Es ist so einfach, den Münsteraner “Tatort” doof zu finden. Alte skandinavische Krimischule: Im Kriminalfilm geht es um Menschen, denen das System keine andere Chance lässt als kriminell zu werden, und wo es um diese Menschen geht, da gibt es nichts zu lachen. Wohingegen der westfälische Provinzkrimi (der wie die meisten WDR-Produktionen hauptsächlich in Köln gedreht wird und von Münster entsprechend nur die Sehenswürdigkeitsklischees zeigt, das Rathaus, den Aasee, den Prinzipalmarkt) ein einziger Witz ist. Witzfiguren machen halbwegs lustige Dinge, und am Ende klärt sich ein Mord irgendwie selbst auf, Polizeiarbeit jedenfalls gibt es keine zu sehen. Nur: So einfach ist es leider nicht.

Denn die Münsteraner “Tatorte” mögen Klamotten sein, es sind aber gut gemachte Klamotten. Filmisch geben diese Krimis meist einiges her und lassen ihre Pendants aus Stuttgart oder, Gott bewahre!, Leipzig weit hinter sich. Und schauspielerisch warten die Krimis gerade in den Nebenrollen mit einigen Schmankerln auf. Klar, die Hauptdarsteller Axel Prahl und Jan-Josef Liefers mögen Kommissar Frank Thiel und Gerichtsmediziner Friedrich Börne knallchargenhaft als Karrikaturen anlegen, aber erstens machen sie das mit unübersehbarer Freude am Irssinn und lassen zweitens neben sich viel Raum, dass andere ihre Figuren mit hübschen Feinheiten ausarbeiten. Wenn im aktuellen Münster-Fall “Hinkebein” (Regie: Manfred Stelzer) Martina Eitner-Acheampong, eine Schauspielerin mit Starqualitäten übrigens, die sich andernorts nicht in einer Drei-Sätze-Nebenrolle verheizen lassen würde, als bodenständige Wirtin der “Westfälischen Stuben” empfiehlt: “Probierense das Töttchen. Da machense nüscht falsch mit”, dann sagt das viel aus über den Charakter dieser Stadt, die gleichzeitig nett ist und andererseits ganz schön derb. Töttchen ist nämlich Kalbsfleisch in Senfsauce, ein schweres Arme-Leute-Essen, das einen durch den niedlichen Diminutiv ganz schön auf die falsche Spur führt. Außerdem spricht es für die Rafinesse des Drehbuchs (Stefan Cantz und Jan Hinter), dass der Diminutiv am Ende noch einmal eine weitere, fallentscheidende Rolle spielt. Gegen das Drehbuch spricht, dass einen das eigentlich gar nicht interessiert.

Da wurde also eine Ex-Polizistin ermordert, die erstens ein Alkoholproblem hat, zweitens einen Sorgerechtstreit mit dem Ex-Mann und drittens Stress mit einem Zuhälter namens “Hinkebein” (Fiesling-Allzweckwaffe Wolfram Koch, den man zuletzt ein wenig zu oft gesehen hat), den sie vor Jahren wegen Mordes hinter Gitter brachte, obwohl der anscheind unschuldig war. Außerdem sind in Münster russische Austauschpolizisten zu Gast, und in einen verliebt sich Kommissariatsdarling Nadeshda (Friederike Kempter), was Thiel Gelegenheit zu einem denkwürdigen Telefongespräch mit ihr gibt, irgendwann nachts: “(Laberlaber Ermittlungskram) … Nadeshda, ich höre, dass da jemand im Hintergrund spricht … Das ist doch russisch! … (kleinlaut) Sie haben recht, das geht mich gar nichts an.” Das geht ihn gar nichts an, eben! Frank Thiel ist echt der netteste Kommissar im gesamten “Tatort”-Universum!

Aber so schön das auch ist: Der Fall ist langweilig. Sterbenslangweilig. Ständig tauchen neue Verdächtige auf, die einen nicht interessieren, ständig gibt es kaum durchdachte Witze auf Kosten der russischen Gastpolizisten. Auf Kosten Börnes. Oder auf Kosten der kleinwüchsigen Hilfsgerichtsmedizinerin (ChrisTine Urspruch, die diesmal leider nicht die Souveränitätsbombe gibt, die man von ihr gewohnt ist). Börne: “Die ist so wenig promoviert wie Guttenberg!” Haha. Am Ende wars der Polizeipressesprecher, oh, ‘tschuldigung, das war ein Spoiler, aber die Frage nach dem Mörder ist hier doch ohnehin vollkommen uninteressant, oder? Auf jeden Fall war der anscheinend pervers, also, auf eine durchaus reizvolle aber auch irgendwie abstoßende Weise, und als Perverser brachte er also vor Jahren eine Prostituierte um. Weil aber seine Geliebte bei der Mordkommission die Tat deckte, konnte er Karriere machen und in die Presseabteilung wechseln (Karriere?), außerdem konnte er seine Geliebte schwängern, die gleichzeitig noch verheiratet war und zudem ein Techtelmechtel mit Börne hatte. Und weswegen brachte er sie jetzt um? Weil sie Angst vor dem plötzlich aus dem vietnamesischen Exil zurückgekehrten (Äh? Warum kehrt der eigentlich zurück, wo er doch gesucht wird? Und bestellt als erstes im Haus seiner alten Mutter die Handwerker?) Hinkebein hatte und so zum Unsicherheitsfaktor zu werden drohte. Es hilft nichts, es ist wirr, es ist öde. Es ist irgendwie wie ein Witz, der zwar nicht lustig ist, den man aber verzweifelt zu Ende erzählt, in der Hoffnung, dass sich da doch noch was draus entwickelt.

Und das nächste Mal hätte ich gerne wieder einen ganz traditionellen skandinavischen, sozialkritischen Krimi. Oder einen Actionreißer. Oder ein Politdrama. Oder ein Töttchen, nein, ein Törtchen, ja?

(Alles wie immer: Christian Buß auf SpOn. Konzentration aufs Kerngeschäft: Matthias Dell im Freitag. Altbekannte Ingredienzen: Heinz Zimmermann auf tatort-fundus.de. Tatörtchen: der Stadtneurotiker. Höchst durchschnittlich: der Wahlberliner.)

 

3 Kommentare

  1. Pingback: Tatörtchen « Ansichten aus dem Millionendorf

  2. Wer den Tatort aus Münster schaut, weiss, dass er keinen Krimi serviert bekommt. Das Duo Thiel – Börne ist eben nur für Klamauk zuständig. Der jeweilige Fall ist da nur Nebensache. Das ist die Stärke und leider auch die Schwäche des Münsteraner Tatorts.
    Nach dem gestrigen Fall bin ich endgültig der Meinung, dass die Geschichte zwischen Thiel und Börne auserzählt ist. Zu sehr sind die Gags nach eindimensionalen Mustern gestrickt, zu starr sind die Persönlichkeiten der Hauptdarsteller in ihren Rollen gefangen.
    Das einzige, was einen in Münster noch überraschen kann, sind Thiels sportliche Fähigkeiten. Einen Sprung durchs geschlossene Fenster hätte ich ihm nun wirklich nicht zugetraut.

    • Stimmt alles. Nur die immer noch überdurchschnittlichen Quoten sprechen eine andere Sprache: Eine ganze Menge Zuschauer schaut anscheinend weiter ganz gerne die Münsteraner Geschichten, glaubt also, dass die Handlung noch lange nicht auserzählt ist. (Der Sprung durchs geschlossene Fenster überraschte mich weniger: Prahl ist doch ganz grundsätzlich ein sehr, sehr physisch agierender Performer.)

      • Du kommentierst ja gerne auch im Tatort-Forum. Da sieht man an anderen Kommentaren, dass es eine Menge Zuschauer gibt, die die münsteraner ins erz geschlossen haben und sie eben immer wieder gerne sehen. In dem Forum kann man auch gut sehen, dass Viele doch einfach an altgewohntem hängen. Und es ist ja auch nicht so. dass der Tatort aus Münster schlecht wäre. Er ist immer besser als die Tatorte aus den Städten mit L und mit den Kommissarinnen mit L (Lührsen sehe ich manchmal als Ausnahme). Aus diesen Gründen sind gute Quoten kein Widerspruch zu der Tatsache, dass die Figuren Thiel und Börne sich nicht wirklich weiter entwickeln (abgesehen, davon , dass gestern Thiel in zwei kurzen Szenen seine väterlichen Gefühle für Nadeshta zeigen durfte).
        Die guten Quoten und der immer spürbare Spass, den Prahl und Liefers an ihren Rollen haben, sind aber ein Hinweis darauf, dass uns Münster erhalten bleibt.

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