17. Juni 2015 · Kommentare deaktiviert für Franken · Kategorien: Kiste · Tags: , ,

(Mit breitem fränkischem Dialekt)Kabel Deutschland, Hallo?“
„Ja, Hallo, ich bekam hier ein Schreiben von Ihnen, in dem Sie mich um Rückruf bitten. Soll ich Ihnen meine Kundennummer …“
„Brauchen Sie nicht, das ist ein Rundbrief, den bekamen alle ehemaligen Vodafone-Kunden. Es ist ja so, dass Vodafone jetzt zu Kabel Deutschland gehört, und wir wollten Ihnen anbieten, sie haben ja jetzt Internet mit entweder so einem oder einem anderen Tarif, wir können Ihnen anbieten, in  Zukunft mit 10 000er-Bandbreite ins Internet zu gehen, ein Jahr lang für 19,99, dann für 29,99.“
„Aha. Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit meinem bisherigen Tarif.“
„Ja, aber das ist ein Vodafonetarif.“
„Und was heißt das jetzt? Ich soll mich ja bei Ihnen melden.“
„Das heißt, dass ich Ihnen diesen neuen Tarif anbiete.“
„Ich würde lieber bei meinem alten Tarif bleiben.“
„Warum das denn?“
„Weil niemand was zu verschenken hat. Ich glaube Ihnen einfach nicht, dass alles mit diesem neuen Tarif besser ist als mit dem alten und dann auch noch deutlich günstiger. Außerdem wissen Sie nicht einmal, was ich bisher für einen Vetrag hatte.“
„Weil niemand was zu verschenken … Doch, natürlich, der ist besser. Soll ich Ihnen denn jetzt den neuen Tarif freischalten?“
„Wie gesagt, ich bin ganz zufrieden mit meinem bisherigen Tarif.“
„Und jetzt?“
„Sagen Sie es mir. Wenn möglich, würde ich gerne meinen bisherigen Tarif behalten.“
„Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag!“

(Ich habe den Eindruck, bei Kabel Deutschland nimmt man die Bitte um „dringenden Rückruf“ nicht allzu ernst.)

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26. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Alle wollen mich immer nur körpern · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , ,

Eine zieht durch die Kneipen, gerät an den Falschen, ist tot. Einer säuft, als ersten Schritt auf dem langen Weg zur Liebe, zum Bumsen, und irgendwann ist der erste Schritt der einzige Schritt, um den es geht, da folgt nichts mehr, „Lernen sie oft Frauen in Kneipen kennen?“ „Wenn, dann hier.“ Einer ist eine arme Sau, ein anderer genauso, und so etwas wie Hoffnung bietet in dieser Welt nichts mehr, nicht hier, nicht im Frankfurter Gallusviertel, und am allerwenigsten Hoffnung bietet die Religion, deren überforderter Vertreter seine Überforderung wegsäuft, abends in der Sichtbetonhölle des katholischen Gemeindezentrums. „Alle wollen mich immer nur körpern, aber nie will mich jemand küssen“, so geht es hier zu.

Ich bin meinem Gelübde untreu geworden.

Eigentlich wollte ich nichts mehr schreiben zum „Tatort“, weil ich übersättigt bin, gelangweilt. Und dann zeigt der geschätzte Hessische Rundfunk am zweiten Weihnachtsfeiertag eine so mutig unweihnachtliche Folge wie „Im Namen des Vaters“, dass ich gar nicht anders kann, ich muss den Hut ziehen, vor Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume, der sich hier traut, eine Welt absoluter Tristesse zu entwerfen, schonungslos, brutal, genau und nicht ohne bitteren Humor. Hier weiß jemand sehr detailliert, was er für eine Geschichte erzählen will, er kennt die Leute gut, von denen er erzählt, er kennt die Gegend, in der die Geschichte spielt, und dass er am Ende glaubt, den Krimikonventionen entsprechen zu müssen, dass er am Ende eine halbherzige Spannungsdramaturgie verfolgt, in der der jämmerliche Pfarrer (Florian Lukas) entführt wird, darüber sehe ich gnädig hinweg. Weil alles andere an diesem Krimi so gelungen ist.

Worüber ich nicht hinweg sehe, ist Nina Kunzendorfs Kommissarin Conny Mey. Die ist nämlich die spannendste Polizistinnenfigur im deutschen Fernsehen, laut, prollig, hochintelligent und angetrieben von einem guten Charakter. Jemand, in den ich mich sofort verliebe. Aber Kunzendorf hört auf, „Im Namen des Vaters“ war ihr vorletzter Fall. Und, tut mir leid, so sehr ich ihren Partner Joachim Król schätze, ohne Kunzendorf ist der Frankfurter „Tatort“ einfach nichts. Der „Tatort“ wird in Zukunft langweilig werden, ich schaue den nicht mehr. Und wenn, dann schreibe ich nichts mehr drüber.

Gerade noch rechtzeitig aus Bremen zurückgekommen, um „Tatort“ zu schauen. Endlich mal wieder aus München, „Ein neues Leben“, einen Krimi mit den Immer-noch-ganz-weit-vorne-Kommissaren Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl). Sich freuen, dass „Ein neues Leben“ kein betulicher Krimi ist, sondern ein Schocker, hart und konsequent, manchmal ein wenig an den Haaren herbei gezogen und manchmal auch klischeehaft, aber, hey!, ein Schocker darf das. Ein Schocker darf sogar die Liebe zwischen Psychopathin Isabella (Nina Proll) und Mäuschen Sandra (Mina Tander) als Abziehbild zeichnen, weil, ich weiß schon: Es gibt durchaus gleichgeschlechtliche Beziehungen, die nicht auf Manipulation, Irrsinn und Blut aufbauen. Selten, aber es gibt sie, und solange ich angespannt auf dem Sofa sitze, nehme ich die durchaus diskriminierenden Bilder insbesondere der weichgezeichneten Sexszene einfach mal hin. Nein, ich will weder Regisseur Elmar Fischer noch den Drehbuchautoren Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer etwas vorwerfen, ich will einen Post für die Bandschublade schreiben: dass „Ein neues Leben“ mal wieder ein richtig spannender, cooler „Tatort“ war, als wär’s ein Stück aus Kiel.

Und dann merke ich, dass ich überhaupt keine Lust habe.

Meine Beziehung zum „Tatort“ war viele Jahre eine ziemlich erfüllende Liebesbeziehung. Ja, man nervte sich auch mal, aber alles in allem war das schon weitgehend toll. Und irgendwie ist es das jetzt nicht mehr. „Hart ist nicht, wenn die Liebe vorbei ist“, meinte H. einmal sinngemäß, „hart ist der Moment, wenn man sich eingestehen muss, dass die Liebe vorbei ist.“ Und ich muss mir einfach eingestehen: Irgendwie wird das nichts mehr mit mir und dem „Tatort“, einer sicher guten Folge zum Trotz. Eine Woche der Nackenschläge: Die verehrte Nina Kunzendorf hat keine Lust mehr, in Frankfurt zu ermitteln. Der doofe Til Schweiger macht sich wichtig. Christian Ulmen und Nora Tschirner machen in Weimar, einer Stadt, die mich gelinde gesagt, überhaupt nicht interessiert, irgendwelchen komödiantischen Quatsch, der mich auch nicht interessiert. Leipzig. Ludwigshafen. Hannover. Das ist alles so langweilig.

Und deswegen schreibe ich heute einfach mal nichts. Weil mich „Tatort“, muss ich gerade leider sagen, zutiefst anödet.

„Den Standard der Reihe von einem leicht erhöhten Oben her performt“: Matthias Dell im Freitag. „Immer schön Tempo halten, aber bitte nicht theatralisch werden!“: Christian Buß auf SpOn. „Unterwanderung der ARD-Sonntagsunterhaltung durch pornographische Elemente„: Heinz Zimmermann auf tatort-fundus.de. „Dunkelrot zwischen grauen Gestalten“: der Stadtneurotiker. „Alle versuchen einander zu bescheißen„: der Wahlberliner.

Es mag an meiner persönlichen Biografie liegen, dass ich hier überkritisch bin, aber: Ich kann mit dem „Tatort“ aus Stuttgart nichts anfangen. Schwaben, das wäre ja durchaus lohnendes Krimiterrain, dieser absurd weit verbreitete Wohlstand, der erkauft wurde durch eine massive Verhässlichung von Landschaft und Lebenswirklichkeit, durch eine extrem formierte Gesellschaft, die alles Abweichlertum bestraft, da ließe sich nachspüren, ob und wenn ja welche Kriminalität als Surrogat wirksam wird. Ein Regisseur wie Christian Petzold versuchte das einmal, in „Toter Mann“ (2001), einem ganz großen Film Noir, der einen wünschen ließ, dass Petzold vielleicht einmal einen „Tatort“ inszenieren würde, aber „Tatort“ und Petzold, das wird nicht passieren, das ist unter der Würde dieses Regisseurs. Wenigstens ein paar Abgründe zwischen Neckar und Donau aufdecken wollten die alten Stuttgarter Krimis mit Kommissar Bienzle (Dietz-Werner Steck), wobei die filmästhetisch so jenseits von Gut und Böse waren, dass man sie nicht guten Gewissens anschauen konnte. Die aktuellen Krimis hingegen sind filmisch halbwegs up to date, dafür hat man aber allen inhaltlichen Anspruch aufgegeben.

Das geht schon beim Ermittlerteam los. Richy Müller legt seinen Kommissar Thorsten Lannert überdeutlich als „Ich bin ein gebrochener Mann, aber gerade deswegen bin ich so sexy“-Klischee an. Und Jungkompagnon Felix Klare als Sebastian Bootz schmiert einen „Ich lebe eine total gleichberechtigte Ehe auf Basis traditioneller Familienwerte“-Schmonzes hin, dass man nicht anders kann, man muss diese Rolle als Propaganda für konservative Familienpolitik sehen: Hey, es ist okay, wenn der Mann arbeitet und die Frau zu Hause im Vorort bleibt! Solange man sich liebt! (Dass Bootz‘ Frau Julia in der aktuellen Folge „Tote Erde“ an einer schweren Krankheit leidet, nährte kurz die Hoffnung, dass die verehrte Schauspielerin Maja Schöne sich nicht mehr länger für solch einen reaktionären Schrott hergeben würde, aber: „Die Heilungschancen stehen nicht gut. Sie stehen sehr gut!“ heißt es am Ende. Geht anscheinend doch weiter. Naja, Schöne muss auch ihre Miete zahlen.) Außerdem gibt es eine Staatsanwältin (Natalia Wörner, die ist neu, bislang war das doch so eine Dunkelhaarige mit spanischem Hintergrund, gespielt von Carolina Vera, die allerdings einen ganz ähnlichen Frauentyp verkörperte: ultrakompetent und ultrasexy), die in ihrer ausgestellten Verliebtheit nicht so recht ins Schwäbische zu passen scheint: In Schwaben wird Sexualität schuldbewusst erduldet und nicht lustvoll gefeiert, wer so lebt wie diese Henrike Habermas (Drehbuchautor Wolf Jakoby und Regisseur Thomas Freundner bekommen einen doppelten Tritt gegens Schienbein fürs Ausdenken dieses Rollennamens), der bringt es in Stuttgart nicht einmal zur Rechtsreferendarin.

Der Fall jedenfalls ist so unübersichtlich wie blöde: Ein Politikwissenschaftsstudent („Powis, das sind die ganz Harten!“ sagt Lannert, eigenartig: Während meines gesamten Politikstudiums hörte ich noch nie die Abkürzung „Powi“, und als allzu hart empfand ich mich auch nicht, aber vielleicht ist das heute anders?) stürzt bei einer Protestaktion gegen Umweltsünder von einem Brückenpfeiler. Weswegen die Polizisten überhaupt nachprüften, ob bei diesem Absturz nachgeholfen wurde, ist nicht so ganz klar, jedenfalls sind sie erfolgreich: Der Ökoaktivist wurde mit einem Luftgewehr beim Klettern beschossen, außerdem hatte sein Körper so viel Schadstoffe intus, dass er ohnehin in Kürze gestorben wäre. Weiterhin treten auf: ein weiterer ganz harter „Powi“ (Philipp Quest), dessen etwas naive Ex-Ex sowie Ex des Toten (Paula Kalenberg), ein fieser Montenegriner (Ljubisa Lupo Grujcic), eine schwäbisch-indische Wahrsagerin (Katharina Heyer), Nichte eines ultrasympathischen, typisch-schwäbischen mittelständischen Unternehmers (Mark Waschke) auf dem Sprung zum Global Player, der Staatsanwältin Habermas vögelt (man sieht aber nur den Brustansatz). Es ist alles unglaublich verworren, Dreck beziehungsweise kontaminierte Erde am Stecken hat am Ende der vielleicht doch nicht so sympathische Habermas-Beschläfer, die eigentliche Mörderin war allerdings die wahrsagende Inderin, weil die nämlich mit einer Stiftung groß ins Ökogeschäft einsteigen wollte, was ihr die zwar harten aber alles in allem allzu idealistisch-naiven Powis kaputt gemacht hätten. Tja.

Und das ist inhaltlich so dünn, so grottig gespielt, so uncharmant und ohne Gespür für die Location gedreht, dass mir klar wird: Meine Biografie kann nichts dafür, dass ich die schwäbischen Krimis nicht mag. Die sind ganz schlicht schlecht.

(„Die Handlung dieses Krimis mäandert halt gar so klischeehaft dahin“: Wilfried Geldner auf tatort-fundus.de. „Die SWR-Tatorte gehen runter wie totalrationalisiertes Weltraumessen„: Matthias Dell im Freitag. „Ab auf die Deponie damit“: Christian Buß auf SpOn. „Ein Brückenpenner kommt nicht vor im Tatort, wie auch Überraschendes nicht vorkommt„: Holger Gertz auf sueddeutsche.de. „Es gibt nichts Neues, nichts Erbauliches, kein Aha, sondern nur noch ein müdes: War eh klar„: der Wahlberliner. „Ein bisschen Mystik, ein bisschen politische Korrektheit, ein bisschen Korruption„: der Stadtneurotiker.)

Wir werden einfach keine Freunde mehr, der „Tatort“ vom Bodensee und ich. Zu gefühlig ist mir das alles, zu narrativ anspruchslos, zu wenig wird dem Zuschauer hier zugemutet, sowohl in Bezug auf die Drastik des Gezeigten als auch in Bezug auf das Infragestellen klarer Gut-Böse-Scheidungen. Das ist nichts für mich, sieht man einmal von den kurzen Ausflügen der Reihe zum wüsten Trash vor ein paar Folgen („Der Polizistinnenmörder“, 2010) ab. So ist das, mit Konstanz.

Aberaberaber.

Von meinem persönlichen Geschmack abgesehen, lässt sich die aktuelle Bodensee-Folge „Nachtkrapp“ gar nicht einmal so übel an, wie es die teils heftigen Verrisse im Vorfeld vermuten ließen. Inhaltlich haben wir es mit einem verhältnismäßig konventionellen Lustmord-Krimi zu tun: Ein Junge wurde aus dem Schullandheim entführt, missbraucht und umgebracht, die Spur führt zum pädophilen Holger Nussbaum (Hansa Czypionka), den der (wie wir seit dem ersten Fall vor zehn Jahren wissen: mittlerweile tote) Mann von Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) einst hinter Gitter brachte und der seit kurzem wieder auf freiem Fuß ist. Weil der tote Junge mit einer Schweizer Jugendgruppe am Bodensee war, gibt es noch ein wenig gar nicht so unplausible Kompetenzstreitereien mit dem Thurgauer Polizisten Lüthi (Roland Koch, der auch nichts dafür kann, dass er den Namen eines extrem unsympathischen Politikers trägt). Nach und nach werden die Verdächtigen abgeklappert, darunter auch der Herbergsvater (der große Hendrik Arnst, den man lange nicht mehr sah, man machte sich schon Sorgen) und der mitgereiste katholische Jugendpfarrer (Pfarrer: „Ich geh‘ mich um die Kinder kümmern.“ Herbergsvater: „Wie Pfaffen sich um Kinder kümmern, das weiß man ja!“, wunderbarer Dialog), das ist ein wenig öde, aber gar nicht so dumm, der Verbrecher wird hier eben nicht als der unbekannte Schänder hinterm Busch imaginiert, sondern als Vertrauensperson aus dem Nahbereich, was zwar der Realität entspricht, im Fernsehkrimi aber meist sträflich vernachlässigt wird. Am Ende ist es einer der Verdächtigen, und, klar, es ist derjenige, der bis dahin am sympathischsten wirkte. Das Ganze wird von Kameramann Ralf Nowak in hübschesten Herbstbildern gezeigt, der See: eine blassgraue Traumlandschaft, in der verwunschene Jugendherbergen stehen, in eigenwilligen Bildausschnitten fotografiert.

Leider verliert der Krimi nach ungefähr 45 Minuten an Stringenz: Nussbaum entführt Kommissarin Blum, weswegen ist nicht ganz klar, aber es gibt Gelegenheit, ein paar Ausflüge in die Schweizer Bergwelt um den Säntis zu zeigen (diese Schweizer! Überall stehen verlassene Bunker rum!) und außerdem das eidgenössische Unternehmen Postauto mehr als einmal deutlich ins Bild zu rücken. In Geiselhaft erfährt Blum, dass Nussbaum a) sehr wohl pädophil ist aber b) den Jungen nicht getötet hat. Was bedeutet: Der wahre Mörder läuft noch frei rum, und ein Objekt seiner Begierde steht auf dem Bootssteeg, wartet darauf, dass ein Fisch anbeißt, wo es selbst doch kurz davor ist, filettiert zu werden! Man versteht nicht so recht, weswegen der mittlerweile geläuterte Nussbaum Blum zwar die Möglichkeit gibt, die Kollegen in Konstanz telefonisch zu warnen, dann aber mit ihr durch die halbe Schweiz zurück an den Bodensee fährt, wo Kommissarin und Pädophiler gerade noch rechtzeitig ankommen, um den mittlerweile entführten Jungen zu retten (wo ist jetzt eigentlich die Konstanzer Polizei?). Wie das Drehbuch (Melody Kreiss) ohnehin recht frei mit geographischen Gegebenheiten umgeht (Hallo? Wenn die Schweizer Polizei eine Leiche auf dem Bodensee findet, dann wird sie diese doch wohl erstmal ans Ufer holen! Und sie dann nicht gerade mit einem Schiff nach Konstanz bringen, das ebenso wie die Schweiz am Südufer des Sees liegt!), das ist ja leider Usus in Konstanz. Dass der deutsche Fernsehkrimi sich keine andere Lösung für einen Pädophilen vorstellen kann als den Tod, entweder wie hier durch eigene oder aber durch Polizistenhand, das stößt auch ein wenig unangenehm auf. Aber dennoch: Regisseur Patrick Winczewski hat mit „Nachtkrapp“ deutlich besseres abgeliefert, als man erwarten durfte.

„Ziemlich plump entwickelter Plot“: Christian Buß auf SpOn. „Kühl und finster“: Frank Rauscher auf tatort-fundus.de. „Dienst nach Vorschrift“: Matthias Dell im Freitag.

Ach, was hatt‘ ich mich gefreut. Endlich wieder „Tatort“ aus dem Pott, dacht‘ ich, Pott ohne die doch schwer unter dem Staub der Achtziger liegende Schimanski-Ästhetik, außerdem aus Dortmund. Das Ruhrgebiet allgemein und Dortmund speziell sind so eine Art Sehnsuchtsorte für mich, ich hatte mich wirklich gefreut auf diesen ersten Dortmunder „Tatort“, „Alter Ego“.

Hömma! Was‘ das denn? „Alter Ego“ ist ein Desaster, und das liegt nicht am Fall. Der ist 08/15, Klemmschwuppe mit Vaterkomplex meuchelt offensiv lebende Schwule, weil die ihn emotional anfassen, dafür gewinnt Autor Jürgen Werner keinen Originalitätspreis, aber das kann man machen, gerade wenn man ein neues Team einführen muss. Dass „Alter Ego“ so misslungen daher kommt, liegt auch nicht am Team, das ist nämlich klasse. Jörg Hartmann als depressiver Stinkstiefel, Aylin Tezel als hardboiled Kekilli-Lookalike, Anna Schudt als Queen of Cool und schlechte Laune, Stefan Konarske als intellektuell nicht übermäßig beschlagener Sympathiebolzen, das sind kurz angerissene Biografien, die allesamt Lust machen, dass wir mehr über sie erfahren und die auch eine gewisse Spannung im Zusammenspiel versprechen. Nein, dass „Alter Ego“ so misslungen ist, das liegt ausschließlich an der Inszenierung des beim „Tatort“ viel beschäftigten Thomas Jauch.

Geht schon los, mit einer Sexszene, die so bieder abgefilmt ist, dass man glaubt, in einem garantiert jugendfreien Fitnessvideo gelandet zu sein, und die zumal gegengeschnitten wird mit Bildern des ersten Mordes, wobei man durchaus fragen darf, was solche eine Parallelführung von Sex und Gewalt eigentlich inhaltlich bedeuten soll. Geht weiter: mit Bildern (Kamera: Clemens Messow), die an die üble Videoästhetik der Mittneunziger-Berlin-Krimis erinnern, billigste Bilder, die mit Reißschwenks und vollkommen unmotivierten Zooms kaschiert werden. (Kinners! Das kann vielleicht Dominik Graf, die Beschränktheit der Mittel so ausstellen, dass man kapiert, was für eine ästhetische Entscheidung dahinter steht, Thomas Jauch aber kann das nicht!) Geht immer noch weiter: Weil dieser Krimi eigentlich überall spielen kann, haut man ein paar blaustichige Bilder von Sehenswürdigkeiten und Klischees dazwischen, das Dortmunder U, Zechentürme, am ärgsten: einen Taubenzüchter (Uli Krohm, der allerdings als Vater eines Opfers ein schauspielerisches Kabinettstückchen abliefert, inklusive der Jahrhundertsätze „Was haben die denn alle dagegen, wenn jemand anders ist? Ich habe ja auch nichts dagegen, wenn die alle gleich sind“, der sich einerseits auf den aus der Bergmannstradition gefallenen schwulen Sohn bezieht, andererseits auf die Gentrifizierungstendenzen in Dortmunder Arbeitervierteln). Geht immer noch weiter: Die Kommissare ermitteln in einer Schwulenbar (wer sehen möchte, wie man so etwas klug, originell und nicht diskriminierend inszeniert, der schaue den alten Münchner Krimi „Liebeswirren“!), und vor der Bar treffen sie, hach wie peinlich!, die Borussenkumpels vom Sympathiebolzenbullen. Die ein solch billiges Bild abgeben, eine Handvoll gelbschwarzer Schalträger in der ansonsten leeren Dortmunder Innenstadt, dass man nicht umhin kann, sich vorzustellen, wie die Diskussion bei der Produktion gelaufen sein muss: „Wir brauchen da eine große Menge Fußballfans!“ „Hm, ja, für fünf Komparsen reicht der Etat noch.“ „Scheiße. Naja, dann staffieren wir sie am besten möglichst trottelig aus, dann wird das schon.“ Nein, Regie, das wird nicht! Im Gegenteil, das sieht lieblos aus, billig und nicht so, als ob ihr euch auch nur annähernd Gedanken gemacht hättet, was ihr mit euren Bildern eigentlich erzählen wollt!

Ich bin wrklich verärgert, echt jetzt. Und nur, weil ich glaube, dass in diesem Team noch ziemlich viel Potenzial steckt, freue ich mich jetzt schon auf die nächste Folge aus Dortmund. (Das ist wie beim Fußball. Nur weil die Borussia einmal verliert, bleibt der Fan am nächsten Wochenende doch auch nicht zu Hause.)

„Als wär’s die 72. Lena-Ödenthal-Folge“: Matthias Dell im Freitag. „Menschen sollte man machen lassen“: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. „Anschluss verpasst“: Christian Buß auf SpOn. „Viel Potenzial, aber Luft nach oben“: der Wahlberliner. „Die wie mit dem Salzstreuer auf den Film verteilten Schauplätze“: die Revierpassagen.

Der „Tatort“ aus Bremen hat irgendwie keinen so besonders guten Ruf. Keine Ahnung, woran das liegt, vielleicht: Weil Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) nicht ins Fernsehformatklischee passt, weder jung ist noch sexy noch wirklich sympathisch? Und gleichzeitig all das zusammen, na gut, bis auf die Jugend, wobei die 58-Jährige da in aller Coolness auch gar nicht mitzuschwimmen versucht? Weil Bremen das in der Regel von rechts gedeutete Genre Kriminalfilm immer mal wieder von links denkt, ganz im Gegensatz zur Mehrzahl der den „Tatort“ bestückenden ARD-Anstalten, ganz im Gegensatz zu Hannover, Ludwigshafen, Konstanz? Und weil das dem meist auch eher konservativen „Tatort“-Schauer unangenehm aufstößt, dieses Bewusstsein: Der Feind steht meist rechts? Oder, vielleicht doch: Weil die Fälle aus Bremen doch von arg schwankendener Qualität sind, mal ein wunderbarer Herbstfilm wie „Stille Tage“ (2006), mal eine über jedes Ziel hinausschießende 9/11-Verschwörungstheorie wie „Sheherazade“ (2005), mal ein vollkommen durchgeknallter Schmonzes wie „Requiem“ (2005). Und dann leider auch ein unausgegorener Genremix wie „Hochzeitsnacht“, der aktuelle Fall.

„Hochzeitsnacht“ gehört zum Subgenre „Stadtkommissare fahren aufs Land“. Das gibt es bei nahezu jedem Team mal, Hannover baut ausschließlich auf solche Fälle, die eigentlich immer als groß besetzte Ensemblefilme daherkommen, allerdings auch schnell Gefahr laufen, allzu formatiert zu wirken. Immer geht es um dunkle Geheimnisse auf dem Dorf, von denen niemand etwas erfahren darf, immer sind irgendwie alle schuldig, immer ist das erotische Begehren ein dumpfes, dunkles Gruseln. In „Hochzeitsnacht“ wird dieses Subgenre allerdings gepimpt, indem es mit einem weiteren Subgenre verschmolzen wird: dem Geiselnahme-Thriller. Kommissarin Lürsen ist irgendwo in der platten niedersächsischen Einöde auf einer Hochzeit, als Begleitung ihres Untergebenen Stedefreund (Oliver Mommsen): Der Sohn von Stedefreunds Ex-Ruderkumpel heiratet, und der Eingeladene nimmt seine Chefin mit. (Macht man das so? Wenn man Single ist und zu wildfremden Menschen aufs Dorf fährt, dass man dann seine Vorgesetzte bittet, einen zu begleiten? Ich meine, nichts gegen meine Chefin, aber das passt irgendwie nicht.) Die Hochzeit wird überfallen, von Simon (Sascha Reimann aka Ferris MC) und Wolf (Denis Moschitto), der aus dem Kaff stammt und vor Jahren beschuldigt wurde, die Dorfschönheit umgebracht zu haben. Simon will nur die Kohle der Hochzeitsgäste (was nicht unbedingt für seine Intelligenz spricht: Er glaubt, dass ein Raubüberfall im Dorfgemeinschaftshaus wahnsinnige Reichtümer versprechen dürfte), Wolf will den wahren Mörder fangen. Die Handlung macht so ihre Kapriolen, Stedefreund verliert seine Hose und begegnet einem Wolf (einem Tier, nicht dem Geiselnehmer) irgendwo in der wunderschön gefilmten nordwestdeutschen Moorlandschaft, da rutscht der Film ganz kurz in Richtung Klamotte, dann aber gibt es wieder Szenen von arger Brutalität, der Film zeigt stellenweise eine Härte, die man dem Sonntagabendprogramm nicht zugetraut hätte. Und: Der wahre Mörder geht ebenfalls um, im Dorfgemeinschaftshaus. Erst wird ein Mitwisser gemeuchelt, dann beinahe noch Kommissarin Lürsen, derweil Stedefreund sich vor der Tür mit dem aus Bremen eingetroffenen SEK kabbelt. (Weswegen eigentlich aus Bremen? Polizei ist doch Ländersache, da müssten die doch aus Hannover oder aus Osnabrück oder wo auch immer herkommen, aber doch nicht aus dem polizeilichen Ausland Bremen?) Am Ende stürmen die Polizisten die Hochzeitsgesellschaft, und weil noch zehn Minuten über sind, wird der wahre Mörder ebenfalls noch gestellt. Es ist so uninteressant.

Und wenn ich nicht wüsste, dass die Macher dieses Films, Florian Baxmeyer (Regie) und vor allem Jochen Greve (Buch), auch ganz anders können, zumal Greve auch „Stille Tage“ geschrieben hat, dann würde ich übersehen, was für eine tolle Performance Sascha Reimann da abliefert, dann würde ich einstimmen in den Chor der Bremen-Verächter. So sage ich: War eben nichts, diesmal.

„Das Ergebnis ist ein Desaster“: Christian Buß auf SpOn. „Fancy Rollladenrunterlassen mit dem Teppichmesser“: Matthias Dell im Freitag. „Wie die Protagonisten fängt man sich auch als Zuschauer sehr bald an, nach seinem Bett zu sehnen“: Jakob Hein auf tatort-fundus.de. „Überwiegend blass“: der Wahlberliner.

09. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Der Betonfleck an der Förde · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , , , , ,

Ich verstehe die Figur der Sarah Brandt nicht. Ich meine, natürlich spielt Sibel Kekilli ihre Kieler „Tatort“- öh, Kommissarin? Was ist Frau Brandt denn überhaupt für ein Dienstgrad? Egal, natürlich spielt Kekilli die Sarah Brandt ganz bezaubernd, so wie Kekilli so ziemlich alles ganz bezaubernd wegspielt. Aber: Was ist das für eine Rolle? Weswegen ist Brandt immer so naseweis, ein paar Sekunden später kekst sie ihren Chef ganz unnötig aggressiv an, und noch ein wenig später treibt sie eine Zeugin in die Enge, mit Worten erst, dann auch mit konkret körperlicher Gewalt, und das, obwohl der arme Junkie Roswitha (Peri Baumeister) doch nicht verdächtig ist, sondern sich nur zurecht Sorgen um den entführten Sohn macht. Ich verstehe die Figur der Sarah Brandt nicht.

Ansonsten ist dieser „Tatort: Borowski und der stille Gast“ natürlich ganz großartig. Erstens weil Lars Eidinger den Bösewicht spielt (den Bösewicht, der so böse vielleicht gar nicht ist … oder?), Lars Eidinger, den ich mehrfach schon in  schlechten Filmen gesehen habe, der aber selbst noch nie schlecht war (der bei seiner Drehbuchauswahl höchstens langsam mal aufpassen muss, dass er nicht auf die Serienkiller-Rolle festgelegt wird), Lars Eidinger, der mir vor einem Jahr fürs uMag das wahrscheinlich beglückendste Interviewerlebnis meiner bisherigen Journalistenkarriere schenkte, Lars Eidinger, dem man nur beim Brezelessen oder beim Zähneputzen zuschauen muss, und schon weiß man: Da zittert etwas hinter diesen Augenlidern, etwas Ungreifbares, Unheimliches. Da kann das Drehbuch (Sascha Arango) gerne Standardsituationen aus der Thrillerschublade aneinander reihen, da kann die Regie (Christian Alvart) mangelnde Originalität mit schick aussehenden Mätzchen zu kaschieren versuchen – sobald Eidinger mitspielt, nimmt man das hin, ich meine, Eidinger schaffte es schon vor zweieinhalb Jahren, den unerträglich seichten Ludwigshafen-Krimi „Tod auf dem Rhein“ mit einer ganz ähnlichen Performance wie hier halbwegs erträglich zu machen, und „Tod auf dem Rhein“ spielte eben nicht in Kiel.

Und das ist der zweite Grund, weswegen ich beglückt bin von diesem Krimi: Kiel. Hier traut man sich noch an eine Setzung, man behauptet einfach, dass Kiel, dieser Betonfleck an der Förde, die skandinavischste Stadt Deutschlands sei, weswegen man folgerichtig hier Schwedenkrimis (Naja, Schwedenkrimis ohne die rechtssozialdemokratische Moral der Vorlagen, ohne dieses „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber dass die alle hierher kommen und Verbrechen begehen, finde ich doch nicht so gut“, das bei Henning Mankell immer so unangenehm durchscheint) drehen könne. Da ist zwar überhaupt nichts dran, aber wenn man so eine Setzung macht, dann hat man einen Freibrief, die Schlagzahl zu erhöhen. Die Mörder sind jedenfalls unheimlicher, die Taten blutiger und die Ermittler (Borowski, Meister aller Klassen: Axel Milberg) kaputter als andernorts in Tatortland. Ach ja, zu den Ermittlern vielleicht noch: Eigentlich hat die Rolle des Kriminalrats Schladitz (Thomas Kügel) es nicht verdient, immer nur als halbtrotteliger Comic Relief verheizt zu werden, ein Minuspunkt für „Borowski und der stille Gast“. Überhaupt, wer braucht denn etwas zu lachen, in einem Krimi wie diesem?

Schließlich Borowski selbst. Der ermittelt nun auch schon seit rund zehn Jahren im Norden, und tatsächlich ist die Figur gewachsen, durfte sich entwickeln, vom halbwegs realistisch gezeichneten Polizisten der frühen Jahre (gab es nicht einmal auch einen Assistenten mit Migrationshintergrund, dem islamistische Tendenzen unterstellt wurden?) über die erotisch aufgeladenen, teilweise ins Absurde lappenden Fälle an der Seite der Polizeipsychologin Frieda Jung (Maren Eggert) bis jetzt zu den an die Nieren gehenden Thrillern mit Besserwisserpolizistin Brandt. Und jede Phase: besser als die vorangegangene.

Ein paar Fragen sind offen: Geht das weiter, mit Sarah Brandt, die nach drei Fällen endlich als Epileptikerin geoutet ist, was sie ja eigentlich dienstunfähig machen dürfte? (Und: Falls es weiter geht, dann wird es ein großes Problem für Borowski geben, dass er ihre offenbare Krankheit verschwiegen hat, oder?) Ist die Figur Schladitz noch zu retten, oder bleibt das eine Knallcharge? Vor allem aber: Ist der Mörder am Ende eigentlich aus dem Krankenwagen entkommen? Gruselig!

„Es ist immer so eine Sache mit diesen Krimis, die nicht nach dem sogenannten ‚Whodunit‘-Prinzip funktionieren“: Kai-Oliver Derks auf tatort-fundus.de. „Kiel ist momentan state of the art“: Matthias Dell im Freitag. „Mama, Spanner, Kind“: Christian Buß auf SpOn. „Schüchtern stammelndes Phantom mit Hornbrille“: Joachim Mischke im Hamburger Abendblatt. „Autor und Regisseur verließen sich zu sehr (…) auf den Ersatzschlüssel“: der Stadtneurotiker. „So endet eine große Liebe mit einem gewaltsamen Tod“: der Wahlberliner.

20. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für Nur Verlierer · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , ,

Angesichts dessen, wie begeistert ich allwöchentlich „Tatort“-Rezensionen poste, mag dieses Bekenntnis überraschen, aber: Eigentlich ist mir die „Polizeiruf 110“-Reihe der liebere Wochenendausklang. Die formalen Grenzgänge aus München, die harten Rostocker Krimis, die kaputte Menschen in einer kaputten Welt zeigen, die Filme aus einem Brandenburg, das hier als einziger, undefinierter Dorfraum gezeichnet wird – toll. Wobei meine Liebe zum „Polizeiruf“ natürlich eine Liebe ohne Zukunft ist: „Polizeiruf 110“ ist anscheinend in der Fernsehkrimi-Hierarchie recht weit unten angesiedelt, weswegen kaum ein ARD-Sender sich den noch leistet. Der Hessische Rundfunk ist längst ausgestiegen, obwohl ich dessen erotische Rotweinträume aus Bad Homburg ganz originell fand, dito der WDR, der seine hochironischen Provinzkrimis durch seinen schwer klamaukigen Provinz-„Tatort“ aus Münster ersetzte, dunkel erinnere ich mich, dass es einst sogar einen „Polizeiruf“ aus Österreich gab, vorbei. Keine Ahnung, wie lange der Bayerische Rundfunk seine großartigen Münchner Krimis noch unter dem Label „Polizeiruf 110“ vermarktet, angeblich gibt es ja auch dort Absatzbewegungen.

Kein Grund, den „Polizeiruf“ gut zu finden, sind in der Regel die Krimis aus Halle, verantwortet vom MDR, der bekanntermaßen auch die doofsten Beiträge zur „Tatort“-Reihe beisteuert. Die Krimis aus der Saalestadt sind, das muss man leider sagen, betuliche, konstruierte Whodunits, meist erbarmungswürdig gespielt, gedreht in einer Filmsprache, mit der ein Regisseur sich schon vor 20 Jahren bei „Derrick“ blamiert hätte. Der „Polizeiruf 110: Bullenklatschen“ allerdings geht einen Schritt weiter: Thorsten Schmidt (Regie) und Matthias Herbert beweisen, dass ästhetische Altbackigkeit Hand in Hand geht mit einer stockreaktionären Handlung.

Als hätte die Diskussion um Gentrifizierung und Stadtumwandlung nicht während der vergangenen Jahre ins Bewusstsein gebracht, dass Widerstand gegen die Kommerzialisierung des Stadtraums kein genuin linkes Anliegen, sondern auch weit in linksbürgerliche Kreise anschlussfähig ist, wird hier ein Polizist auf einem gentrifizierungskritischen Hoffest erschossen, und die anwesenden Verdächtigen sind durch die Bank Klischeeautonome, biersaufende, irotragende Doofnasen, die geil aufs „Bullenklatschen“ sind und ansonsten stumpf halbverdaute Kapitalismuskritik absondern. Die der gute Polizist natürlich problemlos kontert: „Du bist gar nicht alt genug, um zu wissen, was ein Unrechtsstaat ist!“, blafft Kommissar Schneider (Wolfgang Winkler) den Hauptverdächtigen (Sergej Moya) an, klar, der Demokratiefeind steht links, was vielleicht aus der Ost-Biografie des Kommissars verständlich ist, geäußert in der Nazihochburg Sachsen-Anhalt aber doch ein wenig übel aufstößt. (Außerdem, lieber MDR, Glückwunsch zur Chuzpe, solch einen Satz zu bringen, drei Tage, nachdem der Rechtsstaat in Frankfurt beim Auflösen der Blockupy-Proteste sein wahres Gesicht zeigte.) Doch, dieser Krimi ist zum Kotzen.

Am Ende war der Mörder natürlich keiner der Ultraautonomen, so leicht macht es sich dieser Krimi (dessen Drehbuchaufbau, das ist dann gleich nochmal eine Ecke perfider, das sonstige Halle-Niveau im Grunde übersteigt), dann doch nicht. Am Ende ist der Mörder ein armes Schwein, das eigentlich nur helfen wollte. „Warum?“ fragt dessen Freundin unter Tränen, und man möchte eine Antwort finden, bloß, die einzige Antwort, die man findet, ist: „Hättet ihr euch eben nicht unter Autonomen rumgetrieben!“ Man möchte ins Kissen beißen.

„Alles Verlierer!“ rekapituliert Kommissar Schmücke (Jaecki Schwarz) die Protagonisten dieses finsteren Machwerks. Immerhin: Der MDR plant, Schwarz und Winkler demnächst in den Ruhestand zu schicken und die Hallenser Polizeiruf-Dependance zu schließen. Vielleicht gibt es Hoffnung.

(Olle Ost-Cops: Christian Buß auf SpOn. Hölle an der Saale: Matthias Dell im Freitag.)

06. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für „Moment mal, der gehört ja gar nicht zu uns“ · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , ,

Vielleicht musste der Superbulle ja so enden: mit einem ganz großen Wurf. Mit einer Auftragskillerin (Corinna Harfouch), die erstens autistisch ist und zweitens todkrank, Leukämie wahrscheinlich. Einem Mörderinnensohn (Jonas Nay), der eine Mischung aus Norman Bates und Schanzenjüngling darstellt und nach der Hälfte von der Mutter beiläufig gemeuchelt wird. Eine Bankerrunde, die heftigst overacted, besoffen vom Adrenalin. Einer Superbullenfreundin (die wunderbare Anna Bederke), die den gesamten Film über barfuß, blutbesudelt und derangiert durch die Szene stolpert. Und dem Superbullen selbst, Cenk Batu (Mehmet Kurtulus), der schon in den ersten Szenen dieses „Tatorts: Die Ballade von Cenk und Valerie“ erschossen wird. Groß. Pathetisch. Heftig.

Die Figur des Cenk Batu ist eine starke Setzung im „Tatort“-Konzert: kein Kommissar bei der Mordkommission, wie die ganzen Kollegen von München bis Leipzig, sondern ein verdeckter Ermittler, ein geschichtsloser Zombie in einem Penthouse dieses von mir immer mehr gehassliebten Hamburg, der von Fall zu Fall in bestimmte Szenen eingeschleust wird. Das macht die Geschichten mit Batu schwierig, weil der Aufbau solch eines Krmis immer ähnlich ist: 1. Verdeutlichung des Themas 2. Einschleusen Batus bei den Bösen 3. Überraschende Wendung 4. Aufdeckung der wahren Identität Batus 5. Schluss/Action. Irgendwann dürfte solch eine stark formatierte Drehbuchästhetik langweilen, entsprechend ist es sinnvoll, dass Regisseur und Drehbuchautor Matthias Glasner die Figur sterben lässt, nach nur fünf Krimis (wenn ich richtig gezählt habe). Selbst um den Preis, dass ich immer noch nicht so richtig verstanden habe, was diesen Batu eigentlich antreibt, dass da noch einiges ist, das nicht erzählt wurde. Zum Beispiel der Migrationshintergrund Batus: im ersten Fall („Auf der Sonnenseite“, 2008) war der noch Thema, ebenso wie in „Der Weg ins Paradies“ (2011), wo der verdeckte Ermittler unter Islamisten geriet, aber sonst? Ist dieser Batu denn Muslim? Immerhin trinkt er Alkohol. Aber womöglich ist das genau die Qualität dieser kurzen Krimreihe: dass Fragen offen bleiben, dass eine Figur gar nicht wirklich erkannt wird. Weil ein Erkennen viel zu kompliziert ist, um es in fünf Mal 90 Minuten zu erfassen.

Die Krimis waren nicht immer stimmig, das nicht. Woher hat Batu überhaupt sein Wissen, um in kürzester Zeit in unterschiedlichsten Szenen als Insider durchzugehen? Und weswegen wird er überhaupt in seiner Heimatstadt eingesetzt, der Stadt, in der ihm jeden Augenblick ein Bekannter auf der Straße begegnen könnte? Auch Matthias Glasner ist da ein wenig schlampig, wo er eine Gruppe hochgepushter Banker auftreten lässt, mit Dreitagebart und durchschlafenem T-Shirt, während der einzige, der hier im Anzug auftritt, der verdeckte Ermittler ist – und keiner stellt fest, „Moment mal, der gehört ja gar nicht zu uns“? Aber: Das ist egal. Weil es hier um etwas ganz anderes geht.

Es geht hier darum, eine ganz große Geschichte zu erzählen. Eine vollkommen unironische Geschichte von einem Mann, der zutiefst liebt (und der es entsprechend nicht aushält, als seine Liebe in einer politischen Strategie aufs Spiel gesetzt wird). Eine Geschichte von einem Mann, der scheitern muss. Ein Liebesduell: Die Killerin nimmt ihren Gegner als erotischen Partner wahr, nicht erst, als sie ihn „Liebster“ nennt, sondern schon zu Beginn, als sie ihn außer Gefecht setzt und nicht etwa schnöde fesselt, sondern in einem Shibari-Bondage-Ritual kunstvoll verschnürt. Den Tod sowohl der Killerin als auch des Superbullen verstehen wir nicht nur als Höhepunkt des Krimis, sondern eben auch als vergrößerte Form des „kleinen Todes“, als gemeinsames Kommen, und das ist schon sehr radikal.

„Die Ballade von Cenk und Valerie“ ist radikal, ein großer Wurf. Eine Radikalität, die man keinem anderen „Tatort“-Team so zutrauen würde, ich meine, Münster? Köln? Ich werde Cenk Batu vermissen.

(„Unfreiwillig komisch“: Torsten Thissen auf Welt Online. „Metaphernschweres Melodram“: Christian Buß auf SpOn. „Verdammt ernst“: Heinz Zimmermann auf tatort-forum.de. „Grandioser Schmarrn“: Matthias Dell im Freitag. „Im Grunde ein Klassiker“: der Wahlberliner. „Schnüff. Und uff“: Mark Heywinkel.)