigentlich für ein Lebensgefühl ist.

Die Sweet Family jedenfalls ist, das kann man gleich sagen, eine ziemlich homogene Family. Migrantisch sieht schonmal niemand aus an dieser norddeutschen Kaffeetafel. Neue Familienmodelle? Gendertrouble? Irgendeine Störung? Nichts. Was wir hier sehen, ist die heteronormative Hölle, die urnorddeutsche Kleinfamilie mit (durchaus maskulinem) Mann und (keinesfalls übertrieben femininer, eher “natürlicher”) Frau und Kinderdoppel und lustigem Hund, Golden Retriever, klar. Da gibt es überhaupt nichts gegen einzuwenden, aber eigentlich waren wir bei der Überlegung, was Familie sein könnte, auch schon mal weiter als hier, auf der Sommerwiese zwischen Deich und Geest. Was aber sind das für Figuren? Sie herb und schön, er männlich und schön, locker auch, das Haar ein wenig zu lang als dass er noch als Langweiler durchginge, den Bart seit ein paar Tagen nicht gestutzt: Da nimmt sich jemand Zeit für sich, ist draußen aus dem Rattenrennen. In dem er ansonsten aber auch gut beschäftigt sein dürfte: Ich meine, diese Modelnasen sind höchstens Anfang dreißig, und haben schon zwei Kinder in die Welt gesetzt. In meiner Welt stehen die Leute, die mit Mitte zwanzig Eltern wurden, in eher problematischeren sozialen Zusammenhängen, das scheint bei der Sweet Family aber anders zu sein: Ein Golden Retriever kostet zwischen 1000 und 1500 Euro in der Anschaffung, Geld, das die Frühgebärenden in meinem Umfeld nicht über haben. Aber der Sweet Daddy wird die Woche über schon gehörig ranklotzen, dass dieses Leben finanzierbar bleibt, da darf er am Wochenende auch loslassen und Kindern wie Gespons und Hund einen überzuckerten Kuchen servieren. Während der Hund Schabernack macht (was macht er eigentlich genau? Er speichelt auf den Kuchentisch, so lustig ist das bei Licht betrachtet gar nicht, sondern eher ein wenig eklig … egal) – alle lachen, Gott, was sind wir hier gut drauf.

Die Sweet Family sagt uns: Wir leben das traditionelle Familienmodell, und es funktioniert. Finanziell ist alles wumpe. Die Kinder sind gut in der Schule und haben viele Freunde, keine Ausländer natürlich! Klar, im Bett läuft auch alles klasse. Und das Wetter ist ebenfalls großartig, hier in Norddeutschland, wie Norddeutschland ohnehin das Optimum ist, nirgendwo zersiedelte Landschaft, nirgendwo Umweltzerstörung, alles grün und lieblich und Fachwerksweetness. Und wenn bei dir vielleicht nicht alles so optimal läuft, dann machst du wohl irgendwas falsch.

Und natürlich muss man nicht hinter jeder misslungenen Werbekampagne ekelkapitalistische Propaganda wittern. Man kann auch einfach sagen: Das ist schlichtweg schlecht. Kann man. Muss man aber auch nicht.