Und ich denk’ mir noch: Eigentlich komisch. Da sind die Jugoslawienkriege erst ein paar Jahre vorbei, und doch sind sie überhaupt kein Thema für die Popkultur. Gedanken hatten wir uns gemacht darüber, dass es plötzlich Massenerschießungen gab, ein paar hundert Kilometer südlich, Massenerschießungen und Konzentrationslager und Heckenschützen, doch irgendwie ist das vergessen. Keine Theaterstücke schreibt man über diese Kriege, mal abgesehen von Biljana Srbljanović, die irgendwie auch kaum noch aufgeführt wird, oder täusche ich mich da?, keine Ausstellungen kuratiert man, keine Popsongs spielt man. Nicht einmal eine nennenswerte Zahl Krimis gibt es, obwohl doch zumindest ein “Tatort”-Kommissar, der Münchner Ivo Batic, einen kroatischen MIgrationshintergrund hat (wenigstens in der 2003er-Folge “Der Prügelknabe” wurde das dann doch thematisiert, die große Ausnahme). Angesichts des konservativen Grundverdachts, den ich dem deutschen Fernsehkrimi entgegen bringe, behaupte ich, dass die Erinnerung an serbische Christenmenschen, die mit dem Schlachtruf “Der Islam gehört nicht zu Europa!” bosnische Moslems schlachten gingen, vielleicht zuviel Parallelen zu Hans-Peter Friedrich und Alexander Dobrindt zeigen könnte. Wobei, das ist eine Verschwörungstheorie, die verwerfen wir ganz schnell wieder, zumal, das sollte nicht vergessen werden, die Serben keinesfalls die einzigen Schlächter waren in diesem recht unübersichtlichen Konflikt.

Andererseits fällt es natürlich schon auf, dass jetzt, wo sich mit dem “Tatort: Kein Entkommen” endlich mal wieder ein Fernsehkrimi dem Thema Ex-Jugoslawien annimmt, der eben nicht von einem deutschen ARD-Sender kommt, sondern vom österreichischen ORF (wobei die Österreicher zwar keinen Dobrindt haben, dafür einen Strache, Mensch, die Theorie funktioniert echt überhaupt nicht). Schad’, dass “Kein Entkommen” in seiner Zeichnung des Konflikts ein bisschen ungenau bleibt, die Serben sands halt die Bösn, und gespielt werden sie von den Schauspielern, die im deutschen Fernsehen immer die osteuropäischen Quadratschädel spielen müssen, Gennadi Vengerov etwa, Marco Pustisek oder Giorgi Gvinadze. Was solls, gibt anscheinend keine anderen, die überzeugend “Davaj! Davaj!” in die Kamera bellen können. Ist aber auch egal, um Erkenntnis geht es in diesem Krimi nicht. Um Spannung allerdings auch nicht, weil von Anfang an klar ist, dass der nette Kinderarzt (Michael König) in Wahrheit der Oberfiese ist, zumal er genauso ausstaffiert ist wie Radovan Karadzic nach seinem Untertauchen.

Um eine auf tatort-forum.de gern gebrauchte Formel zu verwenden: “Kein Entkommen” ist kein “Tatort”. Dafür ist es ein gar nicht mal unspannendes Psychogramm des Kommissars Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, der schon immer als Schauspieler schwer unterschätzt wurde). Der stolpert grippegeplagt durch Wien, brüllt Verdächtige hübsch rassistisch zusammen (“Wenn du noch einmal Serbisch mit mir redst, dann bring’ ich dich eigenhändig runter ins Kosovo! Und zwar mitten rein!”) , versemmelt die Verhaftung eines kalaschnikowschingenden Killers im klischeesatten Serben-Porno-Café fast katastrophal, hat den wohl höchsten Bodycount der “Tatort”-Geschichte zu handlen (15 Tote zählt Matthias Dell) und stellt seiner endlich trockenen Alkoholikerkollegin Bibi (Adele Neuhauser, falls es irgendwo in Wien übrigens einen Bibi-Fellner-Fanclub geben sollte, würde ich gerne eintreten) als Höhepunkt ein Glas Sliwowitz hin: hilft alles nichts mehr.

Und dass dieses Wrack von Kommissar Eisner am Schluss der guten Bibi Tipps fürs Grippeauskurieren gibt, während ein paar Stockwerke höher zwei weitere Quadratschädelkiller den einzigen Zeugen (Christoph Bach) mutmaßlich massakrieren – für diese wohl heftigste Volte seit es “Tatort” gibt, verzeihen wir Regisseur Fabian Eder auch, dass er uns über Jugoslawien rein gar nichts zu erzählen weiß, sieht man einmal ab von ein paar fiesen, hübsch gewalttätigen Bildern.

(Herausragend: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. Totaldesillusioniert: Matthias Dell im Freitag. Verstörend: Christian Buß auf SpOn. Hochprozentig: der Stadtneurotiker. Doppelbödig: der Wahlberliner-)

2 Kommentare

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  3. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen wie tief die Freundschaft vom Nazi-Deutschland zum alten verbündeten, auch bekannt als Kroatien ist.

    • Ist das so? Bezüglich des Kroatienkriegs mag das stimmen, aber spätestens als es nach Bosnien und ins Kosovo ging, war die deutsche und österreichische Rechte doch recht schnell auf serbischer Seite – immerhin verteidigten die ein (wenn auch orthodoxes) Christentum gegen die Muslime.

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