Der Makler ist traurig. Weil nämlich die Hamburger wunderschöne Wohnungen leerstehen lassen würden, undankbar seien sie, weil sie seine Angebote verschmähen. Steht so zumindest im Hamburger Abendblatt, dem Zentralorgan der Immobilienbesitzer, dem Angstschürer vor Hausbesetzern und Mietnomaden. „Es gibt in Hamburg eine Reihe von Stadtteilen, in denen trotz guter Lage und eines guten Zustands eine Wohnung nicht ohne Weiteres vermietet werden kann“, wird Jens-Uwe Meier, Geschäftsführer der Richard E. Meier GmbH, in einem langen Artikel von Oliver Schirg zitiert: „Schöner wohnen in Billstedt. In weniger schicken Stadtteilen sind die Mieten noch bezahlbar – doch viele Interessenten gehen bei der Lage keine Kompromisse ein“. Der arme Makler.

Wohnen in Hamburg ist teuer. Und, klar, wenn ich wenig Geld habe, kann ich mir nichts allzu Teures leisten. Wenn ich wenig Geld habe, leiste ich mir keinen Urlaub auf den Malediven, sondern fahre in den Harz. Wenn ich wenig Geld habe, leiste ich mir keinen Maßanzug, sondern kaufe von der Stange. Wenn ich wenig Geld habe, ernähre ich mich nicht vom Biomarkt, sondern kaufe Eier aus Käfighaltung im Discounter … Äh? Stopp! Mache ich das wirklich? Ist es vertretbar, dass man Leuten mit wenig Geld ins Gesicht sagt: Dann ernährt euch halt von Müll?

Das ist das Gemeine an Schirgs Artikel, das ist das Gemeine an der Maklerargumentation: dass etwas essentiell Lebensnotwendiges wie Wohnen zum Luxus umgedeutet wird, auf den man im Zweifel auch verzichten kann. Aber ist es wirklich ein Luxus, wenn man sich aussucht, wo man wohnt? Wenn man sagt: Tut mir leid, ich will aber nicht in Billstedt wohnen? (Nichts gegen Billstedt, übrigens.) Wenn man womöglich noch einen Schritt weiter denkt? Wilhelmsburg, die übel beleumundete Elbinsel mit Coolnesspotenzial etwa, wäre für mich als Wohnort durchaus eine Option gewesen. Für mich, der ich halbwegs okay verdiene, halbwegs gut ausgebildet bin. Nur sind die halbwegs okay Verdienenden, die gerade nach Wilhelmsburg ziehen, die Vorhut der Gentrifizierung, das sollte man mitdenken, wenn man den Leuten vorwirft, nicht nach Wilhelmsburg ziehen zu wollen. Nichts davon steht in Schirgs Artikel, im Gegenteil:

Der Vorsitzende des Grundeigentümerverbandes in Hamburg, Heinrich Stüven, macht den geringen Bekanntheitsgrad vieler Stadtteile dafür (dass alle nur in den angeblich angesagten Vierteln wohnen wollen, F.S.) verantwortlich und rät Wohnungssuchenden, sich auch „derzeit nicht so angesagte Stadtviertel“ genau anzuschauen. Bestes Beispiel sei Wilhelmsburg. „Mit ihren vielen Kanälen und Wasserflächen ist die Elbinsel ein attraktiver Standort zum Leben.“

Es ärgert mich. Weil solche Artikel nichts anderes sind als Vorwürfe an mich: „Du bist zu anspruchsvoll!“ „Wer bist du denn, dass du dir einbildest, Wünsche formulieren zu dürfen?“ „Was für ein bürgerliches Würstchen, ist sich zu fein, nach Wilhelmsburg zu ziehen!“ Vorwürfe von Leuten, die in ihrem Leben noch nie in Wilhelmsburg waren. Weil das natürlich vollkommen unter ihrer Würde ist.

Schirg zitiert Patrick Joerend, Geschäftsführer der Privatgrund Haus- und Grundbetreuung GmbH: „Wenn Haltestellen von Bus oder Bahn zu weit entfernt liegen oder es in erreichbarer Nähe keinen Supermarkt gibt, dann wird es schwierig.“ Ja, was fällt den Leuten denn ein, wollen auch noch eine Bushaltestelle in erreichbarer Nähe! Sollen sie doch Auto fahren, als ob einem das nicht zuzumuten wäre! (Dass die ach so günstige Wohnung nahe der Fischbeker Heide plötzlich gar nicht mehr so günstig ist, wenn man die Unterhaltskosten für ein Auto zur Miete dazurechnet, für ein Auto, das man in der Innenstadt nicht braucht, sagt Joerend natürlich nicht. Und Schirg kommt auch nicht auf die Idee, da nachzufragen.)

Kann man schon verstehen, die Makler. Dass sie da traurig werden, bei solch undankbaren Mietern. Traurig und über kurz oder lang auch aggressiv.

 

5 Kommentare

  1. Jaja,die undankbaren Mietsuchenden. Vor ca. 15 Jahren stand ich mit einer Freundin in einer Wohnung an der sechsspurigen B75 in Wandsbek, im Wohnzimmer hatte man das Gefühl, die Straße würde direkt durch den Raum führen („Wie bitte? Was hast Du gesagt?“). Die Maklerin: „Sie müssen schon bereit sein, Abstriche zu machen. Was Besseres werden SIE nicht bekommen.“ Ach ja? Danke. Auf Wiedersehen.

  2. Ich wohne in Rahlstedt. Sonst noch Fragen? 😉

    • Ich war noch nie in Rahlstedt. Ich gehe einfach mal davon aus, dass es ganz großartig ist, dort.

  3. Ich stimme völlig überein, habe aber Einschränkungen zu machen, denn das Thema ist komplex. Ein paar lose Gedanken also: Wilhelmsburg/Williamsburg hat tatsächlich nur (ich weiß, „nur“) den Nachteil der schlechten Nahverkehrsanbindung. Ich war vor zehn Jahren drauf und dran dorthin zu ziehen (nicht in das Betonghetto, sondern Nähe Vogelhüttendeich, dort wo die ganzen Altbauten stehen). Mittlerweile hat sich das dort wirklich gemacht, es gibt Biomärkte, Kunst, herumschlurfende Szene-Studenten. Wegen der deutlich besseren Nahverkehrsanbindung landete ich in Hamm – ein Stadtteil, den die meisten gar nicht kannten. Weil er im Osten liegt (aber nur drei/vier U-Bahnstationen vom HBF) und viele einfach über Eimsbüttel/Schanze/Altona nicht hinauskommen. Und ja, hier ist nicht die Schanze, hier ist nicht Eimsbüttel. Wer aber zentral und zugleich sehr grün wohnen und im Vergleich günstige Mieten (damals) zahlen wollte/konnte, konnte hier was entdecken. In den letzten drei Jahren wandelt sich die Struktur im Viertel rasant. Es ziehen immer mehr junge Leute hierher, paddeln auf den Kanälen, skaten in den Seitenstraßen. Es fehlen (noch) die Restaurants, die Galerien, die Szene-Boutiquen :-)

    Vielleicht wird das hier nie eine weitere Schanze werden. Vielleicht auch zum Glück (und wer will, ist von hier in 20 Minuten im Karoviertel). Kurz: Natürlich muß es überall bezahlbaren Wohnraum geben. Gleichzeitig denke ich, man kann nicht verlangen, in jedem anderen Stadtteil bereits vorstrukturiertes hübsches Ambiente vorzufinden. Vielleicht muß man dann der erste sein, der für Wandel sorgt, selbst eine Galerie/einen Laden aufmacht. Vielleicht entdeckt man auch ganz andere Vorzüge (im Grünen wohnen z.B.). Ich weiß, daß ich anfangs extrem belächelt wurde („Wo ist das, wo du wohnst?“) und oft auch dachte, ach Leute, seid nicht so versnobt, geht doch mal ein Stück raus und guckt euch Hamburg einfach mal an.

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