09. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Why don’t you love me anymore? · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , ,
Holzfäller-Style, recht maskulin, Bauch und Vollbart, aber natürlich ironisch verhipstert, ist ja Alternative: John Grant.

Holzfäller-Style, recht maskulin, Bauch und Vollbart, aber natürlich ironisch verhipstert, ist ja Alternative: John Grant.

„Ich würde gerne deutsch können“, sagt John Grant, und man ist kurz überrascht, weil: Der kann doch deutsch, fast akzentfrei. Der kann so gut deutsch, wie man noch nie einen US-Amerikaner hörte, aber dann geht der Satz noch weiter: „wie Max Goldt.“ Grant kichert. „Ich find‘ den so geil.“ Und ich stehe verwirrt da, bei diesem eigenartigen Konzert, das nicht einmal ansatzweise das ist, was ich erwartet habe.

Eigentlich ist Grant ganz und gar nichts für mich. Ein Mittvierziger, der bislang klugen und in meinen Augen sehr, sehr langweiligen Alternative-Singer-Songwriter-Folk veröffentlichte, früher mit der in Denver (Colorado! Übelstes Redneck-Country, oder?) beheimateten Band The Czars, seit 2010 solo, ein Musiker, der so aussieht wie seine Musik, also Holzfäller-Style, recht maskulin, Bauch und Vollbart, aber natürlich ironisch verhipstert, ist ja Alternative. Außerdem ein arger Authentizitäts-Overkill, mit dem man beim Erscheinen der aktuellen CD „Pale Green Ghosts“ zugeschüttet wurde: vom langjährigen Lebenspartner schmerzhaft verlassen! Umzug nach Reykjavik, in die Kälte! Und schließlich noch eine positive HIV-Diagnose! Meine Güte, der Arme! Man schaut das düstere Video zum Titelsong (der wenigstens nicht mehr folkig ist, sondern schwer elektronisch), da denkt man: Boah, den dunklen Hintergrund der Aufnahmen hat Grant aber ziemlich gut in seine Kunst übertragen bekommen!

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Und dann steht da ein Mann auf der Bühne des neu eröffneten (und über dessen Position zwischen Reeperbahn-Gentrifizierung und High-Class-Clubkultur man auch noch mal einen Artikel schreiben sollte) Mojo Club, ein Mann, der zwar auf der einen Seite genau so aussieht wie im Video, der aber gar nichts Cooles mehr an sich hat, sondern eher etwas gleichzeitig Würdevolles und Liebenswertes, wie er unbeholfen tanzt zu den Elektrobeats, die hier in einem so noch nicht gehörten Sound durch das Sichtbeton-Wunder der Clubarchitektur wummern. Man sieht einen Mann, der scherzt, der flirtet, der Zoten reißt, und nur kurz scheint durch, dass es hier immer noch einen ernsten Subtext gibt: „Your silence is a weapon/it’s like a nuclear bomb/it’s like the agent orange/they used to use in Vietnam“ singt Grant in „Vietnam“, was eben kein Protestsong ist, kein Antikriegslied oder gar, bei US-Provinzbewohnern kann man sich da ja nie ganz sicher sein, ein patriotisches Bekenntnis. Nein, es ist ein Lied über die Schlachtfelder im Beziehungsleben, das ist schon ziemlich heftig, und das macht auch kein charmantes Lustigsein zwischen den Songpausen wieder wett.

Der Auftritt ist, falls das hier nicht so richtig durchscheint, extrem gut. Mir gefällt Grant besser, wenn er knallhart elektronisch daherkommt, in „Pale Green Ghosts“ oder im populistischen „Sensitive New Age Guy“, aber die mit isländischen Elektromusikern aus dem GugGus-Umfeld aufgenommene Platte ist da nicht ganz konsistent, es gibt durchaus rührselige Balladen („Why don’t you love me anymore“, ein Flehen!), es gibt Grenzgänge zu Vaudeville, zu Indie-Crooning und eben weiterhin zum Folk, da kann ich immer noch nicht so richtig drauf, und in solchen Passagen fällt mir auch auf, was für ein unangenehmes Schicki-Publikum hier rumhängt, da mag doch was dran sein von wegen dass die Neueröffnung des Mojo-Club die radikal umgekrempelte Reeperbahn repräsentiert. Aber dann sagt Grant nochmal was Nettes, dann schaut er fies, dann bollern die Synthies los, und er spielt. Er spielt: „Blackbelt“, eine Abrechnung. Greatest Motherfucker that I’ll ever meet.

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23. März 2013 · Kommentare deaktiviert für In dem Raum neben dem Raum neben dem Raum mit dem Spinett · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , ,
Eine sbstrakte Komposition in Graustufen. Angedeutet: ein singender Keyboarder.

Eine abstrakte Komposition in Graustufen. Angedeutet: ein singender Keyboarder.

Was ich beim Jens-Friebe-Konzert gelernt habe.

– Das Fundbureau gibt es noch. Schon seit fünf, sechs Jahren nicht mehr war ich nicht mehr da, in diesem außergewöhnlich stimmungsvollen Club an einer der abgewrackstesten Ecken der Innenstadt, unter der Sternbrücke. Man merkt immer erst dann, dass man etwas vermisst hat, wenn man es unerwartet wiedersieht.

– Ebenfalls nicht gemerkt, wie sie mir gefehlt haben: die kunstvollen Camp-Chanson-Indie-Disco-Schlager des Herrn Friebe, „Frau Baron“, „Charles de Gaulle“, „Neues Gesicht“. (Warum, zur Hölle, verzichtete Friebe auf „Lawinenhund“?)

– Singen und gleichzeitig Keyboard spielen, sieht scheiße aus. Immer. Selbst wenn man so attraktiv ist wie Jens Friebe. (Was auch der Grund ist, weswegen ich ein Foto gemacht habe, auf dem man rein gar nichts erkennt. Es ist nicht so, dass ich mich nicht getraut hätte, weiter nach vorn zu gehen, es ist nicht so, dass ich einfach keine besseren Fotos machen kann, nein, ich will Friebe davor schützen, als singender Keyboarder erkannt zu werden. Keine Ursache, hab‘ ich gern gemacht.)

– Stehschlagzeuger sehen hingegen immer großartig aus. Und wenn sie außerdem noch so toll klingen wie Chris Imler, dann ist das einfach nur Zucker.

– Chris Imler ist ohnehin voll die coole Socke.

– Was ist besser: ein Konzert, bei dem man nach zwei Stunden Spielzeit wie geplättet aus dem Club wankt und nur noch dumpf ins Bett möchte? Oder ein Konzert, bei dem man nach einer knappen Stunde fröhlich im Foyer steht und sich austauscht, wie schön es war, aber, ach, ein klein wenig länger hätte er doch wirklich spielen können? (Zum Beispiel hätte er noch „Lawinenhund“ spielen können!)

– A propos Foyer: „Pfeffi“ ist ein Getränk, das muss ich nicht zwingend noch einmal haben.

– Wenn Songs funktionieren, dann stört es auch nicht, dass alle ein, zwei Minuten eine S-Bahn über die Köpfe donnert. Man blendet das dann einfach aus. Und wundert sich später beim Pfeffi im Foyer, was das für ein nervtötendes Dröhnen ist, alle ein, zwei Minuten.

– Wie gut die Friebe-Songs funktionieren, merkt man, wenn sie sich opulent arrangiert auf CD anhört, dann ins Konzert geht, ins Konzert, bei dem Friebe an Gitarre und Keyboard steht und ansonsten nur noch die coole Socke Imler dabei hat, und alles klingt ganz anders als auf CD. Aber immer noch spannend.

– Ich habe Friebe aus den Augen verloren, während der vergangenen Jahre. Dass ich ihn vermisst habe, wurde mir gestern klar.

Das geschätzte Festival Dockville findet dieses Jahr vom 16. bis 18. August statt, ist also noch was hin. Wöchentlich geben die Organisatoren erste Bands auf Facebook bekannt, bislang eher Kandidaten für die Nebenbühnen, Woodkid aus Reims etwa, die Crystal Fighters aus Navarra und London, Erdbeerschnitzel aus, öh, Berlin?, das sind Bands, die man nicht kennen muss, die man aber kennen kann. Jedenfalls waren die Kommentare auf die Bekanntgaben vergangenen Freitag recht vorhersehbar: „Alter. Ich kenne keine einzige Band! Bin ich ignorant?“, „Ich gehe seit 4 jahren zum dockville und kenne davon eine band. Große enttäuschung!“ oder „ääähhh kenn ich nix von?!“ hieß es da in Facebook-typisch problematischer Rechtschreibung. Die Dockville-Macher antworteten verhältnismäßig klar: „Dann hack Dich doch mal etwas rein in die Bands, dann kennst Du sie.“ Punkt.

Ist diese Antwort arrogant?

Nein, ist sie nicht. Niemand muss alles kennen, aber das ist ja das Schöne am Internet: Man hat die Möglichkeit, sich zu informieren. Es gibt Spotify, es gibt Vimeo, es gibt Youtube.

Anderes Beispiel: Eine Kollegin wirft mir vor, dass ich in einer Filmbesprechung den Namen Abbas Kiarostami nenne, ohne zu erklären, wer das sei. Abbas Kiarostami ist der Regisseur von „Quer durch den Olivenhain“, einem Film, der vor 20 Jahren auch in der Bundesrepublik im Kino lief, was natürlich verhältnismäßig wenig aussagt. Man muss den nicht gesehen haben, aber eine kurze Googlerecherche erklärt auch, mit wem wir es zu tun haben, mit zwei Klicks kann man Kiarostami einordnen: als bedeutendsten iranischen Regisseur der Gegenwart. Ist es wichtig, dass man das dazuschreibt? Während man wie selbstverständlich beim Namen „Brad Pitt“ nichts erklären muss, den kennt man ja? (Nebenbei gefragt: Wer definiert eigentlich, wen man kennt und wen nicht? Yellow Press wie die Bunte? Nichts gegen Brad Pitt, übrigens.)

Die Kollegin sagt, ich sei arrogant. Ich sage, es ist arrogant, sein Publikum zu unterschätzen. Das Publikum ist nicht so stumpf, das kann selbst ein wenig recherchieren, und wenn das Publikum sagt, das Dockville sei doof, die eingeladenen Bands sind so unbekannt, dann braucht es womöglich nur einen ganz kleinen Schubs, um sich mit den Bands bekannt zu machen. Der wunderbare Knarf Rellöm singt in „What’s that Music“: „Warum will die Mehrheit keine Veränderung? Weil sie doof ist? Zu einfach und gleichzeitig zu kompliziert. Weil sie doof gemacht wird? Zu verschwörungstheoretisch. Weil sie denkt, nichts anderes ist möglich, es gebe nichts anderes? Dann wären wir gefragt.“ (Hätte mir nicht irgendwann ein Musikjournalist Knarf Rellöm nahe gebracht, ohne zu denken, ach, Knarf Rellöm, über den müssen wir nichts schreiben, den kennt doch niemand – ich hätte diesen Musiker nie kennengelernt.)

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Jeder Kulturkritiker jammert, dass US-amerikanische Fernsehserien wie „Breaking Bad“ oder „Homeland“ so unvorstellbar besser seien wie der „Tatort“, ach was, wie jede x-beliebige deutsche Fernsehproduktion. Und das stimmt ja auch, nur, woran liegt das? Eric T. Hansen behauptet in der Zeit, dass das daran liege, dass die US-Popkultur eine antiintellektuelle Kultur sei, eine Fehlinterpretation, meiner Meinung nach. Ich denke eher, dass die US-Serien dem Zuschauer erlauben, etwas nicht zu wissen. Die Comedyserie „The Big Bang Theory“ handelt von einer Gruppe Physiker, und die unterhalten sich über Themen, die für sie wichtig sind – über Physik. Und zwar in einer Sprache, die schon Physiker benachbarter Disziplinen nicht mehr verstehen dürften. Versteht das der durchschnittliche Zuschauer? Nein. Ist das schlimm? Nein, nein, nein. Es ist sogar lustvoll: zuzugeben, dass man eben nicht alles versteht. Noch ein Beispiel? „My Name is Earl“, eine Familienserie, keine Fernsehkunst, sondern schlicht – Entertainment. In „My Name is Earl“ taucht die Latina Catalina (Nadine Velazquez) auf, und wenn die wütend ist, verfällt sie ins Spanische. Wer kein Spanisch kann, versteht ihren Sermon natürlich nicht, aber man darf annehmen, dass sie flucht. Macht sie aber nicht, sie sagt: „Ich möchte den Latinos unter den Zuschauern danken, dass sie die Sendung jede Woche einschalten. Und alle Nicht-Latinos möchte ich für das Lernen einer Fremdsprache beglückwünschen.“ Wäre dieser versteckte Gag lustig, hätte der Drehbuchautor sich zuvor überlegt, ob ihn alle verstehen? Nein, er ist nur deswegen lustig, weil ihn nicht alle verstehen.

Im deutschen Fernsehen wären Serien wie „The Big Bang Theory“ oder „My Name is Earl“ unmöglich. Weil sofort ein Redakteur das Drehbuch zurückgehen lassen würde: Das versteht doch niemand! Und wer etwas nicht versteht, der schaltet ab! Der Redakteur denkt nicht an ein Publikum, er hat vergessen, dass er überhaupt ein Publikum hat, er hat nur noch eine Zielgruppe.

Und das ist arrogant.

28. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Die Welt wäre besser, gäbe es mehr Typen wie Thees Uhlmann · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , , ,

Dass ich mit Thees Uhlmann wenig anfangen kann, habe ich schon einmal beschrieben. Nun war es aber so, dass Uhlmanns Label Grand Hotel Van Cleef Zehnjähriges feierte, auf der Bahrenfelder Trabrennbahn, und die schöne, kluge Frau wollte da hin. Dachte ich mir: Mensch, was für doofe Kulturveranstaltungen die schöne, kluge Frau schon mehrere Male mir zuliebe über sich ergehen ließ! Und außerdem wird man ja nicht dümmer, nur weil man sich ein Konzert anschaut, also dachte ich mir, wie gesagt: Gehste mal mit.

Und so einfach ist das alles gar nicht.

Uhlmann ist nämlich gar nicht der Hauruck-Kumpelrocker, den man ihm immer wieder unterstellt, Spezialist für Bier, Männerfreundschaften, Fußball. Uhlmann ist, das macht der Doppelauftritt (einmal solo mit der „Thees Uhlmann Band“, einmal für einen Kurzauftritt mit der Ur-Trio-Besetzung von Tomte, rumpeligen Songwriterpunk als hätten wir noch 2001) deutlich, ein Showman, das ja. Der genießt es, im Mittelpunkt zu stehen, der genießt es, Zuarbeiter zu haben, die ihn mit einem sämigen Wall of Sound umschmeicheln. Weswegen er beim Soloauftritt tatsächlich im Mittelpunkt steht, kaum noch Gitarre spielt (nur auf ein paar Songs eine zurückhaltende Akustische), sondern einnehmend die Arme ausbreitet: „Ich liebe euch! Wirklich!“ Und dazu einen Anzug trägt, der ihm, ehrlich gesagt, ziemlich gut steht – dieser Auftritt ist deutlich mehr Camp als ich es Uhlmann zugetraut hätte. Und nicht zuletzt wagt sich dieser Auftritt bewusst auf unsicheres Terrain. Da ist kein 08/15-Schrammelpop mehr, da sind wirklich große Arrangements, zu denen vieles passt – was nicht passt, ist eine Rapeinlage, also holt sich Uhlmann für „Und Jay-Z singt uns ein Lied“ einen Rapper auf die Bühne, Casper, den ich in seinem komischen Indie-Emo-Authentizitätsgehabe auch nicht ausstehen kann, aber man muss Uhlmann durchaus zu Gute halten, dass er nicht auf Nummer Sicher geht, sondern dass er Sachen ausprobiert, die theoretisch auch schief gehen könnten.

Vor mir tanzt ein älterer Typ mit Kutte. Auf der Kutte ein Aufnäher: Böhse Onkelz. Uhlmann würde sagen: Besser, die Onkelz-Fans kommen zu mir und hören dort gute Musik mit guten, linken Texten als dass sie zu Störkraft gehen würden, und natürlich hat Uhlmann da irgendwo recht. Es gibt blöderes Denken für einen Labelchef (der Uhlmann ja auch ist, Mensch, der Typ ist sowas von Indie, da kann ich ja gar nichts gegen haben!) als das: Der Kapitalismus ist scheiße, aber wenn wir uns ein bisschen anstrengen, zumindest keine ganz so großen Arschlöcher zu werden, dann kommen wir da halbwegs würdevoll durch. Ist doch klasse, nicht? Die Welt wäre besser, gäbe es mehr Typen wie Thees Uhlmann.

Noch viel besser wäre die Welt aber, gäbe es mehr Typen wie Kettcar, deren Sänger Marcus Wiebusch ebenfalls am mittelständischen Unternehmen Grand Hotel Van Cleef beteiligt ist und die nach Uhlmann spielen. Im direkten Vergleich sind dann nämlich die Verhältnisse wieder zurecht gerückt. Uhlmann denkt: Der Kapitalismus ist scheiße, aber wenn wir uns ein bisschen anstrengen, zumindest keine ganz so großen Arschlöcher zu werden, dann kommen wir da halbwegs würdevoll durch. Kettcar denken: Der Kapitalismus ist eine Zumutung, und egal wie wir uns anstrengen, würdevoll kommen wir da nicht durch. Wir müssen auch unsere Miete zahlen, deswegen hängen wir uns rein, aber gut wird da nichts mehr. Und auf Onkelz-Fans könnten wir eigentlich auch verzichten.

Und irgendwie hört man diese andere Haltung auch der Musik von Kettcar an. Ich fühle mich da mehr aufgehoben.

13. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Nachlese Dockville 2012 · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , , , , ,

Was? Dockville 2012, 10.-12. 8. 2012, HH-Wilhelmsburg, Reiherstieg

Verpasst? Apparat Band. Wollte ich mir anhören, trotz allzu großen Pathosfaktors auf der CD, aber dann spielten parallel Hot Chip, ganz ohne Pathos, und ich blieb hängen.

Frittenbude, die ich ja eigentlich ganz gerne mag. War aber dieses Wochenende gar nicht meins.

James Blake, weil ich die musikalische Qualität des jungen Mannes ohne Wenn und Aber anerkenne, aber trotzdem gar nichts mit ihm anfangen kann. Und außerdem Samstagabend ach so todmüde war.

Niels Frevert, weil parallel Tocotronic spielten, und da bin ich dann eben doch eine treue Seele. Außerdem sah ich Frevert dieses Jahr ja schon einmal.

Schönster Konzertmoment? Hängt eng zusammen mit dem Glitzerkleid von Metronomy-Schlagzeugerin Anna Prior (auf dem Bild die zweite von rechts, das Kleid ist aber nicht zu sehen).

Überraschendster Konzertmoment? Als die Sleep Party People nach ihrem verstörenden, düsteren Set ihre Hasenmasken absetzten und sich als grundsympathisch dreinschauende, ganz normale Jungs entpuppten.

Und die Kunst? Habe ich hier beschrieben.

Und jetzt? Setze ich mich an einen Artikel für die junge Welt, in dem ich das Thema noch ein wenig genauer behandle (den man hier lesen kann):

Egal, das Hamburger Indiepop- und Kunstfestival Dockville hat den Ruf weg, ein Hipster-Festival zu sein. Und tatsächlich, vergangenes Wochenende war die Jutebeuteldichte im Hamburger Hafen signifikant hoch. Wobei hier das Problem weniger die paar Typen waren, die einen Tacken cooler sind als man selbst, sondern immer noch die vielen entsetzlich uncoolen Typen. Uncoolness, harmlos: Frauen, die beim ersten Hauch von Tribal-Klängen entrückten Ausdruckstanz versuchen, barfuß im Staub. Uncoolness, weniger harmlos: vierschrötige Typen zwischen Bundeswehr und BWL-Studium, die sich während des selbstquälerischen Auftritts von Dillon lautstark mit ihren sogenannten Ischen unterhalten. Ja, solche Nasen gibt es auch beim Dockville. Wenn man sich über die mokiert, ist man dann ein Hipster?

Und hier geht’s zum uMag-Twitterwall.

Weitere Besprechungen: pop10, Les Mads, Birgit Reuther im Hamburger Abendblatt.

Nachdem ich aus Irland zurück war, hörte ich viel Folk. Folk, also, meist bärtige Männer mit Austikgitarre und Fiddle, hohe Stimmen, manchmal noch eine Mandoline, manchmal noch eine Rockband, immer das gleiche eigentlich. Trotzdem, ich hörte diese immergleiche Musik gerne, Bands aus Schottland, Bands aus der Bretagne, ich kaufte mir ein überteuertes Ticket fürs Irish Folk Festival und stellte recht schnell fest, dass diese Musik über einen Abend gestreckt doch recht eintönig daher kam, mal waren die Männer jünger, mal waren die Männer älter, mal goss ein billiger Synthesizer noch Orchestersoße über die Songs, mal säuselte eine bezopfte Frau noch ein paar Zeilen, was säuselte sie da? Sie säuselte, dass sie ihren Liebsten vermisse und ihm immer treu sein wolle.

Folk war, zumindest wie er bei mir ankam, eine stockreaktionäre Veranstaltung.

Nicht, dass diese Songs keine sozialkritische Komponente hatten, im Gegenteil. Sie kritisierten die Gegenwart dahingehend, dass die Moderne eine Zumutung sei und man sich entsprechend eine vormoderne Welt herbeifiedelte, eine Welt, in der die Mädchen bezopft sind und treu. Plötzlich sah ich die Menschen, die da links und rechts neben mir rhythmisch klatschten, mit anderen Augen: Was wollten die denn hier hören? Die wollten eine möglichst homogene Gesellschaft vorgespielt bekommen, eine Gesellschaft, in der es keine Migranten gab, keinen Gendertrouble und keine Schwulen, eine Gesellschaft, in der ein gütiger Autokrat die Geschicke lenkte und es Aggression ausschließlich in dem Sinne gab, dass man sich gegen verderbliche Einflüsse von außen wehren musste. (Und wenn sie gerade keinen Irish Folk hörten, packten diese Leute ihre Thermojacken ein und fuhren auf Urlaub nach Skandinavien, in nordische Länder, von denen sie annahmen, dass dort noch keine Vermischung, noch keine unübersichtliche Vielfalt existierte. Ich bin unfair, ich weiß.) Am Ende standen unsägliche ostdeutsche Mittelalterrockbands, Pagan Metaller, denen eine glaubhafte Abgrenzung nach rechts grundsätzlich schwer fiel. Ich wollte das nicht mehr hören. (Wobei mein Bann auch explizit linke Folkrockbands wie New Model Army oder die Levellers traf. Was allerdings egal war: Mochten diese Bands mich mit linken Texten kriegen, musikalisch blieb das weiterhin formelhaft.)

Solche Geschmacksurteile mögen zwar inhaltlich begründet sein – zu Ende gedacht stoßen sie an ihre Grenzen. Weil: Wenn man die Differenzen in einer Gesellschaft als wichtig ansieht, dann muss man die Ursprünge der Differenzen trotzdem kennen – weil sie ansonsten verschwimmen, zu einem großen, undifferenzierten Matsch. Die portugiesisch-angolanische Band Buraka Som Sistema versteht man in ihrer Hybridhaftigkeit nur, wenn man die musikalische Basis, den (süd-)afrikanischen Stil Kuduro kennt. Eine Musikerin wie M.I.A. ist reiz- und vor allem politisch wirkungslos, wenn man ihre Musik nicht als Amalgam globaler HipHop-Codes nachvollzieht.

Seit ein paar Jahren höre ich wieder Folk: Patrick Wolf, der die musikalischen Strukturen keltischer Folklore mit elektronisch erzeugten Sounds, vor allem aber dem Discokugel-Glamour der schwulen Subkultur gleichschaltet. Und seit kurzem Florence + the Machine. Bei denen man die Folkbasis kaum noch raushört, so massiv schichten sie Rock, Indie, Prog, vor allem aber Soul über ihre Songs. Und Soul, das ist in seiner Sehnsucht nach Transzendenz das absolute Gegenmodell zum Authentizitätsgehubere des Pop. In den besten Momenten klingen Florence + the Machine dann wie Kate Bush (deren Folkaspekte ich im Überdruss der dekonstruktivistischen letzten Jahre konsequent verleugnete), in den schlechten leider auch manchmal wie Enya.

Denn das muss man leider auch sagen, nach dem heutigen Konzert im hässlichsten Konzertsaal der gesamten Reeperbahn, der Großen Freiheit 36: Florence + the Machine mögen großartige Songs spielen, live sind sie anstrengend. Florence Welch ist humorlos. Florence Welch ist pathetisch. Florence Welch ist leider auch ein wenig tantig. (Das wallende Kleid, das sie trägt, tut ihr übriges: Man will diese wunderbar vielschichtig schillernden Lieder hören, aber man will nicht nach vorn zur Bühne sehen. Man will nicht sehen, wie sie ihr Gewand durch die Luft wirbelt, einen stechenden Blick auf ihren Harfenisten wirft und sich dann verbirgt, in Tüchern um Tüchern.) Dann macht ihr jemand aus dem Publikum einen Heiratsantrag, Gott, ein wenig peinlich ist das schon. Und dann kündigt sie schon den letzten Song an, „This is our last song for tonight, it’s called ‚No Light, no Light'“, die letzten Worte schreit sie, um beim Titel in ohrenbetäubendes Kreischen auszubrechen, dann wird es dunkel, und dann bricht das Schlagzeug los, abgründig und groß.

Und abgründig, das war Folk früher einfach nicht, nicht für mich.

[vimeo 32328419]

14. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert für Du. Musst. Dein Leben. Ändern. · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , ,

Der Herr hier links, das ist PeterLicht. Beziehungsweise, das ist Meinrad Jungblut, der Mann, der der Kunstfigur PeterLicht ein Gesicht gibt. Beziehungsweise, das ist der Mann, der vorgibt, Meinrad Jungblut zu sein, auch dieser Name soll nur ein Künstlername sein und möglicherweise für Peter Pichler stehen. Ach was, bevor hier irgendwelche Gerüchte ins Kraut schießen, natürlich ist das nicht PeterLicht, das ist der geschätzte Kollege aus dem Nachbarbüro und aus dem Nachbarblog, der immerhin im aktuellen uMag ein aufschlussreiches Interview mit PeterLicht oder wem auch immer geführt hat. Lange Zeit dachte man, das sei die große Qualität dieses Autors, Musikers, Theatermachers: dass er es geschafft hat, in einem Popkontext, also: in einer Welt, die wie keine andere auf Abbildbarkeit beruht, hinter einem Zeichensystem zu verschwinden. Kein Gesicht, keine Identität. Ein Phantom.

Blödsinn. PeterLicht, wer immer das auch sein mag, hat ein Gesicht: Es ist das Gesicht eines Herrn mittleren Alters mit schütter werdendem Haar, Dreitagebart, großer Brille. Man sieht es bei dem Konzert auf Kampnagel, der Herr dort auf der Bühne bittet einzig darum, keine Fotos zu machen. (Ein paar Blitzlichter sind dennoch zu sehen, es ist egal.) Was hier passiert, ist kein kunstvolles Unterlaufen des Bilderzwangs im Pop, es ist wahrscheinlich viel einfacher – PeterLicht ist wahrscheinlich unglaublich schüchtern. Außerdem hat er, das muss man sagen, keine nennenswerte Bühnenpräsenz. Und er kann nicht besonders singen, das macht nichts, die besten Sänger sind eigentlich Nichtsänger, aber irgendwie schafft er es nicht, aus diesem Nichtsängertum eine eigene Qualität zu machen. Die Tatsache, dass man das auf den extrem professionell produzierten, man könnte sogar sagen: überproduzierten Platten kaum raushört, stützt diese These. Diesem Menschen ist es unangenehm, dass man die Limitiertheit seiner musikalischen Mittel deutlich raushört.
Was hilft, ist die Band. Die ist sehr, sehr gut, fast könnte man behaupten, dass da vier Mucker stehen, die dem in die Ecke verdrückten Sänger eine Basis bieten, auf der er seine klugen Texte, seine von Platte zu Platte lieblicher werdenden Melodien ausbreiten kann. Alleine, es funktioniert nicht. Eigentlich klappn nur die schnellen, schlagerhaften Songs, die Hits, „Alles was du siehst gehört dir“, „Neue Idee“. Wo die Songstrukturen aber diffiziler werden, bei „Sagt mir, wo ich beginnen soll“ etwa, bricht die Dramaturgie des Konzerts vollkommen in sich zusammen, bleibt nur noch prätentiöses Gewummer, etwas, das irgendwie Kunst sein soll und das Warten auf den nächsten Hit. Es ist, tut mir leid, dann eben auch ziemlich langweilig.

Ich kenne die Theaterarbeiten von PeterLicht für die Münchner Kammerspiele und fürs Berliner Gorki nicht. Schade eigentlich, ich erwarte da viel, ich erwarte das Kluge, Durchdachte, das das musikalische Konzept dieses Künstlers ausmacht. Ich erwarte den Witz seiner Literatur (für die er immerhin den Publikumspreis sowie den 3sat-Preis beim Bachmannwettbewerb bekam, das ist ja nicht nichts). Ich erwarte Songtexte, die sich in ihrer Lieblichkeit im Ohr festsetzen und dort dann ihr Gift entfalten: „Du musst dein Leben ändern“. Ich erwarte nur nicht: dieses komische Hin und Her eines Menschen, der irgendwie nicht auftreten will, dann aber trotzdem auf der Bühne steht. Als Regisseur, nämlich, muss er das ja nicht.
[vimeo http://vimeo.com/31598295]

06. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert für Zurück in den Mutterleib, in die Fruchtblase · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , ,

Und dann hat es sich eben doch gelohnt. Dass man sich durch den beginnenden Schneeregen geschlagen hat, bis zur Prinzenbar, wo man durchnässt ankommt, frierend und mit beschlagener Brille. Es hat sich gelohnt, zum Konzert von Dillon zu kommen, Dominique Dillon de Byington, Berliner Brasilianerin unter massivem Hypedruck, was bedeutet, dass man überhaupt nichts sieht, weil die kleine Bar bis unters Dach gefüllt ist mit blöde gackernden Spexjüngerinnen, die das gesamte Konzert über quatschen, quatschen und die Kontaktlinsen verlieren. Was aber andererseits auch nicht besonders schlimm ist, weil es ohnehin nichts zu sehen gibt, Dillon steht fast das gesamte, kurze Konzert über hinter einem riesigen E-Piano, unbewegt, berührt, dazu programmiert Tamer Özgönenc basslastige Beats, die den Kronleuchter vibrieren lassen, das ist alles. Und wäre nicht besonders viel, würden einem die Songs auf Dillons Debüt „This Silence kills“ nicht so nahe gehen, dunkler Chansonpop, mal Soap & Skin, mal Siouxsie, mal Kate Bush, eine Helene Hegemann des technoiden Gothpop. Und dann hört man diese traurigen, wütenden, wummernden Chansons, und dann verliert man sich ein wenig, im stuckbesetzten Pseudobarock dieses wahrscheinlich schönsten Clubs der Stadt, dann fällt man zurück in den Mutterleib, in die Fruchtblase. Und dann weiß man, dass es sich eben doch gelohnt hat, den ganzen weiten Weg, ja.


Also. Natürlich kaschieren die Promofotos ein wenig. Natürlich ist Patrick Wolf nicht so atemberaubend hübsch wie auf seinen Plattencovern. Patrick Wolf, 1983 in London geboren, hat ein Bäuchlein, er hat keine gute Haut, vor allem zeigt er ein wenig die Mopsigkeit des späten Morrissey (die Tatsache, dass meine Handykamera extrem unscharfe Bilder macht, kann in diesem Zusammenhang als gnädig interpretiert werden). Aber Patrick Wolf weiß ja, wie er aussieht. Und Patrick Wolf traut sich dennoch, sich immer wieder nach rechts zu wenden, sich direkt ins Scheinwerferlicht zu stellen, das Licht in den Schweißtropfen auf seiner Stirn spiegeln zu lassen, eitel, glücklich. Um dann den Scheinwerfer zu nehmen, ins Publikum zu leuchten, das gesamte uebel und gefährlich abzutasten, bis er dann eine Sekunde verweilt, erst kapiert man es gar nicht, und dann, wie vor den Kopf geschlagen: Der meint ja mich! Patrick Wolf schaut mich an, der Crooner, der Kitschsänger, er schaut und lächelt, er muss mich meinen! Und dann zieht der Scheinwerfer weiter.
Hinter all dem Camp, dem Tüll und der Schminke und den Konventionen der „Judy! Judy! Judy!“-Musicalbegeisterung, schafft es Patrick Wolf, einem kurz das Gefühl zu geben, der einzige Adressat seiner Songs zu sein, das ist nicht schlecht. Vor allem, weil mich diese Songs bei jedem Hören weniger berühren, ich meine, das ist Folk mit Elektro- und Indierock-Elementen. Folk plus Indierock, wenn man freundlich sein möchte, dann klingt das nach Bands wie New Model Army oder den Levellers, wenn man unfreundlich ist, dann betont man den hohen Streicheranteil der Songs und hört plötzlich ostdeutsche Mittelalterrockbands raus. Und nur die Erkenntnis des hohen Campfaktors von Wolfs Auftreten rettet ihn – weil nämlich auf dem Nordhausener Mittelaltermarkt die Heterosexualität gefeiert wird, offensiv schwules Auftreten ist da nicht so gern gesehen. Nur hilft dieses Gedankenkonstrukt gerade mal bei den alten Wolf-Arbeiten, „Lycanthropy“ (2003) oder „Wind in the Wires“ (2005), bei „The magic Position“ (2007) wird es schon schwierig, und beim aktuellen Werk „Lupercalia“ funktioniert es überhaupt nicht mehr. Denn Wolf integriert auf „Lupercalia“ vermehrt Soul-Elemente in seine Musik, ähnlich, wie es Anfang der Achtziger Dexy’s Midnight Runners und Anfang der Neunziger Bob Geldof versuchten. Und da rettet auch die offensive Homoerotik dieses Konzerts nicht, im Soulfolk hat man nicht grundsätzlich etwas gegen Schwule, der Bruch fehlt, und entsprechend gruselig klingen die Songs von „Lupercalia“ dann eben auch.
Wäre Wolf nicht solch ein wunderbarer Entertainer. (Er kann auch eine unausstehliche Zicke sein, hört man, egal, gestern im uebel & gefährlich war er reizend, ehrlich.) Er lässt das Publikum „Happy Birthday“ für seinen Verlobten singen, aber bitte auf Deutsch! (Und verzweifelt überlegt man zunächst, wie dieses Lied denn bitteschön auf Deutsch geht, bis einen die Woge des Publikums mitträgt, „Zum Geburtstag, lieber William, zu Geburtstag viel Glück!“) Er umarmt seine Violinistin, überhaupt, schön, wie liebevoll er mit seinen Mitmusikern umgeht, der hübschen Saxofonistin, dem schüchternen Bassisten, dem Rocktier am Schlagzeug und dem Buchhaltertypen an an der Elektronik. Er prostet dem Publikum zu und versteigt sich in eine ellenlange Ansage, ob man in Deutschland „Cheers!“ sagen könne, oder ob das Publikum das als „Tschüss!“ missverstehen würde, so lange, bis das Publikum geschlossen „Prost!“ brüllt. Er leistet sich Diventum, indem er sich ewig zur Zugabe bitten lässt, bis man dann kapiert, weswegen er so lange hinter der Bühne verschwunden blieb: Er hat das Kostüm gewechselt, er trägt jetzt ein Sakko, auf das ein ausgestopfter Falke drapiert ist, hübsch. Und dann spielt er das schlimme „The City“, ach, warum auch nicht.

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Es ist ein wunderbarer Abend. „Wenn er die Geige spielt, dann schmelze ich dahin!“, seufzt S., wohl wissend, dass ihr Dahinschmelzen Wolf überhaupt nicht tangieren dürfte, und dann spielt er eben trotzdem Geige, zum Schmelzen. Und dann spielt er das Piano, und dann die Ukulele, alles in einem Song, weil er nämlich beweisen will, was für ein versierter Multiinstrumentalist ist, das ist ein wenig streberhaft, aber okay. Immerhin verzichtet er vollkommen auf den Gitarreneinsatz, der die vorherige Tour prägte und leider schwer konventionell machte. Und dann greift Wolf zur irischen Harfe, immer wieder, man hört sie kaum in diesem vollen Bandsound, und trotzdem, er streichelt das Instrument, er fetischisiert diese hübsche, kleine Harfe. Und am Ende wird einem klar, dass die Motivation Patrick Wolfs zur Musik nur eines ist: Liebe.

31. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für Da dreht sich der Spieß respektive Phallus um · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , , ,

Es wird alles gut. Eine Welt, in der eine Band wie Boy Hits schreibt, eine Welt, in der Valeska Steiner und Sonja Glass zweimal kurz hintereinander Clubs in Hamburg wie in Berlin ausverkaufen, eine Welt, in der Gefühl ohne Gefühligkeit möglich ist wie im Boy-Debütalbum „Mutual Friends“, die kann nicht wirklich schlecht sein. Es wird alles gut, wirklich.

„Boy sind der derzeit wohl schönste lebende Beweis, dass sich Singer/Songwriter-Musik mit Tiefgang und eine Top-Ten-Platzierung in den deutschen Charts nicht ausschließen müssen“, schreibt Maike Schulz in der Berliner Zeitung. Kollegin Schulz ließ sich um den Finger wickeln, um den gleichen Finger, um den auch ich mich wickeln ließ. Vom Charme dieser, naja, Band, Sängerin Steiner und Bassistin Schulz plus vier Gastmusiker, die beim Konzert im Hamburger Knust einen guten Job machen, indem sie den auf Platte manchmal fast zu lieblichen Folkpop anschrägen, aufrauen, bis aus „Spätsommerpop“ (noch so ein Schulz-Zitat aus Berlin) frühherbstlich eingängiger Indiepop wird. Ach, ich will sie nicht mögen, aber ich muss sie mögen, diese Platte, die mich einwickelt, die meine Eintrittskarte in den Mainstreampop darstellt, ins Radiotaugliche (wobei Boy natürlich nicht im Radio laufen, weil, Radio ist noch viel schlechter als ich es darstelle. Im Radio läuft nichts, was auch nur annähernd unter Qualitätsverdacht stehen könnte.)
Denn Boy machen alles richtig. Angefangen beim Bandnamen, bei aller Niedlichkeit der beiden Köpfinnen: Eine Frauen-, naja, Mädchenband „Boy“ zu nennen, das beweist einerseits Chuzpe und andererseits einige Ahnung vom Stand der Genderdiskussion, zumal Boy ja nun wahrlich keine maskuline Musik machen, sondern, da dreht sich der Spieß respektive Phallus wieder um, protoweiblichen Folkpop.
Dann das Plattencover. Ein Schnappschuss: zwei Mädchen auf einer Couch, eine Clubsituation, eine scheint im Gespräch, die andere lässt einen Kaugummi platzen. Ein Bild, geprägt gleichzeitig von großstädtischer Langeweile, kindlicher Lust und hoher Konzentration: „Wie zwei Studentinnen auf einer schlechten Party, die darauf warten, dass endlich jemand anruft und sie abholt“, schreibt Kollegin Schulz.
Und schließlich Steiner und Glass selbst. Zwei Mädchen, naja, Frauen, die gecastet sind, aber quasi selbstbestimmt gecastet, also: Da haben sich zwei gefunden, die durchaus wissen, dass sie ein Modell darstellen. Nämlich, dass man gar nicht besonders jung sein muss, um als jugendlich durchzugehen (Steiner ist etwas unter, Glass etwas über dreißig, das ist wichtiger als es der optische Entwurf von Boy nahe legt). Es wäre sexistisch, Boy als „Mädchen“ zu bezeichnen, sie sind – Schanzenmädchen. Frauen, die eine Mischung aus Selbstbewusstsein, Unbekümmertheit, Lust, Nachdenklichkeit, Coolness und Ironie darstellen. Die Musikentsprechung dessen, was jemand wie Pheline Roggan im Schauspielbereich verkörpert. (Dass der Begriff „Schanze“ in diesem Zusammenhang für ein idealisiertes Viertel steht und nicht für die konkrete Hamburger Sternschanze, in der jedes Ideal längst yuppiefiziert wurde, dürfte klar sein, oder? Auch Boy stehen ja nicht für ein in der Realität vorkommendes Frauenbild, sondern für ein Ideal.)

Fehlt da noch was?

Ach ja, die Musik. Die ist natürlich nicht meine Tasse Tee, ich meine: radiotauglicher Indiefolkpop. Wobei auch der bei Boy so originell und charmant klingt, besser kriegt man es in diesem Genre wohl nicht hin. Manche Kritiker vergleichen „Mutual Friends“ mit Feist, aber das ist zu hoch gegriffen, Feist, das ist schon noch ein anderer Schnack (allerdings würde ich Boy durchaus zutrauen, in ein paar Jahren da aufschließen zu können). Bis dahin halten wir es mal so: „Mutual Friends“ ist schön, halbwegs eigenständig, eine CD, die ich immer wieder gerne höre. Und das Hamburger Konzert war eine einschränkungslos beglückende Erfahrung. (Der zweite Auftritt kommenden Sonntag im Knust ist ebenfalls ausverkauft, genauso wie der zweite Berliner Auftritt am Mittwoch im Festsaal Kreuzberg. Wer aber noch irgendwie eine Chance sieht, sich auf eine Gästeliste zu schmuggeln, der möge das tun. Er wird es nicht bereuen.)

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