11. April 2014 · Kommentare deaktiviert für Blogstöckchen: Fünf Buchvorsätze · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Ich bekam ein Blogstöckchen an den Hinterkopf geschmissen, von Johanna. Ich finde so was ja toll, Stöckchen, das ist noch toller als gutes Essen, noch toller als über die Welt als solche herzuziehen. Aber, ach!, es ist ein Literaturstöckchen!

Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein. Danach tagge 8 weitere Blogger und informiere diese darüber.

Dabei lese ich doch kaum noch! Ich gehe nur noch ins Theater und ins Kino, und manchmal gehe ich auf ein Konzert, ansonsten gucke ich Fernsehserien mit zwei Jahren Verspätung. Für Lesen ist da keine Zeit, tut mir leid. Andererseits, fünf Bücher, die ich gerne lesen würde, doch, da fällt mir schon was ein.

  • Saša Stanišić, Vor dem Fest. Ich habe noch gar kein ganzes Buch von Stanišić gelesen, auch das berühmte „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ nicht. Aber vor ein paar Jahren schrieb er mal eine monatliche Kolumne im uMag, und die fand ich immer ganz großartig (auch, ach was, gerade weil ich den Eindruck hatte, dass Stanišić mich immer eher doof fand). Und „Vor dem Fest“ klingt zumindest bezüglich des Inhalts, als ob mich das interessieren würde.
  • Thomas Meinecke, Jungfrau. Meinecke ist seit „Tomboy“ einer meiner liebsten Autoren. „Jungfrau“ habe ich 2008 irgendwie verpasst, und es jetzt noch nachzuholen, naja, ich lese ja kaum, entsprechend, wie soll ich das denn machen? Wird wohl noch lange auf meiner Wunschliste stehen.
  • Thomas Mann, Doktor Faustus. Yeah, Konvention! Ich stehe ja ziemlich auf Thomas Mann, in „Der Zauberberg“ etwa habe ich mich ein wenig in Clawdia Chauchat verliebt, so etwas passiert mir bei Literatur eher … selten. „Doktor Faustus“ ist so ein ewiger Wunsch, seit ich Teenager bin: Immer wieder angefangen, zu lesen, immer wieder toll gefunden, immer wieder abgebrochen, nach vierhundert, nach fünfhundert Seiten. Ich werde ihn nie zu Ende lesen.
  • Fjodor M. Dostojewski, Böse Geister. Ähnlich wie bei „Doktor Faustus“: Mir fehlt der lange Atem. Ich sah Ende der Neunziger Castorfs überbordende „Dämonen“-Inszenierung an der Volksbühne und war gesflasht, wurde in diese Familien-Welt-Erzählung eingesogen. Kurz darauf kaufte ich mir Swetlana Geiers 98er-Neuübersetzung von Dostojewskis Romanvorlage und las mich fest, hunderte Seiten lang. Bis ich den Roman beiseite legte. Schade.
  • Andreas Eikenroth, Die Schönheit des Scheiterns. Eine Graphic Novel, die in der Kulturszene meiner früheren Wahlheimat Gießen spielt. Die Wohngemeinschaften. Der Bahndamm. Der Neue Gießener Kunstverein. Die Licher Straße. Die schönen Kunststudentinnen. Die verlebten Typen. Das Stadttheater. Alles, was ich vorab aus dem Band gesehen habe, sagt mir: Falk, irgendwo in diesem Buch, bist auch du versteckt. Ich muss das lesen.

(Ich habe tatsächlich ausschließlich Männer genannt. Was sagt das jetzt über mich aus?)

Und jetzt soll ich noch acht weitere Blogger taggen? Och nö. Möge mir der Himmel auf den Kopf fallen, aber: Wenn wer diese Fragen beantworten möchte, dann – gerne.

25. Juni 2013 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich: Maria Lassnig · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Van Gogh, Picasso, Goya – schön und gut, aber beliebig. Die drei hatten kaum mehr als ihre Prominenz gemeinsam. Lassnig wäre in einer Reihe mit Louise Bourgeois (ironisch-esoterische Hinterfragung des eigenen Körpers) und Marina Abramovic (Distanzlosigkeit zwischen Künstlerinnenkörper und Bildträger) viel besser aufgehoben. Aber Bourgeois und Abramovic, das sind ja Frauen, und mit denen will man seine Jahrhundertkünstlerin nicht in die Schublade stecken. Van Gogh macht da schon mehr her, denken Männer wie Dirk Luckow.

Ich habe in der morgen erscheinenden jungen Welt eine Ausstellungsbesprechung veröffentlicht: Es geht um die Retrospektive „Der Ort der Bilder“ der österreichischen Malerin Maria Lassnig in den Deichtorhallen, eine sehr gelungene Ausstellung übrigens, bei der sich ein Besuch auf jeden Fall lohnt und bis 8. September auch möglich ist. Nur die Rede zur Eröffnung von Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow stieß mir sauer auf. Weil Luckow Lassnig entweiblichte, bloß keine Feministin! Besser: in eine Reihe mit (männlichen) Großkünstlern! Ärgerte mich ein wenig: dieses Geringschätzen feministischer Programmatik, die bei Lassnig doch eigentlich überdeutlich ist.

Aber, wie gesagt, nichts gegen die Ausstellung.

17. März 2013 · Kommentare deaktiviert für Gips und Draht · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Ich war immer ein schlechter Schüler in Kunst. Was vor allem deswegen bemerkenswert ist, weil ich die Inhalte, die hier vermittelt wurden, eigentlich meine gesamte Schulzeit über interessant fand. Wahrscheinlich war es so, dass ich annahm, dass diese Inhalte zu kurz kamen, vielleicht wollte ich auch nicht glauben, dass ein baden-württembergischer Lehrer, ein Mensch, der im Sold eines Landes stand, das alle von mir verachteten bürgerlichen Attribute in sich vereinte, irgendetwas von Kunst verstehen sollte, Kunst, die doch im Grunde ein Tritt gegens Schienbein aller Bürgerlichkeit sein sollte. (Was im übrigen ein Problem ist, das ich immer noch nicht für mich gelöst habe.) Eigentlich war ich nur einmal wirklich begeistert im Unterricht dabei, und zwar, als wir die Skulpturen Alberto Giacomettis durchnahmen. Damals stellten wir selbst eine Variante von Giacomettis „Schreitendem“ her: Wir fertigten einen Sockel aus Styropor, auf dem wir ein Gerippe aus Draht errichteten. Dieses Gerippe ummantelten wir mit Gipsbinden, und nachdem diese getrocknet waren, malten wir die entstehende Skulptur in Grautönen an. Eigentlich fand ich immer doof, was ich im Kunstunterricht fabriziert hatte, aber auf diesen Möchtegern-Giacometti war ich ziemlich stolz, tatsächlich bin ich es heute immer noch. (Keine Ahnung, ob das Ding noch existiert, vielleicht steht es im Keller meiner Mutter, vielleicht ist es während irgendeines Umzugs verschwunden. Egal.)

In Hamburg laufen derzeit übrigens zwei umfangreiche Giacometti-Ausstellungen, in der Kunsthalle und im Bucerius Kunst Forum. Kann ich nur empfehlen. Und in der jungen Welt habe ich auch etwas darüber geschrieben.

In der Kunsthalle ist tatsächlich Giacomettis Entwurf für die Chase-Manhattan-Plaza aufgebaut, der »Schreitende Mann II«, der »Große Kopf« und die »Große Stehende II« (alle 1960), monumentale Werke, die praktisch nie gemeinsam zu sehen sind. Die ansonsten abgedunkelte Kunsthalle öffnet ihre Fenster in den Stadtraum, man schaut auf die Alster, gleichzeitig auf die drei Skulpturen, und merkt: Hier hat sich jemand Gedanken gemacht, und die Umsetzung dieser Gedanken hat er sich was kosten lassen. Schön.

lieferandoIch weiß, dass es die wirklich Bösen nicht gibt, in diesem Kontext. Nicht die Firma Lieferando, die doch nur der Makler ist, der Mittelsmann, der den Kontakt herstellt zum nächsten Pizzabringdienst. Nicht der Bringdienst, der nimmt eigentlich auch keine anderen Dienste in Anspruch als der Immobilienbesitzer, der sich nicht selbst um die Vermietung seiner Wohnung kümmern will oder die Schauspielerin, die nicht selbst bei den Filmproduzenten Klinken putzen will: Die nutzen ja auch Agenten. Und Lieferando ist dann eben der Agent für den griechischen Lieferservice Santorini (der eigenartigerweise am anderen Ende der Stadt liegt, trotzdem nennt ihn mir Lieferando als nahe), Spezialist für „Bier, Burger, Calzone, Croques“, typisch griechisch also. Schuld ist nicht einmal die Marketingagentur, die die momentan überall in der S-Bahn hängenden Plakate entworfen hat, wobei man schon seltsam finden kann, dass die zuständige Agentur nicht auffindbar ist: Das Fachmedium Werben & Verkaufen behauptet, die „Berliner Agentur 111 Media“ würde den Werbeauftritt verantworten, es gibt aber nur eine einzige Agentur namens 111 Media, und die sitzt in München. Mysteriös. Aber auch egal.

Weil das nämlich keine widerlichen Einzelaspekte sind, das ist alles so widerlich, als Gesamtheit. Diese Plakate sind der perfekte Ausdruck einer durch und durch widerlichen Zeit. Die blöde Jugendsprache-Anwanzerei „Deine Mudda kocht“, die klarstellt, dass ja wohl nichts so uncool ist wie Kochen. Die ästhetische Anspruchslosigkeit der Plakatgestaltung. Die billige Darreichung der abgebildeten Essensbeispiele. Die Annahme, dass der Lieferservice Santorini einem bis vom Horner Steindamm, einer öden Ausfallstraße im Osten Hamburgs, irgendetwas Essbares liefern könnte. Die Behauptung, dass Essen das Gegenteil von Kultur ist, die Behauptung, dass Essen nur ein Reinschaufeln von Kohlehydraten ist, vor dem Bildschirm, während einem das Fett aus den Mundwinkeln läuft und man seinem „Buddy“ High-five gibt, „Deine Mudda kocht, Alder!“ Höhö.

Ich geh‘ jetzt Kotzen. Es ist so widerlich.

Ein ganzer Flur im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist vollgestopft mit, ja: Müll. Schläuche, Kanister, Autoreifen, ein ganzes, auf den ersten Blick halbwegs gut erhaltenes Tretboot, dazu viel Undefinierbares. Der Einstieg ist atemberaubend, weil er mit ganz einfachen Mitteln verdeutlicht, worum es in der Ausstellung „Endstation Meer?“ geht: Pro Sekunde werden weltweit 8000 Kilogramm Kunststoff hergestellt, langlebige Wegwerfprodukte, die allesamt im Müll landen, in nicht allzu ferner Zukunft. Müll, der nach den Gesetzen der Schwerkraft irgendwann im Meer endet, 6,4 Millionen Tonnen pro Jahr.

Darf man das? Als Kunstkritiker mit dem ästhetischen Blick auf die Zerstörung der Umwelt schauen? Darf man den ästhetischen Wert von Ruinen, von Tod, von Schmutz taxieren? Wird man dadurch zu Karlheinz Stockhausen, der 9/11 als „größtes Kunstwerk, das es je gegeben hat“ bezeichnete? Wird man zum dummen, alten Mann, der sich ästhetizistischen Provokationen gefällt? Vielleicht.

Ich jedenfalls habe die Ausstellung „Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe besucht. Und weil ich ein dummer, alter Mann bin, habe ich auch einen ästhetizistischen Artikel für die junge Welt geschrieben. Wobei, um ehrlich zu sein, auch Fukushima sieht alles in allem beeindruckend aus.

Edit: Isabel Bogdan hat die Ausstellung schon zuvor in Zürich besucht. Und ebenfalls einen Artikel geschrieben.

Trübsinn, isoliert: "The Charmer" von Fort, MIxed Media, 2012.

Trübsinn, isoliert: „The Charmer“ von Fort, Mixed Media, 2012.

Kunst schauen, das ist ja so: Mainstream. Man schiebt sich durch die Museen, begleitet von Hundertschaften Kunstinteressierter, man bleibt vor einem Exponat stehen, man wird weitergedrängelt. Wunderbar, keine Schwellenangst mehr, aber das Ideal des libidinösen Verhältnisses zwischen Kunstbetrachter und Kunstwerk wird so ad absurdum geführt. Alleine mit der Kunst ist man praktisch nie, und die Luft flimmert praktisch auch nie, nie stellt man sich wirklich die Frage: Was macht die Kunst eigentlich mit mir, gerade.

Die Ausstellung „One on one“ in den Berliner Kunst-Werken umgeht die mittlerweile durchgesetzte Vorstellung von Kunst als einer Liebe, die man sich mit Vielen teilen muss. Die Schau besteht aus mehreren Kabinetten, und in diesen ist man allein, also: Man hängt ein „Bitte nicht stören“-Fähnchen an die Tür und kann sich dann in Ruhe dem Werk widmen. Extrem tricky ist das bei der Rechercheserie „Margret“ von Günter K.: ein Raum, gefüllt mit den Zeugnissen eines Liebespaars in den frühen Siebziegern, spießig, bieder und manisch. Der Besucher wird zum Voyeur dieser Liebesgeschichte – aber im Nebenraum befindet sich Anri Salas Installation „112 mm/137 Days“, und die besteht aus einem Türspion, der in die „Margret“-Präsentation hinüberlinst. Was dazu führt, dass der Voyeur der Liebesbeziehung selbst beobachtet wird, vom Kunstvoyeur im benachbarten Kabinett.

Womit allerdings die spannendste Kombination der gesamten Ausstellung auch schon genannt wurde. Es gibt noch ein paar hübsche performative Arbeiten (wenn das Kunstwerk ein anderer Mensch ist, dann darf auch mehr als eine Person im Raum sein) wie „A holy ghost compares its hooves“ von Joe Coleman oder „For two to play on one“ von Annika Kahrs, es gibt VIdeoinstallationen wie „Potato Potato“ von Nina Beier oder das technoide „Introduction to the memory personality“ von Jeremy Shaw, alles Arbeiten, die zwar funktionieren, bei denen der Einzelpersonenmodus aber nicht ziwngend ist, sondern die durch die Präsentation eher dafür sorgen, dass man selbst an einem Werktag um die Mittagszeit eigentlich ständig warten muss, bis es weiter geht: Immer wieder bleibt man vor einer Tür mit „Please don’t disturb“-Schildchen stecken. Wirklich sinnvoll sind hingegen die Arbeiten, die explizit den Raumcharakter aufnehmen: „The Charmer“ von der Künstlergruppe Fort etwa, ein trübsinniger, etwas runtergekommener Raum, dessen Schmutzästhetik einen an Gregor Schneider denken lässt, und in dem ein kleiner Kühlschrank den Blick auf sich zieht, was mag da wohl drin sein? (Es ist ja niemand da, der mich beobachten könnte, also schaue ich mal rein: Der Kühlschrank ist leer. Trübsinn.)

Und dann eben noch der letzte Raum, die große Halle im Souterrain der Kunst-Werke. „Lichtung“, eine einzige, riesige Installation von Robert Kusmirowski, eine Sanddüne, bewachsen mit Gräsern und ein paar krüppligen Bäumen, aus Sicherheitsgründen zwar nicht zu betreten, aber zu umrunden, durch den Sand, der anscheinend von der vorherigen Ausstellung übrig geblieben ist. Auf der Rückseite jedoch verändert sich der Charakter der Installation, die Düne, wirkt abgebrochen, verwundet, eine Wüste. Und plötzlich erkennt man etwas, plötzlich sieht man: Hinten, im Schatten der Düne, lauert der Tod. Und mit dem ist man dann allein.

Wir waren im „Hobbit“. Und hinterher waren wir auf einer Fetischparty, bei der wir uns als Orkkönig und Galadriel verkleideten und Dinge miteinander anstellten, an die ich mich im nüchternen Zustand nur ungern erinnere. Nein. Aber im Kino waren wir tatsächlich, in „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ (wann genau sind Reisen eigentlich erwartet? Und ist der Grad ihrer Erwartbarkeit tatsächlich das, was eine Reise ausmacht?), dem ersten Teil des überlangen 3D-Blockbusters von „Herr der Ringe“-, „Heavenly Creatures“– und „Braindead“-Regisseur Peter Jackson. Und natürlich passen wir da nicht rein.

Man könnte jetzt darüber herziehen, wie dünn die Figuren dieses Films sind, ich meine, wie kann man denn auf der einen Seite die vielschichtige Charakterzeichnung jüngerer US-amerikanischer Fernsehserien wie „Breaking Bad“ loben und auf der anderen Seite einen Film schauen, in der alle, wirklich alle Figuren reine Abziehbilder sind, mit Ausnahme vielleicht des schizophrenen Fabelwesens Gollum (Andy Serkis), das tatsächlich mehr als einen Gesichtsauszug zeigen darf (wenngleich computeranimiert). Weswegen eine renommierte Schauspielerin wie Cate Blanchett in einem Film mitmacht, in dem sie nichts anderes machen als vergeistigt gucken darf? Keine Ahnung. A propos Blanchett: Man könnte auch darüber herziehen, dass es tatsächlich nur eine einzige, nahezu inaktive Frauenfigur in diesem ganzen Kosmos gibt, sieht man einmal von ein paar elbischen Komparsinnen ab, die die Harfe zupfen und Leckereien servieren dürfen, doch, man könnte das Frauenbild dieses Films kritisieren. Politisch ließe sich „Der Hobbit“ ja ohnehin in der Luft zerreißen, schon alleine wegen der Darstellung der Orks, Untermenschen, die sich mit slawischem Akzent angrunzen, im Vergleich war die Darstellung der Russen in frühen James-Bond-Abenteuern nahezu freundlich. Und überhaupt: Was ist das eigentlich für eine Welt, in der diese Geschichte spielt? Eine Welt, in der ein Spießbürger aus seiner Bequemlichkeit gerissen wird, gemeinsam mit einer streng hierarchisch strukturierten paramilitäischen Gruppe Abenteuer erleben muss und sich nach und nach freischwimmt, Skrupel verliert und damit zum vollwertigen Mitglied der Gruppe wird. Wobei diese Gruppe heftigst formiert ist, es gibt Anführer, deren Autorität nicht in Frage gestellt wird, es gibt weise Alte, es gibt Adel. So etwas wie Demokratie, Selbstbestimmung, Emanzipation gibt es nicht. (Na gut, J.R.R. Tolkiens „The Hobbit or There and Back Again“ ist 1937 erschienen, da mag man bestimmte Schwerverdaulichkeiten nachsehen.) Man könnte sich über die Tolkien-Jünger lustig machen, die irgendwelche Offenbarungen in diesen Büchern suchen, die Textexegese betreiben, die so tun, als ob „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ tatsächlich Literatur seien. (Man könnte sich zumindest dann über sie lustig machen, wenn das nicht Gestalten wären, die manchmal beängstigend in Richtung rechter Esoterik tendieren würden.) Man könnte nicht zuletzt über die 3D-Technik herziehen, weil es die Augen überraschend heftig anstrengt, knapp drei Stunden diesen eigenartigen Effekt anzustarren, einen Effekt, der zwar unglaublich aufwändig ist, gleichzeitig aber über weite Strecken total unnötig scheint. Dass A im Vordergrund steht und B im Hintergrund, das kann ich mir auch in einem zweidimensionalen Film zusammenreimen, dafür brauche ich kein dreidimensionales Bild, und überhaupt, dafür habe ich jetzt drei Euro 3D-Zuschlag gezahlt, dafür trage ich diese blöde, doof aussehende, an den Flügeln drückende Billigbrille?

Dafür. Und dann noch für ein paar andere Momente.

Denn „Der Hobbit“ besteht eben nicht nur aus Szenen, in denen A (im Vordergrund) mit B (im Hintergrund) redet (die Dialoge sind ohnehin nicht die Stärke dieses Films, sag‘ ich jetzt mal). „Der Hobbit“ besteht auch aus einigen Szenen, in denen einem der Mund offen stehen bleibt, weil das Kino mit einem Schlag das wird, was das Genre womöglich vor 100 Jahren schon einmal war und das heute verloren gegangen scheint: ein Spektakel. Ein Mummenschanz. Wenn die Kamera sich selbstständig macht, über die Berge jagt und durch die Schluchten, noch ein Baumwipfel, noch ein Grat, noch eine Wolkenschicht, die durchstoßen wird. Und wenn einen dann der 3D-Effekt mitnimmt, wenn man sich im Kinosessel festkrallt, weil nicht nur die Kamera in die Tiefe zieht, sondern man selbst auch, mit dem gesamten Kinosaal, dann weiß man, dass Geld wie Lebenszeit nicht für die Katz investiert waren.

Weil man dann nämlich kapiert hat, dass es überhaupt nicht um die hanebüchene Handlung geht, um den politischen Hintergrund, die langweilige Figurenzeichnung oder das gruselige Frauenbld. Es geht einzig darum, einem den Magen flau werden zu lassen.

Mir ist klar, dass es auf Kunstmessen nicht um das Wahre, Gute, Schöne geht, sondern um Kapitalismus. Im Zentrum steht nicht das Wort „Kunst“, sondern das Wort „Messe“: Hier soll etwas verkauft werden, mehr noch, hier soll etwas verkauft werden, das keinen direkten Wert hat, der Wert von Kunst ist immateriell, gehandelt wird hier mit Geschmack, Distinktion, Bewusstsein. Eine Kunstmesse ist Bewusstseinsindustrie. Ich weiß das. Ich bin nicht naiv, ich stolperte auch übers Berliner Art Forum (solange es das noch gab), ich sah den reichen Russen, der am Stand von Contemporary Fine Arts auf ein Gemälde von Daniel Richter zeigte, nichts sagte, die Handbewegung war schon Aufforderung genug: „Kaufen. Das da.“ Es widert mich an, aber vielleicht ist so eine Szene ja notwendig für eine Kunstwelt, die so spannend ist, wie die momentane. Vor sieben, acht Jahren habe ich Daniel Richter einmal in einem denkwürdigen Gespräch (gemeinsam mit Jonathan Meese) interviewt, es ging um Geld und Markt und darum, wie man es vor dem eigenen Gewissen als doch immer noch linker Künstler vertreten könne, dieses Spiel mitzuspielen. Richter antwortete damals sinngemäß, dass es Dutzende schlimmerer Dinge gebe, die die Reichen mit ihren Millionen machen könnten, als Kunst zu kaufen, darauf wusste ich keine Antwort, beziehungsweise, mir war klar: Richter hatte recht.

(Erwin Wurm machte 2006 eine Skulptur namens „Art Basel fucks Documenta“, man sieht das Kasseler Fridericianum, den zentralen Ausstellungsort der Weltkunstschau Documenta, und das wird von einem Basler Messehochhaus, nunja, gefickt. Da sieht man, wie das Verhältnis zwischen Markt und Kunst wirklich ist, wobei, gefickt zu werden ist ja nun nicht die unangenehmste Position, die man sich vorstellen kann.)

Darüber, dass vergangenes Wochenende in der Hamburger Messe die deutsche Dependance der Affordable Art Fair stattfand, darüber möchte ich mich gar nicht auslassen. Die Affordable Art Fair ist eine Kunstmesse, die die Nische der niedrigpreisigen Arbeiten bedient (die gezeigten Werke fangen bei 100 Euro an und hören bei 5000 Euro auf), es gibt viel minderwertigen Kram zu sehen und einiges ziemlich Gutes, nicht anders als bei jeder anderen Messe also, und dass sich P. und R. hier eine der ziemlich guten Arbeiten als Schnäppchen mit nach Hause genommen haben, spricht ebenfalls für die Affordable Art Fair, also: nichts dagegen. Viel aber gegen die Plakate, die Hamburg seit Wochen verschandeln und die einem sofort jede Lust nehmen, sich intellektuell mit Kunst auseinander zu setzen: Man sieht ein doofes Paar über den Elbstrand turteln (barfuß! Bei der momentanen Witterung!), sie halten rosa (rosa!) Pakete in den Händen, Pakete, in denen Kunstwerke versteckt scheinen (wäre es zuviel verlangt, bei dieser Gelegenheit Kunst zu zeigen? Oder schreckt es vielleicht die angestrebte Klientel ab, wenn das Marketing anders aussieht wie das eines Möbelhauses?), und über allem schwebt der entsetzliche Spruch „Kunst, der man nicht widerstehen kann“. Als ob es hier um Schokolade oder Instantkaffe oder Dessous gehen würde.

Die Affordable Art Fair möchte Schwellenangst abbauen, möchte dafür sorgen, dass ein kunstfernes Publikum vorbeischaut und einkauft (und ICH HABE DA REIN GAR NICHTS DAGEGEN). Und um das zu erreichen, schrauben sie in ihrer Außenwirkung jeden Anspruch soweit runter, bis man überhaupt nicht mehr erkennt, um was es hier eigentlich geht. Ich aber weiß, worum es geht, und weil ich das weiß, kotze ich auf offener Straße.

„Die Folter endet nie/Wir werden dennoch siegen.“

(Tocotronic)

Mein erster James Bond-Film war „Octopussy“ (1983), gleichzeitig auch mein letzter, den ich für die folgenden 29 Jahre im Kino sehen sollte – James Bond war damals ziemlich klasse für mich. Zunächst fand ich diese im Grunde formelhaften Agentenkomödien tatsächlich spannend, nach einer Weile gefiel mir auch die Freizügigkeit der Geschichten (was das mit meinem Frauenbild angerichtet hat, darüber möchte ich mir lieber keine Gedanken machen), dann die Schauwerte der exotischen Drehorte, schließlich auch die kaum verhüllten SM-Bezüge und den Zynismus. Bis ich so 17, 18 war, dann verweigerte ich mich. James Bond zeigte nämlich, so behauptete ich, den Sozialismus im falschen Licht (ich war ein unvorstellbar humorloser Jugendlicher), außerdem war das Frauenbild nach dem Schema „Held vögelt Schönheit, die kurz darauf gemeuchelt wird, und kommentiert das Ganze mit einem lockeren Spruch“ womöglich auch diskutabel. Vor ungefähr zehn Jahren entschloss ich mich dann, dass ich über diesem Frauenbild stehe und dass die Diskussion „Sozialismus oder Kapitalismus“ womöglich nicht unbedingt auf der Folie des Popcornkino geführt werden muss. Und holte nach, was ich in den Jahren der Humorlosigkeit verpasst hatte, schaute DVD um DVD, die Vintage-coolen Filme mit Sean Connery, das gerne vergessene George Lazenby-Gastspiel, die bieder-ironischen Roger-Moore-Komödien, die Actionthriller mit Timothy Dalton und die von der Zeit überholten Pierce Brosnan-Filme, die in einer Epoche spielten, in denen man eigentlich keine coolen Geheimagenten mehr brauchte. Und ich schaute natürlich die Neuerfindung der Serie mit Daniel Craig, als sich James Bond mit Regisseuren wie Marc Forster und Sam Mendes zum anspruchsvollen Kunstkino hin öffnete. Alles auf DVD, bis jetzt. Jetzt schaue ich „Skyfall“, im Kino.

„Skyfall“ wurde fast durch die Bank gelobt, ein ernster Film sei das, das Männerbild werde vom Kopf auf die Füße gestellt, ganz still, ohne blöde Witze würden Geschlechterbeziehungen verhandelt, außerdem sei der Bösewicht Silva (Javier Bardem) die viel interessantere, tiefgründigere Figur. Dazu ist zu sagen: Eigentlich war bislang in jedem halbwegs gelungenen James-Bond-Film der Bösewicht die interessantere Figur, zumindest, solange er nicht allzusehr als Karrikatur des Bösen angelegt war. Und zum auf die Füße gestellten Männerbild, naja … Es gibt eine Szene, in der Silva dem gefesselten Bond (Daniel Craig, der mit gerade mal 44 Jahren schon recht alt daherkommt) durchaus sexuell konnotiert nahe kommt, was von manchen Kritikern als queere Neudeutung der Figur gelesen wurde – ich denke, das ist eine Überinterpretation. Wenngleich man natürlich konstatieren muss, was für ein Quantensprung das sexualpolitisch ist, im Vergleich zum schwulen Killerpärchen Mr Wint (Bruce Glover) und Mr. Kitt (Putter Smith) in „Diamonds are forever“ (1971). Und zur Frage der Geschlechterbeziehungen: Bond gebraucht immer noch Frauen, die (Bérénice Marlohe!) erstens toll aussehen und zweitens nach dem Beischlaf ohne viel Federlesens entsorgt werden, so wirklich eine Entwicklung sehe ich da nicht. Allerdings: Die Formel „1.) Beiläufiger Sex mit eine Figur, die später nicht einmal mehr erwähnt wird 2.) Sex mit einer sympathischen Figur, die kurz darauf von den Bösen umgebracht wird 3.) Sex mit einer Figur, die sich später als Böse entpuppt und kurz vor Schluss von Bond umgebracht wird, gerne auch mit einer sadistischen Wendung und schließlich 4.) abschließender Sex mit einer Figur, die den gesamten Film über nervte, sich zum Schluss aber als Verbündete entpuppt“ wird hier nicht weiter geführt. Eigentlich hat Bond nur einmal Sex (am Anfang, mit einer Strandbekanntschaft in der Türkei, zählt nicht, da ist unser Held ja auch dauerbetrunken), recht unvermittelt, und entsprechend doof ist die Szene in ihrer Unter-der-Dusche-Softporno-Ästhetik auch – zumindest, wenn ich richtig verstanden habe, dass die neu eingeführte Miss Moneypenny (Naomie Harris, Moneypenny ist jetzt dunkelhäutig, solch ein eindeutiges Bekenntnis zum multikulturellen England wäre früher auch nicht möglich gewesen!) Bond nicht vögelt sondern nur rasiert.

Überhaupt macht Regisseur Sam Mendes das gar nicht ungeschickt: Er baut in „Skyfall“ Standardsituationen auf, die er minimal abändert und gibt dem Film damit einen anderen, etwas modernen Dreh. Natürlich werden exotische Locations abgefilmt (obwohl, „exotisch“: Istanbul und Shanghai, da kommt man mittlerweile auch problemlos mit Pauschalarrangements hin), nur um nach ungefähr 50 Minuten in die Londonor U-Bahn abzutauchen, wo dann lehrbuchgerechte aber Bond-untypische Großstadtaction abgefeiert wird. Wie immer hat der Bösewicht ein Versteck auf einer eigenen Insel – wobei es sich in „Skyfall“ um die japanische Insel Hashima handelt, und die ist keine Kommandozentrale des Bösen, sondern nur eine trostlose Ruine. Und der Titelsong Adeles ist beim ersten Hören stilvoller Retrosoul („Langweilig!“ motzt die kluge, schöne Frau, ein wenig hat sie recht), beim zweiten Hören aber ein nicht uncooles Zitat wirklich großer Bond-Songs, das hübsch in eine videoclipartige Titelsequenz eingewoben wird. Um ehrlich zu sein, wünscht man sich ein wenig, dass diese Titelsequenz überhaupt nicht mehr aufhört, immer noch mal ein Crescendo, „Let the Sky fall!“

„Skyfall“ ist natürlich nicht spannend, aber der Film macht Spaß. Man schaut zwei Stunden (verhältnismäßig altmodischer) Action zu, freut sich über mehrere selbstironische Brechungen (wer hat eigentlich den Blödsinn verzapft, dass dieser Film so unglaublich ernsthaft sei?) und amüsiert sich alles in allem nie unter Niveau. Es geht eben um alte Männer (und Frauen: Judy Dench als Bonds Vorgesetzte M hat weitaus mehr zur Handlung beizutragen als sonst), die sich irgendwie gegen das Alter auflehnen: mittels Physis, mittels Emotion, mittels Sex. Ist okay, darf man machen, das ist weitaus mehr als die Pseudocoolness früherer Bond-Entwürfe. Als Neuerfindung einer Figur aber taugte Daniel Craigs Bond-Debüt „Casino Royale“ (2006) mehr als „Skyfall“, ich mein‘ ja bloß.

Eine Schnurre aus dem Leben eines freien Journalisten: Der freie Journalist spricht mit seinem Redakteur ein Thema ab. Umfang, Ausrichtung, Entlohnung eines Artikels, vielleicht auch Kleinigkeiten wie die, ob Spesen übernommen werden. Nachdem all das abgesprochen ist, macht sich der freie Journalist auf, er recherchiert, er hat Ausgaben, er schreibt. Dann schickt er den abgesprochenen Text in die Redaktion und wartet auf die Veröffentlichung (in diesem Gewerbe ist es üblich, dass Texte nach Erscheinen bezahlt werden). Und wartet. Und wartet. Und irgendwann wird ihm klar: Der Text wird wohl nicht mehr kommen. Und ein Honorar bekommt er auch keines. (Falls er ein Interview zur Recherche geführt hat: Ein weiteres Gespräch wird ihm dieser Interviewpartner auch nicht mehr gewähren, immerhin hat der sich Zeit genommen für den Journalisten, da wird man doch wohl erwarten dürfen, dass der Text auch erscheint. Nein?) Wenn er Glück hat, erstreitet sich der freie Journalist ein Ausfallhonorar, das in der Regel einen Bruchteil des abgesprochenen Honorars beträgt, dafür hat der freie Journalist von nun an in der Branche den Ruf, ein Streithansel zu sein.

Wenn ich solche Geschichten höre, bin ich erleichtert, dass ich kein freier Journalist bin, zumindest nicht so richtig.

Jedenfalls habe ich einen Artikel abgesprochen, über die Ausstellung „ARTandPRESS“ im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie. Ich wäre ohnehin nach Karlsruhe gefahren, und wahrscheinlich hätte ich auch ohnehin etwas über die Ausstellung geschrieben, hier, in diesem kleinen, sympathischen Nischenblog, aber vielleicht möchte meine Überlegungen ja auch wer anders? „Hallo C., möchtet ihr was?“ „Klar, mach‘ mal.“ Und ich mache, warum auch nicht. Dauert natürlich. Und es ist auch nicht so, dass ich nichts anderes zu tun gehabt hätte, egal, ist ja für eine gute Sache. Nur erscheint nichts, eine Woche lang nicht, zwei Wochen lang nicht, einen Monat lang nicht, plötzlich lese ich, dass der Abnehmer in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt, irgendwo lese ich das böse Wort: „Insolvenz“. Übel. Da will ich nicht rummotzen, da dränge ich auch nicht, dass sie endlich meinen Text drucken sollen, die haben gerade anderes um die Ohren als eine Ausstellungskritik aus dem Badischen.

Aber trotzdem, schade ist es schon, auch um die ganze Arbeit.

Nach fünf Wochen entscheide ich mich, den Text auf die Bandschublade zu stellen. Einfach, damit er nicht verloren geht. Ich habe ein wenig ein schlechtes Gewissen, C., wenn du das hier liest und den Text doch noch drucken möchtest, mal vorausgesetzt, es geht euch wieder besser, dann melde dich, ich nehme ihn dann wieder runter, dann habt ihr ihn auch exklusiv. Ja?

Verbrechen-Promis-Sex

Die Ausstellung ARTandPRESS in Karlsruhe ist weniger Kunstschau als Tool zur Imagepflege des Medienpartners. Von Falk Schreiber

Pop-Artists schauen dich an. Drei Wände im Karlsruher ZKM haben Gilbert & George mit ihren typischen großformatigen Collagen vollgekleistert, ältere, zurückhaltend stilvoll gekleidete Herren sind da zu sehen, die ihren Blick x-fach gedoppelt auf den Betrachter richten. Und zwischen Künstlern und Betrachtern: Schlagzeilen, kurz angerissenes Marktgeschrei. „Murder!“, „Rape!“, „Death!“

Gilbert & George beziehen sich für die Ausstellung ARTandPRESS auf eine typische Werbeform der Boulevardmedien, wie man sie auch hierzulande findet: Einzelne, möglichst reißerische Schlagworte auf Plakaten und Aufstellern verweisen auf den vollständigen Artikel im zu kaufenden Heft, meist aus dem Kontext Verbrechen-Unfall-Prominenz-Sex. Was zunächst irritiert, weil das Laute, Populistische gar nicht wirklich zum distinguierten Habitus dieses Künstlerpaares zu passen scheint, auf den zweiten Blick dann aber doch stimmig ist: Gilbert & George waren immer schon gleichzeitig urbritische Upperclass und fröhlich Sun-lesende Labour-Wählerschaft. Die drei Arbeiten aus der Serie „London Pictures“ sind keine Irritation, im Gegenteil: Sie passen perfekt zu ARTandPRESS. Weil sie die Intention wie die Problematik dieser Ausstellung nahezu prototypisch darstellen.

ARTandPRESS will Wechselwirkungen, gegenseitige Beeinflussungen und Differenzen von (Print-)Medien und Bildender Kunst nachspüren. Und kommt zu einem eher pessimistischen Urteil: Nahezu alle ausgestellten Künstler scheinen der Presse zutiefst skeptisch gegenüber zu stehen, Schmierfinken scheinen da am Werk zu sein, die vereinfachen, wo sie analysieren sollten, die Propaganda verbreiten, wo sie informieren sollten, die Wirtschaftsinteressen bedienen, wo sie ethisch handeln sollten. Bei Richard Prince werden die Medien so zur oberflächlichen Promi-Maschinerie, bei Josephine Meckseper zu Apolegeten eines unerreichbaren Schönheitsideals, dem als ironische Spitze die alltägliche Hässlichkeit eines Schuh-Verkaufsstands gegenüber gestellt ist, bei William Kentridge zum Insignium wirtschaftlicher Macht, einer Macht, die parallel Folter, Leid und Ausbeutung mit sich bringt, wovon nichts in der Zeitung steht. Was alles stimmt und meist auch ästhetisch überzeugt, selbst wenn man recht häufig Zeitungspapier als Leinwand für alles in allem recht konventionelle Malerei sieht, was als künstlerische Entscheidung doch verhältnismäßig dürftig ist – vor allem, wenn man in direkter Nachbarschaft eine vielschichtige Arbeit hat wie Farhad Moshiris „Kiosk“: 500 Perserteppiche, die die Titelbilder westlicher Zeitschriften zeigen, Klatsch und Glamour aus Vogue et al.

Das Problem von ARTandPRESS ist nicht die Qualität der gezeigten Kunst, das Problem ist der sehr enge Begriff, den die Ausstellung von den Printmedien hat: Medien ist gleich Boulevard, so scheint man hier zu denken. Und dann fällt einem plötzlich auf, wer Medienpartner dieser Ausstellung ist: die Bild (die auf diesem Blog traditionell nicht verlinkt wird). Ein Druckerzeugnis, das seit Jahren darum kämpft, als Presse ernstgenommen zu werden, eine Zeitung zu sein, mit der man sich argumentativ auseinandersetzen muss, und nicht nur ein ziemlich ekliges Unterhaltungs-Etwas. ARTandPRESS ist eigentlich keine Ausstellung, sondern ausschließlich ein Tool zur Imagepflege des Medienpartners.

Ein Tool, das allerdings ziemlich gut funktioniert, muss man neidlos anerkennen. Nach dem Ausstellungsbesuch jedenfalls fällt es auch dem seriösen Feuilleton nicht mehr schwer, in den Kohlezeichungen Robert Longos ein „Occupy Girlie“ zu entdecken. Womit die diskriminierende Sprache des Boulevards hastdunichtgesehen in den echten Journalismus eingesickert ist. Danke, Bild.

ARTandPRESS. Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit. Bis 10. 3., ZKM, Museum für Neue Kunst, Karlsruhe. Auf dem Foto: Annette Messager: „Dancing Newspaper“, 2010. Für das Werk: © VG Bild-Kunst Bonn 2012/ Annette Messager, Courtesy Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn. Im Hintergrund: Marlene Dumas: „Figure in Landscape“, 2009. Für das Werk: © Marlene Dumas/David Zwirner Gallery.