23. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Das Volk von Paris · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , , , ,

„Wir sind das Volk“

Am Abend des 9. November 1989 stand ich in einer Menschenmenge, die Faust erhoben, in meinem Ohr die Rufe: „Wir sind das Volk!“ Was pathetischer klingt als es war. Am Abend des 9. November war ich Statist im Ulmer Theater, wir hatten Premiere, Gottfried von Einems Oper „Dantons Tod“, und ich stand als „Volk von Paris“ auf der Bühne. Dass ein paar hundert Kilometer nordöstlich tatsächlich ein Volk demonstrierte, wusste ich zwar, es interessierte mich aber nicht wirklich. Richtig interessant wurde es erst, als die Massen statt „Wir sind das Volk“ plötzlich „Wir sind ein Volk“ zu skandieren begannen, aufgestachelt von Bild und westdeutscher CDU. Da wurde mir das, was ich zunächst für einen berechtigten Widerstand gegen ein Spießerregime gehalten hatte, plötzlich unsympathisch: Was fiel denen im Osten eigentlich ein, sich so einfach mit mir gemein zu machen? Die mochten ein Volk sein, meines aber waren sie nicht.

Polen

Als ich Mitte der Achtziger mit meinen Eltern eine Woche nach Berlin fuhr, kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit der DDR. Man fuhr über eine Grenze, man ratterte über Autobahnen, die sich anders anhörten als diejenigen auf unserer Seite der Mauer, man sah Fahrzeuge, die ulkig aussahen, irgendwo bei Leipzig überquerten wir eine Bahnstrecke, und auf dieser Bahnstrecke fuhr ein Zug mit Dampflok. Wir durchquerten Ausland. Ich wunderte mich zwar, dass im Radio deutsch gesprochen wurde (und außerdem westdeutsche Musik gespielt wurde, Nenas „?“, die ganze Platte durch), eigentlich hatte ich erwartet, dass hier russisch die Verkehrssprache sein müsste, aber gut. Österreich war ja auch Ausland, obwohl sie dort ebenfalls so etwas wie deutsch sprachen, und das hier war dem Schwaben durchaus fremder als ein Kurztrip nach Tirol, das hier war so etwas wie Polen. Diese These vertrat ich noch Jahre später, im Gemeinschaftskundunterricht, der schon vereinigungsbesoffen das Jahr 89 hinter sich gebracht hatte: Die DDR, das ist doch Ausland. Ich wurde ausgebuht und vom Lehrer geschnitten. Elf Jahre später schrieb ich eine Glosse im Usinger Anzeiger, in der ich diese jugendlichen Ansichten humorig reflektierte – beinahe gesteinigt hätte mich die hessische Landbevölkerung des Jahres 2000. Die Aussage „DDR ist für mich Ausland“ scheint für manche Leute einer Beleidigung gleichzukommen, „Ausland“, das ist für diese Leute beleidigend. Was deutlich macht, in welche Richtung dieser Vereinigungsprozess bald gehen sollte.

Alternative

„Kannst du dir vorstellen, wie das ist, den Kapitalismus für eine Zumutung zu halten, aber keine Alternative zum Kapitalismus zu sehen, weil ihr aufgegeben habt?“ Ich war nie der Meinung, dass die DDR ein gutes System war, im Gegenteil, ich war der Meinung, dass die DDR ein absolutes Dreckssystem war, organisiert von Spießern, Blockwarten, Sexisten, Nationalisten. Aber ich war immer der Meinung (und bin es auch heute noch), dass die DDR im Vergleich mit der Bundesrepublik (und nur mit der) das bessere System war. Was, nebenbei gesagt, nicht unbedingt für dieses Volk spricht, wenn es nichts Besseres gebacken bekommt als das DDR-System. Trotzdem, es war die Alternative. „Kannst du dir vorstellen, wie das ist, den Kapitalismus für eine Zumutung zu halten, aber keine Alternative zum Kapitalismus zu sehen, weil ihr aufgegeben habt?“, der Satz stammt aus dem Stück „Schubladen“ der Theatergruppe She She Pop, und er verdeutlicht, weswegen ich die Vereinigung als Verlust wahrnahm: Anstatt dass dieses blöde Volk sich hingesetzt hätte, die Stasi-, Politbüro- und Volkspolizeideppen in die Wüste geschickt und einen guten, gelungenen, menschlichen Sozialismus aufgebaut hätte, warf es sich ungefragt erst in unsere Arme und dann, als wir ungeschickt auf diese Verbrüderung reagierten, in die Arme derjenigen, die schon bereit standen, um ihr Süppchen auf der nationalen Hitze zu kochen. Und so verhalf das blöde Volk dem durch und durch korrupten Kohl-Regime zu zwei weiteren Amtszeiten, Danke auch.

Arbeit

In Christian Petzolds Film „Barbara“ stellt die von Nina Hoss gespielte Kinderärztin 1980 einen Ausreiseantrag aus der DDR; zur Strafe versetzt das Deppenregime sie an eine Klinik in der Provinz. „Die Arbeiter und Bauern haben dir ein Studium ermöglichst, jetzt gibst du ihnen erst einmal etwas zurück!“ giftet sie verächtlich über die Begründung ihrer Versetzung, „Klingt erstmal gar nicht so falsch“, gibt ihr Chefarzt (Ronald Zehrfeld) zurück. Stimmt, klingt gar nicht so falsch, aber Barbara hört nicht zu. Denn: Sie hat einen Geliebten aus dem Westen, und der hat längst eine Flucht eingefädelt. Eines abends, im Bett des Interhotels, bezirzt er sie: „Wenn du erstmal drüben bist, dann musst du nicht mehr arbeiten. Ich verdiene genug für uns beide.“ Das ist der Moment, in dem ihre Beziehung zerbricht, das ist der Moment, in dem sie merkt, dass sie die Gelegenheit zur Flucht nicht ergreifen wird – wenn die Flucht nur bedeutet, in ein Land zu fliehen, in dem alle angestrebten Ziele, Gleichberechtigung im Beruf, gleichwertiges Leben, bedeutungslos sind, ein Land, in dem das wenige, was man erreicht hat, rückgängig gemacht wird. In ein Land, in dem die Altnazis, die Christen, die Konservativen eine Macht hatten, von der sich die Bevölkerung der DDR emanzipiert zu haben glaubte. Vorbei.

She She Pop, „Schubladen“, bis 25. 3. und 28. bis 29. 3., Kampnagel, Hamburg (Foto: Benjamin Krieg). Christian Petzold, „Barbara“, noch hin und wieder im Programmkino und über kurz oder lang auf arte.

Kommentare geschlossen.